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Full text of "Philologischer Anzeiger. "Als Ergänzung des Philologus." [serial]"

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UNIVERSITY OF 

NORTH CAROLINA 




ENDOWED BY THE 

DIALECTIC AND PHILANTHROPIC 

SOCIETIES 

BUILDING ÜSE ONLY 

PA3 
.P6 
Bd. 6 
187U 



This book is due at the LOUIS R. WILSON LIBRARY on the 
last date stamped under "Date Due." If not on hold it may be 
renewed by bringing it to the library. 



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DIE 



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PHILOLOGISCHER 

ANZEIGER 



ALS ERGÄNZUNG 

DES 

PHILOLOGUS ^ 



HERAUSGEGEBEN 



VON 



ERNST von LEÜTSCH. 



SECHSTFR BAND. 



1874. 



GÖTTINGEN, 

VERLAG DER DIETEEICHSCHEN BUCHHANDLUNG. 

1876. 



flr. l. Januar 1874. 

Philologischer Anzeiger. 

Herausgegeben als ergänzung des Philologus 



Ernst von Leutsch. 



1. Studien zur griechischen und lateinischen grammatik 
herausgegeben von Georg Curtius. Sechster band. Erstes 
heft 8. Leipzig, Hirzel. 1873. 276 ss. — 1 thlr. 

Unter den grösseren beitragen dieses bandes ist zunächst 
hervorzuheben eine die lautlehre betreffende Untersuchung von 
Adolf Fritsch de vocalium graecarum hyphaeresi (p. 85 — 138). 
Hyphaeresis ist die ausstossung eines vocals zwischen zwei vocalen 
oder vor oder nach einem vocale. Die arbeit stellt die in betracht 
kommenden erscheinungen mit grosser Vollständigkeit zusammen 
und trägt sehr wesentlich dazu bei, einer erscheinung die richtigen 
grenzen anzuweisen, die die ältere grammatik oft in allzu reich- 
lichem masse zuzugeben pflegte. Freilich kann man nicht allen 
ansichten des Verfassers ohne weiteres seine Zustimmung erthei- 
len. Dass öeovS/jg und rr/ki^g trotz des von den eigennamen 
auf -xX?jg abweichenden accentes contrahiert sind wie diese, mag 
ihm zugegeben werden, obwohl diese differenz doch immerhin 
beachtenswerth genug ist; dass aber in xlm die ursprüngliche 
länge des ä von xlt'eoü bewahrt sei, ist schwer glaublich, trotz- 
dem dass Hartel in seinen Homerischen Studien dieselbe an- 
sieht vertritt. Für einzelne fälle ist die lehre von dem paral- 
lellaufen verschiedener Stammbildungen fruchtbar gemacht, so für 
KQta yiQu aus *AQhO-v *ytQO-Vj für nebenformen auf sog und 
og. Gewiss war aber diese theorie auch auf adverbialformen wie 
T«;(a MX« xßgT« u. a. anzuwenden , was in diesem falle schon 
Buttmann gesehen hatte; denn die ansieht, tox« sei aus wxva 
entstanden , ist entschieden verfehlt ; schon der accent erhebt 
dagegen gewichtige einspräche. Sie beruht auf einer falschen 
ansieht über die comparativ- und superlativbildung dieser stamme 
Philol. Anz. VI. 1 



2 1. Grammatik. Nr. 1. 

auf v, wonach z. b. raytcav rayiazo-g für rayv-ieov rayv-iaro-g 
stehen sollte. Aber das comparativ - und superlativsuffix sind 
hier nicht secundär, sondern primär angewendet , d. h. compa- 
rativ und Superlativ sind nicht ausdem positiv erst abgeleitet, 
sondern diesem ebenbürtige bildungen, aus stamm iay- sind 
durch die suffixe v (u) toi (fjans) ioto (isfa) gebildet 7«^- 
v tuy-tov rüyiazo -. vrgl. Schleicher Comp. 3 463. Inwie- 
fern freilich etwa das i hier doch auf eine secundäre bihlung 
weisen könnte, muss weiteren Untersuchungen über die wortbil- 
dung noch vorbehalten bleiben. Im anschluss an diese compa- 
rative sei eine gegen das ende der Untersuchung zur spräche 
kommende ansieht des Verfassers erwähnt. Die comparative 
auf aCrtQn-g wie (itaatTtQog hält er für entstanden aus «forj- 
gog von nebenformen auf uiog. Er verwirft die erklärung Har- 
teis aus locativeu , deren priorität übrigens, was vf. nicht er- 
wähnt, Benfey gebührt, der (Orient und Occident II, 65G) for- 
men wie skr. aparühne - tara von apardhna nachmittng ver- 
gleicht und auf andere analogien in der indischen composition 
hinweist. Mir scheinen diese so wie die griechischen formen 
(denen z. b. auch fieoai' nöJ.wi; u. a. hinzuzufügen ist) nicht zu 
trennen von den declinationsformen der masculinen und neu- 
tralen o- stamme im sanskrit und altbaktrischen wie instr. plur. 
ved. agve -bhis, dat. abl plur. agvä- bhjas jugü -bhjas agpac -ibjo } 
dat. instr. dual, agpae-ibja griechisch toi-iv öoptot-iv notioiiv , wo 
die erklärung Schleichers (Comp. 8 573) aus stammcrweiteiung 
durch i bei vocalischen stammen zwar auffallend genug, aber 
doch immer noch die am besten beglaubigte ist. Ebenso we- 
nig wie bei diesen comparativen können wir ausstossung des 
o zugeben bei 5t£<-7f(>o-c, das vielmehr eine dem gewöhnlichen 
dth-6-g parallel gebende bildung vom stamme <5f§<-grundfbrm 
daksi- ist, wie sk. dalcsi-na- ksl. desinu, während lat. dex-tero- got. 
taihs-va- auf das einfachere daks zurück gehen. Was p. 118 
über die bildung der persönlichen pronomiua bemerkt wird, ist 
der beachtung wohl werth. 

Die sogenannte epische zerdehnung, bekanntlich ein viel- 
fach ventiliertes problem , wird behandelt von Mangold de 
dieetasi homerica p. 139 ff. Die arbeit zeigt bei aller sorgfälti- 
gen materialsammlung doch eigentlich nur, das9 eiue interessante 
sprachwissenschaftliche frage immer noch offen ist. Die ansieht 



Nr, 1. 2. Grammatik. 3 

von Curtius von dem umspringen der quantität bei formen mit 
aä o(o verwirft der verf., weil von oco aus coo kein ganz ähnli- 
ches, von au aus äü überhaupt kein beispiel existirt, und weil 
ferner das « der verben auf uco vor der affectiou der vocale kurz 
war; beide gründe sind hinfällig, denn wer umspringen der 
quantität überhaupt zugibt, hat keinen grund es hier zu leug- 
nen, auch wenn es hier in vocalverbindungen allein vorkommt, 
und dem zweiten gründe widersprechen formen wie drufiuiuäei 
di\pdcav 7!€tiäcai\ die mit einem quippe quae aliter in versum he- 
roicum non quadrent nicht abgethan werden können und jeden- 
falls zeigen, dass die quantität in « schwankte, das ja gewiss 
durch den einfluss des ausgefallenen Spiranten gelängt wer- 
den konnte. Der verf. selbst führt die formen zum theil auf 
falsche analogie und conventionelleu sängergebrauch zurück, 
factoren, die gewiss von hoher bedeutung für das verständniss 
der spräche der homerischen gedichte sind, aber doch mit einer 
gewissen vorsieht verwendet werden sollten. Ich kann mich 
noch nicht entschlies-en meinen glauben an die wesentliche 
richtigkeit der Curtius'.schen erklärung aufzugeben. Die statisti- 
schen nachweisungen sind sehr vollständig. 

Ein höchst interessanter beitrag ist der die vergleichende 
syntax betreffende aufsatz von Jolly über die einfachste form 
der hypotaxis im indogermanischen (p. 215 — 246); der griechi- 
schen syntax entnommen ist Forssmann de infinitivi temporum 
usu Thucydideo (p. 1 — 83). Ausserdem enthält das lieft kleinere 
beitrage von G. Meyer, E. Windiscb und dem herausgeber. 

Gustav Meyer. 

2. Jolly, geschichte des infinitivs im indogermanischen. 
München. Tb. Ackermann. 1873. VIII. 287 s. 8.-2 thlr. 

Es ist ein erfreuliches zeichen für die thätigkeit auf dem 
gebiete der grammatik, dass gewisse fragen keine ruhe finden 
können, bis man ihrer möglichst herr geworden. Dies trifft 
besonders zu für das problem des infinitivs, d. h. für die auf- 
gäbe, den mannigfachen und von seiner ursprünglichen bedeu- 
tung sich oft weit entfernenden gebrauch desselben in einem 
geschichtlichen zug von der wurzel an zu verfolgen. Zu den 
kleineren bearbeitungen dieser frage, welche verschiedene Zeit- 
schriften in den letzten jähren gebracht, sind nun kurz nach 

1* 



4 2. Grammatik. * Nr. 1. 

einander awei monograpbien gekommen, die von Wilhelm, de 
infinitivi linguarum sanscritae, persicae, bactricae, graecae, oscae, umbri- 
cae, latinae, goticae forma et usu. Eisenach, 1872 und die obenge- 
nannte von Jolly. Liegt bei jener der schwerpunct im stati- 
stisch comparativen material und zwar besonders für das in- 
dische, so ist die wesentliche aufgäbe, die sich Jolly gesetzt, 
die rationelle Verknüpfung des materials, nur dass letzteres nicht 
statistisch, sondern nur beispielsweise verwendet, dafür aber 
gegenüber von Wilhelm nicht bloss auf das keltische und slavo- 
lettische ausgedehnt , soudern auch in die neueren sprachen 
(neuiudisch , neupersisch, neugriechisch, romanisch, neuhoch- 
deutsch) hinein verfolgt wird. Wilhelms Schrift nun kann nur 
von speciell comparativem oder linguistischem staudpunct aus 
richtig gewürdigt, Jolly's behandlung dagegen leicht auch von 
den classischen philologen verfolgt werden. 

Hinsichtlich der resultate der Jolly'schen schrift kann ich 
mich kurz fassen: ich habe, während Jolly's schrift noch im 
drucke war, in den Jahrbüchern für philologie 1873, p. 1 — 33 
denselben gegenständ behandelt, hauptsächlich um das eigen- 
thümliche des griechischen und lateinischen herauszustellen, und 
kann nur erfreut sein über das von Jolly mehrfach constatirte 
zusammentreffen unsrer anschauungen. Insbesondere handelt 
es sich dabei darum , den standpunct geschichtlicher entwick- 
lung in der weise durchzuführen, dass nicht nur das wirken 
des ursprünglichen motivs bis in die äussersten spitzen nach- 
gewiesen , sondern auch dem umstand volle rechnung getragen 
wird, dass die ursprüngliche bedeutuug des infinitivs als casus 
eines nomens bald verloren ging und nun neben dem, dass un- 
bewusst jenes ursprüngliche motiv fortwirkte, auch eigenthüm- 
liche Verwendung uud auffassung des überkommenen eintrat. 
Ferner treffen wir darin zusammen, dass wir die weitergehen- 
den griechischen und lateinischen gebrauchsweisen aus der paral- 
lelisirung der infinitivendungen mit nebetisätzen erklären und sie 
in Zusammenhang setzen mit der in diesen sprachen vollzogenen 
durchf ührung des infinitivs durch die tempora und genera verbi. Bei 
solcher Übereinstimmung kann ich mich hier begnügen, auf die 
reiche comparative grundlage bei Jolly hinzuweisen und be- 
sonders auch der beachtung zu empfehlen, wie er die über- 
gangsstufen, durch welche die frühere richtung verlassen wurde. 



Nr. 1. 2. Grammatik. S 

öfter sehr ansprechend ausführt, so bei den hülfsverba p. 123. 
162. 215, ebenso hinsichtlich des infinitivs als subject, der dar* 
aus erklärt wird, dass der infinitiv, der ursprünglich seine 
stelle am schluss hatte, an den anfang, die stelle des subjects, 
gesetzt wurde (p. 174). Uebrigens spräche diese letztere beob- 
achtung dagegen, in sanskritischen phrasen wie asti bhoktum, 
bhavati bhoktum ,,es ist zu essen da" den infinitiv als subject 
zu fassen, und in der that , wenn nicht mehr und andere bei« 
spiele für nominativischen gebrauch beigebracht werden als 
Wilhelm p. 80 f. bietet, so bleibt es fraglich, ob man im san- 
skrit überhaupt ein heraustreten aus dem casus olliquus anneh- 
men darf. 

Der gesammtinhalt der schrift ist so angeordnet, dass zu- 
erst eine geschichte des infinitivbegriffs von den zeiten der grie- 
chischen grammatiker an gegeben wird und dann erst eine sol- 
che der infiaitivformen und des gebrauchs durch die verschie- 
denen sprachen hindurch. Auf den einfachen infinitiv folgt der 
accusativ und dativ mit infinitiv, und schliesslich eine beilage 
über die beziehung der lehre vom infinitiv zu den Verwandt- 
schaftsverhältnissen der indogermanischen sprachen. Ist in 
diesem punct die weiteste perspective gewonnen, so wird in 
der rücksichtnahme auf die bedürfnisse der schnlgrammatik auch 
der engere horizont nicht vernachlässigt. Hinsichtlich des er- 
sten theils machen wir besonders aufmerksam auf das über die 
entstehung des lateinischen namens infinitwus und sein verhält* 
niss zu dem griechischen anagtucpatog gesagte. Im zweiten 
theil ist hervorzuheben die neue erklärung der form des gothi* 
sehen infinitivs p. 150 ff., wodurch sowohl die form auf -an 
als die genetive und dative auf -annes und -anne zurückgeführt 
werden auf einen stamm -anja. In den classischen sprachen 
will der verf. bei dem sog. absoluten Infinitiv, dessen iinperati* 
vischen gebrauch er p. 182 mit Wilhelm p. 92 auch dem la- 
tein (Verg. Aen. 2, 707. 3, 4f5. Val. Flaccus 3, 412) vindi- 
cirt, und zwar ohne ihn wie Wilhelm als gräcismus zu erklä* 
ren, die elliptische auffassung durchaus zurückweisen. Allein 
dabei ist zum theil die controverse nicht richtig gefasst: bei 
phrasen wie II. 347: rrjvaiv sniaasveo&ai „zum stürm auf die 
schiffe!" oder in dem optativischen infinitiv Od. tj, 312: naida 
ipijv i%F[iEr } oder im sanskritischen leim aham vaHum igvaram 



6 2. Grammatik. Nr. 1. 

,,was ich dem herrn sagen", handelt es sich nicht sowohl darum, 
ob ellipse oder nicht, sondern ob die ellipse als regens zu ei- 
nem casuellen infinitiv oder als hiilfsverbum gedacht werden 
soll. Bekanntlich geräth in verschiedenen thcilen der syntax 
die elliptische erklärung in conflict mit der auffassung, welche 
die betreffenden idiome aus der ursprünglich ihnen innewohnenden 
kraft erklärt. Ich glaube dass hier nicht bloss vom einzelnen 
fall aus geurtheilt werden kann, sondern dass zusammenfassende 
Untersuchung dieser figur am platze wäre. Natürlich macht 
schon das einen unterschied , ob die phrase lebhaft erregter 
oder ruhiger darstellung angehört, in jener wird die ellipse eine 
ganz natürliche redeweise, der weg aber das richtige zu finden, 
vorzugsweise eine aufmerksame beobachtung der eigenen sprä- 
che sein. — Ein andrer punct von weitgreifender bedeutung 
ist die annähme von gräcismen im lateinischen gebrauch des infini- 
tivs; solche weist Jolly entschieden ab. Nun legt aber doch das 
verhältniss auch der hier vorzugsweise in betracht kommenden 
älteren lateinischen dichter zu ihren originalen jene annähme 
nahe genug, uud in einer reihe von fällen wie dem ganz un- 
lateinischen tuum amare, (Plaut. Cure. 28) u. dgl. , ferner da, 
wo'das latein sonst sein gerundium anwendet, wie nach oecupatus, 
paratus u. dgl. sehe ich nicht, wesshalb man den gräcismus nicht 
gelten lassen will. Im allgemeinen wird für diese frage ein 
kriterium darin liegen, was das classische latein von dem Sprach- 
gefühl der latinität aus geleitet, an derartigem wieder abgestos- 
sen hat. Immerhin ist der versuch, dem latein in mancher be- 
ziehung bewahrung des ursprünglichen zu vindiciren, beachtens- 
wert!]; wenn er auch zuweilen wie p. 200 in der erklärung 
der form solvendo als altem infinitiv (in der juristischen rede- 
weise solvendo esse) stark über das ziel hinausgeht. Die ganze 
monographie aber ist, wie sie überhaupt deu Vorgängern gegen- 
über keineswegs überflüssig war, so besonders auch den 
classischen philologen wegen der klaren und angemessenen art 
der darstellung ferner liegender sprachzweige sehr zu empfeh- 
len, und die syntax der classischen sprachen darf sich von die- 
ser weise der bearbeitung noch manche schöne frucht ver- 
sprechen. 

E. Herzog. 



Nr. 1. 3. 4. 5. Grammatik. 7 

3- Delbrück-Windisch, syntaktische forschungen I. Der 
gebrauch des conjunctivs und optativs im sanskrit und griechischen. 
8. Halle. Buchhandl. d. Waisenhauses 1871. 267 s.— 1 thlr. 15 gr. 

4. L. Lange, der gebrauch der homerischen partikel et. 
(Aus den abh. der philol -bist, classe der königl. säcbs. gesellsch. 
der wissenscb. Bd. IV. Abth. 4 und 5.) I. Einleitung und el mit 
opt. II. et 'aev (uv) mit opt. und ei ohne verbum finitum.— 1873. 
I. 1 thlr. 10 gr. IL 20 gr. 

5. L. Lange, de formula Homerica et ö' aye commenta- 
tio. 4. Leipzig. Univ. progr. 1873. — 12 gr. 

Die erste der bier genannten Untersuchungen ist schon län- 
gere zeit in den bänden derer, die sich mit der geschichtlichen 
syntax der classischen sprachen bescbäftigen ; allein es dürfte 
auch jetzt noch an der zeit sein, weitere kreise darauf auf- 
merksam zu macben, zumal in Verbindung mit den beiden an- 
dern, die sich mit ihr nahe berühren. Die fragen , um die es 
sich hier handelt, sind die angelpunkte des Satzgefüges. Wie 
sind die wesentlichen formen einer aus haupt- und nebensatz 
gebildeten gedankenfolge entstanden? Welche function haben 
im grammatischen ausdruck des Verhältnisses beider sätze die 
modi, welche die partikeln ? Wie erklären sich von den hie- 
bei gefundenen principien aus sowohl die gewöhnlichen aus- 
drucksweisen als die auffallenden erscheinungen? Dies klar 
zu machen theils für die allgemeine indogermanische Sprach- 
forschung, theils speciell für das griechische ist die aufgäbe, 
die hier gelöst werden soll, in der einen schrift allgemeiner 
mit gleichmässiger berücksichtigung des indischen und Homers, 
sowie für die verschiedenen arten von Satzverbindungen , bei 
Lange dagegen zwar ebenfalls vom boden der vergleichenden 
syntax aus, aber mit bescbränkung auf Homer und auf eine 
form von satzfiigungen, bei beiden von dem gesichtspunkt aus, 
dass in einer analyse des homerischen Sprachgebrauchs, in einer 
auseinanderlegung der verschiedenen entwickelungsstufen , die 
in ihm ineinandergeschoben erscheinen, mit anwendung der 
statistischen methode, bei der Lange absolute Vollständigkeit 
beansprucht, der vorzüglichste Schlüssel für das verständniss 
der griechischen syntax gegeben sei a ). 

1) Es wäre hier noch zu nennen: Jolly, der conjunctiv und Op- 
tativ und die nebensätze im zend und altpersischen. München 1872, 



8 3. Grammatik. Nr. 1. 

Damit man, was für Delbrück- Windisch das specialthema 
bildet, die ursprüngliche bedeutung der modi finde, muss mar», 
sagen sie, neben der analyse der form zuvörderst ihre rolle im 
hauptsatz untersuchen. Da stellt sich der conjunctiv dar positiv 
als form der willensäusserung — - beziehungsweise an eine andere 
person gerichtet, der aufforderung — , abgeschwächt der erwar- 
tung, erlaubniss, des Zugeständnisses, der bloss futurischen an- 
nähme, negativ mit md (a'j des Verbots und der Warnung; der 
optativ als form des Wunsches, an andre personen gerichtet der 
bitte, abgeschwächt des individuell- futurischen oder allgemein- 
möglichen in verschiednen graden der psychischen erregung. 
In manchen fällen berühren sich — wieder je nach dem grade 
der erregung — die beiden modi sehr nahe. Begleitet werden 
sie schon im hauptsatz von partikeln. Der griechische con- 
junctiv des willens steht ohne partikel , der der erwartung hat 
meist xsv oder "v neben sich, der optativ hat ausser asv xand 
av auch röf, zur anknüpfung des optativsatzes an die Situation, 
und st, etymologisch und sachlich = irgendwann , zum theil 
auch ohne solche zeitliche beziehung nur den wünsch einleitend 
(vgl. p. 73 f.). Die angegebenen functionen der modi sind 
nun wie durch die zwei gattungen von hauptsätzen, aussage- und 
fragesätze, so auch durch die nebensätze durchzuführen. Sie 
finden sich immer wieder, wenn auch je nach der Situation 
modificirt. Die durchführung selbst aber führt zu einer ge- 
schichte und gliederung der nebensätze. Dass die hypotaxis 
aus der parataxis entstanden, bildet natürlich auch hier die 
grundlage, der unterschied von relativ - und conjunctionsverbin- 
dung das äussere merkraal, das logische und zeitliche verhält- 
niss des nebensatzes zum hauptsatz, ob er Voraussetzung oder 
folge desselben ist, das innere merkmal für die eintheilung der 
nebensätze, wobei der innere unterschied von priorischen und 
posteriorischen sich gewöhnlich, aber nicht immer, auch in der 
Stellung ausprägt 2 ). Dies wird p. 3 — 90 in seiner entwick- 
lung nachgewiesen, 90—104 in den hauptresultaten zusammen- 
gefaßt, 107 — 256 punkt für punkt mit beispielen belegt. 

indessen müssen wir diese schrift der rein comparativen seite über- 
lassen. 

2) Auch der ausdruck der indirecten rede mit personen- und 
modusverschiebung kommt zur spräche, 



Nr, 1. 4. 5. Grammatik. 9 

Es leuchtet ein, in welchen punkten Lange, den wir uns 
freuen hier wieder auf grammatischem gebiet zu begrüssen, mit 
Delbrück-Windisch zusammentrifft. Zunächst zwar hat er es 
nur mit einer einzelnen art der von jenen sog. priorischen ne- 
bensätze zu thun , aber an ihr treten die wesentlichen fragen 
so ziemlich alle ins licht. Lange theilt seinen stoff, der aus etwa 
850 homerischen beispielen besteht , in acht abschnitte ein , für 
welche das eintheilungsprincip die form, beziehungsweise das 
Vorhandensein des verbum finitum und die beifügung der par- 
tikel xev oder äv ist. Davon fallen 200 zuerst zur bespre- 
chung kommende fälle auf ti mit optativ , an denen beson- 
ders deutlich der Übergang von der neben- zur Unterordnung 
zu sehen ist, sofern unter ihnen 66 hauptsätze sind, 38 absolute 
(Ilias 18, Odyssee 20) und 28 parataktische (Ilias 9 Odyssee 19). Die 
hauptsätze sind durchaus Wunschsätze, die hypotaktischen theils 
wünsch- theils fallsetzungssätze, der Stellung nach theils präpo- 
sitive theils postpositive. Für die nicht absoluten ergiebt sich 
ferner nach logischen gesichtspunkten die eintheilung in ante- 
cessive, coincidente und subsecutive, was an die stelle der prio- 
rischen und posteriorischen bei Delbrück-Windisch treten soll. 
Die Vermittlung zwischen neben- und Unterordnung bildet nicht 
die correlation , deren kennzeichen (correlative adverbien und 
Verbindung mit Ss, rs und drgl.) fehlen , sondern einfache 
juxtaposition mit verschiedenem satzaccent. Für die partikel 
ei ergiebt sich für Lange aus dem gebrauch, dass sie weder zeitlich 
ist noch fragend — denn unter 200 beispielen finden sich nur 
fünf indirecte fragesätze als Unterarten der fallsetzenden — , 
noch conditional noch fallsetzend noch wünschend, sondern eine 
zur einleitung von wünschen und fallsetzungen geeignete inter- 
jectionsartige partikel, gegenbild der prohibitiven partikel \ii\. 
Der optativ ferner ist ursprünglich nicht modus des Wunsches, 
sondern der einbildungskraft , woraus sich die wünschende und 
fallsetzende (concessive, potentiale) bedeutung in paralleler rich- 
tung ableiten. Wo in indirecter rede der optativ nach ver- 
gangenheitstempus steht , findet nicht, wie Delbrück - Windisch 
meinen, modusverschiebung statt, sondern auch hier steht der 
optativ auf seinem eigenen boden als modus der einbildungs- 
kraft (vgl. besonders p. 87 ff.). Ktv und äv, hinsichtlich deren 
mit recht aufmerksam gemacht wird auf den unterschied zwj' 



10 3, 4. 5. Grammatik. Nr. 1. 

sehen dem enklitischen hbv und dem betonten a/', begleiten nur 
den potentialen begriff des optativ. — Die elliptische erklä- 
ruDgsweise wird durchaus bekämpft mit hülfe eben der in- 
terjeetionsartigen bedeutung von et; so namentlich in der for- 
mel ti ö 1 aye, in welcher im anschluss an Nikanor , der dem 
sl eine dvvufxig naQuxslevörixrj zuschreibt, öt als den satz el — 
aye an das vorgehende anknüpfend gefasst wird , et als inter- 
jeetion zur Verstärkung des äys. 

Das angegebene wird genügen um das interesse dieser Un- 
tersuchungen sowie ihr ziel klar zu machen. Wir begnügen 
tms hier mit wenigen bemerkungen dazu. Die früher mit we- 
nigen kennzeichen, wie rs, St u. dgl. im nachsatz, ungeschie- 
denheit von demonstrativ und relativ, erwiesene thatsache, dass 
bei Homer das Satzgefüge sich noch nicht völlig ausgebildet 
hat, ist auf diesem wege, auf dem sich früher schon Windischs 
abhandlung über das relativpronomen bewegt, durch inbetracht- 
nahme des ganzen Charakters der sätze tiefer gefasst. Hin- 
sichtlich des Übergangs von der freieren nebenstellung zur 
Unterordnung aber möchten wir als ergänzung von Delbrüek- 
Windisch p. 97 ff. und Lange I, 176 f. den gang der entwick- 
lung so formuliren : die wurzel des hypotaktischen Verhältnisses, 
wie sie aber bei der fülle der partikeln und dem mindestens schon 
anaphorischen charakter des satzverbindenden pronomens im Ho- 
mer in positiven sätzen nicht wohl nachzuweisen ist, liegt in 
dem modus des conjunetivs uud Optativs als solchem gegen- 
über dem indicativ und imperativ. Die in den beiden erste- 
ren liegende xpvxtmj diü&eaig hat von anfang an eine neigung 
sich einzufügen in ein inneres verhältniss zu einem vorherge- 
henden gedanken, und so liegt der sitz der einfachsten Unterord- 
nung in äusserlich und innerlich posteriorischen (oder subsecutiven) 
conjunetivsätzen und optativsätzen, deren verhältniss allerdings 
weiter noch durch den satzaccent näher bezeichnet war. Dar- 
auf kommt dann erst die nebenhülfe für den ineinanderfügen- 
den Zusammenhang, die in partikeln und im pronomen liegt. Die 
Classification der sätze wird stets in erster linie in Verbindung 
stehen müssen mit dem grade der intensiven fassung des mo- 
dusbegriffs , eine gradverschiedenheit, die wieder durch beisatz 
von partikeln angezeigt werden kann. Natürlich hat bei dem 
priorischen verhältniss die parataxis sich am längsten erhalten, 



Nr. 1. & 4. 5. Grammatik. 11 

wie dies eben die betrachtung der *t'-sätze zeigt. Indessen, 
nachdem einmal das hypotaktische verhältniss im Sprachge- 
fühl sich befestigt, wie dies im Homer in hohem grade der 
fall war, darf man nicht allzusehr darauf ausgehn, parataktische 
fassung anzunehmen, weil dies dem natürlichen zug der spräche 
zuwiderliefe. Was von der ursprünglichen loseren fassung noch 
übrig ist, wird auf dieser stufe hauptsächlich noch gehalten nicht 
bloss durch eine alterthümliche Unfähigkeit, der ineinanderfiigung, 
sondern vielmehr noch durch die mündliche Vortragsweise, welche 
leichter neben- als unterordnet. Je weiter die mittheilung durch 
die schrift geht, desto mehr werden jene reste als störend gefühlt 
und ausgemerzt. Nur so erklärt es sich, dass wir bei Homer 
unmittelbar neben einander und durch den ganzen Homer hin- 
durch ganz hypotaktische und halb parataktische Verhältnisse 
haben : das rein alterthümliche müsste sich auf syntaktischem ge- 
biete jedenfalls nach grösseren partieen scheiden. — Ein ähnlicher 
gesichtspunct kommt bei der frage, ob ellipsis oder nicht, zur spräche. 
In gewissen fällen, so bei dem wünschenden ii und in der for- 
mel et ö - ' uys wird man Lange zustimmen müssen, dass die ellipti- 
sche auffassung ferne zu halten sei. Wir möchten dabei das 
et mit unsrem auch wünsche und bitten oder mögliche fälle 
einleitenden ,,wie"! vergleichen. Die innere natur solcher sätze 
hat sie im mündlichen Vortrag in ihrem loseren oder sogar ab- 
soluten Charakter erhalten. Allein wo dieser grund wegfällt, 
wie in den im 3. abschnitt (II, 215, vgl. I, p. 162) besproche- 
nen sätzen mit et ohne verbum finitum, ist nicht bloss vom 
standpunct der späteren zeit, sondern schon auf der im Homer 
erreichten stufe die erklärung durch ellipse die natürlichste. 
Gewiss hat man mit dieser figur viel übertrieben, aber wenn 
man sie der genetisch geschichtlichen auffassung zu liebe über- 
all austreiben will, geräth man in gefahr, nach andrer seite hin 
ungeschichtlich zu werden und zu verkennen, was bereits ge- 
schichtlich überwunden ist. — Was weiterhin die ursprüngli- 
che bedeutung des optativs betrifft, so möchte ich Delbrück-Win- 
disch eher beistimmen als Lange, sowohl mit rücksicht auf die 
formelle erklärung als aus dem spracbpsychologischen gründe, dass 
der wünsch etwas concreteres, unmittelbarer zur lautlichen aus- 
prägung drängendes ist , als der begriff der einbildungskraft. 
Freilich gewinnt Lange scheinbar eine leichtere erklärung des 



12 3. 4. 5. Grammatik. Nr. 1. 

Optativs in abhängigen Sätzen nach vergangenheitstempus, allein 
wir stellen uns auch hier eher auf die seite von Delbrück- 
Windisch mit ihrer modusverschiebung , ohne jedoch hier dies 
näher besprechen zu können. Ebenso wenig können wir auf 
die erklärung der verschiedenen partikeln, die gelegentlich zur 
spräche kommen, näher eingehen; wir bemerken nur, dass auch 
bei Lange in dieser beziehung gelegentlich manche interessante 
ausführung vorkommt (vgl. z. b. über " t — \ p. 121 a. 182), wie 
auch die besprechung der einzelnen stellen reichen exegetischen 
Stoff bietet. Wir heben zwei besonders bemerkenswerthe stel- 
len aus, ohne dass wir übrigens zustimmen könnten. In der 
einleitung zum katalog B 484 — 493 will Lange p. 158 die 
verse 491 f. halten mit berufung auf N 317: ahv ol ivvehat, 
— uts (47j — Kqovicov fpßoiXoi = oih uv fxvOrjaoftai, ei fiq 
'OXvfiniädsg Movaai [itqautato; allein der sinn und Zusammen- 
hang der ganzen stelle lässt in N 317 den einschränkenden 
satz leicht zu, in B 491 f. dagegen nicht. Auch die von Lange 
vorgeschlagne lesung für II. W 598 , äg ei te äugt araxveaaiv 
ieQoy } „sein herz wurde erfreut wie über die mit thau rings 
an den ähren gedeihende saat" wird schwerlich Zustimmung fin- 
den; sie bringt in die Stimmung des Wettkämpfers doch ein zu 
friedlich ländliches motiv hinein. Es liegt eben hier ein sprach- 
lich ungeschickt ausgedrücktes gleichniss vor zwischen der Wir- 
kung des edelsinns von Antilochos auf Menelaos und des thaues 
auf die saat. 

Lange hat von seinem stoff noch eine überreiche fülle von 
beispielen zur besprechung übrig. Seine fassung von el lässt 
die lösung der noch zu besprechenden fälle zum theil leicht 
ahnen, z. b. für el mit indicativ eines historischen tempus; 
indessen kommt gerade bei den indicativischen fällen auch noch 
die tempuslehre in betracht , die wieder ihre eigenthümlichen 
Schwierigkeiten hat. Wir sehen desshalb mit lebhaftem interesse 
der Vollendung dieser dankenswerthen Untersuchung entgegen. 

E. H. 



6. Augusti rerum a se gestarum indicem cum Graeca me- 
taphrasi, edidit Theodorus Bergk. 8maj. Gottingae, sum- 
ptibus Dietcrichianis, MDCCCLXXIII. — 1 thlr. 10 gr. 

Nachdem schon von anderer seito(Phih Anz. V,9, p. 385) eine 



Nr. 1. 6. Epigraphik. 13 

anzeige der interessanten publication veröffentlicht ist, mag es hier 
genügen, auf eine von Bergk nicht benutzte abhandlung des 
inzwischen leider verstorbenen berühmten numismatikers C. Ca- 
vedoni aufmerksam zu machen, welche in Tom. VI, serie II 
der in Modena gedruckten Opuscoli religiosi, letterarj e morali 
erschienen ist. Dieselbe bringt eine menge Zusätze und zum 
theil berichtigungen zu der Mommsen'schen ausgäbe des Monu- 
mentum Ancyranum auf grund der vergleichung mit römischen 
münzen. Ist sie mithin vorwiegend für die von Bergk nur in 
zweiter linie berücksichtigte sachliche erklärung des denkmals 
von interesse, so sind doch auch einige ergänzungsvorschläge 
Cavedoni's immerhin erwähnenswerth: weniger dass er vom 
griechischen texte weiter abliegend P. I, 8 proelio oder acie oder 
pugna statt hello, oder dass er I, 13 arma . . . sustuli statt arma 
. . . sustinui , oder dass er V, 40 Delmateis statt Dalmateis zu 
schreiben empfiehlt; aber wichtiger ist seine auffassung von 
VI, 17. Bei Mommsen wie bei Bergk vermisst man nämlich 
eine zusammenhängende Untersuchung über die sprachlichen eigen- 
thümlichkeiten dieses monuments. Im wesentlichen nimmt Momm- 
sen an, dass Augustus auf dieser ausführlichen inschrift die 
dürre kürze des officiellen römischen beamtenstils gelegentlich 
mit der behaglichen eleganz der schönwissenschaftlichen littera- 
tur seiner epoche vertauscht habe. Bergk dagegen sucht wieder- 
holt in seiner polemik gegen Mommsen der proprietas des amt- 
lichen Stils gerecht zu werden , ohne dass es ihm unseres be- 
dünkens geluogen wäre, die augusteische spräche des reicheren 
faltenwurfs völlig zu entkleiden. So lange eine abhandlung 
von kundiger band fehlt, welche mit vergleichung der zeitlich 
benachbarten öffentlichen monumente und der zeitgenössischen 
schriftsteiler diese Streitfrage entscheidet, wird u. a. die auffas- 
sung Cavedoni's beachtung verdienen, wonach er VI, 16 lau- 
reis postes aedium mearum u[mbrati sunt] mit vergleichung 
von Ovid. Trist. III, 1, 39 und Fast. IV, 953 und Verg. Aen. 
VI, 772 so ergänzt, dass laureis ablativ nicht von laurea, 
sondern von laurus wird, wie denn auch sonst ei statt T in 
diesem denkmal geschrieben ist (vgl. Mommsen p. 146). Auch 
Bergk hat sich der erkenntniss nicht verschliessen können, dass 
(wie er meint, p. 118, postea) lorbeer bäume vor dem Cäsa- 
renpalast gestanden haben. 



u i. Epos. m. 1. 

7. Beiträge zur kritik des Nonnos von Panopolis, von A. 
Lud wich, Königsberg. 1873. 143 s. 4. — 1 thlr. 5 gr. 

Die Schrift, von den collegendes Fridericianum Lehrs an seinem 
Jubiläum gewidmet, ist eine würdige gäbe, weil sie des Jubilars 
eigne Studien in seinem geiste und mit der ihm eigenthümlichen 
methode selbständig fortsetzt und überaus reich ist an aufschlüs- 
. sen über den merkwürdigen dichter, den sie zum gegenständ 
hat. Es werden durchaus die, zum theil ganz evidenten, cor- 
recturen an eine umfassende beobachtung des Nounianischen 
Sprachgebrauchs und Versbaues angeschlossen und so entstehen 
eine nicht geringe anzahl von excursen, z. b. p. 69 über die epi- 
theta von vöwp, durch den Köchly's uygiov 27, 43 zurückgewie- 
sen wird, p. 56 fg. über die formel iä%e rpavTJv , welche auch 
20, 265 geschrieben werden muss, und ähnlicher, wie über die 
bei Nonnus vorkommenden formen von tpdvai. Ferner p. 85 
über die adverbia auf -öo;, p. 105 die nomina auf -a$, p. 98 
andere Wortbildungen, welche Nonnos aus Vorliebe für das dak- 
tylische maass wählte, p. 113 über die formen von viog bei 
Homer und Nonnos, p. 117 über die composita von gi/o-, wäh- 
rend nur eiumal (// 155) cpTXo- zugelassen wird, hauptsächlich 
weil die metabole überhaupt etwas laxer ist als die Dionysiaca, 
p. 121 über die composita von ixp- und vxpt-, welche bei Nonnos 
häufig sind, während viptjlög selbst sich nicht findet. Auch 
inoSgi'/g Z 185 wird nicht nur aus Nonnos, sondern aus den 
Wörterbüchern überhaupt entfernt und dafür vnm{>vt,tanev em- 
pfohlen. Eine erschöpfende darstellung des gebrauchs, den Non- 
nos von der elision macht , giebt mit hülfe von tabellen und 
Übersichten p. 16 fg. zu 5, 366. Nonnos elidirt nur gewisse 
partikeln , auch diese aber in sehr engen grenzen. Es ist au- 
genfällig wie er sich auch hier von Homer beeinflussen lässt, 
aber die grenzen die sich jener steckt durchweg noch enger 
zieht. So wenn Ludwich hervorhebt, dass die elidirten prapo- 
sitionen öfter der zweiten thesis angehören als der ersten, 
gilt dasselbe auch von Homer, nur nicht ganz in dem grade, 
ci)X in der thesis kennt Ludwich bei Nonnos nur 63, auch 
bei Homer ist es in arsi weit häufiger. Nur in der clausel ä^qt 
b'dg alzw elidirt Nonnos <<(/, er hat dieselbe aus Homer ge- 
nommen, den gebrauch aber den Homer sonst von ag' macht 
weggelassen. Den grundsatz dem er auf diesem gebiete noch 



Nr. 1. 7. Epos. 15 

gleichsam schwankend folgt, bringt er auf andern durchaus zur 
anwendung. So weist Ludwich zu 2, 473 schlagend nach (p. 
9), dass „bei zweisilbigen Wörtern deren erste silbe durch posi- 
tion von muta cum liqiäda lang ist der versaccent auf die erste 
silbe. fällt," dass also Nonnos miTgog nur als choreus messen 
kann, und sonst z. b. 68[A)'jg nicht mit dem ictus auf der zweiten 
silbe. Den weg hierzu hat ilim Homer gezeigt, bei dem z. b. 
aatgog den ictus mehr als SOmal auf der eisten , und nicht 
ganz 40mal auf der zweiten silbe hat, abgesehen von dem ahn- 
lichen jtutqi, welches nur choreus ist. Auch in andern derar- 
tigen fällen überwiegt bei Homer durchaus die ähnliche messung, 
wie erz. b. ty^og nur Z 306 mit dem ictus auf der zweiten sübe 
gebraucht. In solchen fällen greift Nonnos, der pedantisch auf 
gleichrr.ässigkeit halt, frisch durch und macht was bei Homer 
häufiger vorkommt zum allein herrschenden. Dabei bekundet 
er in einzelnen fällen seine abhängigkeit von Homer durch eine 
art Spielerei, welche offenbar beabsichtigt ist. So vermeidet 
er nach einem choriambischen versanfang die homerische weise 
mit 8s fortzufahren (Z 127 8v<i7r'iicüi> 8s rs), aber einmal (25, 
489 ztXTOftsrqi 8s ol) spielt er darauf an; ähnlich verhält es 
sich mit 7 Aosg "Ansi (29, 328. 36, 259) und den kunststücken, 
welche Ludwich p. 10 damit vergleicht; auch die messung von 
iptSitjv und KüSuov möchte man, wie Ludwich vermuthet (p. 
18), auf Homer zurückführen, so wie die thesisverlängerung in 
ta noöiza , rr; nn6r>0sv (p. 12). Dieser bewusste gegensatz zu 
Homer hat auch in entgegengesetzter richtung gewirkt, wenn 
Nonnos (p.65) %hi qwvijv (bei Homer nur r 521) oft anwendet 
und wohl auch bei dem schon von Lehrs (Qu. ep. 292) bemerkten 
gebrauch den Nonnos vom plusq. passivi für das imperfectum 
macht; das hatte Homer nach vieler erklärer ansieht A 98, 
535 mit nsnülaxto gethan. Von den excursen, zu welchen 
Ludwich häufigen anlass nimmt, bemerken wir noch die berech- 
nung (p. 27) dass in 100 versen Homer 723 worte hat, Non- 
nos aber 602 ; ferner die bemerkungen über Wiederholungen 
gut gerathener verse und über die art, wie der dichter durch 
Umarbeitung früherer partieen gleichsam ein plagiat an sich 
selbst begeht (p. 39 f.), über die vertheilung von spondeen 
und daetylen (p. 43), namentlich (p. 711 über die Vorliebe des 
Nonnos für eine länge am versschluss. Nonnos hat nur 35 



16 8. Euripides. Nr. 1. 

verse auf -tg -tv -vg -vv mit schwankender oder kurzer quan- 
tität ausgehen lassen, er vermeidet substantiva auf -a -av der 
ersten declination und hat derartige participia nur wenn sie pro- 
perispomena sind ; pluralia der zweiten declination auf -« kommen 
nur sehr beschränkt vor; in der dritten declination sind accusative 
auf -« nur erlaubt wenn sie properispomena sind. Verbalformen 
auf -a die nicht participia sind sowie adverbia auf -« sind aus- 
geschlossen; die einmaligen clausein fxe'ya Oavpa und iv&a x«t 
F.vdu sind entlehnt. Es ist durchweg genaue rücksicht auf 
die nachfolger des Nonnos genommen und gezeigt wie sie ih- 
res meisters bahnen folgen; zwei register erleichtern die be- 
nutzung der lehrreichen schrift. Gisehe. 

8. De Euripidis Heraclidis scr. Franciscus Potthast. 
Doctordissertation. 8. Münster. 1872. 39 s. 

Die vorliegende ziemlich breit geschriebene abhandlung 
stimmt, was den umfang des Stoffes und die anläge betrifft, 
mit einer anderen von Johann Theis überein, welche den glei- 
chen titel führt und ebenfalls zu Münster 1868 erschienen ist, 
die aber Potthast in seiner schrift nicht erwähnt hat. In dem 
ersten abschnitte handelt der verf. von dem sujet des drama 
(de fabulae argumento), ohne irgend etwas neues zu bieten; im zwei- 
ten [de fabulae tempore) entscheidet er sich für die von Firnhaber 
in der bekannten dickleibigen abhandlung (p. 18 ff.) aufgestellte 
ansieht, dass die Herakliden ol. 87, 1 aufgeführt worden seien. 
Ueberzeugend ist der beweis hiefür nicht. Ist es richtig, was 
der scholiast zu Arist. Eq. 214 sagt: 7tap(pSr]c;E ydg iov i'ctfjßf» £§ 
'HquhIei8Ö!v Elomldov , dann müsste das drama vor ol. 88, 4 
auf die bühne gekommen sein. Aber man sieht nicht recht, 
wie ein ähnlicher vers in dem verlorenen theile des Stückes, 
welcher die botenerzählung von dem opfertode der Makaria 
und die klage um die geschiedne enthielt, gestanden haben 
kann, und sonst lässt sich nirgendwo eine lücke nachweisen. 
Die anspielungen auf unser drama, die Klotz in den Acharnern 
91 und Firnhaber in derselben komödie 47 ff., 126, 317, 867 
finden wollte, sind ganz aus der luft gegriffen. Man ist daher 
lediglich auf das stück selbst angewiesen. Dass nun dies ganz 
den eindruck der zeit von ol. 87 macht, geben wir gern zu; 
aber es gerade in das erste jähr dieser olympiade zu setzen, 



Nr. 1. 9. Griechische tragodie. 17 

dafür kann doch nicht , wie Fix und Firnhaber meinen , jene 
Prophezeiung v. 1026 ff. bestimmend sein, da sich ja diese nicht 
gleich uumittelbar beim ersten eiufalle erfüllen musste. Wenn 
man die Schilderung vs. 416 ff. mit Thuc. II, 21 vergleicht und 
namentlich jene biutgier der Alkmene vs. 958 ff., welche sich an 
dem wehrlosen gefangenen vergreift , in betracht zieht und mit 
Thuc. II, 67 zusammenhält, so wird man, wie schon Theis ver- 
muthete, auf ol. 78 , 2 geführt. Uebrigens müssen, um dies 
nebeubei zu bemerken, die verse 1050 — 1052, welche, wie Mus- 
grave und Elmsley erkannten, an ihrem platze störend sind, 
entweder nach vs. 960 oder nach vs. 1017 gestellt werden. 

Wenn nun auch das drama ein politisches tendenzstück 
ist, so muss man sich doch hüten hinter jedem verse eine an- 
spielung auf die Zeitverhältnisse zu wittern, wie dies der verf. 
nach dem vorgange Firnhaber's gethan hat. Diese sucht führt 
zu ganz lächerlichen annahmen , wie z. b. dass im verse 84, 
welcher doch durch die vorhergehende frage motiviert ist, der 
dichter die worte des Perikles (Thuc. I, 143) vor äugen gehabt, 
oder dass vs. 166, wenn von Iolaos gesagt ist ysQOfia rvfißov 
76 urfiev ovra, der alternde Perikles gemeint sei. 

Das dritte capitel (de fabulae compositae arte) bietet nichts 
bemerkenswerthes. In dem ersten paragraphen (quae sit summa 
fabulae sententia) wird mit Härtung als der hauptgedanke der 
tragodie die sentenz vs. 625 « ö 1 agsiä ßaivet diu ia6%&oov hin- 
gestellt und begründet, während man doch gegenwärtig darüber 
hinaus ist, in solchen allgemeinen sätzen den grundgedanken 
eines drama finden zu wollen. In dem zweiten spricht der 
verf. weitläufig darüber, warum Makaria nach vs. 607 nicht mehr 
erwähnt wird, und tadelt deshalb d«n dichter; er hat also ganz 
vergessen, was er selbst p. 15 über die grosse lücke in unserem 
drama bemerkt hat. Auch kann vs. 821 ff. sich unmöglich auf 
den opfertod der Makaria beziehen ; ß^oieicov ist verderbt und 
dafür mit Heibig jßoeiwp zu schreiben. — Das schriftchen ist 
auch durch viele druckfehler entstellt. 

9. F. Heim so et h, de voce vnoxoiTt'jg commentariolus. 
Bonn. 1873. (Im verzeichniss der Vorlesungen an der Universität 
für das Winterhalbjahr 18 73 ,74.) XIV. 4. 

Das wort ünoxyin'^ hat schon eine eigene nicht unbeträcht- 
Philol. Anz. VI. 2 



18 9. Griechische tragödie. Nr. 1. 

liehe litteratur aufzuweisen. Zuerst hatte G. Curtius (Verhand- 
lungen d. kön. sachs. gesellschaft d. Wissenschaften zu Leipzig. 
Piniol, histor. klasse 1866, III, p. 14 8 ff.) über dessen bedeu- 
tung gesprochen. Er nahm x(jhta(yni certare, auf den musischen 
kämpf übertragen, als gleichbedeutend mit uycoitXsn&ut an und 
übersetzte hnoaginGdai uiit subeertare oder in certamine succedere, 
wobei er an die ablösung des chors durch den auf ihn folgenden 
Schauspieler dachte. So erkläre sich auch die deutung der scho- 
liasten, welche den vnoy.Qizijg als den respondenten des chors 
bezeichneten (ßia rö nobg rov x°Q^ v uha.ü(fitaa9ai^ m Diese be- 
deutung in certamine succedere hatte ich (Rhein, museum. XXII» 
p. 510 ff.) in zweifei gezogen, und indem ich auf die grund- 
bedeutung von xoivetv und xgCiFcfrut „sondern, scheiden; 
sich sondern, sich scheiden" zurückging, zwei hauptgruppen der 
bedeutung aufgestellt: 1., auseinanderbringen im freundlichen 
wie im feindlichen sinn: entscheiden, richten; rechten [xqi- 
vsa&ai *A(>t]i)', 2., auseinanderlegen, durch auseinanderlegen aus- 
legen; erklären, interpretari. Zu dieser zweiten gruppe gehört 
nach meiner ansieht vnny-uirta&ai, dessen bedeutung interpretari 
ich in dem oveigovg vnoxgl'sa&ai bei Homer, in Avziyi'tt]t> vno- 
xgCitaöui u. a. (die rolle der Antigone spielen, der Vertreter, dol- 
metscher ihrer rolle sein), so wie in dem Ino-nQnqg des neuen 
testaments, dem heuchler, der eine seiner eignen natur fremde 
person spielt, und dem französischen hypoerite nachwies. Ich 
hätte hinzusetzen können, dass auch vnoKointg in der bedeutung 
actio hierher gehört, da ihr wesen darin besteht, durch stimmen 
und gestus gedanken und gefühle anschaulich auszudrücken, sie 
den zuhörern möglichst klar vor äugen zu stellen und so ihr 
verständniss zu vermitteln (interpretari). 

Ihr gegenüber giebt G. Curtius in seiner erwiderung (Rhein, 
museum XXIII, 255 ff.) folgenden „Stammbaum" von vnoxQi'te- 
oOut: I. verdecktes auseinanderlegen, auslegen, discernere, in- 
terpretari (vgl. xy/Vt/»), dazu vnoxQttqg ausleger, interpres; II. 
im Wortwechsel txgivbadai) unmittelbar nachfö gen , in certando 
succedere, daher 1., überhaupt antworten (vgl. anoxylttadai). 
yni'ixotoi* an t wort; 2., speciell im dramatischen' wett- 
kam pf ablösen, rcspondnen , vntWQitifi respondent, in wei- 
terer entwkkluug a., darstellen, vorstellen, vortragen, vnoxpirqt 
darsteiler, Schauspieler, i«o'x(wöi s , actio] b., die rolle eines 



Nr. 1. 9. Griechische tragöclie. 19 

anderen darstellen, sich verstellen, simulare, vnoxQiTTJg Simu- 
lator, vnoxgtotg Verstellung. 

Eine beurtheilung dieses Stammbaums ist hier nicht an der 
stelle ; es genügt, darauf hinzuweisen, dass die Stammbedeutung, 
aus welcher die beiden hauptzweige (I. II.) ausgegangen sind^ 
nicht atigegeben und dass in auffallender weise der vnoxQitrjg 
als ausleger von dem vno-AQiri' t g als darsteiler, Schauspieler ge- 
schieden ist. 

Ohne berücksichtigung dieser Untersuchungen und ohne auf 
die begriffsentwickiung in dem worte näher einzugehn liefert 
Heimsoeth in der vorliegenden abhandlung seinerseits eine ueber- 
sicht der bisher bekannt gewordenen bedeutungen des Wortes 
mit dem fast vollständigen apparat der aus dem alterthum erhal- 
tenen erklärungen. Er geht aus von vnoxQ(veadai ovsigovg, wo- 
bei er treffend vnoxQitf t g, ^ärug bei Hesychius anführt, schliesst 
an die övsiuäruiv vnoxoiiat , ohne sich über die bemerkung der 
alten: 6ia ib ng6g x°Q' lV ccnnuoirtaüat zu äussern, aber auch 
ohne eine abnormität oder einen sprung in der entwicklungsge- 
schichte des Wortes hervorzuheben, die ^Qa^ärav vnoxonui, und 
leitet daraus, weil die Schauspieler ihre eigene person aufgeben 
und eine fremde annehmen {quoniam Mstriones personam induunt 
alienam) die bedeutung „heuchler" ab. 

Diesen bedeutungen fügt aber Heimsoeth eine neue bisher 
unbekannte hinzu, indem er einleuchtend zeigt, dass das wort 
vnn-AQiTai an vielen stellen der scholien, wo man es bisher ohne 
unterschied mit „Schauspieler" übersetzt hat , in dem sinne von 
grammatiker, kritiker, zu fassen ist. Ein überzeugendes 
beispiel bietet das schob zu Euripides Medea v. 169: ' AnoXXo- 
Soooog ftsv ovv cprjGtv 6 Tuoasvg zqg äfAqiißoliag ahiovg ehai 
io vg vnongitug auy^t'ofrag rä %oqixu. roig vno Mqdeiag Xsyo- 
ptvoig. Ebenso unwiderleglich scheint, dass in den scholien zu 
vs. 356. 379 und 909 unter den vnoxoiTui nicht Schauspieler, 
sondern grammatiker zu verstehen sind. 

Dass auch diese bedeutuug auf denselben von mir angenom- 
menen Ursprung zurückzuführen ist, liegt auf der hand. Sind 
ja doch die grammatiker, kritiker und commentatoren recht ei- 
gentlich interpretes. So hat Heimsoeth durch diese entdeckung 
nicht bloss das Wörterbuch bereichert, sondern zugleich licht 
auf einen dunkeln punkt der scenischen alterthümer gebracht 

2* 



20 *0. Thukydides. Nr. 1. 

und so den ungebührlichen einfluss beschränkt, der nach, 
den bisherigen annahmen die willkür der Schauspieler auf die 
gestaltung der dramatischen texte ausgeübt haben sollte. 

Julius Sommerbrodt. 



10. Ueber die abfassungszeit des Thukydideiscben ge- 
schichtswerkes. Von Dr. I. I. Welti. 4. Winterthur. 1869. 

Seitdem Ullrich in den beitragen zur erklärung des Thu- 
kydides (Hamburg 1846) dem tbukydideischeu gescbichtswerke 
das gepräge der einzeitlichkeit abzusprechen versuchte, hat die 
kritik in ununterbrochener folge mit dieser frage sich beschäf- 
tigt und die Ullrich'sche hypothese entweder zu entkräften oder 
wenigstens zu modifiziren gesucht *). Die erstere richtung ver- 
trat zuerst ebenso entschieden wie überzeugend Classen (Tliu- 
kydides 1. aufl. Berlin, 1862.) von dem richtigen satz ausgehend, 
dass es zwingender und unwiderleglicher beweise bedürfe, um 
uns zu bewegen die Vorstellung von einem einigen und zusam- 
menhängenden kriege aufzugeben, und die ersten % l f% bücher 
in dem sinne zu lesen, dass der verf. sie ohne künde von den 
späteren kriegsereignissen und in der intention geschrieben habe, 
den ersten zehnjährigen krieg bis zum frieden des Nikias als ein 
abgeschlossenes ganze zur darstellung zu bringen. In der darauf 
folgenden Untersuchung (einleitung p. 30 — 49) gelangte derselbe 
zu dem abschliessenden urtheil , dass das ganze werk in der 
gestalt , wie es uns erhalten ist, nach der beeudigung des pelo- 
ponnesischen krieges in der bearbeitung von letzter band — 
ich schliesse das 8. buch aus — bis zu dem punkte, wo der 
faden abreisst, fortgeführt ist. Denselben Standpunkt vertritt 
nun die abhandlung von Welti, der auch Classen's beweisfüh- 
ruog im ganzen als eine gelungene und wohlbegründete aner- 
kennt uud nur dadurch von seinem Vorgänger sich unterscheiden 
will, dass er, wie eine monographie es erfordert, mehr in's de- 
tail geht, bei einzelnen punkten eine bessere begründung für 
geboten und möglich hält. Dies ist aber dem verf. nicht immer 
gelungen, wie z. b. seine erklärung von II, 1, 1 xaiaa?ap,rec re 

1) Vergl. Classen Tbukydides IL aufl. p. 267 o. einl. p. XXXIV, 
WO indess irrthürulich noch Böhme als Vertreter der Ullrich'schen 
hypothese aufgeführt wird. 



Nr. 1. 11. Polybios. 21 

%vrixä>i; Innliunw weit befangener als die von Classen gegebene 
erscheint Dagegen verdient die Untersuchung über die kerky- 
räische revolution von 427 — 25 (III, 69— 86. IV, 46 — 49) durch 
die genaue vergleicbung des doppelten berichtes bei Diodor mit 
demjenigen des Thukydides, durch den nachweis , dass ersterer 
seine nachricbten aus Thukydides — gegen Classen — geschöpft 
hat, endlich durch den versuch das räthsel zu lösen, durch welche 
Verwechselung Diodor zu seinem zweiten kerkyräischen bürgerkriege 
gekommen ist, hervorgehoben zu werden und bildet ohne zweifei 
eine wesentliche stütze für die von Classen ausgesprochene an- 
sieht. Im allgemeinen aber wird man gegenüber der eingehen- 
den und unbefangenen Untersuchung von Classen durch die 
Welti'sche abhandlung wenig gewinnen, zumal bei der prüfung 
der bezüglichen thukydideischen abschnitte von dem von Ullrich 
gewählten gang (buch II, IH, IV, I) ohne grund abgewichen 
ist, bei wiedergäbe der Ullrich'schen ansieht in dessen worten 
(vergl. u. a. Welti p. 9. und Ullrich p. 95.) ungenau verfahren, 
ein abschliessendes urtheil oder ein ergebniss der Untersuchung 
vermisst, endlich sogar der text selber durch zahlreiche, z. th. 
unglaubliche druckfehler entstellt wird. Schliesslich dürfen wir 
wohl an dieser stelle konstatiren, dass in dieser frage die akten 
nunmehr geschlossen sind, dass seit Classens Untersuchung, der 
auch der neuste herausgeber des Thukydides Stahl l ) sich an- 
schliesst, die Ullrich'sche bypothese ein überwundener Standpunkt 
ist , und dass wir — mögen im einzelnen die vermuthungen 
über zeit und folge der abfassung der einzelnen theile ausein- 
andergehen — an der Vorstellung von einem einzigen, von Thu- 
kydides einheitlich aufgefassten kriege festhalten müssen. 

H. Steinberg. 

11. Polybii historiae. Edidit Fridericus Hultsch. 
Vol. III. IV. 8. Berolini ap. Weidmannos. 1870. 1872. — 
IV, 665—1402 u. 86 ss. 

Da die beiden ersten bände dieser neuen ausgäbe des Poly- 
biua im Philol. Anz. I, p. 93 schon angezeigt sind, lasse ich 
hier eine besprechung nur von bd. III und IV folgen. Mit 
ihnen, in welchen die reste von buch IX— XL enthalten sind, 

1) Thucydidis historia belli Peloponnesiaci. Ed. Ioannes Matthias 
Stahl. Vol. I. lib. I— IV. Lipsiae 1873. 



22 11. Polybios. Nr. 1. 

ist die neue Polybiusausgabe von Hultsch vollendet , so dass 
wir nun endlich einen text mit kritischem apparat vor uns haben, 
der den heutigen anforderungen entspricht. Dass auch diese 
bände nach denselben grundsätzen, mit gleicher geuauigkeit und 
fleiss gearbeitet sind , wie die frühern , bedarf bei arbeiten von 
Hultsch kaum der erwäbnung. Daher sind auch die arbeiten 
der neuern und neusten gewissenhaft benutzt, auch meine 
Quaestiones Polybianae (Zwickau 1859, p. II. Dresden 1869.), 
aber auch viel neues vom vf. hinzugekommen: einiges einzelne 
soll hier hervorgehoben werden. 

So lobenswerth an und für sich vorsieht bei der aufnähme 
eigener und fremder vermuthungen ist, manchmal kann dieselbe 
zu weit gehen ; auch ich glaube , wie schon der recensent der 
ersten bände (b. I. p. 94 dieses anzeigers) bemerkt, dass Hultsch 
manches in den text selbst hätte aufnehmen sollen, statt es in 
die noten zu verweisen. Ich wende mich deshalb zuerst zu sol- 
chen stellen, welche auf die hiatusfrage bezug haben. Dass diese 
in der prosa noch lange nicht erledigt ist, bemerkt L. Spengel bei 
der besprechung von stellen aus Hültsch's Qnaestion. Polybian. 
p. H im Philol. XXVIII, p. 546 gewiss mit recht; dass aber Hultsch 
diese frage für den Polybius wesentlich gefördert hat, wird 
niemand leugnen, der sich damit beschäftigt hat. Mit unrecht aber 
scheint mir IX, 2, 2 tu ällörgia im texte zu stehen, und nicht 
TcHldtgia, wie es sich z. b. IX, 10, 7 und sonst häufig findet; 
mit unrecht XV, 5, 14 tu alla und nicht durch krasis verbun- 
den TaXXa. Ich vergesse übrigens keineswegs weder hier noch im 
folgenden, dass wir es in diesen bänden nur mit fragmenten zu 
thun haben. Für alld vnäQicov X, 5, 6 war aW vmiQX<ov f für 
alla sti XV, 29, 12 vielmehr v.)X bti zu schreiben; sicher 
ist dagegen für äXXä aniaTovvxog XV, 15, 5 richtig vom hrg. 
diamaToi>v7og vermuthet worden. Für fxsra vor anodei^soje 
X ( 21, 8 konnte ohne frage fiez\ für x«t« vor alij&eiav XV, 
25, 7 Hat" 1 im texte stehen, wie es sechs zeilen darauf und sonst 
stets lautet; dasselbe gilt von xazu vor ' AQtatoHXovg XH, 8, 1, 
vor 'Aya&oxXiovg XV, 28, 8 und sonst. Die anzahl solcher 
stellen, an welchen Hultsch die praeposition oder coniunetion nicht 
elidirt in den text aufgenommen hat, lässt sich sehr leicht ver- 
mehren; doch wäre eine aufzählung hier vollkommen unnütz, 
da Hultsch selbst in seinem bekannten aufsatze 'über den hiatus 



Nr. 1. 11. Polybios. 23 

bei Polybius' im Pbilol. XIV, p. 288 darüber ausführlich spricbt. 
Erhabnen will icb nur noch xazä etog eaaarop XXI, 32, 9, 
wo Hultscb nicbt mit Ursini ro vor hog eingefügt, aber xuta auch 
nicht elirlirt hat; das zweite wäre wohl eher am platze gewesen. 
Die aufnähme derartiger correcturerj in den text hängt freilich 
von dem principe ab, das man in seiner ausgäbe befolgt, ob man 
nemlich die lesart der handschriften in den text aufnimmt und 
die anderung in die noten verweist, oder dieser selbst eine stelle 
im texte einräumt. Meine ansieht ist nun diese, dass jeder heraus- 
geber berechtigt ist, correcturen, wie die oben erwähnten, in den 
text aufzunehmen, wenn die bei weitem überwiegende anzahl von 
parallelstellen beweist, dass ein fehler der absebreiber vorliegt. 
Dass aber Polybius den hiatus wenn irgend möglich vermieden 
hat, gilt ja jetzt wohl als ausgemachte sache. Und in der that 
hat auch der vf. an andern stellen derartige correcturen, welche 
zur Vermeidung des hiatus nöthig sind, in den text selbst aufge- 
nommen; ich verweise nur auf cog dgzicog tlnov XIV, 1, 15 für ag 
agzi ünov der codd., XI, 28, 5 ändert der hsg. das überlieferte 
aga in in ag av in um; wenn es richtig ist, dass aga sowohl 
als aga bei Polybius immer elidirt wird, wie es Hultsch Philol. XIV* 
p. 305 behauptet, so stimme ich ihm gern in der anderung bei; 
anders macht es Dionysios von Halikarnass, der wie ich anderswo 
zeigen werde, aga stets, aga nie elidirt. Während XXXIX, 
16, 2 meiner ansieht nach Hultsch entschieden mit recht für das 
überlieferte fitxgi zov die Verbesserung von Benseier in fte'xQ 1 ? 
ov in den text aufgenommen und Dindorfs ps/gi av verschmäht 
hat, lesen wir an andern stellen wie X, 44, 6; X, 45, 9; XV, 
18, 6 das überlieferte n^XQ 1 c " v auch im texte. Wenn Hultsch 
bei seiner Philol. XIV, p. 290 ausgesprochenen ansieht geblieben 
ist, so hält auch er vor vocalen ;*e'xgig für die allein berechtigte 
form , während Dindorf Polyb. praef. vol. I, p. LV und Diodor. 
praef. p. XXVI überall auch vor einem vocal nfygi verlangt. 
Weder für Polybius noch für Diodor habe ich hierüber eine 
Untersuchung angestellt, wohl aber für Dionysius, der zur Ver- 
meidung des hiatus ganz regelmässig zwischen den formen nexgi 
und i*t%gis, oi-XQ 1 udqI "#( ; '£ wechselt ; in der Archaeologie findet sich 
unter 240 stellen nur einmal fälschlich (*?XQ l vor einem vocal. 
Polyb. III, 110, 10 und XIV, 8, 2 bieten die handschriften fehler- 
haft negl dexa (zgidxovza) oradCcov dnoa%cov. Reiske änderte den 



24 11. Polybios. Nr. 1. 

unmöglichen genetiv arabicov in aradi'ovg um, eine äuderung, die 
die nächstliegende war, da ja auch sonst Polybius zwischen 
den accusativen oräSia und oiadiovg je nach dem anfangsbuch- 
gtaben des folgenden wortes wechselt. Anders Hultsch, der 
mit elision des a an beiden stellen arddl imonifäv schreibt. 
Ich gebe der Schreibung von azadlovg den vorzog, da sie mir 
die natürlichere zu sein scheint bei einem schriftsteiler , der ja 
auch sonot stets zwischen den angegebenen formen wechselt; 
atuöicov aber ist natürlich nur aus unrichtiger lesung eines 
hinter aia8i stehenden abkürzungszeichen entstanden ; auch dieses 
spricht für aradiovs. Ich kann nicht umhin hier ein paar stellen 
zu besprechen, welche zwar dem b. I angehören, aber doch recht 
gut hier erwähnung finden. Ich meine nemlich die worte nöitga 
inaiPSTTjV III, 4, 3 und nözeo 1 dgtGToxQUTtxav VI, 11, 11; wenn 
an der letzten stelle die elision nur von Bekker herrührt (vgl. 
Philol. XIV, p. 305), dann möchte ich beidemal lieber nörsgov 
im texte sehen, wie auch II, 36, 1 für das früher gelesene 
ipexa — was Hultsch Philol. XIV, p. 290 mit Benseier elidiren 
wollte — jetzt mit recht sich bei Hultsch hsxev findet. 

XI, 19, 6 und V, 32, 2 hat Hultsch statt der beidemal 
überlieferten form sinoi zur Vermeidung des hiatus einsiev ge- 
schrieben, während er Philol. XIV, p. 303 sinoi und den hiatus 
noch vertheidigte. Auch XH, 4 a , 4 lesen wir sineis im texte, 
allein auch hier erst nach Veränderung des handschriftlichen 
unelv. Die einzige stelle, welche für die möglichkeit von ainsisv 
zu sprechen scheint, ist soviel ich gesehen habe, XXX, 9, 12 ; 
wo sl'noiev überliefert ist. Ich wage nicht die form eineiev dem 
Polybius abzusprechen, mache aber darauf aufmerksam, dass 
sonst nur die formen des indic. aorist. sich finden. 

Ich wende mich nun zur besprechung von solchen stellen, 
die Hultsch durch coniectur geheilt hat und muss mich auch hier 
auf einige beschränken. Unzweifelhaft evident ist — und darin 
stimme ich mit Spengel Philol. XXVIII, 545 überein — X, 41, 8 
vom hrsgb. für ndaag ai hui zoig hergestellt worden ixdozots t 
ebenso X, 45, 1 ifyjXlaxsv, dafitjv ö' iarir, IX, 30, 7 rax^oig 
gewiss richtig verbessert worden aus zavt>' mg der mss., nur halte 
ich die begründung (Quaest. Polyb. II, p. 3) für zu umständlich; 
aua TAXE&2 wurde Tj4TQQ2 durch die Verwechslung von 
X und T } E und 0, wir brauchen kein tav^tmi. Wie hier steht 



Nr. 1. 11. Polybios. 25 

übrigens ruyjoag «enmtffim auch XVIII, 23, 6. Weder Hultsch, 
der IX, 28, 1 für oltf aXXmg — axonslv ö 1 vielmehr otV aXXmg — 
exontiv ö' schreibeu will (vgl. Quaest. Polyb. II, 13) noch Spengel, 
der Philol. XXVIII, p. 545 die tiberlieferte lesart zu halten 
sucht, haben meiner ansieht nach das richtige getroffen, da ulltog 
so oder so unverständlich bleibt; es ist vielmehr OT/1AMQ2 
für OT/JMQ2 zu schreiben. Mit recht hat IX, 30, 2 vnöSeiyfi 1 
al eine aufnähme im texte gefunden, und sx nXayiwv X, 39, 6 
für den singular ix nXayiov; ohne bedenken stimme ich auch X, 
10, 10 der Verbesserung von ratg in rosig bei, sowie gewiss 
X, 34, 10 Iva Xaßav für druXaßwv allgemeine billigung finden 
wird. X, 44, 10 bietet F the nobg näi> , S tha nohg mtv, 
woraus Hultsch a#' önotav macht, in den text selbst aber etz' 
eneiduv (codicis Gronoviani scriptura inter lineas addita, wie er 
angiebt) aufgenommen hat. Ich halte mich an die lesart des 
cod. F und vermuthe, dass tlz'' snüv für ehe nobg näv zu schrei- 
ben sei; indem man nemlich falsch verband und ths nav las, 
dann noch ngog hinzufügte , um einen sinn hinein zu bringen, 
entstand die jetzt in den büchern befindliche lesart; ineidüv aber 
des codex Gronovianus ist nur eine erklärung von indv. XXI, 
45, 16 hat Hultsch wie ich glaube richtig mit Reiske den indi- 
cativ t^rjvsyytav in den infinitiv geändert, indem er auch das not- 
wendige toi- fioXifiop in den text aufgenommen hat. Wenn er 
dabei nun den infinitiv t^sve'yxai vorgezogen hat, so wird wohl 
die leichtere änderung der grund gewesen sein. Dennoch zweifle 
ich an der richtigkeit dieser infinitivform. Schon in meinen 
observationes criticae in Dionysii Halte. Ant. Rom. (Acta Soc. Phil. 
Lips. tom. I. p. 299) habe ich einen grossen theil der aoristformen 
von q;eQ(o aus dem Polybius zusammengestellt und gezeigt, dass 
auch dieser den infinitiv auf siv gebraucht. Jene Zusammen- 
stellung machte auf Vollständigkeit keinen anspruch; im texte 
des Polybius habe ich als einziges beispiel des infinitiv auf ai 
nur noch noogevfyxai XXXII, 7, 2 gefunden. Ich würde bei 
meinem grossen misstrauen gegen die formen des aor. I auch 
an der obigen stelle il-sveyxeiv schreiben. XI, 20, 1 schreibt 
Hultsch mit Schweighäuser ' IXinag, während F iXiyyag, S rjXiyyag 
hat. Allein daLivius XXVHI, 12, 14 dieselbe stadt Silpia nennt, 
so möchte ich doch glauben, dass auch bei Polybius der name 
mit einem 2 angelautet habe, was vom voraufgehenden nqog- 



2 e 11. Polybios. Nr. 1. 

ayoQfvn(x(vtjg eben so leicht hinzugenommen werden kann, als 
XXVIII, 8, 8, wo eine vergleichung von Livius XXXXIII, 20, 3 
Bis 2rvßeQQai> statt eis zißqQav oder eis Tvßeßgctp wohl unzweifel- 
haft macht. Für richtig halte ich ferner auch Hultsch's Verbes- 
serung von cÖQfAio&t] riptegas XX, 11,2 in ro^tf 1 foiyas. Was 
die elision der infinitivendung ai anbelangt , wie sie vom hrsg. 
an den verschiedensten stellen verlangt wird, so wird man, 
wenn man die worte IX, 26, 7 inag yao xat naQa<snov87 i G > vne'fietta 
betrachtet und vergleicht, was Hultsch darüber in den Quaest. 
Polyb. p. II, p. 5 sagt, nicht umhin können ihm beizustimmen. 
IX, 5, 3 möchte ich eher glauben, dass die worte r\\ (xerit rtjv 
ccva£vyijv nicht interpolirt sind, und dem vorschlage Schweigbäu- 
sers beistimmen, der mit geringen aenderungen die worte um- 
stellt und schreibt: vneg zijg imßoXtjg ztjg x«t« rr/v uru&yrjP 
aniareile. Diese Umstellung würde auch eine stütze an Hultsch's 
annähme in betreff der buchstabenzahl einer zeile finden; wir 
hätten nemlich eine Zeilenversetzung von zrjg xara ii\v äru£vyrjp 
(18 buchstaben) anzunehmen. XXVIII, 13, 9 bietet mir die 
Verschiedenheit in der Überlieferung gelegenheit mich über 
eine sprachliche erscheinung etwas ausführlicher auszusprechen. 
Während nemlich cod. M ov iieza nokv giebt, findet sich in 
cod. ov (iS7uv7zolv, mit doppelsetzung des ov vor und nach 
fista, wie wir sie ganz ebenso Dionys. Hai. Ant. VII, 19 lesen. 
Kiessling hat an jener stelle mit Sintenis ov ixera noXv in den 
text aufgenommen, in der adn. critica dieses jedoch für falsch und 
(ist' ov jzoXv für richtig erklärt. Was Polybius und seine aus- 
drucksweise anbelangt, so wage ich mich in anbetracht der vie- 
len stellen, an denen beide ausdrucksweisen vorkommen, nicht 
zu entscheiden; man vergleiche nur folgende stellen: I, 24, 5 
l^ez' ov noXv. I, 36, 2 /asz 1 ov noXvv XQÖ^or. II, 34, 15 fitz 1 
ov noXv. II, 36, 7 ov fieza noXvv %qovov. III, 96, 14 j/«r' oii 
noXvv xqÖvov. V, 70, 11 ov (isrot noXv. V, 107, 3 ov fiera 
noXvv iqovov. Zum Schlüsse meines referats nur noch wenige 
worte über die lücken, welche Hultsch Quaest. Polyb. II, p. 6 ff. 
ausführlich behandelt. XI, 2, 2 schreibt der hrsg. zavra fih iv 
tois itqo rovrar t][Aiv eiQtjiai. Man wird im ganzen dieser er- 
gänzung beistimmen können, nur glaube ich, dass das überlieferte 
ovt nach ph beibehalten werden kann, und die lücke besser 
erst nach qfiiv anzusetzen ist; meiner ansieht nach wäre zu schrei - 



Nr. 1. 11. Polybios. 27 

ben : tavia \\\v ovv rjulv iv roig ngo tnvtmv e'iQTjTai , 80 wäre 
eine zeile von 22 buchstaben ausgelassen. Wenn XVIII, 26, 8 
sonst die worte richtig ergänzt sind, so musste mit Schweig- 
häuser oaovg idvvazo nlsiarovg und nicht cog xzl. geschrieben 
werden ; denn so verlangt es der Sprachgebrauch des Polybius. 

IX, 30, 9 fügt Schweighäuser noch 7oaov7cor nach ovußeßijxoTav 
ein in der richtigen erwägung, dass hier worte fehlen ; Hultsch 
schlägt navTaxodev tüv s^gööv vor. Was in der lücke gestan- 
den hat, dürfte hier sowohl wie an vielen andern stellen sehr 
schwer zu entscheiden sein , da fast alle anhaltspunkte fehlen. 

X, 46, 9 möchte ich mit Benseier die worte 6 Sexöftevog zovg 
nvQoov<.' als interpolirt streichen. Nachdem ich nun so über eine 
anzahl von stellen meine ansieht geäussert habe, wird niemand 
so hoffe ich nur eine sucht des tadelns darin erblicken; vielmehr 
spende auch ich, so wie es andere bereits gethan, dieser arbeit 
von Hultsch meine volle anerkennung. Einen sehr bedeutenden 
fortschritt in vergleich mit frühern ausgaben erblicke ich auch 
namentlich darin, dass Hultsch den forschungen von Nissen 
rechnung getragen hat, was von Uindorf in seiner ausgäbe bekannt- 
lich unterlassen ist. Zu spät dagegen, um noch benutzt werden 
zu können, erschien die abhandlung von Nissen im Rhein, 
mus. XXVI, so wie die dissertation von Metzung, welche beide 
Hultsch noch in den „Addenda und Corrigenda" erwähnt, in 
denen nachtrage zu einer grossen anzahl von stellen folgen. 
Das nachschlagen von citaten ist durch beifügung der Seiten- 
zahlen der Bekker'schen ausgäbe erleichtert, wofür jeder dem vi. 
gewiss gern dank wissen wird ; auch in b. I und II wäre sie 
schon willkommen gewesen. Beigegeben ist dem IV. bände ein 
index Mstoricus et geographicus , sowie schliesslich eine tabula 
Polybii Historiarum seeundum Nisseni et Metzungii guaestiones dispo- 
sita. So ist in jeder hinsieht in dieser neuen ausgäbe des Po- 
lybius für kommende arbeiter gesorgt. — Störende druckfehler 
sind nur wenige von mir bemerkt worden; 997, 29 ist oavuxpm- 
aiv für owuxpcoGiv stehen geblieben-, wohl aber ist es höchst 
unangenehm , dass auch in diesen beiden bänden sehr viele 
accente und spirituszeichen, sowie einzelne buchstaben in den 
Worten ausgefallen sind ; in b. III habe ich mehr als 60, in b. IV 
über 20 derartige fehler bemerkt. Carl Jacöby. 



28 12. 13. Juba. Nr. 1. 

12. De Juba Appiani Ca^siique Dionis anctore. Scripsit 
Ludovicus Keller. Dr. pbil. Marburgi Cattorum. Typis 
Elverti academicis MDCCCLXXn. 8. 40 ss. 

13. Die quellen des Appian und Dio Cassius für die 
geschiebte des zweiten punischen krieges von Dr. Buch- 
holz. Programm des gymnasiums der stadt Pyritz 1872. 4. 
22 ss. 

Die bücher des königs Juba sind in neuerer zeit vielfach 
gegenständ der gelehrten Untersuchung gewesen und in einem 
grossen theile alter historiker hat man spuren dieses schrift- 
steuernden Numidiers finden wollen. Wenn es nun auch natür- 
lich ist, dass die annahmen über seine benutzung vielfach ins 
ungewisse gehen, so ist doch soviel sicher, dass das bild dieses 
Schriftstellers für uns bedeutend an klarheit gewonnen hat; von 
dem früher auf ihm lastenden makel urtheilsloser gelehrtheit 
ist er definitiv befreit worden (s. Mueller fragm. hist. graeC 
III, 468). Nicht zum wenigsten hat dazu die vorliegende 
schrift von Keller mitgewirkt. Fussend auf den angaben C. 
Peter's (die quellen des Livius im 21. und 22. buche, progr. 
Pforta. 1863, p. 77), Nissen's (De pace anno 201 a. Chr. Car- 
thaginiensibus data p. 18) und Soltau's (de fontibus Plutarchi iti 
bello punico seeundo enarrando. Bonn 2870, p. 53 — 66) unter- 
sucht der Verfasser mit Sorgfalt und Sicherheit einen abgegrenz- 
ten theil des Appian (VIII, 1 — 66), für welchen er mit be- 
stimmtheit Juba als quelle nachweisen will und unserer mei- 
nung nach auch nachgewiesen hat. Der krieg in Afrika von 
205 — 201 a. Chr. findet sich in der livianisch-polybianischen 
tradition wesentlich anders dargestellt, als in der des Appian. 
Bei diesem finden wir grössere ausführlichkeit (s. Keller p. 7 
anmerk.); die speziellsten angaben über punische und afrikanische 
Verhältnisse, sei es in geographie, oder in bezugaufdas tägliche 
leben (p. 8 — 11), ein bis zur Parteilichkeit gehendes interesse 
für die Numidier (p. 11), z. b. "aaai 8s x«J Xifinf qigstv öl Nofiddeg 
xtA, für Massinissa tritt überall in den Vordergrund ; nicht Sci- 
pio befiehlt ihm zu gehen, sondern er fordert von Scipio einen 
theil des römischen heeres (s. Appian VIII , c. 26), ja sogar 
die fides punica des Massinissa wird zum lobe für ihn (p. 13). 
Hören wir zn alledem noch, dass die mutter des Massinissa (App. o< 
14) eingeführt worden, so zweifeln wir nicht mehr, dass wir einen 



$r. 1. 12. 13. Juba. 20 

humider, einen lobredner Massinissa's, einen verwandten desselben, 
kurz den könig Juba als quelle anzunehmen haben. 

Wir müssen es uns versagen dem Verfasser in die details 
der Untersuchung zu folgen und namentlich zu Cassius Dio, 
für welchen im zweiten theile Livius und Juba als hauptquel- 
len nachgewiesen werden (p. 32 — 38). • Aber was Juba's 'Iaio- 
qift Qafiul'xij betrifft (denn aus dieser, nicht aus den Aißvyiä 
soll Appian geschöpft haben, p. 17 — 19), so würde dieselbe 
nach den bisherigen aufgestellten hypothesen wesentlich zwei 
elemente enthalten haben; ein liviauisches , welches Soltau in 
Plutarchs vita Marcelli wiedergefunden haben will, und ein auf 
eigenen nachrichten des Juba beruhendes, welches im Ap- 
pian vorliegt. In beziehung auf letzteres wollen wir nur noch 
auf eins hinweisen. Die merkwürdigen Schicksale des Massi- 
nissa, welche Liv. XXIX, 29, 6—33 nicht wesentlich abwei- 
chend von Appian. c. 10 ff. erzählt; ferner der tod der Sopho- 
nisbe Liv. XXX, c. 13 — 15 stammen nach Keller im Appian 
ausschliesslich aus Juba. Aber in ähnlicher weise , hin und 
wieder abweichend, jedenfalls aber nach einer genau unterrich- 
teten quelle erzählt dasselbe auch Livius, doch gewiss nicht 
nach Juba. Gab es also schon vor Juba einen so intim einge- 
weihten Schriftsteller, welchen Livius und Juba benutzten? Oder 
benutzte hier Juba den Livius ? oder, was vielleicht das wahr- 
scheinlichste ist, benutzte Appian den Livius neben Juba? Aus 
dieser Verwickelung von hypothesen hätten wir gern durch Kel- 
ler einen ausweg gefunden. Hoffentlich wird uns derselbe 
bei gelegenheit der nächsten abhandlung Kellers (s. p. 6 anm. 
2) gezeigt werden. 

Wesentlich verschieden von der eben behandelten Schrift 
ist die zweite, die von Buchholz, welcher schon 1865 mit einer dis- 
sertation: quibus fontibus Plutarchus in vitis Fabii Maximi et Mar- 
celli usus sit, Gryph. das gebiet der quellenforschung betreten. 
Wahrend Keller auf einem kleinen theile eines Schriftstellers 
sicher fussend zu resultaten kommt, zieht Buchholz vier bis sechs 
schriftsteiler äusserlich vergleichend in den räum der betrachtung 
und ist natürlich nicht im stände, irgend einem eingebend sich zu 
widmen. Er vergleicht Appian, Dio ^onaras), Livius, Polybius, 
bisweilen auch Plutaich und Kepos in der darstellung des pu- 
nischeu krieges bis zur diktatur des Fabius und findet, dasa 



30 14. Griechische historiker. Nr. !♦ 

Appian im wesentlichen dem Fabius, Dio bald dem Fabius, 
bald dem Silen, Livius dem Coelius (Silen) und Fabius, Poly- 
bius dem Silen folgt. In der erzäblung von Fabius Maximus 
folgen alle dem Fabius Pictor, p. 20. In der schlacht am 
trasimenischen see folgt Polybius dem Fabius, ebenso Appian; 
Dio (Zonaras) dem Coelius, Livius dem Coelius und Fabius zu- 
sammen. Wir sind noch weniger wie der Verfasser im stände 
auf engstem räume so weitläuftige Untersuchungen abmachen 
zu können. Gewiss ist, dass in Buchholz's schrift wahres und 
falsches bunt durcheinander steht. Niemand würde seinen an- 
nahmen, die er durch eine allgemeine ähnlichkeit oder unähn- 
lichkeit der tradition begründet und denen beizustimmen er uns 
statt alles beweises durch die freundliche frage : „ist das nicht 
vollständige Übereinstimmung?" bewegen will, einigen glauben 
beimessen, wenn er nicht auf den Untersuchungen Peter's und 
anderer fusste, und wenn nicht inzwischen Wölfflin definitiv 
den Coelius als quelle des Livius nachgewiesen hätte. Im 
übrigen lässt sich über einzelne punkte seiner arbeit kaum re- 
den, weil er nie ins einzelne geht, für unsern beschränkten 
räum aber so allgemein gehaltene betrachtungen nicht zu ver- 
wenden sind. So viel ist jedoch klar, dass trotzdem er Coe- 
lius als quelle des Livius annimmt, er mit Wölfflin in vollstän- 
digem gegensatz steht, indem gerade in vielen stellen, wo Buch- 
holz auf Fabius vermuthet, Wölfflin Coelius angiebt. Für falsch 
halten wir die ansieht, dass Appian den Fabius benutzt habe. 
Die spuren , welche sich bei diesem so späten Schriftsteller 
von jenem ältesten annalisten finden, gehen gewiss nicht 
auf ihn selbst, sondern auf ein mittelglied zurück. In dieser be- 
ziehung verweisen wir auf die von Keller p. 39 Thes. I aufge- 
stellte behauptung, dass auch hier Appian's quelle Juba sei. 
Ein beweis fehlt natürlich, doch ist es nicht schwer, im hin- 
blick auf Soltau ihn sich selbst zu suchen. F. F. 

14. Historici Graeci minores. Edidit Ludovicus Din- 
dorfius. I. (CI und 502). D. (XXIII und 453.) Lipsiae, in 
aedibus B. G. Teubneri, 1870. 1871. 2 3 /4 thlr. 

Dem ersten band der vorliegenden Sammlung hat der her- 
ausgeber eine ausführliche praefatio vorausgeschickt, in welcher 
er über die kritischen hülfsmittel und die wichtigein textände- 



Nr. 1. 14. Griechische bistoriker. 31 

rungen berichtet, insoweit sie sich auf die in diesem bände ent- 
haltenen Schriftsteller beziehen. — An der spitze der Samm- 
lung stehen die fragmente des Nicolaos von Damaskos. 
Bekanntlich ist die hauptmasse derselben durch zwei handschrif- 
ten der Tituli Constantiniani überliefert , deren eine (titulus de 
virtutibus et vitiis) zu Tours, die andere (titulus de insidiis) im 
Escurial befindlich ist. Der cod. Turonensis lag dem vf. in einer 
abschrift von Julius Wollenberg vor, woraus mehreres unrich- 
tige bei Valesius und C. Mueller (darunter 6 ; 23 dgvpima. statt 
dyvfiöt) verbessert wurde. Für den codex Scorialensis hin- 
gegen sind wir noch immer auf die beiden oft und beträchtlich 
von einander abweichenden abschriften von Em. Miller, welche 
C. Mueller benutzte, und von C. A. L. Feder (Darmst. 1848—55) 
angewiesen. Möge der nächste herausgeber es nicht unterlassen, sich 
eine genaue collation oder abschrift dieser handschrift zu verschaf- 
fen , um endlich der peinlichen ungewissheit ein ende zu ma- 
chen. Trotz dieser theilweise unsicheren grundlage erscheint 
der von Dindorf hergestellte text als ein bedeutender fort« 
schritt gegenüber dem Feders und namentlich C. Muellers. Nicht 
wenige treffliche Verbesserungen, fremde sowohl als eigene, sind 
in den text aufgenommen. Doch ist 50, 17 mit Nauck ovt.og 
' jdzQudäiov zu lesen, 114, 6 mit Buecheler xal hinter ngocsio- 
#€*«', nicht mit C. Mueller vor xuzi&tjxev einzuschieben, 121,5 
statt des corrupten ö° tvgtiai Duebners schöne Verbesserung di 
(iVQiai aufzunehmen. 4, 3 ist wohl zu schreiben xal oia 5//, 
woran schon Feder dachte, 13, 13 fis&ivta statt fie&svz'i, 
51, 11 Xsyco statt Xiyav. 54, 18 ist das verderbte ivanv 
XwTUToe von Dindorf in iv avroig ia^vgoratog geändert, 
was mir zu gewaltsam scheint ; die früheren Verbesserungsver- 
suche (Nauck und Piccolo itaiaipmiaTog, Duebner ivufuXXo- 
rarog oder evßovXorazog) sind allerdings auch nicht befriedigend. 
100, 27 f. leseich: nvin aietoo iqovov avfxnoatcg nagrtyerio&ai ^ /} > 
5.%'qi krsTif{jag. 116, 31 ist zuschreiben: Xädga ds •< xuc > xaz 
oXiynvg. 14, 5 f. hat Dindorf ein anonymes citat im Suidas* 
welches er als dem Nikolaos angehörig erkannte, in die Samm- 
lung der fragmente aufgenommen; dagegen ist fr. 98 Mueller. 
gestrichen, da es sich, wie Meineke sah , auf Nikomachos be- 
zieht. 

Die nun folgenden spärlichen Überbleibsel des Pausanias 



32 14. Griechische historikei?. Nr. 1. 

von Damaskos vermehrte Dindorf um zwei citate bei Mala- 
las (fr. 5 und 12) und zwei bei Johannes Tzetzes (zu fr. 4 
und 5). Fr. 5 Mueller. = 6 Dindorf. ist beträchtlich erweitert. 

Den fragmenten des Pausanias reihen sich die des 
Dexippos an. Ein ziemlich umfangreiches bruchstück ist uns 
in den Exeerpta de legationibus erhalten. Um den text dieser 
exeerpta hat sich Dindorf ausserordentlich verdient gemacht. 
Während nämlich Niebubr und nach ihm C. Mueller ihren text 
auf die Hoeschersche ausgäbe gründeten, benützte Dindorf zwei 
Münchner handschriften (cod. 185 und 267), deren erstere be- 
reits Hoeschel — aber nicht gewissenhaft — benützt hatte. 
Beide sich gegenseitig ergänzende handschriften, deren werth 
zuerst erkannt zu haben L. Spengel's verdienst ist, lieferten 
zahlreiche und wesentliche Verbesserungen für Dexippos, Euna- 
pios, PriskoSj Malchos, Petros und Menandros. Während also 
die kritik der Exeerpta de legationibus durch Dindorf wesentlich 
gefördert wurde, sind die von Angelo Mai in einem vaticani- 
schen palimpsest gefundenen Exeerpta de sententiis trotz Her- 
werdens (im Spicilegium Vaticanum) bemühungen noch immer in 
einem höchst trostlosen zustand. Dass Dindorf an den nur 
zu zahlreichen stellen, wo blos einzelne worte oder worttrüm- 
mer erkennbar sind, sich jeder änderung enthielt, verdient ge- 
wiss billiguug. Indess scheint er mir bei Dexippos 189, 9 
mit dieser vorsieht doch zu weit gegangen zu sein. An der 
bezeichneten stelle ist unzweifelhaft zu lesen < et > 5/J iig 
aXXog. Sehr fruchtbringend für die textkritik des Dexippos 
verspricht Dindorf 's schöne beobachtung zu werden, dass. De- 
xippos ein nach ahmer des Thukydides ist (praef. p. 
XXXIX). Dindorf beweist dies durch eine stattliche reihe 
von parallelstellen beider schriftsteiler, doch hat er merkwürdi- 
ger weise die schlagendste übersehen. 168, 25 f. heisst es 
nämlich bei Dexippos: töXfiy yuo nob dvvüfttag ntaisiaansg 
im tolg noX^nig *zäv ut*i [io%0 o vvz <a v. Wer denkt nicht 
sogleich an Perikles 1 leichenrede (Thucyd. II, 39 fin.): pi] droX- 
fAOTtQftvs t mv del [*o%9 o vvj u)v qiuCvsa&ai? Und schrieb 
nicht Dexippos an unserer stelle: töl^n yuo tiqo dwcifuoag ni- 
ajeCcHiviEg £»' toig noXeuoig <^ovn uioXfto itgoi qiaitor- 
jai~^> imv de) lAoiOovtimv'l 

Dem Dexippos lässt Dindorf das bekannte in ionischem 



Nr. 1. 14. Griechische Historiker, 33 

dialekt abgefasste fragment des Eusebios folgen. Die ersten 
zeilen (201, 1 — 202, 5) wurden bereits 1847 von C. Mueller 
im anhang zu seinem Josepbus veröffentlicht. Der weit be- 
trächtlichere rest ist binnen vier jähren viermal herausgegeben 
worden: 1) von Wescher in der Poliorcetique des Grecs 1867; 
2) von meinem hochverehrten lehrer Theodor Gomperz in 
der österreichischen gymnasial - Zeitschrift 1868; 3) abermals 
von Wescher in der Revue archeologique XVII, 401 ff., 1868; 
4) von Ludwig Dindorf in der vorliegenden Sammlung 
1870. Bei dieser gelegenheit darf gewiss das benehmen, welches 
Wescher gegen Gomperz zu beobachten für gut fand, nicht un- 
gerügt bleiben. Dass er Gomperz' emendationen in den text 
setzte, ohne ihn zu nennen, mag ihm noch hingehen; dass er 
aber auch in dem falle, wenn Gomperz' Verbesserung durch 
die handschrift bestätigt wurde, dies mit keiner silbe andeutete, 
wird er schwerlich verantworten können. Ausser Gomperz ha- 
ben C. Mueller und der letzte herausgeber zu der Herstellung 
des textes beigetragen. 

Es folgen nun die fragmente des Eunapios, deren text 
einerseits durch die vergleichung des oben erwähnten cod. Mo- 
nacensis 185, andererseits durch conjecturen Herwerdens, Mei- 
neke's, L. Spengels und des herausgebers verbessert wurde. 
An 208, 32 oti zuvta olx eattv u).?j&tj nahm Herwerden mit 
recht anstoss, doch ist nicht, wie er vorschlägt, uhjdl^ in uaquXtj 
zu ändern, sondern zuschreiben: oti talta <xa#' avza> 

OVX SGTIP uk?]&)J. 

Für die fragmente des Priskos lieferten die beiden 
münchuer haudschriften eine reiche ausbeute trefflicher lesarten. 
Ich hebe nur einige von denen hervor, durch welche früher 
gemachte conjecturen bestätigt werden: 295, 12 ßaailsvg statt 
ßuodi'a (Niebuhr), 298 , 32 sio^vr/v statt avfAfAU'^iav (Hoeschel), 
303, 11 uTioxQiiüfJsiog statt ano>igivä^nog (L. Dindorf), 305, 
24 ag ig statt wg (L. Dindorf), 309, 3 ovds statt ov 81] 
(L. Dindorf), 339, 20 sontoa statt ec/n-'ocp (L. Dindorf), 347, 
4 av7(p ts xul rm statt uviw. (Niebuhr: aliw xai rw). 

Es folgen die fragmente des Eustathios vonEpiphania. 
P. 355, 18 enthalten die worte 'IvöiytgÖov nötige g zov Ovaga- 
qüvov einen Verstoss gegen die Chronologie, weshalb C. Mueller 
Philol. Anz. VI. 3 



34 14. Griechische bistoriker. Nr. 1. 

vermuthete, 68 sei statt narqog zu schreiben viol. Warum 
nicht n « id 6 g? 

Den ärmlichen Überresten des Nestorianos, Magno s, 
Eutychianos und Johannes von Epiphania reihen 
sich die reichhaltigeren fragmente des Malchos und Petros 
an, deren text durch die beiden münchner handschriften viel- 
fach berichtigt ist. Bei Petros wird 432, 17 Niebuhrs Verbes- 
serung BuXsQtavov statt raXsQiavov durch den Mon. 185 be- 
stätigt; ebenso 434, 24 tijg ogyqg statt ogyijg. Den schluss 
des ersten bandes bilden die wenigen fragmente des Praxa- 
goras, Kandidos, Theophanes von Byzanz, 1 y m- 
piodoros, Nonnosos und ein reichhaltiger index. 

Der zweite band enthält die fragmente des Menandros 
Protiktor und den Agathias. Da der kritische apparat zu 
beiden autoren erst im dritten bände folgen soll, so muss das 
urtheil bis zum erscheinen dieses bandes verschoben werden. 
Doch ist zu bedauern, dass es Dindorf nicht vergönnt war, vor 
der drucklegung des Agathias die vatikanischen handschriften 
dieses autors (aus einer derselben ist der Rehdigeranus abge- 
schrieben) zu benutzen. Dindorf hofft indess, in den kritischen 
bemerkungen, die der dritte band bringen soll, von jenen hand- 
schriften gebrauch machen zu können. (Beiläufig eine conjectur 
zu Menandros 2, 10 ff. Es ist zu schreiben: cÖqiai'j&tjv eni ir t v- 
de 7iji' ovyy(jaq)?ji' f ^ rj v > ag %aä&ai fxsza rtjv anoßiojßiv Aya~ 
dCov xou rTjg lazogCag noiqoaa&at tijv <XQX,ijv **• Hinter ngyjiv 
ist ausgefallen tijv 7?jg ixeivov rslevzyv ißovlriOtiv oder etwas 
ähnliches). 

Möge der dritte band , welcher unter anderem auch den 
mit hülfe eines alten Vaticanus verbesserten Zosimos enthalten 
soll, recht bald erscheinen ! 

Isidor Hüberg. 

Nachschrift. Soeben erhalte ich ein schreiben von 
herrn prof. Gomperz, welchem ich folgende bemerkungen zu 
dem oben besprocheneu Eusebios - fragment entnehme: 202, 18 
vermuthet A Nauck t%o fiivovg statt a^oftivovg] 203, 12 
schreibt Nauck n g o a n a a a o /.t e t>ov statt n go ö n X a aao ju s rov. 
Zu 202 , 8 f. bemerkt Gomperz folgendes : „C. Mueller will 
unter anderem eigtoxet in ^iareve ändern ohue annähme einer 



Nr. 1. 15. Griechische rednef. 35 

lücke (welche Gomperz hinter tvatox^g vermuthete). Letztere 
halte ich für unbedingt nothwendig, weDn man nicht lieber 
xal vor ro^svaavTa tilgen will, was ich jetzt vorziehen möchte. 
ijotarevs oder agtaisve hatte mir auch Nauck als seine vermu- 
thung mitgetheiit''. Schliesslich schreibt mir mein hochverehr- 
ter lehrer : wenn Sie enträthsehi können, was 202, 28 statt 
tavra zu schreiben ist, — eris mihi magnus Apollo. Ich dachte 
an uyyqiu oder uy/sa. Der sinn verlangt: büchsen, gefässe, 
genechte, — aber das rechte wort wusste und weiss ich nicht 
zu finden. Jedenfalls ist taxixa absolut unmöglich". Sehen 
wir uns die stelle an: avrl zijg aüdiot; tijg nobg rq> axocp 
tov oigiov el^s ravza zutveq dij /xsfAtj^ccvrjzo oaozs zo tivq avzo 
sntqJoeiv. Dass in zavia die bezeichnung eines gefässes ver- 
borgen liegt, darin hat Gomperz gewiss recht. Ich gehe um 
einen schritt weiter : jenes gefäss darf weder von beträchtlicher 
tiefe sein, da sonst der darin liegende brennende gegenständ 
in seiner bewegung gehindert wäre, noch auch ganz flach, da 
sonst jener gegenständ bei der ersten bewegung herabfiele. 
Welche form ist nun die angemessenste? Die schaufelform. 
Aber gross darf die schaufei nicht sein , da sonst das geschoss 
vordergewichtig wird. Demnach: ein schaufelchen. Und 
nun stelle ich jedem die wähl frei, statt des corrupten zavza 
entweder nXazia oder öszd&ia zn lesen. 

J. H. 

15. Hermanni S au ppii symbolae ad ernendandos orato- 
res atticos. Gottingae 1873. 14 s. 4. 

In diesem dem göttinger lectionskatalog für das Winterseme- 
ster 1873/74 vorausgeschickten programm giebt der vf., nachdem 
er einleituugsweise sich in der kürze gegen die von Vömel bei 
der herausgäbe der demosthenischen reden, von Fr. Blass bei 
Antiphon , von A. Weidner bei Aeschines angewandten kriti- 
schen grundsätze ausgesprochen , werthvolle beitrage zur con- 
jecturalkritik für sieben redner der attischen dekas ; er bespricht 
drei stellen aus Antiphon, drei aus Andokides, fünf aus Lysias, 
vier aus Isokrates, drei aus isaios, sieben aus Demosthenes, eine 
aus Hyperides, iv naocöco auch je eine aus Xenophon, Polyaen, 
Didymos und der von U. Köhler im Hermes II veröffentlichten 
ein drakonisches gesetz enthaltenden iuschrift. Bei der un- 

3* 



36 15. Griechische fedner. Nr. 1. 

möglichkeit einer allseitigen besprechung heben wir nur einzel- 
nes hervor. Ueberzeugend ist p. 4 dargethan, dass Antiph. V, 
14 eine aus VI, 2 importierte, durch das ovtwg im anfang von 
§. 15 gekennzeichnete parallelstelle ist; durch deren ausschei- 
dung (jedoch unter festhaltung des xalzoi im anfang des §. 14) 
sowie durch die transposition des den Zusammenhang störenden 
§. 13 hinter §. 18 wird die wünschenswerthe Verbindung der 
zusammengehörigen gedanken in §. 12 und §.15 erzielt. So 
gewagt solche manipulationen mit der Überlieferung auch er- 
scheinen, so tragen sie doch ihre rechtfertigung in sich , wenn 
durch sie offenbare Ungereimtheiten beseitigt werden. Lys. 
XXV, 7 wird der vielbesprochenen stelle wohl durch die von 
Sauppe jetzt vorgeschlagene ausscheidung des xal vfielg yrm- 
osa&e besser aufgeholfen als durch die athetese des ganzen 
passus xayob nsoi i\ia.vzov rrjv anoloyiav nou]ao(xcn, änocpaivcov 
(Kayser , Eauchenstein , J. Frei) ; aal ifing yimasa&s ist eine 
ungeschickte ergänzung zu dem missverstandenen xayoi. Auch 
der einsetzung des artikels rcc zwischen za noüyixaza und iv z\i 
nölu Lys. XIII, 5 und der Streichung des etbqov hinter ovx 
saziv ort Andok. II, 16 stimme ich zu. Schlagend ist die 
emendation Isae. X, 23 (p. 12), wo anstatt des unverständli- 
chen imdsixvvvai xeXeveze si dixaicog zor iavzoii , dessen Un- 
nahbarkeit schon durch das folgende zovzo yaq öixaiöv iazt 
bezeugt wird, treffend conjiciert wird: imdeixvvvcu xsXevsts xul 
mg za savzov , iubete eum etiam hoc ostendere, Aristarchum de 
suis testatum esse. Die diplomatische berechtigung der änderung 
wird durch das fehlen des si in der ersten hand des Crippsia- 
nus bewiesen; wie es scheint, ist Sauppe entgangen, dass bereits 
Dobree durch ausstossung des dtxaimg einen verwandten ge- 
danken erzielen wollte. Daran mögen noch einige bemerkun- 
gen über stellen geknüpft werden , bei deren erörterung mir 
der vf. weniger überzeugend verfahren zu sein scheint. Andok. 
II, 12 will Sauppe in den Worten ov nsol zov awaui rag' Aftrjtag 
6 xCvövvog ijv avioig fiü)Jkov )j tieqI tov ju//ö' avzovg em&jjvai das b 
xivSvvog streichen als interprctamentum der von den abschreiben! 
nicht richtig verstandeneu phrase Sari poi negl zitog, wie sie z. b. 
Lys. XII, 74 gelesen wird: ov tzeqi nolizsutg ifiiv sazai dkla 
tzeqi oeozijoiag, wo in der vulgata vor Bekker 6 Xöyog hinzuglos- 
eiert ist. Aber bei der doch unbestrittenen zulässigkeit der wen- 



Nr. 1. 16. Aeschines. 37 

düng o xCvdvvog iozt nsot rivog (Xen. Hellen. VII, 1, 7) Hegt kein 
grund vor, von der handschriftlichen autorität abzuweichen. 
Lys. XIII, 67 verwirft jetzt auch Sauppe gewiss mit recht die 
hartnäckig von den herausgebern festgehaltene correctur des 
Lauren tianus: execdev 8s naidioxqp o.azrjg Hgdyoap (für i^nyaycov 
mit Cobet und Westermann) cD.iaxsiat , wo im Palatinus für 
uazijg gelesen wird alzog. Aber in uhzög steckt doch schwerlich 
das von Sauppe vorgeschlagene av&ig, sondern, dem vorhergehen- 
den eig K6 qivd ov ivzBV&svl entsprechend, die bezeichnung des 
locus in quem, also aveoa', d. h. avzoas, „hierher", nach Attika, 
wie ich in meiner ausgäbe hergestellt habe. Warum civzooe nicht 
diese deiktische beziehung soll in sich schliessen können (Rau- 
chenstein) , da doch uvio7> und uvröüev ganz geläufig so ver- 
wandt werden (vrgl. ausser den in der ausgäbe angeführten 
stellen über avrov noch Plat. Criton. p. 54a. Demosth. L, 3. 28. 
Isokr. XVII, 9. Isai. III, 23 : iv tq> aatei avrov, über aviödsv 
Xen. Memor. II, 8, 1. Demosth. XXXXV, 28. Plat. Gorg 
470 E, h&ivl? ciut6&si> Aristoph. Ach. 116), ist schlechterdings 
nicht einzusehen; die apostrophirung aitoa 1 ist übrigens durch 
Aristoph. Lysistr. 873 und Antiphanes bei Athen. XV, 666 F 
belegt. H. Frohberger. 

16. Eschine l'orateur. These pour le doctorat es lettres 
pre'sentee ä la faculte des lettres de Paris par Ferdinand 
Castets. 8. Nimes (Paris) 1872. 187 s. 

Ein durch Selbständigkeit der forschung beach- 
tenswertes buch , begründet auf sorgfältige ausbeutung des 
quellenmaterials, aber benachtheiligt durch 1 ü c k enh af tigkeit 
der benutzten bülfsmittel; der am schluss angeführte in- 
dex bibliographique nennt zwar ausser einer ziemlichen anzahl 
französischer monographieen , die zum theil in Deutschland we- 
nig oder nicht gekannt sein mögen , auch die ausgaben von 
Fr. Franke und Dindorf, die biographie des Aeschines von Ste- 
chow , aber die einschlagenden arbeiten deutscher philologen 
diesseit des jahres 1850 scheinen Castets unbekannt zu sein; 
sogar A. Schäfer's werk *) und die ausgäbe von F. Schultz 

1) Es scheint, Castets hat von der existenz einer arbeit Arnold 



38 16. Aeschines. Nr. 1. 

muss er unbegreiflicher weise übersehen haben, da geflissentliche 
nichtbeachtung doch nicht vorauszusetzen ist; von Böhneke 
kennt er nur die „forschmigen 1 ', nicht sein doch immerhin bei 
allen schwachen nicht todtzuschweigendes werk ,,Demostbenes, 
Lykurgos, Hypereides und ihr Zeitalter"; die benutzung von 
A. Weidner's Ctesiphontea mag durch die zeit ausgeschlossen 
gewesen sein. 

Die gewandt und lichtvoll geschriebene biographie trägt 
einen fast apologetischen Charakter; Aeschines ist Castets 
nicht der verräther , sondern ein kurzsichtiger (p. 42) , durch 
Philipps liebenswürdige persönlichkeit (par les manieres affables 
de Philippe p. 51), nicht durch materielle ein Wirkungen besto- 
chener politiker (p. 173) , höchstens, wenn man den ausdruck 
brauchen darf, ein verräther wider willen , eine fromme natur 
(dune püte" qui rappeile celle de Nicias ! p. 19), soldat von aus- 
serordentlicher bravour (p. 17), als Staatsbürger voll tiefen re- 
spects vor dem gesetz (p. 19), rechtschaffen im privat- und 
familienleben, als redner eine Vereinigung von anmuth, kraft 
und klarkeit , kurz , geeignet , das Ilias IX , 443 gezeichnete 
ideal des Staatsmanns [fiv&cov re grjtr/g' suevai ngrjxxJiqä te Hg- 
fear) in den äugen vieler Zeitgenossen zu verwirklichen (p. 172). 
Diese Vorliebe für seinen helden äussert sich auch in den günsti- 
gen urtheilen über dessen eitern (1. capitel) und Parteigenossen 
(le sage administrateur Eubulus, V eloquent Dimade etc. p. 26); 
selbst den unsauberen Philokrates ist er geneigt für das un- 
glückliche opfer eines stillschweigenden compromisses der par- 
teien zu betrachten (p. 52). Die kehrseite dazu bilden strenge 
urtheile über Demosthenes und die lauterkeit seiner angaben 
(p. 3, 17); die berichte des Aeschines, auch in eigener sache, 
werden auffällig bevorzugt, G. Grote p. 38 getadelt als bien 
8e"vhre pour Eschine et indulgent pour Dömosthene; wenn Demo- 
sthenes als redner den ersten rang verdient, so nimmt doch 
Aeschines une place voisine (p. 169) ein, seine beredtsamkeit 
verdient comme un modele (p. 174) hingestellt zu werden. Al- 

Schäfer's über Demosthenes eine dunkle idee gehabt ; wenigstens 
schreibt er p. 186 ihm den 1826 zu London erschienenen apparatus 
ad Demosthenem von Gottfried Heinrich Schäfer zu, eine fatale 
personenverwechslung, wie wir dergleichen ja bei unsern nachbarn 
jenseit der Vogesen nicht allzustreng zu censieren gewohnt sind. 



Nr. 1. 16. Aeschines. 39 

les in allem betrachtet, gewinnt man aus Castets' buche den 
eindruck, als habe er in dem löblichen streben nach unpartei 
lichkeit sich unvermerkt auf die schiefe ebene der ehrenret- 
tung um jeden preis verloren, wie früher sein landsmann 
Landois und unter den deutschen philologen 0. Haupt in sei- 
nem „leben des Demosthenes". 

Vermag man es, sich über die consequenzen dieses nowzov 
ipevdog hinwegzusetzen, so wird man immerhin nicht wenige 
partieen des buches nicht ohne befriedigung lesen, so die tref- 
fende characteristik Philipps und seiner bestrebungen , Macedo- 
nien zur grossmacht zu erheben (p. 24 f.), die Schilderung der 
audienz der ersten friedensgesandtschaft bei Philippos (p. 30 ff.) f 
wobei der biograph die angaben des Aeschines' über des De- 
mosthenes' fiasco mit anerkennungswerther vorsieht benutzt, das 
tactvolle resume" der rede gegen Timarchos (p. 59 ff.), die le- 
bendige darstellung der rastlosen thätigkeit des Demosthenes 
zwischen dem philokrateiseben frieden und dem feldzuge ge- 
gen Amphissa, die der Verfasser willig anerkennt, trotz aller 
reserves sur les moeurs et le caractere de Demosthene (p. 89). 
Weniger glücklich ist Castets gewesen bei dem referate über 
den gesandtschaftsprocess ; hier hat seine Voreingenommenheit 
für Aeschines ihm den streich gespielt, ihn ganz einseitig für 
ihn in die schranken treten zu lassen; während die rede des 
Demosthenes, deren rhetorische Vorzüge übrigens der Verfasser 
nach gebür rühmt, ihm nichts beweist, ja durch ein audacieux 
mensonge (p. 72) entstellt ist, ist die des Aeschines noble et 
digne (p. 86). Selbst in der verhängnissvollen sitzung des 
Amphiktyonenraths, in welcher die execution gegen Amphissa be- 
schlossen ward, hat Aeschines zwar als esprit etroit unter dem 
einflusse eines kurzsichtigen religiösen fanatismus gehandelt; 
aber an seiner sincerite und probite (p. 103) hat Castets nicht den 
mindesten zweifei ; Philippos' handlungsweise beweist ihm nur 
den politischen Scharfblick des königs , nicht die käuflichkeit 
des redners. 

Lobend muss anerkannt werden, dass Castets correct 
in der auffassung, gewandt, ja elegant in der wiedergäbe des 
quellenmässigen materials ist; ref. ist nicht in der läge, ein er- 
hebliches misverständniss ihm nachweisen zu können. Man 
weiss , dass nicht alle französischen philologen auf dieses lob. 



40 17. Plautus. Nr. 1. 

ansprach zu machen berechtigt sind. In seinen urtheilen über 
fragen der authentie zeigt er vorsieht und bekanntschaft mit 
den ergebnissen deutscher forschung; die in den text der atti- 
schen redner eingelegten Urkunden erkennt er , mit berufung 
auf Westermann, als unächt an (p. 56) , die angeblich aeschi- 
neischen briefe bezeichnet er in dem anhang des XII lettres attri- 
buies h Eschine als rhetorische [islerai, den „brief des Philip- 
pos" als apokryphes , aber sachlich werthvolles document (p. 
91). Irrthümer von belang sind dem ref. nur spärlich auf- 
gefallen; der erheblicbste ist wohl, dass er wiederholt (p. 73. 
152) dem competenten urtheile des Harpokration und dem ge- 
brauch der autoren zuwider (Meier, process 172), die aymvsg 
ärlfitjToi als die erklärt, bei denen die strafe durch einen zweiten 
act des processes erst habe gefunden werden müssen ; bekannt- 
lich sind das die aymvsg rtfirjrot, Utes aestimandae: vermuthlich 
hat sich Castets durch die irrige angäbe des Suidas bestim- 
men lassen. Ein leichtes versehen ist es, wenn p. 122 als das 
jähr der auffindung der rede für Euxenippos 1848 genannt 
wird; Arden erwarb die rolle schon 1847. 

Alles in allem glauben wir, dass der vice - rector der aca- 
demie zu Paris , Mourier, manchem wertloseren buche sein 
permis d'imprimer gegönnt hat. Dediciert ist das buch als hom- 
rnage reconnaissant dem durch verwandte Studien ja auch in 
Deutschland rühmlich bekannten academiemitglied Emile Egger, 
dessen arbeiten Castets mehrfach benutzt hat. 

H. Froliberger. 



17. Studien auf dem gebiete des archaischen Lateins, heraus- 
gegeben von Wilhelm S tu dem und. Erster band erstes lieft. 
Berlin, Weidmann'sche buchhandl. 1873. p. vm. 316. 8. — 2thlr. 

Bei der in vielen beziehungen noch immer recht empfind- 
lichen lückenhaftigkeit unserer kenntniss von alt lateinischer 
metrik und gramraatik ist das unternehmen StuHemund's, unter 
seiner leitung und mit Unterstützung aus seinen handschriftlichen 
schätzen zweifelhafte punkte dieser gebiete von seinen Zuhörern 
bearbeiten zu lassen, als ein höchst verdienstliches und aller 
Voraussicht nach fruchtbringendes zu begrüssen. Gleich die im 
ersten hefte, dem recht bald das zweite folgen möge, enthaltenen 
arbeiten von August Luchs und Eduard Becker erwecken das 



Nr. 1. 17. Plautus. 41 

günstigste vorurtheil und machen den Verfassern wie demjenigen alle 
ebre, dem sie anregung und anleitung zu diesen Studien verdan- 
ken. Die dem zwecke des Unternehmens ferner stehende und vom 
herausgeber aus gründen der pietät noch aufgenommene abhandlung 
von L. Reinhardt, de retracbatis fabulis Plautinis, hat schon im 
vorigen jahrgange des Anzeigers (nr. 8, p. 394) nach ihrem erschei- 
nen als Greifswalder doctordissertation ihre besprechung gefunden. 
Die Quaestiones metricae von Luchs (p. 1 — 75), der sich 
schon früher durch einen werthvollen aufsatz über Plautus im 
Hermes V, p. 264 ff. bekannt gemacht hat, erörtern die frage, 
unter welchen bedingungen die altlateinischen dichter im auslaute 
iambischer trimeter und octonare sowie trochäischer septenare un- 
mittelbare aufeinanderfolge von zwei iamben zugelassen haben. 
Völlig unbedenklich ist diese wie bei den spätem dichtem so 
bei den alten scenikern, wenn ein diiambisches wort oder ein 
wort von der messung eines creticus oder vierten päon , dem 
eine kurze silbe vorhergeht, den vers schliesst. Um irrthum zu 
vermeiden hätte verf. noch ausdrücklich den auch statthaften 
fall erwähnen können, dass auf die vorletzte kurze thesis meh- 
rere zusammen einen creticus oder vierten päon bildende Wörter 
folgen (vgl. Cure. 321 scire nimis lubet, Cist. IV, 2, 109 idm 
ego te sequar.). Ob sich aber wohl der fall noch öfters findet, 
dass wie Cure. 439 statuam volt dare auream, wo es so nahe 
liegt zu schreiben dare volt auream, die vorletzte kurze thesis 
von Einern worte gebildet wird? Dagegen scheint von den spä- 
teren dichtem die aufeinanderfolge zweier iambischer wörter 
oder eines mehrsilbigen iambiscb auslautenden und eines iambi- 
schen wortes im versschlusse durchaus vermieden zu sein, wäh- 
rend die alten sceniker einen derartigen versausgang nicht 
scheuen, wenn auf ein einen vierten päon bildendes oder ein 
anapästisches wort, dessen erste silbe mit einer vorhergehenden 
kurzen silbe die vierte arsis bildet, ein iambisches folgt. Dass 
sie aber die aufeinanderfolge zweier iambischer oder eines kre- 
tischen und eines iambischen wortes nicht zugelassen haben, 
behauptet Luchs, und die zur begründung dieser behauptung 
geführte Untersuchung bildet den wesentlichen inhalt der ab- 
handlung. Für Terenz kann die sache kaum einem zweifei 
unterliegen. Auf einstimmigem Zeugnisse der handschriften be- 
ruht ausser Eun. 400 qui habet salem, 474 tu ais Gnatho, Hec. 



42 17. Plautus. Nr..l. 

495 quo abist ades, Ad. 143 nam itast homo , wo wie an zwei 
plautinischen stellen Ps. 800 si eras coquos, Poen. 1, 2, 77 se 
amet , potest, verf. mit recht unter annähme eines in anapästi- 
schen versen allgemein anerkannten hiatus den vorletzten fuss 
anapästisch misst, nur eine stelle Haut. 304-, aber hier ist es 
kaum denkbar, dass der dichter nicht, wie an anderen entspre- 
chenden stellen statt des überlieferten rogare uti geschrieben hätte 
orare uti. Ausserdem kann höchstens in frage kommen die lesart 
des Bembinus in Phorm. 368: in malam crucem, wegen der Über- 
einstimmung mit zahlreichen plautinischen stellen , wo ebenfalls 
im verschlusse (in) malam crucem, (in) maxumam malam crucem 
erscheint. Da dies auch im inneren verse die regelmässige beto- 
nung und Wortfolge ist, so hat die auch das hinzutreten von maxu- 
mam zu malam crucem erklärende folgerung ihre vollste berechtigung, 
dass malam crucem als ein begriff gefasst wurde; sehr passend ver- 
gleicht vf. das statthafte fehlen des in mit dem sprachgebrauche 
von Achernus. Durch feststehenden Sprachgebrauch entschuldigt 
sich auch zweimaliges bona(in) fide am versende. Wenn verf. 
ferner den versschluss Cure. 66 id ab eo petas mit vollem rechte 
damit entschuldigt, dass die praeposition mit ihrem casus eng 
verbunden ist, so hätte er diese entschuldigung auch für Cure. 
477 malevoli supra lacum uud Merc. 585 illa apud me erit geltend 
machen können: an letzterer stelle ist allerdings apud med erit 
so gut wie keine änderung, wogegen das im Curculioverse ein- 
gesetzte supera wohl nicht ohne weiteres bei Plautus eingeführt 
werden darf. Stellen sodann wie Stich. 742 nam ita me Venus 
amoena amet (allerdings ist die erste vershälfte corrupt; aber 
darum auch die zweite zu verdächtigen , liegt kein grund vor, 
am allerwenigsten darf amoena getilgt werden) uud Aul. H, 2, 46 
tum trium litterarum homo (wo Uttrarum als doch ein gar zu be- 
denkliches hülfsmittel erscheint) dürfen mit auf zwei vollständige 
iambische Wörter ausgehenden versen nicht ohne weiteres auf 
gleiche linie gestellt werden. Hinsichtlich der stellen , wo 
sich keine derartige entschuldigung geltend machen lässt, so 
kommt eine recht grosse zahl einfach dadurch in wegfall, dass 
der betreffende versschluss, wie der verf. mit unermüdlicher ge- 
duld darthut, seine entstehung blosser conjeetur oder will- 
kürlicher messung verdankt, oder dass augenscheinliche Verderb- 
nisse vorliegen, deren beseitigung zugleich einen anderen vers- 



Nr. 1. 17. Plautus. 43 

scbluss herbeiführt, oder die, wenn sie sich mit Sicherheit 
nicht entfernen lassen, so doch der stelle jede beweiskraft neh- 
men. In einer ziemlichen anzahl von stellen corrigiren sich 
die hand Schriften selbst gegenseitig, namentlich durch leichte 
Umstellungen, so dass die anwendung von Umstellungen und an- 
deren leichten änderungen durchaus berechtigt erscheint. Frei- 
lich bleiben doch noch immer einige verse übrig, immerhin aber 
im verhältniss zu der zahl der iambischen senare und octonare 
und trochäischen septenare bei Plautus verschwindend wenige, 
wo sich eine wahrscheinliche änderung nicht darbietet. Lässt 
es sich daher auch nicht für Plautus mit gleicher Sicherheit 
wie für Terenz behaupten, dass er derartige verschlusse überhaupt 
nicht zugelassen hat, so kann es doch als ein gesichertes er- 
gebniss dieser arbeit angesehen werden, dass er sie möglichst 
gemieden, und damit ist wenigstens eine neue schranke für die 
willkür der conjecturalkritik gewonnen. Jedenfalls wird sich 
künftig jeder besonnene kritiker hüten , ohne die überzeugend- 
sten gründe einen derartigen versschluss in den text des dich- 
ters hineinzutragen. 

Einen sehr schwierigen gegenständ behandelt in erfolg- 
reichster weise die musterhafte arbeit von Becker de syntaxi in- 
terrogationum obliquarum apud priscos scriptores Latinos (p. 113 — 
314), von der die fast gleichzeitig in Fleckeisen's Jahrb. 1872 
p. 869 ff. erschienene, immerhin recht beachtenswerthe ab- 
handlung von Fuhrmann ,,der indicativ in den sogenannten 
indirecten fragesätzeu bei Plautus", namentlich hinsichtlich stren- 
ger methode weit in den schatten gestellt wird. Mit erschö- 
pfendem fieisse ist das weitschichtige material gesammelt und 
wie in den Lübbert'schen arbeiten in so klarer Übersichtlich- 
keit geordnet, dass sich auch der auf diesem gebiete weniger 
heimische mit grösster leichtigkeit zurechtfinden und die ge- 
wonnenen resultate selbständig nachprüfen kann. In der kürze 
ist der gang der Untersuchung folgender. Das erste kapitel 
behandelt die vom verf. als eigentliche bezeichneten fragesätze, 
die von einem wirklich eine frage ausdrückenden hauptsatze 
abhängen. Besteht zwischen dem hauptsatze und dem frage- 
sätze eine so lockere Verbindung, dass sich ersterer ohne Schä- 
digung des gedankens entbehren lässt, so ist der indicativ re- 
gel, findet eine engere Verknüpfung statt, der conjunctiv. Das 



44 17. Plautus. Nr. 1. 

erstere ist der fall , wenn der fragesatz von imperativen wie 
die, fac, sciam, responde und anderen oder ausdrücken wie te 
rogo, volo scire u. s. w. abhängt. Der conjunetiv erschein t in 
dieser Verbindung in den handschriften verhältnissmässig selten, 
auch wenn man zu den p. 151 ff. gesammelten stellen noch 
einige hinzunimmt , die verf. wie es scheint nicht ganz mit 
recht anderwärts untergebracht hat; doch ist es wohl zu weit 
gegangen, wenn verf. überall den indicativ hergestellt wissen 
will. Dass einzelne stellen einer änderung ziemlich hartnäckig 
widerstreben, darauf ist bei der beschaffenheit der Überlieferung 
an sich kein besonderes gewicht zu legen ; aber aus der selbst 
soweit überwiegenden üblichkeit einer derartigen lockeren syn- 
tactischen auffassung scheint doch keineswegs mit nothwendigkeit 
zu folgen, dass diese auffassung eine ausnahmslose war. Auch 
anderwärts sieht sich Becker genöthigt, ein schwanken des plau- 
tinischen Sprachgebrauches zwischen dem indicativ und dem 
conjunetiv, der dann schon bei Terenz zur regel geworden, an- 
zuerkennen; sollte sich nicht wenigstens der beginn eines sol- 
chen Schwankens auch für diesen fall annehmen lassen? Eine 
untrennbare Verknüpfung zwischen haupt- und nebensatz findet 
statt und steht daher stets der conjunetiv, wenn das subjeet 
des abhängigen satzes in den hauptsatz als objeet gezogen ist; 
es ist dies eine sehr wichtige entdeckung, dass man zwar ge- 
wöhnlich sagt: die quis liomo fecit, aber nie die hominem, quis 
fecit, sondern stets die hominem, quis fecerit. Ferner steht stets 
der conjunetiv, wenn der regierende satz selbst in die form ei- 
ner frage eingekleidet ist [quin dicis, dicisne, etiam dicis, possum 
scire?), oder selbst in einem abhängigkeitsverhältuisse steht, 
wenn jemand aufgefordert wird , sich von einer noch fraglichen 
sache durch nachsehen oder nachfragen kenutniss zu verschaf- 
fen, wenn der redende blos die absieht oder den wünsch aus- 
spricht, etwas in erfahrung zu bringen, wenn ein anderer als 
fragend eingeführt wird oder der redende von sich selbst sagt, 
dass er sich erkundigt habe. — Das zweite capitel handelt 
von den uneigentlichen fragesätzen, die von einem verbum ab- 
hängen, das an sich keine frage ausdrückt. Da in diesem falle 
zwischen beiden sätzen eine enge Verbindung stattfindet, so ist 
der conjunetiv regel. Stets aber steht der indicativ, wo nescio 
quis einen begriff bildet = aliquis, also die bedeu tung von nescio 



Nr. 1. 18. Plautus. 45 

ganz zurücktritt : sobald aber nescio seine volle bedeutung hat, steht 
der coDJunctiv. In ähnlichen Verbindungen wie nescio quis findet 
sich auch in von scio abhängigen fragesätzen bei Plautus der indica- 
tiv, daneben aber auch schon der conjunetiv, der in gewissen Verbin- 
dungen sogar stehend und schon bei Terenz ausnahmslos ist. Regel- 
mässig steht ferner der indicativ, indem meist ein ganz lockerer 
Zusammenhang zwischen haupt- und nebensatz stattfindet, in den 
mit den Imperativischen fragen audin und viden und mit vide 
und ähnlichen imperativen verbundenen fragesätzen, die sich 
auf etwas wirklich eben wahrnehmbares beziehen. Ebenso ist 
der indicativ regel in Wendungen sein quid volo, sein quam pot- 
est, in denen sein die bedeutnng einer auf antwort zielenden 
frage nicht mehr hat, dagegen der conjunetiv, wenn sein wirk- 
lich eine frage ausdrückt , auf die eine antwort erwartet wird, 
wie in dem gleichen falle nach audin. Auch nach vide steht 
der conjunetiv, wenn der inhalt des fragesatzes sich erst aus 
dem folgenden ergiebt. — Vielfach lässt sich ein abhängiger 
satz ebenso gut als relativ- wie als fragesatz auffassen: diesen 
punkt behandelt verf. schliesslich im dritten capitel. 

Dass im einzelnen noch manches der aufklärung bedarf, 
hat sich verf. selbst nicht verhehlt; in den hauptpunkten aber 
ist fester, sicherer grund gewonnen, und der bisher landläufi- 
gen Vorstellung, dass die altlateinischen Schriftsteller in indirec- 
ten fragesätzen beliebig den indicativ und conjunetiv gesetzt 
haben, nunmehr endgültig ein ziel gesetzt. 

18. P. Langen i quaestiuneula grammatica. Prooemium 
zu dem Verzeichnisse der Wintervorlesungen 1873/74 der mün- 
ster'schen academie. p, 2 — 6. Münster 1873. 

Indem verf. hinsichtlich der plautinischen stellen, wo sich 
ein allerdings bedenken erregendes auf der ersten oder zweiten 
silbe betontes daetylisches istius oder illius findet, einerseits die 
ansieht Ritschl's verwirft, dass diese formen bei den scenikern 
auch unter dem versictus die erste silbe verkürzen können, 
andrerseits die von Brix (einleit. zum Trin. p. 19) gebilligte 
annähme Müller's , dass sie von Plautus auch zweisilbig ge- 
braucht seien mit consonantischer ausspräche des zweiten »', 
macht er selbst den Vorschlag, an solchen stellen istis, Ulis bzw. 
nuüis zu schreiben. Es soll dies eine mittelform zwischen dem 



46 19. Terentius. Nr. 1. 

gewöhnlichen Ulius, istius, nullius und dem seltenen isti, Uli, 
nulli sein •, begründet wird das angebliche nebeneinanderbestehen 
der formen istius und istis durch die vergleichung mit der bald 
einsilbigen ausspräche von eius , huius , cuius. Wie diese be- 
gründung eigentlich zu verstehen ist, ist um so unklarer, als 
p. 5 z. 3 v. u. in den worten : sicuti constat fuisse quoius 
duabus, .jquoius" (f quoisj una syllaba pronuntiatum ss., sicherlich 
ein druckfehler vorliegt. Ueber die quantität der endsilbe der 
von ihm angenommenen formen hat es verf. vermieden, sich 
direct auszusprechen; er muss die endsilbe wohl aber lang ge- 
messen haben wollen, da er Merc. 51 Ulis augerier schreibt, wie 
auch bei Ter. Phorm. 648 Ulius ineptias ein spondeisches Ulis 
anzunehmen wäre, wenn die ganze vermuthung nicht höchst 
unsicher erschiene. Uebrigens ist wohl Cure. 716 für Libera 
haec est, hie huius frater est, haec autem Ulius soror für Ulius zu 
schreiben huius; denn welcher grund könnte wohl Plautus be- 
wogen haben, den vorher mit hie bezeichneten miles nicht wieder 
mit demselben pronomen, wie doch die Planesium (haec, huius, 
haec), zu bezeichnen? 

19. Analecta critica quae ad testimonia veterum Terentiana 
speetant. Diss. inaug. (Marb.) . . . scr. Adolphus Steu- 
bing, Visbadensis. Marburgi Cattorum , 1872. (52 s. und 
2 s. sententiae controversae). 

Die vorliegende , mit ausserordentlicher Weitschweifigkeit 
geschriebene dissertatiou behandelt eine reihe terentianischer stel- 
len, die von Cicero, Varro und Hieronymus verschieden von 
unsern handschriften citirt werden. In bezug auf Eun. 539 
weist der verf. richtig die unzuläsnigkeit der in den handschrif- 
ten Cicero's Ep. ad Att. VII, 3, 10 sich fiudenden lesart in Piraeum 
nach : dasselbe hatte aber auch schon Bentley in viel weniger 
worten gethan. Richtig ist auch der nachweis, dass Cicero's 
handschriften hier fehlerhaft seien, doch hätte auch dieser nach- 
weis sich kürzer darthun lassen. Uebrigens hat auch Wesen- 
berg in seiner neuen ausgäbe der ciceronischen briefe in Piraeo 
drucken lassen. Dagegen steht es anders mit dem bekannten 
verse Ad. 60, wo der vf. sich vergebens bemüht das von Ci- 
cer. de invent. I, 19, 27 gewährte clamitans als unberechtigt 
zu erweisen. Dieselbe lesart wird ganz sicher auch vom A des 



Mr. 1. . 19. Terentius. 47 

Terenz und Doriatus gestützt, und dagegen ist nicht so leicht 
anzukommen, wie der verf. p. 12 und 13 zu denken scheint. 
Im gegentheil muss clamitans in den text eingeführt, aber agis 
als metrisches glosaem entfernt werden : venu dd me saepe cid- 
mitans: quid, Micio? — wodurch, wie uns dünkt, auch der aus- 
druck an lebhaftigkeit gewinnt {saepe clamitans würde nichts 
anstössiges haben, indessen verbinde man venu saepe). — Die 
stelle Phorm. 850 wird daun mit bezug auf Varro bei Festus 
p. 372 Müller, und mit benutzung von Mommsens mittheilun- 
gen richtig behandelt, freilich ohne dass der terentianische text 
selbst davon gewinn zöge; auch stimmen wir dem vf. bei, dass 
Ad. 117 die bekannte von Varr. LL. VII, 84 angeführte lesart 
scortatur für ohsonat wirklich ein gedächtnissfehler ist (wie 
das ja schon Bentley's ansieht war): Varro verwechselte offen- 
bar v. 117 und 102. Die ansieht von B. Paulmier verdiente 
kaum so lange Widerlegung, wie der vf. ihr angedeihen lässt ; 
dagegen verdienten andere neue versuche, Varro's lesart für 
den terentianischen text nutzbar zu machen, immerhin erwäh- 
nung, wenn wir sie auch jetzt für verfehlt erachten. Ad. 112 
ist der handschriftliche text keinenfalls zu ändern ; jeder ken- 
ner terentianischer verskunst wird sicher tu homo ddigis me ad 
(mit hiatus nach bekannter regel) insdniam dem von dem 
Verfasser p. 27 empfohlenen tu me homo adigis ad insdniam 
vorziehen, und die berufung auf Putschis Proll. CCLI sq. möchte 
wohl selbst Eitschl in diesem falle nicht billigen. Ad. 127 (p. 
28) hat Terenz entweder consuliis geschrieben, oder man muss 
sich mit dem gleichklange consulis und consilis begnügen. — Bei 
weitem den grössten räum (p. 32 — 52) hat der vf. der behand- 
lung einer stelle der Hecyra, v. 201 , gewidmet , wo er vor- 
schlägt aus Hieronymus (s. Umpfenbachs note) die worte quid 
est hoc (freilich liest Hieronymus quid hoc est) aufzunehmen 
und sie der Sostrata als Unterbrechung der rede des La- 
ches zuzutheilen. Der ganze vers soll alsdann heissen: So. 
quid ist hoc? LA. itaque adeo uno animo omnes öderunt soerus nurus 
(die handschriften haben soerus oderunt nurus). So sehr wir 
sonst der ausfiihrung des vf. gegen Fleckeisens omnes soerus 
omnes suas oderunt nurus beistimmen, können wir doch nicht 
glauben, dass ihm die heilung der schwierigen stelle gelungen 
ist, Erstens wird sein Vorschlag schon unwahrscheinlich durch 



48 20. Griechische geschickte. Nr. 1. 

die zwiefache Umstellung, zu der er sich genöthigt sieht, sowohl 
in den Hieronymus- als in den terentianischen handschriften ; zwei- 
tens ist der ausgang mit zwei iambischen Wörtern socrus nurus, 
den der vf. erst durch seine Umstellung herbeiführt, unterentia- 
nisch (man sehe A. Luchs Quaestiones metricae, im ersten hefte 
von W. Studemund's Studien auf dem gebiete des arch. Lat.)> 
während das von den handschriften gebotene öderünt nurus 
kunstgerecht ist; drittens können wir uns mit dem vom vf. 
auch erst zu wege gebrachten rhythmus hoc itaque a \ deo üno\ 
animo ömn | nicht befreunden. Der von L. Schmidt p. 52 ge- 
machte Vorschlag oderunt socrus, nurus zu verstehen, ist anspre- 
chend , lässt aber alle anderen hauptschwierigkeiten unberück- 
sichtigt. Wir sind also auch noch nicht von der berechtigung der 
von Hieronymus mehr citierten worte für den terentianischen 
text überzeugt. — In den sententiae controversae theilt der vf. 
noch eine wenig überzeugende conjectur zu Eun. 560 mit, den 
er lesen will: A. quid tacesf Ch. o festus dies huius hominis! 
a amice, salve, wo uns namentlich a recht müssig erscheint. — 
Bei künftigen productionen möchten wir dem vf. rathen das 
englische Sprichwort zu beherzigen : brevity is the soul of wit ; 
in vorliegender schrift haben wir es mühsam gefunden, in den 
weitschweifigen ausführungen des pudels kern zu entdecken. 

W. Wr. 

20. Urkunden zur geschichte von Samos. Herausgegeben 
und erläutert von Carl Curtius. Mit einer tafel. Separatab- 
druck aus dem Weseler gymnasialprogramm. Wesel, druck von 
A. Bagel. 1873. 4. 12 ss. 

Das vorliegende programm bringt zwei samische inschrif- 
ten zur Öffentlichkeit, welche vf. 1870 auf der insel abgeschrie- 
ben hat. Die kürzere von beiden , welche er nach äusseren 
merkmalen in das dritte oder zweite Jahrhundert vor Chr. setzt, 
berichtet, wie vf. meint, von absendung einer triere unter 
Dionysios nach Iasos, um mit dieser Stadt eine symmachie zu 
schliessen. Zu solchem zweck wäre freilich die absendung ei- 
nes kriegsschiffes ein unnöthiger aufwand gewesen, ebenso un- 
nöthig auch die erwähnung derselben in der Urkunde. Die 
Worte Ol GTQctT{v6ufitvoi (v Tijt xaracpQuxT u)t vql jTj uno- 
öiahtlöt] vtio tov örifxov ngug *Ia6e7g ini ßvfifia^uv sprechen 



Nr. 1. 20. Griechische geschickte. 49 

vielmehr von bereits geleisteter „bundeshülfe ; die verkennung 
dieser im lexikon ausreichend belegten bedeutung von av^fxaxCa 
hat auch anderwärts schon unheil angerichtet. 

Die grössere inschrift, 38 zeilen von durchschnittlich 21 
buchstaben, in attischem dialekt mit mehreren eigenthümlich- 
keiten, giebt einen volksbeschluss zu ehren der lasier Goi'gos und 
Minnion, söhne des Theodotos, welche sich um die Samier sehr 
verdient gemacht haben; besonders hat Gorgos durch seine Ver- 
wendung sehr viel dazu beigetragen, dass Alexander der Grosse 
die rückgabe der (von attischen kleruchen besetzten) insel an 
die verjagten Samier befahl, und hat, als die Hellenen den könig 
desswegen bekränzten, ihm die gleiche aufmerksamkeit erwiesen. 
Alexander Hess die rückkehr der verbannten 324 v. Ch. an den 
olympischen spielen ankündigen , aber erst 322 gelangten die 
Samier in den besitz ihrer insel. In dies jähr oder nicht lange 
darnach fällt also, wie vf. erkannt hat, die abfassung der inschrift. 
Der ziemlich gut erhaltene text ist von ihm mit einem commen- 
tar ausgestattet worden , welcher alle in sachlicher wie sprach, 
licher hinsieht wichtigen punkte trefflich erläutert, auch auf die 
geschichte der wechselnden beziehungen zwischen Athen und 
Samos gründlich eingeht. Zu statten kommt dem vf. dabei die 
kenntniss noch andrer, unedirter inschriften, wie umgekehrt er 
mittelst der unsrigen die richtige ergänzung in nr. 2672 des 
Corp. inscr. graecarum machen konnte: [EnsiSi) rüo]yo^ y.al Mivvimv 
Oeo8Ö7[ov v'i]ol x[aX]ol xayiwJnl yeysvqvTat, , in welcher ähnlich 
von erfolgreicher Verwendung jener männer bei Alexander für 
ihre Vaterstadt die rede ist; Böckh hatte [sfvy.o~o]yog vermuthet. 
Diesen lasier identificirt vf. mit Gorgos, dem zeugwart Alexan- 
ders, welcher nach Ephippos bei Athen. 12, 53 im herbst 324 
bei der Dionysosfeier in Ekbatana den könig bekränzte, indem 
er zeit und handlung für die nämliche ansieht. Aber jene be- 
kränzung in Ekbatana ist nicht ernst gerneint gewesen, in Wirk- 
lichkeit war sie ein act witziger Schmeichelei, welcher auf die 
damalige absieht Alexanders, Athen zu bekriegen, bezug hatte- 
von einer ehrfurchtvollen bekränzung zum dank für die den 
Samiern erwiesene wohlthat ist dort keine rede. Diese dankes- 
erweisung müssen wir in eine spätere zeit setzen: denn die der 
^schritt zufolge ihr vorausgegangene bekränzung durch die 
„Hellenen" geschah im frühjahr 323, s. Aman 7, 23, 2 (vgl. 
Philol. Anz. VI. 4 



50 21. Griechische geschichte. Nr. 1. 

7, 14, 6; 19, 1) und Diodor. 17, 113. Die möglichkeit der 
identität beider Gorgos wird dadurch nicht ausgeschlossen. Aber 
ganz unmöglich ist, dass der Samier Epikuros, welcher laut unsrer 
inschrift das ehrendecret für die zwei lasier beantragt hat, seinen 
namen nach dem vorbild und zu ehren des berühmten philosophen 
erhalten habe. Denn dieser, im januar 341 auf Samos geboren, 
kann wohl nur der jüDgere Zeitgenosse eines mannes gewesen 
sein, welcher 322 oder bald darnach einen volksbeschluss ver- 
anlasst hat. U, 

21. Die metopen von Selinunt mit Untersuchungen über 
die geschichte die topographie und die tempel von Selinunt, ver- 
öffentlicht von Otto Benndorf. Berlin, verlag von J. Gut- 
tentag. 1873. Fol. 82 s., 13 tafeln. — 16 thlr. 

In prachtvoller ausstattung erscheint mit vorliegendem werk, 
auf lithographischem wege nach Photographien veranstaltet und von 
sachkundiger hand mit einem eingehenden commentar versehen, 
eine neue ausgäbe der berühmten metopen von Selinus, welche 
durch ihr hohes alter, — die jüngsten sind vor 409, dem jähr, 
in welchem die Stadt zerstört wurde, oder vielmehr, wie der vf. 
wahrscheinlich macht, vor 415, die ältesten bald nach der grün- 
dung (651 oder 628) entstanden — für die griechische kunst- 
geschichte von grösster bedeutung sind. Einen besonderen werth 
hat der commentar durch die hier zum ersten mal vorgenommene 
stilistische Würdigung dieser reliefs. Die betrachtung ihrer Ver- 
schiedenheiten ergiebt, dass am ältesten und unvollkommen- 
sten die metopen des tempels C, wenig jünger die des F sind, 
während E die jüngsten und gereiftesten bietet. Diese unter- 
scheidung findet ihre bestätigung in der architektonischen Unter- 
suchung, durch welche die sieben erhaltenen tempel in eine ältere 
(C D F) und eine jüngere gruppe (G E A B) getheilt werden. 
Der grossartigste von allen istG, das „Apolloniou" nach der in ihm 
gefundenen grossen inschrift; über die Zugehörigkeit der andern 
ist, mit ausnähme von E (einem tempel der Hera, wie aus einer 
der kleineren inschriften zu schliessen) , wenig oder nichts zu 
erheben. Sämmtliche tempel, den unbedeutenden ß ausgenommen, 
sind, wie vf. nachweist, in einer eigentümlichen , ihrer neben- 
bestimmung als schatzhäuser entsprechenden weise gegliedert, 
so dass drei abtheilungen hinter einander sich immer höher er- 



Nr. 1. 21. Griechische geschiente. 51 

heben: zuerst pronaos, hinter ihm die cella, welche als thesau- 
ros am längsten sich ausdehnt, zuletzt das Adyton mit dem 
durch seine hohe Stellung überall sichtbaren götterbild; zu den 
eigenthümlichkeiten der jüngeren tempel gehört , dass diese an 
der westlichen seite des allerheiligsten noch einen vierten räum, 
eine art opisthodom, enthalten. 

Die allseitige betrachtung der kunstreste von Selinus und 
die behaudlung der drei dort gefundenen inschriften hat den vi 
zu einer Untersuchung der topographischen und geschichtlichen 
Verhältnisse geführt, deren ergebnisse die ersten capitel des so zu 
einer monographie über Selinus erwachsenen werkes mittheilen. 
Er zeigt, dass bis 409 nicht bloss die ummauerte akropole, 
welche die tempel A B C D trägt , sondern auch das östliche 
plateau, auf dem E F G stehen, sammt dem zwischen beiden 
liegenden thal zur Stadt gehört hat, und sucht auf eiuer erhebuüg 
des letzteren die agora, in deren nähe aber den hafen. Bisher 
hatte man auf dem östlichen plateau zwar einen besonderen 
stadttheil (die sog. neapolis) angenommen , diesen aber sammt 
der zwischen beiden höhen gelegenen niederung von der stadt- 
befestigung, welche so bloss die sogenannte akropolis am meer und 
die nördlich von ihr befindliche höhe umfasst hätte, ausgeschlos- 
sen gedacht; im Zusammenhang damit wurde der markt zuerst 
in der unbedeutenden einsenkung zwischen dieser höhe und der 
akropolis, dann aber, als sich die unStatthaftigkeit dieses ansa- 
tzes herausstellte, von Cavallari und Schubring östlich vom tem- 
pel C auf einer terrasse der akropolis gesucht, vgl. Schubrings 
am 9. december 1872 während der drucklegung des Benndorf« 
sehen werkes gehaltenen Vortrag (Archäol. zeitung. N. F. 5, 99). 
Wie Schubring auch nach dem erscheinen der arbeit Benndorfs 
noch an jenen aufstellungen festhalten mag (a. a. o. 6, 71), ist 
schwer zu begreifen. Von den drei heiligthümern des ostpla- 
teaus gehört der bedeutendste zu den grössten tempeln des 
alterthums und der kleinste kommt an umfang dem grössten 
der akropolis gleich; alle drei waren, wie die bauart lehrt und 
die ausgrabungen bestätigt haben, schatzhäuser, ausgestattet mit 
werthvollen weihgescheuken. Die östliche höbe enthielt also den 
grösseren, ja grössten theil der durch ihren reichthum berühmten 
selinuntischen tempelschätze. Dieser umstand nöthigt, wie Benn- 
dorf bemerkt und schon Holm Gesch. Sic. 1, 138 nicht verkannt 

4° 



52 21. Griechische geschichte. Nr. 1. 

hat, die neapolis sich innerhalb der gesammtbefestigung zu den- 
ken. Nur so versteht man, dass die Karthager nach erstürmung 
der mauern und niedermetzlung der männer die in die tempel 
geflüchteten weiber und kinder gegen ihre gewohnheit ver- 
schonten, damit dieselben nicht in der Verzweiflung feuer an 
die tempel legten und so den besten theil der gehofften beute 
vernichteten (Diod. 13, 57). Aus der geschichte dieser erobe- 
rung geht aber auch hervor, dass der markt nicht auf der zwi- 
schen tempel G und der südöstlichen mauer der akropolis be- 
findlichen terrasse gesucht werden darf. Als in blutigen kämpfen 
endlich die mauer und die an sie stossenden Strassen erobert 
worden waren, sammelten sich die Selinuntier zu einem letzten 
Verzweiflungskampf auf dem markte; dieser war also, wie Benn- 
dorf erkannt hat, von den mauern abgelegen und in der mitte 
der Stadt. Wenn Schubring es unzulässig findet, die agora in 
dem „sumpfthal" anzusetzen, so ist dagegen zu erinnern, dass 
Benndorf dieselbe nicht in den sumpfigen südwestlichen theil 
der niederung (in dem er mit Schubriug und Cavallari die statte 
des hafens erkennt), sondern in den inneren, etwas höher gele- 
genen theil derselben verlegt. 

Die grösste der drei inschriften, altdorischen dialekts und 
eigenthümlich stilisirt, ist wegen ihrer historischen und mytho- 
logischen bedeutung seit ihrer auffindung im frühjahr 1871 der 
gegenständ vieler besprechungen gewesen. Durch ein genaues 
facsimile ist es dem vf. möglich geworden, die meisten ergän- 
zungsversuche zu erledigen und im anschluss an Holm einen 
befriedigenden text herzustellen. Die inschrift zählt die götter 
auf, welchen die Selinuntier nach gewonnenem frieden (yiXiag 
ysvnfjie.rai:) ein weihgescheuk im werth von 60 talenten gold ge- 
loben. Wann und mit wem der hier vorausgesetzte krieg geführt 
worden ist, glaubt Benndorf durch vergleichung und Verbesserung 
folgender stelle Diodors (11, 86) aus dem jähr 454 bestimmen zu 
können- 'Eytazaiuig nal AiXvßaioig ivsartj nc'tXeftng nef)) #&)"«£ r$g 
ttQng tut Ma^ctQQ) nozuftq)' yevofxsnjg de itoLfflS io%VQug Ovveßlj noXXovg 
aa(f u[j.q:o7fQotg utniQsOfjvat x«t iHjg qnioteixiag /</) Xij^ui tag 
jtcXstg, aber, wie uns scheint, mit unrecht. Schubring Philol. 
24, 62 schreibt StXivovvrioig statt 'Eyeaiaioig und erklärt AiXv- 
ßaiotg mit Wesseling für einen ungenauen ausdruck statt Morvijroig 
(insofern die damals noch nicht gegründete Stadt Lilybaion später 



Nr. 1. 21. Griechische geschichte. 53 

als hauptstadt des karthagischen gebiets auf der insel an die 
stelle des benachbarten Motye getreten sei). Weit einfacher ist 
Benndorfs verfahren, welcher das jedenfalls unrichtige Ailvßaioig 
durch JSeXwövprioig ersetzt. Auch ist das, obgleich auch von 
Benndorf anerkannte, bedenken, welches durch Schubrings con- 
jectur beseitigt werden soll , nicht so bedeutend , um eine text- 
änderung zu rechtfertigen : wenn auch an der küste Lilybaion 
sammt Motye und Eryx zwischen dem fluss Mazaros und Egesta 
lag und auf dieser seite der fluss kaum ein gegenständ des 
Streites zwischen zwei städten (Lilybaion-Motye und Egesta) ge- 
wesen zu sein scheint, welche beide nördlich von ihm lagen, so 
war doch im inneren das verhaltniss ein anderes und hat sich 
auch das gebiet von Egesta, wie wir sehen werden, zu zeiten 
bis zum Vorgebirge Lilybaion erstreckt. Dagegen ist es kaum 
denkbar, dass Diodor Lilybaion und Motye mit einander ver- 
wechselt habe. In sachen seines Vaterlandes Sicilien ist er 
durchaus nicht der unwissende compilator, als welchen er sich 
ausserdem kundgibt; hier ist er wohlunterrichtet und ergänzt 
oft die mittheilungen seiner älteren quellen durch fortführung 
der geschichte eines in rede stehenden gegenständes bis auf 
seine zeit, vgl. 13, 35. 90. 16, 7. 70. Aus ihm allein wissen 
wir, dass die stadt Lilybaion erst 397 an dem gleichnamigen 
Vorgebirge gegründet worden ist ; er bringt diese nachricht über- 
dies zweimal und zwar beidemal nur beiläufig an (13, 54. 22, 10), 
während an der rechten stelle er sie mit gewohnter flüchtigkeit 
übergangen hat. Auch ist noch ein andrer verdachtgrund gegen 
Ailvßat'otg zu erwähnen: Diodor würde wahrscheinlich Advßntiatg 
geschrieben haben , wie er 36, 4 zweimal schreibt und gewöhn- 
lich geschrieben wird (lateinisch entsprechend Lilybaetani), wäh- 
rend AiXvßaloi nur von Stephanos von Byzanz als zweite form 
aufgestellt wird. 

Ein anderer Vorwurf, welcher Schubrings conjectur trifft, haf- 
tet auch an der Benndorfschen: beide sind viel zu gewaltsam, um 
wahrscheinlich zu sein, und niemand versteht, wie die abschrei- 
ber dazu gekommen sein sollen, Sel.tvovviioig in AiXvßaioig oder 
in *EytGTa[oi<j zu verwandeln. Es nützt auch nichts, wennBenn- 
dorf erinnert, dass Seliuus und Egesta auch sonst und gerade 
wegen eines flussthals mit einander Streitigkeiten gehabt haben, 
welche zweimal, 415 und 409, einen schweren krieg über die 



54 2. Griechische geschichte. Nr. 1. 

ganze insel gebracht haben. Es fehlt die hauptsache, der nach- 
weis , dass dies das thal des Mazaros gewesen sei ; wenigstens 
können wir nicht zugeben, dass Diod. 12, 82 tzsqI x°°Q m <>' dificpta- 
ßqzqaifAOV, noza^ov ttjv%coyav läiv 8ia(fEQon&vo3v nöXscov OQiXovtog 
eine rückbeziehung auf unsere stelle enthalte: dazu sind beide 
stellen viel zu weit von einander entfernt. Das zwischen Seli- 
nus und Egesta strittige gebiet dürfte vielmehr am fluss von 
Lilybaion, dem jetzigen Marsala zu suchen sein, wie das olymp. 50 
nach Diodor 5, 9 wirklich der fall war: nXsvaavtsg rqg JZixeXlag 
sig zovg xazd ro AtXvßatov zonovg (KviSiot) xaziXaßor 'Eyeozaiovg 
xal 2eXivovvzlovg 8ianoXü(xovvzag nyog dXXfjXovg, Tzsiade'vzsg de 
rolg 2eXivovvzioig ovftftaxsiv noXXovg dnißaXov xazd iijv ^«j^i», vgl. 
Pausan. 10, 11 im Tla^vvo) (Verwechslung mit Lilybaion wie 
5, 25) xtiaavzsg nöXiv . . ixninzovaiv vno 'EXi'fxcov xal (poi.vixmv 
Ttolificp msa&svzeg. Die Elymer, welche vor den Karthagern 
am Vorgebirge Lilybaion wohnten (Strab. 13, 1, 53), sind dem- 
nach bürger von Egesta gewesen. Dass diese gegend den Zank- 
apfel zwischen Egesta und Selinus gebildet hat, ersehen wir 
auch aus einer andern thatsache: nachdem 413 der erste jener 
beiden kriege für die partei der Selinuntier glücklich geendet 
hatte, finden wir diese 409 bei dem beginn des zweiten krieges 
im besitz der umgegend des Lilybaion, Diod. 13,54: xarsnXtvae 
(^Avrißag) .. im i?jv dxgav zijv univavzi ztjg Aißvtjg xaXovfif'rtjv 
AiXvßaiov xa& } ov 8rj ^oo^o*' zäv 2sXivovvzicov zivlg Inniatv tisqi 
joig Tonovg SiaTQißovzsg io [tiys&og tov xazanXiovzog azoXov 
•&Eaad(iepot ia%£(ag zoig noXizaig zijv zk>v noXs^Ccov nagovalav 
iSrjXmaav. Nach alle dem ist in dem corrupten AiXvßaloig ein 
anderer, den buchstaben der textüberlieferung näher kommender 
name zu suchen: nach unserer ansieht ' AXixvctioig. Dieser name 
einer wenig bekannten Elymerstadt zwischen Egesta, Entella, 
Selinus und Lilybaion ist bei Diodor nur 14, 54 ff. unver- 
sehrt geblieben: 14, 48 steht "Ayxvqai, 22, 10 und 23, 5 ' AXiij. 
valoi; auch 36, 3 AyxvXioov ist nach Dindorf entstellung von 
' AXixvatcov. Bei Steph. Byz. Metai steht in den hdss. Avxat 
Avxalog statt ' AXixvai ' AXixvalog , ähnlich findet sich der fluss 
Halykos öfters Lykos geschrieben. Die erklärung der selinun- 
tischen inschrift wird also von Diodor 11, 82 absehen müssen. 
Zum schluss erwähnen wir noch eine werthvolle beigäbe 
des Benndorf" sehen werkes; die beschreibung und erklärung 



Nr. 1. 21. Griechische geschichte. 55 

seliüuntischer münzen von Imhoof-Blumer. Ein theil derselben 
führt das wappen der stadt, ein eppichblatt; auf vielen jüngeren 
finden sich darstellungen , welche auf die dem Empedokles zu- 
geschriebene entsumpfung des Stadtgebietes bezug haben. 

U. 

Während *) der grösste theil der uns überkommenen reste 
der älteren griechischen skulptur in monographien in neuester 
zeit vielfach behandelt worden ist, fehlte eine zusammenfassende 
darstellung über den stil der metopenreliefs von Selinus : die- 
sem mangel hat nach genauer persönlicher prüfung derselben 
an ort und stelle der herausgeber abgeholfen, indem er im an- 
schluss an eine darstellung der topographie und geschichte der 
stadt Selinus und des architektonischen Charakters ihrer tem- 
pel mit vorläge vortrefflicher abbildungen die allmähliche ent- 
wicklung des skulpturstils dieser zeitlich zum theil erheblich 
auseinanderliegenden Skulpturen in meisterhafter weise erörtert. 
Hier beschränken wir uns auf die unsern Studien näher lie- 
gende behandlung der im adyton des Apollotempels 1871 auf- 
gefundenen und vielfach besprochenen grossen inschrift, da wir 
glauben , dass auch nach der besonnenen und concisen darstel- 
lung Benndorfs noch manches darüber zu bemerken ist. Ab- 
gesehen von der zeilentheilung lautet diese inschrift folgen- 
dermassen : 

I [/Ji~\u zotig &eovg zov[g]8e vmmvzi zol HsXivovvltioi'] 

II 1 [8t~\u. zov /Ha vmäpeg 

2 xat 8[ia\ zov &6ßov 

3 [na}] 8[iu~] 'Hoctxlia 

4 aal oY 3 AnölXcova 

5 xal 8iu H[na~\):[t8nr~\va 

6 x«< <5<[«] Tvv8aqt8ag 

7 aul 8i * Ad[u]*[_ai]av 

8 xui 8iä M[a~]\o(pÖQOV 

9 xal 8iä 77tt<Tf[x]pa[Y]em*> 

10 xal 8t[o) zjovg alXovg &sovg, 

11 [ö]<a 8[e~\ Aia \xü\X\iaz\a\. 

III cp<li[ag 8s] ysvofxevag tyi[o]vaiov\g] iXä[aa]vza[g, rä 
o ] ovvpaza zavza xoXdipavz[ug ig] zb [' An]ol[X]ooviov 

1) Von einem andern mitarbeiter. 



56 



21. Griechische geschichte. 



Nr. 1. 



xa&&sftev, 76 Jib[g 7iQo]yQoi[\pct]vTeg' zo de xqvatov 

i*'jy[ovTa t~\a\(i.vio>v \ß\fJLtv. 
Wenn ich nicht irre, heben sich die oben durch römische 
zahlen bezeichneten drei haupttheile der inschrift von selbst 
ab: auf eine kurze, geschäftsmässig abgefasste einleitung (I) 
folgt in II eine poetische aufzählung der götter, welche den 
Selinuntiern als Verleiher des sieges gelten: in III wird dann 
der volksbeschluss mitgetheilt. Der zweite abschnitt sondert 
sich von dem ersten vor allen dingen durch die veränderte 
person ab (vgl. vixävzi in I, Jtxöi^f*,' in II 1). Dieser zweite 
abschnitt scheint durch das poetische colorit seines ausdrucks 
darauf hinzuweisen, dass in den in der obigen zeilenabtheilung 
im anschluss an den sinn bezeichneten eilf xäla rhythmisirte 
spräche vorliegt. So erklärt es sich wohl am einfachsten, dass 
Ares (in 2) als (Doßoc, Demeter (iu 8) als Mcdoqiöoog , Perse- 
phone (in 9) als nuaixQuzsia erscheinen; vielleicht ist auch 
die bezeichnung der Dioskuren (in 6) als Tvfdagidai hieher zu 
ziehen. Auch der Wechsel im zusetzen oder fortlassen des ar- 
tikels bei der aufzählung der gottheiten räth zu dem versuch, 
rhythmisch gegliederte spräche hier zu erkennen. Wie lange 
im sacralen inschriftenstil rhythmisirte spräche beliebt war, ist 
bekannt: neuerdings hat daran mit recht erinnert Th. Bergk 
(griech. literaturgesch. I, 384 fg.). Als metrisches Schema lässt 
sich etwa folgendes ansetzen : 

1 vv | — vv — — — oder vv — vv — — — 



5 
6 
7 
8 
9 
10 

11 



— VV — V — 

— vv — vv — oder 3- v — vv — oder — v(v) — — 
— — v oder 



— v 



■ vv — 



— V vv — — V 

— vv — vv - J - 
vv ± s. (oder — vv — vv — ? ) 

— vv — vv — 

— vv — vv — — 

— vv — '- 



VV V VV V — v 

Sollte mit den schematen, wie sie an je erster stelle ver- 
zeichnet sind, das richtige getroffen sein, so würde die rhyth- 



Nr. 1. 22. Griechische antiquitäten. 57 

mische erklärung dieser absteigenden rhythmen zweckmässig 
an die analogie der freiheit erinnern dürfen, mit welcher in 
der aufsteigenden (anapästischen) tripodie (sroirliog, ngonodia- 
xog) die nichtictuirten tacttheile (arsen) statt von zwei kurzen 
silben häufig von einer langen oder einer kurzen silbe gebil- 
det werden. Zum abschluss der Strophe ist, wie häufig in der 
lyrischen poesie am schluss absteigender rhythmen aus dem 
yevog i'aov, der ithyphallicus (11) mit aufgelösten thesen in den 
zwei ersten fassen verwandt. Den zehn vorhergehenden ver- 
sen, welche sich in zwei correspondirende hälften von je fünf 
Versen sondern lassen, liegt die daktylische tripodie theils in 
katalektischer (1. 2. 3 und 6. 7. 8: vielleicht auch 4) theils 
in akatalektischer (4. 5 und 9. 10 : allenfalls auch 1) form zu 
gründe. Alle akatalektischen verse schliessen mit einem spon- 
deus (9. 10: allenfalls auch 1) oder trochaeus (4. 5). Der je 
erste daktylus der kola ist rein (1. 2. 3. 6. 7. 8. 9. 10: und 
vielleicht 4) mit ausnähme von 4. 5 (und vielleicht 3) , wo 
statt dessen ein trochaeus erscheint. Die arsis des zweiten 
dactylus ist rein 3. 6. 8. 9 (und allenfalls 7), sie wird von 
einer länge gebildet 1. 4. 5. 7. 10, (und vielleicht 3, und al- 
lenfals 1), von einer kürze 2 ; die thesis des zweiten daktylus 
ist zu zwei kürzen aufgelöst 5 (und allenfalls 1, wenn hier statt 
des ersten daktylus ein anapäst uv — angewandt sein sollte). 
Dem ersten kolon scheint als präludium ein aus zwei kürzen 
bestehender auftakt vorherzugehen. Wem damit die rhythmi- 
sirung des zweiten abschnitts wahrscheinlich gemacht erscheint, 
der wird annehmen , dass diese hieratische sieges - oder dank- 
Strophe in erinnerung an deren feierliche absingung zu eingang 
des gemeindebeschlusses verzeichnet worden ist. 

Angehängt ist der Benndorfschen arbeit eine mit gewohn- 
ter akribie angefertigte übersieht über die münzen von Selinunt 
von Imhoof -Blumer. 

22. Herrn anni Sauppii commentatio de amphictionia 
delphica et hieromnemone attico. (Vor dem index scholarum 
in acad. Georgia Augusta per semestre aestivum a. 1873 ha- 
bendarum.) Gottingae typ. expr. offic. acad. Dieterichiana. 4. 
16 s. 

Die forechung über die delphische amphiktyonie ist in ein neues 



58 22. Griechische antiquitäten. Nr. 1. 

Stadium getreten, seitdem durch Wescher 1868 ein in einer delphi- 
schen inschrift enthaltenes vollständiges stimmenverzeichniss be- 
kannt geworden ist, mit welchem ein zweites, nicht ganz vollständi- 
ges übereinstimmt, welches in einer attischen inschrift befindlich 
und 1866 von Kumanudis , 1868 von Wescher herausgegeben 
worden ist. Freilich stammen beide erst aus der periode, in wel- 
cher Hellas von der römischen republik abhängig war: und 
zwar, wie in vorliegender abhandlung der vf. nach dem Vor- 
gang C. Bücher's (de gente Aetolica Amphictyoniae participe, vgl. 
Philol. Anz. 5, 462), dessen resultate theils bestätigt, theils 
verbessert, gezeigt werden, aus der zeit zwischen 137 und 129. 
Die unter könig Philippos geschehenen neuerungen finden sich 
hier beseitigt: die Makedonen und Aetoler stimmen nicht mehr 
mit, die Phoker sind wieder aufgenommen. So ist, wie vf. 
bemerkt, die alte Zusammensetzung im wesentlichen wieder her- 
gestellt: nur dass zwei neue Völker hinzugekommen sind, die 
Delphier und Oetaeer. Um diese unterzubringen, ohne die 
heilige zwölfzahl zu ändern, wurden die 24, ursprünglich 12 
stimmen der völker — eine Verdopplung, welche eingeführt 
worden war, um den peloponnesischen Doriern, den attischen 
Ionern und den ozolischen Lokrern neben den Altdoriern, eu- 
boeischen Ionern und hypoknemidischen Lokrern eine stimme 
zu verschaffen — so vertheilt, dass sieben Völker, die Thessa- 
ler, Delphier, Phoker, Boeoter, Aenianen, Phthioten und Ma- 
lier je zwei, die zwei dorischen, ionischen und lokrischen Völker 
und ebenso die Perrhaeber , Doloper , Malier und Oetaeer je 
eine stimme bekamen. 

Die versuche, welche gemacht worden sind, um die lücken 
der Amphiktyonenlisten älterer zeit aus den neuentdeckten Ver- 
zeichnissen zu ergänzen, widerlegt verf. und hält mit recht 
daran fest, dass erst in späterer zeit die Delphier neben den 
Phokern und die Oetaeer neben den Aenianen einen besondern 
sitz bekommen haben ; demgemäss schützt er die ergänzung 
döXonsg bei Aeschines 2, 116 und wirft bei Harpokrat. 15, 
15 delqtoC aus, um die unentbehrlichen Thessaler und Lokrer 
einzulassen. Bei Aesch. a. a. o. wird sodann xbv rjxovra Jm- 
Qiscov ex Kvtiviov für ijxorra Jcüqiov k«i Kvrniov emendirt und 
überhaupt die ganze stelle in abschliessender weise behandelt. 
Ebenso einleuchtend ist die conjectur (b&iätcte xou IleQQUißovg 



Nr. 1. 22. Griechische antiquitäten. 59 

avv Osaaa).ois , statt 0&ic6rug QeaacO.otg avvtsXelv (dies wort fehlt 
in den meisten handschriften) , durch welche verf. den bericht 
des Pausanias 10 , 8 ; 3 über die von Augustus eingeführten 
änderungen der amphiktyonie in Ordnung gebracht hat. Für 
die Zeitbestimmung der vor diesem kaiser eingetretenen Wand- 
lungen giebt es nur wenig anhält und unterliegt auch das vom 
vf. in bezng auf sie aufgestellte manchen bedenken. In der 
angäbe des Philochoros bei Dionys. Hai. ad Ammaeum 1, 11, 
dass nach dem falle von Elateia gesandte Philipps, der Aeto- 
ler, Phthioten und Aenianen nach Athen gekommen seien, kön- 
nen wir keinen beweis für die annähme finden , dass damals 
schon die Aetoler .dem Amphiktyonenbund angehört haben ; 
noch bedenklicher ist die ansieht, Philipp habe die Delphier in 
den bund aufgenommen , weil ihm selbst es nicht möglich ge- 
wesen sei, denselben aus der ferne zu leiten. Hiegegen ist zu 
erinnern: 1) dass er zu diesem behuf seine hieromnemonen 
und pylagoren verwenden konnte ; 2) dass nicht Philipp , son- 
dern die Thessaler es waren, welche nach dem stürz der Pho- 
ker 346 die proedrie (wieder) übernahmen; 3) dass, wie C. 
Bücher p. 35 wahrscheinlich macht, zur zeit des bald nach 
der Chaeroneaschlacht abgefassten Amphiktyonenbeschlusses, 
welcher der attischen inschrift einverleibt ist, die Delpher noch 
keine stimme führten. Zu der aufstellung, dass die Aetoler 
die (unerhörte) zahl von drei stimmen bekommen hätten, wird 
vf. durch das bedürfniss, die nach C. Bücher's und seiner an- 
sieht den ozolischen Lokrern 339 entzogene stimme wieder un- 
terzubringen, veranlasst ; aber die gesammtheit der ozolischen 
städte hat sicher ihre stimme ebenso wenig durch die aussstos- 
sung einer von ihnen verloren, als 446 die peloponnesischen 
Dorier durch die ausweisung der Spartaner. 

Im zweiten theil der abhandluug wird zuerst erinnert, dass 
es ausser den amphiktyonischen auch andere hieromnemonen 
in und ausserhalb Athens gegeben hat, z. b. hieromnemonen 
des Herakles, und dann , im Widerspruch hiemit , aus dem al- 
leinstehen des titeis ieoouvijuot>og , welcher unter den sesselin- 
schriften des athenischen theaters gefunden worden ist, während 
isgecog auf denselben den namen eines bestimmten gottes bei 
sich hat, der weitführende schluss gezogen, dass es in Athen 
nur Einen hieromnemon , also den amphiktyonischen, gegeben 



60 22. Griechische antiquitäten. Nr. 1. 

hat. Da nun von Aristoph. Nub. 624 Hyperbolos als hie- 
romnemon bezeichnet und für die damalige kalenderverwir- 
rung verantwortlich gemacht wird , so folgert vf. weiter , dass 
der amphiktyonische hieromnemon auch mit der sorge für das 
attische kalenderwesen betraut gewesen sei. Eine andere con- 
sequenz jenes Schlusses ist, dass der hieromnemon sich ge- 
wöhnlich in Athen und, und wie die pylagoren, nur vorüber- 
gehend (während der amphiktyonensitzungen) in Delphi und 
Anthela aufgehalten hätte. Das alles hat man bisher anders 
angesehen. Aus inneren, dem wesen der hieromnemonie ent- 
nommenen gründen, welche Aeschines 3, 115 zu bestätigen 
scheint, hat man angenommen, dass die hieromnemonen bei 
dem delphischen heiligthum , das sie zu beaufsichtigen hatten, 
sich für gewöhnlich aufhielten , und hat darin die wichtigste 
Verschiedenheit derselben von den pylagoren gesehen, welche 
als red.ner daheim an ihrem rechten platz waren und nur eine 
der jedes halbjahr einmal Aviederkehrenden Versammlungen zu 
besuchen hatten; auch ist nicht abzusehen, wie jene, die ver. 
walter des heiligthums der von Aeschines 3, 121 genannten 
gottheiten und hüter der dort von ihren mitbürgern gestifteten 
schätze (Strab. 9, 3, 7), dazu gekommen sein sollen, den ka- 
lender Athens in Ordnung zu halten. Die unwahrscheinlichkeit 
jener consequenzen spricht gegen die richtigkeit ihrer praemisse, 
welche ohnehin schwerlich auf einem bündigen Schlüsse beruht. 
Denn das fehlen eines genetivs auf der sesselinschrift des Dio- 
nysostheaters lässt sich auch anders erklären: durch die an- 
nähme nämlich, dass der hieromnemon des Dionysos Limnaios, 
gemeint ist , der beamte , unter dessen aufsieht das ganze lim- 
näische heiligthum sammt dem dazu gehörigen theater stand. 
Dieser hieromnemon bedurfte an jener stelle des kennzeichnenden 
genetivs nicht. Ihn darf man vielleicht auch in dem aristopha- 
nischen drama verstehen, das ja in denselben räumen aufge- 
führt wurde : hatten die Amphiktyonen ausser der allen hie- 
romnemonen zukommenden Verwaltung des beweglichen und un- 
beweglichen tempolvermögens (K. Keil, Philol. 23 , 247) auch 
wie bekannt, die aufsieht über die pythischen spiele in Delphi, 
so darf von jenem angenommen werden, dass er auch die vor- 
schriftsmässige (mithin auch die rechtzeitige) feier der Dionysien 
zu überwachen hatte. 



Nr. 1. Theses. 61 

Sehr dankenswerth sind die übrigen darlegungen des zwei- 
ten theils, z. b. der beweis, dass der ampbiktyonische hieromne- 
non der Athener durch das loos und auf ein jähr gewählt wurde, 
bei welcher gelegenheit ein von W. Vischer erhobener einwand 
durch die evidente besserung fjot statt ooi bei Plutarch. Moral. 
794c. gehoben wird; und ganz besonders der aus Aeschines 
geführte nachweis, dass die entscheidende stimme im synedrion 
nur den hieromnemonen zukam , während die pylagoren bloss 
als berather und berichterstatter sich betheiligten. Auch hier 
erfreut uns der Scharfsinn des vf. mit einer gelungenen text- 
verbesserung , indem er bei Aeschines 3, 124 die worte xal 
rovg IsQOfir/j^oiag als einschiebsei auswirft, dagegen die ächtheit 
der sie umgebenden worte gegen A. Weidner's Verdächtigung 
der ganzen stelle vertheidigt. Um den leser vor einem irrthum 
zu bewahren, hätte vielleicht bemerkt werden dürfen, dass- der 
bei Aescliines erkannte Sachverhalt nicht bloss später, sondern 
auch früher ein anderer gewesen ist : im laufe der Perserkriege 
bildeten die pylagoren das synedrion (Herodot. 7, 213 fg. Plu- 
tarch. Themist. 20); aus Strabo a. a. o. und Harpokr. 163, 4 
scheint hervorzugehen dass dies lange zeit hindurch der fall 
gewesen ist. 

U. 

Theses 

quas amplissimi philosophorum Marburgensium ordinis auctoritate 
. . . d. XIII m. Decembris publice defendet Ewaldas Dietrich: 1. Ae- 
sch. Sept. v. 272—76; 278 sie sunt e codd. scholiisque restituendi: 

Ji(jy.rjg it nrjycüg vduTl r' 'lG t u>]vou Xiyut, 

tv l-vyTv/öynov xal nöktoig atGujfr/uevijg, 

/uijkoiciy tttfiätSaoptd /u tazicig d-täiy 

d-tjativ xqönuia dov (j inktj^d^' etyvolg döfioig. 
Cetera ex interpolationibus et glossematis sunt exorta — Deinde 
omnia a vs. 264 usque ad 286 optime inter se cohaerent neque ulla 
lacuna est statuenda; — IL Aesch. Sept. 333 sq. sie legantur: 

xXccvtIv cT tofiotfgonots dgndtjönoiv 

vofiifj,u>v 7i(>onc(QOv&iy dut/uilipcu. — 

III. Aesch. Choeph. 415 — 417, qui plane corrupti exstant in codici- 
bus, sie sunt emendandi: 

otuv d uvj' InaXxsg n Xi^yg 
&(juaog aneoirjatv u/og 
ngogr/ ttviia&ai fiot xaXvv. — 

IV. Cic. Tusc. Disp. V, 35 102 servanda est codicum lectio : signis, 
credo , tabulis , ludis, contra Seyffarti studes et enuntiata sie sunt 
coniungenda: signis, credo, tabulis, ludis si quis est qui sie delectetur, 
nonne melius tenues homines fruuntur, quam illi qui iis abundant ? — 



62 Neue auflagen. — Bibliographie. Nr. 1. 

V. Cic. Tusc. Disp. V, 25, 70 plane aliena est a sententiarum nexu 
Orellii emendatio conlocatam per 11. mss. lectione conlocatum ; VI. 
Arist. Ran. 89—97 non sunt Herculi et Dionyso attribuendi sed soli 
Dionyso. 

Neue auflagen. 

23. Homers Odyssee. Für den schulgebrauch erklärt von F. F. 
Ameis. 2. bd. l.-heft. 5. aufl. Besorgt von C. Hentze. 8. Leip- 
zig. Teubner ; 13 x /2 n g r - — 24. Freund's Schülerbibliothek. Präpa- 
ration zu Homers Odyssee. 12. heft. 3. aufl. 16. Leipzig. Violet; 
5 ngr. — 25. Sophokles , erklärt von F. G. Schneidewin. 5. bdch. 
Electra. 6. aufl. Von A. Nauck. 8. Berlin. Weidmann; 12 ngr. — 
26. Thukydides. Erklärt von G. JBoehme. 1. bd. 2. heft. 3. aufl. 
Leipzig. Teubner; 15 ngr. — 27. Demosthenes neun philippische 
reden. Erklärt von C. Rehdantz. 1. heft. 8. aufl. 8. Leipzig. Teub- 
ner 12 ngr. — 28. T. M. Plautus ausgewählte komödien. Erklärt 
von J. Brix. 3. bdch. Menaechmi. 2. aufl. 8. Leipzig. Teubner. 

Neue Schulbücher. 

29. Anthologie aus den lyrikern der Griechen für den schulge- 
brauch erklärt von E. Buchholz. 1. bdh. 2. aufl. 8. Leipzig. Teub- 
ner; 12 ngr. — 30. Xenophons griechische geschichte. Erklärt 
von B. Büchsenschütz. 2. heft. 3. aufl. 8. Leipzig. Teubner; 15 
ngr. — 31. J. Siebeiis , Tirocinium poeticum. Erstes lesebuch aus 
lateinischen dichtem. 10. aufl. besorgt von H. Habenichl. 8. Leip- 
zig. Teubner; 10 ngr. — 32. P. Ovidii Nasonis Metamorphoses. Aus- 
wahl für schulen von J. Siebeiis. 1. heft. 9. aufl. von Fr. Polle. 
8. Leipzig. Teubner; 10 ngr. 

Bibliographie. 

Es ist erschienen: Bibliotheca philologica oder geordnete Übersicht 
aller auf dem gebiete der classischen alterthumswissenschaft in Deutsch- 
land und dem ausländ neu erschienenen bücher. Herausgegeben von 
Dr W. Müldener, XXVI Jahrgang. 1. heft. Januar — juni 1873. Ver- 
lag von Vandenhöck und Ruprecht in Göttingen. 

Die Verlagshandlung von gebrüder Bornträger (Ed. Eggers) in 
Berlin kündigt eine neue vermehrte aufläge von V. Hehn's kuitur- 
pflanzen und hausthieren in ihrem Übergang aus Asien nach Europa an. 

Von F. A. Brockhaus in Leipzig ist ein verzeichniss ausgewähl- 
ter werke seines verlags in eleganten einbänden für 1873 — 74 er- 
schienen; ingleichen ein verlags -catalog der buchhandlung von L. 
Rauh in Berlin. 

Die Weltgeschichte von Ferdinand Schmidt, ist jetzt vollständig; 
jeder band wird auch einzeln verkauft. Berlin bei A. Goldschmidt, 
4 bde, mit Illustrationen von G. Bleibtreu. 

Von Meyers deutschem Jahrbuch, herausgegeben von Moritz Wirth, 
wird der zweite Jahrgang angekündigt. 

Mittheilungen der Verlagsbuchhandlung B. G. Teubner, 1873 
heft IV kündigt als künftig erscheinend an : Carmina graeca mcdii 
aevi ed. G. Wagner , welche theils eine anzahl Anecdota, theils 
schon edirte gedichte in vielfach verbesserter gestalt enthalten wer- 
den : es galt ganz besonders die Monumenta antiquissima linguae grae- 
cae vulgaris in reinlichem abdrucke zu liefern; aber ausser dem lin- 



Nr. 1 Kleine philologische zeittmg. 63 

guistischen interesse wird dieser band die beziehungen zwischen abend- 
ländischen Literaturen und der populair griechischen literatur aufhel- 
len , wozu auch die hier zum erstenmale publicirten thierfabeln bei- 
tragen werden. — Ferner Herum naturalium scriptores Graeci mino- 
res rec. O. Keller, umfasst die sg. paradoxographen : eine neue von 
Holder besorgte vergleichung des cod. Parisinus hat einen bedeutend 
verbesserten text herstellen lassen: — Theonis Smyrnaei expositio re- 
rum mathematicarum ad legendum Platonem utilium. Rec, Ed. Hil- 
ler , wird einen aufs sorgfältigste nach neuen collationen revidirten 
text bringen. — C. Cornelii Taciii libri qui super sunt tertium recogno— 
vit C. Salm, 2 ti , mit besonderer berücksichtigung von Wölfflin's 
und Madvig's arbeiten. — Cornelii Nepohs qui exstat über de excel- 
lentibus ducibus exterarum gentium. Accedit vita Attici. Ad histo- 
riae fidem recognovit et usui scholarum accommodavit E. Ortmann, 
nämlich die historischen fehler sind corrigirt und eben so die latini- 
tät verbessert, damit der feine und wissenschaftliche sinn des quar- 
taners keinen anstoss nehme. Ach, wie besorgt ist man doch jetzt 
für die quartaner und wie rücksichtslos ist unser einer in seiner 
zarten Jugend vernachlässigt! 

Verzeichniss älterer werke , welche zu den beigesetzten bedeu- 
tend ermässigten baarpreisen durch die E euer lieh' sc he buchhandlung 
in Göttingen zu beziehen sind ; verzeichniss von älteren und neueren 
büchern und Zeitschriften zu ermässigten preisen. Berlin, Eümmler's 
Verlagsbuchhandlung; Detken und Rocholl in Neapel haben J. Fio- 
r elli Monumenta epigraphica Pompeiann auf 75 francs herabgesetzt. 

Cataloge von antiquaren: verzeichniss des antiquarischen bücher- 
lagers von Ch. Graeger in Halle a. S., nr. 188, philologie und al- 
terthumskunde ; 108. katalog von W. Koebner in Breslau, philolo- 
gie; Nr. 37. verzeichniss von Adalbert Rente 's antiquariat in Göttin- 
gen, classische philologie ; bücherverzeichniss von Karl J. Trubner in 
Strassburg im Elsass. VII classische philologie. 

Kleine philologische zeitung. 

Auf den 212 gymnasien Preussens haben sich 1873 zum abitu- 
rienten - examen 2664 schüler gemeldet und 2541 das zeugniss der 
reife erhalten: von diesen bezogen 488 keine Universität: von den 
andern studiren 314 philologie: darunter hat man aber nicht allein 
solche zu verstehen, welche der classischen philologie sich widmen, 
sondern auch die, welche neueren sprachen, der Sprachwissenschaft, den 
orientalia obliegen, gewiss aber auch solche, welche nur das sg. philolo- 
gische candidatenexamen bestehen, d. h. Schulmeister im schlechten 
sinne des worts werden wollen, solche, die ohne eignes wissenschaft- 
liches streben das dürftig gelernte andere auswendig lernen lassen 
wollen: das ist eine der fruchte der jetzigen einrichtung der gymnasien 
und der Staatsprüfungen an Universitäten. Dann widmeten sich von 
jener zahl 232 der evangelischen, 278 der katholischen theologie, 600 
den rechts- 47 den cameralwissenschaften, 467 der medicin, 11 der 
mathematik und naturwissenschaft. Ueber Bayern vrgl. All. Augsb, 
Ztg. beil. zu nr. 352. 

Berlin. Die vielfach verbreitete nachricht, dass die hiesige kön. 
bibliothek 33 briefe und auch handzeichnungen Winckelmanns erwor- 
ben, bestätigt sich: es sollen zumeist briefe an Bianconi, jedoch von 
nicht bedeutendem interesse sein. Vgl. Augsb. Allg. Ztg. Beil. zu nr. 819. 

Die der herzoglichen familie von Braunschweig gehörende lange 
verschollene Onyx - vase ist im nachlasse des herzogs Karl aufge- 
funden. Näheres giebt Augsb. allg. ztg. ausserord. beil. zu nr. 319. 



64 Auszüge aus Zeitschriften. Nr. 1. 

Paris, 10. dec. Das antiken - museum hat eine sehr werthvolle 
bereicherung erhalten durch erwerbung einer zu Falerone in Italien 
gefundenen statue, die aus griechischem marnior und von griechischer 
arbeit eine merkwürdige Variante der Venus von Milo ist. Die Stel- 
lung dieser statue, welche noch ihre beiden füsse hat und von denen 
der linke auf einem heim ruht, während die Venus von Milo ihres 
linken fusses beraubt ist, scheint die von Ravaisson vorgebrachte an- 
sieht, dass nämlich die Venus von Milo nicht in ihrem gleichgewicht 
steht und etwas zurückgerichtet werden müsse, zu bestätigen. Die 
Venus von Falerone soll demnächst, wie man hört, in einem saale 
des Louvre mit abgüssen, welche andere Varianten jenes Vorbildes 
darstellen , zur ausstellung gelangen. Vrgl. Allg. Ztg. Beil. 847. 
Reichsanz. nr. 297. 



Auszüge aus Zeitschriften. 

Augsburger Allgemeine zeitung , 1873 , nr. 343 : die civilehe für 
Preussen. — Nr. 346. 347: zum process ßazaine: aus militairischer 
feder. (Die allgemeine zeitung hat seit beginn des iprocesses last in 
jeder nummer berichte über die Verhandlungen in diesem process ge- 
geben: dieser aufsatz beurtheilt selbständig den ganzen hergang.) — 
heil, zu nr. 346. 347. 348. 349 : Christian Daniel Rauch : anzeige von 
Eggors bd. I. — Künstlerische prachtwerke. — Beil. zu nr. 347: 
zur einführung der confessionell gemischten schule in Bayern. — Eine 
schwester der Venus von Milo: s. oben Paris, den 10. dec. — Nr. 
350: die i'örderung und pflege der kunst durch den staat in Bayern, 
von Lindenschmit. — Beil. zu nr. 351 : Troja und prof. Conze's rede : 
auf eine am 13. nov. im museum zu Wien vom prof. A. Conze ge- 
haltene rede , in der er die von Schliemann aufgedeckten mauern 
Troja's in geschichtliche, den sg. schätz des Priamos in späte, viel- 
leicht römische zeit setzt, antwortet Schliemann in dieser nummer 
aus Athen vom 7. dec. und benutzt unter anderen zur Widerlegung Con- 
ze's die aus ausgrabungen in Thera und Theresia zu unsrer kenntniss 
gelangten mauern, häuser, gefässe u.s.w. Abgesehen davon, dass nach 
allem, was bis jetzt über dieses Troja bekannt geworden — s. Ph. 
Anz. V, nr. 9, p. 473 — an dem hohen alterthum desselben nicht zu 
zweifeln, so scheint die art, wie Conee sich über Schliemann äussert, 
doch vielleicht nicht ganz unbefangen : Schliemann schliesss: »was nun 
endlich denrath des gelehrten proi'essors am Schlüsse seiner rede betrifft , 
dass ich, anstatt mein geld im ausgraben nach hirngespinsten zu vergeu- 
den, es dochan fähigere leute und wirkliche gelehrte geben sollte, damit 
diese durch ausgrabungen die Wissenschaft bereichern, so unterwerfe 
ich mich dem urtheile der wissenschaftlichen weit und frage dieselbe, 
ob ich einen solchen rath verdiene , nachdem ich durch dreijährige, 
qualvolle, äusserst kostspielige und höchst gefährliche ausgrabungen 
in einer pestilentialen wildniss das grösste historische problem ge- 
lös't, eine neue weit für die archäologie aufgedeckt und die Wissen- 
schaft durch mehr als 250U0 gegenstände bereichert habe, v6n deren 
formen und fabricat kein museum Europa's etwas aufzuweisen bat?« 
Ich bitte gleichfalls die gelehrte weit dem gelehrten professor Conze 
die ihm gebührende autwort zu geben. — Beil. zu nr. 355: Rhuso- 
pulos gegen Schliemann und Gossrau : vrgl. Allg. ztg. nr. 227: Rhu- 
sopulos meint, der sg. schätz des Priamos könne aus der zeit des 
Krösus sein. — [Es ist solche Verschiedenheit der ansichten doch 
sehr beachtenswert!!.] 



tf r . 2. Februar 1874. 

Philologischer Anzeiger. 

Herausgegeben als ergänzung des Plrilologus 



von 



Ernst von Leutsch. 



33. Studien zur griechischen und lateinischen grammatik 
herausgegeben von Georg Curtius. Sechster band. Zwei- 
tes heft. Leipzig, Hirzel. 1873. 

Den Untersuchungen über griechische lautlehre, die in den 
vorigen bänden enthalten waren, schliesst sich im vorliegenden 
hefte die dissertation von Fritzsche de reduplicatione graeca 
p. 277 — 346 an. Der gegenständ war noch nach Hainebachs 
verdienstlichem programm (Giessen 1847) und dem aus allen 
sprachen der erde zusammengehäuften material in Pott's Doppe- 
lung einer erneuten behandlung werth, und wenn auch die vor- 
liegende arbeit wesentlich neue auffassungen nicht bietet, so ist 
sie dagegen ausgezeichnet durch eine sehr klare und übersicht- 
liche anordnung des einschlägigen materials. Dasselbe ist nach 
den beiden hauptarten dvplicatio praefixa und suffixa gegliedert; 
bei ersterer unterscheidet der vf. duplicatio aequabilis [neg-fieg-öü), 
aueta [xw-xv-oo) und imminuta (n-za/V-cu), bei letzterer inversa 
[üTi-ln-ati) und infraeta [n'ijn-ij). Im einzelnen möchten wir fol- 
gendes bemerken. Die erklärung von daydüma aus duo-ödg- 
nt-co, wie sie p. 296 aufgestellt wird, ist nicht neu; schon Schwei- 
zer-Sidler in Kuhns Zeitschrift XII, 428 hat das wort ebenso 
erklärt, und ihm ist Angermann Die erscheinungen der dissimi- 
lation im griechischen, Meissen, 1873, p. 38 gefolgt. Mit 
Angermann trifft Fritzsche auch im wesentlichen in der erklä- 
rung des nasals zusammen, der sich in der reduplicationssilbe z. b 
in 7ziu-77lr r fii und vielen andern findet. Fritzsche meint, nach- 
dem er den nachweis zu führen gesucht hat, dass alle in frage 
kommenden stamme auf liquiden ausgehen (p. 309 ff.), der 
nasal sei der letzte rest des schwindenden consonanten, der ej- 
Philol. Anz. Vi. 5 



66 33. Grammatik. Nr. 2. 

gentlich mit in der reduplicationssilbe gestanden habe , also 
m'[i-nX?]-(xi = TtiX-nhl-fxi. Nur unwesentlich weicht davon die 
auffassung Angermanns ab (p. 43), die kluft, die durch den 
ausfall des consonanten entstanden sei, habe sich durch den 
nasal ausgefüllt — und ich meine , diese erklärung hat wohl 
im wesentlichen das richtige getroffen. Angermaun a. a. o. 
stellt unmittelbar daneben das f, das z. b. in Öai'-dulot,' in der 
reduplicationssilbe erscheint, als eine vocalisierung dieses na- 
sals. Fritzsche, dem die etwa gleichzeitig erschienene arbeit 
Angermauns unbekannt war, nimmt bei seiner eigenen erklä- 
rung der fraglichen bildungen p. 304 f. darauf keine rück- 
ßicht. Die erklärung ist unhaltbar, denn der nasalklang kann 
sich wohl zu u oder au vocalisieren (man vrgl. die nachwei- 
sungen in dem letzten abschnitt des Indogermanischen vocalis- 
mus von Joh. Schmidt), aber nicht zu i, indessen auch die 
erklärung von Fritzsche will mir nicht einleuchten. Er ver- 
gleicht den einschub von i bei indischen intensiven nach con- 
sonanten, z. b. dar-i-dar von dar, indem er sich besonders auf 
formen wie davi-dhu d. i. do-i-dhu stützt. Abgesehen davon, 
dass damit das i auch noch nicht erklärt wird, bleibt die ver- 
gleichung ungenau. Vielleicht haben wir auch bei diesen grie- 
chischen bildungen den Vorgang sprachphysiologisch zu erklä- 
ren. Von einzelnheiten möchte ich noch bemerken, dass die 
bedeutung der p. 307 aufgeführten glossematischen Wörter 6oi- 
dv% dtadoi8vxä£tiv ava8ot8vni£,t>tv es sehr wohl zu vertragen 
scheint, dass man sie auch, wie die vorangehenden, zu der von 
Koscher Stud. IV, 199 behandelten wz. diu duc = ziehen stellt; 
die begriffe TaQiiaasiv und ziehen vermitteln sich durch den 
des auseinanderziehens, zerrens. ' dpaifjidxetoe gehört wohl 
nicht mit Fritzsche zu wz. p«, sondern (mit Lucas und Düntzer) 
zu ^«x-yo-k,-, was der Verbindung des wortes mit foro't; doch 
couformer zu sein scheint; das « ist wohl prothetisch, wie es 
vor \t in einer anzahl sicherer fälle erscheint (Curtius gr.* 
715). 

Von den kleineren beitragen des bandes heben wir die 
miscellen des herausgebers hervor, besonders die p. 417 ff. 
über die altlateinischen accusative med ted sed, worin Bücheier 
eine Verwechselung des accusativs mit dem ablativ gesehen 
hatte. Curtius vergleicht sie mit den sauskritischen prouomi- 



Nr. 2. 34. Griechische grammatik. 67 

nalstämmen raa-t- tva-t asma-t und jushma-t und nimmt an, das 8 
diese sich auf italischem boden als accusative festgesetzt haben, 
was den eigenthümlichkeiten der pronominaldeclination nicht 
entgegen läuft. Ich glaube, es lässt sich damit auch das ^60 in 
jjpe8an6 - g zusammenstellen, und vielleicht ist von hier aus 
überhaupt licht zu bringen in da3 räthselhafte 8, wie es auch 
in dXXoSunög 7rjXt8-anög ntvttEÖavog giyeöavög (Aijxböutog oiziSa- 
f6g iXksSuvog tjnedurog vor suffixen erscheint. 

Das vielbesprochene homerische avönata ditnraro a 320 
erklärt Wörner (p. 327 — 371) mit „sie durchflog den nach 
der luke hinauf liegenden räum" als accus, pluralis mit Verwei- 
sung auf N 158 vnaantdia 7iQono8[^a>v und x 169 xaTuloyä- 
Öeia tpBQoav. Ausserdem enthält das heft beitrage von Mangold 
über dijpog (wz. 8a theilen, das aufgetheilte gemeindeland) und 
von dem unterzeichneten. 

Gustav Meyer. 

34. De Graeci sermonis nominum deminutione et amplifi- 
catione flexorum forma atque usu scripsit Ludovicus Jan- 
sen. 8. Lipsiae in aedibus B. G. Teubneri. 1869. — 20 gr. 

Schon früher hat der Verfasser dieser Schrift einzelne clas- 
sen der griechischen deminutiva in mehreren zu Gumbinnen und 
Thorn erschienenen programmen behandelt, in vorstehender dem 
andeuken Lobecks gewidmeten Schrift bietet er nun eine sorgfäl- 
tige und nahezu vollständige Zusammenstellung sämmtlicher demi- 
nutiva und der verhältnissmässig nur wenigen amplificativa, ge- 
ordnet nach den einzelnen zur bilduug verwendeten endungen. 
Namentlich hat die lexicographie durch ein genaues zurückge- 
hen auf die quellen selbst manche schätzenswerthe ergäuzung 
und berichtigung erfahren. Noch sei anerkennend hervorgeho- 
ben, dass meist die älteste, bezüglich einzige stelle, an der das 
betreffende deminutiv vorkommt, angegeben ist, so dass man 
auch auf die historische entwicklung dieser ganzen wortclasse 
überhaupt einblick gewinnen kann. Bei den endungen, die 
nicht ausschliesslich deminutiva bilden, wie besonders iov und 
ig, ist meist ausführlich erörtert, welche der in frage kommen- 
den bildungen als deminutiva zu betrachten sind, welche nicht. 
Vielfach oder meist hat auch hier der Verfasser das richtige 
getroffen, doch im einzelnen drängt sich hier und da wider- 

5° 



68 34. Griechische grammatik. Nr. 2. 

sprach auf. Warum werden z. b. p. 27 otQyvQinv, %qvo!ov als 
deminutiva aufgefübrt, während p. 10 der deminutive character 
von xTjoiov und ähnlichen Wörtern bestritten wird? Wie 
aber agylgtot %gvoiov ursprünglich ein bestimmtes stück der 
unbestimmten masse aQyvQOg und ^nvang bezeichnet, so auch 
xtjqi'ov im verhältniss zu xqgog. Ja sogar für daipofiov lässt 
sich ein ähnliches verhältniss annehmen. Ferner will der Ver- 
fasser, wenn ich ihn recht verstehe, p. 42 dtQananlg, jtnllu- 
xie nicht als deminutiva gelten lassen. Doch warum sollen 
diese Wörter für den Griechen nicht einen deminutiven oder 
besser gesagt hypokoristischen beigeschmack gehabt haben ? An- 
ders verhält es sich freilich mit dem ebenfalls dort angeführten 
oqxij<stqi\: Ueberhaupt aber will es scheinen, als ob der verf. 
den begriff deminutio zu sehr nach der lateinischen bedeutung 
gemessen und zu wenig darauf rücksicht genommen habe, dass 
diese sämmtlichen gebilde dem Griechen vnnxnoiazixd waren. 
Auch der Vorwurf lässt sich dem vf. nicht ersparen, dass er 
zu wenig auf das wesen und die bedeutung der jeweiligen zur 
bildung verwendeten endungen eingegangen ist. Er würde 
dann zu einer Classification der deminutiva nach ihrer bedeutung 
gekommen sein, die man vergebens bei ihm sucht. Aber frei- 
lich war dazu die bekanntschaft mit den resultaten der ver- 
gleichenden Sprachwissenschaft notliig, die dem vf. völlig ab- 
geht. Nicht einmal Schwabe's gediegene schritt (de deminutivis 
Graecis et Latinis Über) scheint ihm bekannt zu sein, geschweige 
denn dass er die forschungen von Bopp, Pott, Curtius, Schlei- 
cher u. a. über Wortbildung sich nutzbar gemacht hätte. Ge- 
wiss würde er dann beispielsweise nicht sntaxvvtov zu den ety- 
mologisch dunklen Wörtern rechnen, wie er es p. 17 Unit, noch 
weniger würde er dem Etymologicum Magnum folgend Übergang 
von i in x annehmen. Auch die behauptung: ovqi'gxoq — — 
ex vQyixot; sive vyy/^o*; factum (p. 67) , würde nicht aufgestellt 
worden sein. — Von einzelheiten andrer art sei ferner noch er- 
wähnt, dass die deminutiva auf »joi; besser unmittelbar mit 
denen auf mxos" zusammen behandelt worden wären, da die 
beiden suffixe, wie p. 85 richtig erkannt wird, ursprünglich 
identisch sind. Uebrigens hätte unter den an dieser stelle auf- 
geführten personennarnen iPu/ifl^rrjfn?, weil ägyptisch, nicht mit- 
erscheiuen sollen, während andrerseits mehrere echt griechische 



Nr. 2 35. Lateinische grammatik. 69 

namen nicht aufgezählt sind, wie man sich leicht aus Pape Ben- 
seier 3 XXII überzeugen kann. — Warum p. 57 das überdies 
späte öoqvSiov seiner bildung nach inexplicabile genannt wird, 
ist nicht recht ersichtlich. Denn wie ßoroiSiov vom stamme 
Rotqv, so ist es vom stamme Soov gebildet, der ja auch casus 
obliqui erzeugt [8ovo-6g, Snvgi für Snyv-ng , Sngp-og ht)..). —— 
Ungenügend ist das über nogäatop gesagte. Denn es steht dies 
deminutiv keineswegs so ohne jede analogieda, man denke nur 
an plautinische namen wie Adelphasium und an das inschrift- 
lich überlieferte Nmucsiov. — Trotz dieser ausstellungen sei 
bereitwillig anerkannt, dass die hier gegebne Zusammenstellung 
höchst dankenswerth ist und einer künftigen bearbeitung von 
Pape's etymologischem Wörterbuch, die sich mehr und mehr als 
dringendes bedürfniss herausstellt, von grossem nutzen sein 
wird. Der druck ist fast durchweg correct (p. 46, z. 8 v. u. 
lies ßEiQuStop für detgudtor), äussere ausstattung gut. 

C. Angermann. 

35. La declinaison latine en Gaule k l'epoque mdrovin- 
gienne. Etüde sur les origines de la langue francaise. Par 
Arbois de Jubainville. Paris 1872. 162 pp. 

Ein ähnlicher inhalt , wie die unter nr. 36 angezeigte 
Schrift ihn hat, macht auch dieses buch dem philologen interes- 
sant. Es enthält eine sehr reichhaltige materialsammlung aus 
den quellen des gallischen Vulgärlateins für den Übergang der 
lateinischen casusformen in die französische flexionsweise. Der 
verf. unterscheidet in der vulgären declinationsweise zwei stu- 
fen; die erste ist aus der classischen form hervorgegangen durch 
einen blos lautlichen process , wenn z. b. der nominativ rosa 
zu rose wird; die zweite ist syntactischer natur, indem die 
casus, deren ursprüngliche bedeutung vergessen war und die 
zum theil , in folge ihrer ersetzung durch Umschreibung , über- 
flüssig geworden waren, willkürlich unter einander vertauscht 
werden. Es wird sich freilich nicht für jeden einzelnen fall mit 
Sicherheit entscheiden lassen , welcher von beiden arten er an- 
gehört; ob z. b. der wandel von rosam in rosa wirklich, wie 
der verf. p. 17 annimmt, changement de syntaxe und nicht viel- 
mehr rein phonetisch ist, mag dahin gestellt bleiben. Ueber- 



70 36. Grammatik. Nr. 2. 

sichtstabellen auf p. 144 ff. erleichtern den überblick über die 
gewonnenen resultate. 

Cfustav Meyer. 

36 Süll' origine dell' unica forma flessionale del nome italiano. 
Studio di Francesco d' Ovidio. Pisa 1872. 59 pp. 8. 

Die kleine schrift, die mir durch die, gute des Verfassers 
zugegangen ist, behandelt einen gegenständ, der nicht blos für 
die romanische philologie, sondern auch für die Sprachwissen- 
schaft im allgemeinen von grosser Wichtigkeit ist, so dass es 
vielleicht angemessen erscheinen dürfte die aufmerksamkeit der 
leser dieser Zeitschrift darauf zu richten. Die grundlage für 
die untersuchungeu des Verfassers , der sich durchweg mit den 
leistungen der deutschen Sprachwissenschaft wohl vertraut er- 
weist, bilden die werke von Corssen und Schuchardt, denen 
er sich in der annähme einer der bildung des romanischen no- 
men zu grande liegenden, durch abstumpfung der casusendun- 
gen entstandenen gesammtform für alle casus anschliesst; aber 
die ins einzelne gehende durchführung dieser theorie mit be- 
schränkung auf das italienische und im anschluss daran die auf- 
klärung einer sehr interessanten fülle von einzelnbeiten lässt 
die arbeit als eine wesentliche bereicherung der einschlägigen 
literatur erscheinen. Die ersten 22 seiten sind einer kurzen, 
an treffenden bemerkungen reichen Widerlegung der Diez'schen 
bypothesen von der entstehung der romanischen nomina aus 
dem lateinischen accusativ gewidmet; p. 23 beginnt der positive 
theil der schrift, von dem wir hier einen gedrängten auszug 
geben. Der abfall des schliessendeu s, wie er im altlat. z. b, 
in scriba Über, ferner in der archaistischen poesie erscheint, war 
im anfang des vierten Jahrhunderts nach Chr. vollendete that- 
sache, ebenso der abfall des schluss- m am ende des dritten 
Jahrhunderts ; der genetiv wich dem ablativ mit de, der dativ 
dem accusativ mit ad im volke seit beginn der Schriftsprache; 
die themen auf o , die dies in der flexion in u hatten überge- 
hen lassen, bekamen ihr o wieder, aber auch die «-stamme der 
vierten declination verwandelten dies in o, so dass die vierte 
und zweite declination sich in nichts von einander unterschie- 
den. Das i der «-stamme der dritten declination war schon 
im alten latein mitunter zu e geworden (volles), im vulgärla- 






Nr. 2. 36. Grammatik. 71 

tein vollzog sich diese Umwandlung mit consequenz und machte 
so die dritte uud fünfte declination gleich. Eine tabelle auf 
p. 26 veranschaulicht die auf diese weise bewerkstelligte gleich- 
heit der casusformen , z. b. pane(s), de pane, ad pane(m), pa- 
nefmj, cum pane. Die imparisyllaba der dritten declination (z. 
b. dzio d'azione etc.) würden auf diese weise einen nominativ ge- 
habt haben, der eine silbe weniger, oft einen andern vocal und 
einen andern accent hatte; es bildete sich in folge dessen ein 
nominativ nach analogie der obliquen casus, wie im neugriechi- 
schen, und zwar um so leichter, als es schon im altlateinischen 
von einer anzahl der hierher gehörigen nomina eine (unver- 
stümmelte) nebenform des nominativs mit gleicher silbenzahl 
wie die casus obliqui gab, z. b. mentis = mens. Wie es ferner 
von stammen auf ro nominative auf rus (puerus) neben solchen 
auf er gab, so bildete die Volkssprache sie durchweg nach ana- 
logie der casus obliqui. Adjectiva der dritten declination auf 
er, die schon im altlateinischen mitunter nach der zweiten flec- 
tiert wurden, wie pauper, acer, wurden auf dieselbe weise po~ 
vero, agro. Nomina auf ius, zum erlitten contraction in is im 
(vgl. ßenseler im 3. bände der ,, Studien" von Curtius), so ent- 
standen formen wie Brindisi , mestiere und mestieri aus ministe' 
rium, wobei sich das nebeneinanderbestehen von formen auf e 
und i bei diesen Wörtern daraus erklärt, dass jenes is behan- 
delt wurde wie in der dritten declination. Neutra wie mare, 
veneno wurden lautlich gleich masculinen wie colle foco, und da 
das volk auch in ihrer bedeutung nichts sah, was mehr unge- 
wöhnlich gewesen wäre als bei jenen masculinis , so ging das 
neutrum ganz verloren und erhielt sich nur bei einigen adjecti- 
ven, wie sie p. 36 aufgezählt sind. Von den neutris mit suf- 
fix äri üli, deren nominativ auch im Schriftlatein nebenformen 
mit e hatte, sind vielleicht nur tribunale und animale volksthüm- 
lich, cucchiajo kommt von cochlearium, die andern sind gelehrte 
neubilduDgen. Bei den ungleichsilbigen neutris wie corpus mar- 
mor laetamen wurde genetiv und ablativ de und cum corpore 
u. s. w. an die statistisch häufigeren formen corpo marmo le- 
tame assimiliert, umgekehrt wie bei den masculinen der no- 
minativ an die casus obliqui: corpo wurde flectiert wie figlio, 
eine heteroklisie , die auch im classischen latein nicht ohne 
beispiel ist [pelagus, pelagi). Cul mine und /ulmine sind wegen 



72 37. Griechische poesie. Nr. 2. 

des u, das vor einer coosonantischen gruppe zu o werden 
musste, nicht als volksthümlich zu betrachten, eben so wohl gre- 
nere; la folgore (französisch la foudre) geht wohl auf ein femi- 
ninum fulguris zurück, termine scheint beeinflusst von terminus, 
eughero cadavero (-e) papavere, die im lateinischen auf er, nicht 
auf us ausgingen, haben sich mit einem e oder, mit Übergang 
der declination, mit o bekleidet, während miete fiele cuore au- 
sser dieser Unregelmässigkeit auch noch heteroklisie der casus 
obliqui nach dem nominativ zeigen. Osso und vaso gehen auf 
ossum und vasum, ebenso wohl farro auf ein vorauszusetzen- 
des farrum zurück ; Ih (aus lac) wich dem schon im altlatei- 
nisch gebräuchlichen lade. P. 43 ff. wird von denselben ge- 
sichtspunkten aus die bildung des plurals besprochen. Der nominativ 
genetiv ablativ der ersten declination corone [de coronis, d. i. co- 
roni, corone) zog durch analogie auch den accusativ, dativ CO' 
ronas ad Coronas an sich, ähnlich wie im griechischen tzoIeiq 
statt nöXfag. Ebenso in der zweiten declination, wo das i in 
asini nicht zu e wurde, wie in leggi (= legis) neben leggete (le- 
gitis). Die vierte declination war der zweiten gleich geworden, 
was dieselbe flexion auch im plural nach sich zog. Die neu- 
tra folgten der analogie der masculina, schwache spuren einer 
selbständigen bildung sind p. 44 f. verzeichnet. In der dritten 
declination war der plural auf is schon im classischen latein 
sehr häufig und daraus erklärt sich der nominativ auf e; von 
es ist eine spur z. b. in prece statt preei bei Dante erhalten. 
Der unregelmässig scheinende dativ auf ibus wurde wohl durch 
einen auf is ersetzt (p. 47). P. 48 ff. wird ein kurzer blick 
auf die verwandten romanischen sprachen geworfen, und die 
besprechung einiger Unregelmässigkeiten und doppelformen p. 
53 ff. beschliesst die interessante, auch durch einen eleganten 
stil ausgezeichnete kleine schrift. 

Ghistav Meyer. 

37. Viro illustrissimo praeceptori summe venerabili Godo- 
fredo Bernliardy — diem faustissimum quo ante hos quinqua- 
ginta annos summos in philosophia honores adeptus est piis 
gratisque animis gratulantur sodales seminarii philologici Ha- 
lensis. Halis Saxonura. 4. 1872. 

In dem ersten der vier hier vereinigten aufsatze: de Hip- 



Nr. 2. 37. Griechische poesie. 73 

piae sopMstae studiis Eomericis, werden von 0. Fried el die we- 
nigen stellen, wo von der beschäftigung des Hippias mit Ho- 
mer die rede ist, in eingehender weise und mit sorgfältiger be- 
rücksichtigung der neueren literatur besprochen. Viel neues 
konnte bei einem so oft behandelten gegenständ nicht vorge- 
bracht werden. Durchaus gelungen erscheint uns der gegen 
Mähly geführte beweis, dass an den beiden stellen, PI. Hipp. min. 
p. 364 und Hipp. mai. p. 286 zwei verschiedene reden 
des Hippias gemeint sind. Auch s.timmt der vf. mit recht den- 
jenigen bei, welche dem zeugniss des Philostratos über einen 
TgooiHog Stuloyog des Hippias jegliche bedeutung absprechen. 
Erwähnung verdient endlich die ansieht, dass vf. über das scho- 
lion zu Aristot. Soph. el. p. 299 b 43 (nicht 33) Bekk. : inidiog- 
doi'Tat de Toviovg iv tqj tisq) Floi^ziyJjgj cag uvrog AQiarnT^).ijg 
iv Ttj 'Prjzooiy.rj qijair, 'Inniag 6 Qüaiog htX. Die hier citierte 
stelle des Aristoteles befindet sich in der Poetik, man hat 
daher vorgeschlagen, die worte iv rr\ 'Pyrogm^ zu streichen und 
iv reo nun Iloiijzixqg an ihre stelle zu setzen. Da aber in 
diesem falle die entstehung der corruptel schwer erklärlich 
wäre, vermuthet Friedel mit Wahrscheinlichkeit, dass der scho- 
liast irrthümlich die rhetorik statt der poetik citirt habe und 
dass die worte iv tw aeol Hot?jTixtjs ursprünglich eine am 
rand beigeschriebene Verbesserung gewesen. — In dem zwei- 
ten beitrag (de Sophoclis Antigonae initio) schlägt 0. Neuhaus 
vor, die verse Antig. 4 — 6 zu streichen. Man könnte höch- 
stens zugestehen , dass sie nicht absolut nothwendig sind : ob- 
gleich, wenn sie fehlten , der bedeutungsvolle vom dichter an 
den anfang gestellte gedanke etwas dürftig behandelt wäre, 
und man vor xai vvv eine sprachliche bezeichnung der Vergan- 
genheit, wie sie in üncona gegeben ist, ungern vermisst. Aber 
die hier vorgebrachten gründe für die nothwendigkeit der 
athetese werden schwerlich jemand überzeugen: eine begründung 
von vs. 1 — 3 sei überflüssig, Antigone müsse sich kurz fassen, 
da sie noch in der frühe ihre absieht ausführen wolle, ferner 
werde durch die athetese die concinnitas membrorum in der rede 
der Antigone hergestellt, indem sich dieselbe in vier theile 
gliedere, in die anrede und drei fragen von je zwei versen ; 
endlich erhielten durch die athetese Antigone und Ismene eine 
gleich grosse anzahl von versen. Uebrigens trägt der vf. seine 



74 37. Griechische poesie. Nr. 2. 

ansieht mit lobenswerther bescheidenheit vor. — Am mei- 
sten werth hat die dritte Untersuchung: A. Schinck de du- 
plici Aristophanis Ranarum recensione. Die hypothese Stangers, 
dass wir in den erhaltenen Fröschen eine zweite misslungene 
bearbeitung besässen , wird mit verständigem urtheil und einer 
im ganzen richtigen beweisführung widerlegt. In einem punkte 
hat sich Schinck von Stanger unnöthiger weise beeinflussen 
lassen. Vs. 1469 f. sagt Euripides zu Dionysos (iSftrijfiivog 
vvv rcöi öfcor, oi>s' Ufioaag , r t (njv p 1 uniiieiv o'i'xa8\ aiQOV folg 
q>l\nvg, obne dass ein derartiger eid von Dionysos auf der 
bühne abgelegt worden. Hieraus entnahm Stanger einen wie er 
meinte, schlagenden beweis für seine ansieht. Dagegen erhebt 
Schinck allerdings einspräche, stimmt aber darin bei, dass hier 
eine corruptel vorliege : die verse seien ab histrione vel alio 
quodam interpolatore hinzugefügt worden. Auf die frage, wie 
die stelle ursprünglich gelautet habe (denn eine einfache athe- 
tese ist unmöglich), geht Schinck nicht ein ; es war dies auch 
bei dem zweck seiner abhandlung nicht geboten. Es liegt 
aber überhaupt gar kein grund vor an den versen anstoss zu 
nehmen, vorausgesetzt dass man sich von der alten attischen 
komödie keine ganz schiefe Vorstellung gebildet hat. Die li- 
cenz, die sich Aristophanes hier nimmt, die zuschauer erst nach- 
träglich von jenem (wenn man will, im palaste des Pluton ge- 
leisteten) schwur in kenntniss zu setzen , hat ihm sein publi- 
cum gewiss gern verziehen; er konnte den schwur um so eher 
fingiren, da er am anfang des Stückes den Dionysos seine ab- 
sieht so bestimmt wie möglich aussprechen lässt: vs. 67 ff. 
Hovdttg ys ft' uv ntCasisv av&fjmaoav zo fiij olx tXOriv in'' ixeivor. 
'HP 7i6t*q.ov eiQ "Aibov xuzoa ; J. xai rij Ji'' st zt y tazir tri xazw 
•tsQO) xzX. Ihren grund aber hat die fiction lediglich in der 
beabsichtigten Verspottung des bekannten euripideischen verses, 
indem Dionysos antwortet: i) yläzz" 1 o/io>/iox', Ala^iXov ö' «t- 
QTJaoftai. Diese annähme wird zwar nach Stanger „jeder ken- 
ner des Aristophanes als einen gründlichen irrthum bei seite 
werfen' 1 ; aber hierüber kann man eben verschiedener ansieht 
sein. Haupt z. b. hat in einem berliner universitätsprogramra 
sicherlich mit recht bemerkt, dass in den Vögeln v. 149 und 152 
der wiedehopf den beiden Athenern eine ansiedelung in Lepreos 
und Opus wesentlich nur darum anempfiehlt , damit die witze 



Nr. 2. 38. Aeschylos. 75 

auf Melanthios und Opuntios gemacht werden können, u. s. w. 
Allerdings ist eine Aristophanische koraödie ein kunstwerk in 
der vollsten bedeutung dieses wortes , aber die eigenschaften, 
wodurch sie zu einem solchen gemacht wird , sind ganz an- 
derswo zu suchen als in der ängstlichen Vermeidung derartiger 
kleiner inconsequenzen. — Endlich handelt 0. Seiler in dem 
vierten aufsatz de Tibulli elegia I, 2 und stimmt der schon von 
anderen geäusserten ansieht bei , dass mit v. 65 ff. ferreus ille 
fuit etc. der gemahl der Delia gemeint sei. Dem stehen aber 
wie schon Rigler (annot. ad Tib. I, p.vsq.) bemerkt hat, v. 55 f. 
aufs entschiedenste entgegen. Tibull will der Delia einen Zauber- 
spruch mittheilen, durch welchen sein Umgang mit ihr dem gemahl 
verborgen bleibe. Nach diesem versprechen fährt er fort: tu tarnen 
abstineas aliis: nam cetera cernet omnia: cleme uno sentiet ipse ni- 
hil. Wer möchte annehmen, dass sich Tibulls mahnung abstineas 
aliis erst auf die zeit nach der rückkebr des gatten beziehen solle? 
Und doch müsste man die Worte bei Seiler's annähme so interpreti- 
ren: denn da wir uns nach derselben den gemahl in Cilicien befind- 
lich zu denken hätten, so könnte von einem cernere zunächst 
keine rede sein; die motivierung mit nam hätte also nur für 
die zukunft einen sinn. Es bleibt nichts übrg, als mit Dissen 
unter dem abwesenden einen früheren bewerber um die liebe der 
Delia zu verstehn, welchem sich Delia eine zeit lang günstig 
zeigte. Das argument, welches Seiler gegen Dissen vorbringt, 
man erwarte dann nothwendig klagen über die treulosigkeit 
der Delia, ist von geringem belange. Der nebenbuhler ist jetzt 
beseitigt; es liegt also für den dichter (an dessen verhältniss 
zu Delia man keinen idealen massstab anlegen darf) durchaus 
kein grund vor , über Delia's benehmen gegen denselben nach- 
träglich in klagen und vorwürfe auszubrechen. Und wenn der 
vf . meint: prorsus incredibile est eam, p aullo antequam Tibul- 
lus hoc Carmen s criber et , alium quoque amatorem habuisse, 
qui nuper eam deseruisset, so ist dagegen zu erinnern, dass sich 
diese Zeitbestimmung durch nichts erweisen lässt. 

38. Lexicon Aeschyleum. Edidit Guil. Dindorfius. 
Lipsiae in aedibus B. G. Teubneri. 1873. Fase. I. A-Ntilog. 
— 2 thlr. 20 sgr. 

Bei einem so wichtigen werke, wie es der obige titel an- 



76 38. Aeschylos. Nr. 2. 

kündigt, ist es vor allem wünschenswerth, die Grundsätze ken- 
nen zu lernen, nach welchen der Verfasser gearbeitet hat. Eine 
längere vorre.de Dindorfs giebt in diesem falle einige auskunft 
über den grundriss des werkes und den Standpunkt des Ver- 
fassers. Wir betrachten also zunächst die vorrede. 

Jeder Aescliyloskenner weiss, dass für die kritik der sie- 
ben erhaltenen tragödien bei weitem der werthvollste, ja an 
den meisten stellen der einzig massgebende codex der Medi- 
ceus oder Laurentianus (M) ist. Diese feststehende Wahrheit 
ist in der kritik des Aeschylos gegenüber dem früheren planlo- 
sen tasten von heilsamster Wirkung gewesen. Dagegen ist .es 
eine noch unentschiedene Streitfrage, ob M die alleinige 
quelle unsrer Überlieferung ist, so dass neben ihm die anderen 
handschriften gar keinen werth haben, oder ob er nur die 
reinste und lauterste quelle darbietet, so dass ein körnchen, 
das sich im schlämm der übrigen tradition findet, noch immer 
für echtes gold gelten kann. Heimsoeths Untersuchungen ma- 
chen das letztere wahrscheinlich, jedenfalls ist das erstere bis 
jetzt unerwiesen. Sehr bedenklich ist es daher, wenn Dindorf 
bei der anläge des lexikons von vornherein den auch sonst 
consequent von ihm verfochtenen grundsatz aufgestellt hat, dass 
M für die sieben tragödien die einzige quelle der Überliefe- 
rung sei. Um so bedenklicher, weil es fast scheint, dass seine 
eigene Überzeugung nicht mehr so fest steht, wie früher. Denn 
sonst hätte er in der vorrede doch wohl kaum zu dem schwa- 
chen argument eines beispiels gegriffen und aus der Überliefe- 
rung von Athenäus' Deipnosophisten eine folgerung für die 
des Aeschylos gezogen. Von wie geringem vertrauen zu der 
verfochtenen sache zeugt in diesem capitel der schlusssatz: 
Hoc igitur ei conceditur de Athenaeo, nulla exeogitari ratio potest, 
cur negetur de Acscfrylo aliorumque , quorum eadem est conditio, 
scriptorum operibusl 

Aber auch der im folgenden versuchte beweis, dass alle 
scholien keinen anderen Ursprung haben , als entweder in der 
Überlieferung des M oder in den köpfen der Byzantiner, kann 
vor der Wahrheit nicht bestehen. Zu Sept. 672 (Herrn.) giebt 
M das scholion : oitoi 8s Tuxoyxovaav na) tylvotto cxpö^cog, was 
Dindorf bessern zu müssen glaubt in: olroi 8s naoi'jxovaav nai 
av v sytvovto avö^aig (Laios aber und lokaste waren dem Apol- 



Nr. 2. 38. Aeschylos. 77 

Ion ungehorsam uni wohatea einander frevelhaft bei), als ob 
avptyepopto in solchem sinne ein <ulij).tnii entbehren könnte; 
und da ein angeblich byzantinisches scholion viel verständlicher 
und sachgemässer sagt olzog dt ^Laios) nugqxovotv aviov xai 
iysrsto dvoftaog nuTriQ, so soll nach Diudorf hier namentlich 
durch die wendung tyntzo nur^g, wofür ein älterer grammati- 
ker fytrtro nuiijg natSnt; gesagt haben würde, die moderne re- 
daction und willkürliche Umarbeitung des scholion im M er- 
wiesen sein. Diese gewagte schlusslolgerung bricht sofort in 
sich zusammen vor der thatsache, dass hier nur die Vaterschaft 
an und für sich, der stand des vaters, in betracht kommt, nicht 
aber die beziehung zu den hindern, und dass in ganz ähnlicher 
weise Aescliylos selbst Eum. 654 gesagt hat tzut^o ^kv uv 
yivou' 1 ttPiv jojrpo't:. 

Wenn also Dindorf, von dem unbewiesenen satz ausge- 
hend, dass für den text wie für die scholien des Aeschylos M 
die einzige aus dem alterthum fliessende quelle sei, die ander- 
weitige Überlieferung aus dem lexikon ausschliesst, ja selbst von 
dem texte des M alles das ausscheidet, was er ohne angäbe 
stichhaltiger gründe für interpolation erklärt, wie z. b. die für 
Klytämnestra so charakteristischen verseAgam. 862 — 869 (Herrn.), 
und ausserdem in der Orestie allein achtzig trimeter, so kann 
man sich des verdachtes nicht erwehren, dass das neue Aeschy- 
los- lexicon das gesammte material nicht so vollständig und 
vorurteilsfrei wiedergiebt wie die älteren werke der art. 

"Geber sein verhältniss zu seinen Vorgängern Wellauer und 
Linwood spricht sich Dindorf nur sehr kurz aus, in dieser bezie- 
hung ist also das blieb selbst zu prüfen. Es versteht sich, dass es, 
durch die neuere conjecturalkritik und durch neu entdeckte bülfs« 
quellen unterstützt, an sehr vielen stellen frühere irrthümer besei- 
tigt und werthvolle zusätze giebt. Gewissenhafter fleiss und umfas- 
sende gelehrsamkeit sind fast auf jeder seite erkennbar. Aber den- 
noch kann das werk keinen höheren rang beanspruchen, als dass 
es eine revidirte und mannigfach verbesserte neuauflage von Wel- 
lauer ist. Und dies ist an und für sich kein Vorwurf. Wenn der 
vf. nicht selbst erst alle stellen neu gesammelt, sondern die 
arbeit seines Vorgängers, meistens mit derselben reihenfolge der 
beispiele, eifrig benutzt bat, um in sie seine Verbesserungen 
hiueinzutragen. so finden wir das ganz in der Ordnung (denn es 



7Ö 38. Aeschylos. Nr. 2. 

ist zwar modern, aber darum nicht minder albern, den begriff 
des „geistigen eigenthums" in so banausischer engherzigkeit 
zu fassen, dass man verlangt, bei jeder literarischen leistung 
solle alle früher beschaffte kärnerarbeit noch einmal vom Ver- 
fasser durchgemacht sein): aber wer nach Wellauer es unter- 
nimmt, unter eigenem namen ein Aeschylos- lexikon her- 
auszugeben, von dem verlangen wir heutzutage gewisse leistun- 
gen, von denen er sich nicht dispensiren darf. Erstlich muss 
er mit allen hülfsmitteln, welche die neuere Sprachwissenschaft 
darbietet, die etymologie und damit den grundbegriff seltener 
und halbverschollener Wörter angeben ; denn gerade in der küh- 
nen und doch immer masshaltenden, plastischen spräche des 
Aeschylos ist das durchleuchten der eigentlichen, sinnlichen 
Wortbedeutung von grösster Wichtigkeit. Was soll man z. b. 
Ag. 741 mit der Verbindung dxaoxuiop ayu'kpia nXovrov anfan- 
gen, wenn man nicht die bedeutung von axaoxaiog ergründet 
hat? Sodann muss man da nicht von tropischer Verwendung 
eines wortes sprechen, wo die energische pbantasie des dichters 
das wort in seiner ganz eigentlichen bedeutung gebraucht bat; 
bei wirklichen tropen aber soll angegeben werden, welche un- 
ter ihnen ein allgemein gültiges gepräge und welche den äscby- 
lischen Originalstempel tragen ; denn nur so kann man die 
grandiose eigenartigkeit des dichters erkennen. Endlich muss 
der Verfasser sich in den stil des Aeschylos so hineingelebt 
haben, dass er auch an stellen , deren heilung noch nicht ge- 
lungen ist, sagen kann, dieser und jener überlieferte ausdruck 
widerspreche der ebenso klaren wie phantasievollen diction des 
dichters, müsse also verdorben sein. 

Diesen berechtigten forderungen gegenüber hat Dindorf 
wenig, sehr wenig geleistet; anstatt Wellauers kärnerarbeit, die 
in dem sammeln des baumaterials bestand , für einen scbönen 
neubau zu verwenden, hat er sich begnügt, das material zu 
säubern und zu putzen und brauchbare wie unbrauchbare klei- 
nigkeiten aus den abfallen der grammatiker herbeizutragen. 
Fleiss, Sorgfalt, gelebrsamkeit hat er bewährt, aber der schöpfe- 
rische geist fehlt. 

Belege für dies urtbeil finden sich auf jeder seite. Ich 
greife beliebig den artikel inirffio/xai heraus. Dort heisst es: 
imvefioficti depascor. Improprio Ag. 485 müitiö»; ayav b dljXvg 



Nr. 2. 38. Aeschylos. 79 

ogog enirifisrai Ta^vungog. Dixit de hoc loco Donaldsonus (New 
Cratylus p. 269) qui interpretatur „from excessive credulity the 
boundaries of a woman's mind are easily encroached upon". Si- 
milia usus figurati exempla v. Thes. vol. 3, p. 1709. Also Din- 
dorf hält diese schon durch den rhythmus als verdorben indi- 
cirte stelle für echt, und Aeschylos bietet uns die phrase „die 
allzu leichtgläubige weibliche grenze schweift weidend umher''. 
Und wer mit dieser Verkehrtheit nicht fertig werden kann, wird 
auf eine englische Übersetzung verwiesen , die den fehler hat, 
dass sie durchaus nicht aus jenem texte gewonnen werden 
kann. Hier hätte ein gewissenhafter und mit dem Aeschylos 
vertrauter lexicograph notiren müssen, dass die durch ihre son- 
derbaren auflösungen rhythmisch auffallende stelle auch voll- 
kommen sinnlos sei und dass statt oyo,- nach Härtung Ogovg 
oder &yoog gelesen werden müsse. Vermuthlich ist mit der dem 
Aeschylos so beliebten, von den abschreibern aber so vielfach 
corrumpirten trennung des adjectivs vom Substantiv die stelle 
so zu restituiren : ntdavog ayav 6 &tjXvg initotysi &goo<; || 7a%v- 
nogng d. h. „allzu leichtgläubig streift das weibergeschwätz sich 
schnell verbreitend an der Oberfläche hin",, 'EniTofystv ist 
der technische ausdruck vom Umsichgreifen eines ausschlags, 
einer geschwulst u. s. w. , häußger aber steht in diesem sinne 
tt'fAtadut. Die corruptel erklärt sich also aus einem über ini- 
T()f'/£t geschriebenen vefisrai, woraus , nach einem nur allzuhäu- 
figen missverständniss, die abschreibet i/rirtfAszai machten. 

Aber zurück zu dem lexikon. Um einen möglichst kla- 
ren einblick in das verhältuiss der leistungen Dindorf's zu Wel- 
lauer zu geben , vergleichen wir der reihe nach die ersten 25 
artikel des buchstaben A bei den beiden autoren. Voraus be- 
merken wir, dass Dindorf die verba in der ersten person des 
präseus registrirt, während Wellauer die infinitivform hat ; hier- 
durch wird natürlich hin und wieder eine abweichung in der rei- 
hen folge der artikel bedingt. Dies ist allerdings unwesentlich, 
wichtiger aber ist es, dass Dindorf immer nach den verszahlen 
seiner ausgaben citirt, wodurch unnöthige Verwirrung entsteht. 
So lange eine neue epochemachende ausgäbe fehlt, sollte man 
sich vereinigen, Aeschylos immer nur nach den verszahlen der 
Hermannschen ausgäbe zu citiren. Doch zur sache. 

Bei Aftp>/ acceptio führt Dindorf zu Wellauer's artikel ein 



80 38. Aeschylog. Nr. 2. 

scholion hinzu. Sodann fährt er selbständig fort: laßri pre- 
Tiensio. Dicitur plerumque de prehensione qua athleta adversa- 
rium prehendit i. e. de nexu in lucta s. de nexu luctae, ut Quinti- 
lianus loquitur ab H. Stephano memoratus: unde ad alia transfer- 
tur. C'h. 498 rag öftoictg ättiSog Xaßag laßtiv. Sic Canterus 
pro ßlaß'dg. — Hier sind vor allem die worte ad alia trans- 
fertur entweder nichtssagend oder irreführend. Auf jeden fall 
schaut der dichter den rächer als einen ringer an, der mit glei- 
chem griff die mörder packen soll; von einer Übertragung des 
ausdrucks kann hier gar nicht die rede sein. Aber Dindorf 
musste auch wissen, dass mit Canters conjectur die steÜe noch 
nicht geheilt sei. Denn Weil hatte bereits gezeigt, dass die 
worte: „entweder sende den lieben Dike als helferin, oder gieb 
zur Vergeltung , dass wir mit gleichen griffen die gegner fas- 
sen", keinen correcten gegensatz enthalten , wie er sich doch 
darstellt im scholion : ?j rr^v öixqv avfifAavovaav tjßiv xai' uviäv 
nifiipov }] ß v xöXaoov al'Tovg. Nach diesem scholion muss 
gelesen werden, /} tag opot'ag altog dvtiSog Xaßmv „oder ver- 
gilt du selber, mit gleichen griffen sie fassend". Hier ist die 
richtige ergänzung zu ouoi'ag , nämlich \ußdg t in den text ge- 
drungen und hat in ßXaßdg verdorben, den vers weiter zerrüttet. 
Die folgenden artikel li'tßyog — layodafrqg bieten nur in 
der lateinischen Umschreibung kleine abweichungen von Wel- 
lauer. — Bei lay^drca ist in klammern hinzugefügt: cum per- 
fecto eilijxa et aoristo i\a%nv. Aber zu wessen nutzen? Bei 
Xafißdrca steht keine angäbe der formen. — Sodann folgt ge- 
nau dieselbe planlose reihenfolge der beispiele wie bei Wel- 
lauer, nur sind die beiden zweifelhaften fälle Suppl. 693 und 
Ch. 940 ans ende des artikels gestellt und zu dem zweiten 
einige nichts fördernde erklärungen und conjecturen angeführt. — 
Es folgen luycög — laOonttog wörtlich wie bei Wellauer. — 
Bei lailaxp ist nur die erklärung hinzugefügt : Est ventus violentw 
qui inferne sursum versus rcpente convolvitur: v. Thes. vol. 5, p. 
41. — Zu Aaiog giebt Dindorf selbständig die Umschreibung 
Laius, pater Oedipi, rex Thebarum. Ausserdem den zusatz : Ad'iog 
eecunda tetralogiae Oedipodeae fabula (fr. 119. 120). — Bei 
Xatg praeda wird ein beispiel aus Homer und dazu Hesychs 
erklärung citirt, ausserdem ein uusiuniges scholion bekämpft. — 
Xatcpog ganz wie bei Wellauer, bei Xuvd£o) wird nur Hesychs 



Nr. 2. 38. Aeschylos. 81 

erklärung angefügt, ebenso bei laxig einige scholien. — Bei 
laxnXoj wird erwähnt, dass Ag. 1624 ngcg xspiqu. nt] Xdxzi^e 
sprückwörtlich sei , und verglichen Pr. 323. — Xüxriapa er- 
klärt Wellauer vielleicht richtig durch eversio (so dass Thyestes 
wirklich das schauderhafte mahl umstürzt). Dindorf aber er- 
klärt XuxT(6[Aa proculcatio. Improprie de atroci coenae iniuria 
quam passus erat Thyestes. Möglich, doch wäre diese deutung 
zu begründen gewesen. 

Der lange artikel Xafißdvco lautet im wesentlichen ebenso 
wie bei Wellauer und giebt dieselbe reihenfolge der zahlreichen 
beispiele. Diese hatte bei Wellauer einen sinn, da er das wort 
in angeblich verschiedenen bedeutungen fasste; indem Dindorf 
aber mit recht diese Unterscheidung fallen lässt und dennoch 
Wellauers reihenfolge beibehält, erscheint sie ganz planlos. 
Hier und da sind kleine Verbesserungen in den beispielen an- 
gebracht, eine stelle von vier versen ohne grund für unecht 
erklärt und ein paar bekannte conjecturen erwähnt ; ausserdem 
ist die form Ag. 876 noog $lav XeXij[*iAevt]s durch einige bei- 
spiele beglaubigt. — Die artikel lafxnadrjcßOQog und Xafinüg 
sind so gut wie wörtlich aus Wellauer entlehnt. — In Xä\a- 
novgig wird der accent nach dem Etym. M. berichtigt und der 
gebrauch des wortes bei Lykophron erwähnt. — Bemerkens- 
werth ist der artikel la^ngog , der in den ersten neun zeilen 
wörtlich Wellauer wiedergiebt , nur dass durch Unachtsamkeit 
eine zeile Wellauers ausgefallen ist; nach der zweiten reihe 
fehlen die worte Xupngbv '{xxqovoiov dt'pug und das neue citat 
Pers. 504. Hinzugefügt ist nach Weils conjectur die stelle 
Ch. 810, die bei Wellauer unter XafxnQwg stand. Für unecht 
erklärt sind die herrlichen partien Ch. 274 — 296 (deren wahr- 
haft äschylischen geist Keck im programm der schleswiger dom- 
schule von 1868 dargethan hat) und Eum. 686 — 702 (D). 

Doch genug. Das angeführte dürfte zur genüge bewei- 
sen, dass das neue ,,lexikon" richtiger ein nach Wellauer 
vielfach verbesserter index zu Aeschylos heissen würde , nur 
dass die gefühllosen athetesen und einige nachlässigkeiten das 
epitheton wieder in frage stellen. 

Druck und ausstattung sind so vornehm, wie man es bei 

der Verlagshandlung gewohnt ist. 

H. K. 

Philol. Anz. VL 6 



82 39. Griechische tragiker. Nr. 2. 

39. Friderici Heimsoethi de interpolationibus com- 
mentatio IV. (In dem bonner index lectionum 1871). 

Für jeden, welcher die griechischen tragiker kritisch zu 
behandeln unternimmt, ist es unerlässlich, Heimsoeths werth- 
volle beitrage zur emendation der tragiker sorgfältig zu studie- 
ren. Namentlich junge philologen würden vor schlimmen irr- 
gängen bewahrt bleiben, wenn sie sich in seine feinen Untersu- 
chungen vertieften. Sie würden insbesondere erkennen, dass alles 
gelehrte handwerkzeng und jede noch so glänzende methode keine 
resultate erreicht, wenn nicht vor allem ein dem dichter conge- 
nialer sinn in dem kritiker lebt, und dass nur der mann, der 
eine gewisse dichterische kraft besitzt, zur kritik der dichter 
berufen ist. Sodann aber würden sie auch den geist seiner 
methode sich aneignen, der darin besteht, dass er immer, in die 
intuition des dichters sich versenkend , von innen heraus die 
äusseren schaden zu constatiren und zu heilen versucht. An 
geschmack und feinfühligkeit steht Heimsoeth, wenn er in sei- 
nen Schlussfolgerungen oft auch zu weit geht , auf dem gebiet 
der restituirung der tragiker unübertroffen da. Auch die oben- 
genannte abhandlung verdient die sorgfältigste beachtung von 
Seiten jener jungen männer, die so willig der akademischen mode 
folgen, jede dichterstelle, an welcher die gelehrten sich umsonst 
abgearbeitet haben, gelassen für interpolation zu erklären und 
den dichter aus seinem eigenen werk hinauszujagen. Ihnen 
ruft Heimsoeth (p. xi) zu: In mernoriam revocare voluimus y et 
debere et posse in interpolationibus rite demonstrari , primum non 
potuisse aliquid ab ipso poeta scribi, dein ab alio consulto additum 
esse ita probari, ut quid ille invenerit et quomodo factum sit, ut quid 
addiderit (soll heissen ut aliquid adderet) aperiatur. A quibus ra- 
tionibus longissime sane absunt, qui hodie interpolationis convicia ja- 
ciunt, ubicunque aut in verbis sanissimis festinantius scilicet a se 
lectis Jiaerent — aut de corruptorum verborum emendatione desperantes 
sese laxare tandem emendandi molestiis malunt. Dagegen sucht 
er an acht stellen des Sophokles und des Euripides interpola- 
tionen nachzuweisen, aber mit der grössten evidenz zeigt er, 
seinen grundsätzen getreu, vor allem, dass so, wie überliefert 
sei, der dichter nicht geschrieben haben könne, sodann warum 
der interpolator seine zusätze gemacht habe. In den resultaten 
jnuss jeder unbefangene ihm meistens zustimmen. Ausgezeich- 



Nr. 2. 40. Griechische tragiker. 83 

net ist namentlich die behandlung von Eurip. Phoen. v. 1219 
sq. Hec. v. 543 sq. und Med. v. 40 sq. Aus dem Aeschylos, 
der dem verf. am meisten vertraut ist , weist er kein beispiel 
von interpolation auf; er scheint darnach die Überzeugung des 
referenten zu theilen, dass der text des Aeschylos von jeder 
eigentlichen interpolation d. h. absichtlichen fälschung frei ge- 
blieben ist. 

40. Friderici Heimsoethi de interpolationibus com- 
mentatio V. (In dem bonner index lectionum 1872). 

Nicht minder interessant und lehrreich, als die vorher be- 
sprochene, ist diese kleine abhandlung. Schon am Schlüsse 
der vorigen hatte Heimsoeth sich mit aller entschiedenheit ge- 
gen den unfug ausgesprochen, der mit vorweg eingebildeter 
zahlensymmetrie in den tragikern getrieben wii;d und dahin 
geführt hat, dass die schönsten gedanken und die edelste form 
congruenten zahlenfiguren geopfert werden. In der vorliegenden 
kleinen schrift führt er seine ansichten über symmetrischen re- 
debau weiter aus; er giebt zu, dass es bei scharf pointirter 
wechselrede den dichtem im ganzen bedürfniss sei, gleiches 
mit gleichem correspondiren zu lassen, doch überall müsse die 
gestaltung der form durch den inhalt bedingt werden, es könne 
also mitten in einer stichomythie, wenn die wucht des gedan- 
kens es nothwendig mache, eine Unebenheit der form vorkom- 
men. Um die zahlenkünstler lächerlich zu machen führt er 
nach dem vorgange Kecks (Fleckeisens Jahrb. 1860, p. 809 fg.) 
mehrere stellen aus Göthe an, aus denen sich die schönste zah- 
lenfigur entwickeln lasse, während doch kein vernünftiger dem 
dichter ein bewusstes streben in dieser richtung zutrauen könne. 
Heimsoeth stimmen wir insoweit unbedingt bei, dass auch wir 
diejenige kritik als eine Versündigung betrachten, welche nach 
einem von vornherein aufgestellten zahlenschema das scheinbar 
überhängende, wenn es an sich auch noch so gesund ist, als 
interpolation ausscheidet. Wenn Heimsoeth aber hinsichtlich des 
symmetrischen redebaus alle drei tragiker auf eine stufe stellt, 
so können wir ihm nicht beipflichten. Aeschylos verlangt in 
dieser beziehung eine ganz andere behandlung als Sophokles 
und Euripides. Jener ist der durch die alterthümliche form 
viel mehr gebundene; je weniger dramatisches leben er noch 

6* 



84 41. Herculanensia. Nr. 2, 

hat, desto mehr ist es seinem genie bedürfniss, ebenmass auch 
bis in die kleinsten einzelheiten zu wahren , so dass selbst die 
mikroskopische Untersuchung keine Unebenheiten entdecken kann. 
Wie es demnach erwiesen ist, dass Aeschylos in der respon- 
sion der strophenpaare eine genauigkeit der Übereinstimmung 
wahrt, hinter welcher die andern tragiker weit zurückbleiben, 
so dürften auch in bezug auf symmetrische gliederung des äscby- 
lischen dialogs Weils und Kecks Untersuchungen einigen an- 
spruch auf unbefangene beachtung von Seiten Heimsoeths haben. 
Am Schlüsse der abhandlung wendet sich der verf. mit 
entschiedenster Überlegenheit gegen diejenigen kritiker, welche 
einzelne verse und ganze partien, die von schweren fehlem 
der Überlieferung heimgesucht sind , aus Verzweiflung als inter- 
polation ausscheiden , während jeder , der gesunde sinne hat, 
sich sagen muss, dass s o auch der absurdeste falscher nicht 
hätte schreiben können. An einer reihe von schlagenden bei- 
spielen weist er nach, wie durch eine kleine änderung ein von 
renommirten kritikern als interpolirt bezeichneter vers unzwei- 
felhaft als eigenthum des dichters dargethan wird und wie die 
interpolationsjäger mit roher band oft die feinsten Schönheiten 
verwischen. In letzterer beziehung ist besonders lehrreich die 
behandlung von Soph. Oed. Tyr. v. 798 sq., wo er unwider- 
leglich erweist, dass der im cod. Laur. A. irrthümlich fehlende 
vers xat aoi } yvvai, talr^Osg i^sgöo' TQinXrjg gar nicht entbehrt 
werden kann. Freilich — hier handelt es sich um das dogma 
von der alleinigen autorität des Laurentianus. H, K. 

41. Herculanensium voluminum quae supersunt collectio 
altera, tomus VII, fasciculus III complectens ignoti librum cu- 
jus titulus haud superfuit. Napoli dal museo nazionale 1872. 

Dieses dritte heft des siebenten bandes enthält auf fol. 
81 — 123 im ganzen 47 fragmente. Dass von den mehr als 
zweitausend kupferplatten, die man vor zeiten, gleich nach ent- 
wicklung der volumina angefertigt, aber weil man damit nichts 
anzufangen wusste , bei seite gelegt hatte und jetzt erst dem 
publicum darbietet, wenig oder nichts zu lernen ist , dass man 
vielmehr, nachdem eine bessere methode diese rollen zu öffnen 
gefunden ist, sich an die masse der im museo aufgespeicherten, 
noch nicht berührten volumina machen sollte, ist früher des 



Nr. 2. 41. Herculanensia. 85 

näheren nachgewiesen worden (Philol. 1863 Suppl. II, p. 493 — 
548). Dort ist gezeigt, dass nur ein stück auch in seinem 
zerrissenen zustande bedeutend ist : es enthält eine geschichte 
der diadochen der akademie und ist die quelle des Diogenes 
Laertius. Meiner aufforderung an alle philologen und philoso- 
phen, diese bruchstücke einer näheren betrachtung zu würdigen, 
folgte nur Bücheier in einem herbstprogramm der Greifswalder 
Universität 1869; Gomperz hatte mir geschrieben, dass er eine 
bessere abschrift dieser rollen aus Oxford besitze, wodurch die 
änderungen, die ich dort vorgebracht, bestätigt würden. Die 
Engländer besitzen nemlich alle diese fragmente, welche die Ita- 
liener jetzt herausgeben, in reineren abschriften, haben es aber 
nicht der mühe werth gehalten sie bekannt zu machen ; der 
schluss ihrer praefatio lautet : quod superest, reliquorum partem saltim 
aliquam, quae mutilationibus et lacunis minus ceteris laboret, primo 
quoque tempore , si modo id tanti videbitur , similiter evulgabimua. 
Ein massiger octavband , zu den andern zweien könnte alles 
derartige noch vorhandene ; was nicht leere buchstaben sind, 
enthalten : jetzt haben die Neapolitaner bereits sieben folian- 
ten, die nicht weniger als 140 thaler kosten, angefüllt und da- 
mit sicher die einstigen kosten der gestochenen kupferplatten 
reichlich ersetzt. 

Vorliegende fragmente sprechen über die poesie , deren 
inhalt und form, in welchem sinne, ist bei dem verstümmelten 
zustande nicht zu bestimmen. Der titel des Werkes und da- 
mit der name des autors ist nicht erhalten ; in dem kataloge 
der oxforder Herc. Vol. lesen wir 1014 drjutjToiov nsgl noti\- 
ixdtojv pp. 28, ferner 207 (fidod/j/xov negl noi^^drcov pp. 10, 
dann 1425 0iXo8r'jftov neol Tioiij^ärcov pp. 39, endlich 1538 
&iXo5>'j(*ov tieqI 7ioit]fiÜTmv 7ov E rar sig ovo ib B pp. 12, 
also das eine buch in zwei abtheilungen ; der erste theil mit 
38 columnen ist Herc. Vol. Oxon. II, p. 117—55. Sprache 
und ausdrücke zeugen deutlich, dass wir auch hier keinen an- 
deren Verfasser als den Philodemos vor uns haben ; es ist eine 
Streitschrift, wie gewöhnlich, der gegner erscheint vielleicht fr. 
23. 26 'HouxlsödcoQov , derselbe name wird auch im fünften 
buche, Oxon. II, p. 139, erwähnt. 

Da einige namen von dichtem angeführt werden und fr. 
16 hoch trabende, komisch lautende anapaesten auftreten : 



86 41. Herculanensia. Nr. 2. 

rzgog ös neXä^m zov oniG&oßdrqv 
nöda ytjQOXOftwv, 
und ein trimeter : 

tjxco cpt'gcov ooi rööv iptäv ßoaxyndzoov, 
so lohnt es sich vielleicht der mühe, lesbare stellen hier hervor- 
zuheben, damit man nicht zu viel erwarte und einsehe, wie we- 
nig doch an dem ganzen verloren, obschon der Verfasser selbst 
ein dichter gewesen. Von einigen columnen hat sich der obere, 
von andern der untere theil erhalten, von manchen nur die an- 
fangs - oder endbuchstaben der zeilen; die Zeichnung ist oft 
falsch, die englische abschritt wird gewiss auch hier vieles rich- 
tiger geben ; formen wie fr. 9 naoattöH-iiev oder 10 xaz^oxtv- 
acftevu sind schwerlich auf rechnung des alten librarius zu se- 
tzen, sondern wohl der ungenauigkeit des Zeichners zuzuschrei- 
ben. Ohnehin werden nur wenige philologen diesen fasciculus 
zu gesicht bekommen, auch schadet es nicht, wenn wieder der 
eine oder andere, der seine freie zeit nicht besser zu verschwen- 
den weiss, zur nähern und weitern forschung dieses bruchstücks 
veranlasst würde. Fr. 5 . . avv&saiv . . ' Innoav anzog . . 
Fr. 9 zb m&av[ov . . . ov- 

novv ort ß . . 

opoloyov {jus]»' £iva[i . 

nor\xr\v opoia f/,6vo . . 
5 03i ßovXezai nagart&T]- 

xsv, ovh a,7zod£8eixev } o- 

ri zoiovzog iv zaig imozrj- 

(xaig diaqsooäg noXXiqg v- 

naQ%ovaqq, all? Ofiwg xa- 
10 &CC7ZSQ im zmv v.aza rag 

XsiQOvgytag ov% ijyovfiS" 

&a x&iQwg nag oaov vqisfi- 

fxevog vXtjv Sm'qov ts- 

%veizov xaXmg ijqyäaa- 
15 to, ovzmg ovds noqztjv i- 

av aitör\zov vno&saiv ia- 

ßoov ngoadrj tbv diov vo . 

12 x i *Q 0)l falsche Schreibung, wie 12 der accusativ 'AnöXXwt 

13 das zweite M des Wortes falsch wiederholt. 
17 hJW? 



Nr. 2. 41. Herculanensia. 87 

Fr. 10 Qtjostg xui 

nara(JxsvaG[xspag nsgl 
nov h . . v . inoi A . 8av 
mqisXsiv 70 xotjcstov 8i- 
5 avoqua , xal ßXämsiv 
76 novtjgov . I Xctfißctvoi- 
& mg 7torjixa7og xal nor\- 
70v' 7Ü"ia yao 70 8ia 7tjg 
inaivs7tjg l| [i(jya]oCag 
10 sniqiuv ....... pa 

'lQr\<370V , 70 8' ix 7tjg xpsx- 
7"fjg novijoov dvaxaXm 
. T»g • ixsho yuq vnb 7l I 
7cov äraiSmv Xtys7ai 
3 novj]oov t'inoi fi?j8 av? 
10 iniqsuiFv inivör\yia . . avaxaXsl 7ig . . vno 70V7(ov? 
Dieses ist die zweite hälfte, aber auch die erste hat sich erhal- 
ten , ohne dass sich ein zusammenhängender gedanke ergäbe, 
z. b. xa&ci xal ccfitlsi qiavsQov ov . tarov svöijös ndofpv7a 8i\ä 
7t]g~\ Tzaoa&eaecog 7<üv o . . qov 7(üv avsgv . . $> p; worin viel- 
leicht 'O[fxij]oov 7ÖÖV av iqisiv liegt. 
Fr. 11 8s novqoov cpa . . 

70 nör\\>,a xal (i7]8[sv 
ßXdxpsiv 76 (palXov [mg 
ovo* EiQSini8rjv 8ia[vo- 
5 qua, fiTjS' mopeXtja\e& 

7o %QT]a76v, cog ov8s [Xat- 

QTj[i0va ' 7taOsXxE7ai y[dg 

70 %oqa76v r\ cpavXov 
shai Siavorjua jH« . 

10 1J70V Sig 1Z0T]7lXt]V [«- 

QS77JV Xttl iltl 70V70 [ov- 

1 ov7og ov [8s]fpCXiaxog 
ovS" 1 oi Xoinoi 8vo xoa- 

Fr. 12 no xal 7ov '/t\ya\ft$ftro- 

va fih alösga tTvai, 70v 
'Ayi!kkm 5' ijXtov, 7t\v. EXi- 
vr\y 8s yr\v xal 70V 'AXt- 



88 41. Herculanensia. Nr. 2. 

5 %avdgov dega , zov "Exzo- 
ga de aefojiTjv , xal zovg dX- 

CO 

Xovg dvaXoyovg coVojuacr- 
&ai\ zovzoig ' zcöv de &emv 
. . /lijfiTjToa pev 7jn\ctQ 
10 . . Aio\vvoov de anlrj[v- 
a '/4]ji6lXo3i de %oXt] [v 

Fr. 13 oig xexQquevcov i . . 

d . nagaXXdzzov oXmg 
iv notjzixqi ' zijv [iev 
ydg ov&ev dei zijg vXijg 
5 eavirj yevvdv , t?jv de Ttor\- 
zixtjv d^iovoi xal zr\v 
xotvrjv vno&eoiv eaziv 
oze nXdzzeiv eavzfj, xat 
piegC^eiv, zavztjv zs xal 
- 10 zr\v dedoixevrjv, xal zd 

xazd pegog svgiaxeiv di- 
avorj(iaza xal Xe^eig ex 

Fr. 16 Xmg ze &egpav&ev zo 
zo xa&dneg tj^tConrog 
Ix&vg zov 6cp&aX[i6v 
fc'£co ejetj zov de ngog 
5 as neXd'Qm zov onia- 
&oßdzrjv nöda ytjgoxo- 
(iäv zo nageivai xap- 
nvXag ßaxzqgiag e%ov- 
10 zag, ngtaßvzdzov d$ 
tjxm cpegmv aoi zmv 
ifiöav ßoox?][idzo3v 
yegeiv APN1CAI xal CII 

Fr. 17 s . . za sva&Xiov mg xal 
Xaigtjfiova xal zovg 6[*oi- 
ovg . ov ydg iv vorjfiart fi6- 
vovy dXXd xal tfi noia avv- 



Nr. 2. 41. Herculanensia. 89 

5 . -&si (fQu'C,yjfi£v(ai zdya- 
&ov v6(iit,s zäv nor\- 
räv\ 6&ev ä8ols6%Ca 

Fr. 17. 4 (jvv&eoei? 

Fr. 23 ag . . 8s zd unorjta ov xpsv- 
8 ... ctg awsgyi . . [aijSs 
avzcag xazaygdcpei . y.sivsi 
yag ov zd dnotjza dXXd zd rzs- 
5 notjftsva, Siavorjuazu 8s . 
xul zavz -1 iaz}v 'HgaxXsoSä- 
gov pofiC^ovzog oXcog v6- 
t]l*a fiij xetveiv, dXX' ov fio- 
vov zo dnotjzov , . 

Fr. 26 avv] covvpiav T . . 
. v xal Evgmt . . 
yszai 7tot]fia . . 
xa&' 6fiozidsi[av . . 
5 "dzco zig sp . . 
sTziXoyiafiov . . 
. ri&slag xa) firj Siazd- 
%eig iSiag dnayysX- 
Xwv . ov htjv dXXd . . 

10 a zov&s NE xa . z . v . 
N 

Msv 'HgaxXsoScogog 
Tjpeiv, s'i'ze zou voov- 
(xsvov 7iOT}(i.azog vno- 
öeiypaza xazs%ägi- 
4 8st^dt(o? 

Fr. 29 ö[ioyXu)zzco[v . . 

£cov xat avrog slv . . 
xsiva nor/fiara i . . 
fiqiiopct • xal ydg [zd 'zov 
5 2(t>qigovo$ x«f' zd [ztiv 



9 " 41. Herculanensia. Nr. 2 

dXXcop [itfioyg [dyeop . . 
sinors notjfia . . 
yerat . xal pr) . . 
oi ovvzi9iv]Teg . . 
10 pCficop 7ioirf\za) . . 

Fr. 30 . . ot . v . to . . [fivij- 

fiorsvofxsfoav . . 

vav dcp 1 ov n . 

axgqcoprug x . . 

5 ^ovaiv vniXdp . , 

• yeiv rj nagaxov . . 

fisv rjftsTg ?} naga . . 
ixsipog iftaip . . 
rjf.ia.ru (pdaxco rd [Jrj- 
10 (ioa&t'irovg xal [Avti- 
cpwviog, fiällov [de 
ta HqoöÖtov xal [toi 
7tjv cvv&qxtjv [avy- 
yoctyovTog } si [xtj . . 

Fr. 32 . . 7o2 ngog to normo. . 
aal 8tj ydg cög scprjv ov- 
dsTegov itor\fxa tov xcc- 
Xov nor]fxaxog vno- 
5 Xafißdvovaiv, ovo' dX- 
Xmi nQurjQico to no~ 
rjfta xal zb xaXov i%8- 
rd^sadai Xiyovatv . 

Fr. 36 . . . si fis'v' 

toi ys ix ndorjg ins- 

Xs'^aro diaXsxzov 

rag opoftaaiag "OfiJjgog 
Dies sind sämmtliche stellen, in welchen die angäbe eines na- 
mens die aufmerksamkeit rege hält , wenn sie auch keineswegs 
befriedigt wird. Was würde es helfen einzelne hier und dort 
verständliche sätze aufzuzählen, wie etwa zumeist noch fr. 
40 dXXd [fiij]v ovde rd tivv ngayfidTcop oixsia Qmnata nagatvei 
Xapßdpsip cög dXij&eg elaeiv, si rit fidXiard Tig sftcpaivofza iyXi- 



Nr. 2. 42. Roman. 91 

yoito, aXX' ia<i ä&Xiov, oder fr. 45 8to xoei t^' 8ri>jrAvov zcop 
ipvxayooyovvTCßp top ofXov xazacpgovrJGOVGt xayco fiet [av~\rmv' 
ov yä() ib tt]v xaXrjP Xe%iv sv z[(] tmv yvaixmv \bnoi\oiuv, [aXX~\a 
LiälXov: es finden sich kaum drei oder vier sätze die einen si- 
cheren derartigen gedanken geben und so schliessen wir mit 
dem wiederholten sehnlichsten wünsche, dass die eröffnung neuer 
volumina baldigst den anfang zu besserem machen möge. 

L. 8. 

42. Fabulae Romanenses graece conscriptae. Ex recen- 
sione et cum adnotationibus Alfredi Eberhard. Volumen 
prius, quo continentur de Syntipa et de Aesopo narrationes 
fabulosae partim ineditae. Lipsiae, in aedibus B. G. Teubneri, 
MDCCCLXXII. (XII, 310). 8. — l 1 /* thlr. 

Diu bisher einzige ausgäbe der geschichte des weisen Syn- 
tipas von Boissonade, Paris 1828, enthält nur eine recension 
dieses vielfach bearbeiteten und übersetzten novellen-kranzes. 
In der vorliegenden zweiten ausgäbe dagegen veröffentlicht 
Eberhard ausser jener noch eine ältere bearbeitung, die er in 
einer münchener handschrift (525) fand; allerdings umfasst diese 
nur etwas mehr als die hälfte des ganzen Werkes, da der an- 
fang verloren gegangen ist. Dann theilt Eberhard excexpte 
aus einer neugriechischen bearbeitung mit, welche in einer dres- 
dener handschrift sich befindet. Dagegen hat für die zuerst 
genannte recension Eberhard, drei handschriften benutzt: eine 
wiener V (cod. hist. gr. 120) und zwei pariser A (suppl. 105) 
und B (2912), die beiden letzteren nur nach Boissonade's col- 
lation. Ueber das verwandtschaftsverhältniss dieser drei hand- 
schriften spricht sich das kurze vorwort dieses ersten bänd- 
chens nicht aus. Mir hat sich folgendes stemma ergeben: 

2 



A 
B 

Z = original -handschrift dieser recension; u= ziemlich stark 



92 42. Roman. Nr. 2. 

verderbte abschrift; ß und y stehen V und A sehr nahe und 
sind möglicher weise die unmittelbaren vorlagen dieser hand- 
schriften. V und A sind also meiner ansieht nach repräsen- 
tanten zweier familien, während B einen willkürlich zusammen- 
gestellten mischtext bietet. Da nun überdies dieser mischtext 
aus zwei sehr jungen handschriften [ß und }') hervorgegangen 
ist, so reducirt sich der werth von B auf die Verbesserung we- 
niger sehr geringfügiger versehen in V und A. — Allerdings 
giebt es eine stelle, die meiner ansieht zu widersprechen 
scheint; nämlich p. 36, 9 ff.: [isrä 8s rrjv anoepetotv nciXtv, 
natu rrjv rsTagiTjv fjfiegav 6 rwv (filoaöcpmv avtov neu ovftßov- 
Xcov tstagrog ig%erai. xal övvtjftcog avtov ngoanvvqaag, ,,£?/#/, 
ßaaiXsv, H elnsv „sig tov alwva". Jenes softer ai findet sich 
nur in B, in V und A fehlt es. Wie aber, wenn dieses sgfts- 
rai, welches Eberhard ohne den geringsten argwöhn in den text 
setzte, sich als eine keineswegs gelungene conjeetur des Schrei- 
bers von B entpuppte? Wie drückt denn der verf. das „heran- 
gehen zur audienz" aus? 11, 17 anigftsrai ngog rov 
ßaaiXsa. 13,20 ngog rov ßaaiXsa Jtagayevouevot. 18, 5 
ngog avtov nagayevofistt] xal nagaaiäaa rovtep. 19, 2 na- 
gaarag r qj> ßaaiXei. 24, 9 f. nagiarrj av&ig rw ßaaiXei. 
27, 15 f. t«o ßaaiXei nagaardg. 32, 11, f. nagsatrj r q> ßa- 
aiXei. 45, 1 nagsatrj rol ßaailsl. 46, 12 si'asiai ngog rov 
ßaaiXsa. 55, 15 slasgftstai ngog avtov. 58, 7 f. ngog 
rov ßaaiXsa slasgftstai. 79, 24 f. rjas ngog ßaaiXsa. 83, 
19 f. syylt,ovai nXijaiov r to ßaaiXsl. Wir sehen also, dass 
der autor , wenn er vom herangehen zur audienz spricht , es 
nie unterlässt, den könig zu bezeichnen. (7, 2 und 80, 11 
besucht der prinz seinen vater, 82, 20 f. ist von einer raths- 
versammlung die rede, und 112, 15 f. wird die frau vor den 
könig citirt, daher diese stellen nicht als ausnahmen von jener 
allgemeinen regel gelten können). Wird nun eine unbefangene 
kritik gegen das zeugniss zweier trefflicher Codices sowie gegen 
den feststehenden Sprachgebrauch des Schriftstellers einer fast 
werthlosen handschrift zu liebe jenes sgftstai im texte dul- 
den ? Ich meinerseits begnüge mich zu lesen : 6 tmv qiiXo- 
oöcpwv avrov na). CVfißovXmv rsragrog * * xo» avrtj&cog xtX. 
Mag, wer will, die lücke durch einen der oben augeführten 
ausdrücke füllen. 



Nr.. 2. 42. Roman. 93 

Im allgemeinen übrigens hat hrgb. bei der herstellung des 
textes einen sicheren kritischen tact bewährt. In einzelheiten 
freilich kann ich mit ihm nicht übereinstimmen. So hätte er 
z. b. 4, 12, wo die handschriften bieten: nXsov rov av^ns^oa- 
ftjfihov xuiQOv besser gethan , die corruptel bloss anzuzeigen, 
statt die völlig unwahrscheinliche änderung n ag sX&ovzog in 
den text aufzunehmen. Ich weiss allerdings keine plausible 
heilung dieser stelle, will es aber nicht unterlassen, auf 84, 6 
n Xeov d a a i tov xaigov und 154, 8 f. oqov iXXeitfjai r; nXto- 
väaai hinzuweisen, in der meinung, dass diese stellen einen 
anhaltspunkt zur heilung der vorliegenden liefern dürften. 7, 
15 ff. geben die mss.: zmv de uqiÖviwv Xöyovg lalrjaüvtcov rq> 
vd(p yXvxslg xat zovrov noog anoxgiaiv sXxovreg. Eberhard 
änderte i X xö vx cav. Näher liegend und auch wohl angemesse- 
ner ist iXxovraq. 13, 7 ooä top ßaaiXixov öaxrvXiov hat 
Eberhard ßaaiXixov als glosse eingeklammert, offenbar veran- 
lasst durch das folgende syvta ys «ju« xovxov ovza ßaaiXixov. Dies 
ist jedoch nicht zwingend. Der leser weiss bereits , dass jener 
ring dem könig gehört, der heimgekehrte ehemann erkennt dies 
erst nach genauer betrachtung. 47, 13 eioljX&s. Eberhard 
vermuthet ?]X&s, ich in?j).&e. Von den zahlreichen mehr 
oder minder wahrscheinlichen Verbesserungen des hrgbs. hebe 
ich als besonders gelungen folgende hervor: 25, 2 ovjojg statt 
ovzog; 28, 19 i^neaov statt ifunsaov ; 29, 12 xal ii]v statt xa- 
Xr\v ; 45, 20 xaTco ev statt xdzco&ev; 51, 17, avr[Q statt uvrjg; 
53, 14 ovds olda statt oüöV; 75, 12 f. einav ezi statt ünövxi 
oder slniv ti; 76, 14 l8cöv statt s'idcag ; 78, 6 xaxoav/xßovXog 
statt xaxtj avfißovXog u. a. m. Ganz besonders förderlich für 
die herstellung des textes erwies sich die vergleichung mit der 
münchner und dresdner recension. 

Was nun die entschieden ältere münchner recension 
betrifft, so hat Eberhard sich keineswegs begnügt, sie durch 
veröffentlichuug der kritik zugänglich zu machen, sondern gleich 
selbst hand angelegt und durch zahlreiche treffende Verbesse- 
rungen sich wesentliche Verdienste um die herstellung des tex- 
tes erworben. Ich hebe nur weniges hervor: 137, 22 xaTexd- 
Xvxpav statt itantxdXvxpav ; 142, 6 iv statt fitt>) 148, 7 ngoaa- 
nf.ygdipco statt unsyQÜipa) ; 164j 10 xdgva statt xägav; 180, 7 
?}jojTjajuat statt ytoorig jue. 166, 17 f. svaötag nXqgqg dgoo' 



94 42. Roman. Nr. 2. 

ixttzixtjg 6<s(pQaivo[xai. Eberhard änderte nXsi ozq g , was schwer- 
lich richtig ist, vgl. die wien - pariser recension 100, 17 f. noX- 
Xrjg eicodCag ^vlcav [xvqiotixcöi> i \in in Xa [i a i. 146, 11 f. o ftfV- 
zoi dvijQ i&tTvoov s^siair. Eberhard vermuthete anfangs, dass 
nach i^Bintßv ein ravra ausgefallen sei, widerrief dies jedoch in 
den corrigenda mit der bemerkung: „ij-euztov nachdem er aus- 
geredet hatte non est mutandum". Unbedingt nothwendig ist ein 
object zu i^siamv gewiss nicht, aber für den, der es wünscht, 
steht es da: o pivroi av.tjQ i^smaiv s^staip. 

Bevor ich von Syntipas scheide, will ich nicht unerwähnt 
lassen, dass Eberhard (p. IX) die herkömmliche ansieht, der 
Übersetzer des Syntipas aus dem syrischen habe Andreopulos 
geheissen, mit erfolg bekämpft. Andreopulos war nur der Ver- 
fasser jener recension , welcher die moskauer handschrift an- 
gehört. 

Dem Syntipas folgt die fälschlich dem Maximus Planudes 
zugeschriebene biographie des Aesop, vorläufig in einer recen- 
sion; eine zweite und dritte bearbeitung soll der zweite band 
der Sammlung enthalten. Für die hier vorliegende recension hat 
Eberhard nicht weniger als 13 handschriften (ADEFHIKM 
PQRVZ) benutzt. Leider Hess er sich bei der eintheilung die- 
ser handschriften in klassen einen höchst bedauerlichen miss- 
griff zu schulden kommen. Er theilt nämlich sämmtliche 
handschriften in zwei klassen: 1. in solche, welche die worte 
296, 1 ff. agsarov — t]novca^ev enthalten (MAPQD), und 
2. in solche, welche sie nicht enthalten (VKEHFIKZJ. Nun 
ist aber dieses eintheilungsverfahren ein völlig verkehrtes. Da 
nämlich der vorhergehende satz ebenfalls mit ))y.ovau/,iev endet, 
so ist die verderbnrss — auslassung wegen des homoioteleuton — 
eine so naheliegende und oberflächliche, dass sie unmöglich die 
gemeinsame abstammung der betreffenden handschriften beweisen 
kann. Und in der that hat mich eine sorgfältige Untersuchung 
gelehrt, dass von den acht handschriften, in welchen jene stelle 
fehlt, nur sechs die lücke ererbt haben (EHFIKZ), wahrend 
zwei (VR) sie lediglich der Unachtsamkeit ihrer Schreiber ver- 
danken. Ich habe die handschriften (hinsichtlich derer Bursian 
Eberhard's ansichten beizustimmen scheint: s. dessen gehaltrei- 
che recension in Zarncke Lit. CB1. 1871, nr. 35) in folgendes 
stemma geordnet: — E. v. L.) 



Nr. 2. 42. Roman. 95 

n 



ß 7 

A . , /V-_ 



MV« £ n 

DQ 
Mit 77 habe ich die Originalhandschrift dieser recension des 
Pseudo - Planudes bezeichnet. Die Codices F und I sind in 
das stemma nicht aufgenommen, weil die nur stellenweise von 
Eberhard daraus citirten Varianten nicht genügten; indess ge- 
hören sie gewiss zu der von y abstammenden gruppe. Wie 
weit meine ansieht bezüglich des handschriften - Verhältnisses 
von der Eberhard's abweicht , beweist wohl am schlagendsten 
der umstand, dass die handschriften M und V, welche Eber- 
hard für die hauptvertreter seiner zwei familien hält (p. x), bei 
mir als Schwestern erscheinen. Dass nun in folge dessen mein 
urtheil bezüglich zahlreicher einzelner punkte ein wesentlich an- 
deres ist als das Eberhard's, versteht sich von selbst. Leider 
verbietet mir der knapp zugemessene räum, länger dabei zu ver- 
weilen. Ich bemerke vorläufig nur, dass 251, 2 das wörtchen 
sig, welches blos in MQI erscheint, nicht als lesart, sondern 
als eine sehr naheliegende und vollkommen richtige conjeetur 
der Schreiber jener handschriften zu betrachten ist; denn jenes 
elg war, wie mein stemma beweist, bereits in a aus dem text 
gefallen. — Doch ich muss zum schluss eilen. 290, 16 av tb 
dg vxpog , av ig elg ytjv ^apa^e verbessere ich vollkommen si- 
cher: av ie dg vipog vipoas, av ts elg yrjv fta/Au^s. 286, 10 
hat der Verfasser nicht, wie Eberhard meint, 'EQfxCnnm für den 
titel eines beamten gehalten, sondern es ist vielmehr nach 'Eq- 
(xinncp die bezeichnung des amtes ausgefallen. 227, 18 f. xal 
yttQ q>o£bg t/v, aipbg rrjv qivu, ai[xog ibv TQÜpjXnv kann ich 
mich der vermuthung nicht erwehren, dass hier nicht blos eine 
anspielung, sondern ein citat vorliegt: xa\ yaQ „qto^bg krjv 
x £ qo aX?'jv u , aifiog tr\v Qiva, aifiog iov tQa^Xov, wobei die drei 
beziehungs - aecusative sehr gut zu einander passen. 274, 18 
n\i\v tot ooqiwg toviop unoxQi&e'vzu fio i. ovrcog htX. Eberhard 



96 43. Celsus. Nr. 2. 

änderte p 6 v o v , fühlte also, dass die stelle nicht richtig sei. In- 
dess ist die verderbniss eine andere. Wer den Zusammenhang 
verfolgt, wird einsehen, dass Xanthos und seine schüler den 
Aesop unmöglich verstehen können. Es ist zu schreiben : nXijv 
tov aoywg toiitov anoxqidivja /i o i ^ovrcog' z q t> ts xsqxov 
xal x« rot«."^ ovzmg v.x\. 

Den schluss des bändchens bilden zwei biographische oder 
vielmehr literarhistorische notizen über Aesop, die eine dem 
Aphthonios zugeschrieben und längst bekannt, die andere ein 
bisher noch nicht herausgegebenes klägliches geschreibsel. 

Leider sind viele druckfehler stehen geblieben. Köstlich 
ist das fabulos imperata , welches in grossen lettern auf dem 
Umschlag prangt. Würde wohl Bentley's Scharfsinn darin ein 
verderbtes fabulosae partim erkennen ? 

Schliesslich wollen wir hoffen , dass diesem ersten band 
bald der zweite folgen wird, welcher noch zwei recensionen des 
Pseudo-Planudes, den Stephanites et Ichnelates, vielleicht auch 
Pseudo-Callisthenes und Barlaam et Josaphat, vor allem aber 
eine gelehrte commentatio und einen sehr erwünschten index 
bringen soll. 

Isidor Hilberg. 

43. Celsus' wahres wort. Aelteste Streitschrift antiker Welt- 
anschauung gegen das christenthum vom jähr 178 n. Chr., 
wiederhergestellt, aus dem griechischen übersetzt, untersucht 
und erläutert, mit Lucian und Minucius Felix verglichen 
von Dr Theodor Keim. Zürich bei Orell, Füssli u. co.^ 
1873. 293 s. gr. 8. — 2 2 /s thlr. 

Der verf. behandelt hier, wie er bescheiden sagt, „ermü- 
det von den arbeiten über die entstehung des christenthums, 
einen kleinen, leichteren und neutraleren gegenständ", indem 
er einen noch in seinen Studienjahren gefassten gedanken zur 
ausführung bringt. Er will sich damit im allgemeinen an die 
geschichtsfreunde wenden, „denen er eine angenehme stunde be- 
reiten und ein verstärktes interesse für die grosse über- 
gangsepoche abgewinnen möchte", wird sich aber voraus- 
sichtlich nicht nur ein weiteres geschichtsliebendes publicum, 
sondern vor allem auch die forscher auf diesem gebiete ver- 
pflichten ; denn muss diese neue arbeit schon an bich als ein 



Nr. 2. 43. Celsus. 27 

glücklicher griff bezeichnet werden, so steht sie auch an gründ- 
lichkeit nicht hinter den frühern werken des verf. zurück, de- 
nen sie auf dem fusse gefolgt ist. 

Der erste haupttheil des buches (p. 3 — 140) liefert die 
Herstellung der schrift desCelsus nach der entgegnung 
des Origenes. Der verf. sucht dabei im gegensatz zu Mosheim 
und Engelhardt so wörtlich als möglich zu übersetzen und er- 
möglicht auch dem leser, die Übersetzung zu controliren, indem 
er alle eigenen zusatze, die etwa die Übertragung in die fremde 
spräche erfordert, im texte durch klammern hervorhebt, in den 
anmerkungen sorgfältig bemerkt und bei schwierigen stellen die 
griechischen worte unten beifügt. Zugleich dienen die anmer- 
kungen dazu, den text für die kirchengeschichte allgemein 
fruchtbar zu machen, indem sie fortwährend die analogieeu aus 
den übrigen zeitgenössischen Schriftstellern nachtragen. In der- 
selben weise wird die Übersetzung der auf das christenthum be- 
züglichen abschnitte aus Lucians Peregrinus (c. 11 — 16) 
und der hauptstellen der vertheidigungsschrift des Mi- 
nucius Felix (c. 5 — 7. 8 — 12. 13) behandelt, die sich als 
pendant im zweiten haupttheil (p. 141 — 168) anschliesst. 

Es wäre kleinlich, wollten wir die wenigen kleinigkeiten 
der Übersetzung, die uns aufgefallen, hier anmerken (z. b. p. 30. 
31, wo Celsus nicht sagen will, es hätte in Jesu kraft, wie 
ergänzt wird, sondern in seiner absieht liegen müssen, besse- 
res zu bieten) ; die wichtigern fallen ohnehin nicht dem Über- 
setzer, sondern den herausgebern der Originaltexte zur last, so 
Lucian.Peregrin. c. 11 (p. 147), wo der schlusssatz [rbv fit'yuv yovv 
xrl.) einfach zu streichen ist. Derselbe satz kehrt unmittelbar 
darauf c. 13 wieder; Lucian kann sich eine solche Wiederholung 
nicht haben zu schulden kommen lassen, um so weniger, da an 
der ersten stelle trotz aller hypothesen kein befriedigender Zusam- 
menhang herzustellen ist. Ferner geben die herausgeber in c. 
13 (p. 150) eine ganz sinnlose interpunetion; hier kann näm- 
lich der satz : snsiöav anal* naga^uvreg xrP.. nicht zum vor- 
hergehenden gehören, da Christus danach von sich selbst die 
ausdrücke ixeipot aoq.iozijv und jova ixsivov vöfxovg gebrau- 
chen würde. Nach aXkylcot ist also ein punkt zu setzen 
und der satz ineidäp — piäoi als Vordersatz zu xatacpQo- 
Philol. Anz. VI. 7 



98 43. Celsus. Nr. 2. 

ovaiv zu ziehen, wozu denn erklärend beigefügt wird civev . . 
.. nagadelzdutpoi". 

Auf grund der genannten Übersetzungen nimmt der verf. 
im dritten haupttheil (p. 171 — 292) eine umfassende ana- 
lyse des wahren wortes vor. Mit recht betont er das ver- 
dienst des Origenes , dass er uns die gedanken des einlässlich- 
sten und tiefsinnigsten wissenschaftlichen gegners des cbristen- 
thums überliefert habe , und beweist gegenüber den neuesten 
zweifeln Baurs überzeugend die herstellbarkeit der 
schrift, die, wenn auch nur in fragmenten erhalten, doch in 
ihrem Zusammenhang zu erkennen ist. Auch hat er in bezug 
auf den titel die frühere deutung von aXq&qg Xoyog als 
,, wahrhaftige geschichte" oder „wahrer beweis" als unhaltbar 
dargelegt; wenn er aber die aufschrift auf die nackten worte 
uXq&rjg Xoyog beschränken und dies als „eine wahre rede 
(über die Christen)" (p. 190) erklären will, so erlauben wir 
uns doch die vermuthung , dass der titel etwa gelautet habe 
uXtj&tjg Xoyog nodg roiig Xgiaziavovg (wahres wort an die 
Christen), wofür wir auf die anrede und rathschlä'ge an die Chri- 
sten und die analogie des Hierocles (Lact. Iust. 5,2: ad Cliri- 
stianos: s. Origen. 1, 71) verweisen. Ueber die einthei- 
lung der schrift des Celsus verbreitet die gründliche er- 
örterung (p. 196 — 209) neues licht, indem sie die Zusammen- 
fassung derselben in ein buch ausser zweifei stellt und zum er- 
sten mal die bedeutung der Schlusspartie, des zweiten abschnitts 
des dritten theils (vom verf. vierter theil genannt) , als eines 
Verständigungsversuchs mit den Christen erkennen lässt. Aus 
dem reichen inhalt der Untersuchungen über die philosophie und 
den religiösen Standpunkt des Celsus, über die keuntniss und be- 
urtheilung des christenthums, den werth der schrift, zeit und ort 
ihres Verfassers, wo darstellung und kritik ihren höhepunkt er- 
reichen und auch die wahrhaft staunenswerthe keuntniss des 
herausgebers in christlicher litteratur und geschichte die schönste 
Verwerthung findet, heben wir noch hervor den beweis der b e- 
nutzung aller unserer evangelien durch Celsus, 
die genaue erforschung der zeichen der zeit, die uns aus dem 
abgrund von bypothesen endlich einmal auf etwas sicheren 
boden führt; indem sie uns die spuren der soeben beendigten 
Christenverfolgung von 177 aufdeckt, endlich die darle- 



Nr. 2. 44. Catania. 99 

gung des Verhältnisses zwischen dem Celsus des Origenes und 
dem Celsus Lucians. Wir müssten einen doppelten und dreifachen 
räum in anspruch nehmen, wollten wir dem leser alle resultate 
andeuten, welche das buch liefert, es ist eben ein buch, das 
man selbst lesen und studiren muss, um einige einsieht in den 
mannigfaltigen stoff zu erhalten, das aber auch jede darauf ver- 
wendete mühe reichlich lohnt. 

I. I. M. 

44. Das alte Catania. Von Ad. Holm. Programm des 
Catharineums in Lübeck. 1873. 4. 48 s. 

Der durch seine geschichte Siciliens rühmlich bekannte vf. 
beschenkt uns hier mit einer anziehend geschriebenen mono- 
graphie, in welcher er, auf autopsie und fortgesetzten verkehr 
mit den localforschern gestützt , die alterthümer von Catania 
nach allen seiten beleuchtet und manches neue ergebniss mit- 
theilt. Der erste abschnitt behandelt die geschichte der Stadt 
und ihres bodens von der zeit der Sikeler an, auf welche er 
mit Wahrscheinlichkeit die entstehung des namens Katane zu- 
rückfuhrt, bis 403, wo sie ihre griechische bewohnerschaft ver- 
lor und wie vf. wahrscheinlich macht, eine gemischte, vorwie- 
gend oskische bevölkerung einzog, und von da bis in die Eö- 
merzeit. Er zeigt, dass die alte griechische Stadt auf dem un- 
teren tertiärboden erbaut war, und dass die lava, welche den 
boden des oberen Catania bildet, erst einer späteren zeit an- 
gehört, und zwar, wie er treffend vermuthet , dem Aetna - aus- 
bruch von 123 v. Chr. Damit führt er uns in die periode des 
späteren, römischen Catana : der grösste theil der zahlreichen 
antiken Überreste gehört dem nun entstandenen Neu -Catana 
an, von dessen zuständen in der kaiserzeit im zweiten abschnitt 
ein reiches büd entworfen wird. Dieser bestimmt den umfang 
der stadt nach massgabe der alten gräber und schildert einge- 
hend die erhaltenen bild • und bauwerke, besonders theater und 
amphitheater , deren entstehung vf. mit guten gründen in die 
römische zeit verlegt, dann die vasen , bronzen u. s. w. Der 
dritte abschnitt ist den elementaren ereignissen gewidmet, in 
folge deren das moderne Catania entstanden und allmählich zu 
seiner jetzigen gestalt gekommen ist. Ein anhang giebt reich- 
haltige literarische nachweise, einen vergleichenden plan des al- 

7# 



100 45. Alte geschickte. Nr. 2. 

ten Catania und eine chronologisch geordnete Übersicht der 
münzen, von welchen die silbermünzen sämmtlich der helleni- 
schen periode, die auf den namen Aetna geprägten insbesondere 
der zeit von 476 — 461 vindicirt werden, wogegen das spätere 
Catania nur bronzemünzen aufweist. 

Einen oder den andern punkt, den man in dem eigentlich 
geschichtlichen material etwa vermissen könnte, z. b. eine be- 
sprechung der dunklen stelle in Xenoph. Hellen. 2, 3, 5 oder 
des Verhältnisses von Aetna -Inessa zu Katana in der zeit des 
älteren Dionysios, hat der vf. wohl der fortsetzung seiner ge- 
schichte Siciliens aufbehalten. In beziehung auf die früheren 
Zeiten erinnern wir, dass die thatsache der vergrösserung Kata- 
na's unter dem namen Aetna , welche Hieron herbeiführte, 
schwerlich ausreichen dürfte, um den namen eines Aetnaeers zu 
erklären, den sich der syrakusanische tyrann als pythischer Sie- 
ger beilegte. Es scheint vielmehr , dass derselbe bald (späte- 
stens 474 wegen Pind. Pyth. I) auch seine residenz in dieser 
seiner lieblingsstadt aufgeschlagen hat, wie sie denn auch die 
statte nicht blos seines todes (Diodor. 11, 67), sondern auch 
seines begräbnisses (Strab. 6, 2, 3) geworden ist. 

45. Augustus, seine familie und seine freunde. Von II. 
Beule*. Deutsch bearbeitet von K. Döhler, Halle 1873. 
146 s. 8. — 15 gr. 

Der vorliegende kleine band bildet, wie nach einem zwei- 
ten titel anzunehmen, den anfang einer reihe von bänden un- 
ter dem titel „die römischen kaiser aus dem hause des Augu- 
stus und dem flavischen geschlecht". Der bearbeiter bemerkt 
in dem Vorwort, dass der gegenwärtige band aus einer reihe 
von vortragen hervorgegangen , welche stenographirt und auf 
bitte der zuhörer und freunde des autors zu einem ganzen ver- 
einigt worden seien. Es lässt sich denken , dass diese vor- 
trage, die offenbar noch unter dem regime Napoleons III ge- 
halten worden sind, bei dem französischen publikum grosses 
interesse erregt haben , da dieses unter Augustus sicherlich, 
gleichviel ob von dem verf. (dem früheren miuister?) beabsich- 
tigt oder nicht, immer an Napoleon III, unter Livia an die 
kaiserin Eugenie gedacht hat. Für uns Deutsche können sie 






Nr. 2. 45. Alte geschichte. 101 

weniger interesse haben , wenn wir auch nicht leugnen wollen, 
dass sich das ganze leicht und gefällig liest. 

Das ganze hat den zweck, den Augustus als den Zer- 
störer der republik und den begründer einer tyrannischen 
herrschaft in das schwärzeste licht zu stellen, daneben auch, 
den nachweis zu führen , dass laster und verbrechen immer 
die verdiente strafe nach sich ziehen. Deswegen werden 
alle anekdoten, die dem Augustus zum nachtheil gerei- 
chen und deren namentlich Sueton eine ziemliche anzahl 
liefert , aufgeboten und nach möglichkeit geltend gemacht, 
wie denn z. b. das bekannte Surge camifex des Mäcenas drei- 
mal in die schlachtreihe geführt wird , und wenn in betreff 
der kaiserzeit nicht in abrede gestellt wird, dass Augustus wäh- 
rend derselben manche beweise von milde und nachsieht gege- 
ben habe , so werden dann auf der andern seite auch aus die- 
ser zeit beispiele von grausamkeit gegenübergestellt, es wird 
ferner das bessere an ihm unter beziehung auf seine worte auf 
dem Sterbebette lediglich aus berechnung hergeleitet, insbesondere 
aber wird das verdienst daran ganz und gar der Livia, der Egeria 
des kaisers, welche ebenso wie Agrippa die äussere explikation, 
so dessen innere und äussere explikation (p. 101) ist, zugeschrie- 
ben. Deswegen wird aber die letztere nicht etwa in einem 
günstigeren lichte dargestellt, vielmehr wird ihr (p. 53) gera- 
dezu schuld gegeben, dass sie nicht weniger als sechs familien- 
glieder des Augustus und auch den Augustus selbst au3 dem 
wege geräumt habe, um dem Tiberius platz zu machen. Aber 
auch sonst wird alles aus der zeit des Augustus in ein ungün- 
stiges licht gestellt, Agrippa, Mäcenas, Horaz ; Vergil, überhaupt 
alles, was das kaiserthum gefördert hat; wie konnte auch der 
verf. anders, da nach seiner meinung die republik sehr füglich 
fortbestehen konnte, alle also, die das kaiserthum heraufge- 
führt oder befördert haben, frevler an dem heiligthum der frei- 
heit waren? 

Wir brauchen nicht erst zu bemerken, dass der verf. diese 
farbengebung durch die mittel der rhetorik bewirkt hat, mit 
der sich namentlich in der characteristik , wie zahlreiche bei- 
spiele der neuzeit beweisen, alles leisten lässt, wenn man ohne 
feste prineipien und ohne die rechte Unbefangenheit verfährt 
und den gegenständ ohne rücksicht auf die allgemeinen zustände 



102 45. Alte geschiebte. Nr. 2. 

und den historischen Zusammenhang behandelt. Der verf. ist 
nicht ohne sachkenntniss ; er greift aber aus dem material nur 
dasjenige heraus, was seinem zwecke entspricht, und scheut 
sich auch nicht, dinge als ausgemacht zu benutzen, die nichts 
als klätschereien sind und in unseren quellen selbst als solche 
bezeichnet werden. Und dabei läuft doch auch manches unter, 
was entweder falsch ist oder eine völlig unhistorische Vorstel- 
lung verräth, wie wenn er z. b. den Tiberius sechzehnmal das 
tribunat bekleiden lässt, ehe er kaiser wird , wenn er das diri- 
bitorium als das gebäude erklärt , in welchem den Soldaten der 
sold ausgezahlt worden sei, wenn er, wie oben schon erwähnt 
worden, meint , dass die republik zu der damaligen zeit noch 
habe bestehen und ein Cato sie habe retten können u. dergl. 
mehr. Noch ist besonders zu erwähnen, dass er auch die statuen, 
münzen, für seinen zweck zu benutzen pflegt. In welcher 
weise er dies thut, davon werden wir nur durch ein beispiel 
eine Vorstellung zu geben suchen. Von der statue der Livia im 
Louvre heisst es (p. 59): „ein anderer auffallender zug ist die 
eigenthümliche ähnlichkeit mit einem raubvogel, nicht mit dem 
adler, sondern mit der nachteule hinsichtlich des kleinen mun- 
des und der kleinen nase, hinsichtlich der form des auges und 
des bogens der augenbrauen". 

Der letzte abschnitt führt die Überschrift : „die litteratur 
des augusteischen Zeitalters". Er enthält aber nicht sowohl 
eine darstellung dieser litteratur (wobei er für seinen zweck 
recht wirksam hätte ausführen können, dass dieselbe in der 
zweiten hälfte der regierung des Augustus so gut wie vollstän- 
dig erloschen ist ' und dass in der ersten hälfte ihr glänz le- 
diglich auf männern beruht , deren entwickelung noch in die 
letzten Jahrzehnte der republ k fällt): der verf. beschäftigt sich 
vielmehr lediglich mit der pädagogischen frage , ob nicht das 
griechische zweckmässiger vor dem lateinischen zu erlernen sei, 
die er mit grossem nachdruck zu gunsten des griechischen be- 
antwortet. Wir sind selbstverständlich mit ihm vollkommen 
darin einverstanden, dass die griechische litteratur reicher und 
vortrefflicher sei, als die römische. Wenn er aber weiter als 
grund für das frühere erlernen des griechischen anführt, dass 
das lateinische die einfachere und die abgeleitete spräche sei und 
sich daher leichter lernen lassen werde, wenn das griechische 






Nr. 2. 46. Orchestik. 103 

vorher erlernt sei , so ist uns dies zwar hinsichtlich des latei- 
nischen vollkommen einleuchtend, dagegen wird man es für das 
griechische kaum als eine empfehlung ansehen können, wenn die 
knaben deshalb damit anfangen sollen, weil es das schwieri- 
gere ist. 

Die Übersetzung liest sich im ganzen leicht und fliessend. 
Wenn die zahlreichen autithesen des Originals sich im deutschen 
nicht so schön ausnehmen wie im französischen , so ist dies 
nicht die schuld des Übersetzers. 

46. Die orchestische eurythmie der Griechen. Von Chri- 
stian Kirchhoff. Erster theil, grundzüge der theorie. Zwei- 
ter theil, analyse der praxis, erstes heft: die orchestischen dia- 
gramme zu Eur. Hippolyt. 4. Altona, 1873. C. Th. Schlüter. 
2 tafeln und 18 s., 19 s. — 20 gr. 

Die im stillen Längst gehoffte freu de nachfolge zu finden in der 
erforschung griechischer tanzkunst aus den texten und versma- 
ssen der dichter machte mir das erscheinen von Chr. Kirch- 
hoffs orchestischer eurythmie der Griechen. Er sucht was ich 
gefunden habe zu begründen, zu verbessern, und, wie man gleich 
an dem titel sieht, soll dem ganzen noch ein besonderer reiz 
durch die aussieht gegeben werden, dass hier die vielbesprochene 
und vielbestrittene eurythmie der Strophen griechischer chöre 
endlich einmal zu tage kommen werde. Der verf. ist auch 
darin auf meiner seite, dass er fast durchaus mit ein- und zweizei- 
tigen silben fertig wird und kann sich so mit recht rühmen für seine 
eurythmie keine eigenen zusätze in anspruch genommen zu ha- 
ben. Denn eigene zusätze eben um der eurythmie willen wer- 
den bei annähme drei- und mehrzeitiger längen fast immer und 
auch bei annähme mancher pausen zu gründe liegen. Doch 
gehen wir gleich zu dem kerne des ganzen, der erkennung 
des tanzes in den silben des gedichtes. 

Hatte ich aus dem begriffe der basis als eines römischen 
passus gefunden, dass von jedem versfusse, ausser solchen de- 
ren dipodien den metrikern basen heissen, jede silbe eine be- 
rührung des bodens mit einem fusse erfordert, so lehrt Kirch- 
hoff eben dieses für alle versfusse, ohne die in dipodien als 
basen bezeichneten auszunehmen. Er geht um dies zu beweisen 
nicht von der basis aus , sondern von einem satze des Aristi- 



104 46. Orchestik. Nr. 2. 

des. Dieser sagt, der xqorog ngätog oder die einzeitige kürze 
wurde betrachtet an der silbe, dem tone, dem Schema (nfgi 
IV 6%tj{ia). Da ff/^ju« nach Plut. Symp. 9 (Tanzk. p. 61) 
und Psell. 6 eine Stellung, eine ruhe bedeutet s so folgert er 
mit recht, wird still gestanden mit den füssen wie bei den län- 
gen so auch schon bei der kürze. Diese anwendung dieses 
satzes des Aristides — und ich fürchte nicht, dass es damit erge- 
hen wird wie mit so manchem, was man von diesem nicht un- 
bedenklichen gewährsmanne hat — ist bei weitem das beste in 
des vfs arbeit; sie ist ein neuer sieg meiner behauptung der 
möglichkeit aus den texten der alten gesänge den zu denselben 
gehörigen tanz zu erkennen. Denn auf ganz anderem wege 
als ich hat der verf. ebenfalls gefunden , dass in jenen ge- 
sängen silbe für silbe von Stellungen der füsse begleitet war, 
wenn sein satz auch unvollständig ist, ihm die von mir gege- 
bene beschränkung noch fehlt. Wo kamen aber zwischen die- 
sen Stellungen der füsse die bewegungen her? Kirchhoffs Scharf- 
sinn weiss hier in der form etwas genauer zu antworten als 
wenn ich (T. p. 103) sagte , die bewegung müsse rasch ohne 
begleitung durch klang vor den silben stattfinden. Er erinnert 
sich hier der unmessbaren zeiten bei Psellus, kleiner pausen wie 
sie z. b. zwischen den einzelnen silben, nach dem aufhören der 
ersten und vor dem anheben der folgenden gemacht werden 
(vgl. Phil. XXXIII, p. 461). Also z. b. dv-dgmv bedeutet und 
begleitet die erste silbe wie die zweite eine feste Stellung bei- 
der füsse; einer der beiden füsse hat bei beiden silben die 
nämliche Stellung, nicht aber der andere: dessen bewegung fällt 
auf die theilungsstelle. Das letzte wird gewiss vielen spitz- 
findig erscheinen, obgleich es wohl seine berechtigung hat. In 
der ausführung wird manches nicht so genau genommen als 
die lehre vorschreibt; deshalb ist diese aber doch richtig. Nicht 
anders verhält es sich ja mit vielen f orderungen des taktes ge- 
genüber dem wirklichen sprechen und singen und doch darf 
man sich dadurch über dessen recht nicht irre machen lassen. 
Hatte ich ferner (T. p. 61, 161) erklärt, zwischen zwei längen 
sei ein längerer, etwa noch einmal so grosser schritt anzuneh- 
men als zwischen zwei kürzen oder einer länge und einer 
kürze, so weiss Kirchhoff dies allgemeiner zu begründen. Die 
XqÖvoi ayrcoßTOi seien ungleich, sagt er, wie auch ich (T. p.61) 



Nr. 2. 46. Orchestik. 105 

von den durch klang 1 nicht begleiteten bewegungszeiten sagte. 
Um nun etwas ganz bestimmtes, nicht nur mein halb und ganz, 
sondern sogar ein einfaches, doppeltes, dreifaches heraus zu be- 
kommen erklärt er aus den yga^nai des Hesychios, der fussbo- 
den der gesammten orchestra und der gesammten bühne sei 
durch viele sich rechtwinklich schneidende linien in viele qua- 
drate getheilt gewesen und so dem tänzer überall genau die 
Schrittweite angegeben. Das nimmt sich auf der einen der bei- 
den tafeln des ersten theiles recht gut aus, und so meinte es auch 
Göthe mit den rhomben, deren Kirchhoff erwähnt, nämlich dass 
sie im geiste und auf dem papier sein sollten; an die ausführung 
in den antiken theatern zu-denken scheint mir hingegen verunglückt. 
Die tänzer, um der übrigen bedenken nicht zu erwähnen, hätten 
es ja schwer vermeiden können fast fortwährend auf den boden zu 
blicken. Auch sehe der vf. nur, dass er I, p. 9 den Plutarch von 
der Wichtigkeit der richtigen raumausdehnungen reden lässt. Wie 
verlohnt sich das, wenn dieselben genau auf dem fussboden be- 
stimmt sind ? Freilich kann man trotz der quadrate noch in 
zweifei sein, wie die erste tafel zeigt. Ich finde Aarovg "Aq- 
iSfii xal /fing | naXlrara ncnj&dreov silbe für silbe auf seite an 
seite senkrecht nach oben steigenden quadraten, zunächst der 
„IV" reihe. Vor dem beginn ist der choreut durch ein B 
auf 10 bemerkt. Aa-x. auf 12, also ein feld überschlagen; 
zovg 1. auf 14, also drei felder überschlagen (vom 10 ab, wo der 
linke fuss noch stand); "Aq-x. 16, also drei felder überschlagen; 
-Ts- 1. 17, also zwei felder überschlagen; -pi r. 18, also ein 
feld überschlagen; xal 1.20, zwei felder überschlagen; Ji-x. 21, 
zwei felder überschlagen; 6g 1. 23 zwei felder überschlagen; 
x«H-r. VI, 25, also drei felder , darunter eins diagonal über- 
schlagen. Wo bliebe das ernste ruhige schreiten der emmeleia 
bei solchen entfernungen ? Und die folgerichtigkeit scheint 
ebenfalls fraglich, wenn man zu dem iambus -fit xal ein und 
zwei felder, aber zu dem iambus z/i-ög je zwei felder überschlägt. 
Auch kann man sich des bedenkens nicht erwehren, dass kürze 
und länge sich wie 1 und 2 verhalten ; hier aber sollte es drei 
arten geben? Und doch ist der vf. kein vertheidiger der drei- 
zeitigen länge. Er hat ausserdem sogar noch eine vierte Schritt- 
weite, nämlich die ohne überschlagung nur von einem felde auf 
das nächste: man sehe die erste silbe von t'nea&e auf der tafel. 



*06 46. Orchestik. Nr. 2. 

Es weicht der vf. von mir auch darin ab, dass er durch den 
tanz das von ihm wohl gelten gelassene aneinanderstossen der 
guten taktheile nicht ausdrückt; solche längen trennt er wie 
andere längen durch einen grossen drei f eider überschlagenden 
schritt. Wenn er aber meine eintheilung der versfüsse in sol- 
che, deren zwei eine basis bilden und in solche , deren einer 
eine basis bildet, bei ersteren werden die leichten kürzen nicht 
durch berührung des bodens begleitet, sondern nur durch be- 
wegung, wohl aber bei letzteren (T. p. 103), wenn er diese 
eintheilung mit schweigen übergeht, so halte ich dies für einen 
rückschritt. Wie will er denn anapaesten richtig marschirend 
begleiten ? 

Dass für die iamben eine gute aufklärung bei Diomedes 
zu finden sei, sagte ich p. 134. Kirchhoff will auch in der 
auslegung dieser stelle des Diomedes genauer zu werke gehen, 
giebt aber eine unnütze auseinandersetzung, wie sich nach Dio- 
medes die füsse beim Speerwerfen in ihrer Stellung verändern 
und schildert nach dieser die iambische bewegung der tänzer 
so , dass ein schritt so lang wie der andere , indem der zuerst 
ein wenig zurückstehende weit über den ersten hinausgeht, die- 
ser aber nun zurückgebliebene wieder nur wenig über den er- 
sten hinausgeht ; so hat er , wie ich nach zwei iamben , schon 
nach einem die erste Stellung wiederholt, aber ist weit vorwärts 
gekommen. Dass meine bewegung bühnengerechter ist, scheint 
klar; aber auch die worte des Diomedes begünstigen dieselbe: 
der schon vorstehende fuss tritt noch ein wenig vor, so dass 
der schritt weiter wird , dann wird der nachstehende die erste 
sichere haltung wiederzugewinnen ein wenig wieder nachgerückt, 
Dieselbe bewegung erkennt auch Kircbh. I, p. 10 aus Diome- 
des wortcn : „indem der rechte fuss an den vorgeschobenen lin- 
ken näher heran und dann dieser wieder vortrat", verwirft sie 
aber auf p. 11 und nimmt lieber den speerwurfstritt als das 
feste gleichmässige anrücken , lässt diesen zu jedem einzelnen 
iamben wiederholen. Warum ? „Die schrittweise der iamben in 
der schlachtreihe kann nicht diejenigo gewesen sein, welche 
man in den doch unkriegerischen chören hatte'* — also lieber 
friedliche speerwürfe. Dass der verf. sich hier ins unklare ver- 
loren hat, zeigt deutlich seine besprechung der trochäen. Diese 
sollten doch genau wie die iamben abgeschritten werden, näm- 



Nr. 2. 46. Orchestik. 107 

lieh wie iamben ohne anakruse. P. 12 aber erklärt er, länge und 
weite, kürze und enge müssten sich entsprechen, will also hier 
ungleiche schritte. Und nun sehe man die tafeln: x n ^Q s X a ^Q^ 
fjkoi üj koqo. — v, — vv — , v — ' . Das erste xcliqe soll also 
ein trochaeos sein. Er verzeichnet den choreuten A auf VII, 
13, %ai- r. 15, also zur länge ein feld überschlagen; qe 1. 16, 
also zur kürze zwei felder überschlagen. Ebenso zu a piiyav ttuz' 
ovgavov —v — v, — 1> — . Anders sollte man erwarten, anders 
sagt er und noch anders führt er aus. Ich hatte hier noch die nach- 
richt über die taktirung des trimeters für mich , welche die 
ersten füsse der tripodien als dextri, die zweiten als sinistri be- 
zeichnet (T. p. 132), worüber Kirchhoff erst noch zukünftig sich 
zu äussern verspricht. Er will nämlich v — v — v — v — v — v — , 
und nach dem dexter und sinister kann man doch sicher an- 
nehmen, dass die ersten betonungen der dipodien die starken, 
die zweiten die schwächeren waren. Wenn tribraehys eintritt, 
werden bei Kirchh. I , p. 12 drei kleine statt zwei langer 
schritte , was gewiss dem äuge die eurythmie oft stören muss. 
Des vfs streben recht genau zu sein bringt öfter falsches zu 
tage, I, p. 14 gleich zweimal. Wenn man einen altar umgeht, 
behauptet er, brauchen die schritte des äusseren fusses nicht 
länger zu sein als die inneren, denn die altäre waren meist 
viereckt, an den ecken machten die tänzer schärfe Wendungen, 
dann wieder geradeaus, „dabei verschieden weite schritte zu 
machen hatten sie keine veranlassung". Auf der ecke muss ja 
der äussere fuss erst recht einen ganz grossen bogenschritt 
machen, wenn das abwechseln von vor - und zurückstehen der 
füsse wie vorher weitergehen soll. Des bakchios = nouav b 
xaia ßäatv für — v — ist ihm ein alter orchestischer name. 
„Da vv mit der basis = thesis beginnt und sich die arsis 
in — der basis vereinigt, so wird die ganze contraction zur basis, 
zur verlängerten basis". Das wäre ja umgekehrt ein alter taktir- 
name. Denn da dem verf. (wie mir) vv im kretiker zwei be- 
rührungen des bodens oder Schemata bedeutet und — eine, so 
käme es hier auf die bedeutung von basis „berührung des bo- 
dens beim takttreten" im gegensatz zur arsis oder erhebung 
an, nicht aber auf jene „berührung des bodens beim tanze". 
So kommen übrigens dem vf. auch hier durch auflösungen ver- 
änderte Ordnungen der füsse in bezug auf vor- und zurückste- 



108 46. Orchestik. Nr. 2. 

hen heraus, während ich dies vermied und nur im daktylischen 
tanze bei zusammenziehung zweier kürzen eintreten liess. 
Hier war mir die länge das ausserordentliche, verändernde, dort 
bei iamben und kretikern das ursprüngliche (s. Heidelb. Jahrb. 
1872, 53). 

Wohin die bewegung geht, ob geradeaus, seitwärts, rück- 
wärts, mit einer Wendung oder nicht, gestand ich stets in mei- 
nem buche , sei nur in einigen fällen , wo dichter die andeu- 
tung gaben, wie Aristophanes einmal im Frieden, zu bestimmen, 
regeln gebe es hier nicht. Kirchhoff will auch diese finden und 
greift zu der in neuerer zeit wieder öfter aufgeworfenen frage, 
ob dieser oder jener leichte takttheil zum vorherigen oder zum 
folgenden schweren gehöre , er greift zu dem komma, welches 
manche metriker nicht rath haben können. Ob der kretiker 
— v, — oder — , v — zu theilen sei , soll versinnlicht wer- 
den, indem die zusammengehörigen silben geradeaus getreten 
werden, die abgesonderte aber diagonal nach der seite. Ich 
halte die frage nach dem komma, dieses selbst und die daran 
geknüpfte vermuthung über eine richtungsänderung für verfehlt. 
In anderen fällen setzt er übrigens auch kommata, einen ab- 
schnitt vom andern zu sondern, starovg "Aqts^i nui Aiöq, diese 
zeile in seinem bühnengesange aus dem Hippolytos, bezeichnet 
er — _L — v, v — v — ohne wie wir sahen die richtung zu 
wechseln. Die durch accente bezeichneten längen sind ihm die 
basen oder „stärker getretenen guten takttheile". Diese stär- 
ker getretenen guten takttheile oder basen zählt er sowie die 
einzelnen zeiten und findet eurythmie. 

So sehr ich es lobe, was ich schon sagte, dass der vf. 
ohne nachhülfen und einsätze seine eurythmie findet, bleibt 
mir doch auch diese von ihm aufgestellte mehr etwas gesuch- 
tes und gemachtes und weniger für die äugen als für die be- 
rechnung vorhanden. Und doch will der vf. zum schluss II, p. 
19 mehr dem äuge als dem ohre wahrnehmbare eurythmie ge- 
zeigt haben. Mit freuden erkenne ich an , dass der vf. sich 
eiuem vortrefflichen felde zugewendet und erwarte, wie er, dass 
sich noch mancher hier versuchen wird. Daktylische, anapae- 
stische, ionische, kretische tanzschritte hat er ungefähr wie ich; 
iamben und trochaeen anders sowie auch bakchien, letztere mit 
recht, wenn man ihre Verwandtschaft mit den kretikern auf- 



Nr. 2. Theses. 109 

recht erhält und sie nicht als nur vereinzelt besonders zu an- 
fang der reihen vorkommende figuren ansieht. Erklärung über 
die dochmien vermisse ich. Ein mangel ist, dass die bespre- 
chung der marscbanapaesten fehlt, welches mit der übergehung 
meines satzes von der basis zusammenhängt. Es fehlt ferner 
die darstelluDg des zusammenstossens guter takttheile durch 
den tanz. Neu sind die quadrate und die messung der schritte, 
nach einem halben bis zu drei ganzen quadraten; neu ist das 
zusammenbringen der bewegungen mit den unmessbaren pausen 
und das zusammenbringen des Schemas mit der kürze nach 
Aristides. Neu ist ferner die regel von der diagonalen rich- 
tung, während wieder andre bewegungen wie z. b. rückwärts 
(d. h. ohne umzukehren) noch vermisst werden. Neu ist ausser 
mancher metrischen anschauung vor allem die eurythmie. Dar- 
auf näher einzugehen halte ich für von der sache viel weiter 
abführend als mehreres, worauf sich der verf. durch meine 
tanzkunst noch nicht hat führen lassen. 

H. Buchholtz. 

Theses 

Quas . . in academia Georgia Augusta, d. XIV m. Februarii a. 
MDCCCLXXIV publice defendet Henr. Pratje : I. Historiae Sallustia- 
nae quinto saeculo ineunte integrae fuerunt. — IL Orationes, quae 
ex historiis Sallusti manserunt , Thucydideis simillinaae sunt. — III. 
Falso Wölfflinus in Philol. vol. XXV, p. 113 genetivum causalem 
in gerundivis apud Sallustium non nisi in historiis et ter tantum legi 
dicit (H. I, 41, 8. II, 48, 3. II, 48, 6. II, 48. 10. Cat. 6, 7. lug, 37, 3, 
88, 4). — V. Codex Sallusti Vaticanus n. 3864 Parisino 500 praefe- 
rendus est. — VI. Cat. 57, 4 scribendum est: utpote qui magno 
exercitu locis aequioribus inpeditos atqu e in fuga sequeretur. — X. 
Verba Pindari Pyth. VI, 19 sie ordinanda sunt: 

„Gv tot ß%i9an> vif ini di'&d %HQog oq&c<v 

äytig iffrjjxoGvvttv. — XL Apud Catullum LI in verbis: 

qui sedens adversus identidem te 

spectat et audit 

dulce ridentem, 
vox »adversus« pro adverbio habenda est. 

Neue auflagen. 

47. Homer's Ilias. Erklärende Schulausgabe von H. Düntzer. 
1. heft 2 lifrg. 2 aufl. ; 15 gr. — 48. Freund, präparationen zu den 
griech. u. lat. schulclassikern. Präparation zu Homers Odyssee. 6. 
heft. 4. aufl. 16. Leipzig. Violet; 5 ngr. — 49. Pierers universal-conver- 
sations-lexicon der Vergangenheit und gegenwart. 6. aufl. 6. lfrg. Ober- 
hausen. Spaarrnann; 50 pf. — 50. R. v. Ihering, geist des römischen 
rechts auf" den verschiedenen stufen seiner entwicklung. 2 thl. 1. 



110 Neue Schulbücher. — Bibliographie. Nr. 2. 

abth. 3. aufl. Leipzig. Breitkopf und Härtel; 3 thlr. 15 gr. — 51. 
W. Oncken, stadt schloss und hochschule Heidelberg. Bilder aus ih- 
rer Vergangenheit. 2. anfl. 8. Heidelberg. Weber; 50 pf. — 52. 
M. Schass/er, die königlichen museen in Berlin. 10. aufl. 8. Berlin. 
Nicolai] 15 ngr. — 53. F. Gregorovius, wanderjahre in Italien. 1. 
bd. 4. aufl. 2. bd. 3. aufl. 8. Leipzig. Brockhaus; a 1 thlr. 24 ngr. 



Neue Schulbücher. 

54. Excerpta e poetis graecis. Lectionum in usum descripsit H. 
van Herwerden. 8. Utrecht. Kemink ; 16 ngr. — 55. B. Todt, grie- 
chisches vocabularium für den elementarunterricht. 3. aufl. 8. Halle. 
Waisenhaus; 10 sgr. — 56. J. Dreykorn, auslese aus lateinischen 
dichtem. 8. Landau. Haussier; 9 ngr. — 57. H. Perthes, zur re- 
form des lateinischen Unterrichts auf gymnasien und realschulen. 8. 
Berlin. Weidmann; 20 pf. — 58. H. Perthes etymologisch- phraseo- 
logisches vocabularium zu F. Vogel's Nepos plenior. 8. Berlin. Weid- 
mann; 3 mk. [Man beachte doch den gelehrten titel: was wohl der 
quintaner denkt, wenn er die drei ersten worte liest: »phraseologisch? 
was mag dies sein? etymologisch? solche bücher — verstehen thue 
ich das wort freilich nicht, aber gelehrt muss ich doch sein , wenn 
solche sachen für mich geschrieben werden ! « — Die absurdität wird 
wahrhaftig doch zu gross!] — 59. Tl. Perthes, lateinisch -deutsche 
vergleichende wortkunde in anschluss an Caesar's bellum gallicum. 
8. Berlin. Weidmann; 4 mark 80 pf. 



Bibliographie. 

In England sind im j. 1873 insgesammt 4991 Schriften erschie- 
nen, darunter 1528 neu aufgelegte : philologie und pädagogik sind 
darin mit 413 vertreten. 

Am 5. januar starb in Leipzig der oberbibliothekar Dr E. G. 
Gersdorf im 70. jähre: seit 1833 stand er der universitäts-bibliothek 
vor, die ihm sehr viel verdankt. 

Es ist soeben erschienen: Bibliotheca scriptorum classicorum et 
Graecorum et Latinorum. Supplement zu C. H. Hermanns verzeich- 
niss (Halle 1871) der vom j. 1858 — 1869 in Deutschland erschienenen 
ausgaben, Übersetzungen etc. der griechischen und lateinischen schrift- 
steiler des alterthums zugleich fortsetzung desselben bis mitte des j. 
1873 von Dr Budotyh Kkissmann, lehrer am gymnasium zu Gera. 1. 
abtheilung. Griechen. Halle a. S. verlag von C. G. Herrmann. 1874: 
wir machen auf diese erscheinung unsere leser nachdrücklichst auf- 
merksam : das unternehmen ist nun in die rechten bände gekommen. 

Angekündigt werden mit inhaltsverzeichniss : Studien zu Homer, 
Sophokles, Euripides, Racine und Göthe von Dr Philipp Meyer, her- 
ausgegeben von Dr JE. Frohwein. 8. Gera. Hermann Kanitz verlag: 
subscriptionspreis 1 thlr., später 1 thlr. 10 ngr. 

Ferner ist ein prospect erschienen von: Heroen- und götterge- 
stalten der griechischen kunst erläutert von Alexander Conze. 1. abth. 
im verlag von R. v. Waldhoim: enthaltend 7 bogen text und 51 ta- 
feln autographirt von J. Schönbrunner: 4 thlr: es folgt noch eine 
zweite gleich starke abtheilung — beide sollen eine Vorschule bie- 
ten, ähnlich dem unter diesem titel 1854 erschienenen werke von 
Emil Braun, das es ersetzen soll. 



Nr. 2. Kleine philologische zeitung. 111 

Von verlagshandlungen haben Verzeichnisse ihres verlags versen- 
det: Paul Neff in Stuttgart, Robert Oppenheim in Berlin, Bernhard 
Tauchnitz griechische und römische classiker ; ferner : Mittheilungen der 
Verlagsbuchhandlung B. G. Teubner in Leipzig, 1873, nr. 5: als künftig 
erscheinend wurden aufgeführt: Thucydidis de hello Peloponnesiaco libri 
octo. Ad optt. librr. fidem editos explanavit JE. Fr. Poppo. Vol. II. 
Editionem alter am anctam et emendatam curavit J. M. Stahl: die 
grundsätze der bearbeitung, welche hier ausgesprochen worden, kön- 
nen nur gebilligt werden; Q. Horatii Flacci Sermones. Herausgege- 
ben und erklärt von Ad. Th. Hermann Fritzsche : der herausgeber 
bittet die Verfasser von diese dichtungen behandelnden programmen, 
selbige ihm zuzustellen ; Das Zeitalter des Perikles. Nach M. E. Fil- 
leid deutsch bearbeitet von Dr Ed. Döhler. (Am Schlüsse dieser mit- 
theilungen findet sich ein alphabetisches register der im Jahrgang 
1873 als künftig erscheinend und als erschienen angezeigten neuen 
Schriften.) Endlich: Neue Unternehmungen aus dem Verlage der 

Weidmannsehen buchhandlung zu Berlin. 

Cataloge von antiquaren: verzeichniss (nr. 22) des antiquari- 
schen bücherlagers von Eduard Besohl in Erlangen; Catalogus libro- 
rum ab Roberto Enger directore quondam gymn. Mar.—Magdalenae 
Posnaniensis relictorum ad antiquitatis studia pertinentium, qui frostant 
apud Josephtim Jolowicz Bibliopolam Posnaniensem (Markt 74) 
Pars 1. Scriptores Graecos et Latinos eorumque commentaria conti- 
nens: sehr zu beachten; verzeichniss nr. 171 des antiquarischen bü- 
cherlagers der O^oschen buchhandlung in Erfurt; XVIII antiquariats- 
Catalog von Simmel u. co. in Leipzig (griechische und lateinische au- 
toren). 



Kleine philologische zeitung. 

Rom. Der vicekönig von Egypten hat eine expedition nach 
Ober - Nubien unter leitung des englischen general Gordon angeord- 
net, welche die S. Bakersche fortsetzen soll. 

Stuttgart. Der landesconservator Dr Paulus berichtet über ein 
bei Heidenheim bei eisenbahnbauten entdecktes römisches leichen- 
feld , aus dem thongefässe mit töpferstempeln als C. Dessi, Jegidi, 
Neri, Octavi, Vetti, Vibius, ausserdem sehr reiche siegelerdgefässe mit 
dem töpferstempel Ianus, ans licht gefördert sind. Auch andre gefässe 
fand man sowie die ruinen eines grossen grabmals: s. Reichsanz. 308. 

Dr Ph. Wagner, früher conrector an der kreuzschule in Dresden, 
berühmt durch seine ausgaben des Vergil, ist in Dresden am 18. dec. 
1873 gestorben. 

Paris, 20. dec. Das Journal ofßciel theilt — und daraus der 
Reichsanz. nr. 307 — einen ausführlichen bericht von Ravaisson über 
die Venus von Falerone (das alte Falerii) mit, aus dem wir zur er- 
gänzung des ob. heft 1, p. 64 gesagten hervorheben , dass die statue 
von natürlicher grosse und bekleidet ist, ausser dem ninkog , der wie 
bei der Venus von Milo den untern theil des körpers umhüllt, trägt 
sie eine tunica(?) mit sehr feinen falten, der linke fuss ruht auf einem 
vorn mit zwei widderhörnern verzierten heim. 

Archäologische gesellschaft in Berlin : an dem Winkelmannsfest gab 
Adler anknüpfend an die festfeier als eines heroentages eine über- 
sichtliche , durch vorlagen illustrirte darstellung derjenigen denkmä- 
ler des alterthums , welche der Verherrlichung eines erfolgreich be- 
standenen Völkerkampfes gewidmet sind: der Siegeszeichen. Die 
orientalische kunst ist von anfang an bestrebt gewesen, bald in knap- 



112 Auszüge aus Zeitschriften. Nr. 2. 

per fassung, bald ermüdend breiter relation in diesen denkmälern die 
machtfülle des königthums darzustellen, während die hellenische kunst 
sich begnügt hat , die behauptete wahlstatt durch eine künstlerische 
darstellung der erbeuteten waffen zu bezeichnen. Wenn solche Sie- 
geszeichen durch die weihung an die gottheit als ein dankopfer zwar 
unantastbar gemacht wurden, so durfte sie doch nach delphischer Sa- 
tzung nicht monumental gestaltet und dauernd fixirt werden. Um 
nicht eine immerwährende erinnerung an den streit zu erhalten, über- 
liess man das tropaion dem einfluss der demente , und daher mahn- 
ten an die älteren siege wohl grabstätten und weihgeschenke , aber 
nicht denkmäler ; die Siegeszeichen von Marathon , Salamis und Pla- 
taiai scheinen die ersten dauernden gewesen zu sein. Neben dem 
einfachen tropaion als waffenbaum erscheint es schon früh durch die 
hinzufügung von stehenden, sitzenden oder schreitenden Niken statua- 
risch bereichert. Das einzige in trümmern gerettete siegesdenkmal, das 
von Leuktra, scheint anknüpfend an althellenische sitte, aus einem drei- 
fuss mit einem altarartigen unterbau bestanden zu haben, der mit zwölf 
triglyphen geschmückt und mit neun Schilden kuppeiförmig bekrönt war. 
Da bei den Macedoniern Siegeszeichen nicht sitte waren, so haben 
sich Philippos und Alexander begnügt, weihgeschenke nach Olympia 
und Dion zu stiften. Scheint sich dabei durch einführung der por- 
trätstatue schon ein gewisser realismus geltend gemacht zu haben, 
so hat diese richtung sich durch die Verschmelzung mit orientalischen 
traditionen in der Diadochenzeit wahrscheinlich weiter ausgebildet, 
in welche wohl die entstehung der mit darstellung besiegter feinde 
geschmückten trophäen, ferner die Siegessäule mit der statue des Sie- 
gers in gottähnlicher tracht und haltung, der schiffsschnabelsäulen, der 
siegesthore und siegeshallen zu setzen ist. Auf dieser bahn bewegt 
sich fast ausschliesslich die römische kunst schon seit den punischen 
kriegen. Zuletzt ist sie mehr und mehr zu der ausführlichen darstel- 
lung der kämpfe in einer breiten, fast orientalischen behandlung zu- 
rückgekehrt , wie die Trajans- und Märe Aurelssäule zeigen. — Dr 
Hirschfeld sprach über die topographie der alten hafenstadt Piräus, 
indem er einen von ihm entworfenen rekonstruktionsplan vorlegte. 
Die anläge des Piräus, die erste nach den regeln der kunst bei den 
Griechen unternommene stadtanlage, war das werk eines architekten 
sophistischer bildung, Hippodamos von Milet. Es ist ein besonders 
glücklicher zufall, dass gebliebene und neu gefundene reste im verein 
mit stellen alter Schriftsteller und inschriften eine verhältnissmässig 
detaillirte anschauung ermöglichen. 

Auszüge aus Zeitschriften. 

Augsburger allgemeine zeitung, 1873, nr. 355 : die bibliotheken der 
klöster in Italien. — Beil. zu nr. 355 : in sachen Troja's : ist gegen 
Schliemann gerichtet und sucht unter anderem aueb nachzuweisen dass 
von Schliemann namen wie denttg d/^tfixvmXkoy, xQ^tfxvov u. s.w. irr- 
thümlich angewandt seien. Vgl. ob. heft 1, p. 64. — Beil. zu nr.357: 
der verein für deutsche literatur und eine deutsche revue: der verf. 
billigt das Phil. Anz. V, 12, p. 619 angegebene unternehmen, wünscht 
aber, dass die hälfte der beitrage zur gründung einer deutschen re- 
vue in der art der Revue des deux mondes benutzt werde. Dagegen 
kämpft Börsenbl. nr. 299. — Beil. zu nr. 358. 361. 365: universi- 
täts- und kunstnotizen. — Nr. 359: Friedländers Sittengeschichte 
Roms: lobende anzeige. — Nr. 361: Zeitbetrachtungen. — Die Ve- 
nus von Falerii : s. ob. heft 1, p. 64 und ob. p. 111. 



flr. 3. März 1874. 

Philologischer Anzeiger. 

Herausgegeben als ergänzung des Pliilologus 



von 



Ernst von Leutsch. 



60. Methodische grammatik der griechischen spräche von 
R. Westphal. II. theil. Semasiologie und syntax. I. abtheil. 
Allgemeine bedeutungslehreder griechischen formen nebst der no- 
minal-composition. 8. Jena 1872. XLIII u. 280 s. 1 ). — 2 thlr. 15 gr. 

Schon aus dem sehr ausführlichen Vorworte wird es klar, 
dass der Verfasser bei der ausarbeitung dieser abtheilung seine 
absieht hauptsächlich gerichtet hat auf einen kämpf gegen die 
compositions- oder „agglutinationstheorie", welche zur erklärung 
der flexionsformen von Bopp zuerst aufgestellt und seitdem zu 
ziemlich allgemeiner anerkennung durchgedrungen ist. An die 
stelle derselben will er das in den semitischen sprachen gel- 
tende prineip der lautsymbolik setzen und sucht dasselbe mit 
allen mittein zu erweisen , welche ihm seine ausgedehnten lin- 
guistischen kenntnisse und sein grosser Scharfsinn an die band 
geben. Gegen die herrschende meinung, dass die casussuffixe 
aus ursprünglich selbständigen pronominalwurzeln demonstrati- 
ver bedeutung hervorgegangen seien, macht er geltend , dass 
dabei „von einem begrifflichen zusammenhange zwischen der zu 
bezeichnenden begrifflichen beziehung und dem mittel , welches 
die sprechenden zu dieser bezeichnung gewählt haben sollen, 
nicht im entferntesten die rede sein könne" , da ja z. b. ein 
wort wie „berg" mit jenen Suffixen versehen in allen ca- 
sus nichts als ,,berg da" bezeichne (p. 67 f.). In der that 
trifft der Verfasser damit einen wunden fleck in der Bopp'schen 
theorie, da es 'weder diesem noch einem seiner anbänger bis 
jetzt gelungen ist, den Zusammenhang der syntaktischen func- 

1) Vgl. II, 8 p. 387 ff. und III, 1 p. 3 ff. (das. p. 4 z. 17 v. o. 
lies tu) für oxw.) 

Philol. Anz. VI. 8 



114 60. Griechische grammatik. Nr. 3. 

tionen der casus mit der vorausgesetzten entstehung ihrer for- 
men genügend nachzuweisen. Indessen ist es doch wohl nie- 
manden eingefallen, überall ein unbestimmtes „da" als ausgangs- 
punct der casusbedeutungen anzunehmen; wenigstens macht 
z. b. Bopp vgl. Gr. §. 1 58 auf den Zusammenhang des instrumen- 
talsuffixes ä mit der präposition ä an, hin, bis aufmerksam, was 
zwar noch nicht ausreicht, die gewöhnliche bedeutung des in- 
strumentalis („mit") zu erklären , aber doch mehr bietet als 
jenes unbestimmte „da". 

Seine eigenen ansichten über die genesis zunächst der mit 
consonantischen suffixen gebildeten casus des Singulars fasst 
der Verfasser p. 104 f. folgendermassen zusammen : 

„1. der zunächst zu bezeichnende casus war der objects- 
casus des activen satzes, der accusativ. Die Semiten kennzeich- 
nen ihn durch den zum stamme hinzutretenden zunächst liegen- 
den vocal, den laut a, die Indogermanen durch den zunächst 
liegenden consonantischen laut, den nasal. 

2. Das subject des satzes findet schon in dem unerweiter- 
ten stamme einen entsprechenden ausdruck. Aber beide spra- 
chen hatten den trieb, das subject in seiner lautlichen form 
dem object adaequat zu setzen. Die Semiten wenden dafür 
den ferner ab liegenden vocal u an, die Indogermanen die den- 
tale tenuis, die hier im weitern verlaufe zur dentalen sibilans 
geworden ist. Die Indogermanen lassen diese lautliche erwei- 
terung des subjectes aber nur dann eintreten , wenn dasselbe 
ein nominalbegriff ist, welcher als ein selbständig thätiger ge- 
fasst wird , sei es eine person oder ein personificirter gegen- 
ständ. Insbesondere werden die als geschlechtslos gefass- 
ten nominalbegriffe ohne nominativzeichen gelassen, entweder 
so, dass sie auch als subject mit demselben casuszeichen wie 
das object bezeichnet oder die beiden satzbeziehungen ganz 
ohne casuszeichen gelassen werden. 

3. Da der nominativ der ausgangspunct der thätigkeit ist, 
so wird der sprachliche ausdruck desselben , der dentale laut, 
auch für den nicht als subject gesetzten ausgangspunct der 
thätigkeit gebraucht, jedoch von dem subjectscasus dadurch un- 
terschieden, dass dann zu dem dental ein verstärkender vocal 
hinzutritt. Die grössere lautliche fülle erklärt sich der ein- 
fachem form des nominativs gegenüber insofern, als sie einem 



Nr. 3. 60. Griechische grammatik. 115 

begriffe zukommt, von welchem das subject des satzes abhän- 
gig ist. Der auf diese weise erweiterte nominalstamm hat nicht 
bloss die bedeutung des als räumlichen ausgangspunct und 
als Urheber und veranlassung der thätigkeit gesetzten ab- 
lativs , sondern auch des genitivs. Unter sich aber werden 
beide casus dadurch geschieden , dass bei dem einen die 
mutaform des dentalen consonauten beibehalten, bei dem an- 
dern dagegen zum Zischlaute geschwächt wird". 

Hinsichtlich des accusativs bin ich nicht abgeneigt dem 
Verfasser beizupflichten , hauptsächlich weil die ausserordentlich 
weite und überwiegend geistige bedeutung dieses casus mir die 
entstehung des suffixes aus einer pronominalwurzel sinnlich- loca- 
ler bedeutung unwahrscheinlich macht. Aber warum griff die 
spräche zu dem schliessenden m? Die hypothese des „zu- 
nächstliegenden" consonantischen lautes reicht nicht aus; denn 
wenn die ältesten nominalstämme meist auf a ausgingen, so 
wäre es möglich gewesen , diesen vocal zu ä zu verlän- 
gern oder (wie in andern fällen oft geschieht) durch zufü- 
gung eines i in ai zu verwandeln, um auf diese weise das ob- 
ject von dem nackten wortstamme zu unterscheiden. Warum 
soll ferner das s des nominativs aus der dentalen tenuis ent- 
standen sein? Der Verfasser sagt selbst p. 242, dass „im 
sanskrit nicht nur der Übergang von t in s sonst (d. h. von 
der entstehung der personalendung us aus anti und ant abge- 
sehen) gar nicht erscheint, sondern sogar umgekehrt nicht sel- 
ten s in £ und d übergeht". Und doch nimmt er — dieses 
mal in Übereinstimmung mit seinen gegnern — nicht bloss hier, 
sondern auch in mehren andern fällen zu diesem so problema- 
tischen übergange seine Zuflucht. Freilich galt es hier den 
ablativ und genitiv auf einen gemeinsamen ausgangspunct zu- 
rückzuführen, was sonst nicht möglich sein würde, auch darin 
seine Schwierigkeiten hat, dass die geschichte und die syntak- 
tischen functionen beider casus weit mehr auf ursprüng- 
liche Verschiedenheit deuten. Weiterhin unterscheidet der 
Verfasser einen ^-casus (locativ-dativ) und einen a-casus (instru- 
mentalis), fasst jedoch seinem princip gemäss auch hier i und 
a nicht als pronominalwurzeln, sondern weist ihnen lautsymbo- 
lische functionen zu. Von diesen vocalen sind aber seiner 
meinung nach nicht bloss jene casus, sondern auch die grosse 

8* 



116 60. Griechische grammatik. Nr. 3. 

zahl der mit einer muta an - und mit a oder i auslautenden 
casussuffixe, präpositionen und conjunctionen ausgegangen, so 
dass also ta tha da ha u. s. w. nur Verstärkungen des casuszei- 
chens a t ti dhi pi bhi u. s. w. nur Verstärkungen des casus- 
zeichens i sind ; letztere bilden dann mit den demonstrativstäm- 
men a i u ja ha eine anzahl alter präpositionen und conjunc- 
tionen wie atz gr. fot, api gr. tnl ozi (weil) u. s. w. Man sieht, 
es ist consequenz in dem verfahren , wenn aber, diese conse- 
quenz dahin führt, das sichtlich stärkste und am meisten cha- 
rakteristische lautelement als bedeutungslos zu elimioiren, so 
dient das sicherlich nicht zur empfehlung der ganzen theorie. 
Dem angeblichen locativ on (weil) zur seite stellt sich an einer 
frühern stelle (p. 97) die hypothese, dass das schliessende d im 
nominativ und accusativ singularis des neutralen pronomens ei- 
gentlich ablativzeichen sei, also ro[§) vdcog eigentlich bedeute: 
„wasser von dort". 

In der auffassung der verbalflexion nähert sich der Verfas- 
ser mehr der herrschenden ansieht, indem auch nach ihm „die 
zur personalbezeichnung am verbum verwandten laute in un- 
leugbarer Verwandtschaft mit den stammen des persönlichen 
pronomens stehen'' (p. 197). Aber „nicht die pronomina, son- 
dern die verbalflexionen sind das prius" (p. 203). Sein haupt- 
argument ist, dass zunächst bloss die casus obliqui der drei per- 
sönlichen pronomina mit den entsprechenden verbalenduugen iden- 
tisch sind, und namentlich für den nom. singularis der ersten per- 
ßou nicht zu dem stamm ma gegriffen, sondern ein ganz neuer stamm 
liym) aufgestellt wird. Ich glaube, dass man über diese und einige 
ähnliche Schwierigkeiten hinwegkommen wird, wenn man ange- 
sichts der mannichfaltigen Schwankungen in der bezeichnung der 
einzelnen casus in den verschiedenen sprachen (vgl. z. b. nom. 
pl. skr. vayam, gr. ']/*£?£ lat. nos) annimmt, dass lange zeit hin- 
durch , ja bis zur zeit der Sprachentrennung hin ein völlig fe- 
stes schema für die declinatiou der personalpronomina noch 
nicht vorhanden gewesen, sondern erst innerhalb der einzel- 
eprachen zum abscliluss gekommen sei. Im übrigen muss ich 
einräumen, dass der Verfasser in der analyse der personalen- 
duugen mehrfach mit glück die annahmen Bopp's bekämpft, 
auch sein lautsymbolisches prineip in der erklärung des n der 
dritten person pluralis und der medialendungen mai sai tai u. s. w. 



Nr. 3. 61. Griechische grammatik. 117 

den vorzug verdient vor der herrschenden meinung, welche 
jene formen aus einer mehrfachen composition von pronominal- 
wurzeln und demnächstiger Verstümmelung hervorgehen lässt. 
Ueberhaupt aber erkenne ich an, dass das princip der lautsym- 
bolik in der genesis der sprachlichen formen an mehr als ei- 
ner stelle seine berechtigung hat und ernstlich in erwägung 
gezogen werden muss, in wie weit demselben ein bestimmender 
einfluss auf die gestaltung der spräche einzuräumen ist. Mei- 
ner meinung nach ist dieselbe hauptsächlich aber nur da zur 
anwendung gekommen, wo es galt einander nahe stehende bil- 
dungen begrifflich von einander zu scheiden, also zum zweck 
der differenzirung. Im übrigen aber wird das princip der com- 
position als das eigentlich massgebende in der entwickelung 
der indogermanischen sprachen wohl schwerlich je beseitigt 
oder auch nur wesentlich beschränkt werden können. Nichts 
desto weniger bleibt dem Verfasser unter allen umständen 
das verdienst, nicht wenige mängel und lücken in der herr- 
schenden ansieht aufgedeckt und mancher grundlosen hypo- 
these, die schon mit der miene der alleinberechtigung aufzutre- 
ten anfing, einen kräftigen stoss versetzt zu haben. 

H. D. M. 

61. Quae genera compositorum apud Homerum distinguenda 
sint. Scr. Schaper. 4. Programm. Cösiin 1873. 22 ss. 

Es macht einen recht traurigen eindruck , wenn man jähr 
aus jähr ein in der so umfangreichen programmenliteratur auf 
so äusserst wenig produete stösst, die wirklich in dem leben- 
digen flusse der Wissenschaft mitten drin stehen; die meisten 
bringen es kaum zu einer dilettantischen Spielerei mit ihrem 
gegenstände. So die vorliegende arbeit über nominalzusam- 
mensetzung im Homer. Von der einschlägigen literatur scheint 
dem verf. nur Justi und Berch (den er mit consequenz zu 
Berchtius latinisiert) bekannt ; speciell die hübsche dissertation 
von Heerdegen, die die eintheilung der Zusammensetzungen in 
anregender weise erörtert, ist ihm fremd geblieben. Dass die 
arbeit nach irgend einer richtung hin etwas neues böte, kann 
man nicht behaupten ; denn die eintheilung des verf. ruht we- 
sentlich auf Justi und die beispiele sind so unübersichtlich zusam- 
men gestellt, dass man doch wieder auf Berch zurück gehen 



118 61. Griechische grammatik. Nr. 3- 

muss. Ueber die entstehung der Zusammensetzung trägt der 
verf. auf p. 3 ziemlich wunderliche ansichten vor; sie sind alle 
entstanden aus relativ - oder conjunctionssätzen, das relativ ist 
häufig noch in dem hinten angefügten suffix erhalten , daher 
kommt allen compositis ursprünglich ein suffix zu! Die Wis- 
senschaft ist leider über das gegentheil ziemlich einig. Nach 
welchem princip die Wörter auf p. 3 zusammengestellt sind, ist 
mir nicht klar geworden: das tatpurusha ßooroloiyng und das 
bahuvrihi TzavuoyvQog gehen hier friedlich neben einander her, 
jenes qui est exitium hominum, dies quod omnino argentum 
est. Von einzelnheiten mag es genügen wenige hervorzuhe- 
ben: Xe%e- noCqg = Xs^eö-Ttoitig p. 5 das lager auf der wiese 
habend; vielmehr gras hinbreitend; ntjyeoi-paXlog lanam in 
densitate hdbens • jjsyo - cpcoiog p. 6 vocem habens, quae per aerem 
longe sonat; vielmehr einfach ,,die stimme erhebend" (dto atigm); 
ttqo -QQi^og cui radix extra terram est p. 8. Ueber die adverbia 
auf -86v -8ä -8tjv wird die ansieht von Curtius (Gr. 4 630) ganz 
ignoriert, und nur die ältere ansieht Leo Meyers als dilueida an- 
geführt, die er selbst Or. und Occid. II, 603 aufgegeben hat (p. 8). 
Mit der auffassung von -ai- im ersten theile als nomen agentis 
für ti befinde ich mich allerdings in Übereinstimmung, dass aber 
das sanskrit nicht, wie der verf. noch glaubt, nur zwei solche 
composita kennt, habe ich Stud. V, 112 nachgewiesen. Die 
von Justi wieder vorgetragene Zusammenstellung von Ixf&vfing 
u. ä. mit bharad - veija bleibt so lange ohne halt , bis für das 
griechische schwachformige partieipien nachgewiesen sind. In 
der bedeutung von öat-cpQwv in der Odyssee soll der sinn des 
ersten theils ganz erloschen sein ; die dafür aus sanskrit und 
altsächsich angeführten beispiele sind ganz andrer art (p. 16). 
Auch die neue erklärung von daa-Tzlyrig als „fackelschwingend" 
(p. 18), aus 57«Mo) und dag detruncatum nomen quoddam wird 
kaum jemand billigen; ich möchte den ersten theil mit 8sa- in 
deonotqg (hausherr?) vergleichen, wenn nur dies selbst mehr 
aufgeklärt wäre. Bemerkt mag schliesslich noch werden, dass 
die erklärung öso-Tifjonog p. 9. [ngon = proc, lat. prec-es prec~ 
ari) qui deos interrogat mit der neuerdings (Kuhns Zeitschrift 
XXII, 59) von Leo Meyer aufgestellten wohl unbewusst zu- 
sammen trifft. 

Gustav Meyer. 



Nr. 3. 62. 63. Griechische grammatik. 119 

62. Akens, über die adjectiva auf aiog siog tjiog a>iog. 
Programm Emmerich 1873. 18 ss. 4. 

63. Aly, de nominibus io suffixi ope formatis. Berlin 
1873. 43 ss. 8. — 1 mark. 

Im vorigen jähre sind zwei monograpbien erschienen, die 
sich mit dem griechischen nominalsuffix io beschäftigen, die eine 
eine berliner doctordissertation (doch war der verf. in Leipzig 
mitglied der grammatischen gesellschaft von Curtius gewesen) 
von Friedrich Aly de nominibus io suffixi ope formatis, die 
andre ein gymnasialprogramm aus Emmerich von Johann 
Akens, über die adjectiva auf aiog ewg ij'iog ul'og. Es ist 
ein erfreuliches zeichen, wenn sich die thätigkeit auf das bis 
jetzt so sehr vernachlässigte gebiet der griechischen Wortbil- 
dung wendet; was bis jetzt darin gearbeitet ist, ist noch recht 
wenig. Ich hebe ausser den bekannten arbeiten von Budenz 
und Bühler die treffliche monographie über die diminutiva von 
Schwabe hervor ; brauchbar ist auch die schrift von Göbel über die 
homerischen adjectiva auf sig. Von den beiden anfangs erwähnten 
arbeiten über das suffix io kann nur die zweite darauf anspruch 
machen die sache wenigstens durch eine umfassende Zusammen- 
stellung des materials gefördert zu haben; das vermögen wis- 
senschaftliche fragen mit selbständigem urtheil zu lösen ver- 
räth sie freilich nicht und hat es auch nicht angestrebt. Dies 
ist, aber freilich in sehr unglücklicher weise, der fall bei Akens. 
Dieser verwirft nämlich bei den adjectiva auf aiog u. s. w. die frü- 
here einfache erklärung, warum, hat er nirgends verrathen, und 
vindiciert ihnen das suffix pio, wie er es in römischen namen z. b. 
Marso- viu-s und in y.iaav-ßio-v erkennt = xiaov-pio-r : p fiel aus, 
und durch ersatzdehnung entstand r t 'iog (aiog, ohne dieselbe aiog 
siog oio g. Ich habe nicht die absieht auf manche ziemlich wun- 
derliche einzelheiten des programmes hier näher einzugehen. 
Der Verfasser sieht sich selbst genöthigt formen wie ogsiog 
aus oQsa-io-g zu erklären und sie so von den andern zu tren- 
nen. Ziemlich unbegreiflich ist es, wenn der verf. spuren des 
digamma in formen wie Larisaevos (cod. Pal. Aen. XI, 404) = 
Aaoiautpog Achivus Argivus ld%aipög 'Aoyeipog musTvum = [iov- 
ctipnr, archivum = aq^eienv u. a. sieht, wo das i von pio 
überall vor das p zurück getreten sein soll : die beispiele bei 
Schuchardt Vocalismus II, 520 ff. lassen keinen zweifei darüber, 



120 63. Griechische graramatik. Nr. 3. 

dass das v hier tiberall blos lautliche entwickelung ist (so auch 
Curtius Gr. 4 , 707 anm.). Wenn vollends lateinisches Ivus durch- 
weg aus eivus d. i. evius hergeleitet wird (divus deivus devius, da- 
tivus datevius u. s.w.), so weiss man nicht, was man sagen soll. 
Reflexe des suffixes pto sollen auch mo in 'EQßänio-g Mfaod- 
jtioi prosapia und das diminutive -qto-v sein. Was die auffallende 
form 'Hppuotoig auf der elischen tafel bei Ahrens aeol. 280 (nach 
der Schreibung von Boeckh; Ahrens schreibt 'HQpaqioig^ be- 
trifft, womit der verf. auch nichts anzufangen weiss, so ist 
die lesart des namens überhaupt zweifelhaft; der bewohner von 
Heräa heisst 'Hqo.isvq, und darum verdient doch vielleicht die 
frühere lesung Boeckhs, der auch Savelsberg de digammo p. 6 
anm. beistimmt, Evpaoioig, den Vorzug, womit wir auf den stamm 
Evpao- einer freilich unbekannten Stadt geführt werden. 

Erfreulicher ist die arbeit von Aly. Sie behandelt to zu- 
erst als primäres , dann als secundaeres suffix und stellt über- 
all die beispiele mit grosser Vollständigkeit zusammen. Darin 
beruht der werth der arbeit, denn wissenschaftliche fragen wer- 
den gewöhnlich durch blosses zusammenstellen der ansichten 
erledigt. Indess auch bei der materialsammlung ist ein man- 
gel sehr empfindlich, nämlich das fehlen jeder chronologischen 
anordnung. Anders kann man über die geschichtliche entwicke- 
lung eines Suffixgebrauches nicht ins klare kommen, als wenn 
man die homerischen beispiele voranstellt und dann die übri- 
gen, ebenfalls nach perioden geordnet, folgen lässt, und dabei 
eine sonderung nach dialekten nicht versäumt; nur so z. b. 
lassen sich die zahlreichen analogieschöpfungen gelehrter nach- 
ahmer herauserkennen. Die homerischen beispiele sind bei 
Aly freilich durch H. bezeichnet, das aber einigemale vergessen 
ist, z. b. p. 8 bei ysQovaiog 8vi£i%sog öfi?jlixiog. Die conso- 
nantischen stamme auf p. 7 hätten auch nach dem auslaut ge- 
ordnet werden müssen. Dass bei nelcty-iog von neXayeg, dovg~ 
to-g von öovgar u. ä. nicht thematis aliqua pars propter vocabuli 
amplitudinem eliditur , sondern dass hier die bekannten neben- 
stämme auf -o- vorliegen, ist klar. Mit a-stämmen verbunden 
entsteht die endung aiog; wo diese bei o-stämmen erscheint, 
sieht der verf. , da nur das eine b8a-io-g homerisch ist, analo- 
giebildung, und zwar zunächst im anschlusse an die feminina 
auf -og. Indessen a- und o-stämme erscheinen in Wortbildung 



Nr. 3. 64. Lateinische gramraatik. 121 

und composition nicht selten im austausch. nargc6-io-g und 
[ii]TQ<6-io-g führt Aly auf ndrow-g und ptriroa-g zurück. Das 
ist offenbar unrichtig, denn dann bleibt die bedeutung, wie 
auch Aly bekennt, ganz räthselhaft. Die Wörter sind gebildet 
von naroo- und fiqTQO- } ganz wie vneoä-io-v (womit Aly gar 
nichts anzufangen weiss) von vntQn- ; die dehnung des o ist ein- 
fluss des untergegangenen Spiranten. In den meist homerischen 
bildungen auf u8to-g, die Aly auch nicht klar sind, (wie xaz- 
ojfid-dio-g) ist u der alte stammauslaut, 8 entwickelung aus », 
wie Curtius nachgewiesen hat. Unhaltbar ist auch die ansieht, 
dass GjAio-g und uio-g durch metathesis aus aifxo-g und -i-pio-g ent- 
standen seien ; es sind vielmehr Weiterbildungen von suffix -po-, 
und zwar gehen die auf a/iio-g (ausser dem späten im-gova-fiio-c.) 
alle von or-stämmen aus. Auch über die adjeetiva auf -sio~g, worin 
Aly ein selbständiges suffix sieht, muss ich von ihm abweichen; 
ich trenne z. b. uvXs-io-g und sehe in s eine Schwächung des 
Stammauslautes a. 

Gustav Meyer. 

64. Der dativ zur bezeichnung der richtung in der latei- 
nischen dichtersprache. Von Schroeter. Sagan. 1873. 15s. 

Nachdem Schroeter die erklärungsweisen von G. J. A. 
Krueger, Reisig und Weidner (commentar zu Verg. Aen. I, 
70) widerlegt hat, ordnet er die beispiele von dativen in rein 
localer bedeutung nach den einzelnen declinationen. Aus der I. 
declination finden sich : terrae^ patriae ; der DI : Orco, leto, exitio, 
Averno, Erebo, coelo, polo, Olympo, solo, humo, ponto, Oceano, alto, 
profundo, pelago, fluvio, rivo, tumulo, iugulo, antro, theatro, campo, 
medio, solio. (Dabei fehlt vado, s. Phaedr. app. XX, 3 pilosa 
crura sensim demittit vado; der III. neci, morti, nocti, urbi, fonti, 
lateri, capiti, ort, telluri, carceri, igni, patri, sorori, arbori; der IV. 
lacu = lacui. — In dieser aufzählung scheinen stellen zusammen- 
geordnet zu sein, welche sehr verschieden beurtheilt zu werden 
verdienen. Denn Hör. Sat. DT, 5, 49 si quis casus puerum ege- 
rit Orco ist anders zu erklären als Verg. Aen. II, 398 multos 
Danaum demittimus Orco, wo die eigentliche grundbedeutung 
des dativs stark hervortritt. Auch stellen wie Verg. Georg. 
II, 481 oceano proper ant se tinguere soles hiberni, I, 272 fluvio 
mersari, Aen. DI , 47 machina Ventura desuper urbi u. a. gehö- 



122 64. Lateinische grammatik. Nr. 3. 

ren nicht in die obige reihe. Doch bleiben trotzdem immer 
noch viele stellen übrig, welche ihre eigene erklärung verlangen. 

Schroeter sagt: da jene wortformen im alten latein sämmt- 
lich die endung i hatten (terrai, coeloij , so sind es Wortbildun- 
gen mit localer bedeutung. Sie wurden aber, entsprechend 
den ortsadverbien, auf o nicht auf i gebildet , weil sie einer äl- 
teren sprachperiode angehören. Einige im täglichen leben oft 
vorkommende und mit religiösen Vorstellungen in Zusammen- 
hang stehende ortsbezeichnungen wurden auch noch zur zeit 
der schon vorgeschrittenen Sprachbildung in archaistischer weise 
ausgedrückt. Diese in der Schriftsprache längst erloschene re- 
deweise nahmen die epischen kunstdichter der kaiserzeit bereit- 
willig auf, namentlich Vergil, Ovid , Statius, weniger Horaz, 
gar nicht Catull und Tibull. Also das alte oi konnte sowohl 
in o als in i übergehen , und diese formen wurden sowohl von 
der ruhe als von der bewegung gebraucht. Z. b. Jiumi = in 
humum und in humo. Demnach ist das ursprüngliche terrae 
beizubehalten Ov. Met. II, 347. VIII, 578. Verg. Aen. VI, 84. 
Vell. Pat. II, 129, 3. vgl. Verg. Aen. VI, 126. Auch bei Caes. 
b. civ. 11, 19 (so muss es heissen, nicht de b. g. wie Schroe- 
ter fälschlich angiebt) ist Cordubae und III, 108 Romae zu le- 
sen. — Wenn der dativ. pluralis zur bezeichnuug einer rich- 
tung verwandt wird, so ist dies freilich kein lokativ ; wir müs- 
sen vielmehr annehmen , dass zu einer zeit , wo den Römern 
das bewusstsein des lokativs schon abhanden gekommen war 
und die formen terrae, coelo, neci u. s. w. ihnen schon als dative 
galten, auf grund jener durch den dichterischen Sprachgebrauch 
festgehaltenen bzsw. wieder in aufnähme gebrachten ausdrücke 
auch pluralische begriffe zur bezeichnung desselben Verhältnis- 
ses in den dativ gesetzt wurden; ein ähnlicher Vorgang fand 
bei den pluralischen städtenamen statt. Obige lokativformen 
wurden von dem räumlichen verhältniss auch auf die rein lo- 
gische beziehung des zwecks oder der bestimmung übertragen 
(s. Lattmann-Mueller). So Verg. Aen. VII, 761. 11,677 u. s. w. 

Dieser erklärung stimme ich aus voller Überzeugung bei ; 
mit ihr fallen alle künstlichen und geschraubten erklärungsver- 
suche jener dative. Nur das möchte ich zum Schlüsse noch er- 
wähnen, dass auch Acherunti (Plaut. Capt. III, 5, 31. V, 4, 1 
u. s. w.) als beispiel angeführt werden konnte und dass bei 



Nr. 3. 65. Aeschylos. 123 

erwähnung von stellen wie Verg. Aen. II, 398. IX, 527. 785 
ein hinweis auf Hom. II. I, 3 "Aldi nQoi'uupev nützlich gewesen 
s ei d würde. C. Härtung. 

65. Waldeyer, de Aeschyli Oedipodea. Spec. II. Leob- 
schuetz 1873. 13 ss. 

Als fortsetzung eines programms von Neuss 1863 liefert 
Waldeyer mit vorliegendem programm eine abhandlung de ar- 
gumentis fabularurn eius tragoediae deperditarum. — Der Laios 
reichte nach seiner ansieht bis dahin, wo des Sopbocles Oedi- 
pus Eex beginnt; nachdem in der eisten hälfte jener tragödie 
die rede war von den drei Weissagungen, die durch den voraus- 
gesagten tod des Laios in erfüllung gegangen waren, musste 
im zweiten theile nothwendig die rede sein von dem dreimal 
glücklichen Oedipus, der, obwohl mit dem blute des vaters be- 
sudelt, das räthsel der Sphinx löste, die herrschaft über The- 
ben und die hand der königin lokaste gewann. Aus Schol. 
Oed. Reg. 733 und Eur. Phoen. 1760 schliesst Waldeyer, dass 
nicht in Phocis der mord des Laios vollbracht worden sei, son- 
dern im engpasse von Potniae. — Las zweite stück der tri- 
logie begann damit, dass Oedipus seine abstammung erfährt; 
dies geschah aber nicht plötzlich, sondern allmählich. Unter 
den Sept. 763 genannten didvpa -hÜla hiAsrnv versteht Wal- 
deyer, dass Oedipus 1) sich blendet; 2) die söhne verflucht 
und fehde wegen des erbes auf sie herabwünscht. Die veran- 
lassung des fluches findet er wie Hermann, nicht in einem 
ihm zuvor zugefügten unrecht, sondern einzig und allein in ihrer 
verruchten abstammung. Sodann discutirt der vrf. die frage, 
ob die söhne bei der Verfluchung noch jung oder schon erwach- 
sen gewesen seien, und zeigt mit recht, dass das heranwachsen 
derselben zwischen das erste und zweite stück zu verlegen 
sei, nicht in die entwickelung des zweiten, worin vielmehr vom 
streit der brüder, von der herrschaft des Eteokles und von 
der Verbannung des Polynices die rede war. Aus Hom. Od. 
XI, 274 schliesst Waldeyer, dass Oedipus auch nach ent- 
deckung des freveis weiter regiert habe. Wann und wie der 
bruderzwist ausgebrochen sei, bestimmt Waldeyer nach den 
Worten des Paus. IX, 5, 6 IJoXvvsinTjg ntoioviog fisv xai ag- 
yovrog Ol8ino8og vns^rjl'&sv ex Qrjßmv desi p.fj TsXsa&stev Im 



124 65. Aeschylos. Nr. 3. 

oqiiaiv al xarägai rov nargog' aytxöfievGg de ig "Agyog Mal 
&vyariga '/45quctov laßtav MazqX&ep ig Qrjßag ^.srans^mog vnb 
EtsokIsovq /At-ra zeXevrqv OtSi'moSog' xazek&wp 8s ig 8iaq>&o- 
gctv ngo/j^dy tw EtsomIei Mai ovxca to Sevzsgov scpvyev. Da- 
nach behauptet Waldeyer, auch bei Aeschylos sei Oedipus in 
Theben gestorben; davon steht aber in jenen worten des 
Pausanias gar nichts. Ferner muthmasst derselbe, Polynices 
habe während der regierung des Oedipus Theben verlassen, 
nachdem er dem vater einen schimpf angethan, der in der ky- 
klischen Thebais nach Athen. XI, p. 465 E. Eustath. Od. XI, 
279 enthalten war : nach dieser Überlieferung setzte ihm Poly- 
nices zum höhne den silbernen tisch des Cadmus vor und ei- 
nen goldenen becher voll süssen weines. Dies ist eine hypo- 
these, und wenn Waldeyer ferner sagt, in folge dieser that habe 
Oedipus den alten fluch erneuert, so steht' auch hiervon 
nichts in den versen bei Athenaeus, sondern dort heisst es blos: 
aixpa 8s naiaiv ioiai /ist' a/icpozigoiait inagäg j agyakiag rjgazo 
htX. Ueberhaupt scheint mir die annähme einer zweimaligen 
flucht zu gekünstelt. Ebensowenig besagen die obigen verse, 
dass Polynices der verbrecherische Urheber des bruderzwistes 
gewesen sei, wie Waldeyer annimmt. Ferner stellt unser vrf. 
die behauptung auf, dass der vertrag, kraft dessen (Hellan. schol. 
ad Eurip. Phoen. 71) dem Polynices die schätze, dem Eteokles der 
thron zufallen sollten , auch für das stück des Aeschylos ange- 
nommen werden müsse, und dass Eteokles also ein recht ge- 
habt habe, den nach der herrschaft strebenden bruder von neuem 
zu verbannen ; doch auch dies lässt sich nicht erweisen. lie- 
ber das mystische, welches in dieser tragödie des Aeschylus 
gestanden haben soll, will Waldeyer lieber schweigen, da sich 
nichts sicheres darüber angeben lasse, ebenso über das satyr- 
draraa Sphinx; aus v. 522 sqq. 757 — 58. Arist. Ean. 1320 er- 
gebe sich nichts, doch aus Athen. Deipn. XV, 674 lasse sich 
schliessen , dass dem Oedipus wegen der lösung des räthsels 
ein ehrenkranz geschenkt worden sei. — Es ist natürlich, dass 
das reconstruiren alter verloren gegangener tragödien, wenn alle 
bruchstücke und indicien fehlen, ein sehr mühsames und der 
phantasie grossen Spielraum gewährendes unternehmen ist. In 
den naheliegenden fehler , zu viel wissen zu wollen , ist auch 
Waldeyer gefallen; am allerwenigsten darf gebilligt werden, 



Nr. 3. 66. Aristophanes. 125 

dass jede notiz, die in einer schritt der alten anf die Oedipus- 
sage sich bezieht und auf die erhaltenen stücke anderer auto- 
ren nicht passt, als eine auf der äschyleischen trilogie fassende 
betrachtet wird. 

C. Härtung. 

66. Ueber den Socrates in des Aristophanes Wolken. Von 
Dr August Gehring. Programm des fürstlichen gymna- 
siums io Gera. 1873. 

Nach einer einleitenden darstellung des historischen Socra- 
tes, wie uns der grosse reformator in seiner persönlichkeit und 
lebensweise, in seiner lehrmethode und in seinen lehren bei Piaton 
und Xenophon geschildert wird, vergleicht der verf. mit diesem 
bilde den Socrates des Aristophanes, indem er auf grund einer 
vollständigen Sammlung der auf Socrates bezüglichen stellen 
ihn nach den gleichen gesichtspunkten betrachtet. Er findet 
auf diese weise in dem dramatischen philosophen viele charak- 
terzüge des historischen wieder, nur selbstverständlich nach art 
der komödie verzerrt, karikirt; aber daneben zeigen sich auch 
völlig fremde züge, da bekanntlich von dem komiker auf So- 
crates die diesem ganz fern liegenden lehren und tendenzen 
der naturphilosophie und namentlich der sophistik übertragen 
worden sind. Der dichter führt uns Socrates als Sophisten 
vor. Wie kommt er dazu? Diese frage, über welcher schon 
so viele köpfe gegrübelt haben, wird p. 22 folgendermassen 
beantwortet: ,,es erklärt sich die aristophanische darstellung und 
auffa?sung aus der Verwandtschaft der socratischen lehre (lehr- 
weise?) mit der sophistischen, ferner aus dem mangelhaften 
verständniss des volkes, sodann aus der auffallenden, in gewis- 
ser weise doch epochemachenden erscheinung des Socrates und 
endlich zum grossen theil aus dem wesen der komödie jener 
zeit ". 

Wie man schon aus diesen die Untersuchung zusammenfas- 
senden worten entnehmen kann, schliesst sich Gehring der jetzt 
wohl ziemlich allgemein gebilligten ansieht über das verhältniss 
des Socrates und Aristophanes an , welche ihren geschicktesten 
und beredtesten Vertreter ohne zweifei an Köchly (Akad. vortrage 
und reden. IV) gefunden hat. Auch dürfen wir bei unserm verf. 
keine förderung der ganzen frage Köchly u. a. gegenüber erwarten, 



126 67. Aristoteles. Nr. 3. 

im gegentheil müssen wir eingestehen die von ihm ausgespro- 
chenen gedanken anderwärts (z. b. auch bei Kock und Teaffel) 
treffender und gewandter ausgedrückt gelesen zu haben. So 
hätte besonders der parteigegensatz des streng conservativen 
komikers und des aufklärenden, der menschheit ein neues prin- 
cip bringenden weltweisen viel stärker hervorgehoben und zur 
lösung der frage benutzt werden sollen. Auch gegen einzeln- 
heiten der beweisführung werden sich bedenken regen; so wenn 
die ähnlichkeit der sokratischen und sophistischen lehrweise auf 
p. 20 aus gewissen scenen platonischer dialoge gefolgert wird, 
in welchen Socrates mit Sophisten sophistisch disputirt : wäh- 
rend doch offenbar zu sagen ist, dass in solchem falle Sokrates 
die Sophisten mit ihren eigenen waffen überwindet , und daher 
von hieraus ein schluss auf seine eigene methode nicht zuläs- 
sig erscheint. 

Das einzige, was der abhandlung einigen wissenschaftlichen 
werth und das recht ihrer existenz giebt, ist die oben erwähnte 
aushebung und anordnung der in den Wolken Socrates ver- 
spottenden stellen (p. 6 — 15), obwohl freilich durch sie kein 
neues resultat erzielt wird , und obwohl man über die richtig- 
keit der beziehung dieses oder jenes aristophanischen verses 
auf diese oder jene eigenthümlichkeit des historischen Socrates 
bisweilen mit dem verf. rechten kann. Wenn Gehring beispiels- 
halber p. 15 erklärt, das für Socrates so eigenthümliche ver- 
sinken in sich und seine speculationen sei von Aristophanes 
unberührt gelassen, so könnte man jenes malheur, das nach vs. 
171 ff. dem sinnend dastehenden und seine nächste Umgebung 
ausser acht lassenden philo3ophen einmal nachts passirte, zu- 
gleich auf jene versunkeuheit beziehen — mit demselben 
recht, mit welchem es von Gehring p. 8 auf die bespöttelung 
der naturphilosophischen Studien des Sokrates gedeutet wird. 

E. A. 

67. Aristoteles' Politik erstes , zweites und drittes buch 
mit erklärenden Zusätzen ins deutsche übertragen von Jacob 
Bernays. Berlin. 1872, Hertz. IV und 216 s. kl. 8. — 
1 thlr. 6 sgr. 

Wenn Bernays, wie ich hoffe, überhaupt die absieht haben 
sollte, uns die ganze aristotelische Politik zu verdeutschen, so 



Nr. 3\ 67. Aristoteles. 127 

vermag ich einen sachlichen grund für diese gesonderte her- 
ausgäbe der drei ersten bücher nicht zu erkennen. Indessen 
will ich meinerseits über dieselbe um so weniger mit ihm rech- 
ten , je mehr ich bedaure, dass sie erst gleichzeitig mit dem 
erscheinen meiner kritischen ausgäbe erfolgt ist, so dass ich 
bei letzterer nicht mehr von ihr habe nutzen ziehen können, 
und je erfreulicher es mir daher ist, dass ich sie nun wenig- 
stens bei meiner für die Engelmannsche Sammlung bestimmten 
bearbeitung , welche hoffentlich binnen Jahresfrist druckfertig 
sein wird , mit verwerthen kann. Obgleich wir bereits einige 
nicht übel gelungene deutsche Übersetzungen von der Politik 
des Aristoteles besitzen, so ist doch ihnen gegenüber auch diese 
neue in ihrem besten rechte. Sie ist nicht bloss geschmack- 
voll und fliessend, sondern auch ein erhebliches hülfsmittel zur 
erklärung mancher schwierigen stelle. Dieser anerkennung kann 
es natürlich keinen eiutrag thun, wenn ich allerdings keineswegs 
überall der auffassung des Übersetzers beizustimmen vermag x ). 
Gewundert habe ich mich z. b., wie Bernays denen sich anschlie- 
ssen konnte, welche III, 3, 1276a, 14 durch Setzung des kom- 
ma hinter statt vor xaza tov tqotiov tovtov den Aristoteles 
mit sich selber in Widerspruch bringen. Und nicht minder darf 
man wohl fragen, ob, wenn Bernays nicht 111,16, 1287a, 1 die 
arge Verkehrtheit vorgefunden hätte, dass hier in unsern aus- 
gaben ein neues capitel beginnt, ob er dann wohl darauf ver- 
fallen wäre neol de tov ßaailecog tov x«t« typ avTov ßovliiatv 
nv.vTa nQccTTOiTog 6 Xoyog iqtaTrjxe vir zu übertragen „über den 
könig aber, der nach eigenem belieben alles thut, kommt jetzt 
die betrachtung an die reihe", während sich doch um diesen 
allein die betrachtung schon von 1286 a, 2 ab nach der eignen 
ausdrücklichen erklärung des Aristoteles bewegt hat. Das de 
steht ja dem (xsv ovv 1286 b, 34 gegenüber, und wir befinden 
uns hier also, wie schon Albert von Bollstädt richtig erkannte, 
noch mitten in der fortführung der 1286 b, 27 beginnenden Un- 
tersuchung, ob dem könig eine bewaffnete macht zu geböte 
stehen muss. Diese frage ist in bezug auf den gesetzlich beschränk- 

1) Wenn die griechischen Verfassungsnamen aristokratie und po- 
litie, statt beibehalten zu werden, vielmehr durch „edelherrschaft" 
und „verfassungsstaat" wiedergegeben werden, so scheint mir eine 
solche das wesen der sache allzuwenig treffende deutschthümelei eher 
verwirrend als aufklärend zu wirken. 



128 67. Aristoteles. Nr. 3. 

ten könig beantwortet, nun aber heisst es, dass die jetzige 
betrachtung es jedoch in Wahrheit nicht sowohl mit diesem als 
mit dem absoluten könig zu thun habe. Aus diesem unleug- 
baren Zusammenhang erhellt aber auch, dass hinter ßuatXevg 
z. 10 eine lücke ist. 

Die erklärenden Zusätze, die Bernays mehrfach seiner Über- 
setzung eingefügt hat, sind in der that zum theil zweckmässig, 
zum theil aber vielleicht auch entbehrlich, zum theil ferner um- 
gekehrt kaum ausreichend, um eine ausführlichere erläuternde 
anmerkung zu ersetzen , zum theil endlich erinnern sie mich 
etwas bedenklich an jene bekannten leute, „die alles mit kalk 
und gips verstreichen und wollen berg und thal vergleichen", 
indem einige lediglich dazu gemacht sind, um lücken, Verse- 
tzungen und textverderbnisse zu verkleistern. Die belege hie- 
für werden einem jeden entgegentreten, der sich die mühe neh- 
men will meine ausgäbe genau mit dieser Übersetzung zu ver- 
gleichen. Bernays erkennt in diesen drei ersten büchern nur 
eine einzige lücke an und nimmt nur eine einzige Umstellung 
vor, die überdies, wenn die betreffenden worte (III, 13, 1284 b, 
13 — 15) unverderbt sind und wirklich den ihnen von ihm ge- 
liehenen sinn haben können, auch wohl noch entbehrlich sein 
möchte. Sieht man aber die mittel an, mit denen er noch au- 
sser dem schon angeführten die steine des anstosses auf andere 
weise aus dem wege zu räumen sucht, wie wenn er z. b. II, 2, 1261 
a, 37 nicht bloss, was ja an sich recht ansprechend wäre, inst in 
ixet verwandelt, sondern obendrein noch 7« mit Koraes zu strei- 
chen genöthigt ist, so heisst dies doch aller Wahrscheinlichkeit 
nach nichts anderes als die noch recht deutlich gebliebenen 
spuren einer lücke künstlich zuschütten. Und noch einleuch- 
tender tritt der gleiche fall I, 12, 1259a, 39 hervor, wo, um 
von dem mangelnden gedankenzusammenhange ganz abzusehen, 
die willkürliche änderung von olq^eiv in uQHitor doch in der 
that ein um nichts besseres kunststück ist, als wenn Aretin 
olqxsi und der schreiber eines schlechten codex tanv ag^eiv dar- 
aus gemacht hat. 

Im übrigen bildet indessen gerade die conjecturalkritik eine 
besonders glänzende seite des buchs. Unter den etwa siebenzig neuen 
Verbesserungsvorschlägen hebe ich als mir besonders einleuchtend 
folgende hervor: I, 8, 1256b, 3 ivöetazsQov , c. 9. 1257a, 23 



Nr. 3. 67. Aristoteles. 129 

<C%zsgoi^> erg£>a>»> (doch möchte ich izzgcov <Cjzegoi i]ti6qovv> vorzie- 
hen), c. 11, 1258 b, 12 xrtjvt] (für y.z^aia), II, 10, 1272 b, 12 
uvaQfiar, c. 11. 1273 b, 14 xal vor xadänsg (statt vor xdX- 
Xiov), 18 dgiaza <azäaiv> ixcpevyovot, III, 4, 1277 a, 30 aucpco 
k'zegu (für uuqx'zega, Koraes £tf(>«), c. 16, 1287a, 16 ovdiva, 
als mehr oder minder ansprechend oder doch höchst beachtens- 
werth namentlich: 1, 8, 1256a, 16 drj (ist dies richtig, so fällt 
die annähme einer lücke vor 17 äozi) , II, 2, 1261a, 12 f. 
ht de ngog, zo (wenn nur szi 8s ngog sonst bei Aristoteles 
vorkäme), c. 4, 1262 b, 28 <yug> yivwaxeiv, c. 5, 1264a, 7 ah 
(für avzä), c. 7, 1267 b 16 f. aXV s'insg, 8ei — £gya£o[i£vovg, 
xa\ xa&änsg (doch möchte dann auch noch novovg hinter igya- 
"Qnfiivovg einzuschieben sein), c. 8, 1269a, 18 vnägxovaiv, III, 
5, 1278 a, 11 Ö' allmv (statt <5' ävayxatwv), c. 7, 1279 a, 32 
<<«/)> (XEz^iQvzag, c. 8, 1279b, 39 <Cnoliz£iag> aiziag (wenn 
ötayogäg', nicht diacpogäg die richtige lesart ist; Koraes: 
<unogiag~> aiziag). Zweifelhafter ist mir 1258 b, 29 olaa 
(für oaa). Manchmal kann es natürlich fraglich erscheinen, 
ob seine Verbesserungsversuche wirklich vor denen anderer ei- 
nen sicheren vorzug verdienen, wie z. b. II, 8, 1268b, 2 
[h«J] und c. 9, 1270 b, 22 <Cxaru> zavzd. Einmal ist er mit 
mir zusammengetroffen, III, 14, 1285 a, 9 sv Zivi , [ßaailsia], 
und ein anderes mal hat er eine vermutbung von mir gebilligt, 
III, 16, 1287 b, 27 s%oi (für i'öoi). Nicht ganz weniges scheint 
mir allerdings überflüssig, mehr als zweifelhaft oder geradezu 
falsch, wie I, 2, 1253a, 1 xal <Cyäg> ßelziozov, c. 9, 1257a, 
18 fi8zaßh]ziy.7jg (für yg?]uaziaztxrjg)^ II, 5, 1263 a, 37 [sV] zatg 
äyogalg (vgl. dagegen Krüger zu Xen. Anab. VI, 6, 3), c. 7, 
1267 a, 8 xat [av iniüvfyioTer] , III, 4, 1276b, 38 dvrazov und 
1277a, 4 buoiovg (für äya&ovg ; man erwartet <^av8gag^> aya- 
öovg), 8, [xz/]<j<t;], c. 5, 1278a, 31 [diu] 7iag' und 40 eaziv vor 
38 cTTcv, c. 6, 1279a, 13 [ov^gisgor], c. 9, 1280b, 6 svvofiiag 
<7iolecag jufwc>, c. 12, 1283 a, 7. 8 <sl^> nai — [ndvza], c. 13, 
1284 b, 24 [017], c. 15, 1286 a, 3 l^zai nällov [eidog]. Ueber 
einiges andere habe ich mich schon in Quaest. crit. de Polit. Arist. 
part. VI, Greifswald 1873, ausführlich ausgesprochen, wo freilich 
auch p.10 z. 8 v.u. folgendermassen zu berichtigen ist: concedun- 
tur partes animae humanae omnes, ibi ne virtutem quidem optimae partis 
u.s. w. Auch I, 2, 1252 a 33 dürfte die Versetzung von xat hinter 
Philol. Anz. VI. 9 



130 67. Aristoteles. Nr. 3. 

cpvcet mit Aretin der tilgung dieser partikel vorzuziehen sein. 
Noch weniger durfte der Übersetzer nach seiner Widerlegung 
durch Vahlen (Beitr. z. Ar. Poet. III, p. 314) fortfahren das 
viel sinngemässere opoiovg II, 8, 1269 a, 6 mit oXiyovg zu ver- 
tauschen, noch weniger ferner II, 6^ 1265 b, 20 ßdv antasten, 
indem er es mit Koraes in dq ändert, nachdem diese construc- 
tion durch Vahlen (Zeitschr. für die östr. g. XVIII, 1867, p. 
721 ff.) als eine dem Aristoteles recht gewöhnliche erwiesen 
war (s. die Sammlung der fälle allein aus der Politik in mei- 
ner ausgäbe zu I, 4, 1253 b, 37, wo diese stelle versehentlich 
ausgelassen ist). Noch mehr zu tadeln aber ist , dass es Eer- 
nays fast gar nicht gefallen hat auf die besonders in PMsP 1 
erhaltene textrecension, so weit er sie bereits aus Göttling, Hi- 
laire und meinen früheren mittheilungen kennen konnte, ir- 
gendwie rücksicht zu nehmen. Dies hat zu mehreren unnützen 
conjecturen und überhaupt zur verkehrten kritischen behand- 
lung mancher stellen, wie II, 2, 1261b, 2 ff. c. 5, 1263b, 7. 
9. 11. c. 6. 1265 a, 34—38. c. 8, 1267 b, 26. c. 10, 1272a, 
29. c. 11, 1273a, 6—9. III, 1, 1275a, 11 ff. c. 4, 1276b, 
37 ff (s.o.) 1277 a, 32. c. 5, 1278 a, 31 f. (s.o.). c. 16, 1287a, 
14—18. 25 ff. u. a., geführt (vgl. auch III, 11, 1282 b, 8 ff.). 

Bernays schliesst sich mit recht der ansieht an, dass auch 
die Politik nicht von Aristoteles selbst herausgegeben , sondern 
aus seinen lehrvorträgen entstanden ist. Dennoch nimmt er in 
diesen drei ersten büchern nur eine einzige doppelte recension 
an, nämlich, wie ähnlich schon C. Stahr wollte, III, 12. 13 = 
III, 9 — 11. 16. 17, und gerade hier vermag ich ihm nicht zu 
folgen. Der erste herausgeber müsste in der that sehr starke 
Veränderungen vorgenommen haben, wenn erst durch ihn die 
zum theil völlig im zusammenhange festsitzenden rückweisun- 
gen, durch welche die beiden capitel einverleibt sind, hineinge- 
bracht sein sollten. Dass der anfang des 14. sich nicht 
passend an das ende des 13. anschliesse, weil hier die richti- 
gen Verfassungen gar nicht genannt seien, kann ich nicht ein- 
räumen, denn wenn auch zuletzt 1284 b. 22 ff. nur die beste 
von ihnen den abarten (naQsxßdoeig) entgegengestellt wird, so 
knüpft doch diese Schlussuntersuchung des 13. cap. aufs engste 
an die unmittelbar voraufgehende erörterung, 1284 b, 3 ff., an, 
die ausdrücklich von dem gegensatz der richtigen Verfassungen 



Nr. 3. 68. Aristoteles. 131 

überhaupt gegen die abarten ausgeht. Dass ferner in cap. 12 
und 13. das meiste schon in cap. 9. — 11. ausgeführte in anderer 
form wiederholt wird, ist wahr, aber dies geschieht, um neue 
folgerungen anzureihen, wie denn Bernays selbst zugiebt, dass 
die beiden capitel „einiges eigentümliche" haben. Mich dünkt 
nun aber, dass eben dies neue und eigenthümliche unentbehr- 
lich ist für den fortgang der Untersuchung, und dass, wenn der 
allgemeine theil der Verfassungslehre schon mit dem cap. 11. 
abgeschlossen wäre, derselbe dann nicht ausreichen würde , um 
im verein mit der kritischen erörterung im 2. buche die erforder- 
lichen grundlagen für die Specialbehandlung der einzelnen Ver- 
fassungen vollständig herzugeben, die vom cap. 14. ab sich 
durch alle übrigen bücher hindurchzieht. Noch deutlicher würde 
dies hervortreten, wenn nicht vor 1284a, 3 d jene grosse 
lücke wäre, welche durch die Übertragung von 1283 b, 9 ü — 
13 aiimv an diese stelle nur zum geringsten theile ausgefüllt 
wird. Bernays erkennt nun freilich so wenig diese Versetzung 
wie jene lücke an, aber gerade er hat durch die herstellung 
der richtigen interpunction und erklärung in den Worten uuavtäv 
(dnoQoi'Gi — nlziörav), orav GVfißaiviß roXs^&sv, 1283 b, 36 ff., 
die annähme beider noch näher gelegt, als sie schon zuvor lag. 
Im übrigen s. meine abh. im Philologus XXIX, p. 97 — 117. 

Ich habe mit wissenschaftlicher Wahrhaftigkeit den ausstel- 
lungen, die ich an der arbeit des Übersetzers zu machen habe, 
offenen ausdruck geliehen, um so mehr fühle ich mich aber 
auch verpflichtet zum Schlüsse noch einmal hervorzuheben, dass 
sie trotz derselben meines erachtens die erklärung und textkri- 
tik der betreffenden aristotelischen schrift nach vielen Seiten 
hin auf das dankenswertheste gefördert hat. 

Fr. Susemihl. 

68. Quaestiones in Aristotelis librum qui inscriptus est 
7ibq\ Ttoiqnxijg. Oster -programm 1872 des gymnasiums zu 
Mühlhausen. Scr. W. Friedrich. 

Der verf. giebt bemerkungen und conjecturen zu allen ka- 
piteln der Poetik mit ausnähme von c. 2. 10. 20 — 22. 25 — 
26. Von den neueren ausgaben und bearbeitungen dieser schrift 
seit Gräfenhan nennt er die ausgäbe von Vahlen, sowie die 
abhandlungen von Susemihl im Bhein. Museum und in Fleck- 

9° 



132 68. Aristoteles. Nr. 3. 

eisens Jahrbüchern, von Spengel und Teichmüller. Dagegen 
fehlen ihm , wie es scheint , die abhandlungen von Vahlen in 
den berichten der wiener akademie 1865 f., sowie die ausgäbe 
von Ueberweg. Die besprechung sowohl der einzelnen in be- 
tracht gezogenen stellen als des Zusammenhangs von grösseren 
partieen zeigt eingehendere selbständige beherrschung des ge- 
genstands ; indessen tragen weder die conservativen noch die 
verbessernden bemerkungen den Stempel der evidenz. Man« 
ches hätte sich wohl für den verf. anders erledigt, wenn er 
Vahlens einschneidende und in so vielen puncten überzeugende 
besprechung der Poetik hätte benutzen können. Die besproch- 
nen stellen sind so ziemlich alle längst controvers. Ich führe 
aus den ersten kapiteln einige conjecturen an, die kurz wie- 
dergegeben werden können. C. 1, 1447 a, 14 rj 8i&VQtt(tßnaj 
(sc. noiTjaig) oder q dt&VQafißixäv TioCtjaig statt di&VQafjßonotrjTiit^ 
oder di&VQUfißoTiouxii (sc. iix vr i) > aDer dass hier nicht Teilt] er- 
gänzt werden sollte, liegt kein grund vor. 1447b, 28 ai (xh 
ava na. via näoiv statt a\ia aäciv, allein apu wird jedenfalls 
beibehalten werden müssen; es fragt sich nur, ob es genügt, 
um den gegensatz zu aarcc (xe'gog zu bezeichnen oder ob dieses 
auch einen besondern gegensatz braucht. C. 4, 1448 b, 13 cu- 
tiov de v. a % a tavxov statt nal tovtov. Die sonst beliebte 
änderung aal tomo ist nun allerdings nicht zu billigen , weil 
was hier als grund angegeben wird, nicht ein nebengrund, son- 
dern der hauptgrund ist; allein wesshalb das überlieferte x«! 
tovtov überhaupt aufgeben? Der lerntrieb, der hier a'ütov ist, 
ist auch noch Ursache von vielem andern. C. 5 init. hat der 
verf. richtig gesehen, dass zov ala%Qov ov iori ?6 yeXolov (iö- 
pioi', unlogisch wäre, und es ist als eine grammatische Verbes- 
serung der überlieferten lesart anzuerkennen, wenn er corri- 
girt : älX' fl tov ala^gov tan 16 yeXoiov pogiov. Zu der vielbe- 
sprochenen stelle c. 3. init., in welcher der verf. die Überliefe- 
rung stehen lassen will, möchte ref. folgenden Vorschlag ma- 
chen: massgebend für die auffassung der eintheilung ist ohne 
zweifei die stelle in Plat. Polit. 3, p. 394: demgemäss entspricht 
tj mivrag <og ngdtrovrag dem drama, i) dog jov avrov nai ///■} 
lieTctßäWovTa. der lyrik, anayyi'KXovia i) stsqov u yiytofisvov 
dem epos; aber in dem letzteren glied steckt eine untereinthei- 
lung des epos, und diese muss sprachlich erst herausgestellt 



Nr. 3. 69. 70. 71. Stobaios. 133 

werden. Zeller will: tj bzs fxsv avzbv anayyiX'kovra. bts de ete- 
qov yiyroixsvov , allein dies entfernt sich zu weit von der Über- 
lieferung. Es wird genügen, zu anayysXlovta ein uvzöv zu 
setzen, welches dem unmittelbar darauf folgenden i\ gegenüber 
so klar als gegensatz gegenübersteht, dass man nicht versucht 
ist, dieses erste ?j dem bts [iiv gegenüberzustellen. Also : [u~ 
(tua&ai stiriv bts fxsv unayyeXXovra - — avtbv rj stsgöv ti[vu] 
yiytopevov, — mansg xil. 

69. 70. Commentatio de florilegio q. d. Joannis Damasceni 
Laurentiano. I. II. Scr. C. Wachsmut h. (Vor den lections- 
verzeichnissen der Georgia Augusta für den sommer 1871 
und für den winter 1871/72) Gottingae, Dieterich. 20 und 
26 s. gr. 4. 

71. Derselbe: commentatio de Stobaei eclogis (zum pro- 
rectoratswechsel). Gottingae 1871, typis expressit officina aca- 
demica Dieterichiana. 29 s. gr. 4. 

Für die geschichte der griechischen florilegien ist von 
hervorragender Wichtigkeit eine in dem cod. Laurentianus pl. 
Vlir, 22 enthaltene Sammlung, die nach einer von Sarti für 
ßuhnken unvollständig und mit geringer Sorgfalt angefertigten 
collation zuerst von Gaisford J ) veröffentlicht und in Meineke's aus- 
gäbe von Stobaeus Florilegium IV, 147 — 246 wieder abgedruckt 
worden ist. Sarti's willkürliches verfahren hatte es verschuldet, 
dass man lange zeit die wahre beschaffenheit dieser sammlang 
und ihr verhältniss zu anderen florilegien nicht zu erkennen 
vermochte. Erst Wachsmuth hat sich nach erneuter verglei- 
chung der handschrift dieser schwierigen aufgäbe unterzogen 
und sie in einer eben so gewinnreichen wie mühevollen Unter- 
suchung aufs glücklichste gelöst. 

In den beiden an erster stelle genannten abhandlungen 
wird zunächst die handschrift beschrieben. Sie besteht aus vier 
theilen , von denen die beiden ersten eine anzahl capitel der 
parallela sacra des Joannes Damascenus, der dritte und vierte 
die in rede stehende Sammlung enthalten. Es sind dies trüm- 

1) Und zwar, was Wachsmuth nicht erwähnt, zum ersten male in 
der 1822 erschienenen ausgäbe von Stobaeus florilegium nach einer 
abschrift Wyttenbachs , dann vollständiger und correcter in der aus- 
gäbe der Eclogen 1850. 



134 71. Stobaios. Nr. 3. 

mer eines aus christlichen und profanen Sammlungen compilir- 
ten florilegiums, welches Sarti ohne grund dem Damascenus bei- 
gelegt hat, während in der handschrift selbst der Verfasser 
nicht genannt ist. Die ganze Sammlung war alphabetisch nach 
den beiden ersten buchstaben der capitelüberschriften geordnet und 
zerfiel in zwei theile, von denen der erste die buchstaben A — 
M, der zweite TV — Q umfasste. Beide theile sind in der hand- 
schrift arg verstümmelt und in umgekehrter reihenfolge über- 
liefert. Der vierte theil der handschrift enthält die ersten 44 
capitel des buchstaben A, denen das vollständige verzeichniss 
der titel von A — M vorausgeschickt ist. Dieses von Sarti au- 
sser acht gelassene verzeichniss veröffentlicht nun Wachsmuth, 
wobei er den einzelnen titeln mit grosser genauigkeit die ent- 
sprechenden bei Jo. Damascenus, Stobaeus, Maximus und An- 
tonius gegenüberstellt. Es ergiebt sich aus dem index und 
wird durch die erhaltenen capitel bestätigt , dass der compila- 
tor für die profanen abschnitte ausser Stobaeus noch Aelianus 
thiergeschichte und ein florilegium benutzt hat, aus dem auch 
Antonius und Maximus geschöpft haben. Der dritte theil des 
codex bewahrt uns von der zweiten hälfte der Sammlung alle 
capitel der buchstaben N O & und die fünf ersten von IL 
Das fehlende verzeichniss der titel reconstruirt Wachsmuth aus 
dem inhalte der Sentenzen mit hülfe der in den verwandten 
Sammlungen und bei Photius erhaltenen Überschriften. 

Dieses mühsam gewonnene material wird in der commen- 
tatio de Stöbaei eclogis für die Wiederherstellung der uns in 
höchst wirrem und lückenhaftem zustande aufbewahrten Eklo- 
gen des Stobaeus verwerthet. Nachdem im eingange gezeigt 
worden ist, dass die beiden jetzt überlieferten werke des Sto- 
baeus, die sogenannten eklogen und das florilegium , ursprüng- 
lich ein werk in vier büchern und zwei bänden bildeten, das 
die Überschrift trug: ixXoyai anoy&zynaza tJ7ro#/;xoci 2 ), wendet 
sich der Verfasser zu der handschriftlichen Überlieferung der 
eklogen und thut dar , dass die handschriften der besseren 
familien alle aus dem von ihm selbst verglichnen cod. Farne- 
sinus stammen, auf den sich daher die kritik allein stützen 



2) Ein neues zeugniss für diesen bringt Diels in den Neuen Jahrb. 
f. philol. CV (1872) p. 191 aus dem cod. Vindobonensis bei- 



Nr. 3. 71. Stobaios. 135 

darf, ausgenommen an einzelnen stellen, wo Zusätze des Pari- 
sinus, des einzigen uns bekannten Vertreters der schlechteren 
familie, aufzunehmen sind. Auch die handschrift, welche der vf. 
der laurentianischen Sammlung ausschrieb, stimmt im wesentlichen 
mit dem Farnesinus überein, hatte aber vor diesem den grossen 
vorzug, dass sie den vollständigen Stobaeus enthielt , bis auf 
eine lücke im anfange des zweiten buches , die sich in unseren 
handschriften gleichfalls findet, wie Wachsmuth scharfsinnig im 
Rhein. Mus. XXVII (1872), p. 73 ff. nachgewiesen hat. Hieraus 
ergiebt sich, dass der text, den der florentinische anonymus 
vor äugen hatte, aus demselben archetypus , wie unsere hand- 
schriften, hervorgegangen ist, und zweitens , dass dieser arche- 
typus bereits die bezeichnete, durch lösung eines blattes leicht 
zu erklärende lücke hatte. Später hat die verderbniss weiter 
um sich gegriffen; die handschrift hat zahlreiche einbussen er- 
litten und ist in zwei hälften auseinandergefallen, die nun beide 
gesondert abgeschrieben wurden. Drei blätter aus dem anfange 
des zweiten buches sind an unrechter stelle im florilegium (c. 
80 — 82) eingefügt worden. 

Im weiteren verlaufe der abhandlung stellt Wachsmuth an 
der hand des Photius die richtige reihenfolge der capitel in den 
eklogen wieder her und bestimmt genau die lücken in den hand- 
schriften des Stobaeus, die sich zum theil durch die laurentianische 
Sammlung, deren Verfasser den Stobaeus vollständig ausgeschrie- 
ben hat, ausfüllen lassen. Ergänzend treten für die physischen eklo- 
gen, ä\e ipseudoTplutavchischen placita philosopTiorum hinzu. Die sechs 
ersten capitel des zweiten buches, die durch die erwähnte lösung 
mehrerer blätter in arge Verwirrung gerathen sind, werden auf 
grund der trefflichen Untersuchung im Rhein. Mus. a. a. o c wie- 
der in die richtige Ordnung gebracht und zum theil aus Floril. 
c. 80 — 82 ergänzt. Von den verloren gegangenen 37 capiteln 
dieses buches waren die meisten in die florentinische Sammlung 
aufgenommen worden ; uns sind jedoch nur vier erhalten. Zwei 
derselben, c. 31 = sfli und c. 46 = ^11, sind mit fremd- 
artigen abschnitten verbunden, die nicht auf Stobaeus, sondern 
auf eine parallelensammlung zurückgehen, aus der ausser unserm 
anonymus auch Maximus und Antonius geschöpft haben. Diese 
Sammlung enthielt bereits heilige und profane sentenzen. Für 
die letzteren lassen sich nach Wachsmuth drei haupt - quellen 



136 71. Stobaios. Nr. 3. 

erkennen: 1) die plutarchischen apophthegmen ; 2) Democriti 
Isocratis Epicteti dicta; 3) die ursprüngliche quelle von Sto- 
baeus Florilegium 3 ). Wachsmuth giebt mehrere sichere kenn- 
zeichen an, nach denen sich die diesen parallelen entnomme- 
nen bestandtheile des Laurentianus von den aus Stobaeus stam- 
menden genau sondern lassen, und zeigt zum schluss durch 
eine tabellarische Zusammenstellung des aus den parallelen ge- 
schöpften abschnittes von Alk (p. 225, 15 — 228, 11 Mein.) 
mit den entsprechenden Sentenzen bei Maximus und Antonius, 
in welcher weise die drei compilatoren die gemeinsame quelle 
benutzt haben. 

Die ergebnisse der mit glänzendem Scharfsinn und stren- 
ger methode geführten Untersuchung sind meines erachtens im 
grossen und ganzen unanfechtbar und müssen für jede künftige 
forschung über die textesgeschichte des Stobaeus und das ge- 
genseitige verhältniss der griechischen florilegien als grundlagen 
dienen. Nur in einem punkte trage ich bedenken, dem Ver- 
fasser zuzustimmen. Wenn derselbe die behauptung aufstellt: 
der florentinische anonymus habe den ganzen Stobaeus in un- 
verstümmelter gestalt vor äugen gehabt, so hat er dies in be- 
zug auf die eklogen allerdings in bündigster weise erwiesen. 
Es fragt sich aber, ob man auch für das sogenannte florilegium des 
Stobaeus , welches Wachsmuth gänzlich ausser betracht gelassen 
hat, zu derselben annähme berechtigt ist. Die aus den physi- 
schen eklogen stammenden abschnitte enthalten alles material, 
das unsere Stobaeushandschriften in den betreffenden capiteln 
bieten, ohne irgend eine ausnähme, und wenn auch durch zahl- 
reiche zusätze erheblich vermehrt, doch stets in der gleichen 
reihenfolge. Das einzige aus den ethischen eklogen (c. 1) auf- 
bewahrte capitel schliesst sich sogar völlig an die Überlieferung 
bei Stobaeus an. Dagegen in den auf das florilegium zurück- 
gehenden abschnitten treten erhebliche Verschiedenheiten her- 
vor. Während auf der einen seite unser text des Stobaeus mehr- 
fach durch neue Sentenzen bereichert wird, zeigen sich andrer- 
seits häufige lücken, und die einzelnen Sentenzen erscheinen oft 

3) In betreff der dritten quelle wird der p. 22, 2 in aussieht ge- 
stellte beweis abzuwarten sein. Vorläufig erlaube ich mir, mit Diels 
a. a. o. p. 193 an der richtigkeit der annähme zu zweifeln, und bin 
vielmehr geneigt, den Stobaeus selbst oder einen auszug aus demsel- 
ben als quelle jener Sammlung anzusehen. 



Nr. 3. 72. Aristonikos. 137 

in ganz veränderter reihenfolge. Merkwürdigerweise stimmt 
hierin der anonymus grossentheils mit dem cod. A. des florile- 
giums überein (Gaisford s. Stob. flor. IV, p. 381 ff.), und soweit 
er in der reihenfolge von jenem abweicht, scheint dies meist 
seinen grund zu haben in dem bestreben, die Sentenzen mit 
gleichem lemma möglichst nebeneinanderzustellen. Hat viel- 
leicht der compilator einen nach diesem princip angefertigten 
auszug aus Stobaeus benutzt? Es ist hier nicht der ort, auf 
diese verwickelte frage näher einzugehen, deren lösung hof- 
fentlich Wachsmuth selbst in die hände nehmen wird. 

F. Lortzing. 

72. Aristonici ttsqi aijfisioiv 'OSvaasiag reliquiae emendatio- 
res, edidit Otto Carnuth. Lipsiae ap. S. Hirzelium 1869. 

Titel und form der widmung an Friedländer verrathen 
schon, dass der Verfasser in der anläge seines buches sich ge- 
nau Friedländers Aristonicus zum vorbilde genommen hat. So- 
mit gilt auch hierfür wesentlich dasselbe , was Sengebusch in 
seiner recension von Friedländers Aristonicus (Jahrb. für Philol. 
1856, p. 763) über diesen gesagt hat. Der Verfasser hat eben- 
sowenig wie Friedländer auf andre quellen als die scholien 
rücksicht genommen. Es trifft also den titel seines buches : 
Aristonici . . . reliquiae emendatiores derselbe tadel wie den des 
Friedländerschen : sie bieten nur einen wenngleich grösseren theil 
der erhaltenen fragmente des Aristonicus , der titel ist somit 
im verhältniss zu dem gebotenen ein zu weit gehender. Er 
müsste entweder auf die aus den Homerscholien zu eruirenden 
reliquiae des Aristonicus beschränkt oder durch hinzuziehung 
der lexicographen und der andern quellen, in denen Aristonici- 
sches eigenthum aufbewahrt ist, möglichste Vollständigkeit ange- 
strebt werden. So ist die arbeit, so verdienstlich sie an sich 
ist, doch nur als ein beitrag zu einer künftigen Sammlung al- 
ler fragmente des Aristonicus anzusehen. Dass Carnuth sich 
dieses mangels bewusst ist, zeigt gleich seine schrift über das 
Etym. Magnum (s. unt. nr. 73) , aus der wir sehen, wie viele 
ausbeute sich allein noch aus den lexicographen gewinnen lässt. 
So wird an vielen stellen, z. b. 8 419 (v. de Et. M. fontibus 
p. 13), bei denen keine notiz erhalten ist, mit Sicherheit die frü- 
here existenz einer solchen erwiesen. 



138 72. Aristonikos. Nr. 3. 

Dagegen ist andererseits der grosse fleiss und die aufmerksam- 
keit anzuerkennen , mit der Carnuth die stellen angezeigt hat, 
zu denen heute keine bemerkungen des Aristonicus in den 
scholien stehen , wo aber eine vergleichung anderer ähnlicher 
stellen, sei es der Ilias , sei es der Odyssee das frühere Vor- 
handensein solcher bemerkungen theils sicher, theils mit höch- 
ster Wahrscheinlichkeit erweist. Dass absolute Vollständigkeit 
und genauigkeit hier wie in vielen andern dingen schwer zu 
erreichen ist , leuchtet ein. So wäre unter nicht wenigen an- 
dern bei cö 473 wegen des asteriscus auf a 45 zu verweisen 
gewesen, an welcher stelle allerdings Carnuth auf den genann- 
ten v. cö 473 aufmerksam gemacht hatte. So war zu dvri&sov 
TloXvrfitjfxov a 70 auf die bemerkung a 21 hinzuweisen , denn 
hier scheint grade die bemerkung tj dtnXy oricLvrideog ov% 6 totg 
■&€oig ivavTtoi^isvog , d\\' 6 avtl tov ftsov oü»>, 6 lao&sog darauf 
hinzudeuten, dass auch eine stelle vorkommt , an der uvtt&tog 
soviel als o voTg &eoig ivavriovfisvog ist, und das ist grade die 
stelle, an der Polyphemos dvri&sog genannt wird, der zum 
Odysseus sagt : 

vrjnitg eig, 
og pis ftsovg xeXsai \ ösidi/isv t] dliaa&ai' 
ov yuQ Kvxlwnsg /jtog aiyioftov ttltyovGiv, 
ovös Osmv [ActxnQwr. ineit) nolv cpfQTEQoi eiftsv. 
Aus diesem gründe scheint mir das schol. « 70 dvzi&sov vvv 
top ivavTiovuevov &sn7g , tov daeßtj, aus -einer nicht zu verach- 
tenden quelle nämlich eben aus unserm Aristonicus zu stam- 
men. Für diese meine ansieht spricht auch Etym. M. 111 27, 
eine stelle, die Carnuth in seiner weiter unten gleich zu be- 
sprechenden schrift de Etym. Magni fontib. p. 24, nr. 21 zu 
avr) . . . taut pari loco esse aus Etym. M. beibringt und auch 
dem Aristonicus vindicirt. — Ferner stand jedenfalls bei « 246 
der asteriscus im hinblick auf die übereinstimmenden verse 1 130 — 
133, die dort athetirt werden (also mit dem aster. c. obelo be- 
zeichnet waren): dasselbe gilt zu i 24. Ebenso war für »29 
und ip 303 welche mit einander übereinstimmen, wohl der aste- 
riscus anzusetzen. Auf diese letzten verse werden wir übri- 
gens bei der andern schrift Carnuths auch zurückkommen. 

Zu a 3 wäre die erwähnuug von Sengebuschs unrichtiger 
annähme, das Zenodot voov eyna geschrieben habe, nicht mehr 



Nr. 3. 72. Aristonikos. 139 

nöthig gewesen, nachdem dieser gelehrte seinen irrthum, wenn 
anders er bei dem stände des damals vorhandenen materials 
ein irrthum zu nennen ist, bereits im jähr 1856 in der recen- 
sion von Friedländers Aristonicus in Fleckeisens Jahrb. LXXIII, 
p. 770 verbessert hat. Nicht übergehen darf ich, dass Carnuth mit 
recht mit Dindorf das bisher zu a 35 mg xal rvv gezogene scho- 
lion, wonach das xai überflüssig sein soll, s. Friedl. Ar. p. 34, 
auf 33 ol 8s xul avzol bezieht ; dazu gehört aber jedenfalls 
gleich die darauf folgende notiz : ib 8s unso ungor (34), ol avv- 
&S70i>, [a/UL'l ärr\ rov vnio ib nenocopsior. — Auf « 320 ge- 
denke ich nachher bei Carnuth de Etym. M. fontibus noch zu- 
rück zu kommen. 

Zu ß 16 og 8>) yt'jQui xvcpog sijv hatte Aristarch wohl je- 
denfalls eine anmerkung gemacht, die Aristonicus schwerlich 
übergangen haben wird, und wenngleich jetzt in den schoben 
nichts mehr darauf hinweist, so können wir doch den inhalt 
dieser anmerkung erschliessen. Wenn nämlich zu 541 dixprj 
xciQXahsoi das scholion heisst : i\ 8inVr\ ort mäatg tiXlaxtai, xal 
oii naoehou r\ vnb mjöxfsaig aiTt iov vnb 8i\p?]g d. h. wenn 
Aristarch bei adiectiven wie -/.aQ^alsog die diese eigenschaft be- 
wirkende Ursache im genetiv mit der präposition vnb verbunden 
bezeichnet wissen will und den dativ als eine eigenthümlichkeit 
Homers erkennt, so wird unsre stelle sicherlich mit zu denen 
gehören, wo dieser fall verzeichnet war, zumal das auf Hero- 
dian zurückgehende scholion zu N 29 : yri&oavvrj: . . . . 1v 
y 70 dxoÄovüov toiovzov , t[] %aQ?(. y öakctGcsa Sitarazo, Iva aai 
s&st 0[itjoty.ä> SoTixi) urzi ysnxijg TiaQSihijfifa-vi] vtzÜq'/oi, vnb %a- 
güg ?) &üXaaaa 8iigtuto , öfioicog zco og 8rj ytjoui' nvq>bg sr\v 
welches doch in dieser beziehung höchst wahrscheinlich auch auf 
Aristarch fusst, dieselbe als unter dieselbe categorie fallend be- 
zeichnet. Hierbei ist es gleichgültig , ob Aristarch mit recht 
oder unrecht den dativ instrumenti bei passiven und bei adjecti- 
ven mit shai verbunden nicht anerkennt; dass er ihn indess bei 
activen verbis gelten lässt und nicht als für den genetiv mit 
vnb stehend bezeichnet, ist gewiss und demgemäss scheint mir 
eine bemerkung Friedländers in seinem Aristonicus p. 21. 22 nicht 
völlig richtig zu sein. Folgende stellen nämlich: Z 331 fit] zä^a 
aarv nvQog ötjtoio OiQtjtai, A 667 eis o xs 8/j rrjsg .... nv- 
Qog dqtoio dsueovzai und II 81 /*/) 8r t nvobg ul&onivoio Ntjag 



140 72. Aristonikos. Nr. 3. 

ii>i7ZQrjao30iv, hatte Aristarch nach den scholien wegen auslassung 
der präposition vno notirt, während zu 7 242 avzdg t tfing^- 
asiv ixalsQov nvgog das scholion lautet: arjfi£iovv7a.t ztvsg ort 
avti 7ov [iocXegw nvgi. Hierzu bemerkt Friedländer: aut igitur 
AristarcTius inter duas explicandi rationes optionem fecit, quarum 
his locis (nämlich an jenen drei zuerst von mir angeführten) 
unam, illo (d. h. an der von mir zuletzt gestellten I, 242) al- 
ter am epitomator excerpsit aut signum ad I, 242 appictum a disci- 
pulis non prorsus ex mente praeceptoris explicatum est. Zunächst 
ist das zuletzt genannte scholion nicht vollständig, es hat vor- 
her noch die bemerkung: ?) 8in\ri oti 'dgiazagyog iftnXtja'sir, so- 
mit wäre an jenen drei stellen übereinstimmend von Aristarch 
der genetiv als für den dativ stehend angenommen , während 
die letzte gar nicht mehr in betracht kommt. Nun fragt es 
sich aber, wer sind die Tiveg, die hier dem Aristarch entgegen- 
gesetzt werden. Sind es überhaupt schüler des Aristarch und 
glauben sie sich mit ihrem meister in Übereinstimmung, so kann 
jenes 'AginraQ^og verschrieben sein für irgend einen andern 
herausgeber des Homer, oder aber, es lagen dem Aristonicus 
und jenen andern Aristarcheern zwei verschiedene recensionen 
des Aristarch vor; in diesem fall hat also die erklärung ozi 
avzl jov (iaXsQÖi) nvg\ auch eine gewisse berechtigung als ari- 
starchisch zu gelten , und nun würden allerdings jene drei er- 
klärungen gegen diese eine stehen. Sehen wir uns aber die 
erklärten stellen genauer an, so stimmt die letzte jener drei 
mit unsrer in der weise zusammen , dass beide das verbum ac- 
tivum haben, jene zwei andern aber das passivum , und nun 
dürfte, da Aristarch den dativ zur bezeichnuug des mittels an- 
erkennt, (ich habe wenigstens keine einzige stelle in den scho- 
lien gefunden, in der bei einem dativ, der die bewegende, ver- 
anlassende, bewirkende sache bei einem activum bezeichnete, 
eine hierauf bezügliche note gemacht wäre), eher die erklärung 
zu 77 81 als eine durch irrthum veränderte zu bezeichnen sein 
und ozt dvz\ rov nvgl al&opsvop zu schreiben sein für ozi q vno 
ngöüsaig iXXsCnet, vno nvgog. 

Wenn Carnuth e 130, p. 58, not. 3 zu negi zgöniog ßs- 
ßaäza], ozi yevixrj dvzl 8o7t^7jg, avti zov nsgißsßqxoza zy rgo- 
ni8i bemerkt: fluxit fortasse ex Aristonico , so können wir uns 
damit wohl einverstanden erklären; wenn er sich dabei aber 



Nr.. 3. 72. Aristonikos. 141 

auf Friedl. Arist. p. 21 beruft, so ist ihm entgangen, dass dort 
nur I 242, und, wenn unsre annähme oben richtig i3t, auch 
noch II 81, eine vertauschung des genetiv mit dem dativ statui- 
ren ; da nun dieser durch den genetiv ersetzte dativ an beiden 
stellen ein dativ instrumenti ist, so passt unsre stelle durchaus 
nicht zu denselben und kann also aus ihnen kein beweis für 
die abstammung von Aristarch abgeleitet werden. 

Zu £ 33 ocpQU täyiöta lvtvv£ai\ dvti vnoTay.tiy.ov tov iv- 
tvvnai, mg xa) snl tov „inei ctg ysv afisi^pstai eoxog b8övtmv u 
v.ai „ocfQa xal dXXog nzm%bg aXavstai rjnsQonsvsiv ll } bemerkt 
Carnuth : verba non sunt Aristonici , nam numquam Ms modorum 
nominibus: 0QtG7imj htX. usus est . . . sed observationern, Aristarchi 
esse puto. Unzweifelhaft hatte wohl Aristarch hier eine derar- 
tige bemerkung gemacht, und sie mochte etwa gelautet haben 
wie die zu £ 259, auf die auch Carnuth verweist, aber dass diese 
bemerkung, wie sie hier zu £ 33 angeführt steht, ihren Ursprung 
auf Aristarch zurückführen könnte, glaube ich kaum ; denn da 
die scholien, die auf ihn zurückweisen, an allen ähnlichen stel- 
len weder die namen der modi haben, noch beispiele andrer 
solcher verse (wie wir hier zwei haben) anführen , andrerseits 
aber die betreffenden formen constant durch ein avvsataXtai 
oder GvveGTuXfihov erklären, so scheint mir das ganze scholion 
auf einen andern Ursprung hinzuweisen, nämlich auf Herodian, 
wozu auch noch der umstand kommt, dass in dem theile des 
scholion zu A 192 , den Friedländer mit recht dem Herodian 
zuweist: äXstai\ tovtov tolvvv vnotav.tiv.ov aX^rai mg Xdßtjtai' 
avötoXr/ ovv iysvtto ?/ (xetaßoXrj iyxXlasag , ofxoimg zw ^snst äg 
ttev xtä" eben diese zwei stellen (/ 409 und £ 400), die in un- 
serm fraglichen scholion stehen, auch citirt werden. Ist dies 
zugegeben, so ist auch bei £ 400 die Verweisung auf £ 33 nicht 
mehr zutreffend. 

Zu x 238 ist die dinXr t wegen ntnXrjyvla = nXrjGaovaa 
richtig ergänzt mit hinweisung auf O 730, wo die stelle im 
scholion mit angeführt wird. Es konnte auch auf B 264 ver- 
wiesen werden, wo dieselbe bemerkung gemacht ist; auch war 
wohl der asteriscus zu notiren, vgl. 237. 38 mit 318. 19. Ebenso 
wird wohl zu o 335 zu nexonrng eine bemerkung vorhanden 
gewesen sein, vrgl. TV" 60. Bei fi 341 nävxig \nh atvysQol &d- 



142 72. Aristonikos. Nr. 3. 

vazoi oeiXoTai ßoozoi<7iv ist nachzutragen: Fuit diple propter 8si- 
Xoiai ßyozolaiv avrt rov deiXaCoig, cf. ad X 31. 

Zu #165 hat Carnuth das Etym. Maguum zwar herangezo- 
gen, indessen bedurfte die stelle damals noch der emendation, 
die Kayser in seiner recension von Carnuth's buche in den 
Heidelb. Jahrb. 1870, stück 28, p. 435 geboten und die Car- 
nuth in de Etym. Magn. fontib. p. 5, nr. 4 aufgenommen hat. 
Darnach muss der satz des Etymologicum folgendermassen ge- 
lesen werden: dtdtjXog 6 oXoOgsvTixog ij oXi&qov aJjfOs 1 . 'Agi- 
arovixog 8' ouSijXov Xiysi rov dStjXonoiov, dass oXe&gov d^iog 
hier richtig emendirt ist, kann der noch jetzt erhaltene rest in 
scholion i 165 zeigen: diSijXog oXe&gov u^iog. Vergleichen 
wir nun aber auch die zu n 29 erhaltene notiz: d'idtjXop Sfii- 
%ov, rov dÖTjXonotov xa\ nävza y&tigovra, so scheint es, dass wir, 
um die notiz des Aristonicus so vollständig, als es jetzt mög- 
lich ist, festzustellen, auch die letzten worte xcu nävza (p&ei- 
govza nicht weglassen dürfen. Endlich wäre vielleicht zu ty 
303 wegen n 29 der ausfall des asteriscus zu notiren gewesen. 
g 23 alt ix' inst xs nvgog öegta dXst] rs yivijzai, ist je- 
denfalls Xsinsi %o 8id, diu nvgog mit Verweisung auf Eriedl. 
Ar. 26 fälschlich auf Aristonicus zurückgeführt. Es ist eine 
unverständige anmerkung irgend eines spätem. Die stellen, 
die Friedländer a. a. o. für die elleipsis der präposition diu. 
beim genetiv anführt, sind sämmtlich andrer natur : man beachte 
nur E 222 dimxeiv ne8ioio = 106 — Z 2 i'&vas nsSt'oio — 
38 atv^n/xei'Oi = 2 1 — 507 xgoatvoov — K 353 sXxsf/isvat 
— JV 820 o'iaovai — 3 147 insaav^Evog — <Z> 247 iji'^sv ns8. 
ntrec&ai — .X23 Ot'tjai riraiv6/.isvog ns8loto — >- ^P" 364 wx« Sis- 
ngtjOöov — 372 inirovro nedioio — 518 eXx?]ßiv neSioto rirauö^e- 
vog — 521 ntSioio dsovzog. — Alle diese fälle betreffen sämmt- 
lich verben der bewegung und hier konnte zum genetiv 8icc 
supplirt werden, während an unsrer stelle Aristarch und mit 
ihm Aristonicus wohl nur eine enallage casuum angenommen 
haben wird. 

er. 8 6g . . V8va7ja Sicoxtzo o'to dofiolo. Hier haben die 
scholien oiäxtro, iSCcoxsv Vulg. naftijrixdv dvri rov ivegytjrixov 
B, woraus wohl jedenfalls für den Aristonicus herzustellen ist: 
ij öiTiXfj bzi naO?jtixop dvri rov tvegytjrtxov , Sicöxezo ävr\ rov 
idimxsv. 



Nr. 3. 73. Aristonikos. 143 

Zum Schlüsse möge noch eine bemerkung zu dem soge- 
nannten c>xy t ua ^Ißvxsiov gestattet seiu. Dasselbe wird an zwei 
stellen der Ilias erwähnt E 6 aapqialtijöi' t) dinitj oti uvtI zov 
nafiqiuivrj' nXsot'ä^ti 6s "Ißvxog tco toiovtoj, und X 23 r t dinXij 
oti, &e>]6it> uvtI zov &?)]• nXsovdt,zi de z%, toiovtco a^tj(xaji "Jßv- 
xog, womit zu vergleichen Herodian n. a^W- P- 60, 24 Dindf. 
(ich kann die stelle nur nach Bergk, Poet. lyr. II. aufl. citiren, 
da mir andre hülfsmittel nicht zu geböte stehen): Gfl\\Ka 'Ifivxsiov 
xal Xe^ecog xai GvvTÜ^scog effttv ' yivszai 8s sr roig vnoTaxTixolg 
TQiTOig TTQoawnotg täv q^^utcov xata nooa&saiv ztjg avXXaßrjg' 
xaXslrai 8s '/ßvxsiov, ol% oti "Ißvxog ngmiog i^gj^aaro' dsdstxzai 
yug xal nag' O^^gcp ttüÖtsqov. äXX snsi noXv xal xazaxogsg 
naq ahrm. Sollte nun Aristarch und nach ihm Aristonicus 
nur an jenen zwei stellen auf dieses 6%>j[xa aufmerksam gemacht 
haben ? gewiss nicht. Es ist also an vielen stellen verloren 
gegangen. Nun wäre allerdings eine fortwährend wiederholte 
andeutung dieser notiz an den unzähligen stellen, an denen sie 
möglicherweise gestanden haben konnte, kaum weder zu erwar- 
ten noch zu billigen ; aber ich glaube, dass eine Sammlung der 
fragmente des Aristonicus entweder an der ersten stelle wo die 
dtnXi] wegen dieses tf/J^a rechtmässig hingehörte , dasselbe zu 
erwähnen hätte, also hier zu a 77 sX&tjgi oder schon in Friedl. 
Ar. zu A 129, oder es wäre in einer einleitenden abhandlung 
neben andern derartigen punkten an passender stelle dieser be- 
merkung erwähnung zu thun und dazu vielleicht ein paar stel- 
len, auf die Aristarch sie vermuthlich bezogen hatte, anzufüh- 
ren gewesen. 

G. ScJwemann. 



73. De Etymologici Magni fontibus scripsit Otto Car- 
nuth. Berol. sumptib. fratrum Borntraeger (E. Eggers) 1873. 
Diese prima pars, quomodo Etymologus Aristonici librum nsol 
'/4gi6TKoyov Gr^sioiv 0[a/jqov in suuni transtulerit , ergänzt zu ei- 
nem theile wenigstens die Reliquiae Aristonici, indem sie die nächst 
den scholien vielleicht wichtigste quelle für die restitution des Ari- 
stonicus der weiteren verwerthung eröffnet. Den anfang machen 
die fünf stellen, an denen Aristonicus namentlich genannt ist, ihnen 
reihen sich zwei stellen an, die wie eine vergleichung mit demEt. 



144 73. Aristonikos. Nr. 3. 

Gudianum zeigt, den v7zo[xvtjftaza des Aristonikus zuzustellen sind. 
Unter II folgen dann die stellen, in denen aus vergleichung mit 
den scholien bezw. Friedl. Ar. reliquiae die autorschaft des 
Aristonikos ersichtlich ist (es sind 15 au der zahl). An fünfzig 
stellen (unter III) sind die notizen des Aristonicus mit denen 
andrer gewährsmänner zusammengewürfelt worden, aber doch 
durch sorgfältige vergleichung mit dem sichergestellten eigen- 
thum desselben herauszuschälen. Unter nr. IV folgen dann 88 
stellen, in denen — bei weitem der schwierigste theil der gan- 
zen Untersuchung — dem inhalte nach aristarchische lehre enthal- 
ten ist, die wohl der Vermittlung des Aristonicus ihre aufnähme 
in das Etym. M. verdanken. Den schluss (V) machen fünf noti- 
zen des Etymologicum, die von diesem ausdrücklich dem Ari- 
starch zugeschrieben werden, aber wie Carnutb meint wohl 
ebenfalls durch das medium des Aristonicus tzsqI oqpeimv hin- 
eingekommen sind. Sie haben in den scholien keine stützen- 
den parallelen und müssen für sich selbst reden. 

Ueber das wort avönuia (zu p. 4, I no 1) finde ich viel- 
leicht später einmal zu einer bemerkung gelegenheit. Jetzt 
muss ich mich auf folgende punkte beschränken. 

P. 5, no. 5 Etym. M. 622, 39 ist mit recht IlioXsfiniog 
6 ' Aöxaloaviztjg für Ilzolsfxaiog *ai ' Aqiötopixos hergestellt. 

Auf p. 6, no. 1 : Etym. M. 541 , 2 agoxog naga ro iv 
XQVtPV $X flt ' T k v noQziat'i o sau t?jv ctvfyöiv , oiov üQvxiög rig 
cor, hat Sylburg mit recht xQvöxtog für XQvxiog geschrieben un- 
ier hinweis auf Etym. Magn. 439, 48 und Et. Gudianum, aber 
es ist übersehen worden, dass nach demselben Et. Gud. 348, 
18 sowie nach dem ganzen inhalt der notiz , auch xgvet für 
xgvcpy herzustellen ist. 

P. 11. III, no 3 Etym. M. 7, 35 ist vielleicht durch ei- 
nen irrthum nicht dem Wortlaute nach angeführt. Sodann aber 
scheint mir, dass nicht Ar. ad d, 384 damit zu vergleichen war, 
sondern das scholion A 140, mit dem die notiz des Et. Magnum 
in einer weise übereinstimmt, die einen zwoifel an einem zu- 
sammenhange beider nicht übrig lässt. Ich stelle hier beide 
neben einander : 

Et. M. 7, 35: , Schob A. B. D. ad A 140: 

A]Ytkii\v. Slo aijiAaitei I «»'7t tov ug ngsaßetav dvo 8s 



Nr. 3. 73. Aristonikos. 145 



atjfiaCvei t) Xi"E,tg naqa. rep 
7T0ii]7f n 70 uyyEX/xa tag iv reo 

uyysXCqv [o 313] htX. 
xai top uyyeXov i'/toi top 
fZQsoßvf oög ivTavda 



1] Xt'fyg 7TUQU TM 770(tJTrj 7f)v 7IQE6- 

ßeiar, a>g sv toj 

ayyiXt-qv einot/Jt [o 313] v.tX. 
hui top üyysXop tjtoi riQtoßvv cog 
ipTuv&a 

ayyi-litjv iX&opra [A 140] 

Also stimmen beide genau mit einander überein und zeigt 
auch das iv.Tav&a im Etym. Magnum, dass es einer anmerkung 
grade zu der stelle A 140 entnommen ist. 

Wie weit nun diese bemerkung auf Aristarch und somit 
auch auf Aristonicus zurückgeführt werden kann, lasse ich un- 
erörtert; jedenfalls aber ist klar, dass wenn Friedländer und 
Carnuth im genannten scholion nicht aristarchisches fanden, sol- 
ches ebensowenig in der notiz des Et. Magnum enthalten ist. 
Andrerseits konnte ja die vollständigere notiz, wie sie uns hier 
in zwiefacher Überlieferung vorliegt, auf Aristarch- Aristonicus 
zurückgehen , und die scholien zu A 384 sowie r 206 haben 
uns nur die speziell für ihren fall passende erklärung ät>u tov 
äyyslov erhalten , indem die andre dyysXii] = nQsoßsia als die 
gewöhnlichere nicht erst erwähnt zu werden brauchte. 

Aus Et. Magn. 158, 29 unter no 9, p. 13 konnte ein 
scholion der Uias dem Aristonicus vindicirt werden, das bisher 
noch bei Friedläoder fehlt. Die erklärung des Et. Magnum djxtTa- 
xivr^Kig bezieht sich nur auf das unmittelbar vorhergehende 
adverb uoTSftyt'ojg ; im verfolg aber erhalten wir erst die erklä- 
rung des adjeetivs äazt^cpijg, welches sich in der als beispiel 
dort gleich zu anfang angeführten stelle d.XX' aaTEfiqEQ eiegxep 
findet, nämlich doTffiqEg 70 a\xEcay.lviq70P ?j ß e ßa top , und ver- 
gleichen wir hiermit Schob Ven. B 344 äo7£fiqisa ävu tov 
äfi£7uy.irr]Tov, ßsß alav , so scheint es mir unzweifelhaft dass 
auch das scholion aus derselben quelle stammt, aus der das zu 
r 219 geflossen ist. Allgemein können wir nun noch bemer- 
ken, dass die unter IV und V gesammelten stellen des Et. 
Magnum dem inhalte nach zwar genügend mit den angezogenen 
aristonieeischen scholien übereinstimmen, dem Wortlaute nach 
dagegen so wenig , dass wir nur berechtigt sind aristarchische 
lehre in ihnen wieder zu erkennen, keineswegs aber Aristonicus 
sicher steht als vermittler dieser ari6tarchischen lehren. 

Philol. Anz. VI. 10 



146 74. D. Iud. Iuveualis. Nr. 3. 

Fassen wir jetzt das resultat beider Schriften (nr. 72 und 
73) zusammen, so ist von Carnutk einerseits ein anfang gemacht 
und ein sicherer grund für eine möglichst vollständige Samm- 
lung der Überbleibsel des Aristonicus gelegt, und andrerseits 
ein tüchtiger beitrag zur analyse der quellen des Et. Magnum 
geliefert. Dass ihm dabei einzelnes, wie wir gezeigt, entgan- 
gen ist, kann niemand wunder nehmen, der die Schwierigkeit 
dieser aufgäbe kennt ; und es ist ja in der that nur eine ge- 
ringe nachlese, die er uns übrig gelassen hat. 

An druckfehlern sind uns in nr. 73 nur aufgestossen p. 23, 
z. 17 v. u. nnoodeCg für nuodtlg und p. 24, z. 13 v. u. i'acog für 
i'aog. In den rell. Aristonici (nr. 71) sind einige mehr stehen ge- 
blieben, von denen indessen Kayser a. a. o. p. 436 die störend- 
sten schon angemerkt hat; andre, wie abgefallene accente (zu x. 
41) und geringere (zu ß 156 ici für ibi — zu 8 634. Friedl. 
Ar. 1. 23 für p. 23) werden niemanden wesentlich stören. 

Georg Schömann. 

74. A. Schölte, dissertatio literaiia continens observationes 
criticas in saturas D Iunii Iuveualis. 8. Traiecti ad ßbenum 
1873. 114 ss. 

Der Verfasser dieser Leydeuer doctordissertation bekennt 
sich im vorwort als schüler van Herwerdens und er steht auch 
auf demselben boden der kritischen methode wie sein meister, s. 
Anz. I, p. 9 : vgl. p. 247. Er durchgeht satire nach satire; was ihm 
auffällt, wird besprochen, sei es eine erkläruug mitgetheilt, sei 
es eine Verbesserung vorgeschlagen oder zurückgewiesen ; ein- 
zig die XII. satire geht leer aus. Beiträge zur erklärung be- 
gegnen nur sporadisch, zum theil gelungene, z. b. I, 21 si vacat 
als formel nachgewiesen, 135 vorabit das fut. gegen Heinrich 
richtig aufgefasst, IV, 93 zu solstitia Cic. nat. deor. IT, 19 bei- 
gezogen, XIII, 61 gegen Eibbeck die hier passende bedeutuug 
von follis durch belege sicher gestellt — , theils ungenügende 
wie I, 55 f., oder verfehlte, z. b. I, 108 Setzung des fragezei- 
chens nach oves , des punkts nach Licinis, II, 71 ntultis im ei- 
gentlichen sinne gebraucht, X, 20 contum als schifferstecken ge- 
deutet, u. a. m. ; bezeichnend für das verfahren des vf. ist 
aber die bemerkuug zu X, 102: Ulubris — ab Horatio (Epist. 
I. 11, 30) altera Indus vocis syllaba corripitur ! In derselben 



Nr. 3. 74. D. Iun. Iuvenalis. 147 

desultori scheu weise werden die kritischen bemerkungen 
gegeben , welche die grosse mehrzahl bilden : der verf. kennt 
den kritischen apparat in der ausgäbe von 0. Jahn (1851) • 
aber er scheint nicht zu wissen dass die grundlage des textes 
bei demselben der Pithoeanus ist, und ignorirt die abhandlun- 
gen C. Fr. Hermann's, obwohl er Häckermann's schrift über 
den Pithoeanus mehrfach benutzt und citirt; so huldigt er ei- 
nem unmethodischen eclecticismus , indem er bald mit Häcker- 
mann die vulgate vorzieht, bald mit Jahn und dem Pithoeanus 
geht. Hätte er Stellung zur handschriftenfrage genommen, so 
würde er Schreibungen wie I, 3 cantaverit, 58 spectare, 148 cu- 
pient facientque u. a. m. gar nicht der erwähnung werth halten, 
würde nicht V, 80 distendat vorziehen mit dem beisatz : nam 
vulgata multo gravior est, X, 263 quo iam empfehlen als lectio 
multo elegaiitior: maior enim vis inest in aiendo quam in negando, 
oder würde nicht zur empfeklung der lesart parvam Vlll, 33 
sich begnügen mit dem ihm geläufigen satz : iure, opinor, Jahnius 
scribit parvam pro vulgata lectione pravam, ohne jene als eine 
der vielen einzig durch P richtig überlieferten lesarten zu be- 
zeichnen. 

So kommt es, dass vf. auch eine grosse anzahl von con- 
jecturen älterer kritiker, welche er übrigens nur aus Jahns aus- 
gäbe zu kennen scheint, einer besprechung oder Widerlegung wür- 
digt, während über ihre unhaltbarkeit kein zweifei besteht; oder 
glaubt mit emendationen sich einverstanden erklären zu müssen, 
die evident sind und duich den beisaiz summo iure u. dgl. nicht 
evidenter werden; selten, dass annehmbaren vorschlagen, wel- 
che anfechtuug oder Zurücksetzung erlitten haben, durch anfüh- 
rung von gründen Unterstützung zu theil wird, z. b. VI, 188 
zu streichen gegenüber Heinrichs rettungsversuch, 248 mit Lip- 
sius rudibus zu schreiben, was jetzt auch Weidner aufgenommen, 
X, 92 angusta (gegen P mit p) nach Arntzenius zu lesen, was 
von den neueren einzig C. Fr. Hermann billigt, dessen aus- 
gäbe freilich der verf. nicht kennt. Freilich müssen die bishe- 
rigen herausgeber ihren Schriftsteller recht oberflächlich tractirt 
haben, dass sie dem vf. so viele stellen zur Verbesserung übrig 
gelassen haben: es sind 77 stellen, wo derselbe die überlieferte 
lesart verwirft, 60 wo er durch änderung in Wörtern, 17 wo 
er durch athetesen die Verderbnisse zu heilen sucht ; dazu kora- 

10* 



148 74. D. Iun. luvenalis. Nr. 3. 

men noch fünf emendationsversuche Herwerdens. Dieses ergeb- 
niss wird nur dadurch möglich , dass die eine Seite der philo- 
logischen bebandluug der schriftsteiler ungebührlich vernachläs- 
sigt ist: die genaue und sorgfältige Interpretation; es ist als 
ob der vf. den überlieferten text als das Übungsphantom an- 
sähe, an welchem vermittelst der conjecturalkritik herumgeschnit- 
ten und geflickt werde. Diese behandlungsweise kennzeichnet 
am besten die besprechung von II, 34 f., wo des Scriverius' 
vermuthung victos condemnant verworfen und gesagt wird : si 
quid mutandum esset, legerem potius conte merant; nachdem diese 
Schreibung mit gründen empfohlen ist, heisst es weiter: sed 
quamvis , hoc verbo recepto, poeta in eodem simili maueret , tarnen 
quia ita anticlimax oreretur, nihil mutare ausim; ähnlich VIII, 85: 
nachdem andrer vorschlage statt certum zurückgewiesen sind, 
lesen wir: si quid mutandum est, maluerim noctu, cf. VI, 302; 
X, 235 temporis significatione opus esse videtur\ ebenso begegnet 
öfter der satz : mallem scriptum esset, um irgend einen einfall zu 
empfehlen, oder bei athetesen : sine damno abesse poterat! So 
kann es nicht fehlen dass die grosse masse der conjecturen ge- 
radezu verfehlt ist. Dieses urtheil wird am besten dadurch be- 
gründet, dass zum beleg dergleichen aus sat. III und XIII auf- 
geführt werden: 13 coluntur statt locantur , 90 augustam statt 
angustam, 102 et dolet statt nee dolet, 187 Lyciis statt libis, 200 
gestrichen; XIII, 28 nulla aetas statt nunc aetas, 29 induit oder 
indidit statt invenit, 41 cirratus statt privatus , 65 rimantis i. e. 
arantis statt mirantis der vulgate, während P mirandis hat, 71 in- 
terversa statt intereepta, 93 aurato oder aerato statt irato, 213 
mulsum statt melius; das stärkste ist wohl geleistet V, 144 f., 
wo der vf. lesen will : miniosque equulos axemque rotatum ac then- 
sam. Anderswo sind die vermuthungen doch wenigstens der art, 
dass Iuvenal so geschrieben haben könnte, aber durchaus unnö- 
thig, wie Streichung von I, 85 und 86 und ecquando ib. 87 statt et 
quando, II, 106 fucare cutem statt curare cutem, IV, 87 nebuloso 
statt nimboso, 124 pugnos statt 2 m 9 na s, VII, 224 solet statt docet. 
Es wäre aber seltsam, wenn unter so viel spreu nicht auch 
einige gute körner sich fänden: so streicht der vf. VII, 192 
und trifft hierin mit Jahn (1868) zusammen , welchen er nicht 
kennt, was auch aus der bemerkung zu XIII, 49 hervorgeht; 
ferner denkt er VIII, 199 an ludius statt ludus, was auch Weid- 



Nr. 3. 75. Sallustius. 149 

ner vorschlägt:, aber zieht dann mit unrecht nudus vor: evident 
erscheint die Verbesserung VIII, 110 lari i. e. aedibus statt la- 
res, und VI, 176 Latonä als ablativ der vergleichung statt La- 
totiae, vgl. Ov. Met. VI, 170 ff. Andere vorschlage sind, wenn 
sie auch nicht anspruch auf evidenz erheben können, doch an- 
nehmbar, oder wenigstens bemerkenswerth : II, 130 nee cetram 
statt terram, was übrigens einst C. Fr. Hermann im Rh. Mus. 
IV, 581 vorgeschlagen hatte, aber nachher aufgab, III, 210 nidum 
statt nudum, 212 Assaraci statt Asturici, VI, 12 rupe aut robore statt 
rupto robore, 107 vultus, wofür noch die stelle VIII, 205 beigebracht 
werden konnte, statt des sicher ungehörigen sicut, VIII, 239 
ex omni mente statt et in omni monte oder ponte, X, 233 qua statt 
quae, endlich ebenda Streichung von 41. 42, VI von vers 138, 
welcher indess eher eine andere weniger gelungene fassung des 
im v. 139 ausgedrückten gedankens zu sein scheint als eine 
interpolation ; VII, 197 f. möchte ich mich mit der athetese von 
197 begnügen, während der vf. auch 198 entfernt. Aus der 
zahl der zu dem scholiasten gegebenen Verbesserungen sind er- 
wahnenswerth : III, 317 mulio redae , IV, 89 voluntatibus Ne- 
ronis, VIII, 96 si damnat eum iudex, XIV, 305 in vicis. Wenn 
aber der vf. es der mühe werth hielt den scholiasten zu verbes- 
sern, so durfte er Eibbeck nicht tadeln (p. 81), dessen urtheil über 
IV, 1 — 36 er beistimmt, dass er zu vs. 27 eine Verbesserung vor- 
schlug ; noch weniger ist es am platze denselben wegen maio- 
ris vs. 27 als ob er gegen die lateinische grammatik Verstösse, 
zurecht zu weisen; kommt es doch bei Phaedr. II, 5, 25, und 
wenigstens nach Krebs- Allgayer Antibarbarus auch bei Seneca vor. 
Ich schliesse mit dem wünsche, es möge der vf. , wenn er, wie 
er in aussieht stellt, wieder ähnliches veröffentlicht, gegen seine 
emendationsversuche noch misstrauischer sein , als gegen die 
Überlieferung, überhaupt methodisch zu werke gehen. 

H. Wz. 

75. De disponendis enunciationum et periodorum partibus 
apud Sallustium. Scripsit Dr Franciscus Balazs (Pro- 
gramm des obergymnasiums in Hermannstadt) 1873. 18 pp. 4. 

Die fleissige arbeit von Balazs, welche als ein werthvoller 
beitrag zum Verständnisse des Sallustius bezeichnet werden muss, 
analysirt die periodologie des Schriftstellers nach den einfachen 



150 76. Livius. Nr. 3. 

und. sicheren kriterien der logischen beziehung, der chiastischen 
und anaphorischen Wortstellung, der conjunction und des asyn- 
deton. Als hauptgewinn dieser methodisch geordneten Zusam- 
menstellung ergiebt sich die erkenntniss der ausgebildeten, wenn 
auch eben deshalb für oberflächliche betrachtung latenten stili- 
stischen kunst des Sallustius, der das ästhetische gesetz der 
mannichfaltigkeit in der einheit trefflich zu handhaben ver- 
stand. Angesichts der vom verf. im allgemeinen mit richtigem 
tacte durchgeführten analyse wird man bedenken tragen , die 
diction des Sallustius mit dem recensenten im Liter. Centralbl. 
1873, nr. 27 als „demokratenlatein" zu charakterisiren oder gar 
mit Weinhold in den Act. soc. philol. Lips. I , p. 200 das va- 
riandi Studium des Sallustius neben dessen streben nach concin- 
nitas zu verkennen. Im einzelnen aber ergibt sich aus der 
Untersuchung des verfs. manche Verbesserung der interpunction, 
namentlich in vielgliedrigen parataktischen satzreihen, z. b. lug. 
22, 2 ; 38, 5. Auch für die conjecturalkritik findet sich hier 
bisweilen ein zuverlässiges correctiv, z. b. Cat. 14, 2, wo die 
allerdings eigenthümliche Wechselbeziehung der begriffe mit un- 
recht verdächtigt worden ist, wie aus den vom verf. p. 7 mit- 
getheilten analogieen erhellt. Hie und da vermag man jedoch 
den ausführungen des verfs. nicht zu folgen : so ist das p. 8 
über crescens aut decrescens membrorum amplüudo beigebrachte 
theilweise wirklich sonderbar, der p. 11 und 12 berührte un- 
terschied der nomina auf us und ius für die Wortstellung ge- 
wiss gesucht; die stelle aus der rede des Licinius Macer 
§. 17 ist p. 6 durch falsche beziehung des prädicats gänzlich 
missverstanden ; endlich erregt die analyse einer reihe von stel- 
len bedenken, die an anderem orte dargelegt werden sollen. — 
Das latein des verfs. ist knapp und verständlich, jedoch nicht 
frei von Wendungen wie interiorem cohacrentiam quod attinet und 
von schreibversehen. Störend sind die häufigen druckfehler 
auch in citaten und die keineswegs nach dem urkundlich be- 
sten texte gestalteten lemmata. 

76. De codicis Veronensis in emendandis Livii libris auc- 
toritate. Scr. Albert Wodrig. (Greifs walder doctordisserta- 
tion,) MDCCCLXXIII. 

Nachdem Theodor Moinmsen in seinem musterhaften apo- 



Nr. 3. 77. Griechische geschichte. 151 

graphuin des von ihm zum erstenmal vollständig entzifferten vero- 
neser palimpsesten von bruchstücken der bücherlll bis VI des Li- 
vius (Berlin 1868) im gegensatz zu der weit verbreiteten Un- 
sitte, neubenutzter handschriften werth zu überschätzen, die 
Überlieferung der Veroneser bruchstücke im vergleich zur ni- 
comachischen recension auffallend niedrig taxirt hatte , war 
es ein zeitgemässes unternehmen Wodrig's, unter minutiöser 
prüfung des livianischen Sprachgebrauchs der Veroneser hand- 
schrift zu grösserem ansehen zu verhelfen. Im wesentlichen ist 
dies dem verf. auch gelungen, ohne dass er in allen punkten 
überzeugendes geliefert hätte; so ist V, 23, 12 kaum das rich- 
tige getroffen; auch V, 28, 4 erreicht Wodrig's Vorschlag eine 
zu künstliche verschachtelung der sätze. Wenn V, 41, 5 die lücke 
durch aditu patentia so ausgefüllt werden soll, dass die buchstaben 
NT durch contignation zusammengeschrieben gedacht werden, 
so ist gegen diesen versuch zu bemerken , dass ähnliche con- 
tignationen von buchstaben , wie auch der abkürzungsstrich für 
M und N nur gegen den schluss der zeilen bin in alten hand- 
schriften vorkommen, in der zeilenmitte nur ausnahmsweise bei 
correcturen zugelassen zu sein pflegen. — V, 51, 1 erscheint 
dbsidione doch wohl aus einem glossem entstanden. 

P. 29 ist Liv. V, 7, 12 zwar richtig erkannt, dass dio 
Wortfolge equitibus peditibusque des Veronensis angemessener ist 
als die peditibus equitibusque der Nicomachiani, aber die mit hin- 
zuziehung einer unvollständigen Sammlung einschläglicher bei- 
spiele gezogene allgemeine folgerung nicht richtig; es kann 
dafür jetzt auf die umfassenderen Sammlungen Studemunds in 
dessen und Mommsens kürzlich erschienenen Analecta Liviana 
p. 27 verwiesen werden. 

77. Die Hellenen in Campanien. Von Karl Fricke. 
4. Programm des gymnasiums in Hildesheim. 1873. 28 s. 

Der vf. hat mit fleiss und umsieht zusammengestellt, was 
über die geschichte und alterthümer der hellenischen ansied- 
lungen in Campanien, besonders der städte Cumae und Neapo- 
lis , aus den Schriften der alten so wie aus den inschriften und 
münzen zu erheben ist , und weist zum schluss auch die spu- 
ren hellenischen einflusses in den oskischen uachbarorten nach. 
Indem er die ansichten und ergebnisse der neueren forscher 



152 77. Griechische alterthümer. Nr. 3. 

mit selbständigem urtheil benutzt, gelangt er auch zu manchen 
eignen aufstellungen, wie z. b. in betreff des alters von Cumae, 
dessen gründung er mit Wahrscheinlichkeit in die zeit der Hip- 
pobotenherrschaft in Chalkis herabrückt. Das übertrieben hohe 
datum, welches die Chronographen geben (um 1050 v. Ch.), er- 
klärt er aus geschlechterrechnung ; wir würden lieber eine Ver- 
wechslung mit dem gründungsjahr des aeolischen Kyme an- 
nehmen. 

Die herkunft der ältesten colonisten betreffend , bestreitet 
er mit recht die gangbare ableitung eines theils oder gar aller 
aus Kyme; aber die in vielem einzelnen anerkennenswerthe 
auseinandersetzung , durch welche vf. dieselben auf positivem 
wege als Euböer zix erweisen sucht, die über Akarnanien und 
Kerkyra nach Italien gekommen seien, kann nicht zu diesem 
ziele führen. Aus der ähnlichkeit von culten und mythischen 
gestalten Campaniens mit solchen Westgriechenlands geht eine 
ableitung jener von diesen nicht mit nothwendigkeit hervor; 
ganz verwerflich aber ist das verfahren , mittelst 'dessen verf. 
den Ursprung der letzteren auf Euboia zurückzuführen sucht. 
Was soll z. b. der hinweis auf die existenz eines ortes Euboia 
auf Kerkyra, die doch weiter nichts beweist, als dass dort gute 
ochsenzucht stattfand oder möglich war. Der naiven anschauung 
der alten antiquare genügten solche ähnlichkeiten von orts- und 
völkernamen, um Wanderungen von jedem nach jedem orte zu 
statuiren; heut zu tage sollte dieser Standpunkt überwunden 
sein. Auch die positiven nachrichten von einwauderung eretri- 
scher männer in Kerkyra sind nur auf solchem grund erwach- 
sen : nachdem man die illyrischen Amanten , welche vor den 
Hellenen auf der insel wohnten , für Homers Abanten erklärt 
hatte, konnten sie von dem zerstörten Troia weg überall unterge- 
bracht werden, wo mau ihrer bedurfte. 

Die gründer von Cumae erklärt vf. , indem er mit richti- 
gem tacte der verbreitetsten und zugleich bewährtesten tradition 
folgt, für ionische Chalkidier aus Euboia ; sein versuch iudess, 
die oben erwähnte andere version mit ihr zu vereinigen, kann 
nicht für gelungen erklärt werden. Strabo nennt den einen 
der zwei colonieführer einen Kyniäer, und Skymnos lässt Aeo- 
ler nach den Chalkidiern in Cumae einziehen: nach dem vf. 
Aväre jener aus dem euboeisehen Kyme gewesen und die Aeo- 



Nr. 3. 78. Archaeologie. 153 

ler des Skymnos ebenfalls aus Euboia, welches dereinst auch 
Aeoler bewohnt hätten. Aber jenes Kyme war ein obscurer, 
nie nachweislich selbständiger ort auf Euboia, den Strabo 
nicht einmal kennt; da er von Ky maiern schlechtweg spricht, so 
kann er nur die kleinasiatischen gemeint haben. Er kann auch 
seinen gewährsmann nicht missverstanden haben , da dieser im 
andern fall gewiss Kyme als das euboeische bezeichnet haben 
würde. Skymnos aber meint, wie aus dem folgenden vers (2-40, 
vgl. Aleineke p. 17) deutlich hervorgeht, das asiatische Kyme; 
ohnehin werden Aeoler nur als Vorgänger der Ioner bewohner 
des grössten theils von Euboia genannt 'Plutarch. Quaest. graec. 
22) und in historischer zeit gab es nur an der nordküste, weit 
von Kyme weg, in Histiaia, Aeoler (Perrhäber, Skymn. 578). 
Strabo und Skymnos pflegen ihre vztasiQ aus Ephoros zu ent- 
nehmen, dessen geschichtserzählung anerkannter massen durch- 
weg von verkehrter parteinahme ^für seine Vaterstadt Kyme 
beeiuflusst ist. Offenbar haben die einwohner derselben, unter- 
stützt von der oben besprochenen ableitungsmanier , wegen der 
gleichnamigkeit einen anspruch auf die ehre , gründer von Cu- 
mae zu sein, erhoben, welchem Ephoros, nachdem das Prioritäts- 
recht der Chalkidier bereits auch literarisch feststand, dadurch 
eine gewisse geltung zu verschaffen suchte, dass er den einen 
colonieführer und einen nachschub von einwanderern aus Kyme 
kommen liess. 

U. 

78. Humoristische vasenbilder aus Unteritalien. 30. pro- 
gramm zum Winkelmannsfest der archäologischen gesellschaft 
zu Berlin, von H. Heydemann. 4. Berlin. 1872. 

In diesem programm benutzt Heydemann die Veröffentli- 
chung von drei unteritalischen, mit humoristischen bildern verse- 
henen vasen zu einer Zusammenstellung aller weiteren bis jetzt 
bekannt gewordenen einschlägigen vasenbilder dieser art. Die 
erste von S. Maria di Capua stammende vase stellt eine paro- 
die auf das abenteuer des Herakles mit den Hesperiden dar, 
einen bärtigen satyr nämlich,, der mit einer keule nach einer 
um einen baumstamm gewickelten schlänge schlägt , um auf 
diese art zu drei an den zweigen des baumes aufgehängten 
weinkanuen zu gelangen. Diese vase , welche dem Verfasser 



154 ' 78. Archaeologie. Nr. 3. 

gelegenheit giebt, eine ganze zahl weiterer, nicht parodirend, 
sondern in Wirklichkeit das Hesperiden - abenteuer des Herakles 
darstelleuden gefässe zu besprechen, dabei aber auf allerlei, 
schon diesen ernsthafteren darstellungeu theilweise eingemischte 
kleine humoristische züge aufmerksam zu machen, ist ein beitrag zu 
den von Otto Jahn im Philo!. XXVII, p. 20 ff. (1868) besproche- 
nen, wohl meistentheils unter dem einflusse des satyrdrarnas 
entstandenen bildwerken, zu denen , wie leicht begreiflich ist, 
besonders die figur des in so hohem grade dazu geeigneten He- 
rakles hat herhalten müssen. 

Die zweite vase gehört zu der gruppe der der komüdie 
entlehnten bilder, denn sie stellt einen untersetzten, etwas dick- 
bauchigen mann in komischer maske und gewaudung dar. Auch 
an sich ist die Situation eine komische: der behutsam her- 
angeschlichene alte hat nämlich soeben ein ausgesetztes , in 
windeln am boden liegendes , anscheinend das gesiebt zum 
weinen verziehendes kind gefunden und macht nun seiner 
Überraschung durch eine entsprechende handbewegung und ei- 
nen ganz nach bühnenweise von dem Vorgang auf der scene 
ab an die Zuschauer gerichteten ausrufe luft. Da nun auch 
auf vasen allerlei der hilarotragödie entlehnte bestimmte 
darstellungeu vorkommen, so meint Heydemann an die auffin- 
dung des Oedipus erinnern zu dürfen (in welchem falle das 
bild eine art von gegenstück zu dem bekannten schönen und 
stylvollen bilde des Euphorbos mit dem Oedipus auf dem arm 
wäre, s. Mon. dell' Inst. H, 14), indessen giebt er selbst zu, 
dass es an näheren hinweisen auf eine so bestimmte deutung 
des gegenständes fehle. 

Die dritte, jetzt der Neapler Sammlung (vgl. Heydemanns 
grossen katalog nr. 2628) angehörende vase stellt in sehr ge- 
lungener weise auf der einen seite einen satyr dar , der affen- 
artig auf allen vieren gegen einen dadurch zum widerstände 
gereizten stier berankriecht, auf der andern seite in gauz glei- 
cher Situation einen zweiten satyr, der auf dieselbe art einen 
Ziegenbock zum kämpfe herausfordert. Beide bilder, obwohl 
nur flüchtig hingeworfen , zeugen von einer richtigen beobach- 
tung und wiedergäbe der natur und reihen sich einer gan- 
zen zahl ähnlicher, das leben in feld und wähl illustrirender 
antiker bildwerke an, die Couze (Lützows Zeitschrift für bil- 



Nr. 3. Theses. 155 

elende kunst III, p. 157 ff.) mit den bauerubildern der Nieder- 
länder verglichen hat. Uebrigens spielen ja die satyrn selber 
bekanntlich in den maiereien des Rubens und seiner Zeitgenos- 
sen wie auch bei den launigeren malern unserer gegen- 
wart noch eine rolle, nicht selten sehr an die bilder der al- 
ten erinnernd. Schon diese hatten, wie man sieht, ihre 
freude an der darstellung der sinnlichen gesellen in aller- 
lei komischen Situationen. Besonders oft sieht man satyrn 
hasen jagen. Bald aber auch beobachten sie still und auf- 
merksam diese thierchen, oder spielen mit ihnen. In ei- 
nem andern fall schicken sich ihrer zwei an, mit aller list 
eine auf einen kandelaber hinaufgekletterte maus herunterzu- 
holen. Aber auch an grössere thiere wagen sie sich , wie auf 
den bildern bei Heydemann. So packt auf andern bildern 
einer einen fuchs am schwänze, ein zweiter erdrosseit eine gans, 
ein dritter wird von einem durchgehenden esel abgewoifen, 
ein vierter reitet mit grosser angst auf einem schwein u. dgl. m. 

Friedrich Schlie. 

Theses 

Georg. Bordelle, de linguae latinae adjeetivis suffixo To a nomi- 
bus derivatis. Dissertatio inauguralis quam scripsit . . . in alina lit. 
univ. Viadrina ... et defendet d. XIX m. Novemb. MDCCCLXX1II : 
Theses: IL Non assentior Moinmseno, qui negat foedus id, de quo 
Polyb. III, 22 agit, a. DIX a. Chr. inter Romanos et Carthaginienses 
factum esse; IV. Venerem Capuanam quae vocatur scutum manibus 
tenuisse verisimile est. 

Car. Wichmann, de Plutarcbi in vitis Bruti et Antonii fontibus. 
Diss. bist, quam ad summos in philosophia bonores . . . scripsit et 
publice defendet: Tlieses: I. Recte Plutarcb. V. Caes. 67, 30 tradidit 
(Atd-' tj/xigav (a. d. XVII Kai. April.) cJ* riSy -ntql Bqovtov xccTik&üv- 
tcüv y.td noitißcc/uEvuiv köyovg . . et V. Brut. 19 ov (j.rjv äkket rf t v ars- 
Qttia (a. d. XVI Kai. Apr.) rrjg ßavltjg avyfXO-ovßtjg iig n r7jg 1% Uqov 
.. .; II. Cum Cic. ad Att. XIV, 6 in. 8 in. optime congruit, quod Appia- 
nus auetor est (III, 3 et 6) ab Antonio Amatium Pseudomarium prius 
interfectum esse quam Brutus et Cassius ex urbe excederent ; III. Ni- 
bil impedire videtur, quominus Antistium a Plutarcbo V. Brut. 25 
commemoratum et veterem illum, cuius Cic. ad Att. XIV, 9 mentio- 
nem fecit, eundem esse putemus. 

Aug. Hauke, de Duride Samio Diodori auetore. Diss. bist, quam 
ad summos in pbilosopnia bonores . . . scripsit," et publice defendet 
. . Theses: IL Locum qui exstat apud Cic. Brut. 2, 7 ego ungor animo 
non consilii, non ingenii, non auetoritatis armis egere rempublicam e. q. 
s., corruptum esse puto, quia verbi agendi significatio quam sensus 
flagitat, a Ciceronis usu aliena est; III. Librariorum culpa quae Dio- 
dor. XVIII de Sicilia narravit bodie deesse vix mibi persuasi, simul 
vero eorurn quidquam quae de rebus a diadochis gestis ibi explicata 



156 Neue Schulbücher. — Bibliographie. Nr. 3. 

erant intercidisse Wesseling. ad Diod. XVIII, 44 frustra dernonstrare 

studet. 



Neue auflagen. 

79. Freund? s Schülerbibliothek. Präparation zu Homer's Iiias 

7. heft. 3. aufl.; 11. heft. 3. aufl. 16. Leipzig. Violet; ä 5 ngr. — 
80. K. Lachmann, betrachtungen über Homers' Ilias. Mit Zusätzen 
von 31. Haupt. 3. aufl. 8. Berl. G. Reimer; 15 ngr. — 81. Herodot. 
Für den schulgebrauch erklärt von K. Abicht. 5. bd. 2. aufl. 8. 
Leipzig. Teubner; 1 mk 80 pf. — 82. Iurisprudentiae anteiustinia- 
neae quae supersunt. Ed. Ph. K. Huschhe. 8. Lips. Teubn. ; 6 mk 
75 pf. — 83. Klotz, band Wörterbuch der lateinischen spräche. 5. 
abdruck. 8 — 12. lief. 8. Braunschweig, Westermann; a 4 ngr. — 
84. 31. Duncker , geschichte des alterthums. 1. bd. 4. aufl. 2. lief. 

8. Leipzig. Duncker und Humblot; 1 thlr. 



Neue Schulbücher. 

85. H. Sithle, übersichtliches Homer -lexicon zum schulgebrauch. 
8. Leipzig. Hahn; 15 ngr. — 86. K. Schenkt, Übungsbuch zum 
übersetzen aus dem deutschen und lateinischen ins griechische. 3. 
aufl. 8. Prag; 2 mk. — 87. Host, V., deutsch -griechisches Wörter- 
buch. Neu bearbeitet von F. Berger. 10. aufl. 2. abth. 8. Göt- 
tingen. Vandenh. u. Ruprecht; 28 ngr. — 88. C. G. Zumpt, latei- 
nische grammatik. 13. aufl. Bearbeitet von A. W. Zumpt. 8. Ber- 
lin. Dümmler; 1 thlr. 10 gr. — 89. A. H. Fromm, kleine schul- 
grammatik der lateinischen spräche. 10. aufl. 8. Gütersloh. Bartel- 
telmann; 20 gr. 



Bibliographie. 

Von Büchner' s »Beiträgen zur geschichte des deutschen buch- 
handels« ist eine zweite aufläge erschienen, Giessen, heft 1. 2, 1 thlr. 
15 ngr., wovon eine kurze anzeige das Börsenbl. nr. 46 giebt. 

Von Ad. Buchung' s »Mittheilungen über neue und erloschene 
firmen, commissions- Veränderungen im deutschen buchhandel« er- 
schien vom dritten Jahrgang heft 1. 2. Wir machen darauf auf- 
merksam, weil bei dem jetzt viel grösseren Wechsel in diesem fach 
als sonst es auch dem privatmann sehr oft wünschenswerth sein kann 
zu wissen, was aus einer firma geworden. 

Merkwürdig erscheint Frankreichs buchhandel im j. 1873, in 
welchem es zufolge statistischem nach weis die grösste bücherzahl unter 
allen literaturländern erreicht hat. Als beleg diene , dass eine ein- 
zige Verlagshandlung in Paris , die ihren verlag nur gegen baar lie- 
fert, einen festen Umsatz von etwas mehr als 14 millionen franks 
erzielt hat, wovon auf Deutschland und Oesterreich nur 200000 fr. 
kommen; rechnet man dazu noch zwei reine Verlagsgeschäfte in Paris 
mit ca 10 millionen und ungefähr zwanzig Verleger mit 1 — 6 millio- 
nen fr. von festem Umsatz hinzu, so hat das französische büchergesehät't 
das englische wie das deutsche bei weitem übertrotfeu. Uebrigena 
begann dieser aufschwung in Frankreich mit der letzten republik; 
mau bemerkt aber schon ciue abnähme (Börsenbl. nr. 03). 

In kommission bei F. A. Brockhau» erschien : Trojanische alter- 
thiimer. Bericht über die ausgrabungen in Troja von Dr H. Schlic- 






Nr. 3. Kleine philologische zeitung. 157 

marin. Leipzig. 1874«. Gleichzeitig wurde ausgegeben »Atlas troja- 
nischer alterthümer«. Photographische abbildungen zu dem berichte 
über die ausgrabungen in Troja 4. 218 photographische tafeln mit 
erklärendem texte.« 

Die Kais. Königl. buchbandlung Faesy und Frick zu Wien ver- 
sendet einen brief, in dem sie sich zur besorgung neuer italienischer 
literaiur erbietet. Sehr zu beachten. 

Die verlagshandlung von C. Rümpler in Hannover versendet ei- 
nen prospect über H. Riegel, geschichte der deutschen kunst seit 
Carstens und G. Schadow: dabei auch ein verzeichniss anderer in 
diesem verlage erschienenen werke über die kunst. 

Dann ist im märz a. c. ausgegeben : verzeichniss empfehlens- 
werther kartenwerke für lehranstalten aus dem verlage von Dietrich 
Reimer in Berlin. — Verlagsbericht für 1874 von F. A. Brockhaus in 
Leipzig. 

Besonders aufmerksam machen wir auf die : Bibliotheca philolo- 
gica. Verzeichniss der vom jähre 1852 bis mitte 1872 in Deutsch- 
land erschienenen Zeitschriften , schritten der academien und gelehr- 
ten gesellschaften, miscellen, collectaneen, biographien, der literatur 
über die geschichte der gyrnnasien, über encyclopädie und geschichte 
der philologie und über die philologischen hülfswissenschaften. Her- 
ausgegeben von C. H. Herrmann. Abth. I. Halle. 8. C. H. Herr- 
mann. 1873: es sind natürlich viele fehler darin, aber doch immer 
sehr brauchbar. — Abth. II. enth. die geographie, geschichte, mytholo- 
gie und archäologie der alten Griechen und Römer soll als rest bal- 
digst nachfolgen. — Preis 1 thlr. 15 gr. 

Cataloge von antiquaren: 158. verzeichniss des antiquarischen 
lagers von H. Härtung in Leipzig; hundertster catalog des antiquari- 
schen bücherlagers von L. 31. Lempertz in Bonn,- nr. 110. Bibliotheca 
philologica et orientalis meist aus dem nachlasse von Dr Joh. Brandts, 
cabinetsrath Ihrer Majestät der Kaiserin , zu verkaufen durch J. A. 
Star gart in Berlin. 

Bücherauction in Bonn. 6. mai 1874: verzeichniss der von den 
prof. Dr Hilgers in Bonn , Dr Hagemann in Marburg, rechtsanwalt 
Delhis in Duisburg, Reinold in Reussrath, notar Nissen in Jülich u. a. 
nachgelassenen bibliotheken , welche — von 31. Lempertz in Bonn 
versteigert werden. 



Kleiiic philologische zeituug. 

London , 3. jan. In Milton , unweit Sittingbourne ist auf einem 
felde , das früher ein römischer gottesacker war , ein antiker (römi- 
scher) sarg ausgegraben. Er enthielt einige knochen, einen ring aus 
schön geflochtenem golddraht und einige hölzerne nägel (s. über drgl. 
Philoi. XXXIII, p. 335). Dies ist bereits der siebente oder achte sarg, 
der an diesem orte gefunden. (Deutsch. Reichs-Anz. 1874, nr. 5). 

Ettlingen, 6. jan. Die ausgrabungen in dem sogenannten Rö- 
merthurme des hiesigen Schlosses werden rüstig fortgesetzt, nach- 
dem in der höhe des erdbodens ein eingang durch die drei meter 
dicke mauer des viereckigen thurmes gebrochen worden. Unter dem 
stein - und mauerschutte , welcher von dem abgebrochenen obern 
theile des thurmes in seinem innern lag und zum theil noch liegt, 
fand man unter andern gegenständen wieder mehrere ganze oder 
zerbrochene geschirre von alter form. Diese topfe und geschirrtheile 
sind photographisch aufgenommen worden. Auch diese gefässe be- 
stehen nicht aus der thonmasse {terra sigillata oder spanische erde), 



158 Kleine philologische zeitung. Nr. 3. 

aus welcher gewöhnlich die römischen gefässe gefertigt wurden. Auch 
ist anzunehmen , dass zur zeit der Römer der untere theil des thur- 
mes noch nicht mit dem mauerschutte angefüllt war , hei welchem 
die hier in frage stehenden gefässe und scherben neben thierknochen, 
verrosteten eisenstäben, menschenhaaren (anscheinend von einer per- 
rücke) und ganzen schichten guanoähnlichen abgangs von thurmvö- 
geln lagen. Und doch sind dabei henkel und krughälse, welche an 
die römische amphora erinnern. Deutsch. Reichsanz. nr. 10. 

Ueber die ausgrabung eines alten vorrömischen grabes bei Schern- 
berg im fiirstenthum Schwarzburg- Sondershausen berichtet ausführ- 
lich der Deutsche Reichsanz. nr. 22. 

Der berühmte Africa- reisende Livingstone ist in Unyanyenibe 
der dissenterie erlegen, am 15. august 1873: erst gegen ende Januars 
ist die künde dieses trauerfalls nach England gelangt. Vrgl. Deutsch. . 
Reichsanz. nr. 41. 53. 

London, 24. jan. Nach dem Athenaeum hat Calvert in Troja 
eine menge goldgegenstände entdeckt, die ähnlichkeit mit jenen von 
Schliemann gefundenen haben. Sie bestehen ans stangen , Ohrringen, 
helmen u. s. w. Calvert hegt keinen zweifei an der echtheit des ge- 
fundenen. 

In Upsala trifft man schon jetzt anstalten zur feier des in das 
jähr 1877 fallenden 400jährigen Jubiläums der Universität. 

Eine kurze anzeige des werks: »das heidnische Zeitalter kTSehwe- 
den. Eine archäologisch - historische studie von Hans Hildebrand. 
Nach der zweiten schwedischen Originalausgabe übersetzt von J. 
Mestorf. Hamburg. 1873« enthält der Reichsanz. nr. 25. 

Rom, 27. januar. Die regierung lässt ausgrabungen im innern 
des colosseums ausführen. Man stiess 2, 20 meter tief auf den antiken 
fussboden des amphitheaters, wo die gewölbten einlasse für die zum 
kämpf bestimmten thiere zu tage kamen ; bei weiterm graben auf 
mehre Stockwerke tief in die erde gehender unterbauten : vgl. Deutsch. 
Reichs- Anz. nr. 49. 

Stockholm, 28. jan. Es sind jefzt nähere bestimmungen über den 
am 7. august a. c. zu Stockholm zusammentretenden archäologischen 
congress getroffen: s. Deutsch. Reichs- Anz. nr. 29. 

Berlin, 6. februar. In der nacht vom 4. zum 5. februar verstarb 
der professor an der hiesigen Universität Dr Moritz Haupt. Der ver- 
storbene galt als einer der ausgezeichnetsten germanisten und philo- 
logen Deutschlands. Geboren am 27. juli 1808 zu Zittau, wo sein 
vater, in der gelehrtenwelt durch seine historischen forschungen so- 
wie durch treffliche lateinische Übersetzungen Goethe'scher lieder be- 
kannt, bis 1832 das bürgermeisteramt verwaltete, studirte Haupt 
182G— 30 in Leipzig unter Hermanns leitung philologie und habili- 
tirte sich daselbst,* nachdem er in Zittau längere zeit privatisirt, 1837 
durch vertheidigung seiner Quaestioncs Catullianae (Leipzig 1837). 
Er erhielt sodann 1838 eine ausserordentliche professur und 1843 die 
ordentliche der deutschen spräche und literatur, die er bis zu seiner 
amtsentsetzung im jähre 1849 inne hatte. Seit 1848 mitglied der Kön. 
sächsichen Gesellschaft der Wissenschaften, übernahm Haupt 1850 das 
durch Hermanns tod erledigte secretariat der historisch -philologischen 
klusse, welches er behielt, bis er 1853 an Lachmauns stelle als or- 
dentlicher professor derklassischen literatur nach Berlin berufen wurde. 
Seit 1861 ist er auch beständiger sekretair der akademie der Wissen- 
schaften gewesen. Deutsch. Reichsanz. nr. 32. 

Nach Zeitungsnachrichten hat der Cavalier Salazaro im auftrag 
der regierung in Paestum und Velia ausgrabungen begonnen. Betrach- 
tungen darüber s. im Deutsch. Reichsanz. nr. 45. 



Nr. 3. Kleine ijhilologische zeitung. 157 

Rom, 1. märz. Briefe aus Aegypten melden, dass die sechs ita- 
lienischen gelehrten, welche die wissenschaftliche expedition 
auf dem Nil unternommen haben , wohlbehalten in Miriati ange- 
kommen sind. Der dampfer , welcher ihnen vom vicekönig von Ae- 
gypten zur Verfügung gestellt worden ist, bietet alle wünschenswerthen 
bequemlichkeiten. Auf besonderen wünsch des vicekönigs hat sich 
ein deutscher und ein arabischer arzt ihnen angeschlossen, um die 
hautkrankheiten am Obernil zu studiren. Ausser ihnen begleiten die 
italienischen forscher der postdirektor von Alexandrien und der ita- 
lienische general-konsul in Kairo. Die gelehrten schreiben, dass sie 
bereits angefangen haben , schätze für ihre Sammlungen zu sammeln. 

Mainz, 5. märz. Ueber neue funde von alterthümern mel- 
det das »M. J.« folgendes: »bei den brückenpfeilern wurde heute 
abermals ein merkwürdiges römisches Skulpturfragment aus- 
gehoben. Es ist ein flacher stein von 75 centimeter im gevierte und 
20 centimeter höhe, dessen Vorderseite durch eine sehr zierliche pi- 
lasterarchitektur in zwei schmale felder an den enden und ein dop- 
pelt so breites in der mitte geschieden wird. In dem mittelfelde be- 
findet sich ein in die breite gezogener sockel mit Verstärkungen an 
den ecken und in der mitte, darüber eine fein profilirte platte. Auf 
der platte ist links vom beschauer ein nach auswärts schreitender 
löwen - oder pantherfuss , in der mitte stark zerfressene spuren von 
tkierfüssen , etwas nach rechts ein vasenförmiges gefäss und auf der 
rechten ecke abermals das bruchstück eines pantherfusses. Weitere 
fortsetzung nach oben fehlt. In den kleineren feldern rechts und 
links stehen schmale postamente, auf deren deckplatten die reste 
von zierlichen figürchen bis zum knie erhalten sind. Anordnung, stil 
und ausführung lassen auch dieses bruchstück unzweifelhaft als römi- 
schen Ursprungs erkennen; gegenständ und bestimmung bleiben je- 
doch unklar. Wie wir gleichzeitig erfahren, wurden im laufe der 
arbeiten bereits eine reihe von funden gemacht, die in mehrfacher 
hinsieht von interesse sind. Da bis jetzt davon noch nichts an die 
städtische Sammlung abgegeben worden ist, so glaubte man, dass au- 
sser den steintiümmern nichts an das tageslicht gekommen sei. Wie 
aber nicht anders zu vermuthen , ergaben sich , ganz wie bei ähnli- 
chen Untersuchungen von flussgrund, z. b. der Donau, münzfunde, die 
mit dem kies zu unförmlichen klumpen zusammengeballt sind, sodann 
sogar steinwaffen, welche an die pfeilerfundarnente angeschwemmt 
worden waren. Eine andere thatsache verdient besondere aufmerk- 
samkeit , dass nämlich die eisenschuhe der aus Karolingerzeit stam- 
menden rostpfähle zum theil stark umgebogen sind. Es wird daraus 
gefolgert, dass dieselben nicht unmittelbar in den flussgrund einge- 
trieben waren, sondern auf ältere fundamente beim einsenken aufge- 
troffen scheinen ; daher sollen die Verkrümmungen der eisenschuhe 
rühren. Dies Hesse sich nur durch eine sorgfältig überwachte erhe- 
bung der verschiedenen pfeilerschichten feststellen. Es wäre darum 
für die geschichte des alten brückenbaues , der nach dem bisherigen 
stand der frage mit fug und recht als karolingisch betrachtet wurde, 
von grossem interesse, wenn gerade jetzt, wo der Wasserstand solchen 
Untersuchungen so ungewöhnlich günstig ist , eine eingehende tech- 
nische prüfung an ort und stelle vorgenommen würde, damit festge- 
stellt werden könnte, ob etwa die karolingischen pfeiler auf römische 
fundamente aufgesetzt waren«. 



160 Kleine philologische zeitung. Nr. 3. 

Auszüge aus Zeitschriften. 

Augsburger allgemeine zeitung, 1873, nr. 364. 365: die deutsche 
kirchenpolitik und ein italienisches augirrium. — Die hülfsgesell- 
schaft für die nach Frankreich ausgewanderten Elsass-Lothringer und 
ihre weihnachtsbescheerung. — Beil. zu nr. 365: staat und kirche 
in Bayern. VII. 

1874: nr. 1: ein vor- und rückblick. — Beil. zu nr. 1. 9: Dr 
K. Zittel, briefe aus der libyschen wüste. I. DI. — Nr. 2: beil. zu nr. 
3: die ausgrabungen in Jerusalem: wichtiger bericht über die von 
Engländern unternommenen arbeiten. — Die Staatslehre des Thomas 
Aquinas: knüpft an Beumann's buch an. — Am 29/XII 73 starb zu 
Darmstadt oberstudienrath Thudiclmm, der Übersetzer des Sophokles. 
— Beil. zu nr. 4. nr. 5: 31. TIaug , Max Müller einleitung in die 
religionswissenschaft. I. — Beil. zu nr. 6. 7. 8,9. 10 nr. 12. Beil. zu nr. 13. 
14: nekrolog des j. 1873. — Beil. zu nr. 7: zur keltischen literatur, im 
anschluss an Bacmeister's keltische briefe. — Beil. zu nr. 8 : nach 
dem griechischen Orient: anzeige eines buchs von B. Stark un- 
ter diesem titel , von dem ein theil in der Allgemeinen zeitung pu- 
blicirt ist: s. Philol. Anz. V, nr. 3, p. 175. — Die Schliemannschen 
ausgrabungen: s. Philol. Anz. V, nr. 10, p. 528 : in der Revue des deux 
mondes 1874 vom 1. januar findet sich ein bericht von Emile Burnouf, 
der in allen wesentlichen punkten mit Schliemann übereinstimmt; er 
hält den berg Hissarlik für die statte, wo Troja lag, hält die von ihm 
gefundenen gegenstände für uralt u. s. w. : der artikel in der Allg. Zei- 
tung giebt näheres. Wir theilen hier nur den schluss der abhandlung 
mit: »Die vergleichung der trojanischen alterthümer mit denen von 
Santorin, die wir in der schule von Athen besitzen setzt es ausser 
zweifei dass die zeit fast dieselbe ist; es ist die der geglätteten tö- 
pferei. Santorin jedoch empfing damals von ausseu her producte die 
sich in Hissarlik nicht finden. Wenn es wahr ist , wie hr. de Lono'- 
perier es geschrieben hat, dass die alten vasen von Santorin auf dem 
grabe von Rekhmara unter den dem Tutmosis III dargebrachten ge- 
schenken dargestellt sind , so. würde der brand von Troja im 17ten 
Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung stattgefunden haben. Der zu- 
stand der trojanischen civilisation , wie ihn die ausgrabungen enthül- 
len, stimmt sehr gut mit dieser annähme, die durch weitere behand- 
lung zur gewissheit werden kann. Wenn man dagegen zugibt dass 
ein dichter namens Homer im 9. oder 10. Jahrhundert gelebt und 
dass er die llias gedichtet hat, so begreift man dass die trojanische 
sage zeit hatte zu wachsen , die menschen sich umzugestalten, erobe- 
rungen über die natur zu machen, sich zu bereichern und zu civilisiren. 
Die götter selbst mussten sich ein wenig ändern, obwohl religiöse 
änderungen Umwälzungen in langem Zeitraum sind. Minerva, trotz 
ihres heiligen beiworts , hatte nicht mehr einen culenkopf: sie trug 
lanze uud schild, sie war weib so gut wie Juno und die anderen o-öt- 
tinnen : aber nichts beweist dass Homer in jenem Zeitraum o-elebt 
hat, und die anfange der llias können viel höher hinaufgehen. Um 
diese so bestrittene frage zu lösen , muss "man auf neue aufkläruno- 
warten«. Vgl. mit. lieft IV. — Beil. zu nr- 10. 11: Elisabeth, königin 
von Preussen: sehr schön geschrieben. — Beil. zu nr. 14: die römi- 
sche academie zu St. Luca: kurze geschichte derselben und ihrer 
Verhältnisse. — Beil. zu nr. 16: auf der insel Ferro ist eine libysche 
inschrift gefunden. 



Nr. 4. April 1874. 

Philologischer Anzeiger. 

Herausgegeben als erganzung des Philologus 



von 



Ernst von Leutsch. 



90. Untersuchungen über die bildungsgeschichte der grie- 
chischen und lateinischen spräche von Dr Ernst Herzog, 
professor der klassischen philologie an der Universität Tübin- 
gen. 8. Leipzig. Teubner. 1871. — 1 thlr. 18 ngr. 

Um zur reform der grammatischen methode in der klassi- 
schen philologie, speciell auf dem gebiete der formenlehre bei- 
zutragen, will das werk zwischen der klassischen philologie und 
der Sprachvergleichung vermitteln. Der Verfasser erkennt die 
aufgäbe der linguistik in der erfofschung der naturseite der 
spräche, die der philologie im engern sinne in der behandlung 
der culturseite. Demgemäss versucht er die geschichte des 
griechischen und lateinischen vom ersten auftreten des graeco- 
italischen sprachzweigs an bis zur fixirung der sogenannten 
classicität im atticismus und in der spräche Cicero's auf grund 
des gegenwärtigen zustandes der Specialforschung übersichtlich 
darzustellen. Streng genommen setzt die lösung dieser auf- 
gäbe eine Vereinigung linguistischer und klassischer Studien 
voraus *, der verf. gesteht daher offen, dass er den ergebniasen 
der Sprachforschung gegenüber beinah durchaus receptiv da- 
stehe, und nimmt als linguistische grundlage im wesentlichen 
das System der Ursprache an, welches in Schleicher's cornpen- 
dium \der vergleichenden grammatih und Curtius' abhandlung zur 
Chronologie der vergleichenden Sprachforschung aufgestellt ist , ohne 
sich indessen auf die rolle eines Sammlers und Statistikers zu 
beschränken oder beschränken zu müssen. 

Die entwicklungsgeschichte beider sprachen theilt er in 
vier perioden ein. In der ersten entstanden die neubildungen ; 
Philol. Änz. VI. 11 



162 90. Grammatik. Nr. 4. 

es fand aber keine eigentliche sprachliche produktion mehr 
statt, keine unmittelbare neue Verkörperung des psychischen 
oder geistigen durch Schöpfung , sondern aus der zeit der ge- 
meinsamkeit wurden sämmtliche substantielle bestandtheile der 
spräche, wurzeln sowohl als Stammbildungselemente für nomina 
und tempora übernommen, und die thätigkeit beschränkte sich 
auf die verständige, wenn auch nicht mit klarem etymologi- 
schen bewusstsein vorgenommene verwerthung des mitgebrach- 
ten materials, unter Zulassung einzelner phonetischer, nicht 
sprachlich substantieller zusätze. In der zweiten periode, wäh- 
rend deren die spräche sich durch mündliche, kunstlose tradi- 
tion fortpflanzt, tritt an die stelle der neubildung die Umbildung, 
d. h. der process, vermöge dessen die überlieferten formen laut- 
lich verändert, dadurch von der continuität der ursprünglichen 
Ordnung losgelöst, dafür aber in eine neue Ordnung eingereiht 
werden. Die dritte periode umfasst die mündliche künstleri- 
sche kultur der spräche, d. h. die homerische spräche und das 
latein vor Plautus und Ennius. Der Charakter der vierten periode 
endlich wird bestimmt durch die schriftliche künstlerische kul- 
tur der spräche von Homer bis zu den Attikern und von der 
reception griechischer bildungsmittel bis auf Cicero. 

Diese an den praecisen ausdruck des buches sich anleh- 
nende skizzirung möge zur kenntnissnahme einladen; den rei- 
chen und reich gegliederten inhalt in kürze näher wiederzugeben 
ist unmöglich. Besonders zu erwähnen ist aber, dass das bucli, 
auch wo es sich scheinbar nur um rein historisches handelt, 
meist einen scharfen denker, einen sprachphilosophischen geist 
verräth. 

Dass sich jedoch über manche behauptung streiten lässt, 
kann bei einer aufgäbe, die so zahlreiche noch im flusse be- 
findliche fragen umfasst, nicht wundernehmen. So soll p. 115 
Xvxcißag in einer metrischen inschrift aus Mitylene , die allem 
anschein nach der kaiserzeit angehört (C. I. G. 2169), bewei- 
sen, dass die Odyssee das wort dem aeolischen Wortschatz ent- 
nommen habe; ungleich wahrscheinlicher ist es, dass der kün- 
stelnde epigrammatiker , der sich Grammatilcos nennt, sich mit 
dieser homerischen zierrath hat schmücken wollen. — Für ab 
stumpfung der endungen durch Schwächung der endconsonanten 
im altern latein wird p.156 der einzige beleg fecid aus C. I. L. I. 






Nr. 4. 90. Grammatik. 163 

54 beigebracht, und andre fälle dieser art giebt es in jener pe- 
riode in der that nicht. Aber eben deshalb musste auch der oskischen 
nationalität des künstlers, die wohl keinem zweifei mehr unter- 
liegt , gedacht werden. — Pag. 194 steht quoiei als einziger 
beleg für den grösseren reichthum des altern lateins an diph- 
thongen gegenüber der klassicität. Ein diphthong liegt 
hier weder in oi noch in ei vor ; ei ist der zwischen e und T 
in der mitte stehende einfache vocal, den Herzog in andern 
fällen richtig erkannt bat; quoiei ist nicht zu trennen von dem 
im repetundengesetz siebenmal erhaltenen dativ eiei: in beiden 
formen ist das erste i zwischen vocalen consonantisch gewor- 
den, wie auch in eins quoius gegenüber illius cet. — Aus 
legerem und legissem, verglichen mit legero legerim, glaubt Her- 
zog p. 53 mit Sicherheit folgern zu müssen, der coniunctiv des 
imperfect von sum habe in der zeit, in welcher jene formen ge- 
bildet wurden, esem gelautet; esem selbst sei dadurch entstan- 
den dass nach der analogie von esiem statt des indicativischen 
-am (esam) ein -em angefügt worden sei. Aber müsste dann 
nicht wenigstens ein wort über den auffallenden unterschied zwi- 
schen eram und essem gesagt werden? Existirt eine einzige ana- 
logie dafür, dass ein und dasselbe s nach kurzem vocal in der 
einen form rhotacisirt, in der andern verdoppelt werden könnte ? 
Der infinitiv esse verdankt, auch vom Standpunkte Herzog's aus 
betrachtet, sein ss keinesfalls rein phonetischen Ursachen, son- 
dern das erste s gehört der wurzel as, das zweite der endung 
des abstractums, als dessen dativ der infinitiv nach p. 55 und 
58 anzusehen ist. Während nun das s der endung -se nach 
einem vokal in r überging (legere), wurde es durch die Verbin- 
dung mit einem zweiten s geschützt; es-se, wie dir-imere, dis- 
signare. Dem verhältniss zwischen esse und legere wird man 
aber das zwischen essem und legerem so lange parallel ansetzen, 
bis die nothwendigkeit einer trennung erwiesen ist; wenn jenes 
auf organischer Ursache beruht, geht es nicht ohne weiteres 
an, dieses als phonetisch zufällig zu betrachten ; der modusex- 
ponent -sem konnte ebensowohl wie an lege- auch an es- an- 
treten. — Auch hätte die litteratur , welche sich mit der bil- 
dung des infin. perfecti und conjunct. plusquamperfecti ac- 
tivi, speziell mit dem verhältniss von esse zu fuisse, legisse cet. 
und von essem zu fuissem cet. beschäftigt, eine erwähnung ver- 

11* 



164 91. Homeros. Nr. 4. 

dient, da ja der verf. den stand anderer controversen wenig- 
stens kurz anzudeuten pflegt und die so eben berührte noch im- 
mer ihrer entscheidung harrt. Ein dafür nicht unwesentliches 
historisches moment hat Herzog gleich seinen Vorgängern un- 
beachtet gelassen ; freilich trifft dieser Vorwurf auch noch die- 
jenigen, die nach ihm über die sache geschrieben haben, West- 
phal, Wilhelm, Jolly und andere. Bis zur mitte des VII. Jahr- 
hunderts findet sich auf den noch erhaltenen denkmälern, näm- 
lich im dekret des L. Aemilius, in der grabschrift des flamen 
dialis Scipio und den noch vorhandenen tafeln des agrar- und 
repetundengesetzes der coniunet. plusquamperfecti und der 
inf. perfect. activi achtmal ausnahmslos mit einfachem s: su- 
perases, posedisent , licuiset, habuisent , fuise , legise, während auf 
denselben denkmälern die formen esse esset etwa zwanzigmal 
gleichfalls ausnahmslos vorkommen. — Doch diese und ähn- 
liche fragen werden hoffentlich in einer zweiten aufläge näher 
gewürdigt. Unbedingt aber ist zu wünschen, dass so störende 

druckfehler, wie p. 190: conquaeisivi 132 statt con- 

quaeisivei . . . 551 oder pag. 196: aequom statt aiquom besei- 
tigt werden. 

W. Weissbrodt. 

91. Ueber die composition der klaglieder im vierundzwan- 
zigsten buch der Ilias. Von Dr Rudolf Peppmüller. 4. 
Halle a/S. Lippert'sche buchhandlung. 1872. 25 s. 

Der vf will nachweisen , dass die klagen der Andromache, 
Hekabe und Helena in der Ilias fi 725 ff. dreitheilige nomen 
seien (p. 3) d. h. also wir sollen annehmen, der dichter der 
rhapsodie R habe die zu seiner zeit übliche form des threne- 
tischen nomos der heroenzeit beigelegt und von den frauen der 
troischen königsfamilie anwenden lassen. Begründet wird dies 
durch den nachweis , dass eine jede klage in drei theile («£>#>/, 
ofiyaXog und oyQtjyCg nennt sie der vf.) gegliedert sei; dabei 
ergeben sich dem vf. die zahlen 6 9 6, 3 6 3, 3 7 3. Dass dies 
ohne starke willkührlichkeiten nicht möglich ist, zeigt beson- 
ders die klage der Andromache ; denn welcher unbefangene le- 
ser wäre im stände, nach v. 730 und 739 einen stärkeren ab- 
schnitt in der aufeinanderfolge der gedanken, wie ihn jene glie- 
derung erforderte, zu entdecken ? Indessen gestehen wir dem 



Nr. 4. 02. Aristophanes. 165 

vf. für einen augenblick die richtigkeit seiner gliederungen 
zu: wieso ergiebt sich hieraus, so fragen wir und mit uns ver- 
muthlich auch mancher leser dieser zeilen , eine nachahmung 
des threnetischen nomos? Einfach darum, weil auch der no- 
mos ursprünglich trichotomisch gegliedert gewesen — sein soll, 
nämlich nach einer bypothese neuerer gelehrter. Ich halte diese 
meinung für durchaus unerwiesen und unerweisbar (eine erörte- 
ruug dieses pünktes kann hier natürlich nicht gegeben werden) 
und sehe mich daher nicht im stände , ihr eine beweiskraft für 
die ansieht des vf. beilegen zu können. Uebrigens legt die 
schrift von einer gründlichen und eingehenden beschäftigung 
mit jenem theile der Ilias zeugniss ab und enthält für die er- 
klärung des einzelnen manche beachtenswerthe bemerkung. 

92. De exitu Vesparum Aristophaneae fabulae commenta- 

tio. Scripsit Dr Chr. Muff. [S. Phil. Anz. IV, 12, p. 606.] 

Der vf. theilt über die schlussverse der Wespen sowohl 

in bezug auf Schreibung wie auf erklärung die ansieht Julius 

Richters. Beide schreiben : 

aXX i^uysz, ei' ii g^ar' 'iQXOvftevot, &vgu£s 
tjfAäg nvfy' tovto yag ovdslg tzco nagog dsdgaxev, 
OQ%ovftsvog oGTig anfjXla%ev x°Q" v iQvyqadcör. 
Seltsamer weise hält der vf. ogxoifievog für eine conjeetur En- 
gers, während ,,in den handschriften" 6g%ovpievov stehe (p. 4 u. 
6). Vielmehr hat der Eavennas og^otpetög rig, und aus 
dem Laurentianus r wird ogxovfAevog oong angeführt. Interpre- 
tirt werden die worte p. 10 auf folgende weise: sed si libenter 
saltatis, quam primum nos foras educite (sc. saltantesj ; id enim ad- 
huc nemo fecit (sc. ut saltans chorum abeuntem educeret), quieunquß 
saltans, i. e. inter saltandum eum dimiserit sive abire iusserit"* 
Etwas undeutlicher, aber genau in demselben sinne, drückt sich 
Richter aus : quieunque comicum chorum dimiserit, dum saltat, non- 
dum eum comitatus est saltando , und wenn er hinzufügt : itaque 
ad didgaxsv suppleo warn oQ^ov^tiog t^ayayeh', so ist klar, dass 
auch er npyovfJEvoi zu sIgüyeTe ergänzt wissen will. Auf eine 
vollständige Zusammenstellung und Widerlegung der von ande- 
ren gegebenen erklärungen macht Muff keinen anspruch ; höchst 
eigentümlich bleibt es immerhin , dass Donners Übersetzung 
und Bode's geschichte der hellenischen dichtkunst citirt werden, 



166 93. Griechisches drama. Nr. 4. 

während der vf. die ansieht, welche Meineke in den vindiciae 
Aristophaneae aufgestellt hat, einer berucksichtigung nicht für 
werth hielt. In folge davon meint er p. 5, die worte ei ii </u- 
Xsite könnten, wenn man sie nicht mit oQxovptetoi verbinde, nur 
bedeuten , velle Carcinitas saltando orchestram egredi und dies sei 
eine res futilis et commenticia ; dass zu qnXeite auch ijfiäg aus 
dem folgenden entnommen werden kann, kommt ihm nicht in 
den sinn. 

93. Die marschlieder des griechischen drama von Dr L. 
Myriantheus. München, Theodor Ackermann. 1873. gr. 8. 
VIII u. 141 s. 

Wie der ref. so werden wohl die meisten für scenische 
fragen sich interessirenden philologen diese kleine, aus der 
münchener schule hervorgegangene schrift mit vergnügen und 
beistimmung lesen. Vor allem wird man das vom verf. streng 
eingehaltene streben, das wesen und die einrichtungen des at- 
tischen drama aus den erhaltenen proben selbst zu erkennen 
und nicht, wie das lange zeit einseitig geschah, einzig aus den 
theoretischen Schriften der alten über dasselbe billigen und lo- 
ben müssen. Ich wenigstens halte es hierin vollständig mit 
dem Verfasser. 

Der begriff der „marschlieder", wie Myriantheus ihn steckt, 
ist ein sehr weiter. Er zählt zu ihnen nicht etwa bloss die 
chorika, unter deren tönen der chor einen bestimmten marsch, 
eine procession ausführt, sondern alle melischen oder recitati- 
ven vortrage des chors, welche irgend eine fortschreitende be- 
wegung auf der orchestra oder auf der bühne begleiten. Die 
anlasse zu marschliedern sind daher bei ihm folgende: 1) bei 
gelegenheit der parodos, 2) bei der epiparodos, 3) in fällen, in 
denen der chor seinen platz verändert, 4) bei der exodos, 5) 
beim auftreten der Schauspieler, 6) in fällen, in denen die Schau- 
spieler ihre Stellung ändern, 7) beim abtreten der Schauspieler. 
Nach diesen gesichtspunkten werden im ersten kaupttheile der 
Untersuchung die einschlägigen chorgesänge aufgezählt und kurz 
besprochen, und zwar p. 8 — 34 die anapästischen, — p. 39 
die daktylischen, — 48 die trochäischen, — 62 die iambischen, 
— 66 die iambo - trochäischen, — 68 die ionischen, — 69 die 
choriambischen, - 71 die daktylo - trochäischen, — 94 die lo- 



Nr. 4. 93. Griechisches drama. 167 

gaödischen , — 99 die dochmischen und päonischen. Berück- 
sichtigt sind gleichmässig alle vorhandenen tragödien und ko- 
mödien. Die eingeflochtenen kurzen besprechungen dieses oder 
jenes versmasses lehnen sich durchweg an Westphal. Der zweite 
haupttheil zieht sachgemäss die aus der vorausgehenden Zu- 
sammenstellung sich ergebenden resultate, indem zunächst 
die Verschiedenheit der marschrhythmen unter einander, sodann 
die Verschiedenheit der vier dramatiker in bezug auf die gat- 
tungen und die formen der marschlieder, endlich die Verschie- 
denheit der marschlieder gegenüber den übrigen chorgesängen 
der tragödie und komödie charakterisirt und an passenden bei- 
spielen erläutert wird. Was den ersten punkt anlangt, so ist 
es interessant im concreten fall zu sehen, wie das drama die 
rhythmen nicht unterschiedslos, sondern nach dem ihnen eigen- 
tümlichen charakter anwandte, welcher „den stand, die augen- 
blickliche läge und die Stimmung der marschirenden person 
ausdrückte". Von besonderer Wichtigkeit ist der letzte punkt, 
in bezug auf welchen es dem verf. gelungen ist die anapästi- 
schen Systeme und die trochäischen tetrameter als nur für 
marschlieder bestimmt nach regel und ausnähme zu erweisen, 
sodass darnach die aristotelische definition des stasimon als 
fiiXog x°Q ov ro wv£ v uvunaicrov hui ZQO^aiov, die so 
oft bemängelte und missdeutete, sich für die tragödien als völ- 
lig zutreffend herausstellt. Auf die chorlieder der komödie da- 
gegen findet jene scheidung des Aristoteles keine anwendung. 
Hiermit sind wir zu dem „anhang" des buches gelangt 
und zugleich zu dem besten, was uns in demselben überhaupt 
geboten wird, nämlich zu einer aus dem drama, wie es uns 
noch heutzutage vorliegt, geschöpften neuen und ohne zweifei 
richtigeren aufiassung der parodos, als die gangbare es ist. 
Wenn man im anschluss an Aristoteles Poetik und spätere 
grammatiker oder lexikographen gemeinhin sich den einzug des 
chors unter den klängen des ersten liedes vor sich gehen denkt 
und nur eben dies erste lied als die nÜQo8og bezeichnet , so 
hat man, wie der verf. gestützt auf sprachliche, metrische und 
sachliche beweise darthut, vielmehr drei arten des einzugs an- 
zunehmen: 1) der chor befindet sich bereits bei beginn des 
Stückes auf der orchestra, 2) er hat während der den parodoi 
voraufgehenden monodien einen stillen einmarsch gehalten, 3) 



168 93. Griechisches drama. Nr. 4. 

er zieht mit dem ersten chorikon ein ; doch ist auch in diesem 
fall nie das ganze chorikou zum einzuge verwendet worden, 
„sondern nur ein theil desselben, und zwar in manchen stücken 
bloss die den lyrischen partien vorausgehenden anapäste, in 
anderen dagegen, in denen das chorikon ganz aus lyrischen par- 
tien besteht, nur das erste strophenpaar". Namentlich der 
zweite fall ist von Myriantheus durch eine fülle treffender bei- 
spiele und den nachweis eines eigenthümlichen stereotypen ge- 
brauche des aoristes von irgend einem verbum der bewegung 
im zweiten oder dritten vers der eigentlichen parodos unwider- 
leglich dargetban worden. Für den ref. bedurfte es freilich 
eines solchen beweises nicht, da er schon längere zeit in den 
anschauungen des verf. lebt , ohne aber die möglichkeit gerade 
dieses beweises zu kennen. 

Sonst dürfte im allgemeinen dem verf. doch ein eingehen- 
deres Studium der neueren erklärungen zum 12. capitel der 
Poetik empfohlen werden. Er konnte sie bequem in den fleissi- 
gen Übersichten, die Susemihl von ihnen zu geben pflegt, fin- 
den. Hätte er z. b. das Rhein. Mus. bd. 28, p. 305 ff. ein- 
gesehen, so würde er kaum Westphals vortreffliche emendation 
Tiagodog [xev rj ngcöri] Xs^ts o).[rj t)ov ioqov [statt oXov %o- 
gov'] bezweifelt haben. Im einzelnen müsste ref. allerdings 
über nicht wenige punkte mit ihm streiten , wenn hier der ort 
dazu wäre. Nur eines sei erwähnt. In seinen bei Teubner 
erschienenen scenischen erläuterungen der chorpartien bei Ari- 
stophanes glaubt ref. p. 121 ff. ausführlich gegen Westphal 
dargelegt zu haben , dass die schlusshexameter des chores in 
den Fröschen , die in einer melischen stelle ganz allein daste- 
hen würden, kein carmen propempticum bilden und nicht vom 
ganzen chore gesungen, sondern vom Chorführer recitirt wur- 
den. Es ist auffallend, dass sie bei Myr. p. 38 und 109 wie- 
der als marschlied erscheinen, und dass er bei seiner richtigen 
Vorstellung vom wesen der parodos nicht auch zu einer analo- 
gen vom wesen der exodos allseitig durchgedrungen ist. Wie es 
bei jener geschah, geschah es auch häufig in tragödien wie ko- 
mödien bei dieser: der chor hielt einen stillen abmarsch, nach- 
dem der Chorführer einige worte gesprochen hatte. Auch mit 
rücksicht auf die gegen ref. gerichtete anm. 15 auf p. 88 f. 
muss derselbe den verf. auf p. 100 ff. der genannten schrift 



Nr. 4. 94. Aristophanes. 169 

verweisen und ihm eine vorurtheilsfreie nachprüfung dringend 
anrathen. 

Die correctur des druckes hätte sorgfältiger sein sollen, 
da sich in dieser hinsieht viele nachlässigkeiten bemerkbar ma- 
chen. Der deutsche ausdruck leidet an manchen härten, 
schweren Verbindungen und undurchsichtigen perioden, welche 
den ausländer verrathen. 

Nach allem aber muss die vorliegende arbeit eine erfreu- 
liche und wohlgelungene genannt werden ; sie ist dem prof. 
Christ gewidmet und von ihm der einleitung zufolge veranlasst: 
wir wollen hoffen und wünschen, dass ihr ähnliche bald folgen. 

R. A. 

94. Die chorpartien bei Aristophanes. Scenisch erläutert 
von Dr Eichard Arnoldt. 8. Leipzig, Teubner. 1873. 196 
und vi. — 1 thlr. 10 ngr. 

G-. Hermann hat mehrere besonders lebhaft bewegte chor- 
partieen der dramatiker an die einzelnen choreuten vertheilt ; 
sein gedanke hat aber nicht immer die beachtung und anerken- 
nung gefunden, die er verdient. So fühlen sich die neueren 
herausgeber des Sophokles nicht einmal bewogen nur zu er- 
wähnen, dass das kommatische chorikon in Trach. 862 — 895 
von Hermann unter die 15 choreuten vertheilt worden ist. 
Und doch ist kaum eine stelle geeigneter eine vertheilung un- 
ter verschiedene chorpersonen zu erweisen. Man hat sich be- 
gnügt dem v. 862, 86G, 868 mit Brunck '/fy//. für Xo. vor- 
zusetzen , während man für die immer wiederholten gleichen 
fragen ov ö^'/zotf' mg Oavovaa; rs&rrj'Asv rj räXuiva ; räXaiv 
ole&gta.' Tili 7oÖ7iq} Oaveiv ergig qp^; sine reo [iooco , yvrai, 
li/vrp^ff ; r<V &vpbg — ^vvslXs; näg tfArjaaTO ngog öavurcp 
dararov ävvaaaa fxöpa] sneideg, fiaruia; rig i\v ; ncog\ q;sg i 
eins. ti yrnreig ; nur die handschriftliche bezeichnung Xo. kennt 
und nichts dazu bemerkt. Die art der vertheilung freilich lässt 
sich nicht mit Sicherheit durchführen; wenigstens erweckt die 
weise, wie Hermann die einzelnen chorstücke vertheilt hat, 
mannigfache bedenken. Auch ist es mir zweifelhaft, ob alle 
fünfzehn chorpersonen am gespräche theil genommen haben oder 
nur drei, der xogvyuiog und die führer oder Vertreter der bei- 
den halbchöre. Bei letzterer annähme könnte man der hin 



170 94. Aristophanes. Nr. 4. 

und wieder in den bandschriften sich findenden bezeichnung 
Hfiixo. eine gewisse gewähr beimessen. Die abstimmung der 
cboreuten in Aescb. Ag. 1344 ff. ist zu eigentbümlicb, als dass 
sie für andere fälle etwas beweisen könnte. Nur wird man 
auch in dieser stelle die drei trochäischen tetrameter jenen drei 
besonderen chorpersonen zuweisen , nichts destoweniger aber 
diese drei nachher mitstimmen lassen müssen. Denn da nach 
v. 1370 f. alle mitglieder des chors ihre stimme abgeben und 
der koryphaios sich der majorität der abstimmenden anschliesst, 
so ist unbedingt die 0. Müller'sche annähme von zwölf choreu- 
ten der Hermann'schen vertheilung unter fünfzehn vorzuziehen. 
E. Arnoldt hat nun ausgehend von Hermanns programm de 
choro Vesparum Arist. Lipsiae, 1843 den gedanken von Her- 
mann für Aristophanes fruchtbar zu machen und zur geltung 
zu bringen gesucht. Denn die erörterung des auftretens ein- 
zelner choreuten bildet den hauptbestandtheil auch obengenann- 
ter schrift (p. 1 — 114) wie früherer abhandlungen des Verfas- 
sers. Die lektüre dieser gründlichen, Scharfsinn, umsieht 
und fleiss bekundenden schrift macht auf uns den wohlthuenden 
eindruck, dass der gedanke, welcher die gruudlage bildet, ein 
fruchtbarer und wichtiger ist. Man muss auch von vorn 
herein annehmen , dass gerade für die lebhafte bewegung der 
komödie eine theilnahme verschiedener personen am gesprä- 
che noch geeigneter ist als für die ruhigere tragödie. So 
hat denn Arnoldt ansser der von Hermann behandelten stelle 
der Wespen v. 230 — 487 noch acht partien in den stücken 
des Aristophanes gefunden, wo er eine vertheilung an einzelne 
choreuten nachweist, Ach. 204—346, Ri. 247 — 497, Fried. 
301—519, Vö. 310-450, Lys. 254 — 386 und 614—705, Eccl. 
478 — 503, Thesm. 655 — 727. Nach dem satze von Bamber- 
ger : quo maior chori ad actionem usus , eo saepius carminum a 
partibus chori cantatorum locum fuisse consentaneum est, hat er die- 
jenigen theile herausgegriffen , in M'elchen der chor am meisten 
selbstthätig in die handlung eingreift, und am lebhaftesten mit 
den personen der bühne oder mit sich selber verhandelt. Aeu- 
ssere indicien sind anreden, aufforderungen , befehle, fragen, 
Wiederholung derselben gedanken , plötzliche gedankeusprünge 
und gegensätze in den gedanken , plötzlicher Wechsel des me- 
Uutns, proodischer und exodischor bau. Die vertheiliiug an 



Nr. 4. 94. Aristophanes. 171 

einzelpersonen erhält aber bei Arnoldt noch eiue wesentliche 
bestimmung: er weiss überall gruppen von vier oder sechs sol- 
chen chorreden zu unterscheiden, welche er den sechs tyya- 
oder vier aioi^oi des chors zuweist, so dass er in der art der 
vertheilung zugleich einen anhaltspunkt findet, die betreffende 
aufstellung des chors zu bestimmen. So werden in den Wes- 
pen, wo Arnoldt abweichend von Hermann die knaben vom 
chore trennt, die iambischen tetrameter 230 — 247 sechs cho- 
reuten oder dem ersten azoi^oi,' zugetheilt (mit Personenwechsel 
bei v. 230, 233, 235, 240, 242, 246), die synkopierten kata- 
lektischen iambischen tetrameter 248 — 272 dem zweiten ozol- 
Xog (249, 251, 258, 259, 262, 266), die daktylo - epitritischen 
Strophen 273—281 = 282—290 dem dritten (273, 278, 281, 
282, 286, 290), die Strophen 291 — 302 = 303—315 dem 
vierten aioi%oe (293, 297, 309, 310, 313). In dem abschnitt 
334—394, welchen Enger in 334—364 = 365—394 abge- 
theilt hat, ergeben sich in Übereinstimmung mit der responsion 
zwei aroi^oi, in den folgenden respondirenden theilen , in wel- 
chen Arnoldt mit Heibig vor v. 463 den ausfall zweier trochäi- 
scher tetrameter des chors annimmt(403 — 429 = 461 — 487), zwei 
weitere azol^ot, während die zwischen den letzten respondieren- 
den abschnitten stehenden chortheile 437, 441 — 447 und 453 — 
455 dem Chorführer ausser der reihe zugewiesen werden. Aus 
dem ganzen leitet dann Arnoldt folgende gesetze für den cho- 
rischen solovortrag ab (p. 29): 1) in den einzelnen, durch den 
Wechsel des metrums von einander gesonderten gliedern der 
betreffenden chorpartien gelangen die einzelnen glieder des chors, 
in der einen komödie die GioT%ot, in der anderen die ^vyd. zum 
sprechen oder singen, so dass wenn einmal in dem ersten me- 
trischen abschnitt sechs oder vier choreuten gefunden werden, 
die gleiche zahl sich in den folgenden abschnitten wieder findet. 
2) In den antistrophischen chorgliedern tritt an denselben vers- 
stellen in strophe und antistrophe Personenwechsel ein, wenn 
der chor für sich allein singt, nicht an denselben stellen, wenn 
andere personen dazwischen einreden. 3) Für die epeisodischen 
dialogpartieen, in denen bühnenpersonen sich mit dem chore un- 
terreden, gilt das erste gesetz mit der modification, dass mit- 
unter nicht antistrophische oder nicht einander respondierende 
abschnitte nicht bloss ein chorlied, sondern zwei oder drei er- 



172 94. Aristophanes. Nr. 4. 

halten. 4) Der Chorführer wird wie in der tragödie bei verein- 
zelten chorkomraata ohne entsprechung bisweilen , wenn auch 
nicht eben häufig, ausser der reihe verwandt. 

Wir müssen der durcbführung dieser sätze in den oben 
angeführten partieen das zeugniss geben, dass sie nirgends oder 
nur sehr selten eine gewaltsamkeit oder künstliche erklärung 
nothwendig macht, dass die gruppirung nach arotyoi oder Qvyd 
oft in überraschender weise mit der responsion übereinstimmt, 
dass überall durch die vertheilung an verschiedene chorpersonen 
neues licht auf die betreffenden stellen fällt. Wie treffend ist 
z. b. die bemerkung (p. 88), dass Lys. 360 f. gleichsam die 
antwort auf die frage eines anderen choreuten v. 356 f. ent- 
halten. Die vertheilung von Vö. 310 — 450 nach otoT%oi be- 
stätigt sich durch die aufzählung der anrückenden vögel v. 
297 — 304, wo zuerst sechs vögel einzeln genannt und dann in 
drei versen immer je sechs aufgeführt werden, woraus man auf 
eine Stellung xura Gtotyovq schliessen darf. Nichtsdestoweniger 
sind uns einzelne bedenken gekommen, welche uns noch ab- 
halten die vertheilung wie sie Arnoldt xaza 67oi%ovg oder 
xaza £vyd vorgenommen hat als unzweifelhaft richtig zu be- 
trachten. Vor allem ist zu bemerken, dass das herbeiziehen 
des korypkaios ausser der reihe oft doch nur dazu dient über- 
zählige chorika an den mann zu bringen. Ihm werden Ach. 234 — 
236 und 238 — 240, Fried. 428—430, Vögel 400—406, 408, 
410 f., 442, 444, 445, 447, Lys. 254 f. und 31 7 f. gegeben. Was 
ist z. b. für ein unterschied zwischen Wesp. 230 #£»(>?/, ttqc- 
ßaip' 1 iggcoiAwooi;. co Kcofiia, ßgadvrsig] und Lys. 254 yaoei, 
/jQaxijg, i)yov ßddqv, ei ■na) top coftov dXysTg xts? Und doch 
wird jener vers dem ersten choreuten, dieser dem korypkaios 
ausser der Ordnung zugewiesen. Auch andere mittel die ver- 
theilung in die reihe zu bringen sind nicht immer unbedenk- 
lich. Wesp. 416 wird rij Ai tov ovoavöv y' dem Bdelykleon 
hinzugegeben (o boni rem ipsam audite et ne clamaveritis — per 
Iovem — in coelum usque: nam Tiunc ego non dimittani) ; aber rtj 
Jia — ye ist doch nur in der erwiderung am platz. Ach. 324 
wird finXni'fiyv }/v ccxoiam. MtjdafJimg (oyanvixni zwei choreuten 
zugetheilt, was kaum möglich ist; fuida/iug aiyagvixoi muss Di- 
käopolis ebenso sprechen wie z. b. 322 und auch die Symme- 
trie verlangt den Übergang dos gosprächs an Dikäopolis. Doch 






Nr. 4. 94. Aristophanes. 173 

kann an dieser stelle, wo lirfiapmg uiagnxoi keine passende 
antwort auf i^oXoCfAtjv ))v axovoco ist, die fehlende chorrede durch 
annähme einer lücke gewonnen werden, die weit gerechtfertigter 
sein dürfte als Umstellung, womit Hamaker und W. Eibbeck 
helfen wollen. Eine ähnliche abtheilung ist die im Fried. 385, 
wo [iTjöa/Atäg, a> 8iano&' ' Eg/x?] , nqdanäg , [iqdanäg unter zwei 
choreuten vertheilt wird. — Ach. 280 — 283 werden noch den 
vier gliedern des ersten tpyöv hinzugegeben, was jedenfalls eine 
Unregelmässigkeit ist. — Dass Fried. 519 die ausrufe w da 
3(« da nag (vvv) bis zur vollzahl des vierten 07ol%og vermehrt 
werden, ist unerheblich. — Vög. 322 f. werden trotz Perso- 
nenwechsels ein und demselben choreuten gegeben. Die recht- 
fertigung, dass der betreffende choreut nur für einen augen- 
blick durch Wiedehopfs schnell dazwischen geworfene worte 
fii'jna) q>oßtj&r,g rot Xöyov in seiner frage unterbrochen werde, 
kann nicht ganz befriedigen. — Die vertheilung des zankduetis 
in der Lys. 352 — 386 unter sechs männer und sechs weiber in 
der weise, dass von 370 an immer nur ein mann und eine 
frau am gespräche theil nimmt, ist minder bedenklich als der 
umstand, dass man nicht einsieht, warum v. 368 f. und 371 
demselben choreuten gehören sollen. Eccl. 501 f. scheint die 
trennung von d\V ensiyov anaaa v.a\ \xiau adxov ngog iolv fvd&oiv 
t%ovaa in dkX' ineiyov. \ anaaa ttal [xtati xri. unmöglich zu 
sein. Oft auch wird, wenn bei wechselndem metrum Personen- 
wechsel angesetzt wird, der Zusammenhang des gedankens zer- 
rissen. Mit recht macht z. b. Arnoldt auf das individuelle auf- 
merksam, welches in dem chor der frauen Lys. 636 ff. die er- 
zählung des lebenslaufs 641 — 647 hat; damit aber zählt die 
frau ihre Verdienste um die Stadt auf; wenn es also weiter 
heisst aga ngovqisiXco ti ^gtjarop rj; noXsi nagaivs'aai, wird man 
da kaum Personenwechsel annehmen dürfen. Ebenso bleibt 
Ach. 219 vvv d instar] gzeqqov /jöt] tovfxov uvuxv/jpiop der Zu- 
sammenhang ,, in meinen jungen jähren wäre das nicht ge- 
schehen; nun aber, nachdem ich alt geworden, u. s. w," 
bei Personenwechsel unbeachtet. Dass in der that Wech- 
sel des metrums nicht immer Personenwechsel indicirt, ver- 
räth am deutlichsten Fried. 395, wo zwischen: dlXd %ägia\ 
t» tyiXav&gwnoiata xai fisyaXodmgözaTa daifAÖtmv, I ei' ii Hei~ 
odtögov ßdeXvTzei roug Xdcpovg xat rag ocpgvg, kein personen- 



174 94. Aristophanes. Nr. 4. 

Wechsel eintreten kann. Endlich hat der lebhaft bewegte wei- 
berhalbchor Lys. 319 — 351, welchen Arnoldt mit Enger unter zwei 
halbchöre vertheilt, ganz denselben Charakter wie die an einzelcho- 
reuten vertheilten chorika. Den grund, dass bicr die einzelnen theile 
nicht auch einzelnen choreuten zugewiesen werden, kann man doch 
wohl nur darin finden, dass die gewünschte zahl nicht zum Vorschein 
kommt. So sehr wir darum mit Arnoldt in der hauptsache, in 
der vertheilung an einzelne choreuten, einverstanden sind, kön- 
nen wir von der art der vertheilung an die 24 mitglieder 
des chors nach oioi%oi oder £vyd noch nicht überzeugt sein. 
Durch die eben erwähnte stelle der Lysistrata gewinnt die 
vermuthung, dass nicht alle 24 choreuten, sondern nur drei, 
der koryphaios und die Vertreter der beiden halbchöre zum 
dialog verwendet worden seien, an Wahrscheinlichkeit. Auch der 
chor Thesmoph. 655 — 727 unterstützt diese annähme bedeutend. 
Eine solche Sonderstellung der führer der halbchöre nimmt Ar- 
noldt selber in dem zweiten capitel, welches die besondere 
thätigkeit des koryphaios behandelt, für den fall an , wo der 
chor in zwei halbchöre getheilt ist und die beiden halbchöre 
mit einander eine Unterhaltung anknüpfen, betrachtet freilich 
den koryphaios zugleich als führer des einen halbchors. 

Aus dem zweiten kapitel hebe ich die bemerkung hervor, 
dass die hexameter am schluss der Frösche vom koryphaios 
recitiert, nicht vom chor gesungen worden seien , weil sonst 
diese stelle die einzige sein würde, wo stichische hexameter ge- 
sungen worden wären. Die äschyleischen gesänge, zu denen 
Pluton den chor auffordere, seien der einbildungskraft des pu- 
blikums anheimgegeben. 

In den weiteren Untersuchungen über Chorführer und chor 
in der parabase und anderen chorika, über parachoregemata 
und paraskenien , stasima , über chorstellungen kommt Arnoldt 
meistens auf die beobachtungen oder gelegenheitlichen bemerkun- 
gen Gr. Hermanns zurück. Die ergebnisse sind zumeist, so- 
weit sich eine Sicherheit in solchen fragen erreichen lässt, über- 
zeugend. Für den Vortrag der stasima durch halbchöre , von 
welchen der eine die atrophe, der andere die antistrophe singt, 
wird auf den charakter der vier sich entsprechenden Systeme 
in den Fröschen 814 — 829 verwiesen, von welchen das dritte 
System sich an den letzten vers des ersten anschliesse. Für 






Nr. 4. 95. Plutarchas. 175 

die parodos der Frösche wird die annähme eines weiblichen 
parachoregems abgewiesen. Ich kann mich aber noch in kei- 
ner weise überzeugen , dass die vs. 444 — 447 dem Dionysos 
gehören und dass dort nicht der abzug der frauen angekündigt 
werde. Wechlein. 

95. Der sogenannte Lampriaskatalog der Plutarchschriften. 
Von Treu. Programm von Waidenburg 1873. 8. 45 s. 

Der Verfasser, schon von früher her (vgl. Philol. Anz. 1872, 
nr. 190) durch arbeiten auf diesem gebiete bekannt, liefert auch 
mit dieser schrift einen schätzenswerthen beitrag. Auf die grie- 
chische dedication folgt p. 7 — 16 der xazüloyog selbst, welcher 
bis nr. 227 reicht. Die vorangesetzten buchstaben A — E ge- 
ben an, in welchen der fünf codd. die bezeichnete schrift zu 
finden sei ; unter dem text steht eine kurze angäbe der Va- 
rianten. Sodann bespricht vf. die Überlieferung, und zwar a) 
die handschriften ; b) die ausgaben. Ueber den cod. A = 
Burhonicus III, B, 29, der aus dem ende des saec. XIV stammt 
s. C. Wachsmuth im Philol. XIX, 577. A. Schaefer ibid. XX, 
170; er enthält den «•»«£- hinter Diogenes Laertius auf fol. 
246—47. — Cod. B = Paris. 1751, für Treu von Jules Soury 
verglichen. Dass derselbe identisch sei mit dem cod. Mont- 
schals, beweist vf. daraus, dass sie denselben inhalt haben und 
dass jener codex mit anderen vom erzbischof Le Tellier von 
Rheims stamme, der sie vom toulouser erzbischof M. de Mont- 
schal empfangen hat. Auch stimmt er überein mit 3392. Je- 
ner cod. 1751 ist gegen ende des 16. Jahrhunderts von *Icody- 
vqg 6 2ayxiai*avQag geschrieben. Beide aber sind wieder aus 
A abgeschrieben, der schon in dem heutigen schlechten zu- 
stande vorlag. — Der werthvollste cod. .ist C = Marc. 481 
fol. 123, aufgefunden von Kinkel, verglichen von Treu. Je- 
ner hat ihn beschrieben in der Ueberlieferung der paraphrase 
des evangeliums Johannis von Nonnos p. 5 ffl., dieser auf p. 
21. Geschrieben ist er von Max. Planudes im September 1302. 
Dieser Planudes giebt nach den ihm vorliegenden Plutarchhand- 
schriften zuerst die titel der Vitae, dann die der in jenen ent- 
haltenen moralischen Schriften , schliesslich die titel derjenigen 
Schriften, welche nach seiner meinung nicht mehr vorhanden 
waren, und zwar diese letzten aus dem katalog. Er giebt nicht 



176 95. Plutarchos. Nr. 4. 

den vollständigen sogenannten Lampriaskatalog. Der cod. be- 
ruht auf einem vollständigeren exemplar als A, vermuthlich 
auf demselben, aus welchem A entnommen ist. — D = Marc. 
186 (fol. 1 — 2), aus dem anfang des 15. Jahrhunderts, von 
Treu verglichen. Er ist aus C entschieden abgeschrieben, mit aus- 
nähme des letzten theiles fol. 2 lin. 23 — 32, und enthält nur 
die moralischen Schriften. — E = Marc. 248 (fol. 1 — 4), von 
Treu verglichen. Es ist ein schöner pergamentfoliant des Kre- 
ters Joann. Ehosus, der viele abschriften für Bessarion be- 
sorgte; am 1. febr. 1455 wurde er vollendet. Dieser codex 
ist vollständig nach D gearbeitet (vgl. Schaefer im Phil. XIV, 
763); die Vitae sind nach anderen quellen hinzugegeben. Ei- 
nen irrthum des ßhosus nachweisend, der die vor nr. 65. 79. 
121. 136 stehenden kreuze nicht verstand und deshalb die ti- 
tel dieser Schriften ganz fortliess, widerlegt Treu die seit Wyt- 
tenbach von vielen acceptirte hypothese einer byzantini- 
schen excerptensammlung. — H. Stephanus, der 
den katalog in bd. IX und XIII seiner Plutarchusausgabe ver- 
öffentlichte, hat aus A oder B geschöpft. — David Hoeschel, 
der ihn 1597 Augsb. edirte, erhielt das manuscript von Andr. 
Schott, der dasselbe aus B entnahm, nicht aus A, wie Wachs- 
muth und Schaefer wähnen. Die angäbe des Ionsius de Script, 
bist. phil. Francof. 1659, dass ein florentiner codex dieses ka- 
talogs existire, beruht auf einem blossen irrthum desselben. — 
D ist auch von Harless Bibl. graec. V, p. 167 — 71 publicirt, 
doch nach einer ganz oberflächlichen vergleichung des profes- 
sors Siebenkees in Altdorf. 

Im abschnitt : ,, entstehung und werth des katalogs" ver- 
wirft Treu die angäbe der Überlieferung, dass der katalog von 
Lamprias dem söhne Plutarchs , verfasst sei. Denn die notiz 
fusse erstlich auf Suidas , der es bloss von den historischen 
Schriften sage; zweitens habe Plutarch zwar einen bruder, aber 
keinen söhn dieses namens gehabt, drittens sei die echtheit 
deshalb unmöglich, weil man doch annehmen dürfe, dass ihn 
jener sorgfältig und nach bestimmten gesichtspunkten verfasst 
haben würde. — Sodann widerlegt Treu die ansichten von 
Wyttenbach und Schaefer über entstehung des katalogs. Je- 
ner hält denselben für alt und glaubt, dass auszüge von allen 
plutarchischen Schriften vorhanden gewesen seien ; doch schwankt 



Nr. 4. 95. Plutarchos. 177 

er, indem er die abfassung erst ins zehnte, dann ins sechste 
Jahrhundert setzt. Erstere ansieht, die auf einem irrthüm li- 
ehen verständniss der stelle des Rhosus beruht , hat sich 
seitdem erhalten. Schaefer behauptet , der katalog sei kurz 
vor Suidas verfasst; auch dies weist Treu kurz und tref- 
fend zurück. Hinsichtlich der sechzehn erhaltenen Schriften 
Plutarchs, deren titel im katalog nicht erwähnt sind, kommt 
Treu zu dem Schlüsse, dass drei derselben unecht, fünf durch 
entsprechende titel benannt, fünf nur in bruchstücken vor- 
handen und drei übersehen seien. — Zum schluss giebt 
der Verfasser seine ansieht. Von der anordnung der Schrif- 
ten ausgehend, scheidet er drei gruppen: I, 1 — 41 biogra- 
phische Schriften; II, 42 — 62 solche, die mehrere bücher um- 
fassen; III, 63 — fin. (xovoßtßXa nicht biographischen inhalts; 
in der letzten sind bestimmte gesichtspunkte der Zusammenstel- 
lung nicht zu verkennen. Der katalog ist nach Treu ein ver- 
zeichniss der in irgend einer grossen bibliothek unter Plutarchs 
namen vorhandenen werke. Hierfür wäre 1) nachzuweisen, ob 
die anordnung der Schriften in den manuscripten eine ähnlich- 
keit mit derjenigen des katalogs erkennen lasse. Dies ist einst- 
weilen nicht möglich, weil die vitae erst später allmählich paar- 
weise zusammengereiht sind und weil hinsichtlich der morali- 
schen schriften die kritische geschiente der handschriftlichen 
Überlieferung noch fehlt. Doch 2) spricht die sonstige beschaf- 
fenheit des katalogs dafür, dass derselbe die planlos zusam- 
mengestellten und durch neue ankaufe vermehrten bücher einer 
bibliothek umfasst, deren präses nach echtheit oder unechtheit 
der schriften wenig fragte. Trotz mancher mängel scheint der 
werth des katalogs nicht gering angeschlagen werden zu dürfen, 
weil er doch auch die titel der meisten echt plutarchischen schrif- 
ten enthält. Die echten sucht Treu auf p. 52 — 53 nachzuweisen. 
Ueber die zeit der abfassung stellt Treu die vermu- 
thung auf, der katalog sei erst nach dem neuplatoniker 
Plutarch aus Athen (350 — 433) entstanden, auf den sich 
viele titel beziehen lassen. Doch verwirft er dieselbe sofort 
wieder, weil keine von dessen schriften mit Sicherheit im kata- 
log nachgewiesen werden könne und weil es undenkbar sei, 
dass ein grammatiker die schriften des Chäroneers unter der 
einfachen bezeichnung IJXovjuqxov ßißJiav nival; habe nennen 
Philol. Anz. VI. 12 



178 96. Lysias. Nr. 4. 

können, wenn schon ein zweiter bedeutender schriftsteiler dieses 
namens vorhanden gewesen wäre. Aus diesen gründen entscheidet 
sich Treu lieber dafür, dass der katalog schon im dritten oder 
vierten Jahrhundert entstanden sei. — Mit dieser be- 
hauptung ist Treu zu weit gegangen ; viel mehr billigung verdient 
die erst er e annähme. Mir ist sie deshalb die wahrscheinlichere, 
weil auf das fehlende Xaigcoveiov nicht viel zu geben ist; denn 
es kann recht leicht ausgefallen sein, oder dem grammatiker 
galt dieser Plutarch für so wichtig und bekannt, dass der an- 
dere gegen ihn nicht in betracht kam , oder auch — er kannte 
den Athener gar nicht. — Dagegen stimme ich darin der an- 
sieht Treu's bei, dass ein falscher seinem machwerke dadurch, 
dass er sich für einen söhn Plutarchs ausgab, den anschein 
grösserer glaubwürdigkeit geben wollte. 

C. Härtung. 

96. Quaestionum Lysiacarum speeimen. Dissertatio inau- 
guralis quam — defendet Aemilius Godoholdus Sachse. 
Halle 1873. 49 s. 8. 

Die am anfang durch eine lücke in der urhandschrift des 
Palatinus verstümmelt auf uns gekommene achtzehnte rede des 
Lysias, die in den handschriften und ausgaben den titel nei>"t 
dqfisvosojg 7<ä$> tov Nixiov adsXcpov inlXoyog führt, ist in der 
jüngsten zeit gegenständ einer zweifachen Untersuchung gewor- 
den , die freilich auch zu einem zweifachen resultate geführt 
hat. In der inhaltreichen dem greisen senior der Universität 
Greifswalde, G. F. Schömann, zum 60jährigen docentenjubiläum 
gewidmeten commentatio von Rudolph Scholl (s. Phil. Anz. 
V, nr. 9, p. 457) hat dieser nachzuweisen gesucht, die rede sei 
eine vertheidigungsrede, durch welche sich die söhne des 
Eukrates, des bruders des Nikias, gegen den durch einen ge- 
wissen Poliochos in seiner eigenschaft als avXXoyevg gestellten 
antrag auf confiscation ihres vatergutes gewehrt hätten. Leider 
ist die stelle der rede, die für die entscheidung über das motiv 
des falles massgebend ist, §. 14, in der handschriftlichen Überlie- 
ferung problematisch: ttdvrsg ei'aouai on zöze fiep iiXiaig dgay;- 
flttie f'£V/|UM»(J£ (/7o^i'o^o?) TOP ßovXÖftet'OP TljP ijfieieQttP yt]v 8t]- 

fiooCav noitjaai, pvpi 8e xiXevcov 8t]nevaai vsvtxtjxe , xcel na gl 
70V703V 8ij aficpoTSQütv 'u4&t]vaiQ( y TtuQavofioov qisvyovrog tov al' 



Nr. 4. 96. Lysiag. 179 

tov dvdgog , zävavriu ocpiav avto7g sxprjqiiaavTO. Nach dem 
Wortlaut dieser stelle hätte Poliochos die rolle gewechselt, indem 
er anfangs den grundbesitz der sühne des Eukrates mit erfolg 
gegen den confiscationsantrag eines andern vertheidigte [i^fitooae 
tov ßovl6[xsvov), hinterdrein aber selbst aus nicht zu ermitteln- 
dem gründe gegen seine früheren Schützlinge mit einer aito- 
yguqptj vorging. Da dies unwahrscheinlich erschien , schrieb 
Scheibe, (wie vor ihm Markland und Bake) i^rj/ximaars, um ei- 
nem früheren miserfolge des Poliochos den jetzt erstrebten 
erfolg in dergleichen sache gegenüberzustellen; würde er die- 
sen erfolg erzielen, so würde er dadurch, meint der Sprecher, 
seinen grossen einfluss auf die bürger bekunden, insofern diese 
ihm zu liebe ihr früheres verdict jetzt desavouieren würden. 
Für diese änderung der stelle , nach welcher tov avrov <xv8g6g 
auf Poliochos bezogen werden muss , hat sich jüngst auch F. 
Blass erklärt (Jenaer Literaturzeitung 1874, nr. 1), indem er 
noch das tov vor ßovXcfisvov in avtov (Poliochos) verwandelt. 
Scholl dagegen vermuthet (p. 4), indem er die worte nävtsg 
— yeviitijKS unangetastet lässt, anstatt nagavö/icov das mit td- 
vuvtla — iip^qpiaavto zu verbindende adverb nagaväfioag und 
erklärt: Iam praeter ius factum fore, si in altera actione de 
eisdem bonis a Poliocho rnota iudices contraria sibi ipsis decerne- 
rent condemnando quem tum absolvissent ; sonach bezieht er 
qisvyorrog tov avrov dvdgdg- auf den freilich schon längst ver- 
storbenen Eukrates , eine interpretation , die allerdings gezwun- 
gen erscheint; ausserdem liegt doch in dem tdvavtCa acpioip 
aviolg \pt]cp!%Ea&ai an sich noch keine gesetzesüberschreitung, 
da inconsequenz doch nicht, mit nugavoi.ua zusammenfällt v ). 

Ohne kenntniss von der wenige monate vor seiner inau- 
guraldissertation veröffentlichten Schöll'schen schrift hat nun 
Sachse die achtzehnte lysianische rede einer eingehenden 
Untersuchung unterzogen; in den zwei capiteln seiner arbeit 
behandelt er erstens den titel und die sachlichen grundlagen 
der rede, sodann die ratio dicendi. Mit der literatur wohl ver- 
traut hat Sachse nur die bemerkungen Bake's zu der rede 

1) Die correctur nagavofnag hat auch J. H. Lipsius (Quaest. lysia- 
cae p. 15) vorgeschlagen, will aber das adverb mit (fivyovios — ccydgög 
verbinden. Aber Lipsius (sogut wie Scholl) hat übersehen , dass 
schon vor dreissig jähren Bake (Schob hypomn. III, 191) genau die 
nämliche Veränderung des textes vorgeschlagen hat. 

12* 



180 96. Lysias. Nr. 4. 

(Schol. hypomn. III, 187 — 192) unbeachtet gelassen. Mit recht 
entscheidet er sich für den von Galenus überlieferten titel 
xazct Holtoftov, da die handschriftliche Überschrift der rede eine 
willkürliche ersetzung der originalen bezeichnung und nament- 
lich die characterisierung der rede als iniloyog eine irrthüm- 
liche ist (Blass, att. beredsamk. 521). In Übereinstimmung mit 
Hölscher hält Sachse die rede für eine anklagende (p. 19); 
sie sei vermuthlich eine auf das bekannte gesetz des Archinos 
begründete izaQayQctcprj gegen den amnestiewidrigen confiscations- 
antrag des Poliochos, woraus sich die färbe der rede erklärt, 
die einerseits allerdings gegen den Poliochos die anklage der 
gesetzwidrigkeit erhebt , andrerseits aber nothwendig durch die 
abwehr der anoyQayri einen apologetischen character annehmen 
muss 2 ). Die bezugnahme auf das gesetz des Archinos als die basis 
der anklage war vermuthlich in dem verloren gegangenen theile 
der rede enthalten. Schon bei dem ersten auf die guter des 
Eukrates gemünzten confiscationsantrage hatten sich die erben 
desselben mit erfolg durch die form der exceptio vertheidigt ; trat 
etwa wegen ihrer minderjährigkeit bei diesem ersten processe Po- 
liochos für sie auf, so ist, unter beibehaltung des handschriftli- 
chen itypicooe 3 ) rov ßov!6[iEvoi>, nach Sachse's ansieht die conjeetur 
H. E. Meier's: nctQavofioag Sicöxovzog neu yevyovrog rov avzov 
atÖQÖg (d. i. eben Poliochos) sinnentsprechend. Weshalb frei- 
lich Poliochos aus dem patron der söhne des Eukrates zu ih- 
rem gegner ward, ob er durch die eventuelle bereicherung des 
fiscus oder auch durch die in den confiscationsantrag verwebten 
angriffe auf den wegen einiger nicht mehr mit Sicherheit zu 
ermittelnden Vorkommnisse (tu naQshjXv&oja Lys. XVIII, 19) 
nicht des besten nachrufes sich erfreuenden Eukrates an Popu- 
larität gewinnen wollte, das muss Sachse unentschieden lassen. 
Gegenüber der von Scheibe in §. 14 vorgeschlagenen correctur 

2) Dies colorit der rede bestimmte Francken (comment. Lys. 125), 
im anschluss an Hamaker (und Bake) die rede für eine apologie zu 
halten. Damit würde der authentisch überlieferte titel xaia Jlokiöxov 
hinfällig werden. 

3) Nicht ersichtlich ist , warum sich Sachse über die deutung 
von l&iuiwoe scrupel macht; ^/uiovy heisst: veranlassen, dass einer 
in (geld)strafe » verfällt« , wie Piaton Legg. XI , 728 b : ö inirgonos 
rov ÜQXOvm ilg To — dixaari^giov tiaüywv Ctjfitovjw rto döl-avn ti/h>';/jiTi 
na dixctOTt)Qi<a. Ebenso thjftifatv t« nvog: die »confiscation erwir- 
ken«: Demosth. XXXXIX, 47, häufig dn^ovv u. a.; s. zu Lys. X, 22. 






Nr. 4. 96. Lysias. 181 

ity/uooaaTe top ßovloftevov (den Poliochos) macht Sachse mit 
grund geltend, dass , wenn Poliochos selbst den ersten 
confiscationsantrag gestellt hätte, damit aber mittelst der von 
den erben des Eukrates eingelegten aaoayQacpri abgewiesen und 
mit der strafe der inaßElCa {yiXiaig 8qa%(icüg §. 14) belegt 
worden wäre, er dann nicht, weil mit partieller atimie behaftet, 
in derselben sache hätte zum zweiten male als kläger auftre- 
ten dürfen (p. 15); er würde sich dadurch einer endeixis oder 
eisangelia ausgesetzt haben (zu Lys. X, 1). 

Auch das zweite, die ratio dicendi, qua orator usus est, behan- 
delnde capitel der dissertation verdient beachtung. Sachse macht 
aufmerksam auf die zum theil überraschenden parallelen zu 
mehreren stellen der rede, die sich in der sechzehnten und 
achtzehnten rede des Isokrates finden; bekanntlich ist die letz- 
tere ebenfalls in einer auf das gesetz des Archinos begründe- 
ten nagayonqn'} gehalten ; man vrgl. besonders Lys. XVIII, 1 
mit Isoer. XVI, 46, Lys. XVIII, 5 mit Isoer. XVI, 36, Lys. 
XVIII, 13 mit Isoer. XVIII, 21 ; er findet darin eine Unterstützung 
für seine am schluss der arbeit (p. 49) vorgetragene vermu- 
thung : orationem hanc a Lnjsia non esse scriptam, qualis in mani- 
bus est, sed ab alio genuinam orationem iterum traetatam esse; sonach 
meint er, die isokrateischen stellen seien von dem Überarbeiter 
der lysiauischen rede benutzt worden. Aus der besprechung 
einzelner stellen heben wir noch hervor, dass die auf das ano- 
lia&ai §. 5 begründete behauptung, Eukrates sei schon vor 
einsetzung der Dreissig hingerichtet worden, gehöre also 
nicht zu den opfern der aus Lys. XIII bekannten denunciation 
des Agoratos (p. 35), auf einer zu ängstlichen auslegung des 
dno).ea&ui beruht, das nicht blos auf die hinrichtung, son- 
dern auf das durch die Verhaftung (vor der Vollziehung der 
friedensbedingungen und einsetzung der Dreissig) über ihn herein- 
brechende verderben überhaupt zu beziehen ist; gewiss ge- 
hörte Eukrates zu der Opposition, die den frieden des Thera- 
menes zu vereiteln suchte (Scheibe, ölig, umwälz. 52. Bake, 
Schol. hypomn. III, 191; Blass, beredsamk. 523). Die vermu- 
thung, dass §. 7 anstatt XtXsnovQyTjuöai etwa Kgp^p/xo'ff« (mit 
Hirschig) zu lesen sei, weil nach slgcpogug sigsvtjvö^aai nicht 
ohne ein tä älla ein begriff gesetzt werden könne, in dessen 
umfang die eisphora enthalten sei (p. 38), beruht auf irriger 



182 97. Lysias. Nr. 4. 

Voraussetzung; die eisphora gehörte ja nicht zu den leitur- 
gieen 4 ) im staatsrechtlichen sinne (Böckh Staatshaush. I, 594), 
sondern diese Verpflichtung haftete auf jedem vermögen (De- 
mosth. XX, 18. Telffy, corpus iuris attici 229); daher auch 
[Lys.] XX, 23 : eigcpttoei rag eigqooäg nai XetTovoysi , Demosth. 
XXXXII, 3: ov8en(6nor ovdsv XsXsiTovQytjxsv ifiiv owö' slge- 
vrjvo^B rrj nolsi. Sehr gründlich wird p. 40 ff. gegen Blass 
der nachweis geführt, dass der von Lysias §. 9 erwähnte Diogne- 
tos nicht identisch ist mit dem in den Hermokopidenprocess 
verwickelten Diognetos, der bei Andok. I, 15 genannt wird. 

Zum schlüss sei erwähnt, dass die dissertation in sehr cor- 
rectem latein geschrieben ist ; wenn gewisse lieblingsphrasen 
wie videat oratio unde aberravit (p. 10. 17. 44), circumspectis 
omnibus rebus rationibusgue subductis (p. 19. 28), noch an das 
philologische seminar erinnern, so ist das' ja begreiflich. Von 
druckfehlern sei, abgesehen von harmlosen wie Ladaemonii (p. 
47), triearchi (p. 48), appertus (p. 49), hervorgehoben, dass p. 
23, z. 8 v. o. durch den wegfall eines komma hinter populwm 
das verständniss erschwert wird, p. 28, z. 17 v. o. äSixotfiev 
sinnstörend für adixovfxsroi n^iovfisv gelesen wird, p. 30 z. 12 
v. u. XVI, 46 anstatt XVII, 46 zu lesen ist. 

A. Frohberger. 

97. De vicesima Lysiae oratione commentatio. Scr. Fr. 
Kirchner. Öhlau. 1873. XVIII pp. 

Kirchner wirft sich zum patron dieser rede auf, die 
in der neueren zeit zumal von Hoffmeister im programm von 
Stargard 1872 viele anfeindungen erfahren hatte. Nach 
Kirchner ist der zweck der rede noch von niemand ver- 
standen, und vieles, was die kritiker dem redner aufbürden, 
ist der Ungunst der zeit zuzuschreiben ; vieles , was den in- 
terpreten dunkel erscheint, verspricht er in ein helles licht 
zu setzen. Kirchner scheidet zunächst drei anklagen gegen 
Polystratus : 1) dass er zu den verräthern in Oropos gehört 
habe; 2) dass er, wenn auch nur acht tage lang, einer der 
400 gewesen sei und als solcher die freiheit untergraben habe; 
3) da die ankläger mit der erfolgten verurtheilung nicht zu- 

4) Nur die ni>o(is<f>og(i, der von den reicheren bürgern für die 
mittellosen geleistete vorschuss, galt als ItirovQyia. 






Nr. 4. 97. Lysias. 183 

frieden waren, so stellten sie noch eine dritte Beschuldigung, 
er habe an der in der letzten amtszeit der 400 vorgenomme- 
nen expedition theilgenommen und als präfekt der flotte, wozu 
ihn seine yvlsiat erwählt hatten, seine sache schlecht geführt. 
— Weil es in Athen verboten war, wegen derselben sache 
zweimal zu klagen, so nahmen die gegner diese amtsführung 
zum vorwand (vgl. p. 10. 14. 17), brachten aber nur die alten 
beschuldigungen wieder vor ; daher heisst es : nävra [auKXop 
najriyoQovaiv rj aV ir\v a.Q%qv. Sodann wendet sich Kirchner 
zur reihenfolge der paragraphen, die in den codd. arg verwirrt 
sei: §.7 — 10 gehören ihm hinter 13 — 14, vielleicht auch hinter 
15, weil sonst einige in jenen enthaltene bemerkungen unver- 
ständlich bleiben. Ferner vermuthet er hinter dem Schlüsse 
von §.15 das fehlen des gedanken : nos vero plectimur insontesj 
um einen solchen fortgang mit obtog 8s oder rjfisig 8e zu ge- 
winnen, setzt Kirchner die §§ 13 — 15 zwischen 2 und 3. So 
entsteht folgende Ordnung: 1. 2. 13—15. 3—4. 5—12. 16—36. 
Die rede selbst entbehrt nach Kirchner's ansieht durchaus 
nicht der kunstreichen gliederung , wie Hoffmeister ihr vorge- 
worfen hat. Da sich Polystratus hauptsächlich wegen derjeni- 
gen thaten vertheidigen musste, welche die 400 begangen hatten — 
denn so hatten die ankläger die sache zu drehen verstanden — 
so nennt Kirchner die rede einen aio-^aanog = coniecturalis 
constitutio und nimmt demnach folgende theile der traetatio an : 
proiabile, collatio, signum, argumentum, consecutio, approbatio. Diese 
theile, sowie die existenz eines exordii nebst propositio und nar- 
ratio, weist Kirchner im eineinen nach und, wie mir scheint 
mit grosser Wahrscheinlichkeit. — P. x sqq. bespricht Kirch- 
ner die von Scheibe, Francken und Hoffmeister behandelten 
stellen und sucht nachzuweisen, dass vieles, was jene für un- 
griechisch erklärt und verdächtigt haben, ganz in Ordnung sei 
und nur einer von keinem vorurtheil befangenen erklärung be- 
dürfe; andere stellen dagegen seien durch konjektur oder aus- 
stossung zu heilen und dürften nicht als belege gegen den 
autor vorgebracht werden. Ueber die häufige Verknüpfung der 
Sätze durch xal sucht Kirchner mit folgender entschuldigung 
wegzuschlüpfen : scilicet homines simplices Lysias, sicut huius 
orationis auetor , simplici a verba facit loquentes, und die fülle 
der worte beschönigt er mit dem satze : verbosa oratio con- 



184 98. Lateinische comiker. Nr. 4. 

venit dicentis (adolescentis) morlbus. Wie in diesen Sätzen, 
so scheint Kirchner auch bei besprechung der einzelnen stellen 
in seinem eifer zu gunsten des Lysias zu weit zu gehen ; na- 
mentlich das argument der „Jugendarbeit" ist ein so dehn- 
bares, das unter seinem schirme jegliches opus als echt unter- 
gebracht werden kann. Uebrigens scheint es, als ob Kirchner 
selbst manchmal leisen zweifei an der gültigkeit seines endre- 
sultates gehegt habe; denn es heisst : etsi fortasse Lysiae non est 
oratio, und an einer anderen stelle : qui igitur scripsit haue ora- 
tionem, quisquis fuit cett. C. Härtung. 

98. Scaenicae Romanorum poesis fragmenta seeundis curis 
recensuit Otto Ribbeck. Volumen II. Comicorum frag- 
menta. 8. Lipsiae, in aedibus Teubneri 1873. CXXXV. 
508. — 2 thlr. 

Was zum lobe des ersten bandes in diesen blättern (Jahr- 
gang 1872, p. 286) gesagt ist, gilt im vollen masse auch von 
dem jetzt vorliegenden zweiten. Kann ich mich auch in zahl- 
reichen punkten mit Ribbeck's verfahren nicht einverstanden 
erklären , so muss ich doch dem redlichen und vielfach erfolg- 
reichen bemühen, aus eigenen mittein und mit benutzung des 
von anderen geleisteten den colossalen Schwierigkeiten des Un- 
ternehmens, die eigentlich über die kräfte eines einzelnen ge- 
hen, gerecht zu werden, die aufrichtigste anerkennung zollen. 
Die zahl der stellen ist nicht gering, wo die neue bearbeitung 
gegen die erste entschieden richtiges oder doch erheblich bes- 
seres bietet. Verhehlen dürfen wir aber nicht , dass Ribbeck's 
urtheilen und verfahren nicht selten genauere kenntniss des 
Plautus und Terenz vermissen lässt. 

Es war in der erwähnten besprechung des ersten bandes 
hauptsächlich gerügt worden , dass Ribbeck in der Zulassung 
archaistischer formen, namentlich solcher mit auslautendem d } 
zuweit gegangen sei ; auch in diesem bände findet sieb veran- 
lassung genug, den gleichen Vorwurf zu erheben. Das bedenk- 
liche seines Verfahrens scheint Ribbeck selbst nach äusserun- 
gencoroll. p. CVI ss. nicht zu verkennen ; doch glaubt er sich 
damit entschuldigen zu können , dass man bei dem traurigen 
zustande der Überlieferung der weitaus meisten bruchstücke 
neijaiulo et tlmcndo nicht weit komme, sondern nur pcriclitando 



Nr. 4. 98. Lateinische comiker. 185 

circumspecte et fortiter. Für eine ausreichende entschuldigung 
wird das wohl Ribbeck selbst im ernste nicht ausgeben wollen ; 
überdies wird, wer sich die mühe macht, die stellen, wo sich 
Ribbeck mit derartigen formen zu helfen sucht, auch nur ober- 
flächlicher prüfung zu unterziehen, in den seltensten fällen den 
eindruck haben, als wäre circumspecte zu werke gegangen. 

Wir verstatten uns im folgenden einige bemerkungen über 
einzelne stellen. Liv. 2 schreibt Ribbeck Cörruit quasi ictus secena. 
— steine? — hau midtö secus ; die überlieferten worte corruit quasi 
ictus scena haud raulto secus lassen sich als unvollständiger iambi- 
scher octonar messen v — v corruit quasi ictüs scena, hau multö secus } 
über die Verbindung quasi — haut rnulto secus vrgl. Plaut. Poen. 
825 quasi in popina hau secus, Titin. 181 quasi Osculana pu- 
gnä'st, hau secus: einen triftigen grund zu obigen änderungen 
vermag ich nicht ausfindig zu machen. — Naev. 78 lautet 
bei Ribbeck: Anulum dat alii speetandum, a labris alium invocat ; 
in der überlieferten Wortstellung Alii dat anulum wird die sonst 
in diesem Fragmente bis auf die zweite hälfte des in rede ste- 
henden verses , wo aber die abweichung mit der bekanntlich 
auch sonst allerlei alterationen des strengen Sprachgebrauchs 
veranlassenden metrischen nothwendigkeit des versausganges 
entschuldigt wird, beobachtete form der anaphora fortge- 
setzt , und wer die Vorliebe der alten sceniker, namentlich 
des Plautus, für diese figur kennt, wird sich schwerlich 
entschliessen, wenigstens hinsichtlich der Stellung des alii die 
Überlieferung anzutasten ; vermuthen lässt sich Alii datat anellum 
speetandum oder Alii speetandum dat anulum. — Zu Caec. 39 Cum 
suum sibi alius socius socium sauciat bemerkt Ribbeck coroll. p. xxi 
elegantius sie ordinanda verba sunt: ... socium socius; die überlieferte 
wortstelluug ist aber die bei den scenikern in solchen fällen fast 
auschliesslich übliche. Eine entschiedene Schlimmbesserung ist 
es, wenn Ribbeck Caec. 157 die überlieferten worte: differor 
sermone miser, folgendermassen corrigirt zu haben glaubt : differor 
eermone misere ; da die Überlieferung mit dem plautinischen 
sprachgebrauche, der bekanntlich in solchen Verbindungen nur das 
adjeetiv miser, nicht das adverb misere zulässt, übereinstimmt, darf 
miser nicht angetastet werden, mag man über die fassung der 
stelle denken, wie man will. — Caec. 246 auferte istam enim 
superbiam ist das allerdings überlieferte enim sehr bedenklich, 



186 98. Lateinische comiker. Nr. 4. 

da es sich in solcher Verbindung mit einem imperativ bei den 
scenikern sonst nicht findet; Stich. 619 tua pol refert. — enim 
vero siquidem mea refert, opera utere ist doch anders und auch 
wenig sicher. Nahe genug liegt die änderung istanc iam superbiam. 
Unzweifelhaft falsch ist das von Ribbeck Caecil. 272 sequere me. — 
Peru Tiercle. — Tu, quid enim (codd. qui mihi) oscitans Hietans- 
que restast vermuthete enim; denn enim wird in fragesätzen von 
den scenikern nicht gebraucht. Ist Amph. 694 Quid enim cen- 
eesf te ut deludam — t richtig überliefert — leicht lässt sich 
Quid me censesf vermuthen — , so ist enim elliptisch zu fassen-, 
Trag. irr. ine. 1. Aenea. — Quis enim est, qui meum nomen nun- 
cupat? ist enim schlecht bezeugt und sicherlich mit G-rotius 
quis [is] est zu schreiben : weitere belegstellen kenne ich nicht. 
Wenig spricht auch für die richtigkeit obiger fassung die Stel- 
lung des tu. Wie sehr man bei den scenikern hinsichtlich des 
gebrauches der partikeln auf der hut sein muss, dafür beiläufig 
ein paar beispiele. Ritschi schreibt Ba. 1083 sed enim nimis nolo 
desidiae und Stich. G16 tua pol enim refert, Geppert Truc. prol. 
7 enim hercle; es heisst aber niemals bei Plautus und Terenz sed 
enim, wogegen at enim ganz gewöhnlich ist, und niemals wird 
enim mit pol oder hercle verbunden. Noch an einer andern 
stelle bei Ribbeck veranlasst der gebrauch von enim zu einer 
bemerkung: mit qula enim antwortet man gewöhnlich auf die 
frage eines anderen, daher sind in Nov. 2 Quid itat quia enim 
repuerascis, fugitas personas , pater, unbedenklich die worte quid 
ita? dem pater, das übrige dem antwortenden zuzutheilen: vgl. 
Plaut. Pers. 592. Wahrscheinlich stand quia enim Turpii. 41 
quia enim odio ac senio mi haec sunt nuptiae, in äbnlicher Verbin- 
dung; wenigstens lassen sich die worte leicht zu einem senar 
vervollständigen durch ergänzung von quidiamt oder quidumf 
am versanfange. Der gebrauch von quia enim mitten im satze 
Nov. 62 wird gesichert durch Ter. Phorm. 322. — Caecil. 
244 weist die Überlieferung hin auf : Ut me hodie ante omnes co- 
micos stultos senes Versaris atque ut lusseris lautissime; für luseris 
lautissime spricht überdies die allitteralion : Ribbeck schreibt mit 
Halm atque clusseris und bemerkt dazu coroll. p. xxx non tur- 
batur allitteratio composito elusseris ante lautissume, oneratur au- 
tem sermo moleste repetita particula ut , cui in tarn arte coniunetis 
verbis locus nullus est; nichts ist aber bei Plautus gewöhnlicher 



Nr. 4. 98. Lateinische coraiker. 187 

als die wiederaufnähme eines vorhergegangenen ut gerade durch 
atque ut, auch bei der engsten Verbindung der Satzglieder, die 
beispiele lassen sich häufen , vgl. insbesondere Men. 365. 427. 
893. Mgl. 706. Ba. 527. Aul. 43. Poen. 1009. Truc. 1, 1, 68. 
— Lässt sich Caec. 251 Quisquilias volantis , venti spolia me- 
morant i modo, „i" nicht als nom. pluralis von is fassen? — Tur- 
pil. 66 bemerkt Ribbeck coroll. p. xxxv zu der vermuthung 
von Grautoff Sed quis ' [hie] est qui interrumpit meum sermonem 
Obitu suo, mit berufung auf eine stelle des Plautus Sed quis hie 
est accentus non placent; die recht zahlreichen beispiele dieser 
formel bei Plautus und Terenz erweisen , dass diese betonung 
sogar ganz unstatthaft ist, entweder wird accentuirt sed quis hie 
ist oder sed quis hie est, auch scheint hie dem sprachgebrauche 
nicht recht zu entsprechen, wohl ginge Sed quis[is] est, qui inter- 
rumpit sermonem meum \ Obitu suo. Einen solchen cretischen vers, 
wie ihn Ribbeck allerdings nicht ohne bedenken angenommen 
hat, Sed quis est qui interrumpit sermonem meum | Obitu suo darf 
man ohne zwingendsten grund nicht annehmen; auch Laber. 61 
Induis cdpitium, tunicae pittdeium ist sicherlich kein tetram. cretic. 
catalecticus, ebensowenig wie Caec. 109 Communis concördis, dum 
id quöd petü potitur f? modo fit öbseeuos, Hilarüs comis commu- 
nis concordis, dum id quod petit petit pötitur), Turpil. 139 Di 
sero adveniintem perddnt: hie quidem Nos perdit: festum esse hice 
qudrtum diem (die handschriften diis adv. p. hi q. n. p. f. e. 
diem hie quartum) hodie iterant: ita conventum; hinsichtlich der 
ersten worte, so ist wohl diis in di is[tum\ zu ergänzen, da 
sonst in Verwünschungsformeln bei den scenikern stets pron. per- 
sonalia oder demonstrativa stehen; schreibt man ausserdem noch 
mit Keil si für hi , so ist ohne weitere änderung anapästische 
messung möglich : di istum advenientem perddnt, siquidem nos per- 
dit. | Festum isse diem hie quartum hödie iterant: ita cönventum 

vv — ; f Titin. 103 Nunc hoc uror, nunc haec res me facit fe- 

stinem — bacchische verse sind. Im allgemeinen zeigt sich sonst 
Ribbeck darauf bedacht, möglichst glatte versformen herzustei- 
len, und er wird sich in dieser beziehung verhältnissmässig 
selten untreu. — Turpil. 99 wird wohl, falls die lesart eli- 
gantiam die richtige ist, zu schreiben sein: Numquam unius me 
comparavi \in\servire eligantiam, s. PI. Most. 190. 216. — Wenn 
Ribbeck coroll. p.xuv, die wirklich sehr probable vermuthung von 



188 98. Lateinische comiker. Nr. 4. 

C. F. W. Müller, dass Cic. Ep. ad fam. VII, 16, 1 die worte ra- 
biosulas sat fatuas einem dichter entnommen seien, mit dem 
einwände zurückzuweisen glaubt : poeseos nee volam nee vestigium 
ostendunt, so lasst sich dieser einwand erst recht geltend ma- 
chen gegen die von Eibbeck aus Cic. ad Att. X, 2, 2 mit 
dem vorwurfsvollen bemerken: poetae verba non agnoverunt, unter 
die ine. ine. pall. (XXI) als stücke von senaren aufgenommenen 
Worte : Fortunae sunt committenda omnia; sine spe conamur ulla, gel- 
tend machen. Wie wenig die blosse möglichkeit irgend welcher 
metrischen messung zur annähme poetischen Ursprungs berechtigt, 
dafür noch einen beleg: die worte Cic. Ep. ad fam. II, 7, 1 cui 
scribam, video: novi animum, novi consüium tuum } bilden einen gar 
nicht schlechten trochäischen septenar, und doch wird sie wohl 
niemand für eine reminiscenz halten wollen. — P. 119, 46 
stimmt das überlieferte: non tu seist genau mit dem plautini- 
schen sprachgebrauche überein s. Asin. 177. 205, Stich. 606, 
Mgl. 1150, Men. 704. 911, es darf also an die änderung des non 
in nonne nicht im entferntesten gedacht werden. — Titin. 102 
und Afran. 212 mass Eibbeck wohl früher richtiger quid istuc est 
(jetzt quid istuc est), da in dieser formel die erste silbe von istuc 
bei den scenikern nicht betont zu werden pflegt; Afran. 13 
ist die Wortstellung quid est istuc? unerhört, es muss unbedingt 
quid istuc oder quid istuc est heissen. — Wenn Eibbeck Afran. 
29 und Laber. 21 numne nach conjeetur schreibt, so ist dage- 
gen zu bemerken, dass diese Verbindung bei den scenikern 
nirgends sicher bezeugt ist. — Nov. 30 schreibt Eibbeck 
Vortit se in omnis bestias: comest quiequid tetigit tantum ; die pyr- 
rhichische messung von comest ist aber höchst bedenklich, sollte 
nicht zu schreiben sein comest quiequid tetigit manu? — Laber. 
119 scheint das einfachste : Nunc me deicies zu sein (Eibbeck : Nun- 
cine me deicisj. — Syr. sent. 307 ist nach urat wohl vielmehr 
haut ausgefallen, das auch 566 si ea uti non potes für non herzu- 
stellen sein dürfte ; ib. 584 scheint am nächsten zu liegen : plus 
posse se putat quam possiet. Warum wird v. 150 alterius mit 
Eitschl in alius geändert, während es 297, 372, 543 unverän- 
dert beibehalten wird ? — Nur druckfehler ist doch wohl Tur- 
pil. 132 pocidis für poclis. 



Nr. 4. 99. Sulpiciä. 189 

99. De Sulpiciae quae vocatur satira commentatio philolo- 
gica. Scr. Aemilius Bährens. 8. Habilitationsschrift. Jena. 
1873. — 42 s. 

Dieses gedieht, welches in den früheren Jahrhunderten so 
sehr überschätzt wurde, hat vor wenigen jähren J. 0. G. Boot 
in einer commentatio de Sulpiciae quae fertur satira (Abhandl. 
der niederl. akademie, Amsterdam 1868) als unecht und zwar 
als ein machwerk des fünfzehnten Jahrhunderts zu erweisen ge- 
sucht. Seine behauptung fand mehrfachen Widerspruch (vgl. 
namentlich die ausgäbe des Lucilius von L. Müller p. 283), 
dagegen aber lebhafte Zustimmung bei W. Teuffei, der sie in 
der ersten aufläge seiner römischen literaturgeschichte (p. 645) 
entschieden billigte , während er in der zweiten ausgäbe (p. 
708 f.) sich zurückhaltend und weniger bestimmt äussert. Der 
Verfasser der vorliegenden abhandlung widerlegt nun in ein- 
gehender erörterung die von Boot vorgebrachten gründe. Zu- 
erst weist er nach, dass dieses gedieht aus einem codex Bobien- 
sis stammt, den Georg Merula 1493 in jenem kloster ent- 
deckte. Aus dieser handschrift sind die beiden editiones princi- 
pes Venedig 1498 und Parma 1499 (letztere besorgt von Tha- 
däus Ugoletus) geflossen , welche bei dem Verluste des codex 
jetzt die grundlage für die kritik bilden. Wir gehen hier nicht 
weiter auf diese auseinandersetzung ein (sie führt ja auch nur 
genauer das aus, was schon 0. Jahn in der praefatio zu seiner 
ausgäbe des Persius und Juvenalis Weidmann 1868, p. 10 f., 
wo auch das carmen Sulpitiae aufgenommen ist, erörtert hat) 
und begnügen uns bloss mit der bemerkung, dass Ugoletus 
nicht, wie der verf. annimmt, nothwendig jenen codex selbst 
vor sich gehabt hat, sondern ganz wohl bei seiner ausgäbe eine 
von Tristan Chalcus gemachte abschrift benützt haben kann. 

Hierauf legt der verf. dar, dass der tadel, welchen Boot 
über viele stellen des gedichtes ausspricht, nicht sowohl die 
dichterin als die Überlieferung trifft. Der codex, welchen Me- 
rula fand, war von hohem alter und mit longobardischen buch- 
staben von einem unkundigen mönche geschrieben; dazu stammte 
er aus einem schon stark verderbten archetypus. Man müsse 
daher der conjekturalkritik einen weiten Spielraum gewähren, um 
das gedieht wieder in seiner ursprünglichen gestalt herzustel- 
len. Demgemäss versucht der verf. eine neue revision des 



190 99. SuTpicia. Nr. 4. 

textes unter eingehender begründung der von ihm aufgenomme- 
nen oder jetzt vorgeschlagenen emendationen und stäter be- 
rücksichtigung der von Boot gemachten bemerkungen. Es ist 
nicht zu leugnen, dass die textkritik und namentlich die er- 
klärung hiedurch manche fortschritte gemacht haben; im gan- 
zen aber geht der verf. mit der Überlieferung ziemlich willkür- 
lich um, tastet manches an, was sich wohl vertheidigen lässt 
oder ändert kühn, wo man mit minder gewaltsamen mittein 
helfen kann. Wir wollen , um sein verfahren zu beleuchten, 
diejenigen stellen des ohnehin nicht umfangreichen gedichtes, 
welche in kritischer hinsieht am meisten bemerkenswerth sind, 
kurz besprechen; v. 4 schreibt er mit Schläger Phalaeci, doch 
lässt sich carmine Phalaeco wohl durch laticemque Lyaeum Verg. 
Aen. I, 686, Romula ficus Ov. Fast. II, 412 u. dgl. rechtferti- 
gen. Vs. 5 soll nee trimetro Pario nee, qui pede fractus , iambo 
geschrieben werden ; es wird aber wohl genügen das allerdings 
unhaltbare eodem in et idem zu ändern. Die dichterin wollte 
sagen, dass der skazon unter der hand des Hipponax zur glei- 
chen furchtbaren waffe wurde wie der trimeter unter der des 
Archilochus. Für Glazomeriio vergleiche Romuleas Perg. Ven. 
72. — Vs. 7 wird haec metra für caetera hergestellt ; warum soll 
man aber hiezu nicht aus v. 4 carmina d. i. liedesweisen, vers- 
masse ergänzen? Vs. 12, wo eine der ausgaben quid nam, die 
andere quid non, hat, will Bährens quid nunc schreiben ; aber quid- 
nam entspricht ganz der Situation und nichts ist bekanntlich 
häufiger als die Verwechslung der beiden wörtchen nam und non. 
Der Vorschlag ad für et v. 13 lässt sich hören, wenn auch in, 
was Heinsius vermuthet hat, gefälliger ist *); dagegen liegt v. 
14 torpentibus, was statt morientibus empfohlen wird, von der 
Überlieferung viel weiter als die conjeetur Höver's mortalibus, 
die auch dem sinne nach viel besser entspricht; verfehlt ist v. 
19 die vermuthung extirpat statt des überlieferten exturbat, wel- 
ches sich ganz gut erklären lässt. Bährens meint zwar, dass 
es weder dem gedanken nooh dem gegensatze conseruat ent- 
spreche; nam Iuppiter in pristinorum saeculorum ... veternum redu- 
cendo Romanos non agris expellebat sed funditus delebat. Wie würde 

1) Nicht übel ist auch v. 32 die einschiebung von his nach enim, 
obwohl ipsis bei der ungemein häufigen Verwechslung von ipse , iste, 
ille aus istis oder Ulis entstanden sein kann. 



Nr. 4. 99. Sulpicia. 191 

aber extirpat zu dem stimmen, was v. 15 ff. gesagt ist? Auch 
bildet exturbat einen ganz passenden gegensatz zu conseruat; 
Iupiter belässt die anderen in ihrer cultur (was durch urles 
angedeutet ist), die Römer aber treibt er aus ihrer Stadt und lässt 
sie verwildern. Ebensowenig dürfte die emendation der verse 
22 ff. sed uirtus agitata domi it (statt et) socialibus armis In 
freta Sicaniae et Carthaginis excidit (statt exüit) arces billigung 
finden. Socialia arma kann hier nur bella cum sociis gesta bedeu- 
ten ; warum aber, wie Bährens meint, agitata domi so viel sei als 
exercita in Italia, der neue beisatz et socialibus armis nur einen 
ausserhalb Italiens geführten krieg bezeichnen könne, ist nicht 
abzusehen ; jener beisatz giebt nur eine nähere bestimmung des 
vorhergehenden domi „die tapferkeit erprobt in der heimath und 
im kämpfe mit italischen stammen" ; socialibus steht mit einer 
gewissen prolepsis, indem nämlich die italischen stamme durch 
die kriege socii der Eömer wurden. Auch das ist ein macht- 
spruch, wenn behauptet wird, exüit in arces Carthaginis von der 
uirtus Romana gesagt sei geradezu unerträglich; die dichterin 
wollte mit exilire das furchtbare ungestüm der römischen Waf- 
fen bezeichnen ; ihr Vorbild scheint Flor. I, 40, 25 gewesen zu 
sein , wo ähnlich transilire steht. So verständlich die überlie- 
ferte lesart ist , so unklar erscheint die vorgeschlagene conjec- 
tur. Eine ungemein kühne änderung ist die , welche v. 26 
aufgenommen ist : languet ecus set enim immota uirtute fatiscit statt 
languet et immota secum und facessit, und doch ist die leseart 
des codex richtig ; nur muss natürlich mit Scaliger fatiscit ge- 
schrieben werden. Dass der dichterin die berühmten verse 
des Ennius vorschwebten, ist unzweifelhaft ; aber deshalb muss 
man nicht gewaltsam equus in den text bringen. Nichts ist ge- 
wöhnlicher als dass die dichter ihr Vorbild mannigfach verän- 
dern (in dieser benutzung und Umgestaltung lag ja ein eigen- 
thümlicher reiz für die leser), und so ist auch hier statt des 
equus der Cursor OTuSioSoöfiog eingetreten. Immota virtute ist 
hier sicher so viel als non mota virtute, wodurch fatiscit näher 
begründet wird; secum aber muss man mit fatiscit verbinden 
und nach den redensarten secum esse, secum vivere fassen; es 
deutet an , dass dem wettläufer niemand als rival gegenüber- 
tritt. Nicht minder kühn ist die conjectur v. 36 non trabs sed 
trico für non trabe sed tergo, abgesehen davon , dass man sie 



192 99. Snlpicia. Nr. 4. 

ohne commentar kaum verstehen würde. Auch hier scheint 
die Überlieferung richtig. Mit non trabe prolapsus wird auf 
das homerische ovx ano Sfjvlq iaai (Od. XIX, 163) ange- 
spielt, wo man dgvg gewöhnlich falsch mit „eiche" statt mit 
„bäum" übersetzt ; dann steht nichts im wege sed tergo pro- 
lapsus mit L. Müller unter beziehung auf den vers des Lucilius 
III, 50 (64) postica parte profundit zu erklären, was um so wahr- 
scheinlicher ist , als in unserem gedichte mehrfach nachahmun- 
gen des Lucilius hervortreten. Auch quid facimus v. 39 gebe 
ich nicht gegen die ansprechende vermuthung des verf. quod 
facinus preis. Der Cäsar handelt als Vertreter des souveränen 
römischen Volkes ; deshalb kann die dichterin wohl sagen ,,was 
thun wir Kömer"; denn dies ist ja als subject auch des fol- 
genden verbum zu denken. Die worte Graiorum hominumaue 
relinquimus urbes sind allerdings verderbt, dass aber Bährens mit 
seinem Graiorum olim 2 J ecce petiuimus urbes das richtige getroffen 
hat, möchte ich nicht behaupten. Jenes ecce oder en spielt in den 
neueren emendationen beinahe schon dieselbe rolle wie in ihrer 
zeit die famosa particula Heathiana. Vielleicht ist Graiorum olim 
reuisimus urbes zu schreiben ; die dichterin, welche Lucilius viel- 
fach nachgeahmt hat, kann sich nach seinem vorgange (L. Mül- 
ler de re metr. poet. lat. p. 362) die dehnung von re gestattet 
haben. Vs. 42 ist es sicherlich nicht nothwendig die übrigens 
sehr matte conjectur von Withof censibus statt ensibus aufzuneh- 
men-, die Gallier Hessen waffen und wagen im stiche und flo- 
hen ; ensibus erinnert an das Schwert des Brennus. Auch v. 
64 dürfte sich das überlieferte extirpare gegenüber der emen- 
dation von Burmann exportare halten lassen ; die philosophen 
tragen ihre bücher mit sich, das einzige, was sie besitzen oder 
was für sie von werthe ist, sie müssen aber selbst diese schätze 
als eine last, die ihnen den tod bringen könnte, vernichten. 
Man beachte nur, dass ipsi bei der lesart extirpare sehr be- 
zeichnend ist, dagegen bei der conjectur exturbare beinahe ko- 
misch wirkt. Beachtenswerth dagegen ist v. 42 der Vorschlag 
adiguntur statt dicuntur. Vs. 52 hat Bährens nach dem vor- 
gange Jahn's captiua mit recht als verderbt bezeichnet, aber 
paritura, was er vorschlägt, ist doch zu speciell. Vielleicht ge- 

2) Olim hat 0. Jahn statt homi/iumque vorgeschlagen. 






Nr. 4. 95. S'nlpicia. 193 

nügt uel cara; wurde uel mit et verwechselt, so konnte leicht 
ein abschreiber, um das metrum auszufüllen, captiua aus cara 
machen. Der verzweifelten stelle v. 53 ff. hat der verf. inso- 
fern aufgeholfen, als er cum apium {apium wollte schon Carnutti) 
für quarum geschrieben und dann den ausfall eines verses 
angenommen hat, den er sich etwa so denkt: turbatur , concur- 
rit atrox glomerataque regem; es ist dies das wahrscheinlichste, 
was über diese verse vorgebracht worden ist. Weniger kann 
man sich mit dem vorschlage arce Monoeci einverstanden erklä- 
ren, wofür die Veneta arce mouente, die Parmensis arce monetae 
bietet. Denn wenn auch arce Monoeci bei Verg. Aen. VI, 830 
steht, so kann man doch nicht begreifen, wie die dichterin dazu 
kam, diesen ort gerade in diesem gleichnisse zu erwähnen, um 
so mehr als von einer bienenzucht in demselben nirgends die 
rede ist. Allerdings weiss man auch nichts dergleichen von 
der arx Monetae; aber denkbar ist es doch, dass sich in diesem 
tempel ein bienenschwarm niedergelassen hatte und, wie natür- 
lich, sorgfältig gehütet wurde. Jedenfalls wäre die nennung 
jenes am capitol gelegenen tempels gerade in dieser verglei- 
chung von sehr grosser Wirkung. Ob man v. 60 mit Hein- 
sius Lydio dum oder mit Bährens dum Lydio schreibt, ist wenig 
erheblich, ersteres ist wohlklingender und paläographisch ebenso 
wahrscheinlich; mit Übet v. 61 statt velit wird allerdings eine 
lästige Wiederholung vermieden , aber vielleicht die dichterin 
selbst corrigiert. Unverständlich ist mir der satz v. 62 f. tan- 
tum Romana Caleno moenia iucundos pariterque auerte Sabinos, wo 
auch 0. Jahn ein verderbniss angenommen hat. Die erklärung, 
welche Bäbrens giebt : siue tibi, Musa, emigrare Übet sive aliud 
capere consilium, id unum te rogo , ut nunc Calenum meum in tuto 
colloces, quippe cui in notis sedibus periculum instet a tyranno, ist 
gewiss nicht richtig. Es scheint vielmehr, dass die dichterin 
die Muse anfleht, sie möge ihren Calenus in Eom und im ge- 
nusse der reizenden villa im Sabinerlande erhalten, d. h. sie 
möge nicht zulassen, dass Calenus gleich den anderen in die 
Verbannung wandern müsse. Daher vermuthe ich pariter ne 
auerte. Ob Bährens v. 66 mit saeuos statt des unhaltbaren 
aequos das richtige getroffen hat , muss dahin gestellt bleiben ; 
paläographisch liegt saeuos nahe, doch empfiehlt es sich nicht 
eben in diesem zusammenhange, wie man leicht ersehen kann, 
Philol. Anz. VI. 13 . 



194 95. Sulpitfa. Nr. 4. 

wenn man es durch die entsprechenden Wörter Ösivog und 
„arg" überträgt ; vanos, woran man denken könnte, hat graphisch 
weniger Wahrscheinlichkeit. Aus alle diesem ergiebt sich, dass 
der text des gedichtes bei weitem nicht so arg entstellt ist, als 
der verf. annimmt. 

Befremdend ist der schluss der abhandlung. Nachdem wir 
das carmen vor jeder Verdächtigung vollkommen gesichert glau- 
ben, hören wir, es sei nur ein Übungsstück, das ein Uro nach 
Ausonius gemacht habe qui lectis Sulpiride opuseulis summum eius 
in maritum amorem, depingere et ipse cupiens egregiam in Domi- 
tiani de philosophis abigendis edicto ansam nactus sibi uideretur. 
Und die beweise für eine solche behauptung? Erstlich heisst 
es, zeige die spräche, dass das gedieht späteren Ursprunges sei. 
So soll v. 3 und 29 retraetare nach art der späteren schrift- 
steiler für das einfache traetare gesetzt sein; aber die composita 
mit red bezeichnen ja gewöhnlich die wiederholte, oftmalige 
Vornahme einer handlung, welche bedeutung an beiden stellen 
zulässig ist. Weiter wird v. 9 der gebrauch von constanter ge- 
tadelt, was hier gleich indubitanter stehe, wie es nur bei Cypr. 
epist. 66, 3 fin. vorkomme; allein constanter hat hier die ge- 
wöhnliche bedeutung „standhaft", nämlich gegenüber der Ver- 
lockung, welche die gelegenheit sich zu rühmen bietet. Dass / 
die dichterin v. 58 nach Lucilius vorgange (I, 11) pausam facit 
gesagt hat, wiegt nicht schwer, da sie denselben öfters nach- 
ahmt , und aus dieser einen phrase kann man doch nicht 
den schluss ziehen , welchen Bährens macht : demonstrat illud 
priscae antiquitatis auetores imitandi Studium christianorum potissi- 
mum poetarum propium, und wenn sie statt des gewöhnlichen 
palari v. 73 polare setzt, so ist doch selbst, wenn polare rein 
plebeisch wäre, dies noch kein ausreichender grund; nun aber 
schwanken derlei verba häufig zwischen medialen und activen 
formen auch bei Schriftstellern besserer zeiten (man vgl. z. b. 
Val. Max. 4, 2 adulare, Sen. Herc. Oet. 485 aueupare) und 
so kann auch vereinzelt ein polare in der Schriftsprache ge- 
braucht worden sein. Endlich soll v. 12 die mihi Calliope aus 
Claudianus Laus Ser. 1 entlehnt sein; warum kann es nicht 
Claudianus aus unserem carmen genommen haben , wenn über- 
haupt hier von einer entlehuung die rede sein kann? 

Was beweist übrigens die stelle bei Fulgentius Myth. praef. 



Nr. 4. 96. Petronius. 195 

p. 616 M. Sulpicillae Ausonianae loquacitas , als dass er wie an 
einer früheren stelle p. 598, wo Sulpiciae procacitas steht, die 
worte des Ausonius im Cento Nupt. prurire opusculum Sulpiciae t 
frontem caperare vor äugen hatte ? An etwas anderes lässt schon 
das parallele Sallustianae Semproniae nicht denken. Wenn da- 
her Bährens hieraus den schluss zieht, Fulgentius habe schon 
einen codex des Ausonius vor sich gehabt, in welchem wie in 
jenem Bobiensis das Carmen Sulpiciae stand, so ist dies völlig 
unberechtigt : der titel heroicum \Sulpiciae\ carmen kann sehr 
alt sein ; man wählte in der ausgäbe des opusculum unserer 
dichterin diese bezeichnung im gegensatze zu den anderen ge- 
dienten, welche sämmtlich in lyrischen maassen abgefasst waren. 
Das schriftchen ist durch mehrfache druckfehler entstellt; 
unangenehm berührt v. 26 donov statt doxov. 

96. Petronii satirae et über Priapeorum. Editio altera. 
Adjectae sunt Varronis et Senecae satirae similesque reliquiae. 
8. Berolini apud Weidmannos MDCCCLXXI. 242 s.— 18 ngr. 

Es liegt hier zunächst die dritte von Bücheier veran- 
staltete ausgäbe des Petronius vor; wir glauben darum die be- 
sprechung dieses theiles des oben angezeigten buches auf ein 
paar bemerkungen beschränken zu dürfen. Die kritik ist im 
ganzen eine sehr conservative, und mit recht, da Petronius sich 
auf einem gebiete des lateinischen ausdrucks bewegt, welches 
uns verhältnissmässig sehr wenig bekannt ist; es ist also be- 
sondere vorsieht in der handhabung der kritik geboten, wenn 
man anders nicht gefahr laufen will, den Petronius selbst zu 
emendiren, will sagen, zu verschlechtern. Aber doch hätte wohl 
Bücheier hier und da an solchen stellen mit grösserer kühnheit 
verfahren müssen, wo etwaige besonderheiten der Umgangsspra- 
che oder des vulgären lateins sicher nicht in betracht kommen; 
z. b. c. 2: et ne poetas [quidem] ad testimonium eitern , da vorher 
Sophokles, Euripides, Homer, Pindar mit neun lyrikern factisch 
schon genannt sind, ist der gedanke : „nicht nur dichter" un- 
umgänglich nothwendig: die älteren ausgaben schieben solum 
ein, tantum konnte wohl eher ausfallen; c. 12: notavimus fre- 
quentiam rerum venalium, non quidem pretiosarum, sed tarnen qua- 
rum fidem male ambulantem obscuritas temporis facillime tegeret, 
wird tarnen zu streichen sein ; c. 138 wird Paris dearum libidi- 

13* 



196 96. Petronius. Nr. 4. 

nantium iudex genannt, wodurch man einen ganz verkehrten 
begriff erhalten: von der ausserordentlichen Schönheit einer 
frau wird gesprochen: um den preis der Schönheit stritten 
die göttinnen , also hat Dousa mit litigantium ohne zweifei das 
richtige getroffen. Sehr selten tritt der umgekehrte fall ein, 
dass Bücheler etwas beanstandet, was wohl gehalten werden 
kann, so ist c. 3 ficti adulatores nicht unbedingt zu verwerfen, 
die falschheit der Schmeichler konnte passend hervorgeho- 
ben werden. 

Zum ersten male erscheinen als beigäbe Varronis Menip- 
pearum religuiae, Seneca's apocolocyntosis und ausserdem ein paar 
spuren ähnlicher Satiren und romane. Bei weitem am wichtig- 
sten sind natürlich die zahlreichen fragmente aus Varro's Sati- 
ren, denen vorzugsweise unsere besprechung gelten soll. Ein 
sehr fühlbarer mangel dieser neuen ausgäbe ist die ausseror- 
dentliche kargheit in den bemerkungen, welche dem texte bei- 
gegeben sind und nach auswahl Bücheler's die wichtigsten Va- 
rianten und conjecturen enthalten; eine praefatio, in welcher 
der herausgeber die gesichtspunkte, die bei der recension mass- 
gebend gewesen , wenn auch nur kurz , andeuten konnte und 
musste, fehlt völlig. Wir finden zunächst eine andere reihen- 
folge der fragmente, als in der ausgäbe von Riese, und so wird 
die last des citirens wieder vermehrt ; der leser durfte desshalb 
billiger weise beanspruchen, in ein paar einleitenden worten 
über die grundsätze, welche bei der neuen Ordnung befolgt 
sind, belehrt zu werden; dass er auf den ersten blick die 
Scheidung der poetischen von den prosaischen fragmenten er- 
kennt, kann natürlich nicht genügen. Ferner fehlt jede angäbe 
darüber, woher die fragmente genommen sind; es war um so 
nöthiger, wenigstens die stellen bei Nonius u. s. w anzugeben, 
da es zixr sicheren beurtheilung mancher eigenartigen formen 
durchaus nothwendig ist zu wissen, unter welchen gesichtspunk- 
ten das betreffende fragment sich bei alten grammatikern fin- 
det ; nicht einmal dann hat Bücheler sich gemüssigt gesehen, eine 
bemerkung hinzuzufügen , wenn gerade das wort, um dessen 
willen Nonius die stelle citirt , bei Bücheler geändert erscheint, 
z. b. frg. 44 ist repuellascunt geschrieben, während Nonius die 
stelle unter puellascere = effeminari vel reviridescer e 
citirt; frg. 554 vermuthet Bücheler, dass die werto tetricae hör- 



Nr 4. 96. Petronius. 197 

rentis aus dem bei Nonius nach der varronischen stelle citir- 
ten verse des Virgil sich eingeschlichen haben, aber weder ist 
angegeben, wo bei Nonius oder Virgil sich die bezeichneten 
worte finden, noch ist bemerkt, dass Nonius die varronische 
stelle gerade wegen tetricus citirt. In folge dieser übel- 
stände wird man genöthigt sein, neben der ausgäbe von Bü- 
cheier doch immer die von Riese zu rathe zu ziehen. Auch 
verlieren einige fragmente, welche aus einem worte bestehen, 
durch diese übel angebrachte Sparsamkeit allen ihren werth. Was 
kann uns z. b. nützen frg. 74 : scabere; frg. 16 ist doch wenig- 
stens hie zu Aenea hinzugefügt, um den nominativ anzudeuten. 
Endlich ist nie im text oder in den noten bei schwierigen oder 
verzweifelten lesarten angegeben, wann Bücheier die in den 
text aufgenommenen worte für die richtigen hält, wann er an 
sicherer emendation verzweifelt z. b. frg. 67 : scutulans (?) ; 68 
Vulcanumne cum novae lagoenae ollarum figura precanturffj; 14: 
Duloreste, qui merita hominem et servum facit(?); 355: valete et 
me pdlmulis producite; dies hat Bücheier wegen des fehlerhaften 
hiatus sicher nicht für incorrupt gehalten. 

Sehen wir uns jedoch den text der fragmente näher an 
und vergleichen ihn mit der ausgäbe von Riese, so sind die 
Verdienste Bücheler's nicht zu verkennen. Er ist mit recht 
im allgemeinen in bezug auf die annähme einer metrischen 
form seinem Vorgänger gefolgt, der ohne zweifei die richtigen 
grundsätze hierfür aufgestellt hat, im gegensatz zu den kriti- 
kern der neueren zeit, welche fast überall verse zu erkennen 
glaubten. Einzelne zweifelhafte fälle hat Bücheier richtiger 
entschieden als Riese , wie er überhaupt in metrischen fragen 
meistens vor Riese den Vorzug verdient. Als prosa sind z. b. 
folgende fragmente von Bücheier mit recht angesehen: 42 (bei 
Riese der unerträgliche ictus litöre auf der kurzen pänultima), 
ferner '43; 88; 114; 141; 160; 361; 379. Frg. 96 ist gegen 
latere bei Riese das handschriftliche later von Bücheier festge- 
halten, 118 ist besser mit Bücheier als iambisch anzusehen, der 
zweite hexameter bei Riese ist rhythmisch ausserordentlich man- 
gelhaft; 119 der dritte vers bei Bücheier iambisch, Riese ohne grund 
daetylisch; 137 richtiger iambischer oktonar als bei Riese stücke 
zweier hexameter. Schöne emendationen sind manche zu ver- 
zeichnen z. b. 92: altitono agmine; 123: nixa in vulgi pectore 



198 96. Petronius. Nr. 4. 

statt nexa; 1 67yu[trJGei 6 vovv s^cov für das handschriftliche 
yapijtiig vovv s^mv ; 348 qxnvaaxla sum codd. , fonieia sum; 349 
[iel(p8elv öeivog iß« ovog Xvoag, codd. melodinis tonos lyras; 
548 nisi multum, lusi modice, amari codd. ambis (worauf Sallu- 
stius folgt). Auch bei diesen fragmenten ist die kritik Büche- 
ler's conservativ und mit grosser vorsieht geübt, viele änderun- 
gen sind nur unter dem text verzeichnet. Zuweilen hat nun 
Bücheier allerdings mit recht die handschriftliche lesart gegen 
Riese festgehalten, z. b. 97 uti illa gegen vexilla, 156 item 
tragici gegen illae ut tragici; 123 infamia gegen insania; 549 
illa gegen Uli; 568 cum gegen tum. Viel häufiger tritt jedoch 
der fall ein, dass Bücheier mit unrecht bei der handschriftlichen 
Überlieferung sich beruhigt oder doch zu beruhigen scheint. 
So ist frg. 7 caelatus unzweifelhaft glossem zu caelo dolitus, wie 
richtig Riese gesehen hat-, fr. 12 hat Bücheier zwar mit recht 
in prosa gehalten, da bei Riese der unmögliche accentfall pedi- 
bus ist ; doch muss mit Vahlen recentes als glossem zu musteos an- 
gesehen werden ; fr. 56 und 54 gehören zusammen, und ist statt 
mittat mittit zu schreiben, was Bücheier früher selbst vorgeschla- 
gen hat; 87 proper ate vivere puerae, quas sinit aetatula ludere 
esse amare et Veneris teuere bigas; esse zwischen ludere und amare 
ist geradezu nichtssagend und amare glossem zu dem folgen- 
den ausdruck; Riese hat et cantare statt esse amare; 128 und 
129 gehören zusammen; so Riese; 168 cuius ubi annis multis 
masculi vestigium inventum est ist eine negation unbedingt erfor- 
derlich; Riese nee vestigium] in der Satire Papiapapae stehen 
370, 371, 372, 375 in engstem Zusammenhang. Riese mit recht: 
agnoscismus Carmen puellam nimio verborum tumore laudans; schon 
deshalb ist 375 sicher nicht prosa ; die wenigen änderungen, 
welche erforderlich sind um tadellose senare herzustellen," können 
diese ansieht nicht umstossen ; 378 ist devorasset gegen die conse- 
cutio, Riese mit Vahlen richtig devorassit. Neu hinzugekom- 
men sind zwei fragmente 578 : ponam bisulcam et crebrinodam 
arundinem, erhalten bei Iulian. grammat. p. 324, 31 ed. Keil., 
wofür Riese im Rhein. Mus. 21. bd. weniger wahrscheinlich ge- 
schrieben hatte: pondm bisulcam et ipse crebrinödösam — arun- 
dinem; ipse fehlt in der handschriftlichen Überlieferung, welche 
dagegen crebrinödösam hat; dann frg. 591 et tarnen non demolio 
rostra nach Diomedes p. 400, der citirt Varro in poetico libro } was 



Nr. 4. 97. Horatius. 199 

wohl mit recht auf die satiren bezogen ist. Schliesslic h seien 
einige stellen erwähnt, wo weder Eiese noch Bücheier das rich- 
tige getroffen zu haben scheinen: Aethnio 1 (576 B.) : ut fri- 
gidos nimbos etc. als vergleich statt aut; Aiax strament. ; hac re 
(so Bücheier mit Turnebus statt acre) aeger medicos exquisitim 
convocabas (so codd.) ut consanescerent (codd. convalesceret)\ a/x- 
(iov (iETQsig 1. E. (24 B.) mit Eiese gegen Bücheier als okto- 
nare; im zweiten verse homines; (codd. om.) set vos; Bim. 19 
(58 B.) ist ganz gewiss poetisch wegen des unzweifelhaft richti- 
gen Schlusses: novom partum poetieon, im übrigen ist die herstel- 
lung des fragmentes höchst unsicher; Endymiones 1 (105 B.) 
animum mitto speculatum tota urbe , ut quid facerent homines , cum 
experrecti essent [sint codd.) me faceret certiorem; Eumenides 1 
(134 B.), wird von Eiese als poetisch angesehen wegen caper- 
ratus; dass es ein poetisches wort im strengen sinne nicht ist, 
beweist sein gebrauch bei den komischen dichtem; auch Varre 
sagt LL. VII, 107 nicht, dass das wort ein ausschliesslich 
poetisches sei. Die berechtigung, das fragment für ein poeti- 
sches zu halten, ist um so mehr zweifelhaft, als sich der be- 
denkliche accentfall frontem im fünften fusse des septenar findet 
und die höchst problematische form caperratus statt caperatus 
noch ihrer begründung harrt, Eumenides 4 (161 B.) venatum 
eicit ieiunum vellicum (codd. ieiunio vellicem) ; Eumen. 42 ist der 
erhaltene rest des dritten verses wohl der schluss desselben 
gewesen in folgender gestalt: luce dfßciens lorüm. Parmeno 11 
(395 B.) pudet me tui et Musarum ac noscere piget et (codd. 
egnoscere piget) currere et una sequi. 

In betreff der Apocolocyntosis Seneca's begnüge ich mich 
zu bemerken, dass der text, wenige änderungen abgerechnet, 
übereinstimmt mit der schon früher von Bücheier in den Symbola 
philologorum Bonnensium p. 41 ff. veröffentlichten ausgäbe, die 
änderungen betreffen zum grösseren theil solche stellen, wo 
Bücheier früher die handschriftliche lesart beibehalten hat. 



97. Aeacus. Ueber die interpolationen in den römischen 
dichtem. Mit besonderer rücksicht auf Horaz. Von 0. F. 
Gruppe. Berlin, G. Reimer, 1872. VIII u. 616 s.— 3 thlr. 

Ernst gemeint ist Gruppe's arbeit ; p. 82 sagt er sich 
ausdrücklich von Linkers Horazkritik los, weil er „unnütze 



200 97. Horatius. Nr. 4. 

Wagnisse um so mehr fernhalten muss, als es im interesse ern- 
ster forschung noch grossen muths bedürfen wird". So werden 
denn im verlauf des buches von den 3038 versen der öden 
1824 muthig für unecht erklärt, also nahezu zwei drittel: jedoch 
mit dem tröste: „vor allem halte man fest, dass in demselben 
maasse wie die zahl der verse schwindet, der dichter an grosse 
und bedeutung gewinnt". Wenn der ,, Rhadamanthus " dessen 
erscheinen bereits verheissen ist, dieses ziel vor äugen behält, 
so wird von den öden vermuthlich sehr wenig übrig bleiben, 
damit aus dem geringen residuum der echte phönix horazischer 
lyrik erstehen kann. Ueber den hardouinismus, den man jetzt 
vielfach mit Horaz treibt, sollte eigentlich kein wort mehr ver- 
loren werden ; der menge von einzelschriften, namentlich schul- 
programmen, gegenüber die a la Lehrs oder Gruppe ihr müth- 
chen am Horaz kühlen , scheint es aber doch nöthig , auf den 
missbrauch dieser s. g. „höheren" kritik noch einmal mit zwei 
Worten zurückzukommen. 

Lehrs hat bekanntlich den weg zu seiner Horazkritik sich 
durch das einfache machtwort geebnet, die Untersuchung über 
den bestand des horazischen textes sei unabhängig und 
müsse unabhängig gehalten werden von der geschichte des 
textes. Gruppe dagegen trennt — was richtig durchgeführt 
alle anerkennung verdienen würde — diese beiden eng zusam- 
mengehörenden aufgaben nicht, sondern bemüht sich in jedem 
fall den Ursprung der interpolation nachzuweisen. Aber diese 
s. g. nachweise sind nichts anderes als ein künstliches gebäude 
von willkürlichen Sätzen, für welche ein zeugniss beigebracht 
wird wo es zu haben ist, während entgegenstehende Zeugnisse von 
demselben oder grösserem werthe ignorirt werden. Fehlt z. b. 
bei Dionedes oder Marius Victorinus scheinbar eine ode, so ist 
das ein beweis ihrer unechtheit, führen diese grammatiker eine 
ode au , die Gruppe für unecht erklärt , so haben sie bereits 
das unterscheidungsvermögen für echtes und unechtes verloren. 
Ferner operirt Lehrs nicht bloss mit der annähme von interpo- 
lationen, sondern statuirt lücken, Verdrängung echter verse durch 
unechte, Versetzung von Strophen und versen, kurz alles mög- 
liche und unmögliche: demgegenüber verfährt Gruppe methodisch, 
denn er nimmt nur interpolationen an, die in den schulen der 
grammatiker entstanden seien — aber er hat die grundlagen 



Nr. 4. 97. Horatius. 201 

dafür nicht in objectiven tbatsachen, sondern in seinem subjecti- 
ven geschmack gefunden, so sehr er sich grade hiergegen verwahrt. 
Man vergleiche die abschnitte: die malerischen Schlüsse, die kurzen 
stücke, die dürftigen stücke — da zeigt sich nicht selten ein feines 
aesthetisches gefühl und künstlerischer blick, ja man kann es hin 
und wieder bedauern, dass es Horaz nicht so gemacht hat wie 
Gruppe will, aber dass Horaz wirklich so geschrieben habe , 
wie Gruppe meint, das ist nirgends bewiesen und kann nicht 
bewiesen werden. Dann überall findet man zwei fixe ideen 
wieder, die von der absoluten Vollkommenheit der horazischen 
lyrik , und dass der maasstab dieser Vollkommenheit das er- 
messen des verf. sei — während man doch nach gerade gelernt 
haban könnte , dass die . stärke des Horaz grade nicht in der 
lyrik liegt, und dass andrerseits sich in den öden ein ganzer 
stufengang seiner dichterischen entwickelung darstellt. Abgese- 
hen von diesen grundirrthümern, denen sich nicht selten eine 
naive unkenntniss der elementarsten dinge , namentlich in der 
metrik, beigesellt, s. Eh. M. 1873, p. 511, erschwert aber noch 
eine grosse üüchtigkeit im einzelnen, ungenauigkeit in den ci- 
taten, mangel übersichtlicher anordnung sowie unvollständige 
benutzung der einschlägigen literatur das studium des buches. 
Dieselbe ode ist oft an zehn verschiedenen stellen besprochen, 
mitunter in widersprechendster weise. So wird p. 595 II, 11 
im catalog der echten und unverdächtigen öden aufge- 
führt, p. 439 heisst es: ,,H, 11 ist, wie wir ja wissen, un- 
tergeschoben". Und an den stellen, wo vorher II, 11 behan- 
delt wird, ist von ihrer unechtheit nicht die rede. P. 532 
heisst es wieder: „in der vielfach b edenklichen ode II, 11", 
p. 537 wird H, 11 unter den „der fälschung gehörigen" 
öden aufgeführt, p. 569: „auch von der untergeschobenen 
ode H, 11". — Zu p. 598: „darauf, da ode 25 fallen muss, 
und nicht minder ode 2 6". Aber sonst will Gruppe ode 
I, 26 retten, s. p. 466, 595; es muss daher wohl heissen: — 
fallen muss, das nicht minder [schöne] an Ael. L., od. I, 
26, und im stärk sten contrast. — P. 16 wird behauptet, Bent- 
leys Manilius sei erst nach Bentley's tode herausgegeben ; Bentley 
starb 1742, der Manilius erschien 1739 (Maehly p. 58). — P. 
20 fehlen unter den von Meineke verworfenen stellen III, 1, 
32-40, III, 4, 69—72, ni, 8, 25—28, HI, 11, 17—20; da 



202 98. Iulius Caesar. Nr. 4. 

sie auf einander folgen, so ist vielleicht eine ganze zeile des manu- 
Scripts ausgefallen. Ebenso fehlt p. 30 bei Haupt , abgesehen 
von einigen druckfehlern, I, 6. 13 — 16. Ueberhaupt sind druck- 
fehler sehr zahlreich vorhanden, besonders ist der index durch 
sie entstellt. — Bereits von Guiet sind , ausser den schon im 
Minos p. 136 angeführten stellen, folgende verse der öden ver- 
worfen: I, 3, 15 — 20. 25. 26; I, 31, 9—16; H, 19, 5—8, 
25—32; III, 10, 9 — 12, III, 11, 49—52; IE, 13, 13—16; 
III, 16. 29-44; III, 27, 45—48, 69—72. 

98. Dr Menge, de auctoribus commentariorum de hello 
civili , qui Caesaris nomine feruntur. Particula prima. De 
commentarii alterius initio. Programm des Wilhelm-Ernstischen 
gymnasiums zu Weimar, 1873. 12 s. 4. 

Der Verfasser dieser zum nachdenken entschieden anregen- 
den schrift ist bei der lectüre der ersten sechzehn capitel des 
zweiten buches de hello civili befremdet durch die vielen darin 
befindlichen anstösse, zweifelhaft geworden, ob dieser abschnitt 
von Cäsar oder ob er nicht vielmehr von einem anderen ver- 
fasst sei : die resultate seiner deshalb angestellten Untersuchung 
legt er unter folgenden Überschriften vor: Caput I. De phra- 
seologia. I. De singulis vocabulis quae nusquam älibi in Caesaris 
comrnentariis leguntur. 11. De singulis vocabulis, quae vel aliud 
significent atque in caeteris Caesaris comrnentariis, vel aliis cum verbis 
composita sint. Cap. 11. De locutionibus, quarum syntaxis offcndat 
etc. Cap. III. De stili offensionibus. I. De verbis insolenter col- 
locatis. IL De aliis scribendi ineptiis. (Vom eingehen auf den 
periodenbau hat den vf. eius rei difficultas abgehalten ; er no- 
tirt nur die hier häufigen copulativpartikeln, da wo nach seiner 
meinung Cäsar andere satzformen gewählt haben würde.) Am 
schluss stellt Menge die vermuthung auf, der von Cäsar mit 
der belagerung Massilia's beauftragte Trebonius sei der Verfas- 
ser der stücke von cap. 1 , §. 4 bis cap. 4 und von cap. 8 — 
16. Die übrigen stücke, — in denen sich fast gar kein an- 
stoss finde — schreibt er theils (c. 1, 1 — 3) dem Cäsar selbst, 
theils, wie es scheint , dem Brutus und noch einem dritten be- 
richterstatter zu , doch drückt er sich hierüber nicht ganz be- 
stimmt aus. Die Schlussworte lauten : De ratione, qua commen- 
tarii de bello civili compositi sint, quominus .mdicium faciam, prius 



Nr. 4. 98. Iulius Caesar. 203 

quam plures atque accuratiores quacstiones instituerim , äbstinebo : 
satis habeo demonstr avisse de hello civili commentarii 
alterius capita 1, 4 — 4 et 8 — 16 certe non a Caesare, sed scripta 
esse a Trebonio. 

Bekanntlich ist von jeher und bis in die neueste zeit die 
ächtheit des ganzen bellum civile oft angefochten worden; der 
gedanke des vf. dagegen , wenn wir ihn so verstehen , Cäsar 
habe hier (und vielleicht öfter, s. die andeutung p. 5 zu 14, 
4) den bericht eines legaten ohne wesentliche Veränderung auf- 
genommen, ist unseres wissens neu und an sich keinesweges 
unwahrscheinlich. Auch müsste diese annähme zu näherer Un- 
tersuchung anderer partieen führen, bei deren abfassung die 
berichte von legaten mehr oder weniger zu berücksichtigen 
waren. Prüfen wir nun aber die methode Menge's näher, so 
müssen wir erklären, dass seine argumentation nur auf schwa- 
chen füssen steht und für ein problem der höheren kritik viel zu 
äusserlich ist. Manche einzelheit ist allerdings auffallend, so z. 
b. das zweimalige foras 11, 4 und 14, 1, insuper als präposi- 
tion 9, 2, die Verbindung von eo super 10, 3, desistere mit ab 
12, 4, aber diese und noch so viele andere einzelheiten kön- 
nen nicht ins gewicht fallen wenn man bedenkt mit wie be- 
wusster freiheit und Selbständigkeit Cäsar sich in seiner Schreib- 
weise überall über das conventionelle hinwegsetzt. Zur Überzeu- 
gung könnte hier nur der eindruck einer in wesentlichen punk- 
ten verschiedenen gesammtdarstellung führen; diesen eindruck 
habe ich aber wenigstens trotz Menge's darstellung nicht erhalten. 

Im ersten abschnitt des ersten capitels behandelt Menge 
diejenigen Wörter, welche in den commentarien nur hier, also 
als hapaxlegomena stehen. Es ist eine ziemliche anzahl; wie 
aber schon der vf. selbst einen theil als artis vocabula passiren 
lassen muss, so gilt dasselbe gewiss noch von manchen ande- 
ren; manche sind wohl sonst durch die eigenthümlichkeit des 
gegenständes bedingt, einige vielleicht mit bezug auf den ein- 
zelnen fall besonders gebildet. Dass auch der zufall mitge- 
wirkt haben muss, sieht der vf. selbst ein, indem er bei man- 
chen im Cäsar nur hier vorkommenden Wörtern doch beden- 
ken trägt sie für seinen zweck zu verwerthen. (In allen thei- 
len der commentarien finden sich derartige beispiele; man 
denke z, b. an die vielen eigenthümlichen ausdrücke bei der be- 



204 98. Iulius Caesar. Nr. 4. 

lagerung von Alesia, von Dyrrhachium u. s. w.). Selbst wenn 
sich für dieselbe sache aus anderen stellen andere be Zeich- 
nungen nachweisen lassen, ist das numerische übergewicht der 
für cäsarianisch gehaltenen selten bedeutend, so dass ein schluss 
auf einen eigentlichen Sprachgebrauch sich nicht ziehen , mit- 
hin ein verdacht gegen die ächtheit unserer stelle sich nicht 
begründen lässt. Ganz analog muss man über den zweiten 
abschnitt von kap. I. (wörter mit abweichender bedeutung oder 
Verbindung) und über das kap. U. (syntactisch abweichendes) 
urtheilen. Menge hat, wie es scheint, alles was ihm irgend 
auffiel registrirt, schwächt aber eben dadurch das gewicht sei- 
ner aufstellungen selbst ab. Erstlich muss er auch hier viel- 
fach zugeben, man dürfe die Seltenheiten trotzdem nicht urgi- 
ren; 2) stellt er manchen nur hier bei Cäsar stehenden aus- 
drücken andere gleichfalls nur einmal vorkommende gegen- 
über; 3) heisst es öfter: „dieser ausdruck steht bei Cäsar nur 
einmal, sonst immer der und der". Auf diese weise wird 
entweder nichts oder das gegentheil des beabsichtigten bewie- 
sen. Das kap. III. beschäftigt sich zunächst mit ungewöhnlichen 
Wortstellungen. Wir können die angeführten fälle nicht als 
so abweichend von den sonst bei Cäsar vorkommenden aner- 
kennen ; wenn z. b. dem vf. 10, 5 die interclusiones missfallen 
oder wenn er meint, 10, 7 würde Cäsar gesagt haben phalan- 
gis, machinatione navali, subiectis, so dürfte er schwerlich viel Zu- 
stimmung finden. So gut wie 15, 1 die Stellung von omnino, 
konnte 10, 6 die von rursus, das dem sinne nach ja nicht zu 
corrumpantur, sondern zu conteguntur gehört, ungewöhnlich ge- 
funden werden. Die dreimal vorkommende Verbindung von que 
mit präpositionen ist weit weniger auffallend als es Menge glaa- 
ben machen möchte; denn wie hier supraque, so* sagt Cäsar 
noch contraque, iuxtaque, circumque, wie hier exque und inque, so 
perque, deque, inque, s. Fischer an der citirten stelle. Was den 
letzten abschnitt, de aliis scribendi ineptiis betrifft, so fin- 
den sich darin viele ganz subjective behauptungen ; dabei wer- 
den die einzelnen ausdrücke viel zu sehr gepresst, oft in spitz- 
findiger weise, wie bei summam 9, 3 und bei captam suam ur- 
bem 12, 3 wofür vf. paene captam verlangt! (cf. 7, 3). Die 
bei 9, 5 gesammelten synonymischen Verbindungen sind an- 
scheinend verhältnissmässig häufig, gestatten aber keine weite- 



Nr. 4. 98. Iulius Caesar. 205 

ren folgerungen bevor der ganze Cäsar auf diesen punkt hin 
untersucht ist. Mehrmals erklärt Menge einfach das überlie- 
ferte für inept und sagt, Cäsar würde anders geschrieben ha- 
ben, ohne dies irgendwie zu begründen, wie 11, 1 wo wir im 
gegentheil die Worte ictum firmitas materiae sustinet nur sehr be- 
zeichnend finden können. 4, 1 wird remigum ... suppetebat inept 
gefunden weil es sich leicht mit der periode hätte verbinden 
lassen! Auf kleine unvollständigkeiten oder ungenauigkeiten, 
die sich einfach daraus erklären dass auf leser mit einiger 
phantasie gerechnet ist, legt Menge ein ganz unnöthiges gewicht. 
So soll 4, 1 ad eundem numerum unvollständig sein. Aber wie 
oft muss idem aus dem zusammenhange verstanden werden, s. 
b. civ. I, 58, 3. II, 28, 1 und 3, vgl. 16, 3. — 8, 1 wird le- 
gionariis unnütz urgirt; es sind die I, 36, 4 erwähnten, viel- 
leicht im gegensatz zu der H, 1, 4 aufgebotenen multitudo ho- 
minum. — 8,3 meint Menge , der auctor habe Cäsars ihm be- 
kannte gewohnheit, Sentenzen einzustreuen, nachahmen wollen. 
Wann und wie denkt er sich dieses streben, Cäsars stil nach- 
zuahmen, in Trebonius entstanden, vorausgesetzt dass er gele- 
genheit hatte, denselben zu studiren? — 9, 3 habe statt paulo 
longiores effecerunt geschrieben werden müssen trabes tarn longas 
effecerunt, ut paulo ultra parietes eminerent. Ja , so hätte Cäsar 
ohne zweifei auch geschrieben , wenn er — Menge gewesen 
wäre. Man verwundert sich hier und an ähnlichen stellen, zu 
deren vollständiger und sachgemässer beurtheilung bautechni- 
sche kenntnisse unerlässlich scheinen, über die Sicherheit mit 
welcher der verf. auftritt. 

Das bisher gesagte sollte vorzugsweise zur beurtheilung 
der methode des verf. im allgemeinen dienen. In bezug auf 
das beigebrachte material müssen wir ihm noch manches an- 
dere zur last legen. Zunächst sind mehrere seiner angaben 
thatsächlich falsch. Das p. 2 über asseres, convolvere, axibus 
behauptete lässt sich zum theil schon aus Georges Wörterbuch 
berichtigen. P. 3 glaubt er diuturnus nur noch aus den frag- 
menten anführen zu können, wobei er die diuturnior impunitas 
BG. I, 14, 5 vergisst. — P. 4 sagt er zu 3, 2 imprudente et 
inopinante Curione: „haec verba nusquam apud Caesar em invenies 
composita". Aber b. civ. II, 38, 4 steht imprudentis atgue inopi- 
nantis hostis. — P. 5 wird zu 12, 5 ganz einseitig behauptet statt 



206 98. Iulius Caesar. Nr. 4. 

urbem delere habe Cäsar überall diripere gesagt ; als wenn nicht 
im BG-. zahlreiche eroberte Städte durch feuer vernichtet wür- 
den ! — Ib. zu 14, 3 sese incitare komme nicht reflexiv vor. 
Aber cum aestus se incitavisset heisst es doch BG. III, 12, 1; 
so auch noch sonst öfter. — P. 6 zu 15, 4 scheint vf. statt 
detrimentum reconciliare bei Caesar nur sarcire zu kennen; und 
doch findet sich dafür auch resarcire, sanare, expiare. Derglei- 
chen ungenaue und falsche angaben über den thatbestand fin- 
den sich noch mehrmals. Ferner werden die worte des textes 
zuweilen unrichtig verstanden. So durfte p. 5 in 15, 1 nihil — 
unde nicht local sondern nur material gefasst werden (es gab 
nichts mehr, wovon man — nehmen konnte) ; p. 7 in 8, 1 
durfte ex crebris eruptionibus nicht nach der interpunction älterer 
ausgaben mit animadversum est, sondern musste mit magno sibi 
praesidio esse verbunden werden. P. 11 sollen 15, 2 traversaria 
tigna im BG. IUI, 17, 8 durch longurii bezeichnet sein; aber 
dies wort heisst nur stange, latte, und das, was der vf. meint, 
der brückenbelag, heisst dort nicht longurii, sondern directa ma- 
teria. — In formal-kritischer beziehung konnte Menge 
consequenterweise das, was die herausgeber durch emendation 
zu beseitigen gesucht hatten , der schwäche des Schriftstellers 
aufbürden und die Überlieferung als unverletzt ansehen ; aber 
es begegnet ihm auch, dass er p. 11 die worte 15,1 atque eorum 
murorum contignatione als pueriliter dicta bezeichnet, in welchen 
contignatione nur conjectur von Nipperdey ist (edd. contignationem) . 
Mit seltsamer logik führt vf. p. 4 um zu beweisen, dass Cäsar 
22 nicht defigere sondern perfringere gesagt haben würde, für 
letzteres neben zwei anderen stellen et in parte a nobis traetata 
tabulationem perfringere 9,3 an, d. h. er citirt diese angeblich 
trebonianische stelle als cäsarianisch ! 

Alles dies zeigt dass der vf. eilfertig und ohne die für 
derartige Untersuchungen nöthige aecuratesse gearbeitet hat. 
Dabei ist noch manches unberücksichtigt geblieben, was unseres 
erachtens eben so wohl hätte anstoss erregen müssen , und' 
zwar geradein den nicht dem Trebonius zugeschriebenen stel- 
len, wie die theilweise Wiederholung von 5, 5 in 6, 1, das ab- 
gerissene diduetisque 6,2, auch ex coneursu laborare 6, 5, da 
doch laborare ex für gewöhnlich etwas anderes bedeutet. 

Auf seinen eigenen stil verwendet Menge, so scharf er 



Nr. 4. 99. Tacitus. 207 

den des „Trebonius" auch beurtheilt, keine grosse Sorgfalt. Er 
entschuldigt sich zwar ohne Ursache wegen des gebrauches gram- 
matischer kunstausdrücke , aber desto unangenehmer fallen auf 
s u b intelligendum est, auctor (für scriptor) und noster auctor, in Vi- 
truvio, in Caesare legitur oder inveni; non mirabitur qui — intelle- 
xit — fstatt intellexerit); quasi ...res esset statt sit (p. 9 mitte) 
und besonders orationis copiositas p. 9 unten und p. 10 oben 
(usus fuerit p. 4, 6 v. u. ist wohl druckfehler statt usurus fuerit). 
Wenn Menge, wie er zu beabsichtigen scheint, die gesamm- 
ten commentarien in derselben weise wie diese sechzehn kapitel 
durchgeht, so dürfte sich überall viel auffallendes und anschei- 
nend ineptes finden; ob er berechtigtere Schlüsse auf weitere 
auctores daran knüpfen wird , ist mir nach dieser particula 
prima sehr zweifelhaft. 

Hartz. 

99. Germanische alterthümer mit text, Übersetzung und 
erklärung von Tacitus Germania. Von Adolf Holtzmann. 
Herausgegeben von Alfred Holder. 8. Leipzig. Teubner. 
1873. — 2 thlr. 20 ngr. 

Im winter 1854/55 und 1856/57, dann in den sommern 
1859 und 1860 las Holtzmann in je zwei stunden „erklärung 
von Tacitus Germania", später im sommer 1852, winter 1863/64 3 
64/65, 66/67, zuletzt sommer 68 ein vierstündiges collegium „ger- 
manische alterthümer mit erklärung von Tacitus Germania". 
Von jeder dieser beiden fassungen ist dem herausgeber, der auch 
selbst im jähre 1859 die Vorlesung Holtzmann's nachgeschrie- 
ben hatte, ein heft Holtzmann's übergeben und er hat sie dann 
zu einem commentar der Germania verarbeitet. Nur citate und 
litteraturnachweise sind nach neueren ausgaben nachgetragen. 
Zwischen einleitung und commentar schob Holder auch den 
text ein, wozu die leidener und die Stuttgarter handschrift neu 
verglichen sind. Die dem text gegenüberstehende Übersetzung 
ist von Holtzmann. 

Die einleitung bekämpft mit kurzen Worten die ansichten 
von Schreiber, H. Leo und vorzüglich von Mone, der in seinen 
celtischen forschungen so weit gehe, „dass er auch die Germa- 
nen Caesars und des Tacitus nicht als Deutsche gelten lässt, 
sondern behauptet , diese seien noch Kelten gewesen und erst 



208 99. Tacitus. Nr. 4. 

mit der Völkerwanderung , mit den Alemannen, Sachsen, Fran- 
ken, Gotken treten die rohen Deutschen in die geschichte ein". 

Dem gegenüber hält Holtzraann seinen in „Kelten und 
Germanen: eine historische Untersuchung 1855" eingenomme- 
nen Standpunkt fest, dass die brittischen Völker keine Kelten, 
dagegen die Germanen die lebenden repräsentanten der Kelten 
sind. Er giebt dann die hauptgründe für diese ansieht und 
behauptet, dass die Germanen der urzeit als eine kriegerkaste 
zu fassen seien. Dieser satz richtet sich schon dadurch, dass 
Holtzmann nicht im stände ist, dieser kriegerkaste andere kä- 
sten an die seite zu stellen, die mit jener kriegerkaste ein 
volk ausmachten. 

Den schluss der einleitung bildet eine besprechung der 
bearbeitungen und der quellen, eingehender jedoch nur der 
des Tacitus. 

Die Übersetzung zeigt manchen glücklichen griff, aber an 
manchen stellen ist sie recht steif und geradezu unlesbar, weil 
der Verfasser sich zu ängstlich an die ausdrucksweise des Ta- 
citus bindet und substantiva verbalia oder partieipia gebraucht, 
wo es die deutsche spräche nicht kann. So p. 37, c. 9 Wo- 
her für den fremden dienst veranlassung und Ursprung . . , c. 
10 keine befragung mehr u. s.w. 

Die Übersetzung von c. 13 hängt natürlich von der auf- 
fassung der deutschen Verfassung ab , aber der versuch Holtz- 
mann's, ceteris robustioribus ac iam pridem probatis aggregantur 
„um sie schaaren sich die übrigen, reiferen und längst berühm- 
ten" wird auch bei denjenigen schwerlich anklang finden, die 
dignatio (so liest Holder) mit „würde" übersetzen und nicht 
mit „Würdigung, auszeichnung". Ueber die sache aber vrgl. 
meine abhandlung: wehrhaftmachung kein ritterschlag Philolo- 
gus 31, 490 ff. und meine anzeige von Schweitzer - Sidler's 
Germania Philol. Anzeig. IV, 7, p. 352. 

Von den stellen, an welchen die herausgeber schwanken, hebe 
ich folgende heraus. Holder liest c. 5 utilitate, c. 15 ist non ge- 
strichen — der commentar hat hier ein „auch" , welches wohl 
doch, gleichwohl heissen soll — , c. 21 victus inter omnes pa- 
riter communis, nach Tross c. 42 peragitur, c. 46 peditum statt 
des besseren praecingitur und pedum: c. 26 invicem cognationi- 
lus : cognationibvs ist ein zusatz ; der die Schwierigkeit nicht hebt. 



' 



Nr. 4. 99. Tacitus. 209 

Der commentar, dessen stil an einzelnen stellen an das 
collegienbeft erinnert, ist seLr reich und sehr angenehm zu be- 
nutzen, weil die stellen, auf die er sich beruft, selbst abge- 
druckt werden. Als eine darstellung der deutschen alterthümer 
leidet er aber an einigen bedenklichen mangeln. Einmal wer- 
den die verschiedenen abschnitte der alterthumskunde nicht im 
Zusammenhang, sondern da abgehandelt, wo eine Wendung des 
Tacitus darauf führt. Die Germania bat aber keine sachliche, 
sondern eine rhetorische Ordnung, sie übergeht wichtige dinge 
mit stillschweigen oder mit kaum verständlicher andeutung. 
So kommt es auch wohl, dass die erörterungen über kleidung, 
Verfassung, ackerbau u. s. w. zwar voller gelehrsamkeit, aber 
nicht erschöpfend sind. Dazu sind die litteraturnachweise un- 
vollständig. Selbst Sohm's bedeutendes werk, das doch schon 
1871 erschien und auch im philologischen Anzeiger 1871 be- 
sprochen wurde, ist an keiner stelle erwähnt. Der her- 
ausgeber musste Sohm's auffassung nachtragen. In seiner 
beweisführung ist Holtzmann mehr gelehrt als kritisch, vor al- 
lem in der frage nach der Volkseinheit von Kelten und Ger- 
manen. Der eigentliche grund , der ihn zu dieser annähme 
treibt, ist offenbar die beobachtung, dass die Kelten von den 
alten ebenso als grosse und blonde leute geschildert werden, 
wie die Germanen , während die nachkommen der Kelten in 
der Bretagne klein und dunkel sind, s. p. 123. Statt aber dies 
allein zu betonen und den nachweis zu versuchen, dass man 
deshalb die Zeugnisse der alten , welche Celten und Germanen 
als verschiedene Völker auffassen, verwerfen müsse, sucht er 
die thatsache, dass Caesar und die bestunterrichteten andern 
Schriftsteller so urtheilen, durch gelehrsamkeit zu verdunkeln. 

Für die anklänge des Tacitus an die worte und angaben 
anderer quellen hat Holtzmann feine beobachtung: so verweist 
er bei Germ. 1 auf Plin. NH. 2, 246, bei c. 2 auf Caes. BG. H, 4, 
bei c. 26 invicem auf Caes. BG. IV, 1. VI, 22. Aber seine ver- 
muthungen bleiben ohne rechtes ergebniss , da er das verhält- 
niss der bezüglichen stellen nicht näher feststellt. Sie werden 
hoffentlich zu neuer prüfung auffordern, wie ich denn selbst da- 
durch schon zu der kleinen Schrift Ein missverständniss des 
Tacitus. Strassburg i. E. E. Schultz & Cie angeregt bin. 

Den schluss bildet ein wörterverzeichniss, das alle Wörter 
Philol. Anz. VI. 14 



210 100. Tacitus. Nr. 4. 

der Germania aufführt, mit allen stellen an denen sie vorkom- 
men, ein verzeichniss der besprochenen schriftstellen und ein 
Sachregister. G. Kaufmann. 

100. De praepositionis „ad" usu Taciteo scripsit Her- 
mannus C. Mave Dr philos. Moenofrancofurti 1870. 8. 
p. 72. 

Je weniger für manche autoren nach allseitiger ausbeutung 
der quellen nach der kritischen seite noch neue resultate zu 
erwarten sind , desto fruchtbringender und berechtigter ist die 
genaue durchforschung des gewonnenen sprachlichen materiales 
nach der grammatischen und lexicalischen seite; sie setzt eines- 
theils den willkürlichen conjecturen ein ziel, anderntheils giebt 
sie den nothwendigen die feste grundlage; sie liefert ferner 
beitrage zu unserer so mangelhaften lateinischen lexicographie, 
ja diese mühevolle einzelforschung lässt sich endlich auch di- 
rect für die historische quellenforschung verwenden , wie dies 
Ed. Wölfflin kürzlich in seiner schritt ,,Antiochus von Syrakus 
und Caelius Antipater. Winterthur 1872" gezeigt hat. — Für 
Tacitus haben sich nun in letzterer zeit ganz besonders be- 
stimmte wortclassen einer Specialbehandlung zu erfreuen gehabt, 
nämlich die partikeln und unter diesen besonders die präposi- 
ti o n e n. H. Mave in der obengenannten schrift zeigt in erschö- 
pfender und durchsichtiger behandlung, wie viel stoff zu ein- 
gehenden bemerkungen bei dem gebrauch einer einzigen 
präposition dieses Schriftstellers vorhanden sei. Besonders ge- 
reichen der Untersuchung zum vortheil die unter dem druck 
als anmerkungen gegebenen parallelbeispiele der präposition in 
c. accus. ; auch die Unterscheidung der beispiele nach or. recta 
und obliqua durch kreuze und Sternchen ist zweckmässig. Auf 
p. 44, bei der erörterung von Ann. 16, 23, 9 ad externa rumo- 
ribus, wird der präpositionalgebrauch des Schriftstellers von dem 
richtigen gesichtspunkt erörtert: nam in eo vel potissimum ad- 
mirabilis illa brevitas stili Tacitei sita est, quod liberiore praeposi- 
tionum usu multa efferebat quae ceteri.scriptores ambagibus aut partici- 
piis aut totis 8ententiis adhibitis conscqiierentur. Schon Nägelsbach 
weist in seiner Stilistik mehrfach auf die „energische" kraft der 
präposition hin, welche eben bei Tacitus das gesammte gebiet 
des präpositionalgebrauches beherrscht. Diese energische kraft 



Nr. 4. 100. Tacitus. 211 

der präposition rührt aber zum guten tlieil her aus dem be- 
wussten beibehalten und fortwirkenlassen des ursprünglichen 
localen begriffes in den übertragenen bedeutungen. Mave 
redet hierüber auf p. 45, wo er über den finalen gebrauch 
von ad zu handeln beginnt. Wenn er aber p. 44. a. 2 zu Ann. 
6, 11, 13 in crimen ducitur sagt: in pro cum positum esse vide- 
tur, und p. 45 a. ut pro simplici dativo scriptam eam esse intelle- 
gamus , so ist dies nicht richtig, denn weder ist in crimen du- 
citur = crimini ducitur, noch ist Ann. 12, 32, 9 in religuos data 
venia = reliquis data venia; es ist vielmehr zu erinnern an 
ausdrücke wie A. 1, 7, 26 in crimen detor quere, 12, 4, 3 
ferre crimina in — , 15, 68, 8 in crimen attrahi, und für A. 
12, 32, 9 an 16, 11 largiri in — , 14, 53 cumulare in — , so 
wie an das häufige conferre in — . Wenn sich ferner Mave p. 
11. a. 5 über das fehlen der usuellen Verbindung von trans- 
gredi in partes in den Annalen wundert, so ist an 15, 50 de- 
scendere in partes (cf. 3, 3 descendere in causam), 1, 60 frü- 
here in partes zu erinnern; wir irren wohl nicht, wenn wir 
dergleichen zum theil neu gebildete Verbindungen aus dem 
bestreben erklären dem sittlichen affect mit neuen sprachmit- 
teln zum ausdruck zu verhelfen, wobei bei einem Schriftsteller, 
welcher wie Tacitus mitten im vollen sprachbewusstsein und Sprach- 
gefühl seines volkes steht, von einer sprachlockerung oder ver- 
derbniss nicht, eher von einer bereicherung die rede sein kann. 
Wenn daher Mave p. 44. 45 über den durch präpositionalge- 
brauch mehr und mehr beschränkten casusgebrauch im allge- 
meinen sagt: dubium non est, quin hie usus pro depravatione lin- 
guae habendus sit, und: commoditati cuidam , ne dicam inertiae co- 
gitandi tribuenda videtur i so ist bei Tacitus eben dieser erwei- 
terte präpositionalgebrauch noch eine kraft und Schönheit sei- 
ner eigenartigen spräche, weshalb auch durchweg die seltensten 
und kühnsten beispiele den Annalen angehören. So verwan- 
delt er das klassische spem ponere, collocare in — , in das ganz 
neue A. 15, 9 spem vertere in — , so eulpam con — , transferre 
in — , in eulpam vertere oder trahere (vgl. A. 15, 26 in inseitiam 
declinare), so hat er für das gebräuchliche in se trahere in A. 2, 
64 in se vertere = sich zueignen, und für das gewöhnliche in 
exilium pellere, agere substituirt er sich die verba amovere, abdere, 
amandare, deportare, exigere, proieere, relegare, seponere, demovere 

14* 



212 100. Tacitus. Nr. 4. 

und das einfache pellere. Von dem so sehr erweiterten gebrauch 
der verba des theilens : dividere, dispertire, distribuere, dispergere, 
disponere, diffundere, digerere (cf. A. 6, 3 sociare in — ), geht er A. 1, 
55, 5 zu dissidere hostem in Arminium ac Segestem; so konnte denn 
der schriftsteiler auch zu den auffallendsten beispielen überge- 
hen in A. 6, 2 incusare in — , 2, 39 dissimilis in — , in wel- 
chen die präposition gewissermassen zum greifbaren messappa- 
rat wurde. Dadurch erhielten so viele an sich oft rein neu- 
trale begriffe durch hinzufügung der meistens die richtung 
bezeichnenden präposition eine ganz neue beziehung, indem die 
person selbst unter beimischung oft des ethischen Verhältnisses 
als ort und Zielpunkt des verbalbegriffes betrachtet wurde; wir 
haben hier die zahlreichen stellen im sinne wie A. 11 , 24 
regnare in — , 2, 18 portare in — , 2, 88 venenum vetare in — , 
14, 37 tela exhaurire in — , 11, 19 vim proJiibere in — , 13, 17 
mortem proper are in — , 12, 25 adoptio festinatur in — , und das 
häufige metus, pavor in — (A. 1,59; 6,50; 11, 8; 4, 2), wor- 
aus dann die stets kühneren Verbindungen A. 12, 35, 9 plus 
vulnerum in nos et pleraeque caedes oriebantur, 12, 6, 12 nova 
nobis in fratrum filias coniugia entstanden. — Gehen wir zum 
einzelnen. In der drei Seiten umfassenden einleitung wer- 
den wesentlich die leitenden grundsätze zur getroffenen dis- 
position erörtert und einige bemerkungen über die ursprüngliche 
bedeutung von ad als der der richtung angefügt, gefolgert aus 
der hinzufügung von usque\ den unterschied von ad und in 
giebt Senec. Ep. 73, 14. Die wesentliche disposition ist von 
selbst gegeben, A. local; B. temporal; C. übertragen; 
jede abtheilung ist geschieden in a) „ad" de directione ad rem 
versus dicitur ; b) „ad u de p erv eniendo ad rem dicitur; unter der 
finalen bedeutung besonders wird geschieden die rection bei 
verben, adjectiven und participien, Substantiven. Bei der wei- 
teren eintheilung, welche bei der übertragenen bedeutung sogar 
auf fünf glieder geht : C. I. 1. a. a, kann es nicht fehlen, dass 
hier und da über die einordnung der beispiele sich zweifei er- 
heben lassen. Eingefügt sind auf p. 33 bemerkungen über das 
temporale sub idem tempus und per idem tempus , bei welchem 
letzteren in a. 2 nicht völlig richtig ist: loci in solis Annali- 
bus repcriuntur, denn dieselbe Verbindung findet sich H. 1, 
73, 1, dagegen das angeführte per Mos dies ausser 4, 42, 1 



Nr. 4. 100. Tacitus. 213 

noch 3, 44, 12; 4, 63, 1; 16, 2, 5, während die Verbindung 
per hos dies in A. 1, 42, 7 und per eos dies in 1, 69, 
5; 14, 21, 23 auch den Historien angehört in 1, 20, 
13; 88 , 1 und 3, 46, 1 per eosdem, dies (vgl. 4, 81, 1 per 
eos menses und A. 2, 24, 9 per omnes Mos dies noctesque). Nicht 
gebilligt kann werden das auf p. 33 mit H. 1, 52, 1 sub 
ipsas superioris anni Tcalendas Decembres als temporal angeführte 
A. 6, 30, 19 sub verbere centurionis; denn im letzteren beispiele 
kann sub sicherlich nicht bedeuten : aliquid eodem tempore vel 
simul cum alia re fachim esse, und diese beiden beispiele sind 
nicht mit recht simillimi loci genannt. Auf p. 66 werden die 
beispiele der präpositionen : secundum, pro, ex, de in der 
bedeutung: entsprechend, gemäss, gegeben; angefügt ist p. 70 — 
72 de collocatione praepositionis supplementum. Uebrigens thun 
etwa fehlende beispiele und hier und da vorkommende unge- 
nauigkeiten dem ganzen nirgends erheblichen eintrag , wenn 
auch das auf p. 3 versprochene omnia exempla colligere zu den 
unter in in den anmerkungen aufgeführten beispielen, manche 
ausnähme erleidet. — Wir geben nun einige Zusätze und 
ergänz un gen; auf p. 4 c. 4 fehlt A 4, 34, 24 manus ad 
obsessos tendere; p. 5. c. 10 ist zu A. 1, 11, 1 mus, venae, preces 
zu setzen; in der anmerkung 1 fehlt zu A 3, 20, 14 conversus 
ad, A 4, 41, 16 conversus in; ebenda hat A. 1, 64, 11 aquas 
vertere in subiecta keine finale, sondern rein locale bedeu- 
tung. Ebenfalls nicht richtig ist, was dort Mave über den ge- 
brauch von vertere in sagt: in ceteris omnibus exemplis signifi- 
catio est rem aliquam in aliam transire sive ita mutari ut alia 
fiat, denn aus der reinen Weiterbildung der richtung in localem 
sinn finden sich eine menge neu gebildeter beispiele, bei denen 
weder ein ethisches moment feindlicher oder freundlicher gesin- 
nung, noch ein Übergang von einem zustand in den andern zu 
denken ist, wie z. b. A. 15, 9, 11 spem omnem in Armeniam 
vertere. Darüber kann die vollständige Zusammenstellung von 
vertere mit seinen compositis in Verbindung mit in auf p. 
17 — 19 meines programmes: Nonnulla de usu praepositionum 
apud Tacitum. Grlückstadt 1871, verglichen werden. — Auf 
p. 6. c. 25 fehlt Hist. 1, 74, 16 Imperium ad Othonem vertere — 
p. 9 a. 1 zu ire A. 2, 25, 3; zu in sententiam A. 4, 30, 9, 
dagegen sind 3, 50, 12 in periculum — in exemplum 12, 68, 9 



214 100. Tacitus. Nr. 4. 

in melius ire wohl absichtlich übergangen; zu a. 3 redire in 
fehlt A. 2, 63, 15 regnum. • — P. 10 transire ad fehlt A. 16, 
22, 22 ad illa instituta; zu proficisci ad A. 3, 7, 2. Illyricos 
ad exercitus. — P. 11. a. 1 digredi in fehlt A. 14, 23, 8 a via; 
zu a. 5 transgredi in partes H. 3, 57, 14. — P. 12 a. 2 
zu remeare in A. 11, 8, 3 regnum; auch musste zu acce- 
dere ad entweder hier oder p. 61. D. 31, 3 ad veritatem ac- 
cedere genannt werden, denn dort sind nur D. 16, 2 und 36, 34 
genannt (cf. p. 64. 65. c). — P. 13 a. 2 discedere in fehlt H. 
5, 12, 18 in duas factiones , A. 1, 34, 10 manipulos. — P. 16 a. 
1 zu per fuger e in H. 4, 65, 9 in suas quisque sedes, A. 3, 46, 
18 villam; a. 2 pergere in wären den zwei beispielen noch drei- 
zehn hinzuzufügen: H. 2, 1, 16; 4, 19, 2 urbem, 3, 11, 10; A. 
15, 55, 1 hortos; A 1, 18, 4 ; 31, 9; 15, 59, 3 castra; H. 3, 68, 
20 sacram viam, A. 2, 39, 4 insulam Planariam, 4 , 22, 5 do- 
mum T 6, 27, 12 Eispaniam, 12, 16, 5 Siracos; 11, 32, 9 com- 
plexum patris. — P. 18 unten zu nuntios fehlt A. 12, 48, 
11; 15, 17, 11.— P. 19 oben zu mitter e H. 3, 77, 18 lauream 
ad fratrem; A. 16, 34, 1 ad Thraseam quaestor consulis missus; 
ebenda zu a. 1 mittere in H. 5, 19, 1 superiorem provinciam, A. 
4, 55, 2 Graeciam. Zu H. 2, 40, 10 in discrimen mittere wäre 
A. 2, 11, 2 dare in discrimen anzuführen. — P. 20 a. 2 
konnte zu deicere auch H. 4, 72, 3 fixis in terram oculis 
herangezogen werden; (cf. A. 3, 1, 16 defigere oculos sc. 
solo; H. 1, 17, 2 coniectis in eum oculis); zu a. 4 ducere in 
fehlt A. 2, 57, 3 Armeniam, zu a. 5 deducere in A. 14, 31, 
13 coloniam. Unter ducere in wird A. 12, 32, 2 mit der nicht 
vorhandenen lesart agros , aber p. 14, a. 1 richtig mit Decan- 
gos aufgeführt. — P. 21 oben fehlt unter den compositis von 
ducere noch producere D. 36, 28 ad populum; zu retrahere 
ad ist als einziges parallelbeispiel H. 4, 70, 31 retrahere in 
arma zu nennen. — P. 22 a. 1 zu deferre in fehlt A. 1,35, 
18 ferrum in pectus (cf. 4, 50, 9 demisso in pectus ferro); 12, 
17, 14 litora Taurorum H. 3, 84, 18 domum, uxoris; zu a. 2 r e- 
ferre in A. 13, 28,9 publicas tabulas\ zu a. 3 t r a ns/erre in 11, 3, 
13 partem m» aliam, 15, 32, 1 ius Latii und übertragen H. 4, 39, 
5. — P. 23 zu vocare ad contionem fehlt H. 3, 60, 8- — Auf p. 
24 oben ist H. 3, 50, 12 als das einzige beispiel zu adscis- 
cere ad genannt, es steht aber noch einmal, wenn auch final 



Nr. 4. 100. Tacitus. 215 

A. 16, 20, 3 ipsi ad omnem libidinem adscita; übrigens wäre so- 
wohl H. 2, 68, 2 adhibere ad epidas richtiger auf p. 61. b. 1: 
si „ad" exprimit rei aliquid adiungi, anzuführen gewesen ; ebenso 
ist p. 24. a. 1 zu adsciscere in noch H. 3, 52, 12 in senatorium 
ordinem adscitum für additum hinzuzufügen, nach Ritter's si- 
cherer emendation, worüber Wölfflin, Phil. XXV. p. 121. — 
Auf p. 26 zu irrumpere ad konnten unten erwähnt werden 
mit in D. 11, 16; A. 6, 16, 1; zu A. 11, 17, 2 inrupisse 
ad invitos das später genannte H. 1, 33, 1 ad ignaros inlatus. 
— P. 27 fehlt zu a. 1 penetr are in D. 10, 4 fama in totam 
urbem penetr at; zu a. 4 porri gi in Gr. 41, 1 in secretiora Ger- 
maniae porrigitur. — P. 28 gehören zu incumbere ad als pa- 
rallelstellen mit in, local H. 2, 49, 11 in ferrum, dann 3, 10, 
6 ira in Flavianos (cf. 31, 5 ira in tribunos r evertiturj, 4, 41, 
8 censura in Lariolenum (3, 29, 2 dux — eodem incubuerat). — 
In a. 1 fehlt zu in — usque Ag. 28, 15 in nostram usque ripam 
adductos. Das beispiel A. 15, 58, 15 bezeichnet mehr die rich- 
tung, und p. 29 zu c. >t ad" pro praepositione apud substituitur, war 
zu H. 3, 50, 14 ad fanum Fortunae iter sistunt auch 2, 87, 3 
von p. 68, ad omnes amoenitates resistens zu setzen, welches doch 
weniger, anirni motum als die locale bedeutung enthält. 

Auf p. 33 unter B, ad sensu temporali positum heisst es: 
mirum est, quod eius significationis, ubi fere sit g e g e n h i n, unum 
tantum exemplum exstat, und als solches wird genannt A. 2, 21, 
14 ad noctem cruore satiatae sunt; aber wenn es 2, 18, 2 quinta 
ab hora diei ad noctem caesi hostes heisst , so scheint beides für 
usque ad zu stehen, und da nun auch A. 15, 60, 17 narn ad 
eam diem ex Campania remeaverat (welches ich nirgends bei 
Mave finde), für in eum diem i. e. eo die = auf jenen tag 
hin, -an jenem tage bedeutet, so möchte sich jene von ad aufge- 
stellte temporale bedeutucg = sub c. acc., wie A. 4, 63, 9; 
15, 23, 15 überhaupt nicht nachweisen lassen; auch in den 
beiden stellen a. 1. H. 3, 86, 13 praecipiti in occasum die und 
A. 1, 16, 10 flexo in vesperam die, ist der begriff der richtung 
mehr als der der zeitlichen annäherung vorherrschend (vgl. prae- 
ceps in Ag. 42, 15. H. 1, 24, 3). Zu den stellen von sub 
idem tempus und per idem tempüs konnte auch das einmalige 
idem in tempus A. 2, 47, 13 angeführt werden, wo e3 freilich 
bedeutet „auf eben so lauge ;c . — P. 35, 3 zu usque ad fehlt 



216 100. Tacitus. Nr. 4. 

A. 13, 46, 19 usque ad civilia arma integre egit. — P. 37 zu 
ad praesens fehlen noch H. 1, 44, 14; 3, 6, 6, und konnten 
auch die zwölf beispiele von in praesens H, 1, 4; 70; 4, 17; 
58. A. 1,4; 76; 3,28; 4, 21; 11, 15; 15,36; 44; 74 unten ver- 
glichen werden; also 12 in zu 4 ad, davon je 4 in den Histo 
rien, 14 in den Annalen (Vgl. Nonnulla de usu praepos. p. 12). 
Auf p. 37 wo der dritte haupttheil, „Ad" sensu trans- 
laticio positum beginnt, fehlt p. 39 zu promptus ad A. 4, 46, 
13 promptum libertati aut ad mortem animum, 15, 64, 5 vulgus 
ad deteriora promptum. — P. 42, 43 evinci, subigi ad gehören 
entschieden zu p. 59 frangere ad etc. — P. 46 wertere ad 
ist A. 13, 50, 13 «d invidiam zu setzen und die parallelbeipiele 
zu in Ag. 32, 3 gloriam, H. 3, 49, 11 praedam, An. 1, 28, 12 
sapientiam beizufügen; p. 47 flagitare ad fehlt unten in 
A. 3, 14, 9 ministros in tormenta flagitabat. — Ebenda a. 4 wird 
A. 4, 3, 16 statt sumitur in conscientiam besser adsumitur in 
c. geschrieben, wie der genaue vergleich der verba sumere, ad- 
sumere, adsciscere ergiebt. Die auf p. 51. 52 genannten locus, 
pontesj dies, sub sidium ad sind als mehr vom verbalbe- 
griff abhängig auf p. 47. 48 zu sumere, indere, uti richti- 
ger anzuführen. — P. 48 superesse ad s. H. 3, 37, 10 su- 
peresse in, obwohl etwas ungleich. — P. 51 zu D 5, 16 ein- 
zufügen vel ad dignitatem amplius. — P. 52 b. « fehlt A. 14, 
8, 8 ut ad gratandum se expedire. — P. 53 zu aptus fehlt H. 
2, 14, 19 apta ad iaciendum manus, zu m at er i a ad D. 31, 7 
oratori subiecta ad dicendum materia. — P. 56 fehlen Ag. 28, 
3 ad tradendam disciplinam haberi, H. 1, 85, 1 oratio ad per- 
stringendos animos grate accepta, 3, 10, 13 ad ferendam opem no- 
mine ciens, A. 2, 43, 19 Suriae imponi ad spes coercendas, 11, 
37, 7 dicendam ad causam adesse. — P. 57. y. fehlt A. 5, 6, 
2 segnis ad opprimendos ministros. — P. 60 oben zu mutari 
ad H. 5, 13, 12 ad vera mutari; zu efferre ad A. 15, 20, 3 
opibus nimiis ad iniurias elati. — P. 61 b. 1 zu addere ad, 
A. 2, 87, 3 addere in. — P. 62 zu ad h oc Ag. 9, 21 in 
Jioc, freilich in anderem sinn. — P. 63. a. 1 zu trahere in 
das seltene beispiel A. 15, 26, 12 in inscitiam declinans. — 
P. 64 oben fehlen H. 3, 33, 5 viles ad praedam, 5, 10, 11 utile 
ad omnes casus, A. 1, 43, 15 id stabile ad paenitentiam erit. — 
P. 65 zu a. 1 in morem fehlt D. 22, 15 in morem annalium; 



Nr. 4. Neue auflagen. 217 

zu a. 2 in form am H. 3, 47, 4; A. 14, 31, in formam pro- 
vinciae. Zweifelhaft ist ebenda in A. 12, 6, 9 vidisse ipsos ab- 
ripi coniuges ad libita Caesar um die bedeutung = secundum, 
es scheint vielmehr die bewegung mit finaler bedeutung, wie 
das simplex in H. 1 , 63 , 4 armis ad caedem civitatis ; freilich 
steht das compositum „abripere" in allen übrigen stellen (zehn- 
mal) absolut. — Auf p. 68 zu respondere ad fehlt H. 4, 32, 
7 ad ea inquit. Am ende der seite ist H. 4, 78, 6 ad praedam 
instigantes wohl weniger „auf die aussieht zur beute hin", als 
nach 1, 73, 4 ad instigandum in arma zu p. 42 stimulare, 
exstimulare, excitare ad zu ziehen. — P. 69 zu con- 
ferre ad sind zu nennen mit in H. 4, 53, 1 ; A. 3, 71, 18; 6, 
40, 13; 12, 4, 14. Ebenda konnte zu A. 3, 52, 11 dif- 
ferre ad an Ag. 37, 6 pulsos in fugam disicere erinnert 
werden. — Auf p. 70 zu re ferre ad fehlt A. 4, 22, 7 re- 
fert ad senatum. 

Falsche citirungen sind p. 13. a. 1 für H. 2, 37, 7 lies 
2, 33, 7; p. 16 col. 33 f. 4, 49, 16 1. 4, 59, 17; p. 17 c. 17 
f. 21, 1 1. 22, 1; p. 19 c. 3 f. 4, 56, 6 1. 4, 15, 6; p. 28 
a. 1 f.: Ag. 28, 15 1. G. 35, 5; ausserdem ist an manchen 
stellen die dritte zahl verwechselt, wird aber vom äuge leicht 
berichtigt. Der druck ist sonst durchweg correct und deutlich 
und diese schrift muss als ein brauchbarer beitrag zur lexico- 
graphie überhaupt bezeichnet werden. 

Neue auflagen. 

101. Isokrates ausgewählte reden, Panegyrikus und Areopagiti- 
kus. Erklärt von R. Rauchenstein. 8. aufl. 8. Berl. Weidmann; 

1 mk. 50 pf. — 102. C. Catulli Veroneusis liber. Ex rec. C. Lach- 
manni. Ed. 3. 8. Gr. Reimer. Berlin; 10 ugr. — 103. Cicero's aus- 
gewählte reden. Erklärt von K. Hahn. 2. bdeh. 6. aufl. 8. Ber- 
lin. Weidmann; 2 mk. 25 pf. — 104. M. T. Ciceronis Tuscula- 
narum disputationum 11. V. Recognovit R. Kuehner. 8. Ed. 4. Hahn. 
Lipsiae ; 2 thlr. 20 gr. — 105. Cicero's ausgewählte briefe heraus- 
gegeben von F. Hofmann. 1. bd. 3. aufl. 8. Berlin. Weidmann; 

2 mk. 25 pf. — 106. Apici Caeli de re coquinaria 11. X. Edid. 
C. Th. Schlich. 2. edit. 8. Heidelberg, Winter; 20 gr. — 107. 
Freund' s Schülerbibliothek. Präparation zu Sophokles werken. 10. 
heft. 2. aufl. — 108. Präparation zu Xenophons Cyropädie. 4. heft. 
2. aufl. — 109. Präparation zu Horaz werken. 6. heft. 2. aufl. — 
110. Präparation zu Sallusts werken. 2. heft. 3. aufl. 16. Violet. 
Leipzig. 5 ngr. — 111. Präparation zu Livius römischer geschichte. 
12. heft. 3. aufl. 16. Violet. Leipzig; 5 ngr. — 112. Becker' s 



218 Neue Schulbücher. — Bibliographie. Nr. 4. 

Weltgeschichte für das deutsche volk. 8. aufl. Neuer abdruck. 2. lief. 
8. Duncker und Humblodt. Leipzig; 5 ngr. — 113. E. Curtius, grie- 
chische geschichte. 1. bd. 4. aufi. 8. Berlin. Weidmann; 7 mark; 
desselben 3. bd. 8. aufl. 8; 9 mk., register zu bd. 3: 40 pf. — 114. 
L. Lange, römische alterthümer. Register zu bd. III. 1, angefer- 
tigt von L. Mendelssohn; Berlin. Weidmann; 60 pf. — 115. Puchta, 
Vorlesungen über das heutige römische recht herausgegeben von A. 
A. F. Rudorff. 6. aufl. 5. lief. 8. Leipzig. Tauchnitz; 25 ngr. — 
116. C. Zell, handbuch der römischen epigraphik. 2. ausg. 8. Hei- 
delberg, Winter; 4 thlr. 15 gr. 



Neue Schulbücher. 

117. JB. G. Niebuhr, griechische heroengeschichte. 5. aufl. 8. 
Perthes. Gotha; 16 ngr. — 118. O. Seemann, kleine mythologie der 
Griechen und Römer. 8. Leipzig, Seemann, 1 thlr. 10 gr. — 119. 
E. Cauer, geschichlstabellen zum gebrauch auf gymnasien und real- 
schulen. 19. aufl. 8. Breslau. Trewendt; 6 ngr. — 120. K. T. 
Süpfle, aufgaben zu lateinischen stylübungen. 1. thl. 16. aufl. 8. 
28 gr. 2. thl. 15. aufl. 8. ebendas. ; 1 thlr. 3 ngr. — 121. A. 
Haacke , aufgaben zum übersetzen ins lateinische für tertia. 4. 
aufl. 8. Berlin. Weidmann; 2 mk. — 122. L. Engelmann, latei- 
nisches lesebuch. 2. thl. 2. aufl. 8. Buchner. Bamberg; 20 ngr. — 
123. W. Willerding, lateinisches elementarbuch für sexta. 3. aufl. 8. 
Hildesheim. Gerstenberg; 12 ngr. 



Bibliographie. 

Der berliner Börsen - Courier berichtet : hier wird ein neues gro- 
sses literarisches unternehmen geplant, eine Revue im style der Revue 
des deux mondes; die bedeutendsten literarischen kräfte Deutschlands 
sollen dem unternehmen ihre feder zu leihen sich bereit erklärt ha- 
ben. Börsenbl. nr. 85. 

Unter der Überschrift: »die bettelei im buchhandel« steht im Bör- 
senbl. nr. 89 ein artikel, der namentlich die »academischen lesever- 
eine« in Oesterreich wegen ihres bettelns um Zeitschriften u. drgl. 
geisselt »weil die mittel gering sind«. Das, was da angeführt wor- 
den, ist allerdings stark: allein es soll grade unter den studirenden 
in Oesterreich der reichthum nicht sich aufhalten: man sollte also 
doch den Verhältnissen etwas rechnung tragen. 

Die Verhandlungen im reichstage über die Pflichtexemplare, wel- 
che die Verleger an die bibliotheken liefeim sollen , werden streng 
kritisirt und verurtheilt im Börsenbl. nr. 91, in Schürmann's maga- 
zin nr. 5. 

Mittheilungen der Verlagshandlung B. G. Teubner in Leipzig, 
1874, nr. 6: aus der ersten abtheilung: »notizen über künftig erschei- 
nende bücher« heben wir hervor : Flach , System der hesiodischen 
kosmogonie: Fr. Blass , die attische beredtsamkeit. 2. thl. Isokra- 
tes und Isaios ; Cur. May hoff , Novae lucubrationes Plinianae (sepa- 
ratabdruck des diesjährigen osterprogramms des Vitzthumschen gym- 
nasiums zu Dresden) ; Dräger , über syntax und styl des Tacitus, 2. 
aufl., sie sei sehr verändert und vermehrt. 

Ausgegeben ist auch : schulcatalog der Verlagsbuchhandlung JB. 
G. Teubner, in Leipzig, bis februar 1874; verzeichniss von Schulbü- 
chern aus dein verlage der 7Fa'di)t(uinsüh.en buchhandlung in Berlin, 



Nr. 4. Kleine philologische zeitung. 219 

april, 1874; empfehlenswerthe bücher der C. F. Winterlichen ver- 
lagshandlung in Leipzig. 

Eine preisermässigung hat Isaac St. Goar von folgenden werken 
eintreten lassen : Aemilius Probus von Roth, Aristophanes von Enger, 
J. Caesar von Oudendorp, Corn. Nepos von Staveren , Dicaearch von 
Fuhr, Laurentius Lydus von Hase, von Roether, Nonius Marcellus 
von Gerlach und Roth, Quintus Smyrnaeus von Tychsen, Theophy- 
lactus Simocatta von Boissonade, Vitruv von Rode, Buttmann 's lexi- 
logus, Lersch Antiquitates Virgilianae. 

C atalog e von antiquaren : Joseph Baer und comp, lager-catalog 
XXVIII, archäologie. 



Kleine philologische zeiiuug. 

Das Börsenblatt (1874) enthält in nr. 1. 2 einen beachtenswer- 
then artikel »rückblieke und umblicke « überschrieben , der die_ Stel- 
lung des deutschen buchhandels in dieser zeit zu charakterisiren 
sucht. 

Petzholdts anzeiger für bibliogr. 1874_, heft 2 enthält biographien 
der verstorbenen bibliothekare Gersdorf in Leipzig und Hopf in Kö- 
nigsberg. 

Das Börsenblatt nr. 10 druckt aus den »Annalen der Typogra- 
phie« einen artikel ab: »manuscript und correctur«, der wohl weitere 
Verbreitung unter den gelehrten verdiente : er illustrirt das Sprich- 
wort: docti male pingunt. Jetzt, wo der druck so theuer geworden, 
sind schlecht geschriebene manuscripte eine grössere last als früher. 
Aber woher kommt denn, dass selbst in Sachsen , sonst das land des 
Schönschreibens, schlechte handschriften das stehende sind? Es liegt 
an den schulen , an den gymnasien, um auf unserm gebiet zu blei- 
ben. Früher hatte man noch in secunda wöchentlich wenigstens zwei 
stunden schreibunterricht, sorgliche eitern Hessen daneben auch noch 
privatstunden im schreiben geben: aber jetzt? Da ist das gymnasium 
viel zu vornehm, um über quinta hinaus schreibunterricht zu dulden : 
die tertianer kommen sich schon gelehrt vor, wenn sie nur schlecht 
schreiben und wenn man diesen später als studenten bei Überreichung 
von arbeiten sagt, dass solche Schreiberei einem anständigen men- 
schen zu übergeben mehr als unanständig sei, so meinen sie , es ge- 
schähe ihnen grosses unrecht. Und das kommt auch grade bei söh- 
nen von directoren vor: man sieht, es ist hohe zeit dass man dem 
übel ernstlich steuert. 

Professor Dr W. Hartel in Wien tritt im frühjahr eine mehrmo- 
natliche forschungsreise nach Griechenland, Kleinasien und Syrien an. 

Bibliotheken im mittelalter, ein kleiner aufsatz im Börsenbl. nr. 
20, aus der Berl. Börsenztg: vrgl. dazu das über die bibliotheken im 
alterthum bemerkte im Phil. Anz. IV, n. 12, p. 613. 

Berichtigung. Die in bd. IV, heft 7 des philol. Anzeigers p. 342 
ff. enthaltene recension meiner Synt. Liieret, lineamenta von Bouter- 
wek veranlasst mich zu folgenden bemerkungen. Bouterwek findet 
vieles von dem was ich angeführt habe, trivial, aber im system der 
grammatik ist eigentlich nichts , wenn es uns auch noch so bekannt 
sein sollte, trivial zu nennen ; es gehört zur Vollständigkeit auch 
sonst bekannte Verbindungen mit anzuführen, da es doch immerhin 
interessirt zu sehen, in wie weit sich auch solche bei dem betref- 
fenden Schriftsteller vorfinden. Bouterwek hat meiner arbeit manche 
dankenswerthe nachtrage und ergänzungen hinzugefügt, die mir ent- 
gangen waren, aber nicht alles was er vermisst, fehlt auch wirklich 



220 Kleine philologische zeitung. Ni*. 4. 

in meinem buche; er ist in seiner durchsieht desselben doch etwas zu 
flüchtig verfahren und darum in seinem urtheile theilweise unge- 
recht geworden. Als beleg führe ich folgendes an. — Die stelle 
III, 569 ideo conclusa moventur Sensiferos motus, die Bouterwek 
unter dem acc. graecus vermisst , steht bei mir p. 34 unter dem acc. 
obiecti eiusdem etymi, wozu dieselbe auch gehört. — Die stelle VI, 
460, wo quam magis — tanto magis vorkommt, die ich nach Bouter- 
wek übergangen haben soll, steht p. 13 unter dem abl. difierentiae. 

— Insinuare mit dem acc. (VI , 74) habe ich p. 29 unter dem acc. 
loci aufgeführt, zu dem es gewiss auch gehört, da I, 116 noch ein 
anderer aecusativ dazu tritt: an peeudes alias . . . . insinuet s e. 

— Accidere segetes V, 608 und ineidere auris IV, 568 (Bouterw. p. 345) 
fehlen bei mir nicht, sondern stehen p. 35. Die (10) stellen, wo pe- 
netrare transitiv gebraucht ist , stehen bei mir am gehörigen orte p. 
118, mortis timentes unter dem gen. objeet. p. 50; poenarum — sol- 
vendi tempus p. 135 unter dem gen. gerundii; die stellen zu cum 
primis p. 56, das pronom. correlativum totus (VI, 652) p. 114. Die stel- 
len für quamvis mit dem indicativ stehen am gehörigen orte p. 140 unter 
dem indicativ, wiewohl Bouterwek sagt: »quamvis scheint der vf. nur mit 
dem conj. zu kennen.« Quianam (I, 599) habe ich absichtlich über- 
gangen, da es bloss auf Lachmanns unnöthiger conjeetur beruht. Es 
ist mit den handschriften quoniam beizubehalten. Die von partici- 
pien gebildeten comparative, die Bouterwek p. 347 vermisst, gehören 
in die formenlehre , nicht in die syntax, die rhetorischen figuren ib. 
in die rhetorik, die ausserhalb meines planes lag. — Holtze. [Diese 
berichtigung ist von hrn Holtze schon 1872 eingeschickt und war für 
bd. IV, heft 12 zurückgelegt : durch ein versehen ist dort der ab- 
druck unterblieben. — E. v. -£.]. 

Ueber Schliemann's buch — s. ob. nr. 3, p. 160. unt. p.224 — urtheilt 
Max Müller in der Academy und giebt die Augsb. Allg. Ztg. beil. zu nr. 
18, p. 261 davon einen ausführlichen auszug: Müller weist natürlich 
den schätz des Priamos und ähnliches zurück mit wohlfeilen gründen: 
die gruben bei Troja würden eben so wenig die schätze der homeri- 
schen helden ans tageslicht fördern als die höhlen des Kyffhäuser die 
kaiserkrone Friedrich Barbarossa's ; aber alle beachtung verdient, 
was er über die inschriften sagt : »eine andre inschrift , die aus 
sechs oder sieben kreisförmig zusammengestellten buchstaben besteht, 
enthält ohne zweifei semitische lettern, die indess zu keiner bestimm- 
teren weise führen, einige davon treten in verhältnissmässig jüngerer 
form auf«. Dann: »die wichtigste inschrift ist die, welche auf 
einem rothen schieferstück hart am skäischen thore gefunden ist. 
Hier finden wir unter den acht oder zehn zeichen, aus denen die in- 
schrift besteht, einige ganz entschieden phönikische buchstaben in ihrer 
frühesten form. Aber nirgends finden sich phönikische buchstaben so 
zusammengestellt wie sie und da die wa,nderungen des phönikischen 
alphabets eine historische thatsache sind, so wird es sorgfältiger Un- 
tersuchung bedürfen , ehe man dieser inschrift einen wirklich histo- 
rischen werth zuschreiben darf. Es ist noch eine andre inschrift da, 
auf einem Stempel, sieben meter unter der Oberfläche gefunden. Man 
ist hart versucht 'Ikiov oder pihov zu lesen , wenn es für die eigen- 
tümliche Zusammenstellung der buchstaben, vor allem für die hori- 
zontale läge des vau einen präcedenzfall gäbe«. Dann werden die 
ansichten Schliemann's über den eulenkopf verworfen. Aber man 
sieht doch , wie dunkel hier fast alles noch ist ; wie man hier noch 
vor vielen räthseln steht : also hüte man sich vor schnellem abur- 
theilen. Uebrigens hat Schliemann nicht verfehlt, Müllers angaben 
als unrichtig nachzuweisen, wie zu lesen in Augsb. Allg. Ztg. nr. 68. 



Nr. 4« Kleine philologische zeittmg. 221 

Berlin, 28. Januar. Nach der Kölnischen Zeitung (vrgl. Augsb. 
Allg. Ztg. beil. zn nr. 34) hat die griechische regierung der preussi- 
schen vorschlage über gemeinschaftliche ausgrabungen zu Olympia 
gemacht und es scheint, als solle es zu einer Vereinbarung kommen. 
Obgleich man gewünscht hätte, die preussische regierung hätte al- 
lein diese ausgrabungen unternommen , so ist doch immer schon viel 
gewonnen , wenn nur ein anfang gemacht wird. Schon 1847 unter 
Friedrich Wilhelm IV war Bötticher bereit mit pionieren nach Olym- 
pia abzugehen, als die Unruhen 1848 hemmend dazwischen traten. 

Peru, 24. jan. (Der schätz des Priamos). Nassif Pascha, 
der vorige Statthalter der Dardanellen, hatte einen gewissen Izzet 
Effendi beauftragt die kürzlich in Hissarlik aufgefundenen alterthü- 
mer zu untersuchen ; derselbe ist nunmehr zurückgekehrt und hat 
dem jetzigen Statthalter Omer Fevzi Pascha seinen bericht abgestat- 
tet. Es geht aus demselben hervor dass zwei griechische arbeiter, 
Steliano Panagioti aus dem dorfe Kalafatlü und Lezeb Kostandi aus 
Jenischehr, schon im märz v. j. den schätz entdeckten, als sie für 
rechnung des Dr. Schliemann in Hissarlik mit ausgrabungen beschäf- 
tigt waren. Sie fänden in einer tiefe von ungefähr 30 fuss und in 
einer entfernung von ca. 6 meter südlich von einer alten noch nicht 
blossgelegten mauer ein irdenes gefäss, dessen mündung mit röthli- 
chem thon verschlossen war ; das gefäss war nur 6 zoll hoch und 
hielt 3 zoll durchmesser, erwies sich aber beim aufheben sehr schwer, 
und man schloss also; daraus dass es gold oder ähnliche kostbare 
gegenstände enthalten müsse. Da es beinahe nacht war, so war es 
leicht ihre entdeckung vor Dr. Schliemanns Wächtern zu verheimli- 
chen. Nach beendigter tagesarbeit nahmen sie das gefäss mit und 
brachten es an einen entlegenen ort, um sich in dessen inhalt zu 
theilen. Soweit Izzet Effendi hat ermitteln können, wurden folgende 
gegenstände gefunden : eine massive goldplatte von zwei zoll in quadrat 
und einen zoll dick; zwei ringe mit je zwei goldenen ketten auf der 
oberen und einer goldenen kette an der unteren fläche, zwei paar 
einfache, runde und oben abgeschliffene ohrringe; zwei brochen, oben 
in form eines V und an einem kleinen horizontalen stab befestigt, 
von welchem acht kleine ketten herabhingen; jede dieser kleinen 
ketten endigte in einer kleinen runden kugel von massivem golde, 
zwei goldene armbänder (massiv); eine goldene haarbinde (Belle He- 
lene) , ebenfalls einfach ; vier einfache rosenkränze, deren perlen von 
der grosse einer haselnuss, und sehr viele kleine rosenkränze, deren 
perlen von der grosse einer erbse; endlich wurde von Lezeb Ko- 
standi noch ein goldklumpen gefunden, der mit erde und verkohltem 
holze bedeckt war, und den dieser für sich behielt. Dieser gold- 
klumpen sowie die gegenstände, welche Lezeb Kostandi bei der thei- 
lung erhielt, befinden sich jetzt in den händen der behörde. Steliano 
Panagioti dagegen hatte seinen antheil einem gewissen Hadschi Ale- 
xandri übergeben, mit dessen enkelin er verlobt ist. Einige monate 
nach Dr. Schliemanns abreise übergab Hadschi Alexandri einen grossen 
theil der aufbewahrten gegenstände einem goldarbeiter in dem ort 
Renköi, um für seine enkelin einen schmuck daraus anfertigen zu lassen. 
Diese gegenstände sind also für die Wissenschaft unwiederbringlich 
verloren, es wäre denn dass der goldarbeiter, wie man argwöhnt, 
einen theil derselben noch zurückgehalten hat. Izzet Effendi hat nun 
folgende gegenstände noch gerettet: 2 paar ohrringe, 2 armbänder, 2 
brochen, 2 grosse rosenkränze und mehrere kleine rosenkränze, das 
stück gold und eine anzahl kleiner ketten u. s. w. Ferner hat er 
die aus den verarbeiteten gegenständen angefertigten Schmucksachen 
confisciit. Es geht also aus diesem bericht hervor, dass die erwähn- 



222 Kleine philologische zeitung. Nr. 4. 

ten beiden arbeiter ihre entdeckung schon drei monate früher ge- 
macht hatten als Dr. Scbliemann »den scbatz des Priamos« entdeckte, 
und zwar an einer stelle, die von der letzteren ungefähr 150 metres 
entfernt ist. Erwägt man dass eine bedeutende quantität gold noch 
an einer dritten stelle gefunden worden ist , so ergibt sich daraus, 
dass in dem ort, möge er nun geheissen haben wie er wolle, ein gro- 
sser Wohlstand geherrscht hat. Es ist ferner zu bemerken dass Dr. 
Schliemann durchaus keine spur von eisen gefunden hat; ebenso 
weisen auch die marmorplatten in der Umgebung des von ihm ent- 
deckten thores keinerlei Wagenspuren auf; da nun aber die Trojaner 
Homers sowohl den gebrauch des eisens als der wagen kannten, so 
geht daraus hervor dass entweder Hissarlik nicht das homerische Ilion 
war, oder dass Homer sich mit den historischen thatsachen grosse 
freiheiten erlaubt habe. Augsb. Allg. Ztg. nr. 38. 

Paris, 18. februar. Die Augsb. Allg. Ztg. theilt in beil. zu nr. 
53 aus der Republique francaise mit, wie Ernest Desjardins, professor 
an der ecole normale, geograph, über den von Mommsen edirten drit- 
ten band des Corpus inscriptt. latinarum urtheilt. Nachdem der in- 
halt kurz angegeben, heisst es: »wir können dem herrn Mommsen 
dank sagen für die Sorgfalt, mit welcher er die lesart der inschriften, 
die wir selbst nach unserem im jähr 1867 unternommenen ausflug in 
die Walachei, in Bulgarien und in die Dobrudscha veröffentlicht ha- 
ben, wiedergegeben oder festgestellt hat; leider können wir aber 
nicht dasselbe für Pannonien und für die in dem pester nationalmu- 
seum aufbewahrten denkmäler sagen. Das ganz ausserordentliche in- 
teresse dieser reichen inschriften- Sammlung, die fast ausschliesslich 
in dem lande selbst, d. i. in dem nördlichen theile des alten Panno- 
niens, entstanden ist, hatte uns bestimmt im herbst 1871 alle denk- 
mäler, aus denen sie zusammengesetzt ist, abzuzeichnen und zu gra- 
viren. Wir haben diese arbeit im juli v. j. veröffentlicht, und sie 
erschien auf der wiener ausstellung in der abtheilung für ungarische 
typographie; denn sie ward gedruckt, und die stiebe wurden (vermit- 
telst albertotypie) hergestellt auf kosten des königlich ungarischen 
ministeriums. Dieser mit einem gewissen luxus ausgestattete folio- 
band umfasst 35 blätter text und 25 abbildungen. Die aufläge war 
eine sehr beschränkte; wir glauben daher den freunden des classi- 
schen alterthums einen dienst zu erweisen, wenn wir hier in form 
von desiderata zu dem dritten bände des corpus die inschriften des 
pester museums mittheilen , die in dieser Sammlung gar nicht figuri- 
ren oder unrichtig wiedergegeben worden sind. Die zahl derselben 
ist beträchtlich. Von den 336 inschriften des ungarischen national- 
museums fehlen 76, also beinahe der vierte theil, in dem corpus, 57 
sind falsch gelesen worden, dermassen dass einige von ihnen gar nicht 
wiederzuerkennen sind; 36, die schwer oder nur vermuthungsweise 
zu entziffern sind, wurden von hrn. Mommsen anders gelesen als von 
uns, wir werden beide auslegungen dem leser mittheilen: etliche an- 
dere endlich, welche der berliner gelehrte als in dem pester mu- 
seum vorfindlich mittheilt und die wir nicht veröffentlicht haben, 
sei es weil sie niemals im museum figurirt haben oder nicht mehr 
darin figuriren oder endlich, weil wir sie absichtlich als falsch bei 
seite gelegt haben , werden den vierten theil dieser notiz bilden, 
welche demnach als ein erster nachtrag zu dem dritten bände des 
corpus angesehen werden kann. Von 336 denkmälern also welche 
die römische inschriften- Sammlung des pester nationalmuseums bil- 
den und sich dort im juli 1871, also zwei jähre vor dem erscheinen 
des dritten bandes des berliner corpus vorfanden, die also mit leich- 
tigkeit unter die addenda dieses bandes aufgenommen werden konn- 






Nr. 4. Kleine philologische zeitung. 223 

ten, sind 164, also beinahe die hälfte, übergangen oder falsch gele- 
sen worden«. — Mommsen wird die antwort nicht schuldig bleiben. 
Köln, 21. februar. Dr Dethier schreibt über die auf Kypros ge- 
fundene colossale Herkules-Melkarth-säule folgendes: Dieser bedeut- 
same fund ist, nachdem er hier mit dem Lloyddampfer angekommen, 
mit dem krahnen des artillerie - platzes in Top-hane ausgeladen und 
gestern über die galata- brücke nach dem museum von St. Irene in 
Stambul hinauf befördert worden, so dass es möglich war durch 
eigene anschauung und Untersuchung darüber zu berichten. Nicht 
bloss das schon bekannte grössere obere stück von neun fuss höhe 
bis zum knie, sondern auch das untere stück ist aufgefunden und 
mit hergesandt worden; letzteres hat nur drei fuss höhe. Die breite 
von schulter zu schulter beträgt zwei meter. Der assyrisch - persisch 
frisirte köpf hat zwei dicke, aber abgebrochene hörner. Auf dem 
Scheitel in der mitte ist ein loch, in welches irgend ein gegenständ 
gesteckt war, etwa ein neptunischer dreizack oder eine schlänge, die 
an dem rücken hinabhing, oder beides, wie auf phönicisch-sardischen 
götzen, welche Cagliari aufbewahrt, an denen auch die hörner als zei- 
chen der gottheit oder der macht nicht fehlen. Hörner oder stierköpfe 
sieht man ja auch an fiussgöttern , und nach dem see-siege von De- 
metrius Poliorketes 306 sieht man die brustbilder dieses fürsten, sei- 
nes vaters Antigonus und des Seleucus von Syrien, sowie die des Lysi- 
rnachus, mit hörnern, die dann auch bald die Arsaciden auf der per- 
sischen tiara erneuern. Der körper ist nackt, auf den schultern ist 
ein moos von haaren , die auch in den dicken muschelschalen der 
ohren nicht fehlen. Die füsse sind auch unbekleidet. Als einzige 
bedeckung des mittelleibes sieht man eine art von bergschottenfell 
an einem gürtel mit runder langzüngiger schnalle herabhäugend. 
Dieses feil hat lange gestaffelte zotten, und die beiden tatzenthcile 
des thieres hängen voran in fünf klauen gesondert herab. In beiden 
auf der brüst sich annähernden dicken fausten hält er oberhalb des 
knieknöchels die hinterbeine einer löwin , die namentlich unter dem 
bauche sich durch vier brustzitzen kennzeichnet und vom hintertheile 
bis zur brüst einen meter misst; die unterbeine bilden oben über 
den fausten nach links und nach rechts einen rechten winkel. Die 
untern vordertatzen hängen von den fassen des Hercules herunter 
bis zur erde, worauf sie sich stützen. Der leib der löwin ist zart und 
am kunstgemässesten geformt. Namentlich ist die vom hängen gespannte 
sehne, welche den hinterfuss an den bauch bindet, höchst gelungen. 
Weiter ist zu bedauern dass der- köpf der löwin fehlt, deren mahne 
natürlich eine schwache, kaum angedeutete ist, und dadurch ähnlich- 
keit mit den löwen von Knidus und den löwenhäuten auf den Her- 
culesköpfen der älteren Alexander-tetradrachmen haben, welche mög- 
licherweise auch keine löwen, sondern löwinnen sind. Aus dem rä- 
chen des löwin -kopfes sprudelte hier ohne zweifei das wasser, für 
welches ein loch am hintern unterleibe des Hercules den eingang 
gab, und das durch die ganze säule von hinten nach vorn geht, wo 
der hals der löwin jetzt in gerader linie abgeschnitten ist und ein 
grosses viereckiges beinahe einen fuss breites loch bietet. In diesem lo- 
che war der köpf befestigt, und man sieht in dem obersten mähnen- 
kranze des halses auf beiden Seiten zwei löcher, durch welche befe- 
stigungsstifte gingen. Die füsse des Hercules sind ebenso kolossal 
wadig als verhältnissmässig kurz. Der köpf mit seinem langen, aber 
glatt abgeschnittenen, mit gestaffelten löckchen gezierten barte, mit ei- 
nem senkrecht an den dicken backen herabhängenden Schnurrbarte, 
mit der breiten habichtsnase über dem etwas geöffneten die zahne zei- 
genden mund, und mit einer stirn auf welcher zwei gewaltig ge- 



224 Auszüge aus Zeitschriften. Nr. 4. 

schwollene muskeln hörnerartig schief sich an der nasenwurzel con- 
centriren, macht den eindruck eines neckischen bangemachers. Letz- 
terer umstand beweist aber am meisten dass wir einen urtypus (viel- 
leicht 4000 jähre alt) von dem haben was später die ausgebildete 
griechische weit zu einem vollkommenen spottbild als Silen machte. 
So sehen wir in Neapel in bronze einen solchen Silen , bei dem der 
löwe zu einem schlauch ebenso von ihm an den hinterbeinen gehal- 
ten wird ; aber er reitet auf dem bauche des Schlauches, so dass der 
köpf hinter ihm ist. Eines ist uns am meisten beim vergleich auf- 
gefallen : das sind beim neapolitanischen bronze - silen zwei wulstig 
abstehende handmanschetten. Statt dieser sieht man auf unserem 
Hercules-koloss über die dicken knotigen arme faltenstreife als mus- 
kelschwellungen vom ellenbogenknochen in gerader linie bis zur 
handwurzel krumm um den Vorderarm hinauflaufen. Sollten diese 
etwas ungeschickt ausgeführten muskelschwellungen die quelle für 
jene manschetten geworden sein? Wenn man sich in die zeit der 
urbewohner Cyperns zurückdenkt, so ist Jupiter und Juno, Baal Nep- 
tun, Hercules- Venus, alles ungeschieden, letztere sogar wenn sie als 
Venus mit langem harte vorgestellt wird. So kann man sich ja auch 
den Herakles-Sol oder Baal als die zwölf zeichen des Zodiacus durch- 
laufend zum Hercules, der zwölf arbeiten vollbringt, geworden den- 
ken, der die erde befruchtet und so auch wasser braucht und gibt. 
So steht er denn neptunartig den brunnen vor. Wenn nun poeten 
der Griechen auf ihren Silen, der aus seinem schlauche wasser spen- 
det, den vers machten (Anth. IV, 12, 96, 97): 

iifil dt naig NvfxrfaKSiv ofxianog' «vrl di tov txqIv 
noQcpVQSov fie&vog kccgbv vdojg ngo^ia), 
so ist's nun nicht mehr erlaubt so zu sagen, sondern da aus dem 
Melkarth, der wasser bringt, die Griechen einen Silen gemacht hat- 
ten, der sich des weines zu sehr erfreute, und aus ihm das Sinnbild 
des neckers, der wasser statt wein bietet, umgeschaffen, so war das 
nur eine rückkehr zu dem urbilde. Man suchte im hohen alterthum 
nicht den wein, sondern die wasserquellen, vorzüglich im orient. 
Dort war, ist und wird jede heilig sein, sowohl bei Juden als bei 
Christen und Mohammedanern, welche letzteren überall den reisenden 
und allen lebenden wesen trinkbares wasser als religiöse Stiftung 
bieten«. 

Auszüge aus Zeitschriften. 

Augsburger Allgemeine Zeitung, beil. zu nr. 18: Max Müller über 
Schliemann: s. ob. p. 220. — Beil. zu nr. 20: die Darwinsche theo- 
rie und die Sprachwissenschaft: gegen Schleicher. — Beil. zu nr. 
22. 23: deutsche kriegslitteratur. — Beil. zu nr. 28: poetik, rheto- 
rik, Stilistik : anzeige der Vorlesungen Wackernagel's. — Beil. zu nr. 
29: die alten persischen inschriften der Thomas- Christen in Süd-In- 
dien. — Beil. zu nr. 31: die Oresteia des Aeschylos : lobende an- 
zeige von Marhach's Übersetzung. — Livingstone f- — Bn\\. zu 
nr. 32, die trojanischen inschriften, von M. Haug; bespricht zuerst 
die ansichten Burnoufs und Müllers — s. ob. nr. 3, p. 160 — , dann 
findet er unverkennbare ähnlichkeit mit der kyprischen schritt: da- 
mit ist aber die frage nach der spräche noch nicht entschieden: die 
dritte inschrift hält Haug für griechisch, die erste und zweite für se- 
mitisch: aber sicher dürfte diese entzifferung auch nicht sein. — 
Beil. zu nr. 35: der handschriften - catalog der münchener hof- und 
Staatsbibliothek. — Beil. zu nr. 37: Zittels libysche expedition. 



Nr. 5. Mai 1874. 

Philologischer Anzeiger. 

-Herausgegeben als ergänzung des Philologus 



von 



Ernst von Leutsch. 



124. Index graecitatis tragicae continens tragicorum mi- 
norum fragmenta et adespota, quem programmati gymnasii Bu- 
dissini a. MDCCCLXXI praemisit J. Bernhard. Pars 1. 4. 
31 p. Lipsiae. 

Den Wortschatz der tragiei minores und adespota in lexica- 
lischer Übersicht zusammenzustellen , ist ein für die kenntniss 
des tragischen Sprachgebrauchs erspriessliches und, soviel dem 
referenten bekannt, noch nicht versuchtes unternehmen. Ver- 
fasser , der sich dieser aufgäbe unterzogen, giebt in Pars I 
ein alphabetisch geordnetes verzeichniss der zu den buchstaben 
A — H gehörigen Wörter nebst lateinischer Übersetzung und an- 
gäbe der stellen. Dem index selbst ist ein register der namen 
sämmtlicher dichter vorausgeschickt, deren fragmente behandelt 
werden. Verf. hat sich hierbei an die Naucksche ausgäbe an- 
geschlossen, nur dass er fünf namen (Apollodorus , Ptolemaeus 
Hephaestion, Spintharus, Timesitheus, Cleophon) in das register 
aufgenommen, die mit den titeln verlorener stücke von Suidas 
resp. Aristoteles erwähnt werden. Dagegen ist abgesehen von dem 
Jüngern Sophocles, der nur dem namen nach aus einer stelle des 
Clemens Alexandrinus bekannt ist, Sosiphanes in dem dichter- 
verzeichniss vom vf. ausgelassen , obschon die fragmente dessel- 
ben in dem index selbst berücksichtigt werden. Ausgeschlossen 
sind von den fragmenten der im verzeichniss aufgeführten dichter 
Ach. frgt. 43, Chaer. 42, Dicaeog. 3, Philocl. 3 als zweifel- 
haft und Astyd. 2 als gänzlich entstellt. Die bemerkung zu 
Carcinus: omisi frg. 22 ist zu streichen, da von Carcinus nur 
zwölf fragmente erhalten sind; sie steht bei dem zunächst fol- 
genden dichter Chaeremon richtig. Von den 503 nummern der 
Philol. Anz. VI. 15 



226 124. Griechische tragiker. Nr. 5. 

adespota haben nur 54, nämlich diejenigen beachtung gefunden, 
für welche die quelle ausdrücklich oder mit hinreichender ge- 
wissheit den tragischen gebrauch bezeugt. Doch finden sich 
die Wörter aus ad. 363, 385, 492 in dem verzeichniss nicht 
vor, wiewohl diese fragmente in der zahl der von dem verf. 
beachteten genannt werden. Der index ist , wie sich referent 
selbst überzeugt hat, vollständig bis auf folgende aus nicht 
ersichtlichen gründen ausgelassene s stellen : d&lov Crit. 1, 3, 
axovoo Crit. 1, 18 und 20, dlrj&Eia Crit. 1, 26, dlXd Hipp. 3, 
2, anJQ Crit. 1, 12, Ach. 23, 1, dosr»] ad. 265, ös^co ad. 265, 
äzaxzog Crit. 1, 1, av Crit. 1, 4, cccp&izog Crit. 1, 17, ßovXsvco 
Crit. 1, 22, ßgozög Crit. 1, 20, ydg Chaer. 39, Hipp. 3, 2, 
Phryn. 6, 1, Sosith. 3, 3, yi Hipp. 3, 2, ytjgag Antiph. 3, 2, 
yiyräcxo) Dionys. 7, 1, 8i in einigen stellen, sx Ion. 10, 1, 
eimaliv Mosch. 7, 19, ificpuvrjg Crit. 1, 9, hvaico Mosch. 7, 6, 
i^afxagzdvco Crit. 1, 8, ini<sxa\icti ad. 265, Sosith, 2, 5, EgypyLai 
Ion. 56, ev Sosith. 1,2, Evßotg Ion. 18, 1, svcsßrjg Apoll. 1, 
4. Diese stellen bieten zu kritischen bedenken keinen anlass 
und werden ausserdem mit ausnähme von ah'j&eia Crit. 1, 26, 
al ib. 1, 4, iniazafiai Sos. 2, 5 sämmtlich von Bernhard selbst 
gelegentlich anderer Wörter in dem index angeführt. Dagegen 
scheinen dxipoiv Mosch. 7, 13, yij ib., sowie dlCßajzzog Ach. 
53, dslcpivog lv %sqgco ßia Ion. 58 und s/co Ant. 3, 1, wo in 
einigen handschriften allerdings fälschlich ioztv steht, von dem 
verf. absichtlich übergangen zu sein. — Im einzelnen ist folgen- 
des zu erinnern. Die zu dsi gemachte bemerkung : omnibus locis prior 
syllaba corripitur, ist in dieser form nicht haltbar. Denn während 
an drei der vier angeführten stellen, nämlich Char. 1, 3 dsl de tov 
diovrog ivösizai nlsov, Dionys. 5, 2 6 zijg dixi\g 6qi&aXfi6g ... 
Xevgöcov ngogcoitov 7zdt& y ojAcög dsl ßXinEi, ad. 461, 6 ozs'gyEiv 
&' vdgygoig maze &tjq dsl KOTOig, die versstelle als solche über 
die quantität des a überhaupt nicht entscheiden kann, da der 
spondeus im ersten fusse zulässig, im fünften bei den tragikern 
sogar häufig ist, mithin die kürze des a für die erwähnten stel- 
len lediglich um der gewöhnlichen quantität willen den vorzug 
verdient, kann an der vierten stelle Philisc. 1, 2 d&dvazog dtl 
86^a diazslEi fiöiov das a von uei als arsis des zweiten fusses 
nur lang sein. Auch über die quantität des a azsgtjzixov von d&u- 
tazog in dem eben erwähnten verse des Philiscus kann nur der son- 



Nr. 5. 124. Griechische tragiker. 227 

stige gebrauch der tragiker, nicht aber, wie man nach dem zusatz 
prima syllaba producta erwarten miisste, die versstelle als sol- 
che entscheiden, denn diese würde auch den tribrachys , also 
die kürze zulassen. Wenn endlich zu Ion. 63, 2 äXX' elr' av 
Agr t g rsoyjiog inniar[ Gigarcp bemerkt wird: Ion priore syllaba 
utitur producta, so ist zwar die Verlängerung des A den Atti- 
kern nicht unbekannt, kommt jedoch nur selten vor, so dass 
die von Meineke vorgeschlagene leichte Umstellung ulk' svz 
"Agijg av empfehlenswerth erscheint. — Den zahlreichen Ver- 
derbnissen und noch zahlreicheren besserungsvorschlägen gegen- 
über hat verf. durcbgehends eine löbliche vorsieht bewährt; un- 
bedingte anerkennung haben fast überall nur sichere verbes- 
serungeo des textes gefunden, während vermuthungen , die ei- 
nen an sich angemessenen sinn bieten , ohne überzeugend zu 
sein, meist eine beiläufige erwähnung neben der lesart der 
handschriften erhalten. Hiernach hat referent nicht häufig ge- 
legenheit gehabt, in bezug auf die gestaltung des textes von 
dem urtheil des Verfassers abzugehn. Der zusatz zu Ion. 11 
dOixTOQag, quod Hesychius explicat per dtsnuqiovg nag&svovg, 
drdrdgovg, qua de re Bentleius ä&ixzogug pro suspecto habuit et 
correxit d&latovg nogug enthält schwerlich die eigentliche be- 
gründung der Bentleyschen conjektur; die erklärung des Hesych 
nagdtvovg konnte Bentley wohl auf xögag, nicht aber auf die 
Verdächtigung von d&i-Azogag führen, da nicht einzusehen ist, 
wesshalb Hesychius nicht eine dreifache erklärung von ä&ixro- 
gag geben konnte, so dass bei ihm nicht, wie Bentley schreibt, 
dvs/idq>ovg nao&svovg, dvdv8govg , sondern avsnacpovg , nagdi- 
vovg, dvätdgovg zu lesen ist. Der verdacht der verderbniss ist 
vielmehr aus der ungewöhnlichen bedeutung des Suffixes vcög 
zu erklären, das hier m passiver bedeutung zu nehmen ist, 
während es sonst der persona agens angehört. Da übrigens Bern- 
hard hinzufügt: u&iaTog hac sententia usurpatum esse probat Etym. 
M. p. 25, 10: ä&ixzov {.iiagov , dxd&uQrov. aal tj nag&ivog 
ovto3 Xdysrai, so durfte kaum weggelassen werden, dass eben- 
daselbst ddixzogag mit der erklärung dveirucpovg nag&svovg 
dvdvdgovg sich findet. Wie d&ixzooag , so kann auch äpqitßcQ- 
rtjg Ion, 35, was von Hesych durch negißotjzog erklärt und 
von Bernhard in den index aufgenommen ist , nur unter der 
annähme einer abweichung von der gewöhnlichen bedeutung 

15* 



228 124. Griechische tragiker. Nr. 5. 

des Suffixes für richtig gelten. Da indess für ä^qx'ßoarog die 
analogie von nsglßcozog spricht, und da namentlich die selbstän- 
dige form des femininum den irrthum erklärlich macht, so wird 
dficpißmzog herzustellen sein, und zwar möchte um des zweitge- 
nannten grundes willen die Verbesserung Bentley's dnqußojzng nsgi- 
ßoijzov vor der von M. Schmidt empfohlenen änderung L. Dindorfs 
dficpfßojzog TzsgißoTjzog den Vorzug verdienen. Dagegen ist äx- 
ri]Qig Ach. 19 vom Standpunkte der Wortbildung aus nicht an- 
zugreifen. Das femininalsuffix if ist hier, wie auch sonst zuwei- 
len, an den nominalstamm des masculinum angefügt (wie dXsx- 
zogtg aus alsxzoQ-ig), während allerdings das der endung tTjq 
sonst entsprechende femininalsuffix zeiget = reg - ta ist. Dass 
Achaeus das wort nicht neu gebildet, ergibt sich aus dem weite- 
ren zusatze des Poll. 10, 157 xaleizai *) 8s ovtca xal ro zcv 
gvftov zov ägfiazog $ zijg dfidfyg dvs%ov ^vXov 7 ozav d&vxzog 
#; dagegen darf die bedeutung = ßaxzqgia als eigenthum des 
Achaeus betrachtet werden, da die dichter neue bezeichnungen 
für sinnlich wahrnehmbare gegenstände mit Vorliebe nicht nur von 
der äusseren erscheinung 2 ), sondern auch von ihrer bestimmung 
entlehnen. Hiernach darf Passows vermuthung ßaxzqgCSa, die 
von Bernhard zwar erwähnt, aber mit recht nicht in den index 
aufgenommen wird, als unnöthig bezeichnet werden. — Ob Bent- 
ley's lesart ßovlifxCa für evcp?i[ilu zu Ion. 29 : vno 8s ztjg evytj- 
[xiag xazsnivs xal zd xäXa xal zovg av&gaxag, wirklich das ur- 
theil argute conjeeit verdient, das Bernhard ihr gibt, kann frag- 
lich erscheinen, da nicht nur der folgende vers, sondern auch 
die wendung vri svyrm'iag selbst, mit der sich vn 1 evcprjpov ßoyg 
Soph. El. 630 vergleichen lässt, den gedanken an ein opfer 
nahelegt. Will man die lesart der handschriften ändern, so 
kann weder Bentley's ßovXifilag noch die Naucksche änderung 
ev&jjvCag recht befriedigen; mit rücksicht auf Plut. Mor. 267 E: 
mg 8' dSijydycp zivl iw 'HgaxXet xal sv&oivcp SaxpiXäg . . dns- 

1) Die handschriften xaktl de ovzto xal zbv , was jedoch ebenso 
wenig an eine neubildung zu denken nöthigt. 

2) So nennt Theognis den bogen cpogfiiy!; a/oQdog. Wenn übrigens 
zu Demetr. de eloc. 85 fVto* cf* xal ac<jaki£oyzat, zag /LtfTacfogas bufri- 
zoig inKfegopivois, ozay avrolg xiydvyujdeig doxwßiy , wc 6 Qeoyytg naga- 
Ti&iiat z6 (al. zvy) Tv^oy ifog/uiyya ä/oQdoy, von Nauck bemerkt wird: 
Demctrii verba nondum emendata, Theognis quid dixerit i»dubium, so 
wäre zu wünschen , dass er genauer angegeben hätte , inwiefern er 
die worte des Demctrius für verdorben hält. 



Nr. 5. 124. Griechische tragiker. 229 

övov., würde ich vorschlagen vnb 8s tijg sv&oiviag, wenn das an 
sich richtig gebildete wort anderweitig bezeugt wäre. Weit 
ansprechender ist die von Nauck und Bernhard aufgenommene 
vermuthung Bentley's im 21. fragment des dichters, wo er für 
das unerklärliche Xiyeiv der handschriften iviavaiav ydg 8si [is 
7T]v 6qti)v uysiv schreibt; dennoch möchteich um der häufigen 
Verwechslung von /"und T und der eben so häufigen umkehrung 
der buchstaben willen eher schreiben: inavaiav ydg Sei [xs rrjv 
0Q7t)v rsXsiv. Eine gleich allgemeine aufnähme hat der auch 
von Bernhard gebilligte vors-chlag Porsons zu Neophr. 1 ge- 
funden. Nach den versen: na) ydg iiv avrbg %Xv&ov Xvoiv 
fia&elv gov' Ilv&lav ydg oacav, qv s'xgrjGg /xoi tpoi'ßov ngofMtvrig, 
ovußaltfv äfi?izav(ä, änderte Valckenaer die handschriftliche les= 
art aoi 5' slg Xöyovg fxoXsh ydg '/jXni^ov [/.a&sTv in fioXav ag , 
Porson aber in go\ 8 -1 etg Xöyovg fxoXmv y" 1 uv 'r\kniC,ov (xa&Eiv, 
Da indess ys bei der hervorhebenden Stellung von aoi, das den 
hauptbegriff des satzes enthält, mindestens entbehrlich erscheint, 
und av bei sXni^oi auch in der prosa gelegentlich fehlt (Mad- 
vig. Synt. d. griech. spr. 172, anm.), so dürfte vielleicht aol 
ö' slg Xöyovg fioXav r«ö' tjXni&v ixu&eiv vorzuziehen sein, 
worauf das handschriftliche ydg bei der häufigen vertauschung 
von T und r sowie von J und P am ersten führt. Mit rdde 
wird auf den inhalt der oaaa Uv&ia zurückgewiesen. — Von 
der bedeutenden zahl der Nauckschen änderungen sind seitens 
des Verfassers mit recht gebilligt Zenod. ] xtjQvcasrat [ydg] 
uQSTri statt Valckenaers •A.rigiaaszai . . r\ 'gsrij, Chaer. 14, 5 
yvfivr t 8 1 . . . yguyrjv scpaivs statt des handschriftlichen yvfivtjg, 
Carc. 12 oioßoXf] ~ statt dXaßrj , ad. 451 y.ur&arsiv ydg EixXswg 
rj £jjv &iXoip «f SvgxXswg fitj "naz&aväv statt ys aar&arcov, ad. 
462 onsg Sisargsip' ?/ igövog Tig ?j cp&ovog statt o nsgis67gE\pEt>, 
wohl auch ad. 137, 3 SinXaQ sy-aatov statt SinXaotd^car, sowie 
endlich Diog. Ath. 1 , 6 die Verdächtigung von Baxrgiag. 
Ebenso werden mit recht als unsicher nur neben der handschrift- 
lichen lesart erwähnt Arist. 1 syw für das allerdings falsche 
Alyai'ov, Theod. 17 ßxoreivov aidog für gxoteivov uv&og , Carc. 
9, 2 [rovi' eldmg on] iv dga povor , unnöthig statt des hand- 
schriftlichen dg?', Crit. 1, 25 8i8ayfxdzcoi> x?g8iazov für ijStazov 
und Zop. 1 das entschieden unnöthige und von Nauck selbst 
nicht in den text aufgenommene sufiEyij 8s zov Otov Xdßoi statt 



230 124. Griechische tragiker. Nr. 5. 

des handschriftlichen avrvyßv , womit sich evtv%&iv yäfioig, h 
yäpoig vergleichen lässt. Die vermuthung Naucks Char. 1 uel 
8s 70v do&hzog ivdsizai nliov für zov diovzog wird von dem 
Verfasser mit dem bemerken aufgenommen : difficile dictu, utrum 
praeferendum sit. Könnte nun auch der vorhergehende vers fiovtj 
yug av nmov&ev ovh e%si %äoiv die änderung annehmbar erscheinen 
lassen, so zeigt doch gleich der einging yaazQog de neigm näaav 
ijviav xQarsh, dass es sich um eine Warnung vor unmässigkeit 
im essen handelt ; diese aber tritt ein , sobald mehr genossen, 
d. h. vom magen mehr verlangt wird, als nöthig ist (zov Ss'ov- 
tog), so dass die änderung als unnöthig abzulehnen ist, und 
zwar um so mehr, als bei ihr die gewiss absichtlich behufs 
des contrastes gewählte Zusammenstellung der Wörter desselben 
Stammes rov diovzog svösizai verloren geht. Aus demselben 
gründe möchte auch die handschriftliche lesart Carc. 9, 3 Xv- 
nzl yäg avzb zb xzrj/xa zovg xenziifis'i>ovg billigung verdienen, 
denn y.zr\\ia bieten die handschriften, nicht, wie Bernhard an- 
gibt, XQ?jpa', aizoftorifia, die von Bernhard aufgenommene ver- 
muthung Naucks, bringt nur einen müssigen begriff, während 
mir die leichte änderung Welckers Xvnsi yäg av zb xztj/Aa zovg 
xexztjiAtvovg den doppelten richtigen bezug zu ergeben scheint, 
dass der neid, der zunächst für die beneideten ein grund 
des unmuths ist, hinwiederum auch dem neider \vni\ 
bringt und hierin von der natur der nzi](xaza abweicht (da- 
her das zusammentreten von xzij/Aa zovg x£xz?j(iEi>ovg) , die 
für den xsuzyiAsrog ein r/Sv, nicht ein "kvmjgbv zu sein pflegen. 
Auch kann der artikel zb uztjfxa statt eines demonstrativen pro- 
nomens nicht anstoss erregen, denn erstlich ist nach dem un- 
mittelbar vorhergehenden verse zovz' sldcog ozi "Ev ägn fxovov 
dixaiov ä)v noiBi cp&orog ein kolon zu setzen und das folgende 
hierdurch als erklärung des vorhergehenden zu fassen, sodann 
kann gerade wegen av ein zweifei über die richtige beziehung von 
xzijiau nicht entstehen (avzb xzijfxa, wie andere schreiben, würde 
den begriff des besitzes „in seiner reinheit , im gegensatze zu 
fremdartigem", nicht im gegensatze zu anderem besitze darstel- 
len). Ebenso wenig annehmbar ist die lesart Naucks Dionys. 
2, 2 el ö*' ä^iolg cot (ii]8ev dXystvöv nozs, ju?) deiv saeadai, statt 
des unmöglichen fojdev der handschriften , sowohl wegen der 
Verschiedenheit des numerus, als weil /</} nach (AijStp eher eine 



Nr. 5. 124. Griechische tragiker, 231 

Schwächung als die zu erwartende Steigerung des ausdrucks ent- 
hält. Eine solche würde man vielleicht durch /irjd' sv y eas- 
aQai erzielen, denn ^de elg ist, wie G. H. Schäfer im index 
zu Porsons Hecuba sagt, ne unus quidem, ys aber würde dann wie 
die trennung der worte der Verstärkung des begriffes dienen. Die 
vermuthung ari ägx~l$ Dicaeog. 1, 3 (die handschriften : roig 
avdyxri<i) wird, obwohl von Nauck selbst nicht in den text auf- 
genommen, dennoch von Bernhard gebilligt; doch möchte Mei- 
neke's totaiv äyx ia ^ oder etwa roTg ävayxaioig ysvsi TiEcpvxoaiv dem 
sinne insofern mehr entsprechen, als nicht sowohl die früheren und 
späteren blutsverwandten, sondern die fremden [ol &vgaloi)unä die 
verwandten (ol ayuoT h yivei) einander entgegengesetzt werden. 
Ansprechend namentlich wegen der lesart der codd. Ven. und Pal. 
öevQU, wenn auch nicht ganz überzeugend, ist die von Bernhard 
mit beifall aufgenommene conjektur zu Ach. 14 älX cog Ta^iGia 
fislava 8evq^ afivov qitigsir, ein gleiches gilt von Chaer. 26 
ngiv yag cpgevovv fxs aal Cfqovüv Inlaraao oder qigevovv [x uv- 
rog ygovüv iniözaao, sowie von Neophr. 3, 2, wo Nauck dtgtjv 
tilgt und Bernhard diese tilgung gut heisst. — Die von Nauck 
vorgeschlagene fassung der verdorbenen stelle Sosiph. 2 vvv 
ijdv ogyt]r, rfviv? evötuov, laßeTv, war wegen des hiatus trotz des 
v abzuweisen; ebenso ist die Verdächtigung von yivovg Astyd. 
8, 1 schwerlich berechtigt. Bernhard sagt: ysvog videtur cor- 
ruptum, Nauck: fortasse svog ö' legendum. Da aber der abschnitt 
bei Stobaeus negl tvysvEiag handelt, so wird man gerade diesen 
begriff nur ungern entbehren. Die nächstliegende erklärung der 
stelle yivovg ö' enaivog iotip äccpuXsGTaTog v.at > oivdg' sTiaivEiPy 
oang av SUaiog % jgonovg t agiorog , zovtov evyevij ya- 
Xslv , dürfte diese sein : das sicherste lob der herkunft ist, 
den einzelnen mann zu loben und jeden, der gerecht und 
von gutem charakter ist, edelgeboren zu nennen. Für oazig 
glaube ich %coang herstellen zu müssen, was, wie ich sehe, be- 
reits von Halm empfohlen ist. Für die gegebene erklärung, 
welche die entgegengesetzten begriffe d. h. das lob des einzel- 
nen und das des geschlechtes zu einander in ein verhältniss setzt, 
spricht namentlich das folgende, worin eben derjenige, welcher 
gerecht und tüchtig ist, den namen Evysryg erhält. — Zu 
Naucks änderung Ion. 61 tvnteov thv uVroi xgära für ccvtov 



232 124. Griechische tragiker. Nr. 5- 

bemerkt Bernhard : temere correxit Nauckius, doch ist der grund die- 
ses urtheils nicht recht ersichtlich. — Nicht gering ist in folge 
der fragmentarischen Überlieferung die zahl derjenigen stellen, 
an welchen die ursprüngliche lesart schwer zu ermitteln ist. 
verf. hat daher bei solchen Wörtern, die zweifelhaften oder ver- 
dorbenen stellen entnommen sind , die bemerkung loco corrupto 
beigefügt. Da es sich aber gerade um den Wortschatz der tragici 
minores handelt, so wäre es wünschenswerth und wenigstens 
an einigen stellen möglich gewesen , den umfang der verderb- 
niss genauer anzugeben und bei solchen Wörtern, die obschon 
einer verderbten stelle angehörig selbst den verdacht eines feh- 
lers nicht erwecken, eine ausdrückliche erklärung über ihre 
ächtheit zu geben. Ebenso würde man bei den stellen, an de- 
nen der verf. die vermuthung eines fehlers anscheinend zuerst 
ausgesprochen hat, gern eine kurze motivierung seiner meinung 
hören, so Mosch. 7, 20 stzsi ö' 6 %g6vog ijXlolooasv tov ßi'ov, sW ovv 
[it ! gi[ivav ir\v Tloopiri&swq andaag, alt ovv aväyv.r\v^ ib. 23 ro& sv- 
gs&i] fxsv xagnog tjfiioov TQoqjrjg dtjfiqzQOQ äyvtjg, wo ^rjfiijTgog an 
rgocpjjg anzuschliessen ist, Mosch. 9, 1 i\v aga rgavog alvog av&goo- 
noiv o8s (das imperfect wohl, um anzudeuten, dass man die Wahr- 
heit des satzes früher nicht erkannt habe, s. Krüger gr. sprachl. 
53, 2, 6), Pyth. 1, 11 ote fisv eyctGxov SovXov ixTtjo&ai ßiov, 
Chaer. 32 ro ö' sihtJ na) fitta anov8r t g xaXov , wo eixtj dem 
aoyxnv, hbtu anovSljg dem afxagtlag entgegengesetzt ist. Die 
unsichere stelle Phryn. 2 tfcöua ö' ddafxßlg yvto86v?jrov rsigti 
wird von Bernhard mit einem fragezeichen versehn, wohl mit 
recht, wenn die worte vom Heracles gesagt sind, der einen 
kämpf mit dem tode bestand. — Eigene Verbesserungsvor- 
schläge gibt verf. folgende: Patr. Thur. 1, 6 lautet ri öijta ... 
aal nävta avvvoovfisv ixTtod^siv %soi ngooco ßXf'irorrsg ,• Ttjv 8s 
ahjot'ov tiir\v ovv. löfisv ovo 1 ngaiftev a&Xi'ov (togov, hierfür schreibt 
Bernhard a&Xtov (togov {?). Da man jedoch den begriff der 
nähe bei (xögov nicht gern entbehrt und für die pleonastische 
wendung, die wohl auch noch „an den grenzen zarter Synony- 
mik steht (( gerade der tragische Sprachgebrauch zahlreiche ana- 
logieen bietet (s. Bernhardy Synt. d. gr. sp. p. 54), so wird 
man bei der lesart der handschriften stehen bleiben können. 
Ebensowenig ist es nöthig Phryn. 5, 1 orgarog not stg yijv rtjvb^ 
irrfctTopciq-a no8( in ttooV' zu ändern, da FniCTgoacpär hier als ein- 



Nr. 5. 125. Andocides. 233 

faches verbum der bewegung zu betrachten ist und als solches, 
wie viele andere verba des gehens, den dativ behufs poetischer 
veranschaulichung annehmen kann. Ob Mosch. 7, 14 statt des 
handschriftlichen ßogal 8s aagy.oßgärsg aXXtjloHTovovg nagetyov 
abrotg dahug mit Bernhard zu schreiben sei ßgorol 8s aagno- 
ßgmrsg äiXtjXoxTovovg nansT^nv avxolg Sacrag, kann fraglich er- 
scheinen; jedenfalls aber hat vf. an der lesart ßoQal aagxoßnäi- 
reg insofern mit recht anstoss genommen, als sie nur dann einen 
richtigen sinn ergibt, wenn aagy.oßgcog seine active bedeutung 
an dieser stelle verliert. Theod. 17, 4 schreibt Bernhard av- 
yaig für pogyaig , hält jedoch daneben auch ßoXalg für mög- 
lich, was nächst Meineke's ogpiaTg der Überlieferung wohl am 
nächsten steht; Chaer. 26 wird, wie bereits bemerkt, die Nauck- 
sche conjektur ng)v yag cpgsvovv fis angeführt, dazu aber gesagt: 
fortasse legendum ng)v yag qsgovsTv ?j xaraqsgovslv sniaiaaal, ohne 
dass über die bedeutung der änderung ein aufschluss erfolgt ; 
sollte nicht vielleicht statt des handschriftlichen sv av zu lesen 
und also ngiv yag cpgovefo , av xaTacpgovslv IniGtaaai (mit diä- 
rese nach der zweiten dipodie) zu schreiben sein ? Ziemlich 
kühn, aber ansprechend wird Sositb. 2, 14 cog av iv &£gsi 
nXtov geändert in xal rov norov ngovzsivsv mg sXevdsgog msiv, 
wo übrigens eXsv&sgog besser mit ingenuus , wie Hipp. 3, 1, 
als mit largus wiedergegeben wird ; zu Pytb. 1 , 2 wird be- 
merkt: fortasse latet in litteris (p&Tcovuogvov [r<] vskvcoqov , quod 
lies, s. v. interpretatur i>sxno/.iaT7s7ov , vocabulum toti contextui 
aptissimum, fortasse etiam inest forma quaedam vocabuli [xdyog. 
Magi deinde v. 5 commemorantur. — ■ Eine etwas abweichende 
erklärung wird Ion. 1 , 2 gegeben, indem sKncofia . . . digavtov 
nvgi durch quod igni non laesum, ergo bene perfectum est, nicht, 
wie andere wollen, durch quod sine ignis vi fictum est, übersetzt 
ist. — Schliesslich möchte referent den wünsch aussprechen, 
dass der verf. nach beendigung des index nicht unterlasse, eine 
kurze übersieht über die etwaigen für formenlehre , syntax, 
Wortbildung und Wortbedeutung gewonnenen resultate beizufügen. 

Carl Schirlitä. 

121. De Demophanti Patroclidis Tisameni populiscitis quae 
inserta sunt Andocidisorationi nsg) fivattjgimp. Dissertatio inaugu- 
ralis, quam — ■ defendet Jo annes Droysen. Berlin. 1873. 48 s. 8. 



234 125. Andocides. Nr. 5. 

Es war ein glücklicher gedanke des Verfassers vorliegender 
inauguralschrift, die in der mysterienrede des Andokides eingeleg- 
ten attischen Volksbeschlüsse einer eingehenden prüfung nament- 
lich betreffs ihrer ächtheit und Vollständigkeit zu unterziehn. Die 
Untersuchung ist mit guter sachkenntniss und verständigem ur- 
theile geführt ; ihr hauptergebniss, dass die psephismen acht aber 
lückenhaft überliefert sind, ist nach dem urtheile des referenten 
unzweifelhaft richtig. Aber mit der begründung, die der verf. 
diesem satze gegeben hat , kann ich in wesentlichen puncten 
mich nicht einverstanden erklären. 

Durch Kirchhoff sind bekanntlich die im anfange der rede 
stehenden namenlisten als authentisch nachgewiesen und damit 
zugleich festgestellt worden, dass sie von der hand des redners 
selbst herrühren. Denn dass einem gelehrten selbst des zwei- 
ten Jahrhunderts vor Christus noch quellen zu geböte gestan- 
den hätten , aus denen er die namen der im hermokopidenpro- 
cesse denuncirten hätte entnehmen können, das überschreitet 
doch jedes mass des glaublichen. Es ist danach in hohem 
grade wahrscheinlich dass auch die psephismen der rede auf 
den gleichen Ursprung zurückzuführen sind. Wenigstens für 
zwei derselben versucht aber Droysen den gegenbeweis zu führen. 
Von dem decrete des Demophantos haben schon andre behauptet, 
dass es nicht am rechten platze stehe, da Andokides vielmehr auf 
ein gesetz des Solon sich beziehe und dies zur Verlesung brin- 
gen lasse. Indessen hebt sich dieser scheinbare Widerspruch 
wohl durch die naheliegende annähme, dass das psephisma des 
Demophantos in der hauptsache nur eine Wiederholung des frü- 
hern in Vergessenheit gerathenen gesetzes gewesen ist. Als 
solche giebt es sich selbst dadurch zu erkennen, dass es den 
in ihm vorgeschriebenen eid als den ro[ii[iog ooxog bezeichnet. 
Auch scheint es wenig statthaft den vopog iv rfj oryX'Q efingoa- 
&ev jov ßovlevTijoCov bei Andokides von der anjXij iv tw ßov- 
XevTtjotcp ttsqi 7t5r noodozöjv y.ai tcov tov d7][ioi> yaraXvorrojr bei 
Lykurg scheiden zu wollen ; und letztere ist ja ohne frage mit dem 
psephisma des Demophantos identisch. Wenn übrigens wegen 
der Lykurgstelle Herbst den beschluss erst ol. 94, 2 ansetzen 
wollte , so giebt ihm Droysen wenigstens in soweit recht , als 
er zwar die abfassung in ol. 92, 3 festhält, aber eine erneuerung 
desselben nach dem stürze der droissig auuehmen zu müssen 



Nr. 5. 125. Andocides. 235 

glaubt. Für uns erledigt sich die letztere annähme durch die 
Unvereinbarkeit mit §. 99 der rede, wo es heisst, dass Epicha- 
res, ebenso wie dies vorher von Kephisios und Meletos nachzu- 
weisen versucht ist 1 ), seine Straflosigkeit lediglich der bestim- 
mung verdanke ort rolg vofioig äst )[Qrjadai art 1 Euxletdov o.q- 
Xopzog. Denn damit sei auch das vorgelesene gesetz, nach 
welchem Epichares sonst dem tode verfallen wäre , also eben 
das decret des Demophantos, ungültig geworden. Sonach 
bleibt nichts übrig, als anzunehmen dass Lykurg mit leicht 
verzeihlichem gedächtnissfehler die Dreissig au stelle der Vier- 
hundert genannt hat. Aeusserst bedenklich aber ist die weitere 
hypothese von Droysen, das psephisma liege uns weder in dem 
ursprünglichen Wortlaut noch in der redaction von ol. 94, 2, 
ßondern in einer aus beiden redactionen eontaminirten fassung 
vor. Einen zusatz aus der spätem redaction glaubt er nament- 
lich in den Worten Üq%si XQotog tovds tov xpr^iö^azog — iyga/x- 
fi.dzsvev erkennen zu müssen , weil das psephisma doch nur 
eine einmalige Vereidigung des volks verordne. Ganz gewiss ; 
aber jene clausel ist gemacht für die vorausgehenden bestim- 
mungen des decrets, denen man keine rückwirkende kraft 
geben wollte. 

Auch für das psephisma des Tisamenos sucht Droysen den 
beweis zu führen, dass es nicht das von Andokides an der be- 
treffenden stelle verlesene sein könne. Der redner kündigt ein 
decret an , in welchem nach Wiederherstellung der demokratie 
die revision der gesammten früheren gesetzgebung angeordnet 
wurde. Das psephisma des Tisamenos aber beschäftigt sich im 
wesentlichen nur mit dem verfahren, das rücksichtlich der etwa 
nothwendig erscheinenden neuen gesetze eingehalten werden 
soll. Also, schliesst Droysen, hat Andokides einen andern be- 
schluss verlesen lassen , welchen der antrag des Tisamenos nur 
zu ergänzen und amendiren bezweckte. Die meist übersehene 
Schwierigkeit hat Droysen richtig aufgezeigt ; ihre lösung ist 
aber noch auf einem anderen wege möglich, den ich schon im 

1) Beiläufig sei bemerkt, dass die einleitenden worte dieses gan- 
zen abschnitts im anfang von §. 92 erst dann zu ihrem vollen rechte 
kommen , wenn man die worte x«l roiig vö^iovg nicht mit Reiske und 
Blass streicht, sondern mit der leichten schon von Luzac vorgeschla- 
genen änderung des xai in xaiä hinter vnü^ov umstellt. 



236 125. Andocides. Nr. 5. 

jahrg. 1872 des Anzeigers p. 341 angedeutet habe, nämlich durch 
die annähme, dass das decret in seinem ersten theile nicht voll- 
ständig erhalten, sondern vor den worten onoamp d' av nQooötr} 
ein längerer passus ausgefallen ist, welcher die von Droysen 
mit recht vermisste bestimmung enthielt. Unter dieser Voraus- 
setzung lässt sich von dem ganzen hergange eine Vorstellung 
gewinnen , welche mit der darstellung des redners weit besser 
im einklang steht, als die combinationen von Droysen p. 31 
und 37 f. Letzterer muss seinerseits mit Blass eine lücke zwi- 
schen den eben angeführten worten und den folgenden oids 
rjQijljivoi vofio&srat vno rijg ßovltjg schon darum annehmen, weil 
er die vom rathe gewählten nomotheten erst durch den be- 
schluss des Tisamenos bestellt werden lässt , man sieht nicht 
ein, mit welchem rechte, da nichts hindert, mit andern in ih- 
nen einen engeren ausschuss des gesammtcollegiums zu erken- 
nen. Bei dieser auffassung ist der von Droysen vermisste 
nachsatz zu jenem relativen satzgliede ebenso entbehrlich, als 
es unstatthaft ist , in den Schlussworten des psephisma die er- 
wähnung der alten gesetze ausgefallen zu denken. Das sub- 
ject zu äveyQÜifrjGat' , das Droysen damit zu gewinnen sucht, 
ergiebt sich aus dem vorausgehenden, nämlich oi xvqoi>[asvoi 
luv f6[xo3v. Auch mit den bemerkungen über die nomothesie 
des vierten Jahrhunderts, die sich ganz an Westermann an- 
schliessen, kann ich mich nur theilweise einverstanden erklären, 
und noch weniger es billigen , wenn die notiz über die einse- 
tzung der Zwanzig als reine fiction über bord geworfen wird. 
Doch lassen sich beide punkte nicht in der hier gebotenen 
kürze erledigen. Für die von Philippi im neusten hefte des 
Eheinischen Museums gegen einen theil des decrets geäusserten 
bedenken, die Droysen noch nicht kennen konnte, ist die in 
aussieht gestellte nähere begründung abzuwarten. 

Mehr in Übereinstimmung findet sich referent mit der be- 
handlung des dritten psephisma von Patrokleides, insbesondere 
des aus dem solonischen amnestiegesetze entnommenen passus, 
den Philippi jetzt gleichfalls verdächtigt. Einzelnes würde 
Droysen selbst jetzt modificiren , seitdem Lange's abhandlung 
über den vorsolonischen Areopag vorliegt. Auch hier muss 
ref. aber festhalten an der schon a. a. o. angedeuteten meinung, 
dass vor den worten nnQ"} zur iyysyQafifJiipcoii das decret eine 



Nr. 5. 125. Andocides. 237 

vielleicht dem früheren beschlusse aus der zeit der Perserkriege 
im Wortlaut entnommene bestimmung über die rehabilitirung 
der atimen enthalten hat. Denn wenn man diese durch die 
vorausgehenden worte: xptjqiiaao&ai rbv drjuov ravtä antn ote 
tjv zä Mribixd, genügend bezeichnet findet, so entspricht das 
doch zu wenig den forderungen des curialstils. Droysen selbst 
nimmt eine lücke gegen ende des decrets vor den Worten nrjds 
lAvqoixaxTjcai oder wie er schreibt [ivqaixax/jasiv an, in wel- 
cher von dem §. 73 und 76 angedeuteten eide negl opovoiag 
die rede gewesen sei, vielleicht mit recht, wenn gleich die p. 
24 vorgeschlagene ergänzung sprachwidrig ist. Ganz unnöthige 
Schwierigkeiten macht er aber bei den Worten xaia (so schon 
Sluiter für xai) zu siQtjfisva, welche die Verbindung des navra- 
%6&£v mit i^aXelxpai durchaus nicht hindern. 

Auf andre differenzen über die Schreibung der psephismen, 
deren berichtigten text der erste anhang giebt, einzugehn muss 
ref. sich hier versagen , um mit ein paar worten noch den 
zweiten anhang des schriftchens zu berühren. Droysen macht 
darin auf den Widerspruch aufmerksam, der zwischen den bei- 
den angaben des Thukydides über den anfang des peloponne- 
sischen kriegs II , 2, 1 und V, 20, 1 stattfindet ; eine lösung 
desselben versucht er nicht. Wenn er aber meint, der Wider- 
spruch sei bisher unbemerkt geblieben , so übersieht er , dass 
derselbe bereits von E. Müller de tempore quo bellum Pelopon- 
nesiacum initium ceperit p. 34 nicht blos bemerkt, sondern auch 
in einfacher weise gehoben ist durch Streichung der worte t\ 
iaßoXrj t] ig ti'jv ^Attixi]v xal an der zweiten stelle, eine ände- 
rung, die sich auch aus anderem gründe nothwendig macht. 

J. H. L. « 

Nachschrift. Erst nach dem abschlusse vorstehender 
anzeige ist mir die besprechung der Droysenschen dissertation 
durch R. Scholl in nr. 13 der jenaischen Literaturzeitung zu- 
gekommen. Ueber das decret des Demophantos urtheilt Scholl 
im wesentlichen ebenso, wie oben geschehn, hält aber die Wie- 
derholung desselben nach dem stürze der Dreissig fest, die ich 
aus dem oben angedeuteten gründe für unzulässig halte. Bei dem 
psephisma des Tisamenos aber sucht Scholl den Widerspruch 
mit den worten des redners damit zu beseitigen, dass er die 
§. 82 erwähnte doxipaata der gesetze auf die im decrete be- 



238 126. Livius und Cicero. Nr. 5. 

stimmten bnoacov av ngoaderj beschränkt, ein ausweg, der nach 
meinem urtheile mit der ganzen darstellung des redners un- 
vereinbar ist. Dass auch die alten gesetze des Solon und Dra- 
kon der revision unterworfen wurden , folgt aus der wenn 
gleich irrigen angäbe über das motiv zu Tisamenos antrag; die 
rechtsgültigkeit derselben war ja auch nur provisorisch ausge- 
sprochen worden, bis die niedergesetzten nomotheten ihre ar- 
beit beendigt hätten. Das gleiche ergebniss folgt aus der fer- 
neren angäbe, dass nur die dvayeyQafifisvoi vofxoi in gültigkeit 
seien, und ebendasselbe besagt der beschluss ou 8si toigvo- 
fioig xgrjö&ai an EvxXeidov ag^ovrog. Hiergegen kann auch der 
umstand nichts beweisen, dass der anfang der arayQacpr] bereits 
auf die zeit nach dem stürze der Vierhundert zurückgeht. Es 
kam nur darauf an eine form zu finden, durch welche die schon 
damals revidirten gesetze in jenen beschluss mit einbezogen 
wurden. 

J. H. L. 

126. Tittler, kritische beitrage zu Livius und Cicero. 
Programm von Brieg 1873. 21 s. 

Treu dem grundsatz nonumgue prematur in annum bietet 
der Verfasser in diesem programm eine reihe von emendatio- 
nen, die das werk reiflicher Überlegung und besonnener for- 
schung sind. Manche derselben sind so überzeugend, dass zu 
ihrer empfehlung nichts gesagt zu werden braucht; man wun- 
dert sich nur, dass man nicht selbst schon längst auf dieselben 
gekommen ist. Nicht zufrieden, die Wahrscheinlichkeit oder 
nothwendigkeit seiner vermuthung aus dem Zusammenhang er- 
wiesen zu haben, zeigt Tittler auch , wie in den textesworten 
die corruptel allmählich entstanden sei, und stellt diejenigen 
stellen zusammen, an denen ein gleiches versehen vorgekom- 
men ist. Dass er mit dem Sprachgebrauch seiner beiden au- 
toren bekannt ist, beweisen die eingehenden erörterungen über 
die bedeutung von abutor, den absoluten gebrauch von consciua 
u.s.w. — Liv. I, 19, 4 vermuthet er: rem ad imdtitudinem im- 
peritam et ut Ulis saeculis rudern efficacissiviam. Diese änderung, 
die nur beiläufig in einer note angeführt wird, halte ich nicht 
für gelungen; denn die Überlieferung ist so klar, dass sie keiner 
Verbesserung bedarf. Livius sagt zuerst im allgemeinen, dass 



Nr. 5. 126. Livius und Cicero. 239 

die menge wenig kenntnisse und bildung besitze und fügt in 
einem gegensatze, der zugleich eine Steigerung enthält, hinzu: 
dieselbe sei in jenen alten zeiten sogar roh gewesen. Natür- 
lich liegt darin zugleich ein seitenhieb auf den hauptstädtischen 
pöbel des augusteischen Zeitalters ; das präclikat der rohheit 
will der Schriftsteller diesem zwar erlassen, aber imperitus 
ist auch er. Uebrigens will es mir scheinen, als könnte durch 
das beigefügte wörtchen ut leicht ein ganz anderer sinn den 
Worten untergelegt werden, als der vom Schriftsteller beabsich- 
tigte. Denn wenn in Cic. Brut. 7, 27 steht: opinio est, . . . Cli- 
sthenem multum, ut Ulis temporibus, valuisse dicendo und26, 102 L. 
Caelius Antlpater scriptor . . . fuit, ut temporibus Ulis, luculentus, 
so soll die clausel in beiden Sätzen bedeuten: ,,so weit es eben 
in jenen zeiten möglich war"; für unsere stelle aber erwarten 
wir den gedanken : wie es damals gar nicht anders sein konnte, 
noth wendig sein musste. — I, 29, 4: elatus cum lacrimis 
larem relmquentes exiere. Zu dieser änderung ist Titt- 
ler verführt worden durch die folgenden worte integrabat lacri- 
mas. Doch silentium triste ac tacita maestitia schliessen meines 
erachtens durchaus das weinen nicht aus , sondern blos das 
laute wehklagen; die thränen können still und ruhig fliessen. 
Mit bezug hierauf lässt sich also die vulgata so erklären: „nun 
brachen die thränen mit frischer kraft hervor , und ausserdem 
wurden jetzt auch klagerufe vernommen". — I, 32, 10 adi- 
piseamur cum dis. So liest Tittler statt cum his, das gewöhnlich 
zum folgenden gezogen wird. Die änderung ist vortrefflich ; 
nur ist zu bedenken, dass auf diese weise ein wenig passendes 
asyndeton entsteht. — II, 12, 15 quando quidem est apud te 
virtuti honos , at tu (statt ut) beneficio tuleris a me quod minis 
nequisti. Einfacher wäre id. — II, 40, 3 macht Tittler iam 
primo aus in primo. Doch vielleicht ist blos in mit Weissen- 
born einzuklammern, oder es ist a primo , in primis zu schrei- 
ben: vg'. Cic. Orat. 8, 26. Liv. 3, 65. — II, 40, 8: turpius 
quidquam aut mihi miserius. Vielleicht liest man besser tur- 
pius inquam nee mihi miserius; das inquam dient zur Hervorhebung 
des turpius. An dem dreifachen nee nimmt man keinen an- 
stoss, wenn vor dem dritten ein komma steht. — XXDT, 4, 
4 — 6 ex pluribus interv allis und haut dispeetae (statt 
deeepere). — XXII, 6, 6 schreibt Tittler humoribus statt hu- 



240 127. 128. Dares. Nr. 5. 

meris. Einfacher wäre humerisve oder humerisque; Tiumores ist 
ein ungebräuchliches wort = aqua, und der gleichklang capiti- 
bus humoribus lautet nicht schön. — XXII, 54, 9: facies. ut 
statt faciam. Letzteres muss bleiben, weil aggrediar und suc- 
cumbam vorausgehen; ut ist richtig. — XXIII, 35, 7 ergänzt 
Tittler concordiae vor cura. Dies ist ganz unnöthig, wenn man 
die worte itaque etc. als Zwischensatz fasst. — XXIV, 25, 8 
nee student habere nee modice habere sciunt. — Cic. 
Verr. V, 43, 112: hinter salute ist savia zu ergänzen. 113 
interficiendo conscios exstinguere. 114 libertatem ... hanc 
.... abusus est. — Mur. 4, 9: hinter nostros ist rivulos zu 
ergänzen. — Phil. II, 19, 47: etsi intereidamus. 

C. Härtung. 

127. Ueber Dares von Phrygien, de excidio Troiae historia 
von Oberlehrer Dr Ferdinandus Meister. Breslau 1871. 
36 pp. 4. 

128. Daretis Phrygii de excidio Troiae historia. Recen- 
suit Ferdinandus Meister. Lipsiae in aedibus B. G. 
Teubneri. MDCCCLXXIII. LI & 67 pp. 8. 

Meisters abhandlung über Dares, welche zuerst im oster- 
programm des Magdalenäums zu Breslau erschienen war und 
dann durch einen Sonderabdruck allgemein zugänglich gemacht 
wurde, bildet die vorläuferin der textausgabe der historia de 
excidio Troiae. Durch zwei im jähre 1869 veröffentlichte ar- 
beiten über diese merkwürdige schrift sah sich der herausgeber 
veranlasst zu den darin niedergelegten ergebnissen Stellung 
zu nehmen. Gegenüber dem büchlein von Hermann Dunger 
über die sage vom trojanischen kriege in den bearbeitun- 
gen des mittelalters und ihre antiken quellen verhält sich Mei- 
ster im ganzen reeeptiv, es scheint daher nicht geboten, auf 
diesen theil seiner abhandlung (p. 24 — 36) näher einzugehen, 
obgleich der vf. auch hier manche selbständige bemerkung macht. 
Den beitragen zur kritik des Dares von Johannes Schmidt aber tritt 
der vf. polemisch entgegen ; und dieser grössere theil der schrift 
(p. 1 — 24) erfordert hier um so mehr einige orientierende an- 
deutungen , als sich der verf. bei der berichtigung der von 
Schmidt gewonnenen ergebnisso nicht beruhigt, sondern von 



Nr. 5. 128. Dares. 241 

da ausgehend auch positiv die grundlagen für die textkritik 
des Dares festzustellen versucht hat. 

J. Schmidt war bei seinem aufsatze nur auf eine wiener 
handschrift V, s. XII und auf gedruckte ausgaben beschränkt, 
in welchen seit jener 1618 von Mercerius besorgten immer 
der nämliche vulgattext wiederholt zu werden pflegte, so dass 
nicht einmal Dederichs ausgäbe 1835, welchem ein Sangallen- 
sis zu geböte stand, wesentlich besseres bot. Meister hatte da- 
gegen, als er seine abhandlung ausarbeitete , sieben handschrif- 
ten sehr verschiedenen alters aus neuen, zum theil eigenen col- 
lationen genau kennen gelernt. Während daher J. Schmidt in V 
eine der vulgata gegenüber einigermassen selbständige und in 
einzelnen partieen von interpolationen ziemlich freie textquelle 
zu erkennen glaubte, hat der vf. dargethan, dass V mit der fio- 
rentiner (F) s. X und St. Galler handschrift (G) s. X nahe 
verwandt ist. Aus einer verschiedenen quelle ist die bamber- 
ger handschrift (B) s. X geflossen, welche trotz zahlreicher 
schreibversehen und häufiger lücken doch im ganzen so treff- 
liche lesarten bietet und einen so treuen anschluss an ihr ori- 
ginal bekundet, dass der vf. sie als Vertreterin der besten Über- 
lieferung betrachtete. In engem Verhältnisse zu B steht die 
ziemlich gleichalterige berner handschrift (H), welche man für 
eine abschrift von jener halten könnte, wenn nicht mehrere in 
B lückenhaft überlieferte stellen durch H ergänzt würden. lie- 
ber zwei breslauer handschriften s. XIII (E) und s. XV (A), 
ferner über eine wolfenbütteler (0) s. XV hat der vf. keine 
eingehenderen mittheilungen gegeben, da dieselben den übrigen 
Codices gegenüber nicht von bedeutung sind. Das erscheint im 
wesentlichen als das resultat der Untersuchung des vfs. ; daraus 
ergab sich folgender kanon für die constituirung des Darestex- 
tes (p. 22): zu gründe zu legen ist B als diejenige handschrift, 
welche am wenigsten durch interpolationen gelitten hat, die kür- 
zeren oder längeren lücken aber, durch die sie nicht selten ent- 
stellt ist, werden wir durch G [und H] zu ergänzen haben ; neben 
diesen beiden wichtigsten codd. kommen hauptsächlich F und V in 
frage, die übrigen sind ihnen gegenüber von geringer bedeutung". 
Wenn nun die in diesen Sätzen festgestellte methode 
der textesconstituirung in der ausgäbe von Meister nicht befolgt 
worden ist, so hat dies in einer vom herausgeber nicht er- 
Philol. Anz. VI. 16 



242 128. Dares. Nr. 5. 

warteten Vermehrung des kritischen materials seinen grund. 
Nach dem erscheinen jener abhandlung lernte der herausgeber 
noch drei weitere handschriften kennen, eine unvollständige 
Dresdener (D) s. XIII, einen Vossianus (L) s. X und einen Mo- 
nacensis (M) s. X (IX?), welche letzteren den codex B an Zu- 
verlässigkeit zu übertreffen schienen. Der herausgeber hat da- 
her L und für den ersten in diesem codex fehlenden theil M 
seinem texte zu gründe gelegt und lesarten anderer handschrif- 
ten dieser klasse (BH) nur selten angeführt , dagegen von G 
als dem relativ besten Vertreter der zweiten handschriftenklasse 
alle Varianten notiert. So berechtigt dieses verfahren ist, so 
würde der nutzen, den die Vorführung dieser zweiten vielfach 
abweichenden fassung des textes gewährt, noch augenfälliger 
gewesen sein, wenn die lesarten des G in einem eigenen ab- 
schnitte der kritischen adnotatio zusammengestellt und dadurch 
leichter zu überschauen wären, als es jetzt der fall ist, da sie 
unter den Varianten verschiedener handschriften der ersten fa- 
milie erst zusammengesucht werden müssen. Die wähl einer 
solchen einrichtung würde vielleicht auch auf die feststellung 
des textes zurückgewirkt haben. Der herausgeber hat hier 
nicht selten durch contaminirung von lesarten aus beiden klas- 
sen der handschriften die ursprüngliche fassung zu gewinnen 
gesucht-, ref. dagegen würde im texte möglichst den archetypus 
der ersten familie , nur mit correctur der augenscheinlichsten 
fehler, reconstruiert und in einem eigenen abschnitte der ad- 
notatio ein bild des der zweiten klasse zu gründe liegenden 
codex gegeben haben. Denn da diese letztere in dem besten 
repräsentanten G nach der sehr wahrscheinlichen meinung des 
vfs. bei mancher ausbeutung und nachbildung im mittelalter 
vorgelegen hat, so ist die sichere Unterscheidung derselben von 
der ersten klasse gewiss der im vorliegenden falle höchst pro- 
blematischen herstellung des ursprünglichen textes, wie er von 
dem autor niedergeschrieben sein könnte, vorzuziehen. Doch 
wichtiger als dieser lediglich die bequemlichkeit des lesers be- 
einträchtigende misstand ist die übergehung der vielleicht wertk- 
vollsten handschriften bei der feststellung des textes. Erst nach- 
dem dieser vollständig gedruckt war, empfing der herausgeber 
durch W. Förster in Wien künde von mehreren pariser Dares* 
handschriften, unter welchen eine (P) n. 7906 s. IX die besten 



Nr. 5. 129. Cicero. 243 

der übrigen handschriften an alter übertrifft, während sie ihnen 
an werth wenigstens nicht nachzustehen scheint. Auf grund die- 
ses Zeugnisses berichtigt der herausgeber nachträglich noch etwa 
dreissig stellen in der praefatio. Diese enthält ausser den 
nothwendigen bemerkungen über die grundlagen der textkri- 
tik und zwei kleinen in handschriften überlieferten stücken (de 
Enea et Anteriore und tabula pugnatorum) auch eine reihe von 
mittheilungen über die nachbildung der historia de excidio Troiae 
im mittelalter, welche namentlich mit hülfe des Werkes von A. 
Joly (Benoit de Sainte-More et le roman de Troie. Paris 1870 
f.) das hierüber in der abhandlung des herausgebers bemerkte 
vervollständigen und selbst wieder durch das im Philol. Anz. 
V, 507 ff. bemerkte ergänzt werden. 

Folgende berichtigungen hat der herausgeber der redaction 
zur Verfügung gestellt : im texte ist zu lesen p. 20 ; 20 praeda 
(praedaque G), 21, 10 reddidisse, 18 si Troiam (ei ad troiam G), 
24, 7 classis in, 28, 8 Achilles Diomedes, 33, 12 sese si, 36, 8 
perp. p. deb. f., 38, 2 posset, 39, 18 occidit et, 41, 3 fano, 7 
consequenti, 12 dextera, 42, 1 a Pr. petit (so LG), 47, 8 et quo 
— ; in den noten: 29, 12 velle et veloci — omnes om. G, 30, 20 

troiam posset 

patriam L, 38, 2 coepit L, 25 insequuntur L 1 insequitur L 2 , 42, 4 

ad portas 
nach agamemnon G 43, 4 (statt 3) in urbem L, 19 dies diu 
LG, 44, 10 airibo concurrunt G, 48, 1 duces om. LG, 51, 12 A. 
pr. Pol. om. L, 52, 3 actenus LG. 

129. M. Tullii Ciceronis de finibus bonorum et malorum 
libri quinque. Erklärt von Dagobert Bö ekel. Erstes bänd- 
chen. 8. Buch 1 und 2. Berlin, Weidmann, 1872. — 10 gr. 

So zeitgemäss auch mir im einverständniss mit dem verf. 
die Veranstaltung einer Schulausgabe der bücher de Finibus er- 
scheint, und so wenig ich in abrede stellen will, dass für das bedürf- 
niss der schüler im vorliegenden bändchen manches zweckmässige 
beigebracht ist , so kann ich doch nur aufrichtig die Verunstal- 
tungen beklagen , die in folge eines merkwürdig verkehrten 
kritischen urtheils der text mehrfach erlitten hat. Wie 
kann, um einiges herauszugreifen , der verf. 1, 10 non rnirari 
non queo für ciceronianisch ausgeben, oder uns 1 , 70 zumuthen 

16* 



244 130. Seneca. Nr. 5. 

über die worte ut ne minus quidem amicos quam se ipsos dili- 
gant zu grübeln, anstatt durch Streichung von quidem den ein- 
fachen hier erforderlichen gedanken zu gewinnen , oder gar 
2, 65 durch voluntarius statt voluptarius alle schärfe der be- 
weisführung zerstören? Einen erfreulicheren eindruck, wie ge- 
sagt, macht die zwar nicht sehr tief greifende, aber doch im 
ganzen einsichtsvolle erklärung, obwohl es auch hier nicht an 
Seltsamkeiten fehlt und z. b. gleich, 1, 2 veritus ne movere ho- 
minum studio videres, retinere non posse ganz verkehrt gesagt ist : 
„retinere non posse] dieser ganze ausdruck bildet den gegensatz 
zu movere". Vielmehr ist zu movere aus dem zweiten gliede posse 
zu ergänzen, grade wie Tac. Ann. 12, 64 quae filio dare im- 
perium, tolerare imperitantem nequibat. 

H. Ä. K. 

130. Hoppe, über die spräche des philosophen Seneca. 
Ein beitrag zur historischen syntax der lateinischen spräche. 
4. Lauban. 1873. 21 s. 

Durch Draegers gebrauch der redetheile Leipzig 1872 ist 
der Verfasser, wie er selbst angibt, zu vorliegender abhandlung 
angeregt worden; er beweist durch dieselbe von neuem, wie ja 
auch schon anderweitig in recensionen jenes buches nachgewie- 
sen ist, dass dasselbe vielfacher ergänzung und berichtigung 
bedürfe. Zuerst werden die substantiva nach ihren endungen 
aufgezählt, und zwar in alphabetischer reihenfolge, mit angäbe 
der fundstellen. Bei jedem wird angemerkt, ob es nur bei Se- 
neca oder auch bei anderen autoren vorkomme; ein kurzes re- 
sume' schliesst jeden abschnitt. An die substantiva reihen sich 
die substantivirten adjectiva und participia, deren sich die sil- 
berne latinität mit besonderer Vorliebe bedient. In dem ab- 
schnitte über den gebrauch des Substantivs, der nach den 
§§ der Draeger'schen schrift behandelt wird, zeigt Hoppe, dass 
Draeger 63 pluralische abstrakta Cicero's übersehen und 16 an 
einer unrichtigen stelle eingefügt hat; ferner, dass derselbe 85 
(241 sind es im ganzen) pluralische abstrakta Seneca's ausgelas- 
sen oder am unrechten platze untergebracht hat. Sodann wer- 
den die klassen und der gebrauch der adjectiva besprochen; 
über das vorkommen einzelner klassen wird eine statistische 
Übersicht gegeben. Daran knüpfen sich einzelne sprachliche 






Nr. 5. 131. Eömische geschichte. 245 

beobachtungen , z. b. dass die bildung von adjectiven auf idus 
schon vor Seneca aufgehört hat , dass diejenigen auf osus in 
der silbernen latinität mit Vorliebe gebildet werden, dass Se- 
neca durch bildungen von enunciativus , contemplativus, prorogati- 
vus den wortvorrath aus eigner erfindung bereichert hat. Zum 
schluss wird Draeger's buch ergänzt durch 22 comparative und 
9 Superlative Seneca's , welche in jenem ausgelassen sind, lie- 
ber die Stellung, welche Seneca zur Wortbildung einnimmt, fällt 
Hoppe folgendes urtheil: ,, Seneca ist kein sprachneuerer wie 
Tacitus , und was bei ihm im vergleich mit der klassischen 
periode eigenthümlich erscheint, ist zum grössten theil eine ei- 
genthümlichkeit der silbernen latinität überhaupt. Daher steht 
Seneca in vielen punkten der klassischen spräche näher als 
dem sprachgebrauche des Tacitus. Seneca selbst polemisirt ja 
in brief 114 gegen die sprachbildner und glaubt sich beim eig- 
nen gebrauch auffallender bildungen (Ep. 58. 88, 28. 86, 21. 
117, 13) jedesmal entschuldigen zu müssen". — Ich habe 
mehrere Schriften Seneca's speciell für diesen zweck durchgese- 
hen und gefunden, dass jede form bei Hoppe verzeichnet steht ; 
nur irrevocdbüis (Sen. nat. qu. VH, 10) habe ich unter den 
adjektiven vermisst , welche als bei Cicero nicht vorkommend 
aufgezählt werden. Da die syntax durch so fleissige Zusam- 
menstellungen nur gewinnen kann und erst auf grund vieler 
Specialforschungen das eigentliche gebäude sich aufführen lässt, 
so ist zu wünschen, dass die verheissene fortsetzung bald erfolgt. 

0. Härtung. 

131. Adolf Stahr, Tiberius leben, regierung und Charak- 
ter. Zweite völlig umgearbeitete aufl. 8. Berlin. 1873. — 2*/3 thlr. 

Es scheint in neuerer zeit auch in der deutschen litteratur 
mode zu werden, sich in extremen und antithesen zu bewe- 
gen, und sobald man nicht ins „Hosianna" einstimmen kann, 
gleich das „kreuzige ihn" zu rufen. Kaum hatten Sievers und 
Merivale angefangen, an der autorität des allverehrten Tacitus 
zu rütteln, so erschien Stahrs Tiberius (1. aufl. 1863), wo 
Tacitus zu einem blinden und widerspruchsvollen parteischrift- 
steller, Tiberius dagegen zu einer hohen gestalt gestempelt 
wurde. Damit noch nicht zufrieden, erhob Freitag den letztern 
sogar zum grössten aller römischen kaiser und warf alle schuld 



246 131. Römische geschichte. Nr. 5. 

an der entstellung der Überlieferung auf Tacitus; zugleich ver- 
nehmen wir von Freitag, dass auch Mommsen den schon von 
Stahr gebrachten vergleich des Tiberius mit Friedrich d. Gr. in 
seiner kaisergeschichte anwende und hoffentlich bleibt uns 
diese nicht mehr lange vorenthalten. 

Indessen überrascht uns Stahr mit einer zweiten aufläge 
seines werkes, die nicht nur dem umfange nach stark erweitert 
(378 s. gegen 332 der 1. aufläge), sondern auch in ihrer ganzen 
anläge vollständig umgestaltet ist und von dem fortschritt der 
eigenen Studien des vf. zeugniss gibt. Einzelne partieen der 
ersten aufläge, wie der anhang, sind dabei ganz weggefallen, 
nur wenige wieder wörtlich aufgenommen, wie das rhodische 
exil (p. 33 — 46), die gelangung zur herrschaft (p. 46 — 67), wo 
indessen Napoleon als vertheidiger Tibers der erwähnung nicht 
mehr würdig erachtet wurde (!?), dann Sejans machtstellung 
und Untergang (p. 167—236), das ende Tibers fp. 237—255), 
dessen eigenthümlichkeiten und die zeitgenössische litteratur (p. 
25£ — >289), letztere abschnitte mit einigen änderungen und Zu- 
sätzen nach Voltaire und Plinius , mit denen sich der verf. in 
der Zwischenzeit genauer bekannt machte. Die übrigen erheb- 
licheren Umgestaltungen erklären sich hauptsächlich aus den 
nach der ersten aufläge erschienenen „römischen kaiserfrauen" 
und der Übersetzung der Annalen ; durch diese arbeiten ist dem 
verf. offenbar die ganze zeit mehr gegenständlich geworden, 
und so hat er denn in der neuen aufläge vor allem die ge- 
schichtlichen partieen, die früher vor den mehr raison- 
nirenden abschnitten zurücktraten, erweitert und die allgemei- 
nen betrachtungen abgesondert ans ende zusammengestellt. 
Auf diese weise ist aus dem kritischen essai oder Charakter- 
bild, wie wir die erste aufläge nennen möchten, eine eigentliche 
geschichte der regierung Tibers geworden, und gleich- 
sam als ein neues buch bedarf daher auch die neue aufläge 
eine betrachtung für sich. 

Gegen die neue eintheilung wollen wir nichts sagen, ob- 
gleich wir die lebendige Verflechtung der darstellung des ge- 
schichtlichen Verlaufs mit der Schilderung der zustände und des 
Charakters für passender halten würden. Dagegen vermissen 
wir durchaus die berücksichtigung der einschlägigen 
neuern litteratur, und zwar nicht nur der gegnerischen, 



Nr. 5. 131. Komische geschickte. 247 

wie Beulö , der mit französischer rhetorik das andere extrem 
auf die spitze getrieben hat, oder Pasch 5 auch die zustimmen- 
den und ergänzenden arbeiten , wie diejenige Freitags, werden 
völlig ignorirt. Ist dies schon an sich für ein buch von wis- 
senschaftlichem charakter kaum verantwortlich, so noch viel we- 
niger bei einem buche, das eine vertheidigung enthalten soll, 
und es hat dies auch der vorliegenden schrift nicht zum vor- 
theil gedient. 

Schon Freitag, obwohl kein freund des Tacitus, hat in bezug 
auf die erste aufläge gefunden, dass Stahr, um Tiberius gut zu 
machen, andere personen dafür schlechter mache und die schuld 
von jenem gern nur auf andere ablade. Bei der neuen aufläge 
trifft dieser Vorwurf noch im verstärkten masse zu; es leiden 
darunter neben Livia und Augustus besonders Agrippina und 
die ihrigen. Freitag hätte indessen noch hinzufügen können, 
dass Stahr zu demselben zwecke auch unmögliches möglich 
macht, dagegen wieder thatsachen leicht übergeht, wo sie ihm 
nicht passen, und endlich, um bei Tacitus Widersprüche nach- 
zuweisen , sich selbst oft in Widersprüche verwickelt. Hiefür 
nur einige beispiele. 

Stahr spricht p. 7 von der abneigung des Stiefvaters Au- 
gustus gegen Tiberius und lässt (p. 193) Livia auch briefe 
ihres gatten aufbewahren, in welchen klagen über Tiberius' her- 
ben und unverträglichen charakter enthalten waren; dennoch 
will er aus den bei Sueton erhaltenen bruchstücken von brie- 
fen (p. 61) zeigen, wie innig das verhältniss des Augustus 
zu Tiber war, wie der greise kaiser den Stiefsohn zu den al- 
lerintimsten familienangelegenheiten als rathgeber zuzog, 
und wie ganz er ihm vertraute, ja ihn bewunderte (p. 59). Wir 
gestehen , dies schon vom psychologischen gesichtspunkte aus 
nicht begreifen zu können ; was aber die zuletzt postulirte that- 
sache betrifft, so wird dieselbe wohl am besten illustrirt durch 
das mitgefühl des Augustus für Agrippa Postumus (Tac. Ann. I, 
5. Plin. N. H. VII, 45. Plut. de garr. 11). Stahr hat diesen zug 
im vorliegenden buch einfach übergangen, in den „kaiserfrauen" 
dagegen (p. 92 ff.) zu beweisen gesucht, dass die taciteische 
erzählung unwahr sei, wobei er aber dann doch wieder zugeben 
musste (p. 95), dass Augustus heimliche Verhandlungen 
über Agrippa mit seinem freunde Fabius hatte. 



248 131. Römische geschichte. Nr. 5. 

Sehr unangenehm scheint dem verf. auch der tod der 
Iulia gelegen zu haben; wenigstens wird er hier ebenfalls 
nicht erwähnt, und die beschönigung desselben in den „kaiser- 
frauen" p. 188 ff. steht auf sehr schwachen füssen. Stahr will 
dort die angäbe des Tacitus , Tiberius habe die Iulia durch 
mangel und langsames siechthum dem to de überliefert, 
durch Sueton berichtigen. Aber was ist denn das anders als eine 
erläuterung zu Tacitus, wenn Sueton sagt, Tiber habe ihr die 
s ubsistenzmi ttel entzogen (Suet. Tib. 50: et peculio con- 
cesso a patre praebitisque annuis fraudavit) und allen verkehr 
mit ihr untersagt? — Für die ermordung des Agrippa 
Postumus wird von Stahr nach der bei Sueton (Tib. 22) 
angedeuteten officiellen version Augustus belastet (Tiber, p, 69: 
„und von Agrippa hatte die fürsorge des Augustus seinen nachfol- 
ger befreit"), entgegen dem offenbar den memoiren des Sallust 
entnommenen bericht des Tacitus (A. I, 6) und im Widerspruch 
zu der vom verf. selbst angenommenen Sinnesänderung und 
überhaupt zu jeder psychologischen Wahrscheinlichkeit. In den 
„kaiserfrauen" aber, worauf Stahr dabei verweist, quält sich der 
vf. mühsam ab, um etwas von der officiellen darstellung zu ret- 
ten. P. 89 sagt er, der kriegstribun hätte von Augustus den 
befehl erhalten, Agrippa tödten zu lassen, und zwar sehr lange 
zeit vor dem tod des Augustus; später aber (p. 95) nimmt er' 
mit einer merkwürdigen wendung wieder an, der kaiser habe 
den befehl wieder zurückgenommen u. s. f. 

Um das benehmen des Tiberius gegen Germ anicus 
zu rechtfertigen, werden Germanicus und Agrippina herunter- 
gemacht, und der vf. geht hierin in der neuen aufläge noch viel 
weiter als in der alten. Im verhalten Tibers gegen seinen 
adoptivsohn sieht er nur wohlwollen, in der Sendung nach dem 
orient (p. 180) auch ein neues unanfechtbares zeugniss dafür, 
wie sehr Tiberius dem Germanicus „vertraute und sich 
auf dessen unbedingte ergebenkeit verliess"; er 
findet aber die abberufung des Silanus und die einsetzung des 
Piso (p. 105) doch wieder begründet, „denn es galt, des 
Germanicus h Öffnungen in gewissen schranken zu 
halten". Gewiss, wenn man jemand in eine neue stelle einsetzt 
und ihm einen feind zum ersten gehülfen gibt, so heisst das, einem 
ein unverkennbares misstrauensvotum geben, ja einen unmöglich 



Nr. 5. 131. Römische geschichte. 249 

machen, einem das leben verleiden wollen. Doch Tiberius hat 
vielleicht, wie Stahr uns daneben noch glauben machen will 
(p. 104 f.), in Piso sich vergriffen oder sich durch seine mut- 
ter unbedachtsam übertölpeln lassen? — als ob der langsam 
sich entschliessende Tiberius seinen alten kriegsgefährten und 
dessen gattin Plancina nicht längst gekannt und die frage nicht 
reiflich erwogen hätte ! 

War es da zu verwundern, dass das römische volk beim ra- 
schen tod des Grermanicus verdacht schöpfte und seine anhäng- 
lichkeit an den beliebten prinzen in nachdrücklichster weise 
kund gab? Stahr möchte zwar die übertriebenen trauerbezeu- 
gungen des volkes (p. 121 ff.) nur dem anstiften der Agrip- 
pina zuchreiben, der ,,seele aller volksthümlichen Unternehmun- 
gen", (p.201) ihrer „provocirenden anstiftung und leitung der auf- 
geregten volksmassen" ; man glaubt fast, in Agrippina eine 
wahrhafte communardenführerin vor sich zu haben , und es 
bleibt dabei ganz unerklärt, wer denn vor ihrer ankunft in Ita- 
lien das volk in solchen massen nach Brundisium getrieben, 
wer es noch vor dem tod des G-ermanicus in die tempel ge- 
führt habe (p. 1 1 6). Die antwort des Tiberius an Sejan 
auf dessen Werbung um Livia findet Stahr (p. 184) ■„ einfach 
und würdig". Wir wollen nun hierbei ganz davon absehen, 
dass der kaiser abmahnt und doch wieder unbestimmte aussieht 
auf verwandtschaftsverbindung macht ; aber es scheint uns nicht 
einmal männlich, geschweige würdig, dass er die feindseligkeit 
der Agrippina dem günstling als ersten stein des anstosses nennt 
und die Verantwortlichkeit des abschlags gleichsam von sich auf 
jene abwälzt. Auf solche weise wurde der familienkrieg nicht, 
wie Stahr will , ausgeglichen , sondern eher geschürt. Nach 
Stahr ist aber überhaupt das benehmen des kaisers der Agrip- 
pina gegenüber nur rücksichtsvoll (p. 153 ff.), auch da noch, 
wo er sie in einem ausbruch verhaltener wuth mit beiden bän- 
den packte, dass sie vor aufregung krank wurde; die uns vor- 
liegenden texte rechtfertigen es durchaus nicht, diese kraftvolle 
und leidenschaftliche scene, die an die ohrfeige des Drusus er- 
innert, zu einer gemüthlichen causerie abzuschwächen (Tacitus : 
correptam ; Sueton : manu apprehendit ; Stahr : er nahm sie bei 
der hand). Dieser wohlwollenden, väterlichen langmuth des 
Tiberius gegenüber muss dann die wühlerin Agrippina als die 



250 131. Römische geschichte. Nr. -5. 

„unverbesserliche Schwiegertochter'' (p. 156) erscheinen; dass 
sie selbst auch durch die aufreizungen Sejans geängstigt und zur 
Verzweiflung getrieben wurde, davon weiss Stahr bei ihrer Cha- 
rakteristik nichts. Als hauptzeuge für die letzten nachstellun- 
gen der Agrippina und ihres sohnes Nero gegen Tiberius und 
für die gerechtigkeit ihrer strafe wird Vellejus angeführt ; p. 207 : 
„die Untersuchung (gegen Agrippina und Nero) muss schwere 
bezüchtigungen gegen die angeklagten ergeben haben, denn der 
zeitgenössische schriftsteiler Vellejus schildert 
die wirku ng derselben auf das gemüth d e s greisen 
kaisers mit den ergreifendsten worten (Vell. II, 
130: quamdiu abstruso pectus eius flagravit incendio, quod ex nuru, 
quod ex nepote dolere, indignari, erubescere coaetus est). Welchen 
werth man diesen worten beilegen darf, zeigt gleich der unmit- 
telbar darauf folgende satz bei Vellejus [cuius temporis aegritu- 
dinem auxit amissa mater , eminentissima et per omnia diis quam 
hominibus similior femina, cuius potentiam nemo sensit nisi aut 
levatione periculi aut accessione dignitatis) und der commentar, den 
Stahr selbst zu dieser sanften gewalt der Livia und der 
trauer um sie gibt (p. 194): der „grosse heuchler c ' des 
Tacitus war nicht einmal vermögend, schmerz zu heucheln über 
einen tod, den er in Wahrheit nur als befreiung von 
schwerer lebenslast empfinden musste etc." oder p. 
191: „Livia glaubte, des Tiberius erhebung als ihr werk 
betrachten zu dürfen u. s. w.". Warum aber hier die auto- 
rität des Vellejus so schrecklich misshandelt, dort aber bei ei- 
ner ganz verwandten notiz so hoch gehalten wird, vernehmen 
wir nicht. 

Neben Agrippina und ihrer familie soll der römische 
adel der einzige feind Tibers sein. Nur der adel ist schuld 
an dem hass gegen Sejan (p. 179); Iuvenal selbst wird 
dafür citirt, dass Sejan durch den neid der römischen aristo- 
kratie gefallen sei (p. 223); nur schade, dass Iuvenal gerade 
von der aristokratie nichts sagt, sondern „den häufen des Ro- 
mulus", die menge, den pöbel auftreten läset. Aber auch die 
Unzufriedenheit mit Tibers regiment überhaupt lebt nur im 
adel , alle klagen über dasselbe kommen aus den reiben der 
römischen aristokratie (p. 320), das volk ist ganz auf der seite 
des kaisers, ja Stahr versetzt ihn p. 159 auf die „höhe der 



Nr. 5. 131. Römische geschickte. 251 

volks gunst". Dagegen findet er sich doch wieder veran- 
lasst, p. 320 auseinanderzusetzen, dass man eigentlich nicht 
von volksbeliebtheit sprechen könne. Noch mehr. P. 
328 heisst es: „während seiner 23jährigen regierung finden wir 
kein einziges beispiel einer gegen den kaiser selbst ge- 
richteten empörung . . . von Seiten der hauptstädtischen nie- 
dern berölkerung", p. 329 dagegen: „nur ein einziges 
mal lesen wir von einer demonstration , welche sich das volk 
gegen die autorität der regierung erlaubte", p. 331 nochmals 
mit bezug auf eine andere bewegung : „und als ein einzi- 
ges mal das volk sich unruhen erlaubte". Solche vertheidi- 
gungsversuche streifen denn doch nahe an taschenspielerei. 

Den niederschlag der feindseligen Stimmung des adels ha- 
ben wir dann bei Tacitus, der überhaupt die aristokra- 
tische geschichtsanschauung vertreten soll. Dies wird 
besonders damit begründet (p. 317), dass er die G-racchen und 
Saturninus als wühler bezeichne ; Stahr hat aber dabei nicht 
beachtet, dass schon Caesar diese anschauung theilte (vgl. Nip- 
perdey zur stelle), und dass dies also ebensogut als monarchi- 
sche auffassung bezeichnet werden könnte. Wie wenig man 
aber mit dem Schlagwort des aristokratenthums das wesen der 
taciteischen gescbichtschreibung ergründet , zeigt schon die 
vorurtheilslose beurtheilung der provincialwirthschaft unter der 
Senatsregierung (Tac. A. 1 , 2) und die ganze einleitung zu 
den Annalen_ überhaupt. Nur durch vielfache falsche auslegung 
und Verdrehung des taciteischen textes war es denn auch im 
einzelnen möglich , den Tacitus durchweg der einseitigkeit und 
Verleumdung zu überführen. Bei der entfernung des kai- 
ser s nach Capri (s. p. 188 ff.) findet Stahr: „des Tacitus 
eigene ansieht läuft darauf hinaus , das wahre motiv sei auf 
Tibers absieht zurückzuführen , seine grausamkeit und wollust 
örtlich in Verborgenheit zu hüllen", während doch Tacitus selbst 
sich nur zweifelnd darüber ausdrückt und dazu noch ' das ver- 
hältniss zur mutter anfübrt. Im bericht über die bestim- 
mung der nachfolge soll sich Tacitus selbst widersprechen 
(p. 243), weil er sagt (VI, 45) : Nam etsi commotus ingenio (Ga- 
jus) simulationum tarnen falsa . . . perdidicerat. G mar um hoc 
prineipi eoque clubitavit de tradenda re publica, pri- 
mum inter nepotes , quorum Dmso genitus .... Germanici filio 



252 131. Römische gescbichte. Nr. 5. 

robur iuventae, vulgi studia, eaque apud avum odii causa» 
Stahr übersetzt, wie wenn Tacitus in läppischer vergesslichkeit 
mit dem schlusssatz das erste motiv des zweifeis aufheben 
wollte : „denn dieser prinz, obschon zerrütteten geistes, hatte doch 
. . . die fülle der Verstellungskünste sich gründlich zu eigen ge- 
macht. Dies w u s s t e der kaiser , und darum schwankte er, 
wie er über die thronfolge verfügen solle. In erster reihe stan- 
den hier seine beiden enkel. Der eine von ihnen, Drusus 

der andere, der söhn des Germanicus .... besass die Zuneigung der 
menge, und eben dies war die Ursache, weshalb der grossva- 
ter ihn hasste". In dieser Übersetzung hat aber der letzte 
satz einen ganz falschen sinn erhalten ; denn Tacitus will of- 
fenbar nichts anderes sagen als: Gajus besass die gunst des 
volkes , eine eigenschaft , die man sonst als eine empfehlung 
für einen prinzen betrachten würde, bei Tiberius aber war auch 
dies nur eine neue Ursache zum hass , also : und dies war 
bei Tiberius eine Ursache zum hass. Es resultirt daraus nach 
Tacitus eine Verstärkung des zweifeis über die nachfolge. Ue- 
brigens hätte Stahr beiläufig auch bei Nipperdey sehen kön- 
nen , dass commotus ingenio nicht auf einen zerrütteten geist, 
sondern auf einen leidenschaftlichen deutet. Ein neuer Vor- 
wurf wird dem Tacitus damit gemacht, dass er in bezug auf 
das äussere nur den hässlichen alten schildere (p. 255 ff.), 
während doch selbst Sueton „der vollendeten Schönheit 
und stattlichkeit und der edelgeformten züge des 
Jünglings und mannes preisend gedenke." Lesen 
wir aber bei Sueton nach, so finden wir, dass Tiber's" äusseres 
im ganzen — sein aristokratisches {honesta) gesiebt mit den 
häufigen pusteln und den übergrossen , unheimlichen äugen, der 
steife nach hinten übergebogene -nacken, der starre blick und 
die zugeknöpfte, leblose haltung — einen unangenehmen 
und anmassenden ein druck gemacht habe, weshalb ihn 
auch Augustus getadelt und vor dem volke wegen seiner na- 
turfehler entschuldigt habe. 

Wie aber Stahr trotzdem in Tiberius „ den schönsten und 
stattlichsten mann" seiner zeit sieht, so kennt er überhaupt für 
ihn nur bewunderung und weiss daher keinen bessern vergleich 
als denjenigen mit Friedrich dem Grossen. Wie aber dieser 
vergleich zu stände kommt, das ist mehr als gewaltthätig. Den 



Nr. 5. 131. Komische geschickte. 253 

beiden helden wird nachgerühmt „vertrauen auf die nach- 
weit" (p. 267) — wie stimmt dazu bei Tiberius „der finstere 
ingrimm gegen die weit und die völlige Verzweiflung an 
der menschheit" (p. 230)? oder wie vereint sich mit dem 
„freisinn in religiösen dingen" (p. 267) und besonders 
einem freisinn Friedrichs d. Gr. „das sorgsame festhal- 
ten an alten religiösen brauchen und normen", 
das als ein „grundzug in dem wesen Tiber's" erscheinen soll, und 
seine „Orthodoxie" (p. 348)? wie reimt sich ferner die „thätig- 
keit, mit der er alle beamten überwacht", die „eifersüch- 
tig bewahrte Selbständigkeit gegenüber allen seinen 
dienern" (p.267) zu der Stellung Sejans und der p. 211 geschil- 
derten abhängigkeit des kaisers von seinem minister? Was 
aber die „neigung zu kaustischem witz und spottender satire" 
(p. 267) betrifft, so möchten sich solche kleinliche und bos- 
hafte handlungen ungrossmüthiger räche wie gegen den profes- 
sor aus Rhodus oder die Ilienser bei Friedrich d. Gr. kaum 
nachweisen lassen. So schwinden die ähnlichkeiten auf einige 
äusserlichkeiten und nebensachen zusammen, wie die verbitterte 
jugend, die ausdauer in der arbeit u. a. •, aber wie himmelweit 
verschieden ist gerade dieses arbeiten bei beiden. Tiberius ist der 
tagelöhner, der einen tag wie den andern in die fabrik geht und 
seine maschine in gang setzt ; aber wo ist auch nur eine einzige 
neue grosse idee aus seinem köpfe hervorgegangen, wo ist 
diese sprudelnde geistesfülle, die auf allen gebieten neues an- 
regt und selbst schafft, und wie wäre bei Friedrich die herr- 
schaft eines Sejan, schon für sich ein unauslöschlicher Schand- 
fleck der regierung des Tiberius, denkbar? Doch genug; das 
gesagte mag beweisen, dass man sich an dem andenken des 
grössten der deutschen könige beinahe versündigt , wenn man 
ihn dem Tiberius an die seite stellt. 

Der mangel an Sorgfalt und wissenschaftlicher genauigkeit, 
den wir so in der behandlung des Stoffes gefunden haben , tritt 
uns aber auch zum theil entgegen in der sprachlichen form 
und in der correctur. Wenigstens macht es keinen vor- 
theilhaften eindruck, Iunius Blaesus p. 302 als neffen, p. 303 
dagegen als mutterbruder Sejans bezeichnet zu finden ; auch 
hätten wir sätze , wie „der umstand ', dass der sonst immer so 
vorsichtig langsam zu handeln und vor allem stets die grösste 



254 132. Römische topographie. Nr. 5. 

rücksiebt auf religiöse dinge zu nehmen gewohnte kaiser etc.", 
von einem so namhaften deutschen litteraten nicht erwartet, 
und wir bedauern es schliesslich sagen zu müssen , dass diese 
neue aufläge gerade in den hauptpunkten nicht als zuverlässi- 
ger führer für die regierung Tibers wird dienen können, und 
dass sie die Tiberiusfrage kaum weiter gefördert hat. Es wird 
aber überhaupt ein ganz anderes verfahren eingeschlagen wer- 
den müssen, um dieser frage einmal auf den grund zu kom- 
men; vor allem möchte eine mikroskopisch genaue Untersuchung 
der verschiedenen partien des Tacitus in bezug auf ihre quel- 
len nöthig sein. J. J. M. 

132. Codex urbis Romae topographicus. Ed. C. L. Ur- 
lichs. Wirceb. 1871. 8. 256 s. 

Um dieselbe zeit mit dem zweiten, vor dem ersten erschie- 
nenen bände von Jordan's topographie der stadt Rom (angez. im 
Phil. Anz. 1871, 539 ff.) erschien der cod. topographicus von Ur- 
lichs, offenbar eine concurrenzschrift. Urlichs, der bereits an 
den von Platner-Bunsen begonnenen, von Becker, Preller u. a. 
fortgesetzten neueren Studien über Stadt- römische topographie 
einen durch zahlreiche aufsätze bethätigten antheil genommen 
hat, fühlte sich, wie es scheint, durch die drohende herausgäbe 
des Jordan'schen buches veranlasst, ein seit langen jähren ge- 
sammeltes material dem grösseren publicum vorzulegen. Und 
sicher war es bei dem erhöhten interesse , welches augenblick- 
lich die topographisch - antiquarische erforschung der Weltstadt 
gewonnen hat, durchaus zeitgemäss einmal alles zusammen zu 
stellen, was das sinkende Römerreich wie das mittelalter an 
einschlägigen schritten und notizen uns hinterlassen haben. 
War auch fast alles bereits gedruckt, zum guten theil mehrfach 
aufgelegt, so fand es sich doch bisher weit zerstreut und zwar 
in sehr entlegenen winkeln der litteratur (einzelnes in syrischen 
und hebräischen werken) und nicht alles urkundlich gesichert. 
Sowohl die arbeit des sammelns, wie die des sichteus konnte 
nur durch jahrelange Verfolgung des angesetzten zieles erreicht 
werden. Und doch scheint mir die endliche herausgäbe dieses 
materials ein wenig überstürzt zu sein , so dass sich in mehr- 
fachen beziehungen mängel bemerklich machen. 

Den stoff hat Urlichs in zwölf hauptabtheilungen geordnet, 



Nr. 5. 132. Eömische topographie. 255 

von denen die meisten wieder aus einzelnen stücken bestehen, 
die im ganzen dem inhalt nach chronologisch zusammengestellt 
sind. Was mir davon am unrechten platze zu stehen scheint, 
werde ich an seinem orte bezeichnen. Bisher unedirt sind nur 
die nr. III, 8 und 9, jenes eine kurze Notitia loeorum urbis Ro- 
mae ohne besonderen werth (sie stammt , wie n. 7 aus dem 
Curiosum oder der Notitia), dieses eine compilation meistens 
aus dem Paulus, also auch unerheblich. Auffallender weise giebt 
Urlichs nicht einmal das alter der handschriften an, aus denen 
sie entnommen sind. Hinzuzufügen wären noch die bereits im 
Phil. Anz. 1871 , 545 ff. bezeichneten stücke und etwa eine 
dritte version zu den beiden von Urlichs p. 125 gegebenen 
der Salvatio civium. Sie findet sich in einem codex der bischöf- 
lichen bibliothek zu Ivrea n. LIII membr. forma masc. saec. 
XI, der ausser Isidor's Etymologien und stücken des Martial 
(INCIPIVT XENIA MARTIALIS POETAE COCIQ. Nevea 
cordilis et penula desit olivis etc.) auf einem hinzugefügten qua- 
ternio folgendes enthält: 

DE SEPTEM MAIOEIBVS MIRACULIS MVNDI. 
Prirnum miraculum fuit Capitolium romae salvatio civium maior 
quam civitas ibique olim fuerunt omnium gentium a romanis capta- 
rum statuae vel deorum imagines et in pectoribus eorum nomina gen- 
tium scribebantur a quibus captae fuerant et tintinabula in collis 
appendebantur. Sacerdotibus autem noctibus per vices \pervigiles] 
et diebus omnibus ad harum custodiam curam habentibus intende- 
bant quaelibet earum moveretur. sonum mox faciente tintinabulo ut 
scirent que gens romanis longe vel prope militibus debellaret etc. 

Die erste abtheilung bei Urlichs enthält das Curiosum urbis 
und die schrift de regionibus oder die Notitia regionum, beide 
texte auf gegenüber stehenden seiten neben einander gedruckt. 
Die bereits von Preller und Jordan benutzten besten handschrif- 
ten sind natürlich auch hier zu gründe gelegt , indess auch ei- 
nige schlechtere, deren Varianten , so weit ich sehe, indess nur 
die noten vermehren ohne gutes hinzuzufügen. Ein mangel 
ist es, dass Urlichs so wenig hier, wie bei den anderen stücken, 
eine auseinandersetzung über das verhältniss der Codices zu 
einander und ihren relativen werth, ja nicht einmal eine genaue 
beschreibung derselben vorausschickt, die nicht unwesentlich 
ist, da die meisten miscellancodices sind und schon aus ihrer 



256 133. Komische topographie. Nr. 5. 

Zusammensetzung Schlüsse über ihren Ursprung möglich sind. 
In dieser beziehung ist Jordans ausgäbe nutzbarer. Dass Ur- 
lichs im einzelnen den text gebessert, habe ich nicht bemerkt; 
die wenigen, meist auf die Orthographie bezüglichen anmerkun- 
gen sind unerheblich, ein rückschritt ist ohne zweifei die ein- 
schiebung der aqua Setina auf p. 25. 

Nr. II giebt den unter dem namen des P. Victor gehen- 
den, im fünfzehnten Jahrhundert interpolirten text der regionen- 
beschreibung. Urlichs bringt dazu einige neue notizen zur 
aufklärung über den Ursprung dieses textes bei; zu letzteren 
selbst werden die schriftstellen angegeben, aus denen die inter- 
polationen entnommen sind, eine mühsame arbeit, deren resul- 
tat darauf hinausläuft, dass diese schrift eigentlich aus der 
reihe der Originalurkunden hätte gestrichen werden können. 

Von den unter n. III zusammengestellten Varia de regioni- 
bus entbehrt das stück aus Plin. NH. 3, 66 der Variantenan- 
gaben, die doch von bedeutung sind. Für den sehr entstellten 
abschnitt aus der syrischen kirchengeschichte des Zacharias hat 
Urlichs zwar keine neue hülfsmittel (wie Jordan p. 575 aus 
einer londoner handschrift) beibringen können, indess in den 
noten einige vortreffliche conjecturen gegeben. 

Unter n. IV, den Itineraria urbis , wird zunächst das von 
Einsiedeln vollständig abgedruckt, sowohl die inschriftensamm- 
lung, als auch das stadtitinerar, letzteres genau, wie es in der 
handschrift steht, während Jordan p. 646 ff. den versuch macht, 
dasselbe in seiner ursprünglichen fassung wieder herzustellen. 
Es folgen bruchstücke aus dem Ordo romanus des Benedictus, 
unter ihnen fehlt aber die, doch nicht bedeutungslose n. 6 der 
von Jordan p. 666 mitgetheilten. Die beiden nächsten stücke 
geben itinerarien zu den gräbern der heiligen in den kata- 
komben. 

Nr. V enthält die Sammlung der Mirabilienschriften , von 
denen sechs redactionen nach einander , zum theil vollständig, 
zum theil nur in den Varianten mitgetheilt werden, welche die 
stufenweise Umbildung der ursprünglichen (?) fassung bis ins 
fünfzehnte Jahrhundert darstellen. Dieser abschnitt ist auch 
nach Jordans arbeit dankenswerth. Zunächst ist der älteste 
text besser hergestellt als bei letzterem (vgl. Phil. Anz. 1871, 
544), auch ist die legende von Abdon und Sennen, die doch in 



Nr. 5. 133. Römische topographie. 257 

diese redaction hineingehört, mit aufgenommen. Es folgt die 
Graphia aureae urhis Romae und andere Überarbeitungen bis zum 
Anonymus Magliabecehianus, die bei Jordan nur in den anmerkun- 
gen berücksichtigt sind. Angehängt ist ein topographisch ge- 
ordnetes kirchenverzeichniss aus dem vierzehnten Jahrhundert, 
in dem die vielfach von antiken localitäten entnommenen bei- 
namen der kirchen von besonderer Wichtigkeit sind. 

Nr. VI giebt Varia de mirabilibus et itinerariis, notizen aus 
chroniken, historikern, abendländischen wie byzantinischen, und 
andre Schriftstücke bis zu den briefen des Petrarca hinab. An 
sie schliessen sich unter n. VII auszüge aus den auf der grenze 
der alten und mittleren zeit stehenden römischen chroniken. 

An dieser stelle vermisse ich eine reihe von quellen, die, 
wie mir scheint, eine besondere beachtung verdienen und bis- 
her, ausser in ungenügender und unkritischer weise bei Marti- 
nelli, Roma ex ethnica sacra, Romae 1653, eine solche nicht ge- 
funden haben, die ältesten martyrologien ; denn aus ihnen hat 
unzweifelhaft der Verfasser der Mirabilia ganz besonders ge- 
schöpft, z. b. den ganzen abschnitt nr. 9 über die loca guae 
inveniuntur in passionibus Sanctorum. Nur p. 186 ist von Ur- 
lichs ein kurzes hieher gehöriges stück aufgenommen; ähnliche 
müssen sich ohne zweifei bei Beda u. a. in grösserer zahl fin- 
den und sie werden vermuthlich manche stelle der Mirabilia 
besser erklären, vielleicht auch über die ganze composition der- 
selben und ihre zeit mehr licht verbreiten. 

Immer weiter ins mittelalter hinein führen die unter nr. 
VIII mitgetheilten pabsturkunden, zu denen auch p. 186 nr. 
23 zu stellen wäre. Jene sind alle aus Marini, papiri diploma- 
tiei entnommen. Hinzuzufügen wären andere aus Orescimbeni, 
Vistoria della chiesa di S. Giovanni avanti porta Latina. Roma 4. 
1716, p. 202 ff. 243. 248. 251. 

Nr. IX giebt excerpte aus dem Athanasius bibliothecarius, 
nr. X fundnotizen über wichtige stadtrömische inschriften, end- 
lich nr. XI und XII Stadtbeschreibungen aus dem vierzehnten 
und dem beginne des fünfzehnten Jahrhunderts. Hieher hätten 
eigentlich auch die unter nr. VI, 20 mitgetheilten stellen aus 
Petrarca's briefen gehört. 

Urlichs nennt am schluss des index sein buch selbst in- 
choatus potius quam perfectus und spricht die hofftmng aus nach 
Philol. Anz. VI. 17 



258 134. Archaeologie. Nr. 5. 

Vollendung einer Romreise dasselbe baldigst vervollständigen- 
zu können, er bezeichnet auch p. 146 f. noch besondere Ur- 
kunden , die er einzusehen und mitzutheilen gedenke. Möge 
diese ausbeute, die meines wissens bis jetzt noch nicht dem 
publicum mitgetheilt ist, reichlich geworden sein und möglichst 
bald herausgegeben werden, damit ein für die weitere topogra- 
phische erforschung der stadt Rom so nützliches Sammelwerk 
dadurch einen wünschenswerthen abschluss erhalte. 

D. Detlefsen. 

134. Das altrömische theatergebäude. Eine studio von 
Dr Bernhard Arnold. Programm der kgl. Studienanstalt 
zu Würzburg. 1873. 24 s. 1 tafel. 4. 

Während die eigenthümlichkeiten des römischen theater- 
gebäudes meistens in den arbeiten über die griechische bühne 
gelegentlich behandelt werden, stellt sich die vorliegende ab- 
handlung die aufgäbe, jenes abgesondert darzustellen. Demgc- 
mäss hat sie mehreres zu behandeln , was in den erwähnten 
arbeiten fehlt, wie die nachrichten über die alten hölzernen 
und die erbauung der steinernen theater Roms (p. 5 und 6), 
in den meisten punkten ist sie aber, der Sachlage entsprechend, 
genöthigt dasjenige zu reproducieren , was bereits mehrfach in 
den abhandlungen über das griechische theater gesagt ist. Der 
gedrängte text lässt öfters tieferes eingehen wünschen, sehr 
brauchbar sind aber die zahlreichen anmerkungen, welche die 
belegstellen enthalten. Somit eignet sich die sorgfältige ar- 
beit sehr gut zur orientirung auf diesem gebiete. Im einzel- 
nen haben wir jedoch folgendes zu bemerken. 

Auf dem beigegebenen grundrisse eines römischen theaters 
nach Vitruv finden sich zwei schräge linien , welche von den 
punkten, in denen die cornua der untersten Sitzreihe die Vor- 
derseite der bühne berühren, unter einem spitzen winkel in 
convergierender richtung, jedoch ohne sich zu schneiden , nach 
der scaenae from zu laufen. Der dadurch abgegränzte räum, 
über welchen sich der verf. indess nicht weiter ausspricht, soll 
wohl die eigentliche bühne andeuten. Eine solche beschrän- 
kung derselben ist aber weder aus Schriftstellern , noch aus 
denkmälern nachzuweisen : hingegen soll bei einem regelrechten 
römischen theater die länge der bühne vier radien des grund- 



Nr. 5. 134. Archäologie. 259 

kreises betragen , wovon allerdings einiges für aus holz zu er- 
bauende parascenien abzusetzen, wie denn auch das bestreben 
der römischen architecten bemerkt worden ist, die länge der 
bühne zu verringern und die tiefe derselben zu vergrössern 
(vgl. Philol. XXIII, p. 290 und 309). 

Pag. 14 werden die worte des Vitruv V, 5, 7 : cum au- 
tem ex solidis rebus theatra constituantur , id est ex structura cae- 
mentorum, lapide, marmore, quae sonore non possunt , tum echeis 
hac ratione sunt explicanda, auf bühnen mit steinernem unterbau 
und steinernem pulpitum bezogen, im gegensatz zu dem übli- 
chen hölzernen pulpitum; jedoch lehrt eine genaue betrachtung 
des ganzen Zusammenhangs der stelle, dass die kurz vorher 
erwähnten temporären hölzernen theater den gegensatz bilden, 
daher hier an steinerne substructionen mit hölzernem pulpitum 
zu denken ist. 

Pag. 16 (anm. 2) wird vermuthet, bei Vitr. V, 6, 8 comi- 
cae (scaenae) .... aedificiorum privatorum et maenianorum habent 
speciem prospectus que fenestris dispo sitos imitatione com- 
munium aedificiorum rationibus, deuteten die hervorgehobenen 
worte auf wirklich brauchbare fensteröffnungen. Dass solche 
vorgekommen sind ist gewiss nicht zu leugnen (vgl. Wieseler 
Denkm. d. B. taf. IX, 11. 12), nur ist das nicht mit nothwen- 
digkeit aus diesen worten zu entnehmen ; die ausdrücke speciem 
und imitatione lassen eher auf das gegentheil schliessen. Ebds. 
heisst es : „ in der nähe der coulissen lagen — vermuthlich 
gegen die rampe der bühne hin — die oben erwähnten Seiten- 
eingänge zur bühne''. Wie es schon an sich wahrscheinlicher 
ist, dass dieselben zwischen den coulissen und der scaenae 
frons lagen, wo sie den äugen des Zuschauers verborgen wa- 
ren , so durfte sich der Verfasser nicht auf Vitruv V, 6, 
8 berufen, wo über die läge der thüren in den parasceniums- 
wänden durchaus nichts gesagt ist. Das doppelte „secundum" 
(secundum autem [seil, hospitalia] spatia ad ornatus comparata etc. 
und secundum ea loca versurae sunt procurrentes) bezieht sich nur 
auf punkte, welche in der front der hinterwand, an beiden Sei- 
ten weiter ab von der mittelthür, liegen. Vgl. Philol. a. o. 
p. 303. 

Pag. 17 irrt der vf. hinsichtlich der auf der bühne be- 
findlichen altäre. Es siud liier zwei stellen des Donat von be- 

17* 



260 133. Archaeologie. Nr. 5. 

deutung , die eine de com. et trag, in Gronov. Thes. VIII, p. 
1689: m scaena duae arae poni solebant, dextra Liberi, sinistra 
eins dei, cui ludi fiebant ; die andere zu Terent. Andr. IV, 3, 
11-,: ex ara, seil. Apollinis } quem Ai^iov Menander vocat, aut quod 
Apollini comoedia dicata est: in cuius honorem aram constituebant 
comoediam eelebrantes. Apollini ergo comoedia, Libero patri tra- 
goedia. Hieraus musste, wie schon Scaliger zu Plaut. Mosteil. 
V, 1, 45 gethan hat, geschlossen werden, dass rechts in der 
tragödie der altar des Bacchus, in der komödie der des Apollo 
stand ; links" aber der des gottes, dem zu ehren das spiel statt- 
fand (oder bei leichenspielen die statue des geehrten menschen, 
vgl. Wiesel. Denkm. p. 99). Der Verfasser schliesst aber irr- 
thümlich, dass links entweder der altar des gefeierten gottes, 
„z. b. des Apollo" , bei leichenspielen die statue des geehrten 
menschen, rechts aber stets ein altar mit der statue des Bac- 
chus angebracht war. Ebds. anm. 5 sucht der vf. ; unseres er- 
achtens ohne erfolg, bei gelegenheit des ßootTsiov eine schlechte 
lesart bei Festus p. 57, 10 m. (ut ludis post scaenam collectus 
lapidum ita fieret etc.) aus Pollux IV, 130 zu erklären. Liest 
man coniectus oder coiectus, wie schon Müller zu Festus ver- 
muthete, so ist die Schwierigkeit gehoben. 

In einem excurs endlich sucht der vf. die läge der bei 
Suet. Nero 11 (hos ludos speetavit e proscaeni fastigio) und 
26 (interdiu quoque clam gestatoria sella delatus in theatrum sedi- 
tionibus pantomimorum (cfr. cp. 16) e parte proscaeni supe- 
riore signifer simul ac speetator aderat; et cum ad manus ventum 
esset lapidibusque et subselliorum fragminibüs decerneretur, multa et 
ipse iecit in populum atque etiam praetoris caput consauciavit) er- 
wähnten kaiserlichen löge zu bestimmen. Lohde hat solche 
logen auf beide Seiten des prosceniums verlegt (vgl. Piniol, a. o. 
p. 317), Wieseler dagegen (Denkm. p. 25) sucht sie iu der mitte 
der scenenwand über der mittelthür, wo sich in Orange, Bostra 
und Otricoli nischenförmige logen finden. Der vf. schliesst 
sich der erstem ansieht an, folgert aber schwerlich richtig dar- 
aus, dass Nero einen — natürlich auf einem tribunal sitzenden 
— prätor verwundet hat, dass der kaiser nur auf der rechten 
oder linken seite des prosceniums gesessen haben könne. Neh- 
men wir ein theater von den dimensionen desjenigen zu Aspen- 
dos (bühnentiefe = 5,98 m., abstand der cornua der Sitzreihen 



Nr. 5. 135. Mittelalter. 261 

= 39 m., länge der bühne= 50,42 m. (Schönb. p.87 bzw. 84), so 
würde, das Vorhandensein einer solchen löge wie zu Orange voraus- 
gesetzt, die wurfdistanz etwas über 24 m. betragen, eine nicht 
zu grosse entfernung. Sodann vermochte der kaiser aus einer 
prosceniumsloge, wie der vf. sie will, schwerlich den Zuschauer- 
raum so zu beherrschen , dass er signifer der factiones pantomi- 
morum hätte sein können. Wenn ferner der ausdruck e fasti- 
gio für die bestimmung der form der löge benutzt, und aus 
Wieseler 1. 1. XIII, 1, wo allerdings eine derartige löge mit 
giebeldach, in der einige personen sitzen, dargestellt zu sein 
scheint, mit Sicherheit auf eine kaiserliche prosceniumsloge an- 
gegebener läge geschlossen wird , so dürfte das zu weit gehen, 
zumal die fragliche darstellung noch nicht sicher genug erklärt 
ist. Bis auf weiteres können wir uns daher dieser vermuthung 
nicht anschliessen. 

135. /Iitjyqaig aoaiGTCtT?] rov &av(iaarov avdoog rov Xsyo- 
uivov Beliauotov. Nach der wiener handschrift zum ersten 
male herausgegeben von Wilhelm Wagner. Programm der 
gelehrtenschule in Hamburg 1873. 35 ss. 4. 

Wilhelm Wagner hat in seinen in London 1870 erschiene- 
nen Medieval greek texts being a collection of the earliest composi- 
tions in vulgär greek, prior to the year 1500, pari I (der der 
einzige geblieben ist) p. 116 — 140 aus einer pariser handschrift 
eine hrooixtj l^rjyrjaiq nsn) BeXiaaolov herausgegeben, die er 
dem Emanuel Georgillas zuschreibt. Von dieser fabelhaften 
geschichte Belisars enthält der cod. theol. Vindob. 244 eine 
ältere version, die nach Wagner dem Georgillas bei abfassung 
seines gedicbtes vorgelegen hat und die er nur rhetorisch er- 
weiterte und hin und wieder im ausdruck modernisierte. 
Sie wird in kritisch verbesserter gestalt in dem vorliegen- 
den programm mitgetheilt , und ist Vorläufer einer grösse- 
ren ausgäbe von gedichten aus dieser wiener handschrift , t die 
Wagner im verlage von Teubner nächstens erscheinen lassen 
wird. Die publication von literaturproducten des vulgärgrie- 
chischen des mittelalters und der sich zunächst daran schlie- 
ssenden Jahrhunderte nimmt in sehr anerkennenswerther und 
erfreulicher weise zu, nachdem die ,,Analekten der mittel- und 
neugriechischen literatur " von Ellissen . 4 bde. Lpz. 1855 — 



262 135. Mittelalter. Nr. 5. 

60 dazu den anstoss gegeben. Eine sehr werthvolle Sammlung 
hat Legrand in Paris herausgegeben: Collection de monuments 
pour servir a l'etude de la langue nio-helUnique, wovon, so viel 
mir bekannt, bis jetzt neunzehn bände erschienen sind; zu 
gleicher zeit veröffentlichte Konstantinos S a t h a s eine Meoauo- 
vixfj ßtßlto&^Kt] Paris und Venedig. 1872/73. 3 bde. Erst, 
wenn solche publicationen in grösserem umfange vorliegen, kann 
man an eine wissenschaftliche behandlung der spräche dieser 
zeit gehen, ein gegenständ, der ja für die geschichte der sprach- 
entwickelung im allgemeinen sehr interessant und mit bezug 
auf das altgriechische und die romanischen sprachen von hoher 
Wichtigkeit ist. Die grammatik von Mallach ist für wissen- 
schaftliche zwecke unbrauchbar (vgl. die anzeige von G. Cur- 
tius K. Z. VI, 230 — 238) und bietet auch in bezug auf die 
materialsammlung grosse lücken. Auch unsere lexikalischen 
hülfsmittel sind unzureichend; das Glossary von Sophocles ist 
trotz seines pomphaften titeis höchst mangelhaft , und man 
kann sicher sein von zehn Wörtern mindestens neun nicht 
darin zu finden; so ist man im wesentlichen noch immer auf 
Du Cange und den vortrefflichen Tesoro della lingua greca - vul- 
gare ed italiana von Alessio da S omaver a (Paris 1 709) angewiesen. 
Die vorliegende ausgäbe des Belisariosgedichtes ist auch 
mit kurzen sprachlichen bemerkungen begleitet, für die wir dem 
Verfasser dank wissen und für die wir unser interesse am be- 
sten zu documentieren glauben , indem wir einige kleinigkeiten 
beifügen. Zu u. 4 kann den beispielen vom gebrauch der no- 
minativform statt des accusativ beigefügt werden dvögsg ts xal 
yvvcttxeg Flor. u. Platziaflora 55. &vydrtjQ Kovyx. 1149. 1207 
ttjv &vydrt]Q Kovyx. 1233, während nariiQ Flor. 222 für den 
dativ steht. Dass luvm (v. 46) verliere für ia6vco steht, ist mir 
nicht glaublich, trotzdem dass Mazaris (Ellissen Anal. 4, 218) 
dies dafür zu brauchen scheint , vielleicht in gelehrter sprach- 
macherei; in der von Wagner aus den Apophth. Patr. ange- 
führten stelle heisst i^aw&tjaav ad chaos et nihüum redacti mnt y 
kommt also von einem von #<io£ abgeleiteten %a6voa = %aom ; 
ich halte xdvw für eine directe bildung vom stamme %a- (wo- 
von lä-ann» y^ä-vtw d. i. ^aivco). Wie in icpQtTzei v. 48 und 
den daselbst von Wagner angeführten beispielen findet sich ein 
prosthetisches 6 auch v. 183 in lyv/jaiog , in irovrog , «tot« 



Nr. 5. 135. Mittelalter. 263 

Kovyx. 170. 1266, syrägiGe vernimm (imper. aor.) Kovyx. 466, Flor. 
347, iyrwnifiia bekanntschaft Kovyx. 794, iyvcoglam (conj. aor.)Syn- 
tip. 71, 21 (Eberb.), iyta>Qiaca Syntip. 113, 7, Eygoixäzs ibr 
sebet ein Kovyx. 1365 neben ygvxcö Somav. Den beispielen 
von avp mit dem genetiv (zu v. 70) füge ich bei avv Trjg Act- 
xi8atfxov[ug Kovyx. 634 ; dpa ist so construiert Syntip. 68, 2 
(xftcc 70v tijlqaai. Für dgfAatu (v. 82) waffen bieten die hand- 
scbriften meist ägfiura, vgl. Kovyx. 139. Syntip. 47, 18, viel- 
leicht mit volkstümlicher aulehnung an das gleichlautende grie- 
chische wort, vnäv (v. 85) für vnayovai findet sich öfter, z. b. 
Kovyx. 358. 363. Die form ist wohl zunächst aus vndyovv 
entstanden, indem das y 3 das als palatales j 2 (Rumpelt natürli- 
ches System der sprachlaute §. 17) gesprochen ward, sich ver- 
flüchtigte und dann contraction eintrat. Ebenso ist entstanden 
vnäi.i Kovyx. 568 und nä = vndyij Kovyx. 39. Flor. 1203. 
vnä Apollon. 235. Die gewöhnliche neugriechische form des 
verbums ist nuyafvco oder nriyuUco aus vitayivw. — Evrv^og 
und arv^og (v. 115) zeigen einen geläufigen Übergang in die 
o - declination, wie er z. b. auch in uxoißog für dxgißrjg [ri%ov 
dxgcßcv Kovyx. 1135), svysvog für svyevrjg (vijg aavsvysvijg 
Flor. 213. 77]v narEvyevov Flor. 258), 8vaiv%og Apoll. 58 
vyetog für vytrjg Kovyx. 203 vorliegt. Die form tjraoiv für r\iuv 
(sie waren) v. 154 gehört zu den 3. personen plural des aorists 
und imperfects auf -aaiv statt auf -«*, z. b. ixdfiaaiv Kovyx. 2. 
sxaai K. 30. inr ä gaaiv K. 38. IjXdaai K. 61. dneamaaai K. 125 
ccvo/xd^aaiv K. 136. InvoaGiv K. 149. dylvaatv K. 150. dg- 
Zt'jGuatv K. 400. txeoöiaaai K. 407. D.cdr^aaiv K. 436. idto- 
xülgi K. 458. sxQa^aaiv K. 479. rjcps'gaGiv K. 507. ixgd^aai 
K. 1120. ihßrjxctat K. 1152. exgarovaaoi K. 1341. — fiag- 
yago - £dq>vgov perlen und sapphir v. 230 ist eine der im 
vulgärgriecbischen nicht seltenen dvandva- oder copulativen Zu- 
sammensetzungen , wie sie im sanskrit und zend in grösserem 
umfange vorkommen und in einzelnen beispielen für das altsla- 
vische und angelsächsische nachweisbar sind. Vgl. d£tv- ogvyia 
yvvaixö - naida 8upaay.rii-ani8r:-p?j)ia prfl.o • xvScovia no8o -xecpala 
vnoxafiiao-ßgnxia avxo-xdgvSa yiSo-Tigoßata [Kt^aigo-nigova dfi- 
nsXo-xojnarpa diSnö-yvinr und Kuhns Zeitschrift XXDI, 14. Auf 
einer derartigen Zusammensetzung beruht auch das adjectivum 
[iagyago-li&agdzat mit gold und edelsteinen besetzt Belis. 479- 



264 139 — 147. Neue auflagen u. Schulbücher. Nr. 5. 

— Wie 290 die infinitive azfjaqirjp, löslv temporal gebraucht sind 
statt eines particips oder nebensatzes, so steht mit dem artikel 
io löeiv als sie sahen Kovyx. 371 ; vgl. ib anovasi als er ge- 
hört hatte Kovyx. 926. 954. 982. z6 s^rjfisgmaei zb ngcai h' 
sXa^xpsv ?] tjfxsga Kovyx. 992. uvai absolut Kovyx. 671. — Ue- 
bergang der verba auf sco in die flexion derer auf «w (v. 343) 
ist häufig: ine&vfia Kovyx. 241. 807. 1292. iftUQZhQ« 557. 
iaxöaa 1208. ncoXäviai Synt. 102, 16. ant]Xoyärat antwortet 
Flor. 174. 264. &Qnvazai Flor. 975. va nQoaxwaaai Flor. 1093 
u. a. — Das augment v hat q/sgco (v. 412) ganz besonders 
häufig, vgl. Kovyx. 507. 581. 729. 914. Flor. 118. 374. 

Gustav Meyer. 

Neue auflagen. 

139. Ausgewählte werke des Isokrates, Panegyricus und Areopa- 
giticus, erklärt von Dr. R. Rauchenstein. 4. aufl. 8. Berlin. Weid- 
mann: hat zusätze erhalten namentlich durch E. Sandys arbeiten, 
Cambridge 1868. — 140. 141. Freund, präparation zu Livius. 7. heft. 
2. aufl. 16. Leipzig. Violet; 5 gr. ; zu Demosthenes philippischen 
reden. 1. heft. 2. aufl. 16. 

Neue Schulbücher. 

143. C. F. Nägelshach , Übungen des lateinischen styls. 3. heft. 
5. aufl. 8. Leipzig. Brandstätter ; 12 gr. — 144. J. Ellendt, latei- 
nische grammatik. Bearbeitet von M. Seyffert. 14. aufl. 8. Ber- 
lin. Weidmann ; 2 mrk. — 145. L. Stacke , erzählungen aus der al- 
ten geschichte. 1. thl. 11. aufl. Griechische geschichten. 8. Ol- 
denburg. Stalling; 1 mk. 5 pf. — 146. G. Stier , demente lateini- 
scher prosodik nebst abriss der declination. 8. Zerbst. Luppe ; 5 gr. 

— 147. W. Gaupp und C. Holzer materialien zur einübung der 
griechischen grammatik. 4. aufl. 8. Stuttgart. Metzler; 1 thlr. 5ngr. 

Bibliographie. 

Der plan einer deutschen Revue (s. ob. nr. 4, p. 218) soll nach 
Börsenbl. nr. 97 seiner Verwirklichung und ausführung immer nä- 
her kommen und die gebrüder Paetel in Berlin den verlag über- 
nommen haben. 

Breslau. Der unterzeichnete bestellte im verflossenen jähre bei der 
handlung von M. Mälzer in Breslau eine abhandlung von prof. Dr 
Oswald Heer, »über den flachs und die flachscultur im alterthum«, 
neujahrsblatt der naturforschenden gesellschaft in Zürich auf das jähr 
1872, druck von Zürcher und Furrer. Als preis der broschüre war 
in Müldener's Bibliotheca philologica, durch die ich darauf aufmerk- 
sam geworden war, 2 frs. angegeben. Als ich im december v. j. das 
heft erhielt, berechnete die Schu/thess'sche buchhandlung in Zürich 
für dasselbe 1 thlr. 10 sgr. Es sind 26 s. quart und eine tafel mit 
einigen pflanzenabbildungen. Da herr prof. Heer, dem ich von die- 
ser beispiellosen forderung kenntniss gab, mir keine antwort ertheilt, 



Nr. 5. Kleine philologische zeitung. 265 

so wähle ich diesen weg, um andere, die etwa dieselbe oder andere 
publicationen der naturforschenden gesellschaft auf buchhändleriscbem 
wege beziehen wollten, davor zu warnen. 

Dr. Hugo Blümner. 

Cataloge von antiuuaren: antiquarisches bücherlager nr. 38 von 
Max Brissei in München (classische philologie. Altertumswissen- 
schaft); Richter und Harrassoicitz, antiquariats- und verlags-handlung 
in Leipzig , antiquarischer catalog 13 classische philologie und alter- 
thumskunde. 

Anzeige im preise herabgesetzter bucher bei Carl Helf, buch- 
händler und antiquar in Wien (beachtenswerth für philologen). 



Kleine philologische zeitung. 

Dr Prutz aus Berlin und prof. Sepp aus München gehen im auf- 
trage der reichsregierung nach Tyrus, um ausgrabungen zu leiten. 

Berichtigung. In den bericht über die feier der eröffnung 
des neuen gymnasialgebäudes in Chemnitz, Phil. Anz. 1872, nr. 12, 
p. 602 — 605 hat sich ein aus falscher deutung der anfangsbuchsta- 
ben A. G. D. leicht erklärlicher irrthum eingeschlichen. Der Ver- 
fasser der p. 603 g. e. zuerst erwähnten lateinischen elegie ist nicht 
prof. G. B. Dinier in Grimma, sondern herr advocat A. G. Dörstling 
in Chemnitz. Die deputation der fürstenschule Grimma, zu der der 
erstgenannte gehörte, hat eine lateinische votivtafel in rahmen über- 
reicht, welche seitdem im lehrerzimmer des gymnasiums aufgehängt ist. 

Augsburg, 25. februar. In einem aufsatz über Palmyra — s. unt. 
p. 271. — äussert Mordtmann , dass der Orient zur entstehung der 
Teil- sage beigetragen habe. Nun bemerkt Willi. Bacher in nr. 58 
der Augsb. Allg. Zeitung , dass er im magazin für literatur des aus- 
ländes 1871, p. 230 in dem aufsatz: »der apfelschuss bei einem per- 
sischen dichter:« (der dichter ist Fevid - eddin Affär) dies schon 
gethan: was denn Dr H. Pfannenschmidt in derselben Augsb. Allg. 
Ztg. beil. zu nr. 64 zu dem nachweise veranlasst, dass diese orienta- 
lische notiz lange vor Bacher schon erkannt war. 

Kairo, februar. Es ist daselbst eine bibliothek im Unterrichts- 
ministerium gegründet, welche neuere werke über Aegypten enthal- 
ten soll: man hat ihr aber auch alle altern arabischen handschriften 
einverleibt, deren man habhaft werden konnte ; die älteste stammt 
aus dem j. 720 n. Chr. Vgl. Augsb. Allg. Ztg. nr. 71. 

Konstantinopel, 1. märz. Es ist ein marmorblock gefunden , der 
durch seine figuren sich ausweist als ein fragment der Arcadiussäule, 
welche die thaten Theodosius des Grossen darstellte. Vgl. Deutsch. 
Reichsanz. nr. 64. 

Berlin, 15. märz. Dr Hirschfeld tritt im auftrag der preussi- 
schen regierung eine reise in das innere von Klein-Asien an, um in- 
schriften zu durchforschen. — Professor E. Curtius ist eine Subven- 
tion von 600 thlr. zur herstellung eines topographischen atlasses 
über Athen und Attika bewilligt. 

Ein neuer tempel in Selinunt. Einem der »Allg. Ztg.« übersandten zei- 
tungsblatt der in Trapani erscheinenden »Falce« vom 15. märz 1874 zu- 
folge ist der palermitaner architekt Dr Saverio Cavallari auch in diesem 
jähr mit erfolgreichen ausgrabungen auf dem trümmerfelde der altgrie- 
chischen stadt Selinunt, auf der südküste von Sicilien , beschäftigt. 
Wie viel noch von Untersuchungen auf diesem verlassenen stück klas- 
sischen bodens zu erwarten ist, hat das kürzlich erschienene werk 



266 Kleine philologische zeitung. Nr. 5. 

Benndorfs (die Metopen von Selinunt etc., s. ob. nr. 1, p. 50) gezeigt, in 
welchem alles bisher gewonnene zusaniniengefasst ist. Cavallari hat 
jetzt westlich von der sogenannten akropolis , auf einem grundstück 
der Signori Antonino und Pietro Messana, in einer grossen sanddüne, 
vier meter unter dem gegenwärtigen boden , die Ostfront eines tem- 
plum in antis aufgedeckt, das den abschluss eines kleinen von stufen 
umgebenen vorhofes gebildet zu haben scheint. Dabei sind eine 
menge terracottenfiguren , grösstentheils götterbilder, zum Vorschein 
gekommen, in welchen er Apollon , Hera und Demeter erkennen will. 

London, 18. märz. An der Südseite des grossen tempels von Abu- 
Simbel hat man den eingang zu einer in den felsen gehauenen ge- 
malten kaminer gefunden, daran maiereien aus der letzten periode 
der ägyptischen kunst stammen; namentlich ist schön erhalten ein 
Portrait von Ramses dem grossen. Näheres giebt die Times vom 16. 
februar und Deutsch. Reichs-Anz. nr. 68. 

Einen kurzen überblick über die in diesem jähre bis jetzt so reich- 
lich ausgefallenen ausgrabungen antiker kunstgegenstände in Rom giebt 
Deutscher Reichs-Anz. nr. 68. 

Berlin, 18. märz. Ueber Schliemann's atlas — s. ob. nr.3, p. 160 
— referirte im wissenschaftlichen kunstverein genau Fend- 
ler, über dessen referat sich im Deutsch. Reichs-Anz. nr. 77 folgen- 
des findet: Schliemann lebt bekanntlich der Überzeugung, in der von 
ihm aufgegrabenen niederlassung des berges Hissarlik an der stelle, 
wo in historischen zeiten Novum Ilium stand, das homerische 
Troja entdeckt zu haben, und steht damit im gegensatz zu der 
überwiegend angenommenen, auf Strabo's angaben gestützten an- 
• sieht der archäologischen Wissenschaft, die vielmehr in den südlicher 
und vom strande entfernter gelegenen höhen von Bunarbaschi die 
stelle des alten Troja sucht. Den von Schliemann angegebenen grün- 
den könne, wie der referent ausführte, eine überzeugende beweiskraft 
nicht zugestanden werden, und auch durch den kunsthistorischen 
Charakter und durch die erklärung der von ihm aufgefundenen zahl- 
reichen gegenstände bemühe er sich vergeblich, für seine hypothese 
eine festere stütze zu gewinnen. Eine ins einzelne gehende entschei- 
dung über die funde an sich sei um so schwieriger, als die publika- 
tion in überwiegender mehrzahl nur photographieen nach schwerlich 
zuverlässigen Zeichnungen bringe, und die in originalaufnahmen ge- 
botenen abbildungen von höchst dürftiger qualität seien. Das sei be- 
sonders misslich für die von Schliemann ihrer gestalt nach als »Vul- 
kane« und »caroussels« bezeichneten, in grosser menge gefundenen, 
mit eingeritzten Ornamenten bedeckten terracotten , deren viele in 
ihrer ornamentirung ein hohes alter zu bekunden scheinen , während 
andere offenbar bedeutend jüugeren Ursprungs seien. Die angäbe der 
tiefen, in denen sie gefunden , biete für eine historische anordnung 
derselben keinen anhält, da sich primitive und entwickelte Ornamente 
in bunter mischung in den tiefsten wie in den obersten schichten 
fänden, wodurch Schliemanns chronologische daten überhaupt bedenk- 
lich würden. Was die erklärung betreffe, so erschienen in den mei- 
sten fällen die geometrischen und vegetabilischen formen, die im we- 
sentlichen ja aller Ornamentbildung zu gründe liegen, auch schriftzei- 
chen und anfange von thierdarstellungen, während Schliemann geneigt 
sei die vielfältigsten symbolischen darstellungen zu sehen, unter andern 
in den oft vorkommenden äugen, wie sie auf allen würfeln sich finden, 
Symbole der sonne erblicke und dadurch zu einem dilettantischen 
versuche verleitet werde, die namen "Ikvog und "Hkiog etymologisch in 
Verbindung zu bringen und den namen "Ilwg als »sonnenburg« zu er- 
klären Gleich frei schalte seine phantasie in der entdeckung der 



Nr. 5. Kleine philologische zeitung. 267 

»eulenköpfigen ilischen Minerva, « die einer jeden begrün- 
dung entbehre und den grössten mangel unbefangener anschauung 
verrathe. Kein einziges stück der gesammten publikation vermöge 
diese theorie auch nur annähernd wahrscheinlich zu machen ; dage- 
gen seien die belege dafür äusserst zahlreich, dass Schliemann in sei- 
ner vorgefassten meinung das wirkliche wesen der gegenstände in oft 
unglaublicher weise verkenne , um nur wieder ein neues bild oder 
idol der »eulenköpfigen göttin« zu gewinnen. Wo er u. a. an den 
Stirnbändern des sogenannten » Schatzes des Priamos« deren idol zu 
sehen meine , sei nichts als eine aus der technik des nietens stam- 
mende ornamentirung wahrzunehmen, während andere »idole« über- 
haupt nur in mangelhafter Zeichnung vorlägen und kaum einen schluss 
gestatteten. Die deutung der zahlreich gefundenen »gesichtsvasen« 
endlich auf eine eulenköpfige Minerva sei ebenso willkürlich; sie 
zeigten nur eine auch sonst schon aus dem alterthnme , z. b. durch 
eine reihe in Chiusi gefundener gefässe, bekannte form von Produk- 
ten alter töpferkunst, und man werde in ihnen nichts anderes sehen 
dürfen , als eben den einfach , vielfach noch sehr missrathenen ver- 
such einer Verwendung des menschlichen kopfes als ein der organi- 
schen weit entlehntes motiv für ein konstruktives glied des gefässes, 
so dass eine sachliche erklärung dabei auszuschliessen sei. Seltsam 
erscheine die neigung, in dem mittleren dreier buckel am körper des 
gefässes einen weiblichen schamtheil und nicht vielmehr einen nabel 
zu sehen. Noch sei zu bemerken, dass Schliemann's erklärungen übri- 
gens hin - und herschwankten, so dass er einmal in den henkeln der 
gefässe die arme der dargestellten göttin sehe und daraus sogar 
rückschlüsse auf die form ihrer tempelbilder mache , dann aber wie- 
der diese henkel für andeutungen der eulenflügel nehme. — Was 
die blossen formen der gefässe betreffe , so deuteten sie keineswegs 
auf das hohe ihnen von Sohliemann beigemessene alter; ihre mehr- 
zahl lasse sich in dieser hinsieht willig in die aus den bemalten va- 
sen bis ins 7. Jahrhundert v. Chr. zurückdatirbare formenreihe einfü- 
gen. Nachdem referent zuletzt die abbildungen des sogenannten 
Priamosschatzes vorgelegt und auch in ihrer erklärung bei dem von 
Schliemann als das homerische denas c<{j.rfixvntXXov bezeichneten gol- 
denen gefäss auf die inconsequenz in dem gebrauche dieser bezeich- 
nung aufmerksam gemacht hatte, fasste er seine ausführungen dahin 
zusammen, dass die vorliegende publikation nach jeder seite hin un- 
wissenschaftlich und ungenügend sei, und erst durch eine neue Sich- 
tung und publikation das material für weitere forschung fruchtbar 
werden könne. Der idealen bestrebung Schliemann's sei alle aner- 
kennung zu zollen, um so mehr aber auch die Unzulänglichkeit seiner 
kräfte und der mangel wissenschaftlicher methode zu bedauern. 

Stuttgart, 20. märz. Vor einigen wochen wurde in Canstatt bei 
der ausgrabung des kellers für einen neubau in der verlängerten Hall- 
strasse ein 3' hoher und 1 '/^'breiter vierseitiger altar aus grobkörni- 
gem sandstein von unzweifelhaft römischem Ursprung gefunden. 
Er lag umgestürzt einige fuss unter der Oberfläche des verschiedene 
aufführungen verrathenden bodens , um ihn herum stierknochen und 
scherben von gefässen, unter anderem von einer grossen amphora. 
Die vier selten des altares zeigen in viereckigen nischen aufrecht ste- 
hende göttergestalten: eine Juno, welche in der rechten eine opfer- 
schale über die flamme eines altares hält, auf der linken ein soge- 
nanntes turibulum (gefäss für räucherwerk) trägt; einen Merkur mit 
dem caduceus (schlangenstab) in der rechten, zu seinen füssen ein 
thier (böckchen?); einen mit der rechten auf die keule gestützten 
Herkules, dessen linker arm wie der gleiche des Merkur verstümmelt 



268 Kleine philologische zeitung. Nr. 5. 

ist; und eine weitere weibliche figur, welche trotz starker beschädi- 
gung noch mit ziemlicher Sicherheit als Minerva gedeutet werden 
darf. Die Juno genannte figur, welche sich auf anderen altären des 
k. lapidariums und sonst in süddeutschen Sammlungen ganz ähnlich 
findet, ist durch einen über ihre rechte schulter vorblickenden pfau 
deutlich als diese göttin bezeichnet. Eine andere erklärung sieht darin 
eine Vesta. Der für die vergleichung mit ähnlichen in Württemberg 
gefundenen altären höchst interessante stein ist dem k. lapidarium 
(im parterre des museums der bildenden künste) zum geschenk ge- 
macht worden. Deutsch. Reichsanz. 71. Augsb. Allg. Ztg. nr. 78. 

Chemnitz , 28. märz. Heute starb plötzlich in folge eines herz- 
schlages professor Dr H. Frohberger , conrector des gymnasium. [So 
habe ich wieder einen wahrhaftigen und treuen mitarbeiter an 
dieser Zeitschrift verloren! — JE. v. Z.]. 

Rom , 28. märz. Bei den ausgrabungen auf dem Esqaüin sind 
zwei werthvolle monumente gefunden, welche sich auf die geheini- 
nisse des Mithrasdienstes beziehen sollen. Einiges darüber giebt 
Deutsch. Reichs-Anz. nr. 79. 

Freiburg, im Br. 30. märz. Professor Ecker hat bei Radolfzell 
pfahlbauten entdeckt. Einige notizen s. Deutsch. Reichs-Anz. nr. 81. 

Kiel, 31. märz. Gegen Schliemann tritt jetzt auch Forchhammer 
auf in der Augsb. Allg. Ztg. beil. zu nr. 93 : »das homerische Troja« : 
er behauptet, dass Schliemann in der stelle, an der er Troja gelegen 
glaube, irre, dass vielmehr die quellen des Skamander nur die bei 
Bunarbaschi sein könnten. 

Braunschweig, 2. april. Es ist das sg. Maniuanisclxe gefäss heute 
aus der erbschaftsmasse des verstorbenen herzogs Karl durch den di- 
rector des herzoglichen museum Dr Riegel wieder zu uns zurückge- 
kehrt. S. Deutsch. Reichs - Anz. nr. 82. Vrgl. ob. nr. 1, p. 63. 

Augsburg, 7. april. Nach einer depescheZittels's ist die caravane 
G. Rohlfs am 20 febr. glücklich nach Überwindung unsäglicher Schwie- 
rigkeiten in Sinah, der oase des Jupiter Amnion, angekommen. Augsb. 
Allg. Ztg. beil. zu nr. 98. 

Zeulenrocle. Einen beitrag zu der enträthselung der trojanischen 
inschriften giebt A. Resch in Augsb. Allg. Ztg. beil. 200, der sigo 
festhaltend den Dagon auch erkennt, Dagon d. i. fischgott der troja- 
nischen hafenstadt »Sign« und meint, man habe Troja mit seiner ha- 
fenstadt Sign als phönikische andsiedlung anzusehen. — S. unt. p. 271. 

Paris. Ueber die Venus von Milo ist ob.nr. 2, p. 111 neueres mitge- 
theilt: dies wird jetzt durch J. Aicard im Temps ergänzt, wovon wir 
nach der Augsb. Allg. Ztg. aussei-ord. beil. zu nr. 108 hier folgendes 
hervorheben: gegenüber der bekannten legende über die auffindung 
der Venusstatue, nach welcher ein griechischer bauer Yorgos dieselbe 
in einem unterirdischen gang entdeckt, der französische viceconsul Brest 
hrnDumont d'Urville (damals lieutenant) auf dem schiff »Chevrette,« das 
eben in Milo landete, davon gesprochen, letzterer seiner gesandtschaft 
in Konstantinopel davon berichtet, gesandt schaftsecretär v. Marcellus 
die statue gekauft, und als bereits ein griechischer mönch, Oikono- 
mos, sie jenem inzwischen ungeduldig gewordenen bauer abgekauft 
und auf ein griechisches schiff gebracht, durch seine beredsamkeit 
und durch aufzählung einer bedeutenderen summe erworben habe — 
gegenüber dieser legende stellt zunächst ein von dem früheren fran- 
zösischen generalconsul in Smyrna, P. David, hinterlassener bericht 
den thatbestand folgendermassen fest: P. David hatte Brest in Milo 
gebeten für ihn die alterthümer zu erwerben, die sich auf der insel 
fänden; dieser theilte ihm eines tages mit: ein bauer habe eine sta- 



Nr. 5. Kleine philologische zeitung. 269 

tue entdeckt, und er habe bei den behörden durchgesetzt man werde 
über dieselbe vor der antwort seines consuls nicht verfügen. Diese 
antwort lautete: er solle kaufen. Im augenblick der auffindung war 
die » Chevrette « in Milo angelangt ; die schiffsofficiere Matterer und 
Dumont d'Urville sahen die statue, und letzterer übergab in Konstan- 
tinopel eine beschreibung derselben dem französischen gesandten, 
und v. Marcellus wurde beauftragt die statue zu holen. Es hatte 
übrigens schon P. David, der dieselbe dem könig zum geschenk ma- 
chen wollte, an die gesandtschaft geschrieben. Inzwischen hatte sich 
der mönch Oikonomos der statue bemächtigt, ungeachtet der abma- 
chungen zwischen dem bauer und Brest, und Hess sie von den höhen 
von Kastro nach dem meere schaffen, wo sie ein türkisches schiff er- 
wartete. In diesem augenblick kam das schiff mit v. Marcellus an, 
der sah wie die statue von den leuten des Oikonomos geschleppt wurde. 
Man zauderte nicht; eine abtheilung matrosen fiel über die räuber 
mit säbeln und prügeln her, überwand sie und entführte die 
statue in dem augenblick, da die barbaren, in ihrer eile sich mit 
ihrer beute davon zu machen , sie mit stricken gebunden über die 
felsen der küste hinschleppten. Hier hat sie, allem anschein nach, 
den linken arm verloren. Die unvollständigen bruchstücke davon 
wurden in eile zusammengerafft und mit der Venus von Milo nach 
Frankreich gebracht. Von diesem kämpf um die Venus von Milo 
ist allerdings in dem berichte des v. Marcellus selbst und in den 
ersten aufzeichnungen der schiffsofficiere Dumont d'Urville und Mat- 
terer nicht die rede. Aber, um diess zu erklären, genügt es wohl 
daraufhinzuweisen, dass jener diplomat alle Ursache hatte einen bru- 
talen Vorgang nicht zu erwähnen, bei dem ohne zweifei jenes kunst- 
werk seine schweren beschädigungen erlitt, und dass jene officiere 
durch die gleiche rücksicht gebunden waren. Die angäbe des v. Mar- 
cellus, der sich in seiner darstellung das schliessliche verdienst der 
»eroberung« der Venus von Milo zuschrieb, die er Venus Anadyo- 
mene nannte, »weil ich sie gewissermassen dem meer entrissen hatte,« 
und die angaben des Dumont d'Urville, der von »verschiedenen hin- 
dernissen« der erwerbung spricht, sind indess nunmehr von Matterer 
in der wünschenswerthesten und in einer mit den angaben des P. Da- 
vid völlig übereinstimmenden weise ergänzt worden. Matterer selbst 
sagt: wenn er früher in seiner 1842 erschienenen lebensbeschreibung 
d'Urville's erzählt hätte was alles für die erwerbung der statue ge- 
sagt und gethan worden , so hätte er sich der ungnade des marine- 
ministers ausgesetzt. Nach dem tode d'Urville's aber äusserte er sich 
zunächst mündlich in geheimnissvoller weise: »die ganze Wahrheit 
über die Venus von Milo ist noch nicht gesagt worden , aber ich 
kenne sie. Dumont d'Urville und ich, wir haben 1820 auf Milo die 
statue gesehen, den linken arm in der höhe und einen apfel haltend«. 
Dann schrieb er nieder, wie er sich erinnerte die statue gesehen zu 
haben, und wie es bei deren einschiffung zugegangen war. Seine 
beschreibung widerspricht dem bericht, den d'Urville 1821 verfasste 
nur in einem punkte. Letzterer hatte geschrieben: »die statue de- 
ren zwei theile ich abgetrennt gemessen, hatte ungefähr sechs fuss 
höhe; sie stellte ein nacktes weib dar, deren linke erhobene hand 
einen apfel hielt, während die rechte ein geschickt drapirtes und 
nachlässig von den hüften zu den füssen niederfallendes gewand hielt ; 
übrigens sind beide verstümmelt und gegenwärtig vom körper ge- 
trennt. . . .« Matterer meint: d'Urville habe sich ein wenig getäuscht, 
indem er sagte : die statue habe ihre beiden arme. Aber J. Aicard 
dürfte wohl recht haben wenn er meint: die beiden Zeugnisse könn- 
ten in betreff des linken arms leicht übereinstimmen, weil derselbe 



270 Kleine philologische zeitung. Nr. 5. 

durch seine haltung in die äugen fiel und nicht vergessen werden 
konnte, während der rechte, an den körper angeschlossen sich mit 
den linien des ganzen verschmilzt. Man begreift leicht dass d'Ur- 
ville, wie wenn er denselben an die statue angeschlossen gesehen, 
den rechten, doch gebrochenen arm beschrieben hat, da ja die bewe- 
gung und haltung desselben, für jemanden der den linken arm ge- 
sehen hatte, allzu leicht zu errathen waren. So unmöglich es er- 
scheint dass Dumont d'TJrville, der statue zwei bei ihr mit andern 
bruchstücken gefundene arme beilegend, dieselbe beschrieben hätte 
wie wenn er sie unversehrt gesehen, so natürlich wird es erscheinen 
dass er den rechten arm , auch ohne sich dessen bewusst zu sein, 
wiederherstellt, wenn man bedenkt dass er den arm mit dem apfel 
an seiner stelle gesehen hat. In der that, man stelle sich die Venus 
von Milo, den linken arm in der höhe und mit einem apfel vor, 
lasse ihr den rechten arm, gebrochen wie er ist, und niemand wird 
dann dem fehlenden rechten Vorderarm eine andere bewegung zu- 
schreiben können als diejenige das gewand zu halten; die um den 
gürtel gerollten hüllen gleiten, nur aufgehalten von dem vorgerück- 
ten knie, und verlangen eine hand die sie am herabfallen hindere. 
Dumont d'TJrville, der gebärde der fehlenden hand sicher, hat ent- 
weder nicht einmal daran gedacht das fehlen dieser hand zu erwäh- 
nen, oder vielmehr, er hat, durch sein gedächtniss getäuscht, sich 
eingebildet sie gesehen zu haben. Dass Matterer sich geirrt habe, ist 
nicht wahrscheinlich, da er nicht so leichthin seinem von ihm hoch- 
verehrten admiral v. Urville widerspricht. »Wenn der letztere«, 
sagt er, »den nainen der Venus Victrix dieser antiken statue geben 
zu müssen glaubt, so geschah dies weil sie den apfel in ihrer hand 
hielt. . . « Der linke arm ist abgeschlagen worden, und ich behaupte 
diess hier, weil ich den linken arm, die hand und den apfel gesehen 
habe«. 

Ueber die österreichische archäologische expedition nach Samo- 
thrake giebt nach der Oesterr. Corr. der deutsche Reichsanz. nr. 62 
einige mittheilungen : man hat darnach reste von ein paar tempeln 
gefunden , in deren einem man den eigentlichen haupttempel ver- 
muthet. 

Aus der Pfalz, 7. april. Man hat in der sg. Heidenmauer aus- 
grabungen angefangen: näheres giebt Reichsanz. nr. 86: mit den Rö- 
mern hat sie nichts zu thun. 

Athen, 10. april. JE. Curtius hatte am 5. audienz beim könig, 
um die gemeinschaftlichen ansgrabungen in Olympia einzuleiten : s. ob. 
n. 4, p. 221. Auch DvDethier , der director des archäologischen mu- 
seums zu Konstantinopel, weilt hier, um mit Dr Schliemann — s. ob. 
p. 64. — wegen der ausgrabungen in Troja zu verhandeln. Augsb. 
Allg. Ztg. Beil. zu nr. 113. Deutsch. Reichs-Anz. 97. 

Berlin, 14. april. In der sitzung der archäologischen gesellschaft 
besprach nach einigen mehr geschäftlichen mittheilungen Huebner 
die für geschichte der lateinischen Stenographie wichtige publica- 
tion der notae Berncuses , welche dem direktor W. Schmitz in Cöln 
verdankt wird (in der Zeitschrift Panstenographie), ferner Henzens zu- 
sammenfassendes werk über die akten der römischen arvalbrüderschaft 
(Berlin 1874), endlich Ferdinand Kellert archäologische karte der 
Ostschweiz (2. aufl., Zürich 1874). Derselbe legte ferner vor das als 
geschenk für die gesellschaft eingelaufene werk Berlangas über das 
neue spanische stadtrecht (Malaga 1873), sowie die beiden ersten 
hefte Ephemeris epigraphica, in deren zweitem jenes stadtrecht durch 
Mommsen und den vortragenden in Deutschland zuerst herausge- 



Nr. 5. Auszüge aus Zeitschriften. 27t 

geben worden ist. Zum schluss theilte er eine briefliche notiz 
des hrn Newton vom britischen museuni mit, nach welcher die 
ausgrabung des Artemisions von Ephesos als beendigt anzusehen ist. 
Die zuletzt erreichten resultate werden als höchst bedeutend bezeich- 
net. So stellt sich u. a. heraus , dass die säulen des tempels nicht 
blos an ihren basen, sondern auch an ihren oberen enden mit reliefs 
geschmückt gewesen sind. — Trendelenburg gab eine reconstruktion 
des Hyakinthos-altars zu Amyklä nach der beschreibung bei Pausa- 
nias III. 19, 3, von welcher er nachwies, dass sie durch den viermal 
wiederkehrenden gebrauch desselben formelhaften ausdrucks deutlich 
die vier kompositionen unterscheiden lasse, die den altar schmück- 
ten: a. die einführung des Dionysos und seiner mutter in den olymp, 
b. die apotheose des Hyakinthos, c. die des Herakles, d. den musen- 
chor und die Thestiaden , welche der künstler vermuthlich klagend 
über den tod des Hyakinthos dargestellt hatte. Zur erläuterung der 
dritten komposition besprach der vortragende die korinthische und 
kapitolinische brunnenmündung, deren darstellungen, wenn auch ver- 
kürzt und im einzelnen verändert, doch deutlich auf ein original mit 
der apotheose des Herakles zurückgehen. Deutsch. Reichsanz. nr. 95. 

Das Börsenblatt nr. 80 (vom 20. april) bespricht die unter re- 
daction von A. Klette wieder ins leben getretene Jenaer literatur- 
zeitung. Es ist allerdings der beachtung werth, dass in beginn die- 
ses jahrs verhältnissmässig viele neue Zeitschriften , namentlich auch 
solche, die die ganze literatur umfassen wollen, ins leben getreten oder 
angekündigt sind. 

In der Wiener Abendpost beil. zu nr. 103 vom 6. mai hat prof. 
Th. Gomperz sich über die entzifferung der Schliemann'schen inschrif- 
ten ausgesprochen : er schliesst sich an Haug (s. ob. n. 4, p. 224) an, 
der hier cyprische vor - phönizische schrift erkannt zu haben glaubt 
und deutet von genauen Zeichnungen — die in Schliemann's atlas 
sind nicht zuverlässig; s. ob. p. 266 — nr. 555 auf taf 19 Hat, d. h. 
sei gnädig, sei froh; ferner nr. 3474 auf taf. 190: iyw ränaTÖgco^) d. 
h. ich die göttin Apaturos, endlich nr. 432, taf. 13 nach linksläufiger 
lesung Tayüidia) d. h. dem göttlichen heerführer oder fürsten. Darnach, 
sagt Gomperz, hat das einst auf Hissarlik sesshafte volk griechisch 
gesprochen und geschrieben und zwar in einer zeit, in der Phönizier 
und Hellenen noch nicht in innige culturbeziehungen getreten wa- 
ren, d. h. vor der zeit der homerischen gedichte. Also Homer hat 
die schreibekunst kennen müssen. 



Auszuge aus Zeitschriften. 

Augsburger allgemeine zeitung : beil. zu nr. 39. nr. 40. 72: 100. 
Briefe aus der libyschen wüste, von Dr H. Zittel. III. IV. V. VI. — 
nr. V bespricht auch oasen : ebenso nr. VI. — Beil. zu nr. 42 : 
die griechischen grabreliefs , bericht von Lübke über das unterneh- 
men der wiener academie der Wissenschaften , sämmtliche grabre- 
liefs, soweit dieselben erreichbar, würdig zu veröffentlichen. — • 
Beil. zu nr. 43: das gymnasiastenblatt Walhalla: eine Zeitschrift von 
Schülern geschrieben, ward in der sitzung des abgeordnetenhauses 
vom 30. januar in Berlin gegenständ einer heitern erörterung. Es 
hat aber die sache auch eine sehr ernste seite. — Kurze anzeige 
der schrift von Markos Henieri, einem Griechen, über Blossius und 
Diophanes. — Beil. zu nr. 44: Livingstone's expedition. — Beil. zu 
nr. 49: errichtung eines archäologischen museums zu Smyrna. — Beil. 
zu nr. 50. 52. 53. nr. 54. beil. zu nr. 55: A. D. Mordtmann, eine 



272 Auszüge aus Zeitschriften. Nr. 5. 

republik des orientalischen alterthums, I. II. III. IV: giebt beitrage 
zum Ursprung Palmyra's in I zur bevölkerung, in nr. II, III zur re- 
ligion der Palmyrener, in IV über die bürgerlichen und politischen 
Verhältnisse, in V vermischtes. — Beil. zu nr. 53. 60. 62. 65. 67. 
70. 73. 74. 76. nr. 82. beil. zu nr. 84. zu nr. 88. nr. 96. beil. zu 
nr. 102: griechische küstenfahrten von Fr. v. Löher. I. II. III. 
IV. V. VI. VII. VIII. IX. X. XI. XII. XIII. XIV : I. An der thrakischen 
küste : in nr. II Schilderung des gymnasiuni türkischer art in Cavalla ; 
in III. IV. V Schilderung von der insel TJmsos, in VI Kinira , VII 
innere zustände der insel ; VIII ist überschrieben : nach Samothrake, 
das geschildert wird in IX. X. XI; nach den bädern von Samothrake 
XII; vom letzten macedonier-könig, XIII: nach Imbros XIV. — 
Nr. 57: zur leichenverbrennung: es ist dies ein thema, über 
das jetzt in allen zeitungen viel gehandelt wird, auch mehrfach 
schon in dieser allgemeinen zeitung. — Beil. zu nr. 58: zur litera- 
tur Palästinas. — Beil. zu nr. 59 : über kunst und Wissenschaft auf 
deutschen Universitäten : anzeige einer rede von K. B. Stark. — Nr. 
60 enthält angaben über den bestand der strassburger bibliothek. — 
Beil. zu nr. 64: über das studium der kunstwissenschaft an den 
deutschen hoch schulen : im anschluss an eine von T. F. Krauss un- 
ter diesem titel veröffentlichte schrift. — Beil. zu nr. 65: leichen- 
verbrennung. — Nr. 69: leichenverbrennung. — Beil. zu nr. 69: 
römische ausgrabungen i. j. 1873: sehr zu beachten. — Nr. 71: aus- 
grabungen in Salzburg. — Beil. zu nr. 7 1 : falsche antiken : bezieht 
sich auf den Orient. — Beil. zu nr. 73 : anzeige von L. Beinisch, 
der einheitliche Ursprung der sprachen der alten weit, nachgewiesen 
durch vergleichung der afrikanischen, erythräischen und indogerma- 
nischen sprachen mit zugruudlegung des teda. — H. Düntzer , die 
homerischen fragen : kurze anzeige. (Wir werden das buch in einem 
der nächsten hefte besprechen). — Nr. 81: zur leichenverbrennung. 

— Ausserord. beil. zu nr. 84: verbotene ausfuhr römischer antiquitä- 
ten. — Beil. zu nr. 87 : zur- reform des höhern Unterrichts : schliesst 
an die schrift von Lothar Meyer: die Zukunft der deutschen hoch- 
schulen. — Beil. zu nr. 92: Forchhammer, das homerische Troja. — 
Beil. zu nr. 101: George Grote: im anschluss an die Übersetzung Se- 
ligmanns von Harrtet Grote's biographie. — Nr. 103: Ernest Beule': 
eine notiz über dessen die akropolis Athens betreffendes werk. — 
Beil. zu nr. 104, anzeige von Adalbert Horawitz buch über Beatus 
Rhenanus. — Beil. zu nr. 106: zur archäologischen literatur: an- 
zeige von bd. 21 der Verhandlungen des historischen Vereins für 
Oberpfalz und Regensburg: es wird von den alterthümern bei Re- 
gensburg gehandelt , vom wesen des sprüchworts u. a. — Nr. 107 : 
Wilhelm Wackernagel als gelehrter und dichter. — Ausserord. beil. 
zu nr. 108: die Venus von Milo: s. ob. p. 268. — Beil. zu nr. 111. 
118: Fr. von Löher, griechische küstenfahrteu. XV: bespricht Imbros; 
XVI, Lemnos und Tenedos: s. oben. — Nr. 114: schulrath Dr 
Mezger zu Augsburg f: bei seinem grossartigen leichenbegängniss 
zeigte sich, was der verstorbene der stadt, der schule, der Wissen- 
schaft gewesen. — 'Auss. beil. zu nr. 116: erste ausgäbe von Theo- 
philus schedula diversarnm artium durch Dr Ilg in Wien. — Nr. 
118 : neuer schulplan in Bayern: vrgl. auss. beil. zu nr. 134. — Beil. 
zu nr. 118. 119: Strodtmaxn , Bürgers Homerübersetzung in iamben: 
giebt viele notizen über Bürger und seine freunde. — Nr. 120: 
Verhandlungen in Athen über Schliemann's funde — s. ob. p. 270. 

— scheinen erfolglos. 



Nr. 6. Juni 1874. 

Philologischer Anzeiger. 

Herausgegeben als ergänzung des Philologus 



Ernst von Leutscli. 






148. Schulgrammatik und Sprachwissenschaft. Studien über 
die neugestaltung des grammatischen Unterrichts nach den er- 
gebnissen und der methode der vergleichenden Sprachwissen- 
schaft, von Dr. Julius Jolly, docenten an der Universität zu 
Würzburg. München, Th. Ackermann. 1874. VIII, 92. — 15 ngr. 
Der Verfasser, bekannt durch einige tüchtige arbeiten in 
dem gebiete der vergleichenden syntax und neuerdings durch 
eine deutsche bearbeitung von Whitney's Language and the study 
of language, giebt in der vorliegenden schrift, die hervorgegan- 
gen ist aus einer anzahl von aufsätzen in der bayerischen gym- 
nasialzeitschrift, die eingehende besprechung einer für die pra- 
xis des gymnasialunterrichtes sehr wichtigen frage. Man kann 
jetzt, wo die hauptresultate der vergleichenden Sprachwissen- 
schaft gemeingut aller gebildeten geworden sind und wo bereits 
ein grosser theil der jüngeren philologen seine grammatische 
bildung in dieser richtung erhält, der frage nach der berechti- 
gung und dem masse von einführung sprachwissenschaftlicher 
ergebnisse in den grammatischen Unterricht auf gymnasien 
nicht mehr aus dem wege gehen, und mögen sich auch jetzt 
noch viele indifferent dagegen verhalten, über kurz oder lang 
wird jeder genötbigt sein eine bestimmte Stellung zu der Sache 
einzunehmen. Allen denen, die sich über die historische ent- 
wickelung dieser frage orientiren wollen, ist die obige schrift 
warm zu empfehlen. Sie giebt zunächst einen überblick über 
die geschichte des deutsch -grammatikalischen Unterrichts. In 
die formenlehre der deutschen Schulgrammatiken hatte man 
schon früh die hauptresultate von J. Grimms forschungen aufge- 
Philol. Anz. VI. 18 



274 148. Grammatik. Nr. 6. 

nommen , und mancher junge lehrer quält nun sich und seine 
kleinen sextaner und quintaner rechtschaffen mit umlaut, ab- 
laut und brechung ab. Jolly kommt zu dem ergebniss, in dem 
er einen hervorragenden deutschlehrer , Laas, auf seiner seite 
hat, dass für die unteren und mittleren classen aller gramma- 
tische Unterricht im deutschen vom übel sei , abgerechnet Un- 
terweisung in Orthographie und interpunction, dass dagegen de- 
clinations- und conjugationsübungen und dergleichen besonders 
zur bekämpfung von Provinzialismen nothwendige dinge pas- 
send mit dem grammatischen Unterricht im lateinischen bzw. 
griechischen verbunden werden, während eine historische kennt- 
niss des deutschen formenbaues mit der lecture mittelhochdeutscher 
Schriftwerke in den oberen classen zu verbinden ist. Ich stimme 
diesen ansichten aus voller Überzeugung bei. Der verf. geht 
sodann zur griechischen grammatik über. Für diese war es Gr. 
Curtius, selbst einer der bedeutendsten wissenschaftlichen Vertre- 
ter der sprachvergleichenden richtung, der in seiner schulgramma- 
tik zuerst ihren resultaten auch in die schule eingang verschaffte. 
Jolly legt den plan dieser grammatik ausführlich dar, hebt 
besonders das behutsame und gegenüber den traditionen der al- 
ten grammatik, wo sie einen praktischen vorzug vor der neuen 
lehre haben, häufig conservative wesen von Curtius methode 
mit gebührender anerkennung hervor, und giebt eine darstel- 
lung der erfolge dieses Schulbuchs, der wir die interessante no- 
tiz entnehmen, dass das buch bereits in 139 Städten eingeführt 
ist und die vorletzte deutsche ausgäbe (die neunte) in einer 
aufläge von 15000 exemplaren versandt wurde. Gern hätten 
wir an dieser stelle eine wenn auch nur kurze besprechung 
der sich in ähnlichem sinne an die Curtius'sche grammatik an- 
schliessenden bearbeitungen der griechischen grammatik, z. b. 
von Lattmann oder des auch viel verbreiteten buches von Koch 
gesehen , die entweder conservativer sind als Curtius oder das 
von ihm für nothwendig gehaltene mass überschreiten ; es ist 
das gewiss keine überflüssige arbeit , denn grade durch eine 
vergleichung mit diesen nachahmuugen tritt der hohe werth von 
Curtius' grammatik ins rechte licht , und ich gedenke an einem 
andern orte einige dieser erscheinungen, zu deren näherer ein- 
sieht ich grade in letzter zeit veranlassung hatte, eine kurze 
revue passiren zu lassen. Mit ganzer Überzeugung stimme ich den 



Nr. 6. 148. Grammatik. 275 

dann folgenden ausfübrungen Jollys bei, ; dass der lateinische 
elementarunterricbt die neugestaltung nach den principien der 
comparativen methode nicht verträgt; er weist diese Unmög- 
lichkeit sowohl an der eigenart der lateinischen spräche gegen- 
über der griechischen als an dem umstände nach, dass der la- 
teinische Unterricht bei den knaben in einem alter beginnt, wo 
man ihrem denken ungefähr gar nichts, ihrem gedächtnisse um 
so mehr zumuthen darf, und bespricht im einzelnen einige ver- 
fehlte versuche der art, wie den von Vanicek (in der ersten 
aufläge). Zum schluss macht er zwei wesentlich neue vor- 
schlage, die er als nothwendigen fortschritt über Curtius hinaus 
bezeichnet, nämlich erstens die einführung von sprachverglei- 
chenden resultaten in die syntax und zweitens die einrichtung 
eines sprachwissenschaftlichen cursus in den oberen gymnasial- 
classen. Was das erste betrifft, so kann ich dem vf. darin nicht 
unbedingt beistimmen. Die vergleichende syntax ist eine noch 
zu sehr in der entwickelung begriffene Wissenschaft, als dass 
man von ihr aus der syntax der griechischen und lateinischen 
schulgrammatik eine solche fülle fruchtbarer momente zu- 
führen könnte, wie sie Curtius zu geböte standen, als er 
seine grammatik schrieb. Wir haben weder eine vedische 
noch eine wissenschaftliche homerische syntax, die syntax in 
Spiegels zendgrammatik schliesst sich ganz an die alte tra- 
dition an , vom deutschen und slavischen (trotz Miklosich's 
staunenswerther materialfülle) ganz zu schweigen; wir haben 
in einem wichtigen theile der syntax, der casuslehre, noch 
überwiegend mehr dunkel als licht, die fragen über etymologie 
und ursprüngliche bedeutung der partikeln sind ihrem abschluss 
noch lange nicht nahe, und die sicheren ergebnisse beschrän- 
ken sich im wesentlichen auf die moduslehre und das verhält- 
niss von haupt- und nebensätzen. Ich meine nicht, dass es 
möglich sein wird einem tertianer die lateinische moduslehre 
durch anlehnung an die neu gewonnenen anschauungen über 
das ursprüngliche verhältniss von parataxe und hypotaxe leich- 
ter begreiflich zu machen; es wird dabei gegen das in der for- 
menlehre von Jolly selbst betonte princip Verstössen, dem Schü- 
ler nichts zuzuführen, was er nicht aus der betreffenden sprä- 
che selbst heraus, ohne berufung auf sanskrit, zu begreifen ver- 
mag , denn hier wäre ein zurückgehen auf eine vorlateinische 

18* 



276 149. Aeschylos. Nr. 6. 

sprachepoche unerlässlich , und für tertia kann man nicht ein- 
mal gut auf die bei Homer oft noch so deutlich sichtbaren 
spuren des älteren gebrauchs sich berufen, da der schiiler da 
noch zu tief in der formenlehre steckt. Dass man der noch so 
vielfach herrschenden sogenannten logischen begriffsreiterei ent- 
gegen treten muss, das ist allerdings auch meine ansieht, und 
gewiss wird ein mit den einschlägigen Forschungen vertrauter 
lehrer in seeunda bei der Homer -lecture gelegenbeit haben die 
betreffenden fragen zu erörtern ; dass aber alle bis jetzt gewon- 
nenen resultate bereits in die schulsyntax aufnähme finden kön- 
nen, zu dieser ansieht vermag ich mich noch nicht zu beken- 
nen. Um so mehr freue ich mich dem zweiten vorschlage des 
Verfassers beipflichten zu können. Auch meine ansieht ist es, 
dass es die Stellung der Sprachwissenschaft gebietet dem schii- 
ler der obersten classe (auf diese möchte ich den vielleicht auch 
nur einstündigen cursus beschränken) eine einführung darein zu 
geben, die Max Müller und Whitney sogar dem grösseren pu- 
blicum nicht vorenthalten haben •, es wird sich dann alles, was 
bis dahin der Schüler in lateinischer, griechischer und mittelhoch- 
deutscher grammatik gelernt hat, wie in einem brennpunkt con- 
centrieren und ihm eine wissenschaftlich begründete basis ge- 
ben. Ein diesem zwecke dienendes buch ist seitdem auch in 
Deutschland erschienen, nämlich Baur's sprachwissenschaft- 
liche einleitung ins lateinische und griechische. Tübingen 1874. 

Gustav Meyer. 

149. Studien zu Aeschylus. Von N. Wecklein. Berlin, 
W. Weber 1872. X, 176 s. — 4 mark. 

Es ist erfreulich, ein buch wie dies anzuzeigen. Fast jede 
seite zeugt von fleiss, gelehrsamkeit und feinem geschmack, und 
so ist das kleine werk, was man nicht von vielen zur emeu- 
dation und erklärung des Aeschylos geschriebenen heften sagen 
kann, nicht nur anregend, sondern auch ergiebig an sicheren 
resultaten. Besonders wohlthuend aber sticht es gegen manche 
ähnlichen versuche ab durch den bescheidenen und gebildeten 
ton der polemik : man sollte zwar denken , dass bei der resti- 
tution des arg zerrütteten textes eines so tiefsinnigen und 
phantasiereichen dichters wie Aeschylos jeder neuling mehr 
dankbar sein müsste für das viele gute, das bereits geleistet 



Nr. 6. 149. Aeschylos. 277 

ist, als absprechend im hinblick auf die grandiosen irrthümer, 
in die auch die grössten philologen sich verloren haben , aber 
viele junge kritiker glauben vor allem durch anmassenden ton 
gegen ihre Vorgänger die meinung von einer gewissen Überle- 
genheit auf ihrer seite erwecken zu sollen. 

Weckleins buch zerfällt in folgende abschnitte: 1) das 
gleichniss bei Aeschylos ; 2) zum Sprachgebrauch des dichters ; 
3) emendations- und erklärungsversuche zu den einzelnen tra- 
gödien. Während also die beiden ersten abtheilungen aus der 
beobachtung des einzelnen mehr die summe ziehen, verweilt 
die bei weitem umfänglichste dritte wesentlich bei einzelnen 
stellen , aber auch sie bietet hin und wieder die resultate fei- 
ner beobachtungen. 

Ueber den metaphorischen ausdruck und das gleichniss 
bei Aeschylos hat Wecklein im ganzen mit richtiger erkennt- 
niss und nachempfindung der genialen dichterphantasie gespro- 
chen. Im einzelnen aber bietet er natürlich manches, das noch 
bedenken erregt. Ein punkt ist es namentlich, auf den ich 
aufmerksam machen möchte. Sehr richtig sagt der verf. p. 5 : 
„am freiesten schaltet die phantasie des Aeschylos bei der 
Verbindung und vermengung von gleichniss und eigentlichem 
ausdruck, indem entweder der eigentliche ausdruck bestimmun- 
gen aus dem gedachten gleichniss aufnimmt oder das gleichniss 
an die stelle des eigentlichen ausdrucks tritt, aber ergänzungen 
und nähere bestimmungen von dem eigentlichen gedanken er- 
hält". Wenn er darnach aber Kassandra's Weissagung Ag. 
1139 (Herrn.) so constituirt: Xafi7TQog d eoiy.Ei> tjXi'ov nQvg at~ 
7o).ag 1 nvtcov eöffi£f/i', üjGis uvuimg 67/»/»' J xlvZuv nQog av~ 
jag tovös rnjuazog nolv | fj£<£oi>, und dazu folgende Übersetzung 
giebt: ,,wie der wind die wogen nach der richtung treibt, nach 
welcher er weht , so treibt hier der wind der prophezeiung, 
weleber apog aviohlg fjh'ov weht, die wogen des Unglücks 
nQog abyctg, dem tageslichte d. h. der Offenbarung oder erfül- 
lung, was hier gleichbedeutend ist, zu", so lässt er hier nicht 
den bildlichen ausdruck mit dem eigentlichen sich vermischen, 
sondern er lässt den dichter in einem und demselben satze 
aus einem bilde in ein völlig anderes bild überge- 
hen, denn es ist doch nicht möglich qXiov nQog äi>zolug und 
TTQng avyug als nähere bestimmungen, die vom eigentlichen ge- 



278 149. Aeschylos. Nr. 6. 

danken ausgeben, zu fassen. Wecklein bürdet bier also dem 
immer klaren und plastiscben Aeschylos die scblimme incor- 
rectbeit der vermengung zweier verschiedenartiger bilder auf. 
Man vergleiche damit die von mir nacb Ahrens und Karsten 
versuchte restitution: Xapngog ö' eoixev tjXiov ngog dvzoXdg j 
niscov saä^siv, <x>cze xvfiazog t,dXr]v [ xXv^siv ngog dydg, 
zovde atj/AaTog noXvg \ lEifiäv d. h. „hellsausend, fühl' ich, ra- 
set bald in wildem braus | gen Sonnenaufgang, dass der woge 
schäum und gischt | ans ufer brandet, dieses Unheils wüthen- 
der | orkan". 

Der zweite abschnitt enthält sehr gute bemerkungen über 
den Sprachgebrauch des Aeschylos. Zunächst wird constatirt, 
dass in den chorliedern die krasis so gut wie gar nicht vor- 
kommt; dann wird über einzelne dorische verbalformen gehan- 
delt; endlich folgen scharfsinnige Untersuchungen über abso- 
lute participialconstructionen und über den absoluten infinitiv 
zur bezeichnung eines Wunsches, wie über den infinitiv mit zb pr\. 

Sehr umfänglich , aber auch sehr reich an ergebnissen ist 
der dritte abschnitt. Von evidenten textverbesserungen hebe 
ich hervor Ag. 14 cpoßog ydg dvzinvovg nagaazazEt für q>6- 
ßog ydg dv&' vnvov, Sept. 131 xal av AvxeC äva% , Avxsiog 
ysvov azgazco datcp azovtov dvzizag für düzdg. Ag. 214 Xi- 
rdg d tal xXqdovag itazgojovg Trug" ovöev almva nag&e'iEiov e&evzo 
qiXöfiayot ßgaßijg für Xizdg ds aal xzX. Prom. 1014 Sdxvmp ds 
6z6[aiov mg reo&ytjg näXog Xid£si für ßid&i. Sept. 185 zov 
dgfiazöxzvnov o%cav ozoßov für ozoßov ozoßov (bei welcher ge- 
legenheit vortrefflich ausgeführt wird , welche bedingungen bei 
Aeschylos für die Wiederholung eines Wortes nöthig sind). Sept. 
317 xXtj/idzcov zgvysgav dgooov (nach Eustath.) für öoifidzcov 
azvysgdv 686v. Sept. 754 o&vsloi, ^vviazioi für &sol xal |vi- 
iazioi. Ag. 133 dgoaoioiv dXnvoig für dgoootoiv deXnzotg. 
Ag. 572 OfAOig 8' sdvov, xal yvva ije ei o i vofioi für yvvaixEtco 
vofxm. Ag. 652 MeveXecov ydg ovv ngätzöv ze xal fxdXiaza 
ngogdöxa xaftEiv für [ioXsir. Das ist schon ein bedeutendes 
ergebniss. Rechnet man dazu aber die vielen stellen, wo Weck- 
lein zum ersten mal die überlieferte lesart richtig erklärt, und 
die zahlreichen, wenn nicht immer überzeugenden, so doch an- 
regenden bemerkungen über das verhältniss der äschyleischen 
handschriften zu einander, über die bildung des fünften fusses 



Nr. 6. 149. Aeschylos. 279 

im trimeter u. s. w. , so muss man mit dankbarer freude diesen 
wichtigen beitrag zur restitution und zur erklärung des Aeschy- 
los begrüssen. 

Dass man nicht allem, was der verf. vorbringt, zustimmen 
kann, versteht sich auf diesem noch so vielfach dunklen ge- 
biete von selbst. Am wenigsten hat mich seine interpretation 
von Ch. 53 — 57 befriedigt. Er constituirt die stelle nach ver- 
schiedenen conjecturen anderer so : 

Qonrj d' imaxonsT dixag 

za%etu rovg per iv vpdsi, 

z« o"' iv [AezaiXfiiop axözov 

(tatet iQotit,ovtag v."fr\' 

toiig ö° axQttiTog s%st vv£. 
Das soll heissen : „das richteramt der strafenden gerechtigkeit 
erschaut schnell die offenbaren Verbrecher; diejenigen aber, de- 
ren schuld sich noch im zwielicht birgt, erwartet erst mit der 
zeit die strafe ; andere aber deckt nichts zu ende führende (d. 
h. keine bestrafung bewirkende) nacht". 

Diese durchaus nicht der Sachlage entsprechende und höchst 
unklare interpretation überrascht um so mehr, da Heimsoeth 
und ich (Symb. philol. Bonn. p. 209) bereits gezeigt haben, 
dass hier nur von zwei klassen von Verbrechern die rede sein 
kann, den einen, die schnell von Dike ereilt werden (die hier 
nicht weiter in betracht kommen , sondern nur den gegensatz 
vorbereiten), und den anderen, deren strafe noch im dunkel 
der zukunft lauert. Ausserdem habe ich bewiesen , dass die 
landläufige erklärung von iv fisrat^itp oxözov in confiniis tene- 
brarum d. h. inter lucem et tenebras d. h. im zwielicht unmög- 
lich ist. 

Da auch Otto Hense (Kritische Blätter, 1. heft, p. 15 flg.) 
die erklärung der schwierigen stelle in nichts gefördert hat, so 
gebe ich hier, iva sidfj cog aoqiog a>v (xs vov&ezei, meine jetzige 
emendirte restitution , wobei die abweichungen vom Mediceus 
durch den druck hervorgehoben sind: 

Qon a v o"' imaxonsl /dtxa 

7u%eia 7oig (tev iv (päsi, 

ZU Ö' iv (AETaiZfilCp axo z cp 

t i co g o' axQUTog $%st vv£* 



280 150. Aeschylos. Nr. 6. 

d. h. ganz unzweideutig: „Dike giebt acht auf das zünglein 
ihrer wage, den einen schnell in klarem licht (unmittelbar nach 
der that sich nahend); was aber in dem zwischen der that und 
der räche liegenden dunkel harrt , wuchert während der zöge- 
rung um so furchtbarer; inzwischen aber, bis die strafe sich 
verwirklicht, deckt undurchdringliche nacht sie". Es ist klar, 
dass mit dem zweiten theil des satzes hingewiesen wird auf 
die den mördern Agamemnons bevorstehende strafe, von der 
man nicht ahnen könne, wie sie sich gestalte, die aber ohne 
zweifei eine fürchterliche sein werde. 

K. H. Keck. 

150. Aeschylus Prometheus nebst den bruchstücken des 
nPOMHQETZ ATOMEN OZ für den schulgebrauch erklärt von 
N. Wecklein. Leipzig. Teubner. 1872. IV, 148 s. — 18 gr. 

Auch dieses buch verdient eine besondere anerkennung. 
Obgleich zunächst für den schulgebrauch bestimmt, bringt es 
doch so bedeutende wissenschaftliche resnltate, dass es sich 
dem besten, was zum verständniss des Prometheus geleistet ist, 
anreiht. Ueber das ganze wie über das einzelne hat Wecklein, 
nach umsichtiger erwägung aller nicht völlig gehaltlosen erör- 
terungen seiner Vorgänger, bündig und klar sein urtheil aus- 
gesprochen , daneben aber ist er sowohl in der kritik wie na- 
mentlich in der erklärung, tief in die ideen des schaffenden 
dichters eindringend, selbständig über die resultate der bis da- 
hin vorliegenden arbeiten hinausgegangen. Der verf. hat sich 
auch hier als einen der berufenen mitarbeiter an der restitu- 
tion und interpretation des Aeschylos bewährt. 

Die einleitung behandelt auf 23 seiten, also in gedrängter 
kürze, aber mit besonnenheit und umsieht, folgende capitel: 1) 
die Prometheussage vor Aeschylos ; 2) die Prometheussage bei 
Aeschylos; 3) die dramaturgie d. h. der Zusammenhang der 
Prometheustrilogie und die sie durchdringenden ideen ; 4) über 
personen, Schauplatz und scenerie; 5) über die zeit der abfas- 
sung der trilogie; 6) die literatur zum Prometheus. 

Ueber manche in dieser einleitung nur kurz angedeutete 
momente hat vf. in den „Studien zu Aeschylus" ausführlicher 
gehandelt. Wir stimmen ihm in allem wesentlichen freudig bei, 
namentlich auch darin dass er Schömanns grossartige, aber in 



Nr. 6. 150. Aeschylos. 281 

früherer zeit so vielfach ungerecht beurtheilte leistung in ihrer 
ganzen bedeutsamkeit anerkennt. Nur in dem einen punkte, 
dass er mit Schümann eine entwickelung des Zeus im ver- 
laufe der handlung leugnet, vermögen wir ihm nicht recht zu 
geben. Wenn er nämlich p. 15, gegenüber den Untersuchun- 
gen von Caesar, mir und Welcker, bemerkt: „aber die ent- 
wickelung des Zeus ist nur schein; die milderung sei- 
ner herrschaft und seine versöhnlichere Stimmung ist nicht der 
erfolg der dramatischen handlung, sondern liegt ausserhalb des 
dramas " — so lässt er ausser acht , dass in der erhaltenen 
tragödie Zeus , indem er von Prometheus das seine Weltherr- 
schaft bedrohende geheimniss zu erpressen sucht, der allum- 
fassenden Moira offenbar unkundig, also grund- 
verschieden ist von dem Zeus, wie ihn der fromme 
dichter sonst feiert. Denn Wecklein wird doch nicht sich 
zu der verzweifelten ausrede Schömanns bekennen, dass Zeus 
das furchtbare ihn bedrohende geheimniss wohl gekannt und 
nur um Prometheus auf die probe zu stellen Unwissenheit fin- 
girt habe. Ist aber im erhaltenen drama Zeus offenbar der 
Moira unkundig, dagegen im „gelösten Prometheus'' der all- 
weise lenker der weit , als welcher er sonst bei Aeschylus er- 
scheint, so ist der Schlussfolgerung , wie mir scheint, nicht aus- 
zuweichen , dass zwischen beiden stücken irgendwie eine ekii- 
gung des Zeus mit dem ewigen weltgesetz, also eine erhebung 
des von Kratos und Bia bedienten tyrannen zum allweisen 
und allgerechten weltregenten, stattgefunden haben muss. 

Im commentare hat Wecklein ,,eine allseitige erklärung 
des Stückes angestrebt , eine durchgängige grammatische und 
sachliche erläuterung und die erörterung des Zusammenhangs, 
wo es geboten schien". Dies streben ist von einem schönen 
erfolge belohnt. Die anmerkungen sind knapp und prägnant, 
gleichmässig aber sind form und inhalt der dichtung berück- 
sichtigt, keine dunkelheit und Schwierigkeit ist übergangen. Und 
da ausser dem reichen wissen und der Sorgfalt des verf. über- 
all ein feiner geschmack sich kundgiebt, so stehen wir nicht an, 
diese Schulausgabe einer klassischen dichtung als eine der be- 
sten , die es giebt , zu bezeichnen. Hoffentlich wird sie dazu 
beitragen, dass nicht mehr eine in vorurtheilen befangene schul- 
verwaltung den grössten dramatiker des alterthums von der 



282 150. Aeschylos. Nr. 6. 

schullectüre ausschliesst : keine tragödie des Sophokles ist so 
sehr geeignet, reifere schüler zu erfassen und zu fesseln , keine 
hat eine so klare und correcte spräche, keine einen so rein er- 
haltenen text, wie Aeschylos' Prometheus. 

Zum Schlüsse greife ich eine kleine partie des commentars 
heraus , um durch beleuchtung derselben mein urtheil zu be- 
gründen. Ich wähle v. 436 — 471. Bis 442 sind alle bemer- 
kungen angemessen, klar und überzeugend. Aber wenn es 
dann heisst tav ßgozoig de nrjfiara | ay.ovaa&' , dg oqäg vqniovg 
ovtag 70 jzqiv \ 'ivvovg sürjxa xai. cpgsväv intjßokovg, so hätte 
Wecklein sich nicht mit dem scholion zu ni'^iaia (« tljov 
nrjuara nQwrji) begnügen und darnach erklären müssen „zur 
angäbe der Verdienste des Prometheus ist die Schilderung des 
früheren elendes der menschheit nöthig". Der ausdruck nfifxara 
ist nicht haltbar. Denn damit könnten nur einzelne leiden, 
nicht der ganze unselige zustand der wie thiere dahinlebenden 
menschen bezeichnet werden; namentlich aber verlangt die das 
objekt von dnovaare weiter ausführende indirecte frage, dass 
das objekt einen ihr verwandten begriff enthalte. Zum objekt 
TitjfxaTa müsste die indirecte frage etwa lauten : „wie sie gleich 
thieren dahinlebten'". Diejenige aber, welche in klarer spräche 
überliefert ist, fordert als objekt im hauptsatz unbedingt einen 
begriff wie „meine rathschläge, mein tichten und trachten, meine 
grossthaten". Das hat Köchly richtig gefühlt, und auch L. 
Schmidt bemerkt in seiner ausgäbe mit recht : „ni'jfjiatu ist nicht 
ohne anstoss". Wenn aber Köchly svgrj^aia vorschlägt, so ist 
dieser ausdruck viel zu speciell, um das wirken des Prometheus 
zu bezeichnen: er hat mehr gethan, als erfindungen gemacht. 
Vielleicht ist zu lesen 7a»' ßgorolg ö' ijyr/ftara (die in der men- 
schenweit gegebenen rathschläge) oder äg/t/jniiTa (die bestrebun- 
gen) oder ui^f/fiara (die stolzen thaten). Einer evidenten Ver- 
besserung harrt die stelle noch. 

Gut und treffend sind die bemerkungen zu v. 444 — 457. 
Anstoss nehm 1 ich zuerst wieder an der deutung von tag xe 
dvoxQiTovg övasig v. 458. Nach Heimsoeth schreibt Wecklein 
wie L. Schmidt : „dichter pflegen Wörter, die zwei gliedern ge- 
mein sind, ins zweite zu rücken, um es zu kräftigen und beide 
enger zu knüpfen". Darnach erklären sie, övaxQirovg müsse 
auch auf avzoldg bezogen werden. Aber diese deutung scheint 



Nr. 6. 151. Piaton. 283 

mir, trotz aller anerkennung jenes allgemeinen satzes, unmög- 
lich. Denn der gemeinsame begriff muss nothwendig unmittel- 
bar von den beiden gliedern, zu denen er gehört, umgeben 
sein. So hätte der dichter hier sagen können avtoXäg aargav 
t8ei£ä ts 8tiaeig. Aber bei der überlieferten Stellung der Wör- 
ter kann dvoxgiTovg nur zu Svasig gehören, und es bleibt noch 
zu erklären, warum der morgen -Untergang der gestirne schwe- 
rer zu beobachten ist als der aufgang. 

V. 449 ist aus versehen im text die vulgata tov [iaxnov 
XQorov stehen geblieben , während der verf. nach der anmer- 
kung natürlich die lesart des Mediceus tov (tofxgof ßiov vorge- 
zogen hat. V. 463 ist Pauw's conjectur aäyfiaaiv für ö(6[xaaiv 
mit recht in den text gesetzt. Die anmerkungen bis v. 471 
sind unanfechtbar. 

K. H. Keck. 

151. Piatons leben. Von Karl Steinhart. 8. Leip- 
zig. Brockhaus. 1873. 331 s. — 1 thlr. 20 sgr. 

Nach der von 0. Heine im CVII und CVIII bd. heft 5 der 
Jahrbb. Fleckeisen's veröffentlichten anzeige über Steinharte leben 
Piatons dürfte es überflüssig erscheinen, d'eses werk noch einmal 
einer besprechung zu unterziehen. Indessen mögen die grossen 
und unbestrittenen Verdienste des leider schon dahingegangenen 
verf. um die platonische philosophie und die Wichtigkeit des 
gegenständes selbst die berührung desselben auch in dieser Zeit- 
schrift entschuldigen. 

Dass Steinhart einen mittelweg eingeschlagen zwischen der 
unbedingten Vertrauensseligkeit C. F. Hermann's und der be- 
kannten negirenden und athetesirenden manier Schaarschmidt's, 
ist von Heine ebensowohl wie die thatsache hervorgehoben, 
dass die methodische quellenkritik mit der begeisterten Vertie- 
fung in das platonische System bei ihm nicht gleichen schritt 
gehalten habe. Auch darf man die thatsache nicht übersehen, 
dass bei dem von den alten so oft gehandhabten Pragmatismus 
manche äusserungen des philosophen zu anekdoten erweitert 
und umgedichtet sind. Was zunächst die forschung über das 
geburtsjahr Piatons betrifft , so hat Steinhart dieselbe im an- 
schluss an Ueberweg zu einem befriedigenden abschluss geführt 
und hinsichtlich des geburtstages den symbolisirenden senteu- 



284 151. Platon. Nr. 6. 

zen rechnung getragen , die bei den nachplatonischen philoso- 
phen so fruchtbaren boden fanden. Doch hätte diese symbo- 
lische seite noch erfolgreicher ausgebeutet werden können. Denn 
weshalb haben die nachplatonischen philosophen den geburtstag 
des grossen mannes mit dem des gottes Apollon identisch ge- 
setzt oder das datum des siebenten thargelion für diesen zweck 
hypostasirt? Offenbar hatte der delische lichtgott für die so- 
kratisch- platonische philosophie eine hervorragende bedeutung, 
und an ihn knüpfte Sokrates an, um seine lehre, mit beseiti- 
gung jedes schroffen Übergangs , mit dem ererbten glauben der 
väter einigermassen in einklang zu setzen. Nicht umstürzen 
wollte er die bestehende Volksreligion, sondern von innen her- 
aus reformiren, und neben der negirenden hat seine thätigkeit 
eine conservative und schaffende tendenz. An orakel glaubte 
er gewissermassen auch ; aber dem hergebrachten orakelthum 
stellte er sein daipoviov als eine potenz entgegen, welche be- 
ruhte in der gotterfüllten innerlichkeit des subjects. Gegen die 
phantastischen kombinationen und willkürlichkeiten stellte er die 
ewigen gesetze des denkens und gegen die willkür und positi- 
ven Satzungen der Staaten das ewige sittengesetz auf. Der für 
die apologie so bedeutsame delphische Orakelspruch, welcher 
den Sokrates für den weisesten aller menschen erklärte, ver- 
dammte und verurtheilte jede menschenweisheit , wofern sie 
nicht getragen ward von der göttlichen klarheit , die für den 
einzelnen das licht sein sollte in dem nur durch wahre selbst- 
kenntniss bedingten streben nach Wahrheit und wabrhaftiger 
Weisheit , gleichwie die vom sokratischen begriff zur Wesen- 
heit erhobene platonische idee den leitstern bildete in dem 
wirrniss, irrthum und beständigen Wechsel der vielgestalteteu 
erscheinungsweit. Dass man ferner in späterer zeit die todes- 
tage der christlichen märtyrer als ihre geburtstage feierte, kann 
meiner ansieht nach auf die symbolisirenden ausschmückungen 
in Platon's leben keine rückwirkende kraft gehabt haben, son- 
dern im gegentheil möchte ich darin eine aus platonischen an- 
schauungen entstandene praxis erblicken, die bei der mythen- 
umrankten tradition über das leben des philosophen selbst zu- 
erst zur anwendung kam. Denn das leben und der tod oder 
das entstehen und vergehen sind für den eiuzelmenschen und 
für den philosophen besonders nur als phasen innerhalb des 



Nr. 6. 151. Piaton. 285 

gesammten entwickelungsganges zu betrachten und von so un- 
tergeordneter bedeutung, dass sie den ideellen seinsgehalt nicht 
zu erschüttern und umzugestalten vermögen. Das irdische le- 
ben jedes einzelnen bildet nur einen Übergang von einer frühe- 
ren zu einer späteren existenz, und jede in das irdische dasein 
tretende seele bringt mit sich die anwartschaft auf dereinstige 
befreiung von den banden des körpers, d. h. auf Unsterblich- 
keit. Deshalb wird auch das leben und streben des philoso- 
phen von Sokrates im Phädon als das „sterben wollen" (to 
redrdvat ßovleaüui) desselben bezeichnet. Somit würde also 
schon nach sokratisch- platonischer anschauung der todestag des 
philosophen als sein geburtstag für die Unsterblichkeit betrachtet 
werden müssen. 

Der bedeutsame einfluss, den das von Perikles zu glänzender 
machtfülle erhobene Athen und der bald eintretende, von der zü- 
gellosen Ochlokratie gezeitigte verfall auf das gemüth des jugendli- 
chen philosophen geübt, wird von dem vf. mit grosser wärme 
und in schwungvoller diktiou geschildert (p. 55 ff.), wie ihm ja 
überhaupt in der beherrschung der form ein hoher grad von 
meisterschaft zuerkannt werden darf. Der unterschied zwischen 
unvollkommenen sokratikern, wie Eukleides von Megara, Anti- 
sthenes aus Athen und Aristippos aus Kyrene , reinen sokrati- 
kern wie Xenophon , Aeschines und Simon und den echtesten 
sokratikern dürfte im allgemeinen nicht anzufechten sein; aber 
es hätte von Steinhart näher begründet werden können, wes- 
halb er die Thebaner Kebes und Simmias zu letzterer klasse 
gerechnet wissen will. Denn die im Phädon entworfene Cha- 
rakteristik der beiden männer kann für jene behauptung wohl 
nicht als ausreichend erscheinen. Dagegen ist mit dem vf. festzu- 
halten, dass Piaton schon unter seinen socratischen mitschülern 
hervorragende männer kennen lernte, die ihn in das verständ- 
niss der beiden grössten vorsokratischen Systeme, des pythago- 
reischen und eleatischen , einführten (p. 90). Auch über die 
methode Platon's und ihren unterschied von der sokratischen 
liefert der vf. eine fülle von feinen und trefflichen bemerkun- 
gen (p. 167 ff.). Die Unterscheidung verschiedener perioden 
erscheint auch hier als nothwendig geboten. Das spätere alter 
hat die auswüchse und üppigen schösslinge seines Systems be- 
seitigt und dem gigantischen bau ein massvolleres gepräge ver- 



286 151. Piaton. Nr. 6. 

liehen, wenngleich es niemals die trennung aufhob, die ihn von 
den „festen, geschichtlichen lebenswurzeln des Staates" abgelöst 
hatte, so dass er niemals zur aussöhnung kam mit der atheni- 
schen demokratie, die den Justizmord des Sokrates auf dem ge- 
wissen trug. 

Nicht unerwünscht dürfte in einem solchen werke eine an- 
deutunggewesen sein über den umfang des philosophischen kapitals, 
das Piaton von seinem lehrer überkommen, obgleich auf diesem 
gebiete bedeutsame Stützpunkte noch nicht mit Sicherheit er- 
mittelt worden sind. Nur das erlaube ich mir flüchtig zu be- 
merken, dass die sokratische methode und das relativ zu ver- 
stehende sokratische nichtwissen wohl eine mehr als vorberei- 
tende bedeutung für das platonische System gehabt haben wer- 
den und dass ein bestimmter kreis von festumgrenzten begrif- 
fen als festes besitzthum in dies System hineingekommen ist. 
In der Apologie z. b. und im Kriton , die doch der rein soma- 
tischen periode angehören und als eine fast unmittelbare wie- 
dergäbe der sokratischen ansichten gelten , finden sich nicht al- 
lein ausdrücke , die für die sokratische methode kennzeichnend 
sind, wie igsa&at, i&zd&iv und iXsy%eiv (u. a. Apol. 29 E nal 
idv zig v[uav dfiqnaß3jtijay xal q>ij inifttltiaüai (zijtf ipv^Jjs) olx 
i-vOvg dquiöo) avzuv ovo' aneim, aXX' iu^aofiai avtov xai i^t- 
zdaco aal ihsy\(t), xal idv fxoi fitj doxtj xtxzijö&ai dger/jr, ydrui 
Ös Jtr/L), sondern auch ausdrücke mit einem bestimmten , ethi- 
schen inhalt, z. b. ütpizöv (u. a. Apol. 30 D.), ddixov und dr6- 
oiov (ib. 32 DJ. Bemerkenswerth ist auch die stelle im Crit. 
54 B ovze yuo ir&ude aoi (patvt-zat, zauza nodzzotzi dfttivov 
tivai ovöe dixaioztgov ovös öoicöztQoi , ovÖs dklcp zäv cmv ov- 
ösvi, ovze ixslae dquxOfAs'ro) uiti-tvov kazaij wo nicht allein die 
Steigerung der begriffe uutwov , dixaiözeoop , öatoozsoov sondern 
auch der gegensatz zwischen (jiattszai und iazui zur bezeich- 
nung der diesseitigen weit des Scheins und der jenseitigen des 
seins beachtet werden muss. 

Mit grosser betiiedigung gemesst man dies letzte vermächt- 
niss eines hervorragenden geistes und nicht ohne lebhaftes be- 
dauern, dass es dem unlängst verblichenen vf. nicht mehr ver- 
gönnt war, uns die weiteren fruchte seiuer erfolgreichen Studien 
zu spenden. C. Liebhold. 



Nr. 6. 152. Horatius. 287 

152. Stertinius. Versuch einer sichtung von Horaz Sat. 
II, 3. Nebst Corollarium. Von F. Teichm üller, Oberlehrer 
am gymnasium in Wittstock. 8. Berlin 1872, W. Weber. 
102 p. 8. — 10 gr. 

Von einer gesunden kritik verlangt man zweierlei : den 
nacbweis der Unmöglichkeit des verworfenen und den beweis 
der nothwendigkeit des gesetzten. Teichmüller verwirft von den 
326 versen der satire 206 verse. Mit welcher leichtigkeit, soll 
an den zuerst ausgesicbteten v. 3 — 12 gezeigt werden. Erster 
grund ist : (p. 10) „warum mussten es grade die saturnalien 
sein, an denen sich Damasippus mit Horaz zu schaffen machte?" 
Vielmehr musste Teichmüller von seinem Staudpunkte aus fra- 
gen: warum durften es die saturnalien nicht sein? Darauf 
war freilich keine antwort zu finden. Denn die saturnalien 
sind 1) als bestimmte zeit, 2) durch sobrius berechtigt und ent- 
halten in Verbindung mit ipsis einen neuen pikanten Vorwurf: 
und doch bist du sogar an den saturnalien (d. h. an dem feste, 
wo alles unthätig feiert) aufs land gegangen, weil du fleissig 
sein wolltest: d. h., du hast dir den anschein äusserster thä- 
tigkeit gegeben. Zweiter grund: „Damasipp tritt in einen 
Widerspruch mit sich selbst. Den v. 2 — 12 zufolge weiss er 
recht gut, dass Horaz den besten willen hat zu dichten (v. 2 
iratus sibi); darauf weiss er es plötzlich nicht, denn die frage: 
invidiam placare paras virtute relicta? kann er ja nur auf werfen, 
wenn er es für möglich hält , dass Horaz aus grundsatz nicht 
dichtet? Da ist paras zu sehr urgirt, bzw. in relictis etwas 
hineininterpretirt, was es nicht enthält. Dann kommen ein- 
zelheiten, z. b. „vini benignus. Ist das latein?" Gewiss, 
wenn auch der genetiv bei benignus sonst noch nicht nachge- 
wiesen ist. Vgl. (icföovog o'ivov. Horaz hat bekanntlich nicht 
bloss sehr viele anu.% Isyöfxsva , sondern auch grammatische 
Verbindungen, die sonst nicht vorkommen, wie gleich v. 56 
huic vornan, wo freilich Teichmüller dieselbe frage thut , ohne 
sich um Porphyrion zu bekümmern. Bei solchen dingen han- 
delt es sich nur darum, ob der gebrauch sich auf sichere ana- 
logieen stützt und dem spracbgenius adäquat ist. — Ferner 
nil dignum sermone canas. Ob nil dignum sermone je den sinn 
des deutschen ,, nichts der rede werthes u haben kann , mögen 
gelehrtere leute entscheiden. Dass aber sermo hier in seiner 



288 152. Horatius. Nr. 6. 

Verbindung mit canere nur die gewöhnliche redeweise im ge- 
gensatz zu gesang und poesie bezeichnen kann, wage ich selber 
zu behaupten. Was nun aber hier mit diesem gegensatze an- 
zufangen ist, dürfte schwer zu sagen sein. Zwei verae weiter 
steht die in demselben sinne wie hier canas, woraus folgt, dass 
an „gesang" an unsrer stelle nicht gedacht ist. Die phrase nil ser- 
mone dignum kommt sonst meines wissens nicht vor; sie wird 
aber durch vergleichuiig des griechischen ovöh löyov a^iov völ- 
lig unbedenklich. Darum ist auch von einer eigentlichen Ver- 
bindung von sermone und canas nicht die rede, wenngleich man 
Teichmüller concediren muss, dass das nebeneinanderstellen bei- 
der worte eine gewisse härte behält. Diese beispiele mögen 
genügen. Im übrigen ist mit behauptungen wie „diese worte 
sind sehr albern, merkwürdig stark" u. s. w. nichts ge- 
than , am wenigsten, wenn man operirt wie p. 80. Da giebt 
es zuerst den unschuldigen satz: niemand weiss etwas da- 
von. Daraus wird dann sogleich gemacht: die Sache ist 
ganz unbegründet. Und darauf wird weiter gebaut. 

Sehen wir uns nun die „echten" 120 verse an. Innerhalb von 
23 versen beginnen vier perioden hinter einander : siquis emat ci- 
tharas, siquis ad ingentem, siquis lectica, nequis humasse velit, und 
dies verhängnissvolle wort kommt als siquid und siquem kurz 
vorher und nachher noch wieder. Man erkennt leicht, wie den 
verf. das bestreben, die ihm vorschwebende disposition mög- 
lichst klar hervortreten zu lassen, auf einen irrweg geführt 
hat, vor dem er durch vergleichung seines „echten" Horaz mit 
irgend einer unantastbaren Satire, etwa I, 1 — 3, bewahrt geblie- 
ben wäre. — Andrerseits soll nicht verkannt werden , dass 
Teichmüller mit grösserer gründlichkeit zu werke geht , als 
Gruppe, der ebenfalls nur 120 verse der satire für echt hält; 
nur ist es zu bedauern, dass der fleiss und Scharfsinn des verf. 
sich einem so verkehrten ziele zugewendet hat. Während nämlich 
an der echtheit des ganzen nicht zu zweifeln ist, bleibt im ein- 
zelnen noch genug zu erklären und zu emendiren. So hat 
Haupt noch in der dritten ausgäbe v. 14 contemnere, miser ste- 
hen lassen, während das komma offeubar zu streichen und mi- 
ser als nominativ zu nehmen ist, vgl. Sat. I, 1, 90 Infelix ope- 
ram perdas. Denn es steht hier nicht wie Carin. I, 27, 18 Ah mi- 
ser, sondern wie Sat. I, 3, 135 miserque rumperis et latras, d. h. 



Nr. 6. 153. Sallustitra. 289 

für misere, wie griechisch ganz gewöhnlich ä&Xtog praedicativ. — 
Vs. 56 ist das zweite et zu streichen und nihilo sapientius prä- 
dicat, während das erste et dem prosaischen idque entspricht. — 
Vs. 189 ist für ac vielmehr aut zu schreiben. — Vs. 201 ist 
mit vergleichung von v. 197 und 211 so zu interpungiren : rec- 
tum animi servas? quorsum insanus f quid enim Aiax. 

153. De genuina Sallusti ad Caesarem epistula cum in- 
certi alicuius suasoria iuncta. Dissertatio quam . . . scripsit L u- 
dovicus Hellwig Merseburgensis. MDCCCLXXHI. 36 p. 8. 
Diese von schreibversehen nicht freie und mit druck- 
fehlern überladene erstlingsschrift — eine leipziger doctordisser- 
tation — bebandelt mit Sorgfalt und gelehrsamkeit ein auch 
jüngst wieder mehrfach untersuchtes thema in neuer weise. 
Nachdem die unechtheit der dem Sallustius zugeschriebenen soge- 
nannten epistulae ad Caesarem senem de re publica seit Carrio und 
Körte ziemlich allgemein anerkannt, zuletzt von Jordan aus- 
führlich bewiesen und von Spandau ohne erfolg (vgl. Phil. Anz. 
II, 450 f.) bestritten worden war, hat Hellwig diese frage der 
autbentie, wie schon der titel seiner abhandlung andeutet, so 
zu lösen versucht, dass er die erste epistula (eigentlich eine 
suasoria) als rhetorisches product aus der zeit des Augustus 
bezeichnet, die zweite als echtes werk des Sallust ausgibt. 
Aber erscheint schon die zeitbestimmnng für jenes Schriftstück 
nicht hinreichend begründet, so ist der beweis für die echtheit 
der zweiten epistula noch weniger gelungen ; denn er beruht auf 
einer ungleichmässigen Würdigung der für jede der beiden 
Schriften in betracht gezogenen momente und beseitigt nur ei- 
nen theil der gegen die echtheit bestehenden bedenken. Für 
beides sollen hier ohne anspruch auf erschöpfende Vollständig- 
keit einige belege gegeben werden. P. 11 wird an dem scrip- 
tor suasoriae eine gewisse timiditas als charakteristisch hervorge- 
hoben, während epistulae scriptor audacter verfahre. Auf der- 
selben seite wird aber eine in der suasoria vorkommende auda- 
cia dadurch erklärt, dass der früher als timidus bezeichnete au- 
tor derselben als homo bene diuque versatus in Sallusti libris per- 
traetandis ad suam audaciam gekommen sei. Hingegen wird 
p. 19 ein von Jordan gegen verba audacter posita erhobenes be- * 
denken mit den Worten zurückgewiesen : quis est qui a Sällustio 
Philol. Anz. VI. 19 



290 153. Sallnstius. Nr. 6. 

audaciam in translationibus dbiudicett So wird also nach jewei- 
ligem bedarf audacia für oder gegen Sallust's autorschaft gel- 
tend gemacht. — P. 11 und 12 wird aus Suas. 8, 9 verum 
enim als verdächtig bezeichnet , weil es apud Sallustium nun- 
quam invenitur. Is eodem sensu utitur „verum enim vero". Ein 
ganz analoger fall aus Ep. 1, 2 aber findet p. 13 andere beur- 
theilung und entschuldigung; hier steht nemlich quin etiam, 
quod apud Sallustium alibi non reperitur. At eodem sensu sim- 
plex „quin" exstat, also : ne offendat epistulae „quin etiam". — Ergo 
steht in der suasoria zweimal, in der epistola nur einmal ; da nun 
Sallust diese partikel nur selten gebraucht, so wird ohne weiteres 
gesagt: rectior epistolae parcitas quam suasoriae abundantia videtur. 
Das heisst doch die statistische methode, die mit zahlen wie 1 
und 2 gar nicht operiren kann, misbrauchen. — P. 16 hebtHell- 
wig mit recht das lächerliche der in der suasoria gegebenen rath- 
schläge hervor, aber er sieht nicht, wie lächerlich es ist, wenn 
der autor der Ep. 5, 1 ganz naiv ausspricht : In duas partes 
ego civitatem divisam arbitror, sicut a maioribus accepi, in pa- 
tres et plebem.. Sollte Sallust es gewagt haben an Caesar 
eine solche plattheit zu schreiben ? Dass überhaupt der un- 
erfahrene jüngere mann dem älteren und erprobten Staats- 
mann Caesar eine moralisch -politische epistel sendet, ist un- 
wahrscheinlich genug; denn wenn, worauf p. 24 verwiesen wird, 
der bejahrtere und hochverdiente consular Cicero daran denken 
konnte, ein politisches Sendschreiben an Caesar zu richten , so 
folgt* daraus keineswegs, dass der jugendliche Sallust sich das 
gleiche gestatten durfte. Hellwig selbst hebt p. 28 hervor, 
dass der autor der epistel : quare consilium Caesari dandum decreve' 
rit reticet, was doch eher darauf hindeutet, dass der epistel eine 
fiction, als dass ein praktischer anlass zu gründe liegt. Kann 
man ferner einem Sallust die tactlosigkeit zutrauen, vor dem 
Marianer Caesar die milde Sulla's Ep. 4, 1 noch dazu auf kosten 
der historischen Wahrheit zu preisen, oder in einer zeit, da geld 
und bestechung ein hauptfactor für Cäsar war (p. 27), demsel- 
ben zuzurufen Ep. 7, 10: in primis auctoritatem pecuniae demitof 
Endlich lässt sich von Sallust glauben, dass er in rhetorischem 
pathos bis zum baaren unsinn sich verirrt habe? Dies aber ist 
vom autor der Epistel nicht abzuläugnen, vgl. 13, 1: quodsi tecum 
patria atque parcntes possent loqui, scilicet haec tibi diccrcnt: o 



Nr. 6. 153. Sallnstius. 291 

Caesar , nos te genuimus fortissimi viri, . . . tradidimus p atriam 
maxumam in terris, domum familiamque in patria clarissimam. — 
Es würde zu weit führen, andere bereits von Jordan gegen die 
echtheit der epistel erhobene und von Hellwig gar nicht oder nur 
ungenügend bekämpfte einwände hier zu wiederholen; die obi- 
gen abgerissenen bemerkungen werden hinlänglich zeigen, dass 
Hellwig's beweisführung weder ganz unbefangen noch erschöpfend 
ist. Sie erscheint aber auch nicht durchaus correct. Daraus z. b., 
dass die in der epistel gemachten vorschlage theilweise von Cae- 
sar ausgeführt worden, folgt keineswegs , dass nicht ein rhetor, 
sondern Sallust Urheber derselben sei-, denn es ist doch wirk- 
lich unwahrscheinlicher, dass Caesar das Werkzeug war, welches 
die schöpferischen plane Sallust's ausführte, als dass ein später 
lebender rhetor den Stoff zu seinen fingirten vorschlagen aus 
den von Caesar und Augustus durchgeführten reformen ge- 
schöpft hat. — Auch aus der in der epistel bekundeten kenntniss 
der Staatsverhältnisse folgt nichts für die autorschaft des Sal- 
lust; so musste z. b. die p. 34 betonte kenntniss der lex C. 
Grracchi de suffragiis Ep. 8, 1 von Sallust auf ähnlichem wege 
erworben werden wie von irgend einem späteren mann der 
schule. — Es ergiebt sich demnach schon aus diesen andeu- 
tungen, dass der von Hellwig versuchte beweis nicht als wirk- 
lich geführt betrachtet werden kann. Dagegen darf nicht ver- 
schwiegen werden, dass die eindringende behandlung der beiden 
fraglichen Schriftstücke zu mancher richtigen und neuen einzel- 
bemerkung geführt bat. — Schliesslich mag noch darauf hin- 
gewiesen werden , dass die nach Jordan auch von Hellwig an- 
genommene und der kürze wegen ebenso in obigem beibehal- 
tene bezeichnung der ersten epistel als suasoria (oratio) und der 
zweiten als epistula vielleicht zu strenge scheidet, was thatsäch- 
lich nicht gar verschieden ist. Wie Cato's praecepta ad filium 
bei Servius ad Verg. Georg. 1 , 46 als oratio , bei Priscian. 
VII, 337 Hertz, als epistula citiert werden, so ist es überhaupt 
naheliegend, die nämliche schrift nach ihrer rhetorischen anord- 
nung und ausführung als oratio und mit bezug auf die überge- 
schriebene adresse und auf einzelne Wendungen {tibi scripsi, 
perscripsi u. a.) als epistula anzusehen. 



19* 



292 154. Statins. Nr. 6. 

154. P. Papinii Statu Ecloga ultima. Emendatiorem edi- 
dit R o b. Unger. Accedunt eiusdem de Statu locis controver- 
sis Couiectanea. Novae Strelitiae, suraptibus Barnewitz 1868. 
8. 292 s. p. 293—308 indices. 

Als Hand einmal ein gelegentliches gedieht des Statuts 
vorlas, ist Goethe voll bewunderung in die worte ausgebro- 
chen: „aber das ist ja kein leidlicher, sondern ein wahrer 
dichter" (s. p. 153). Dagegen haben über das Epicedion in 
puerum suum, welches nicht vollständig auf uns gekommen 
ist, die gelehrten ein sehr abgünstiges urtheil gefällt, seitdem 
Markland ausgesprochen: Misella haec ecloga, ultima inter 
Statianas tarn ordine quam genio. Tota est corruptissima, quam- 
obrem plusculum mihi in illam permisi libertatis. Die vorliegende 
längst erschienene, aber durch zufall erst jetzt zur anzeige 
kommende überaus fleissige und sorgfältige bearbeitung dersel- 
ben hat das verdienst, den ersten theil jener behauptung völ- 
lig umgestossen zu haben, während der zweite dahin zu berichti- 
gen ist, dass Markland, der etwa drei erhebliche aber schon von 
Heinsius vorgeschlagene Verbesserungen gegeben hatte (s. p. 
152), noch manche stelle für heil gehalten hat, welche es nicht 
ist. Dies neue resultat hat der verf. dadurch gewonnen, dass 
er erstens auf grund der genauesten durchforschung des Reh- 
digeranus eine revision der vulgata durchgeführt, sodann einen 
doppelten irrthum der abschreiber aufgezeigt, und endlich die 
eigenheiten des Statius (besonders auch durch vergleichung der 
nachahmer desselben, des Sidonius, Corippus, des Paneg. Beren- 
garii u. a.) in ausführlicher Untersuchung dargelegt hat. 

Was den ersten punet anlangt, so sind ebenso überraschend 
als überzeugend die Verbesserungen v. 14 myrrham localis et 
germina statt einer esque oculis et carmina (Rehd. cri- 
nem — crimina) ; v. 25 numeros in er im in a rato (Rehd. 
narus] statt luctus in carmina; v. 31 nee eburno pectine 
Statt ignavo pollice (Rehd. nee eburno); v. 53 abiuro iu- 
stum si funere (Rehd. ad uro iusto *«) statt aduro viso 
sie; v. 56 nunc aeui (Rehd. tacui) statt non taeuit; v. 68 
linguae eximium (Rehd. summum) statt linguaeque simul; v. 
85 p andique sinus Exceptare genas (Rehd. excaepere) statt 
blandoque sinu — Exercere genas; und die ergänzungen 
v. 24 hoc quoque cum eluetor, v. 27 orsa aeuit rabies, v. 



Nr. 6. 154. Statius. 293 

35 me eantuque habituque noc entern,) v. 76 proper abat amor, 
ne per der et omen Liberias, iam Parca tarnen, v. 77 horridus 
aestu lnvidiae. 

Was zweitens die auf abschreiber zurückzuführenden 
fehler betrifft, so ist einmal das urspüngliche durch re- 
miniscenzen aus anderen stellen des Statius oder 
anderer dichter verdunkelt worden, wofür der vf. 
viele schlagende beispiele beibringt , und sodann aus leicht- 
fertigkeit gewöhnliches und verständliches an die 
stelle des schwierigen und gewählten gesetzt, z. b. 
34 miserum statt mersum, v. 46 nostra statt nosco ora, v. 49 
verum erat statt volnere at , v. 54 cecinit quod Thracius 
Orpheus statt tersius. 

Für die scharfe beobachtung des Sprachgebrauchs 
endlich zeugen die Verbesserungen nee Castaliae vocalibus undis 
Infusus (statt nunc — Invisus); v. 33 ineeptam — chelyn 
(statt incertam) , v. 39 matrum — Funer a statt vulnera, v. 65 
viscera causae statt vulnera, v. 79 Nonne fremam? — Con- 
cupii, statt nonne gern am? — Non cwpii, hinreichende beweise 
dafür, dass das gedieht auf umsichtige weise eine vollständige 
Umwandlung erfahren hat. 

Hinzugefügt sind Coniectanea de Statu locis controversis p. 
155 — 192, in denen nicht bloss die Silvae, sondern auch (mit be- 
nutzung der vom vf. verglichenen münchner hand- 
schriften) eine grosse menge von stellen der Thebais und 
Achilleis, die auf fünf columnen der sehr genaue index ver- 
zeichnet, so behandelt werden, dass eine fülle sprachlicher und 
paläographischer Observationen sich dabei ergiebt. In erste- 
rer beziehung mögen (mit berücksichtiguug des commentars 
zur ecloga) hervorgehoben werden die auseinandersetzungen über 
luce parata, rami = vittae, ineeptus ager. serva als aufforderung 
an den diener, usus = serrao, scelus tergere, in cinerem 
dare, sorde und dagegen plebes (pilur.), pectus amicitiae, 
Delphis, Delphi ca — Pythia und die zur Verbesserung vieler 
stellen führende bespreebung von exsertus; in der zweiten 
der nachweis, dass da a, ei, ti wie anderwärts, so auch bei 
Statius vielfach verwechselt worden sind , das allen herausge- 
bern so räthselhaft erschienene peramavit Silv. IV, 5, 24 nichts 
anderes sein dürfte als amieuit [Caesareo ter amixit auro 



294 154. Statins. Nr. 6. 

und I, 2, 203 in tumidae Pisae (codd. miadae) wohl nichts 
weiter liegen als nitidae, zugleich ein neues moment dafür, 
dass das viel besprochene horazische mihi cunque salve vom 
vf. in seinen Emend. Hör. (vgl. Ph. Anz. V, p. 465) wohl rich- 
tig als lesefehler von amica erkannt worden ist. Der vf. hat 
sich aber auch noch ein besonderes verdienst erworben. Wer 
es mit ihm anerkennt (p. 126), wie in unsrer zeit das proso- 
dische wissen in verfall geräth — ist doch nicht bloss Statius 
in der Queckschen ausgäbe mit hexametern bedacht, wie mon- 
tique inter venit curvum und Torsit et invidia rnort em am plexa 
iacenti und gar Nee iam hostiles turmae aut ferrum mortale 
timetur (s. p. 15), sondern auch einem gelehrten wie Madvig 
in seinen Adversarien II, p. 98 und 83 im Ovid als unzwei- 
felhafte Verbesserung aufzustellen möglich gewesen: 

Si iam deficiam suppressaque vena paletur, Tr. III, 3, 21, 
und: 

Stagna Palaestini credunt natasse figura Met. IV, 46 : 
anderes führt von zeit zu zeit das Eheinische Museum auf — der 
wird es dem vf. dank wissen , dass er sich Coni. XVI sq. be- 
müht hat, die gedichte des Statius von derartigen fehlem , die 
auch L. Müller übersehen oder nicht entfernt, endlich zu reini- 
gen. Es sind somit beseitigt der Choriambus gratuitum, der 
anapaest pumilos (als glosse [von trispithamos] er- 
kannt, wie das neulich vom verf. bei Horaz beseitigte tra- 
ditionelle palus), und der bacchius Catillum; auch hat das 
alte problem celsum crebris arietibus urbis Inclinare latus durch 
eine überraschend leichte Verbesserung crebri arietis ictibus 
urbis seine lösung gefunden, für welche der vf. noch Sen. Tro. 
92 ad crebri verbera pl anetus hätte anführen können. Ein 
neuer weg zur berichtigung ist durch hinzufügung eines verses 
nach den spuren der handschriften in Silv. II, 2, 147 gezeigt, 
und das verständniss des verses Theb. XII, 510 des ältesten 
und ärgsten anstosses für die herausgeber, dadurch gewonnen, 
dass das funus OlyntJii Texit auf Theseus , der den Hercules 
vom morde des Onites gereinigt, bezogen und in funus Onitae 
Tersit verbessert wird. Auch sonst noch finden anspielungen 
ihre deutung, theils historische, wie die unbemerkt geblie- 
benen auf das ross des Persers Artybius und auf die vom Ora- 
kel untersuchte durchstechung des Isthmus, theils inytholo- 



Nr. 6. 154. Statius. 295 

gische, wie auf Lisiope, Euadne, Semeies thalamus , Synete, 
die mythe von der quell -nymphe von Glaphyrae und des Kyd- 
nos, auf welche sich die stelle bei Tibull bezieht, die der verf. 
mit rücksicht auf das charakteristische des flusses einleuchten- 
der als Lachmann tantis qui leniter undis Caeruleus placitis per 
vada serpis aquis emendirt : [serpit p. 218 ist druckfehler). 

Mit ebenso geringen mittein wird, um aus der grossen 
menge von stellen, die gelegentlich besprochen werden — na- 
mentlich aus Amm. Marcellin, Avienus , Claudian, Horaz, Lac- 
tantius, Ovid, Properz, Seneca, Tacitus Val. Flaccus, Vergil — 
noch einiges anzuführen, bei Amm. Marcell. XV, 2, 1 das dürf- 
tige horrendam oder permiserandam cladem nach dem handschrift- 
lichen petiss er and am durch poetis disserendam ersetzt, und 
in die vielversuchten verse im anfange der Ciris durch conjec- 
tur : Quurn mea cura Eratosthenicum sibi quaerere carmen — 
Suspexit ein ganz neues licht gebracht, wie denn überhaupt 
die vorsehläge des verfs bei viel behandelten stellen gewöhn- 
lich das für sich haben, dass sie nicht immer wieder in dem 
alten geleise sich bewegen , sondern von andern gesichtspunk- 
ten ausgehend einen neuen meistens mit leichter Veränderung 
des überlieferten gewonnenen gedanken bieten. Das ist endlich 
auch bei dem fragment aus Callimachus der fall (Schol. Theoer. 
IV, 62) st ti cptjfAL i(jij[Ä(ü&ri äfiijQog dvvarai IfinHQai^ indem der 
vf. nach den spuren der handschrift , auch in der reihenfolge 
der worte, den vers gewinnt tl nrj NvftqiTj otßogßo § igirjuco- 
&sitj , in den folgenden bisher auch noch dem Callimachus zu- 
getheilten worten aber wegen des häufig mit Svvuzat verwech- 
selten StjIovoti eine corrumpirte erklärung des scholiasten zu 
Theocrits' i q ia 8 s t (durch 8 ijl o vö t i iv rt ei'g «) ausfindig 
macht. 

Ref. hofft mit der endlichen anzeige dieses wohl noch nir- 
gends recensirten buches manchem einen dienst erwiesen zu 
haben , und kann im interesse desselben nur wünschen, dass 
durch sie sich viele zu einer eingehenderen prüfung bestimmen 
lassen. Namentlich dürfte es auch jungen strebsamen philolo- 
gen bei ihren Studien, zumal für lateinische poesie , nicht bloss 
wegen der philologischen erudition und der menge der gewon- 
nenen Observationen , sondern auch wegen der besonders in 
jetziger zeit nicht zu unterschätzenden correetheit der form drin* 



296 155. Cicero. Nr. 6. 

gend zu empfehlen sein. Dass künftige herausgeber des Sta- 
tius diese gründliche Vorarbeit werden beachten müssen, ist 
selbstverständlich ; in wie weit diess in der zuletzt begonnenen 
ausgäbe schon geschehen, ist dem ref. unbekannt : Theb. II, 
207 findet sich mit vergleichung des Claudian gerade so ge- 
schrieben, wie es Conj. p. 220 festgestellt war. 

T. D. 

155. Festgabe zur XIII Versammlung mittelrheinischer 
gymnasiallehrer. Den werthen gasten gewidmet von ihren 
Aschaffenburger amtsgenossen. Aschaffenburg 1873. 4. 

Die erste der beiden in dieser festschrift vereinigten ab- 
handlungen (p. 1 — 26) ist von E. Behringer und behandelt 
das beiwort in derlliade undimNibelungen-liede. 
Indem wir die beurtheilung dieser mit geist geschriebenen pa- 
rallele lieber den germanistischen und allgemein ästhetischen 
Zeitschriften überlassen, wenden wir uns zu dem zweiten von G. 
Engler t geschriebenen aufsatze über die erziehung nach 
Schriften C i c e r o's. In sorgfältiger Zusammenstellung und 
lichtvoller Ordnung gibt der vf. eine gut geschriebene darstel- 
lung über Cicero's pädagogische ansichten; leider aber ist der 
wissenschaftliche werth des gebotenen durch den mangel an 
kritischer forsohung wesentlich geschmälert. In dem bestreben, 
eine möglichst abgerundete ciceronische pädagogik zu gewinnen, 
hat der vf. ohne genügende rücksicht auf den jeweiligen fund- 
ort alle auf erziehung bezüglichen stellen gesammelt und die 
lücken, die sich selbst bei diesem verfahren nicht vermeiden 
Hessen, durch eigene zusätze, auch wenn dieselben ganz neue 
gesichtspunkte bezeichneten (z. b. p. 6. 16. 20), ausgefüllt. — 
Eine in wahrem sinne wissenschaftliche darstellung aber müsste 
sich mit dem bei Cicero wirklich gegebenen , wenn auch frag- 
mentarischen material begnügen, dieses jedoch mit historischer 
kritik verwerthen , d. h. bei jeder einzelnen stelle fragen, ob 
Cicero hier ohne nebenzweck als denker seine wirkliche ethi- 
sche anschauung darlegt oder nur aus rhetorischen gründen als 
advocat einen beliebigen pädagogischen satz ausspricht. Gegen 
diese forderung aber verstösst der vf. durchaus, indem er ohne 
unterschied citate aus reden wie aus philosophischen Schriften 
ausbeutet. Wenn daneben auch Inccrti auctoris consolatio be- 



Nr. 6. 156. 157. Scriptores hist. Augustae. 297 

achtung findet, so wird dies bei einem solchen cento Cicero - 
nianus kein besonderes bedenken haben; dagegen ist es gewiss 
nicht zu rechtfertigen, wenn wiederholt (p. 4. 20. 33) die bü- 
cher ad Herennium wie eine echt ciceronische schrift angeführt 
werden. Schlimmer noch ist es, dass der vf. das dem Quin- 
tus Cicero zugeschriebene commentariolum petitionis als einen 
brief des Marcus an Quintus betrachtet , wie das wiederholte 
citat (p. 3) Cic. ad Qu. fr. de pet. cons. beweist. 

156. De diversitate auctorum historiae Augustae disser- 
tatio inauguralis philologica , quam a. d. VII id. Aug. a. 
MDCCCLXIX in publico def endet auctor Johannes Plew. 
Eegimonti typis academicis Dalkowskianis. (59 pp. 8.). 

157. De quattuor prioribus historiae Augustae scriptoribus. 
Dissertatio inauguralis philologica, quam — publice defendet 
auctor Aemilius Brooks. Eegimonti Pr. typis acad. Dalkowsk. 
MDCCCLXIX (69 pp. 8.). 

Die frage nach der au torschaft der in dem Corpus der s. 
g. Scriptares historiae Augustae auf uns gekommenen biographieen 
hat von jeher die gelehrten viel beschäftigt: man glaubte an- 
nehmen zu können, dass bei der in den handschriften über die- 
selbe herrschenden Verwirrung ihre angaben nicht schwer in 
die wagschaale fielen, und dass es gelte sich nach anderen mo- 
menten umzusehn , hat bald von dieser, bald von jener seite 
die sache angefasst, sich aber doch bis jetzt kaum über eine 
einzige vita dahin geeinigt, dass sie im gegensatz zu den hand- 
schriften einem bestimmten autor beizulegen sei. Wo die an- 
sichten der gelehrten mit einander übereinstimmen , entfernen 
sie sich nicht von den handschriften. Nun aber ist jene Voraus- 
setzung von der divergenz der handschriften, wenigstens der beiden 
guten, B und P , denen bei der constituirung des textes durch- 
gängig gefolgt wird, oder einer Unordnung in denselben nicht 
einmal richtig. Vielmehr finden wir in beiden die biographieen 
denselben Verfassern zugeschrieben, und eine in ihnen scheinbar 
vorliegende confusion ist eben ein beweis für die mechanische 
Sorgfalt der abschreiber des archetypus und spricht gegen die 
annähme einer in denselben geübten willkürlichen kritik. Die 
vitae des Maximus und Balbinus haben nämlich die subscriptio : 
Maximus sive Puppienus et Balbinus Juli Capitolini expl n und 



298 156. Scriptores hist. Augustae. Nr. 6. 

dann heisst es weiter: incipit eiusdem (das wäre also Juli Ca- 
pitolini, was Eyssenhardt auch in die Überschrift gesetzt hat) 
Valeriani duo. Die Valeriani schliessen ohne subscriptio , die 
Gallieni beginnen mit : incipit eiusdem Gallieni duo , die triginta 
tyranni mit: incipit eiusdem tyranni triginta (beide ohne subscrip- 
tion), die folgende vita Claudii mit incipit eiusdem divus Claudius', 
ihre subscription aber lautet: explicit Trebelli Pollionis di- 
vus Claudius *). Dieser Widerspruch findet indes seine natürliche 
auflösung darin dass die geschichte der kaiser zwischen Maximus 
et Balbinus und den Valeriani (deren vita bekanntlich auch nur 
ein fragment ist) durch den ausfall der betreffenden blätter 
des archetypus verloren gegangen ist, Trebellius Pollio aber 
nach des Vopiscus zeugnis (Aurel. 2, 1) a duobus Philippis us- 
que ad divum Claudium et eius fratrem Quintillum imperatores tarn 
claros quam obscuros memoriae prodidit und also das eiusdem vor 
der vita Valerianorum nicht auf den vf. der vita Maximi et Balbini 
die jetzt vor ihnen stehn, d. h. auf Gapitolinus, sondern auf den 
verf. der in der vollständigen Sammlung vorhergehenden, jetzt 
verlorenen biographieen zu beziehen ist, d. h. auf Trebellius 
Pollio. Demnach liegen keine Widersprüche der handschrift- 
lichen Überlieferung vor , aus denen die berechtigung zu eige- 
nen conjecturen abgeleitet werden könnte. 

Es fragt sich nur, sind die inneren Verschiedenheiten von 
biographieen, welche unter dem namen des gleichen autors auf 
uns gekommen sind, so gross , dass sie unmöglich von demsel- 
ben Schriftsteller herrühren können? oder ist das gewicht der 
für eine abweichung von den handschriften vorgebrachten gründe 
schwerer als das diplomatische zeugniss? Die verf. der beiden 
in rede stehenden Schriften sind offenbar mit den resultaten 
der früheren forschungen von A. Becker, H. E. Dirksen, Fr. 
Richter, die nur das sachliche ins äuge fassend die Untersu- 
chung angestellt haben, nicht einverstanden, haben sie meist 
ignorirt oder ihre argumente kurz zurückgewiesen und mit auf- 
gäbe der früher eingeschlagenen wege hauptsächlich durch eine 
vergleichung der sprachlichen eigeuthümlichkeiten der einzelnen 
viten dieselbe ihren autoren zuzuweisen versucht. Dieselbe hat 

1) Die darstellung dieses Sachverhaltes bei Plew p. 2 ist nicht 
zutreffend, da er die entscheidende subscription der vita Claudii nicht 
berücksichtigt hat. 



Nr. 6. 156. Scriptores hist. Augustae. 299 

sie indess zu ganz verschiedenen resultaten geführt. Denn um 
den zweiten theil der Viten (von den Maximinen an) , in dem 
man an der autorität der handschriften kaum ernstlich zu rüt- 
teln gewagt hat, bei Seite zu lassen, so sieht Plew in Spartia- 
nus den Verfasser der sämmtlichen viten von Hadrian bis Greta 
(nur der Avidius wird dem Vulcacius Gallicanus gelassen), in 
Lampridius den der übrigen des ersten theils, während Brocks 
sich nur bei sechs viten von den handschriften entfernt: die 
des Pius , Marcus und Verus sind nämlich nach ihm von 
Spartianus, die des Alexander von Capitolinus , die des Perti- 
nax und Geta von Lampridius geschrieben. 

Plew, dessen dissertation leider von druckfehlern wim- 
melt, sucht zunächst (p. 1 — 13) seine ansieht aus den Verwei- 
sungen, welche sich innerhalb der einzelnen biographieen fin- 
den, und aus der Übereinstimmung einzelner abschnitte in ver- 
schiedenen kaisern zu erweisen ; doch ist dieser theil höchst 
unbedeutend und nicht frei von versehen; wo schlagende gründe 
für die autorschaft einer vita beigebracht werden, stehen wir 
auf dem boden der handschriftlichen tradition; die Verweisun- 
gen aber auf schon geschriebene oder noch zu schreibende vi- 
tae sind anerkanntermassen nur mit grosser vorsieht heranzu- 
ziehen, und die Übereinstimmung im Wortlaut vielfach aus der 
benutzung derselben quelle zu erklären, so dass man nicht be- 
greift, wie allein aus der vergleichung des inhalts der stellen 
in der V. Pii c. 2, 3 mit Spart. V. Hadr. 24, 3 und von V. 
Pii 9, 6 mit V. Hadr. 17, 12 nun auch für die V. Pii die autor- 
schaft des Spartian gefolgert werden kann. Noch auffallender 
aber ist die beweisführung, dass, auch die V. Commodi von 
Spartian verfasst sei : Praeterea in vita Ael. Ver. 2, 9 se de fa- 
rnllia Commodi in eius (sc. Commodi) vita esse dicturum; id ei autem 
iam in vita patris M. Antonini philosophi erat faciendum [M. Ant. 1), 
quod repetere non erat opus, quare vita Commodi ineipit: de Commodi 
parentibus in vita M. Antonini satis est disputatum (p. 9) : vrgl. p. 
10 Vitam Commodi eidem auetori atque Ael. Veri et Antonini philoso- 
phi, i.e. omnino auetori praecedentium tribuendam, iam supra exposui. 
Denn dabei ist vollständig übersehn , dass in der V. Aelii a. 
a. o.- unter Commodus nicht der leibliche söhn des Marcus, 
Commodus Antoninus, gemeint ist, sondern Aelius Verus, der 
adoptivsohn des Pius, wie die folgenden worte ausdrücklich 



300. 156. Scriptores hist. Augustae. Nr. 6. 

sagen. Das stemma wird dann wirklich in der vita Veri gege- 
ben und zwar deswegen nicht in der vorausgehenden des Mar- 
cus, weil die autoren vor Capitolinus meist die Vita Veri an 
die erste stelle gebracht hatten (Ver. 1, 1). Auch die worte 
in der Vit. Ver. 11, 2: fabula quam non capit Marci vita sind 
falsch verstanden. Capitolinus sagt nicht, die fabel stehe nicht 
in der vita Marci, wie Plew p. 10 die stelle fasst (der sogar 
quam Marci non capit vita als einschiebsei an zusehn geneigt ist, weil 
dieselbe erzählung doch in der vit. Marc. 15, 5 zu finden sei), 
sondern vielmehr, dass diese erzählung mit der lebensweise des 
Marcus unvereinbar sei; s. Ver. 10, 2: quamvis et illa fabula 
... abhorrens a talis viri vita sit exorta und Forcellini s. v. 

Die in dem ersten theil gewonnenen resultate sollen dann 
in dem zweiten ihre bestätigung finden (p. 13 ff.). Indess hat 
der verf. dies sein ziel nicht immer vor äugen behalten; denn 
während dieser abschnitt die diversitas auctorum hist. Augustae 
auch von seiten der spräche erweisen soll, giebt er nur eine 
Sammlung Ober den Sprachgebrauch in dem Corpus scr. und 
erwähnt nur bier und da eigenthümlichkeiten, welche einzelnen 
autoren angehören. Daher trägt dieser theil kaum etwas zur be- 
gründung der im ersten aufgestellten ansichten bei, ist aber als 
anfang einer Sammlung dieser scriptores wohl brauchbar und 
namentlich in der Zusammenstellung der linal- elotj/x^va dan- 
kenswerth. Missverständnisse kommen freilich auch hier nicht 
selten vor; z. b. führt Plew p. 44 die stelle Ver. 4, 6 fertur 
et nocte perpeti alea lusisse als temporum usu notabilis an und 
meint, dass perpeti für perpessus esse, lusisse für ludere steht (!), 
während doch offenbar perpeti von dem gar nicht ungewöhnlichen 
adjectiv perpes herkommt; Alex. Sev. 23, 2 wird der infinitiv 
agere {de omnibus hominibus per'fideles liomines suos semper quac- 
sivit, et per cos quos nemo nosset hoc agere) als infin. historicus an- 
gesehn, der von nosset abhängt; Aurel. 19, 4 (adulando dicerej 
Hadr. 16, 2 (imitando scribere) ist das gerundium ablativ, nicht 
dativ, auch Claud. 6, 3, wo ut direct von credere abhängig ge- 
macht wird (p. 47), ist falsch verstanden u. s. w. Anderes ist als 
sprachliche eigenthümlichkeit dieser schriftsteiler bezeichnet, was 
gut klassisch ist, z. b. humi se abiecit (p. 40), das imperf. con- 
iunctivi XXX tyr. 9, 5 : idcirco epistolas interposui, ut omnes intel- 
legerent; in der Zusammenstellung über den gebrauch von ali- 



Nr. 6. 157. Scriptores Tiist. Augustae. 301 

quis in negativen Sätzen sind beispiele verschiedener art zusam- 
mengeworfen (p. 27) u. a. Dass mehrere höchst wichtige 
sprachliche erscheinungen übersehn und die Sammlungen nicht 
vollständig sind, ist bei einem ersten versuch zu entschuldigen ; 
ich gebe beispielsweise nur einige ergänzungen zu dem ab- 
schnitte über die präpositionen (p. 41 sq.), wobei ich, wie der 
verf., alles schon von Hand in seinem Tursellinus behandelte 
übergehe : a bei städtenamen findet sich auch Pius 10 , 4. 
Pert. 1, 6 ; ad für in bei ländernamen, wenn die bewegung 
ins land hinein gemeint ist, Pius 7, 11. Pert. 4, 5 (s. Diez, 
gramm. d. rom. spr. HI 3 , p. 157); in c. acc. auf die frage 
wo? auch Avid. 4, 7. Pert. 3, 8. Sev. 9, 4. 12, 8. XXX tyr. 
14, 5. Tac. 3, 2; in c. abl. auf die frage wohin? Comm. 20, 

5 (in rep, incubuit), Pert. 2, 5. Max. et Balb. 5, 3. XXX tyr. 4, 1. 
Aur. 5, 3; post in einer art logischer brachylogie wie Hadr. 13, 

6 cum post Africam Romam redisset auch c. 19, 13. Pert. 3, 2. 
Hei. 6, 9. Der abschnitt über sub p. 14 zählt mehrere stellen 
auf, wo es in der bedeutung ,, während" mit dem ablativ ver- 
bunden steht und stellt als den regelmässigen casus bei sub 
den accusativ hin, während vielmehr in jenem falle der ablativ 
angewandt wird, der accusativ in der bedeutung, „kurz vor" 
(oder zuweilen „kurz nach"). Eigenthümlich ist auch der ge- 
brauch der präposition in c. ablativo in fällen, wo früher der 
blosse ablativ (instrum.) genügte, ein beweis, dass schon damals 
das bedürfniss hervortrat der sich verwischenden bedeutung der 
casus durch präpositionen nachzuhelfen: Car. 19, 2 (qui velut 
in ventis ferretur , Aur. 18, 6 quae praecepta fuerant in diverso 
caerimoniarum gener e, 36, 3 ut et filiam sororis occideret non in 
magna neque in satis idonea causa, Hadr. 12, 5 in nullo omnino 
commotus, 17, 6 u. öfter; ebenso wird Heliog. 23, 7 implex an- 
statt mit dem blossen ablativ mit cum verbunden; auch ad c. 
acc. anstatt des ablat. instrumenti findet sich wie besonders häu- 
fig bei Vegetius (II, 15. HI, 4, 24. IV, 8, 18) und dann im 
romanischen (Diez III 3 , p. 159 f.) schon Heliog. 31, 7 rasit 
et virilia — ad novaclum manu sua, Hadr. 26, 1 fiexo ad pecti- 
nem capülo, Gall. 9, 3 nee tarnen Gallienus ad alia movebatur. 

Brock s hat seine dissertation in fünf capitel getheilt, von 
denen sich das erste mit Julius Capitolinus (p. 1 — 21), das 
zweite mit Aelius Spartianus (p. 21 — 32), das dritte mit Ae- 



302 157. Scriptores bist. Augustae. Nr. 6. 

lius Lampridius (p. 32 — 39), das vierte mit Vulcacius Gallica- 
nus (p. 40 — 45) beschäftigt. Diese sind gut methodisch ange- 
legt und zeugen von einer scharfen und glücklichen beobach- 
tungsgabe ihres Verfassers auf sprachlichem gebiete. Er skiz- 
ziert nämlich zu anfang jedes capitels ausgehend von den dem 
betreffenden schriftsteiler ohne zweifei angehörigen biographieen 
den charakter seines stils, zählt gewisse sprachliche eigenthüm- 
lichkeiten desselben auf, weist sie auch in anderen biographieen 
nach und vindiciert nun diese auf grund solcher Übereinstim- 
mung demselben autor. So wird sehr treffend im ersten capitel 
ein gewisser tumor und eine electorum verborum captatio aus den 
viten des Maximus, der Gordiani und des Maximus et Balbinus als 
dem Capitolinus eigen nachgewiesen und dieser im ganzen wie- 
der gefunden in den auch von den handschriften demselben zu- 
gesprochenen Vit. Clodius und Opilius, welche ausserdem mit jenen 
die benutzung des Iunius Cordus (welcher nur in diesen biogra- 
phieen citiert wird) und des Herodian gemein haben, aber auch 
in der Vit. Alexandri, welche nach den handschriften dem Lam- 
pridius gehört. Zu dieser ansieht ist er zunächst durch die 
beobachtung Alexandri vitam esse medioeris scriptoris , Elagabali 
pessimi, geführt worden, und dass diese richtig ist, lehrt auch nur 
oberflächliche leetüre; auch ist zuzugeben, dass gewisse stilistische 
und sprachliche eigenheiten der Vit. Heliog. sich in der V. 
Alex, nicht wiederfinden. Jedoch drängt sich die frage auf: 
warum ist Iunius Cordus, der in der V. Clod. dreimal, in 
der V. Opilii einmal , in der vita Max. siebenmal , in der 
V. Gord. eilfmal, in den Vit. Max. et Balbini dreimal citiert 
wird , in der weit umfangreicheren Vit. Alexandri , in welcher 
eich sonst so häufig citate finden, auch kein einziges mal ci- 
tiert worden? Nun hörte mit dem Heliogabal für Lampridius 
die quelle zu fliessen auf, aus welcher der grösste theil der bio- 
graphieen von Hadrian bis zu Heliogabal geschöpft ist , das 
werk des Marius Maximus (s. S. S. Müller in Büdingers unters. 
III, p. 26 f.) , sodass also jedenfalls der V. Alexandri ein an- 
derer autor zu grund gelegt worden ist als der V. Helioga- 
bali. Ziehn wir daher in betracht erstens die abhängigkeit der 
biographieen des ersten theils von ihrer quelle, welche sich, wie 
dies besonders eine vergleichung der jedenfalls von verschiede- 
nen autoren verfassten V. Marci und Avidii lehrt, sogar auf 



Nr. 6. 157. Scriptores bist. Augustae. 303 

den Wortlaut ganzer sätze erstreckte, ferner die Verschiedenheit 
des Stoffes — , denn während Marius Maximus den Heliogabal 
als einen tief in lüste versunkenen menschen schilderte, suchte die 
quelle der V. Alexandri in diesem das ideal eines jugendlichen für- 
sten zu malen — endlich dass, wie Brocks selbst einräumt (p. 
14), einerseits beide viten in einzelnen eigenthümlichkeiten des 
satzbaus übereinstimmen, andrerseits aber ein unterschied des 
stils besteht zwischen der V. Alexandri und den drei folgen- 
den des Capitolinus (p. 20) : so wird kaum jemand in abrede 
stellen, dass so die Verschiedenheit zwischen der V. Heliogabali 
und der V. Alexandri ihre hinlängliche erklärung findet und 
kein zwingender grund vorliegt von der autorität der hand- 
schriften abzugehn. Die übrigen viten , welche diese dem Ca- 
pitolinus zuschreiben, Brocks theils dem Spartianus theils dem 
Lampridius, sind die des Pius, Marcus, Verus und Perti- 
nax, welche freilich nicht in das bild passen, welches dieser 
nach den W. Max. Gord., Max. et Balbini von der Schreibweise 
des Capitolinus gezeichnet hat. Dasselbe aber gilt nach dem 
eigenen zugeständniss des verf. (p. 20) auch von den V. 
Clodii und Opilii. Wenn er aber zur erklärung dafür, dass diese 
weniger schwülstig geschrieben sind , die benutzung anderer 
quellen anführt, so Hesse sich vielleicht dasselbe argument auch 
zu gunsten der übrigen in den handschriften unter dem namen 
des Capitolinus stehenden biographieen geltend machen. Es tritt 
aber ein zweiter nur noch bedeutsamer erscheinender grund 
hinzu. Die V. Max. Gord. und Max. et Balbini sind nämlich erst 
nach dem jähr 324 n. Chr. verfasst, die des Opilius aber 2 ) ebenso 
wie die des Marcus und Verus zwischen 292 und 305, wäh- 
rend über die abfassungszeit der V. Pii und Pertinacis nichts 
bestimmtes feststeht : sollte also nicht das unterdess vorgerückte 
lebensalter des vf. hinreichend die andere und verhältnissmässig 
bessere darstellungsweise in den drei letzten biographieen mo- 
tivieren? Zu bemerken ist dabei noch der entschiedene einfluss, 
welchen die inzwischen erschienenen bücher des Trebellius Pol- 

2) Brocks (p. 45) will Op. Macr. c. 15, 4 den Capitolinus den 
Constantin anreden lassen, während die handschriften „Diocletiane 
Auguste" lesen, um so die sämmtlichen nach seiner meinung von 
Capitolin verfassten viten in die zeit des Constantin setzen zu kön- 
nen, ein viel zu gewaltsames mittel, als dass man demselben bei- 
pflichten könnte. 



304 157. Scriptores bist. Augustae. Nr. 6. 

lio auf den stil des Capitolinus ausgeübt baben. Ein grosser 
tbeil der ausdrücke, welche Brooks als dem Capitolinus in sei- 
nen späteren biograpbieen eigen zusammengestellt hat, lässt 
sich auch aus Trebellius belegen. 

Ich verkenne allerdings keinen augenblick, dass diese aus- 
einandersetzung nicht ausreichen würde, um gegen die hand- 
schriften die biographieen ihren autoren zu vindicieren, wohl 
aber, um dieselben in ihrer durch die Überlieferung gegebenen 
Stellung zu schützen. Demnach bin ich nicht im stände mich 
den Brocks'schen ansichten über die Verfasser der biographieen 
anzuschliessen , erkenne es aber gern an, dass die erkenntniss 
des Sprachgebrauchs der Scriptores hist. Augustae um ein we- 
sentliches durch diese arbeit gefördert worden ist, und dass 
sich in den behauptungen manche ungenauigkeiten finden, soll 
diesem urtheil keinen eintrag thun ; z. b. gravare steht nicht 
allein in den von Brocks dem Spartian zugeschriebenen viten 
(p. 25 nusquam apud reliquos), sondern auch Heliog. 23, 3 und 
Alex. 34, 2 (abgesehn von Alex. 9, 7 in einer rede des kai- 
sers) , frequentare ausser den p. 26 aus Spartian angeführten 
stellen auch Avid. 5, 7. Heliog. 34, 6. Gord. 20, 6. 28, 3. 
32, 6; ordinäre auch Alex. 24, 1. Pertin. 11, 6; die trennung 
von ante — quam und prius — quam nicht nur bei Spartian son- 
dern auch Pertin. 14, 1. 14, 3. Get. 1,2; die hinzufügung 
eines überflüssigen idem vor eigennamen ausser bei Lampridius 
(p. 36) z. b. auch Did. 8, 8, Gord. 29, 6; species auch Marc. 
23, 9. Ver. 9, 6. Clod. 8, 2; die nur aus den viten des Lam- 
pridius belegte eigenthümliche aufzählung der omina (p. 38) 
ganz in derselben weise Alex. 13, 1. 

Das fünfte capitel ist überschrieben: Quae ratio in vi- 
tis Maximini et ßlii, Gordianorum, Maximi et Balbini inter Ca- 
pitolinum et Herodianum intercedat (p. 46 — 69). In demsel- 
ben werden die biographieen des älteren Maximinus , des 
älteren Gordianus und des Maximus und Balbinus in zwei 
theile geschieden, von denen der eine sich mit der herkunft, 
dem Charakter und dem privatleben beschäftigt, der andere 
res eorum iam imperantium berichtet. Der erste "tbeil sei aus 
anderen quellen zusammengesetzt, der zweite durchweg aus He- 
rodian geflossen, [omnia quae ad res principum in imperio gestas 
pertinent, ex Herodiano ßuxerunt p. 47). Abweichungen hätten 



Nr. 6. 158. Archäologie. 305 

tbeils in der sucht zu übertreiben , tbeils in der nachlässigkeit 
des Capitolinus ihren grund. Auch in diesem theile finden sich 
manche zutreffende bemerkungen; im allgemeinen aber kann 
man dem verf. nicht beipflichten : er hat die frage über das 
verhältniss des Capitolinus zu Herodian zu eng gefasst und es 
unterlassen, was durchaus nothwendig gewesen wäre, mit her- 
beiziehung der andern quellen zur geschichte dieser zeit die 
abweichungen des ersteren von dem griechischen geschichtschrei- 
ber zu prüfen, sonst würde er gefunden haben, dass nicht alle 
auf rechnung jener fehler des Capitolin zu setzen sind , dass 
vielmehr viele auf andere gewährsmänner zurückgehn und ihnen 
volle historische glaubwürdigkeit beizumessen ist, während He- 
rodian keineswegs immer das richtige giebt. Einer eingehen- 
den kritik dieses theils glaube ich mich entheben zu können, 
da ich abgesehen von kleinigkeiten mit den resultaten von K. 
Dändliker („die drei letzten bücher Herodians " bei Büdinger 
III, p. 203 — 318, s. bes. p 299-306) übereinstimme; er hat 
mehrfach die Untersuchung von Brock im einzelnen corrigiert 
und namentlich auf die Verschiedenheit des Standpunktes hin- 
gewiesen, von wo aus der auf der Senatspartei stehende Junius 
Cordus, neben Herodian die hauptquelle für Capitolin, und der 
dem Maximus günstig gesinnte Herodian die thatsachen dar- 
gestellt haben. Grössere autorität mass Capitolin dem ersteren 
bei und so ist es zu erklären 3 dass er mehrfach (s. Dändliker 
p. 304 f.) von den zwei verschiedenen angaben des Herodian 
die jenem kaiser günstige einfach ignorirt. 

H. P. 

158. Die Sammlung Cesnola. Beschrieben von Job. 
Do eil. Memoires de l'Academie Imperiale des sciences de St. 
Pe"tersbourg, Vlle Se"rie. Tome XIX, nr. 4. Mit siebzehn 
steindrucktafeln. Petersburg 1873. (76 ss. gr. 4). — 2 thlr. 
13 sgr. 

Seit mehr als einem Jahrzehnt sind in folge interessanter 
entdeckungen die äugen der alterthumsforscher wieder und wie- 
der auf die in vieler beziehung so merkwürdige insel Kypros 
gelenkt worden : erst ganz kürzlich noch wurde der gelehrten 
weit die überraschende künde, dass es dem trefflichen zu früh 
verstorbenen J. Brandis noch gelungen sei die ersten ent- 
Philol. Anz. VI. 20 



306 158. Archäologie. Nr. 6. 

scheidenden schritte zur entzifferung der kyprischen inschriften zu 
thun. Insbesondere aber wurde der kunstgeschichte neuer- 
dings wiederholt sehr werthvoller stoff von Cypern zugeführt. 
Ich erinnere nur an die durch Ross und Schönborn in das ber- 
liner museum gekommenen Cyprica (s. verz. der bildhauer-werke 
des berl. mus. Nachtrag von 1867, p. 36 — 50. Einzelnes 
daraus ist veröffentlicht von Gerhard , Ges. Abh. tfl. 47 und 
Stark, Arch. Ztg. 1863 tfl. 172), an die ergebnisse der ausgrabun- 
gen von Vogü£, s. Arch. Anz. 1863 p. 5 ff., ferner an die von 0. 
Jahn veröffentlichten sculpturen (Arch. Ztg. 1864 tfl. 188 und 
1867 tfl. 128), besonders auch an die schöne statue einer leier- 
6pielerin, welche Stark Arch. Ztg. 1870, tfl. 37 publiziert hat. 
Und gerade jetzt, wo ich diese zeilen schreibe, geht durch die 
Zeitungen die notiz von dem funde einer für eine Wasserkunst 
benutzten colossalstatue eines Herakles (s. Dethier in der köl- 
nischen zeitung vom 27 märz 1874 n. 96). 

Vorzugsweise aber war es der amerikanische consul auf 
Cypern, der general Luigi di Cesnola , der sich seit 1866 der 
alterthüraer der insel annahm und durch planmässige ausgra- 
bungen allmählich eine sehr bedeutende Sammlung zusammen- 
brachte, zunächst vornehmlich von thongefässen , terrakotten, 
glas- bronze - und goldsachen u. dgl. m. Man vgl. Arch. Ztg. 

1869 p. 64. 68 und 1870 p. 20 (auch den auetions - catalog 
von W. Froehner , Antiquitis Chypriotes provenant des fouilles 
faites en 1868 par M. de Cesnola. Paris 1870). Aus dieser 
Sammlung versahen sich mehrere der grossen europäischen mu- 
seen mit mehr oder weniger reichlichen probestücken kypri- 
scher kunst, so z. b. Berlin. S. das verzeichniss Arch. Ztg. 

1870 p. 121 fll. 

Diese auswählen wurden indess getroffen vor der wichtigsten 
entdeckung Cesnola's, der Offenlegung des sogenannten „tem- 
pels von Golgoi", welche im märz des jahres 1870 erfolgte. Es 
gelang damals dem spüreifer Cesnolas nicht weit von Larnaka 
(dem griechischen Kition) bei dem dorf Atienu in einer ge- 
gend , welche die bevölkerung noch heute Jorgos nennt und 
die schon früher von Vogüe" und Mas - Latrie als die gegend 
des alten Golgos oder Golgoi angesehen worden war, die grund- 
mauern eines oblongen gebäudes zu entdecken, an dessen bei- 
den langseiten auf noch vorhandenen mehr als 700 postamen- 



Nr. 6. 158. Archäologie. 307 

ten einst die raasse von kalkstein Skulpturen aufgestellt gewe- 
sen war, welche bei der entdeckung in buntem durcheinander 
den ganzen innern räum des gebäudes füllten. Was sich hier 
fand — alles aus jenem feinkörnigen kalkstein gefertigt, den 
uns schon die früheren kyprischen funde als das hauptsächli- 
che sculptur- material der dortigen kunstübung kennen gelehrt 
hatten — waren ,,statuen von den verschiedensten grossen, 
platten mit reliefdarstellungen und kyprischen inschriften, votiv- 
gegenstände, gefässe, lampen, bruchstücke architektonischer Ver- 
zierungen". 

Diese „sculpturen von Golgoi" wurden nun von Cesnola wie 
anderen museen so auch der kaiserlichen ermitage zu Petersburg 
zum kaufe angeboten. Dieselbe entsandte einen ihrer beamten, 
den Verfasser der uns hier beschäftigenden Schrift, Joh. Doell, 
nach Cypern ab mit dem auftrag die betreffenden alterthümer 
zu untersuchen , einen catalog derselben aufzunehmen und, je 
nach befund, Verhandlungen betreffs der erwerbung eines theils 
der Sammlung für die ermitage mit Cesnola einzuleiten. Diese 
Verhandlungen zerschlugen sich : aber der von Doli während 
seines achtwöchentlichen aufenthalts in Larnaka angefertigte 
catalog, mit siebzehn nach photographieen sorgfältigst ausge- 
führten steindrucktafeln vortrefflich ausgestattet, ist auf veran- 
lassung der petersburger akademie der Wissenschaften in oben 
genannter schrift veröffentlicht worden. 

Dieselbe enthält eine übersichtliche, bei den haupttypen ein- 
gehender verweilende beschreibung des ganzen bestandes , wel- 
chen das museum Cesnola im sommer 1870 hatte. Der cata- 
log enthält 7919 nummern, die natürlich nicht einzeln bespro- 
chen sind, sondern wegen der in so grosser anzahl vorkom- 
menden Wiederholungen der einzelnen bildungen zum grossen 
theil nur gruppenweise behandelt sind. Im besonderen ver- 
theilt sich der iohalt so: 1) kalkstein-bildwerke: a) Sta- 
tuen 1—230; b) köpfe 231 — 762; c) reliefe 763—784: d) 
verschiedenes 785 — 830; 2) m ar m or bil d w erke 831 — 836; 
3)terrakotten: a) Statuetten 837—991; b) köpfe 992 — 
1161; 4) thongefässe 1162—4063; 5) lampen 4064— 
5368; 6) glassachen 5369—7184; 7) goldsachen 7185 
—7468; 8) bronzesachen 7469—7919. 

Cesnola hat seine Sammlung nach London geschafft und sie, 

20 , 



308 158. Archäologie. Nr. 6. 

wie die Zeitungen melden, dort nach Amerika verkauft. In 
London ist nicht lange nach dem Doell'schen catalog folgendes 
werk erschienen , das ich noch nicht kenne : The Antiquities of 
Cyprus discovered (principally on the sites of the ancient Golgoi 
and Idalium) by Luigi Palma di Cesnola. Photographed by St. 
Thompson from a selection made by C. T. Newton. London 1873 
(ca. 30 thlr). 

Der catalog Doell's ist. augenscheinlich mit grosser ge- 
wissenhaftigkeit, Sorgfalt und sachkenntniss gearbeitet. Er be- 
schränkt sich auf die beschreibung des thatsächlichen : auf er- 
klärung und Charakteristik der einzelnen typen hat er sich 
nicht eingelassen: aber auch so ist die arbeit höchst schätzbar 
und für jeden der sich mit kyprischer kunst zu beschäftigen 
lust oder pflicht hat einfach unentbehrlich ; dies um so mehr, als 
etwa 260 bildwerke , die von besonderer Wichtigkeit an sich 
sind oder als proben ganzer reihen dienen, auf den bildtafeln 
sehr gut wiedergegeben sind. 

Freilich eine eigentliche erklärung der hauptmasse der ky- 
prischen bildwerke ist nach dem heutigen stände unseres Wis- 
sens nicht möglich, am wenigsten möglich einseitig vom Stand- 
punkt der griechischen areliäologie aus. Grade für Kypros, 
wo ägyptische, assyrische, phönizische und griechische cultur zu- 
sammentrafen und neben einander wirksam und thätig blieben, 
können wir der hülfe der Orientalisten nicht entrathen: selbst 
der hauptfund im „tempel von Golgoi" ist wie gleichartig er 
dem material nach (kalkstein) ist, ebenso ungleichartig was ge- 
genstände und namentlich auch den stil anlangt. Denn neben 
dem vorwiegenden, man könnte sagen, assyrischen stil in man- 
cherlei abstufungen findet sich ausser manchem nicht so kurz zu 
klassifizierenden, nicht weniges ägyptischen und griechischen 
stils , und zwar hier bis zum durchaus freien stil griechischer 
kunstübung herab. 

Wohin wir blicken in die tafeln, bieten sie dem kunstfreundo 
interessantes. Ich mache z. b. auf die schönen frauenköpfe 
t. 15, n. 14 und 17 aufmerksam, unstreitig griechische arbeit, aber 
z. b. doch mit fremdartiger haarbehandlung ; wie sich überhaupt, 
irre ich nicht, hier und da eine beeiuflussung des griechischen 
stils durch die orientalischen stile bemerkbar macht. Man ver- 
gleiche z. b. das relief tfl. 11, 6, welches die wegführung der 






Nr. 6. 158. Archäologie. 309 

durch den hirten Eurytion und seinen hund Orthros bewach- 
ten rinder des Geryon seitens des Herakles darstellt , welches 
ich assyrisch stilisirt nennen möchte. Die leierspielerin t. 6, 
3 erinnert an die bereits oben erwähnte von Stark publizierte, 
die gesichtsbildung der statue t. 6, 4 hat trotz der geschlechts- 
verschiedenheit in der bildung des untergesichts , namentlich 
des mundes und des kinnes , bedeutende Verwandtschaft 
mit jener Stark'schen leierspielerin. Noch mögen namentlich 
die statuen des Herakles t. 7, 9 und des Geryon 7,8 er- 
wähnt sein, ferner auch der kniende bogenschütz t. 7, 10, 
dessen linke körperhälfte , im profil gesehn, allein vorhanden : 
bemerkenswerth als extrem der bei den meisten kyprischen 
rundwerken beliebten yerfahrungsweise die rückseite nicht aus- 
zuarbeiten sondern abzuflachen. Diese sculpturen waren also 
für aufstellung an einer wand , beziehungsweise eiulassung in 
eine wand bestimmt und der befund im ,,tempel von Golgoi", 
wo über 700 postamente längs den beiden langwänden aufge- 
stellt waren, bestätigt dies vollkommen. Man erinnert sich hier- 
bei an ähnliches in der ägyptischen plastik , wo es gleichfalls 
regel ist dass das bildwerk mit der wand den Zusammenhang 
sich wahrt. — 

Mit dem interessanten kyprischen torso in Berlin (Arcb. 
Zeit. 1863 t. 172) vergleichen sich sehr gut wegen des merk- 
würdigen kostüms desselben die statuen t. 2, 7 u. 9 , wo wir 
gleichfalls auf dem mittleren streifen des Schurzes Medusenhaupt 
und ein geflügeltes schlangenpaar (auf 7) und ein schlanr 
geupaar mit der sonnenscheibe (auf 9) sehen: dass diese Orna- 
mentik auf Aegypten hinweist, lehrt noch ausdrücklich der 
auf t. 9 wohlerhaltene „Pschent". — Das architektonische bruch- 
stück nr. 826 (t. 13, 16) — zwei abgekehrt von einander 
liegende löwen, unter ihnen die geflügelte sonnenscheibe — ist 
ein gegenstück zur krönung der berühmten stele mit doppel- 
spracbiger Inschrift (griechisch ndgvi I^aC und kyprisch) von 
Atienu. — Auch zur frage nach der polychromie der alten 
sculptur geben diese denkmäler eine masse neuer einzelheiten. 
— Die tafeln 16 und 17 bieten ausser anderem proben aus ei- 
ner sehr grossen menge sog. „alteuropäischer" vasen, welche 
gerade jetzt durch A. Conze's anregung die forschung beson- 
ders beschäftigen: ja sogar die gefässe, auf denen neulich 



310 159. 160. Geschichte der philologie. Nr. 6. 

Schliemann den wahrhaftigen urtypus der 'Ad?]vu yXavxiänig 
der erstaunten weit nachgewiesen hat, finden hier genossen: 
t. 16, 24. — Endlich noch eine einzelne bemerkung. Unter 
den wenigen marmorwerkeu der Sammlung Cesnola befindet sich 
ein bei Larnaka gefundener Sarkophag (t. 12, 10), auf welchem 
zwei stiere abgebildet sind, die, namentlich der rechts für 
den beschauer stehende, durch höcker auffallen (wenn auch 
nicht so sehr wie der stier auf der sog. apotheose des Homer 
im britischen museum). Ebenso sieht mau solche höcker an 
thieren der herde des Geryon auf dem schon oben er- 
wähnten relief t. 11, 6, danach waren die kyprischen och- 
sen den syrischen und karischen ähnlich, welche von Aristote- 
les Hist. anim. 8 , 28 (und dazu Aubert und Wimmer 1 , 65 
und 2, 194) und Plinius HN. 8, 179 als buckelochsen beschrie- 
ben werden. Engel (Kypros 1, 69) sagt dass gerade auch die 
kyprischen ochsen höcker gehabt; bestimmte Zeugnisse dafür 
sind mir nicht zur hand. 

L. Schwabe. 



159. J. Vahlen, Loreuzo Valla. Ein Vortrag. 8. (Zweiter 
abdruck aus dem almanach der kaiserlichen akademie der Wis- 
senschaften zu Wien vom jähre 1864.) Berlin 1870, verlag 
von Franz Vahlen. 63 s. 

160. Laurentii Valiae opuscula tria. Wien in commission 
bei Karl Gerold's söhn, 1869. 3 hefte mit durchgehender Sei- 
tenzahl (205 s.). (Besonders abgedruckt aus dem januar- märz- 
und junihefte 1869 der Sitzungsberichte der philol. - historischen 
classe der kaiserlichen akademie der Wissenschaften.) 

Durch ein eigenthümliches zusammentreffen steht der ita- 
lienische humanist der ersten' hälfte des 15. Jahrhunderts Lau- 
rentius Valla unmittelbar neben Reuchlin als bahnbrecher der 
reformation von seiten des wiederorweckten Sprachstudiums. 
Während jeuer durch seine 1506 erschienenen Rudimenta he- 
braica den Schlüssel zum bessern verstäuduiss des alten testa- 
ments lieferte, hatte im jähre vorher Erasmus zum ersteu male 
eine von ihm in italienischen bibliotheken aufgefundene, fast in 
gleicher weise für das neue testament bahnbrechende arbeit 
Valla's durch den druck veröffentlicht. Der titel lautet: Laut. 
Vallcnsis in latinam Novi Tcstamenti interpretationcm ex collationc 






Nr. 6. 159. Geschichte der philologie. 311 

graecorum exemplarium adnotationes apprirne utiles. Paris. 1505, 
fol. Diese schrift erschien 61 jähre nach ihrer abfassung, fast 
50 jähre nach ihres Verfassers tode und gab Erasmus den an- 
stoss zu weiteren ausserordentlich fruchtbaren Studien auf dem 
gleichen gebiete, als deren resultat 1516 die erste ausgäbe sei- 
nes neuen testaments mit verbessertem texte und neuer latei- 
nischer Übersetzung erschien. Sowohl in diesem buche , als in 
den sich anschliessenden lateinischen paraphrasen stand er auf 
den schultern Valla's. Vergl. Erhard, geschichte des wieder - 
aufblühens wiss. bildung II, p. 534 ff. 

Hiermit ist nur auf eine von den vielen anregenden und 
wirkungsreichen leistungen des mannes hingewiesen, mit den 
sich die beiden publicationen Vahlens beschäftigen und der wohl 
vor allen italienischen humanisten am meisten in Deutschland 
eine ausführliche biographie verdiente. Die erste dieser Schrif- 
ten ist nur ein wörtlicher Wiederabdruck eines 1864 in einer 
feierlichen sitzung der wiener academie gehaltenen und sodann 
nur in einer geringen zahl von separatabdrücken verbreiteten 
Vortrags. Und in der that verdiente der Vortrag die republi- 
kation in hohem grade. Wenn man die dürftigen notizen bei 
Erhardt und Raumer über Laur. Valla vergleicht , bei denen 
selbst über die äusserlichsten dinge, wie geburts - und todes- 
jahr, die auffälligsten discrepanzen herrschen und von einer ein- 
gehenden Würdigung seiner leistungen keine rede ist, wird man 
erst das verdienst dieser auf umfassender kenntniss beruhen- 
den geistvollen skizze vollkommen zn schätzen wissen. 

Ausgehend von der bemerkung, dass das erste auftreten 
des humanismus durchaus noch nicht die mittelalterliche tradi- 
tion in den fachdisciplinen gebrochen , andrerseits aber es dem 
auf dilettantischen genuss und nachahmung der alten gerichte- 
ten humanismus an einem demente der forschung gebrach, aus 
dem sich eine philologische Wissenschaft hätte entfalten kön- 
nen, setzt der verf. Valla's verdienst darin , diese aufgäbe er- 
griffen und ihr in einer vielseitigen kritik genüge geleistet zu 
haben. 

Ein ehrgeiziger und leidenschaftlicher, auch wohl schroffer 
Charakter, den in einem falle der ehrgeiz sogar zur gesinnungs- 
losigkeit verleitet, steht er doch gegenüber der kleinlichen ei- 
telkeit und giftigen bosheit eines Poggio als eine erheblich 



312 159. Geschichte der philologie. Nr. 6. 

viel noblere erscheinung da, während er nach der intellectuel- 
len seite mit einem scharfen und etwas derb realistischen ver- 
stände begabt ist. 

Geboren in Rom 1407, hatte er gleich bei seinem jugend. 
unterrichte das glück, auch einen auf griechischem boden gebilde- 
ten lehrer des griechischen in Giovanni Aurispa zu finden und 
hat denn auch seine , freilich dem lateinischen gegenüber zu- 
rücktretende kenntniss des griechischen nachher nicht nur in 
seinen neutestamentlichen und aristotelischen Studien, sondern 
auch in einer reihe meist auf anregung Nicolaus V unternom- 
mener Übersetzungen aus Homer, Demosthenes, Herodot und 
sogar des ganzen Thucydides verwerthet. 

Von seinen arbeiten nichtphilologischen Charakters, die 
sich, die verknöcherte fachtradition des mittelalters bekämpfend 
oder in geschmackvoller form neues schaffend, auf die gebiete 
der theologie , philosophie , Jurisprudenz und geschichte erstre- 
cken, mögen hier nur einige der wichtigsten hervorgehoben 
werden. 

Auf theologischem gebiete erstreckte sich seine kritik nicht 
nur auf den eigentlich von niemand im ernst für echt gehalte- 
nen briefwechsel Christi mit dem könig Abgarus von Edessa und 
auf die fabel von der composition des apostolischen Symbols, 
dessen apostolischen Ursprung er überhaupt in abrede stellte, 
sondern vor allem gehört hierher die glänzend durchgeführte 
kritik der Konstantinischen Schenkung , die sich bei ihm zum 
vollständigen erweise der unrecbtmässigkeit der weltlichen herr- 
schaft des papstes erweitert und schliesslich in eine im dante- 
schen geiste gehaltene anklage gegen die herrschaft und die 
forderung, derselben zu entsagen, zuspitzt. Das werk wurde 
noch bei seinen lebzeiten veröffentlicht. 

Ein theologisch -philosophisches werk, das noch Leibnitz 
für würdig hielt, um es in seine Theodicee aufzunehmen, sind 
die dialoge von der lust, in denen er gegen die seit Boethius in 
der kirohe eingebürgerte stoische tugendlehre kämpfte und die 
christliche auffassung vom jenseitigen lohne der tugend als 
vielmehr dem epikuräismus recht gebend nachwies. Auch den 
nachweis, dass die göttliche präscienz die menschliche Willens- 
freiheit nicht störe, hat er in ähnlicher form geführt. Endlich 
verdient bemerkt zu werden , dass er der erste war , der in 



Nr. 6. 160. Geschichte der philologie. 313 

einschneidender weise gegen die das mittelalter knechtende ty- 
rannei der pseudoaristotelischen logik zu felde zog, wobei er 
freilich auch den wahren Aristoteles in allen grundbegriffen 
seines Systems wacker zaust. 

Auf philologischem gebiete sind sein bauptwerk die Ele- 
gantiae latini sermonis , die erste genauere fixirung des streng- 
klassischen Sprachgebrauchs. Wir begegnen hier bei Vahlen p. 
15 ff. dem ausgezeichnet interessanten nachweis, dass der hu- 
manismus eigentlich es ist, der die lateinische spräche zu einer 
todten gemacht. Während des mittelalters hatte sie als eine 
lebende fortvegetirt und sich stetig den bedürfnissen derer, die 
sie als vehikel der mittheilung benutzten, angepasst, wodurch 
sie freilich eine gewisse monstrosität erlangte. Durch die for- 
derung der zurückfiihrung auf die klassischen muster wird die- 
ser fortbildungsprocess abgeschnitten und durch das Wiederauf- 
leben des klassischen latein wird nur ein Scheinleben erzeugt, 
das „dann in langsamem hinschwinden dem recht des lebenden 
für immer weicht". Die ursprünglichen Elegantiae erhielten 
nachher aus den zahlreichen Streitschriften Valla's auch über 
stilistische fragen noch bedeutende zusätze und bestanden schliess- 
lich aus zwölf büchern. Auch hier erscheint Valla durchaus 
als kritiker nicht nur der vulgärlateinischen Wendungen, die 
dem stile der humanisten vielfach noch anklebten, sondern 
anch der alten sowohl wie der mittelalterlichen grammatiker, 
ersterer besonders auch in bezug auf ihre traurigen etymolo- 
gien. Auch die barbareien der theologischen , philosophischen 
und juristischen kunstsprache finden ihre gebührende Würdi- 
gung. Die Elegantiae haben nach Raumer von 1471 — 1536, 
neun und fünfzig auflagen erlebt. 

Ausserdem hat sich Valla als philologe um die Livianische 
textkritik verdient gemacht. 

Die hübschen Schilderungen von dem gelehrten zusammen- 
leben im felde und am hofe unter der aegide des königs Al- 
fonso von Neapel, ebenso wie das sonstige biographische detail 
muss ich kürze halber übergehen. 

Die zweite schritt, der wiener akademie vorgelegt in der 
flitzung vom 18. jan. 1868, bringt bedeutende ergänzungen zu 
der ersten und neue bausteine für eine künftige biographie 
Valla's, deren die vorrede zu nr. 1 noch mehrere in aussieht 



314 Theses. — 161—163. Neue auflagen. Nr. 6. 

stellt. Die grundlage dieser neuen mittheilungen bildet ein 
von prof. Reifferscheid für den verf. entworfenes verzeichniss 
des in den italienischen bibliotheken von Valla handschriftlich 
vorhandenen. Dabei sind denn drei bisher ungedruckte Schrif- 
ten Valla's zu tage gekommen, nämlich 1. eine in Rom gehal- 
tene rede zur lobpreisung der lateinischen spräche, 2. ein dia- 
log de professione religiosorum , 3. eine lateinische Übersetzung 
von Demosthenes rede de corona. Es wird zunächst p. 2 — 12 
eine kurze besprecbung dieser drei Schriften gegeben. , Hieran 
schliessen sich zunächst in fünf excursen (p. 13 — 148) genaue 
einzeluntersuchungen über manche das leben, den verkehr und 
besonders die schriftstellerische thätigkeit Valla's betreffende 
punkte an, die werthvolle vorarbeiten für eine biographie bil- 
den, und sodann p. 149 — 205 die drei opuscula selbst. 

Schliesslich kann wiederholt versichert werden, dass uns 
das leben und wirken des für die gesammte entwicklung des 
geisteslebens und der Wissenschaft, so wie insbesondere für die 
begründung einer philologischen Wissenschaft so bedeutenden 
mannes noch nirgends so nahe gerückt worden, wie durch die 
beiden arbeiten Vahlen's. Die Schmidtsche encyklopädie hat 
keinen artikel über ihn. 

A. Döring. 

Thcscs. 

Quaestionum Lysiacarum specimen. Uissertatio . . quam consensu ... 
philosophorum ordinis in academia Fridericiana Halensi . . . defendet 
A. God. Sachse . . .: 2. Lys. or. c. Erat. §.50 cum Lipsio ?*» reo köyat 
scribendum credo ; 3. ib. inter verba ccvtwv et XQ*i" enuntiatum quod- 
dam intereidisse; 4. Aeschinis oratio in Ctesiphontem, qualem nunc 
habemus, scripta est, postquam Demosthenis oratio de corona edita 
est; 5. Eurip. Med. 234 scribendum est: Ictßtlv. xa/.ov yag tovi ti 
älyiov xctxöv; 6. ib. v. 259 scribendum est: roaövdt cT oZv aov 
Tvy%ävtt<v ßovkrjaofxai: 



Neue auflageu. 

161. Freund, präparation zu Sophokles werken. 7. heft. 2. aufl. 
16. Leipzig, Violet; 5 sgr. — 162. W. Vollmer, Wörterbuch der 
mythologie. 3. aufl. 7. Ifrg. 8. Stuttgart, Hoff'mann; 10 ngr. 

Neue Schulbücher. 

163. H. Bone , lateinische dichter. Eine auswahl für den schul- 
gebrauch. 3. thl. Horaz. 8. Cöln. Du Mont Schauberg; 20 gr. — 



Nr. 6. Bibliographie. 315 

164. C. JE. A. Grübet, neue praktische anleitung zum übersetzen aus 
dem deutschen ins lateinische. 20. aufl. 8. Halle, Anton; 20 gr. — 

165. M. Seyffert , niaterialien zum übersetzen ans dem deutschen ins 
lateinische. 6. aufl. 8. Leipzig, Holtze; 24 gr. — 166. C. A. Halbe, 
regeln und Wörterverzeichnisse zur begründung einer einheitlichen 
lateinischen Orthographie. 2. aufl. Hannover. Hahn; 6 ngr. — 167. 
//. Heskamp, etymologisches vocabularium für sexta und quinta. 8. 
Hildesheim, Lax; 6 gr. — 168. W. Stahlberg, leitfaden für den Un- 
terricht in der Weltgeschichte; 7. aufl. 8. Berlin. Duncker ; 12 gr. — 
169. Leitfaden für den Unterricht in der kunstgeschichte , der bau- 
kunstbildnerei, maierei und musik. 3. aufl. 8. Stuttgart. Ebner; 
1 thlr. 



Bibliographie. 

Ein interessanter artikel ist im Börsenbl. n. 119 : »meine oster- 
mess- reise«, der ein licht auf das treiben der herren buchhändler bei 
ihren Versammlungen fallen lässt. 

Es wird nächstens erscheinen : Gli scavi della certosa di Bologna des- 
critti ed illustrati dal C av. Antonio Zannoni ingegnere - architetto 
capo municipale e socio di varie accedemie archäologische , technische 
e letterarie. In bezug darauf ist uns folgende notiz zugegangen , die 
wir hier veröffentlichen in der hoffnung so der absieht des geehrten 
herrn briefstellers am besten zu entsprechen« : Cavaliere A. Zannoni 
hat mir exemplare der programme seines wichtigen werkes übersandt 
mit dem ersuchen , denselben in Deutschland Verbreitung zu geben. 
Da ich nun gelegenheit gehabt habe, mich von der Sorgfalt und sach- 
kenntniss zu überzeugen, mit welcher derselbe die ausgrabungen von 
La Certosa geleitet und sein werk vorbereitet hat , so erlaube ich 
mir, die redaction des Philologus ergebenst zu bitten, dasselbe durch 
eine anzeige dieses programms fördern zu wollen. Hochachtungsvoll 

W. Corssen. 

Im verlag von S. Hirzel in Leipzig ist erschienen: Gaii in- 
stitutionum commenlarii quatiuor. Codicis veronensis denuo collati apo- 
graphum confecit et iussu academiae regiae scientiarum berolinensis 
edi.lit Guüelmus Studemund. Accedit pagina codicis veronensis pho- 
tographice efßcta. Gr. 4. Eleg. geheftet. Preis: 12 thlr. In die- 
ser ausgäbe erscheint Gaius in seite auf seite , und zeile auf zeile 
diplomatisch getreu wiedergebendem faesimile- druck. Es wurden 
nämlich nach der Photographie des einzigen nicht rescribirten blat- 
tes in der druckerei von Breitkopf und Härtel die typen geschnitten, 
indem gegenüber den selbstverständlich nicht völlig gleichförmigen 
zügen der handschrift möglichst durchschnittsformen hergestellt wur- 
den. Die abkürzungen sind sämmtlich sorgfältig wiedergegeben. Die 
zweifelhaften buchstaben erscheinen schraffirt. Die lücken sind ge- 
nau bezeichnet, auch das nur nach den früheren collationen wieder- 
gegebene durch klammern unterschieden. Die in den bisherigen aus- 
gaben so lästigen massenhaften Varianten haben nach einsieht des 
Originals grösstentheils beseitigt werden können; nur an den stellen 
sind sie stehen geblieben, wo auch dem neuesten herausgeber mehr- 
fache lesungen zulässig erschienen oder wo die mehrfachen lesungen 
der früheren herausgeber nicht am original nachgeprüft werden konnten. 

Ausgegeben ist am 15. mai das erste heft der Revue bibliogra- 
phique de phüologie et d'histoire. Recueil mensuel publie par la librai- 
rie JErnest Leroux: es umfasst jedes heft nach dem jetzigen plan 
einen oder zwei druckbogen : die erste hälfte enthält anzeigen , die 



316 Bibliographie. Nr. 6. 

zweite bibliographie ; die zweite ist wie es scheint sorgfältig gear- 
beitet; die erstere dagegen ohne bedeutung für uns, da die anzeigen 
äusserst kurz sind und mehr auf die neuere zeit berechnet zu sein 
scheinen: der inhalt des ersten heftes zeigt das: nach einer 1. kur- 
zen bemerkung des herausgebers folgt anzeige von 2. grammaire de 
la langue i tongouse; par Luden Adam; von 3, anciens proverbes 
basques et gascons, receuillies par V oltoir e ; und 4. Voyage en Asie 
par T h. Dur et. 

Der von Ed. Baldamus herausgegebene und im vorigen jähre im 
verlag von J. J. Weber in Leipzig erschienene deutsche zeitschriften- 
-kata/og, ein systematisch geordnetes verzeichniss der in Deutschland, 
Oesterreich-Ungarn und der Schweiz erscheinenden wissenschaftlichen 
und unterhaltenden Zeitschriften und Jahrbücher , abhandlungen und 
Jahresberichte gelehrter gesellschaften und wissenschaftlicher vereine, 
kalender, ranglisten, fach-, adress- und staats - handbücher , ostern 
1874« liegt jetzt bereits in einer zweiten aufläge (XX., 243 s.) vor. 
Diese zweite aufläge führt, anstatt der 2019 titel der ersten 2219, 
also gerade 200 titel mehr auf. In der bisherigen einrichtung des 
katalogs ist übrigens nichts verändert, nur in der rubrik der adress- 
bücher sind die städte-adressbücher in wegfall gekommen. Die er- 
wähnten 2219 publikationen vertheilen sich auf 29 länder mit 221 
städten, wovon allein auf den preussischen staat mit 91 Städten 806 
und auf das königreich Sachsen mit 20 städten 427 entfallen. Neue 
zugaben bilden diesmal die »postalischen bestimmungen über die 
Versendung von drucksachen« und der »entwurf des reichs - pressge- 
setzes«, wie derselbe seiner zeit vom bundesrath dem reichsrathe vor- 
gelegt worden ist. D. Reichsanz. n. 120. 

Im verlage von J. Engelhorn in. Stuttgart wird erscheinen: Ita- 
lien, eine Wanderung von den Alpen bis zum Aetna. In Schilderun- 
gen von Karl Stieler, Eduard Paulus, Woldemar Kaden, mit bildern 
von Gr. Bauernfeind, A. Calame , G. Closs, L. Dill, B. v. Fiedler, L. 
Heilbuth, A. Hertel, E. Kanoldt, H. Kaulbach, W. v. Kaulbach, F. 
Keller, E. Kirchner, Lindemann-Frommel, A. Metzener, L. Passini, P. 
F. Peters, R. Schick, GL Schoenleber, F. Skarbina, A. v. Werner und 
anderen. — Die ganze ausstattung ist ausgezeichnet. Das ganze ist 
auf 24 lieferungen berechnet, wird auf ungefähr 400 Seiten, in gross- 
folio, mindestens 70 grosse kunstblätter in tondruck und mehr als 
300 in den text gedruckte bilder , sämmtlich in holzschnitt ausge- 
führt, enthalten. Monatlich erscheinen 1 bis 2 lieferungen, so dass 
das werk bis zum herbste des nächsten Jahres vollständig sein wird. 
Der preis einer lieferung ist 2 mark = 20 sgr. = fl. 1. 10 kr. südd. 
Die subscribenten verpflichten sich zur annähme des ganzen werkes. 
Die erste lieferung ist in jeder buch- und kunsthandlung zur ansieht 
aufgelegt, wo auch bestellungen angenommen und sofort ausgeführt 
werden. 

Von der Prachtausgabe der culturbilder »aus altrömischer zeit« 
(Berlin, gebrüder Pätel) liegt die zweite lieferung vor, welche der 
ersten weder an eleganz der ausstattung, noch an gediegenheit des 
inhaltes nachsteht. Theodor Simons und Alexander Wagner haben 
es vereint unternommen, durch eine reihe von poetisch erfassten und 
abgerundeten novellen, deren eindruck durch künstlerisch ausgeführte 
illustrationen effectvoll gehoben wird, dem gebildeten laien die cul- 
tur des römischen volkes in verschiedenen Jahrhunderten zu veran- 
schaulichen. Ein »gastmahl bei Lucullus« im jähre 74 v. Chr. geb., 
fesselnde sittengemälde , deren dichterischer werth durch die biswei- 
len merklich hervortretende , belehrende absieht nur wenig beein- 



Nr. 6. Kleine philologische zeitung. 317 

trächtigt wird, gewähren einen tiefen einblick in die sybaritische 
schwelgerei, aber auch in die bodenlose sittenverderbniss des entnerv- 
ten geschlechts. Erläuternde anmerkungen bezeugen die historische 
treue der Schilderungen. Das empfehlenswerthe werk bietet gemein- 
same gelegenheit zu lehrreichen studien wie zu ästhetischem genusse, 
im besten sinne , utile cum dulci. Wochenbericht, p. 202. 

Es ist erschienen : Ausgewählte werke aus dem verlage der Weid- 
mannschen buchhandlung in Berlin , 52 ss. , die werke sind zumeist 
philologische und ist mit ausnähme der textausgaben jedem buch eine 
kurze Charakteristik zugefügt. Wir machen auf dies verzeichniss 
ganz besonders aufmerksam. 

Cataloge von antiquaren : Kirchhoff und Wiegand t in Leipzig an- 
tiquarisches bücherlager, nr. 413 für juni 1874; Bibliotheca philolo- 
gica et orientalis meist aus dem nachlasse von Dr. Joh. Brat 
verkaufen durch J. A. Star gar dt in Berlin. 



Kleine philologische zeitung. 

Rom, den 26. april. H. Dressel zu Rom, der sich seit längerer 
seit mit dem Monte Testaccio beschäftigt hat, ist so glücklich gewe- 
sen, daselbst eine grössere anzahl schwarzer pinselinschriften auf am- 
phorenscherben zu finden, von deren existenz man bisher nichts 
wusste. Ausserdem hat er eine ansehnliche zahl von töpferstempeln 
gesammelt, so dass mit der zeit ein material zusammenkommen dürfte, 
das nicht nur über die geschichte des Testaccio sondern auch über 
die handelsverhältnisse des alten Roms neues licht bringen wird. 
Inzwischen ist Dressel vom archäologischen institut aufgefordert wor- 
den, die bisherigen resultate für die Annali zu verarbeiten. 

Reims, 1. mai. Auf dem vor den thoren der stadt gelegenen 
»Schatzfelde« fand man beiläufig 100 vasen aus der zeit der Cäsaren ; 
diejenigen von glas zeichnen sich hauptsächlich durch feine austührungen 
aus. Die bronce-armbänder , welche aufgefunden wurden, sind eben- 
falls sehr geschmackvoll gearbeitet. Eine masse silber- und kupfer- 
geldes mit den bildnissen der verschiedenen kaiser, busennadeln und 
haarnadeln in bronce, schildkrot und elfenbein , ringe mit werthvol- 
len steinen, stilete, goldene Spielmarken , todtenurnen , und stei- 
nerne sarge wurden gleichfalls gefunden. 2V a meter tiefer stiess 
man auf den sarg einer vestalin, worin sich vier gefässe befanden, 
in einem derselben weihrauchkörn er. Die griffe der gefässe haben 
schlangenform und es befanden sich auch silberne löffelchen dabei, 
die offenbar beim gebrauche des Weihrauchs dienten. Am halse hatte 
die leiche ein halsband, welches aus 10 silbermünzen bestand, wel- 
che mit den bildnissen der kaiser Gallus , Probus, Claudius und Va- 
lerianus geschmückt sind. Ferner befanden sich noch kostbare arm- 
bänder im sarge. Sämmtliche gegenstände wurden in das städti- 
sche museum von Reims gebracht. Deutscher Reichsanz. nr. 108. 

Köln, 18. mai. Ueber die arbeiten der Rohlfs 'sehen expedition 
in die libysche wüste wird vom prof. Zittel folgendes mitgetheilt : die 
libysche wüste ist jedenfalls der ödeste und trostloseste theil der 
ganzen Sahara; für Aegypten besitzt sie höchstens als bollwerk ge- 
gen angriffe von westen her einen gewissen strategischen werth. 
Eine bewässerung und besiedelung der eigentlichen wüstenstriche wird 
niemals möglich sein, und auch den oasen fehlen wegen ihrer abge- 
schiedenheit die bedingungen zu einer blühenden entwickelung. Hätte 



318 Kleine philologische zeitung. Nr. 6. 

die libysche expedition praktische zwecke zu verfolgen gehabt, so müsste 
sie als gescheitert betrachtet werden, allein an derartige absichten hatte 
weder der Khedive bei bewilligung der reichen geldinittel noch der 
führer der expedition bei vorläge seines planes gedacht. Um so er- 
freulicher erweist sich der rückblick auf die wissenschaftlichen ergeb- 
nisse. Die expedition hat nahezu 250meilen zumeist auf ganz neuen 
wegen zurückgelegt und über die bereisten strecken eine karte her- 
gestellt, auf welcher alle wichtigeren punkte astronomisch bestimmt 
sind. Der topographie und namentlich den höhenverhältnissen wurde 
besondere aufmerksamkeit gewidmet, beobachtungen über temperatur, 
barometerstand, luftfeuchtigkeit, ozongehalt in grosser regelmässigkeit 
angestellt. Unerwartet reich gestaltete sich die geologische und pa- 
läontologische ausbeute; statt einer einförmigen decke von nu- 
muliten-kalk und sand , welche man nach den vorhandenen anga- 
ben zu vermuthen hatte, fanden sich kreide-, eocän- und miocän- 
formation in mannigfaltiger gliederung mit einem überfluss an präch- 
tig erhaltenen Versteinerungen. Die flora der wüste und insbe- 
sondere der oasen wurde von professor Ascherson erforscht, und 
auch zahlreiche zoologische gegenstände , namentlich insekten, be- 
finden sich unter den reichhaltigen Sammlungen , welche alle be- 
reits glücklich am Nil angelangt sind. Nicht geringes interesse ver- 
dienen jedenfalls auch die schönen Photographien von wüstenland- 
schaften, von antiken und modernen bauwerken in den oasen und 
von menschlichen typen , welche Remele in grosser zahl hergestellt 
hat. Deutsch. Reichsanz. nr. 118. 

In der wissenschaftlichen beilage der Leipziger Zeitung nr. 43 
ist fortgesetzt der artikel: »Römische ausgrabungen« (neue folge). 

Athen, 16. mai. Von Olympia ist der hiesige professor Mtßonas, 
welcher das deutsche archäologische komite zur ausgrabung dorthin be- 
gleitete, zurückgekommen. Nach dem, was wir von ihm erfahren, 
sind durch vorläufige besichtigung und Untersuchung als sichere Ob- 
jekte und stellen der ausgrabungen feststehend der tempel des Zeus, 
wo schon die Franzosen bei gelegenheit der expedition nach Morea 
vorgearbeitet und die schöne metope von Herkules, der den stier er- 
legt, für das museum des Louvre erworben haben , dann der abhang 
des berges Kronos, an den sich das heilige Wäldchen Altis (pelasgisch ?) 
für «Atroff, hicus hain) mit dem stadium, dem theater und dem Hip- 
podrom anschliesst , wo noch Pausanias tausende von bildsäulen sah, 
und deren reste jetzt hohe erde bedeckt, ein einziges piedestal aus- 
genommen , auf dem man noch die fussmarken der darauf gestande- 
nen statue sieht, und deren inschrift Beule publizirt hat. Alles 
übrige lässt sich erst im verlaufe der ausgrabungen bestimmen, die 
jedenfalls den kosten entsprechende resultate für Wissenschaft und 
geschichte der kunst ergeben werden. D. Reichsanz. n. 125. 

Kertsch. Die ausgrabungen werden hier fortgesetzt und fand 
man nach dem Journal de St. Petersbourg ein mit einer Steinplatte 
verschlossenes grab, welches zwei kupferne urnen enthielt, in deren 
einer asche, in der andern mehre kleine metallene gegenstände wa- 
ren, eben so in dieser andern eine mit türkisen und smaragden be- 
setzte schwertscheide und eine goldne münze mit dem profil eines 
männlichen kopfes und der Umschrift: Btävvict. BactXfig Aval/taftos. 
Deutsch. Reichsanz. n. 124. 

In der Academy nr. 15 äussert sich Max Müller über die oben 
nr. 5. p. 271 erwähnten deutungsversuche der Schliemann'schen in- 
6chriften: er hält sein urtheil zurück, da er die kyprischeu buchsta- 
ben noch nicht genau kenne. 



Nr. 6. Kleine philologische zeitung. 319 

Athen. In dem process der türkischen regierung gegen Schlie- 
mann — s. ob. nr. 5, p. 270 — ist nun ein schritt vorwärts gesche- 
hen. Iu fragen der beschlagnahme gilt in Griechenland das seit 
Otto's regierung waltende bayerische gesetz. Nach demselben ist ein 
detaillirter katalog, stück für stück nöthig. Bei der mühsamen an- 
fertigung des kataloges stellte sich als richtige zahl, basirend auf 
den publicationen Schliemanns , die letzte nummer 12,711 heraus, 
ohne die dinge zu rechnen von welchen gesagt wird dass sie in 
masse sich vorgefunden. Im übersichtlichen detail sind gefunden 
worden: an knochen und elfenbein 180 stück, an terracotta und tö- 
pferwaaren 2601 stück, in marmor und stein 779 stück, in metall 
9151 stück, und zwar von edlem metall in silber: 2 nadeln, 6 arm- 
bänder, 3 ringe, 4 bürstchen, 3 schalen, 1 becher, 6 henkellose ge- 
fässe, 2 näpfe, 1 deckel, 6 stangen, 1 medaille und 2 unbestimmte 
objecte ; in gold : 1 messer, 2 kredemnen (frauenkopfschmuck), 1 dia- 
dem, 1 agraffe, 1 nadel, 6 armbänder, 2 ringe, 68 ohrringe oder ge- 
hänge, 8701 perlen etc., 2 becher , 1 zweihenkeliges gefäss, 1 platte 
und 3 unbestimmte gegenstände, ferner in elektron (bernstein): 5 ohr- 
ringe und 2 becher. Beil. zur Augsb. Allg. Ztg. nr. 150. 

Wir machen aufmerksam auf die italienische Zeitschrift: Eivista 
di Filologia e d'istruzione classica. Direttori G. Müller e D. Peppi, 
seit december 1873 Domenico Comparetti , Giuseppe Müller, Gio- 
vanni Fleckia. Gio. Maria Bertini. Anno I (1812). Fasciculo 1° — 
i2°, anno 11(1873). Fascicolo 1° - 6°. — Torino, Ermanno Loe- 
scher. Mit der politischen Selbständigkeit Italiens ist auch auf dem 
gebiete der classischen philologie ein neues leben erwacht. Jenes 
laad, von dem vor einer reihe von Jahrhunderten die ganze weit die 
anregung zu den humanistischen studien empfangen hatte, konnte sich 
mit geringen ausnahmen in neuerer zeit gerade keiner besondern blü- 
the der philologischen studien rühmen und während in allen andern 
civilisirten ländern die philologie in zahlreichen Zeitschriften vertre- 
ten war, fand sich in Italien, nach dem alle ausländer strebten , um 
sich anregung für ihre Studien zu holen, kein einziges organ dieser 
Wissenschaft. Der rühm diese lücke ausgefüllt zu haben gebührt ei- 
nem Deutschen, Joseph Müller, professor in Turin, welcher seit dein 
juli 1872 in gemeinschaft mit einigen andern in monatlichen heften 
die oben angeführte Zeitschrift herausgiebt. Der inhalt ist sowohl 
der strengen Wissenschaft gewidmet als auch den auseinandersetzun- 
gen und Vorschriften über den Unterricht an höhern lehranstalten. 
Auf beiden gebieten finden wir tüchtige leistungen vertreten. Ja 
auch Deutsche ausser Müller haben sich an diesem unternehmen be- 
theiligt. So schrieb Mommsen I, p. 122 ff.: di uri iserizione grafßta 
nel Museo d'antichita dell' Ateneo toronese, I, p. 249 in einem briefe an 
Carlo Tromis »su alcuni punti della georjraßa del Piemonte antico, ferner 
Georg Cnrtius II , p. 1 ff. über das wort vögtos, G. M. Thomas in 
München I, p.210 ff. eine abhandlung betitelt l'influsso continuo dello 
spirito greco sul progresso del genere umano , Ludwig Jeep endlich I, 
p. 405 ff. über den autore del poema laudes Herculis und I, p. 505 ff. 
über Aurelii Vicforis de caesaribus historia e l'epitome de caesaribiis. 
Zahlreiche aufsätze, namentlich recensionen deutscher arbeiten seitens 
der italienischen gelehrten zeigen ferner in erfreulicher weise , wie 
auch in Italien alle erscheinungen der ausländischen Wissenschaft mit 
interesse und sachkenntniss verfolgt werden. Man kann dem unter- 
nehmen fernerhin nur alles glück wünschen und muss hoffen , dass 
dasselbe bei den eignen landsleuten mit derselben wärme aufgenom- 
men werden möge, wie es in allen kreisen Deutschlands, welche ein 



320 Auszüge aus Zeitschriften. Nr. 6 

interesse für die italienische entwicklung auf dem gebiete der Wis- 
senschaft hegen, gefunden hat. 

Preisaufgabe der Beneke'schen Stiftung. Die philosophische 
facultät der Georgia Augusta wünscht eine darstellung der ver- 
suche, die vom alterthum ab zu einer philosophie der ge- 
schichte gemacht worden sind, diejenigen jedenfalls eingeschlos- 
sen, um welche sich gegenwärtig der streit der meinungen bewegt. 
Dem bearbeiter überlässt sie, inwieweit es ihm möglich ist, religiöse 
anschauungeu verschiedener Völker und zeiten, Überzeugungen her- 
vorragender historiker und andere unentwickelte demente von an- 
suchten, die sich in poesie und wissenschalt finden, kurz und frucht- 
bar zu verwerthen; Vollständigkeit verlangt sie in bezug auf die leh- 
ren, die als formulirte theorien hervorgetreten sind, und zwar mit 
rücksicht auf die Zeitumstände , unter denen sie entstanden , und mit 
einer auseinandersetzung darüber, inwieweit und in welchem sinne 
die geschichtlichen , geographischen , statistischen , linguistischen und 
naturwissenschaftlichen data , auf welche sie sich beriefen , an dem 
jetzigen zustand dieser Wissenschaften gemessen, zur aufstellung ge- 
schichtsphilosoghischer gesetze berechtigen. — Die bearbeitungen die- 
ser aufgäbe sind bis zum 31. august 1876 dem zeitigen decan der 
philosophischen facultät zu Göttingen in deutscher, lateinischer, fran- 
zösischer oder englischer spräche einzureichen. Jede eingesandte ar- 
beit muss mit einem motto und mit einem versiegelten, den namen 
und die adresse des Verfassers enthaltenden couvert, welches dasselbe 
motto trägt, versehen sein. 

Der erste preis wird mit 500 thlr. gold in Friedrichsd'or , der 
zweite mit 200 thlr. gold in Friedrichsd'or honorirt. Die Verleihung 
der preise findet 1877 am 11. märz, dem geburtstage des Stifters, in 
öffentlicher sizung der facultät statt. 

Gekrönte arbeiten bleiben unbeschränktes eigenthum ihrer Ver- 
fasser. 

Im übrigen sind über die Beneke'sche Stiftung die Göttiug. Gel. 
Anzeigen v. j. 1870, 2. april, zu vergleichen. 

Auszüge aus Zeitschriften. 

Augsburger allgemeine zeitung, beil. zu nr. 142T: Fr. v. Löher, grie- 
chische küstenfahrten. XVII: Cap Sigri: es wird Lesbos , die herr- 
liche, herrlich beschrieben und betrachtet. — Nr. 143: reform des 
sächsischen Schulwesens: diese sei beabsichtigt: als fortschritt wird 
angesehen dass nur solche männer in das ministerium zur leitung 
der reform berufen werden sollen, welche als ausgezeichnete lehrer 
sich bewährt haben. (Es ist das recht schön: nur bedenke man, 
dass das es allein nicht macht, wie andre Staaten doch deutlich ge- 
nug zeigen). — Beil. zu nr. 144: die Machitoristen in San Lazaro 
in Venedig. — Beil. zu nr. 146 : briefe aus der libyschen wüste von 
K Ziltel : Schlussartikel. (S. ob. p. 317). — Th. Bergk über Homer 
II: s. ob. p. 139: geschicktes referat. — Beil. zu nr. 147: Max 
Müller über Gomperz's erklärung der inschriften Schliemanns : s. ob. 
p. 317. — Beil. zu nr. 149: kirchliche läge und Stimmungen in 
Preussen. — Beil. zu nr. 150: W Kadcn, das Volkslied in Kalabrien. 

Druckfehler. 
Hft 3 p. 158 z. 13 v. ob. lies: dyssenterie. 



Nr. 7. Jnli 1874. 

Philologischer Anzeiger. 

Herausgegeben als ergänzung des Philologus 



Ernst von Leutsch. 



170. De carmine Theocriti quod dicitur aeolico tertio. 
Scr. Schneidewind. Programm des Karl-Friedrichs-Gymnasii 
in Eisenach. 1873. 4. 14 p. 

Welch reger Wetteifer unter den philologen herrscht, wenn 
es sich um feststellung des textes eines dichters wie Theokrit 
handelt, zumal in dem neu aufgefundenen gediente, das in 
folge der argen corruptelen und der wiederholten lücken viele 
Schwierigkeiten bietet, davon legen die letzten neun jabre be- 
redtes zeugniss ab. Ist es doch auch eine arena, die dem kri- 
tiker einen weiten Spielraum bietet. Nachdem das von Ziegler 
im cod. Ambros. 75 aufgefundene gedieht von Studemund ab- 
geschrieben war , edirte dasselbe zuerst : 1) Bergh im index 
scholarum in universitate litteraria Fridericiana Halensi cum 

Vitenbergensi consociata per hiemem anni 1865/66 

habendarum. Halae formis Hendeliis. 4. XVI pp. — 2) 
Theod. Fritzsche de Theocriti carmine aeolico recens invento. 
Epistula critica ad V. Cl. Herrn. Fritzschium prof. Lipsiensem. 
Eostochii literis Adlerianis. 1865. 8. 17 s. — 3) Herrn. 
Fritzsehe in einer Epistula critica im Rhein. Mus. 1866, XXI, 
p. 247 — 262. — 4) Schwabe im index scholarum quae . . . . 
in universitate litterarum Dorpatensi .... habebuntur 1866. 
Praecedit Theocriti carmen aeolicum tertium a Ludovico Scbwa- 
bio recognitum. Dorpati Livonorum. E. J. Karowius typis 
descripsit. 4. 19 pp. — 5) Ziegler, in Jahns Jahrb. bd. 93 p. 
161 — 62. 1866. — 6) Ziegler, Theocriti carmina ex codici- 
bus Italis denuo a se collatis iterum edidit. Tubingae, in li- 
braria H. Laupp. 1867. 8; p. 157 — 159. — 7) Ahrens, de 
Philol. Anz. VII. 21 



322 170. Theokritos. Nr. 7. 

Theocriti carmine aeolico tertio nuper invento. Hannoverae 
typis Culemannianis 1868. 4; 28 pp. — 8) Berglc in der 
Anth. gr. edit. II, p. lxiv — lxv und p. 507. — 9) Herrn. 
Fritzsche in Theocriti idyllia iterum edidit et comm. crit. atque 
exeg. instruxit. Lips. 1869; wiederholt in der edit. altera 
parab. uno volumine comprehensa. Lipsiae in aedibus B. G. 
Teubneri. 1870: II, p. 262—282. — 10) Herrn. fritzsche, 
Theokrits Idyllen mit deutscher erklärung. Zweite aufläge. 
Lpzg. Teubner. 1869; p. 253—259. — 11) Paley in seinem 
Theocritus , recensuit et brevi annotatione instruxit F. A. Pa- 
ley, M. A. edit. altera. Cantabrigiae , Deighton , Bell et Soe. 
Londini, Bell et Daldy. 1869. 8. P. 169—172. — 12) 
Maelüy. Einladungsschrift zur promotionsfeier des pädagogiums. 
1872. Inhalt: das XXX. idyll des Theokrit. Basel, Carl 
Schultze's universitätsbuchdruckerei. 4. 40 s. Ausserdem ha- 
ben noch Kreussler und Curtius einiges zur kritik und erklärung 
beigesteuert, was von Fritzsche (3) mitgetheilt wird. 

Von diesen schriften hat Schneidewind nach seinem eige- 
nen geständnisse (p. 7) nicht vor äugen gehabt die abhand- 
lungen von Theod. Fritzsche und Schwabe , was indessen nicht 
sehr ins gewicht fällt, da er ihre ansichten aus den anderen ab- 
handlungen ersieht; dagegen ist ihm ganz unbekannt die ausgäbe 
von Paley, der manche neue und beachtenswerthe emendation 
bringt, sowie die schritt Maehly's. Letzteres muss ich daraus 
schliessen, dass Schneidewind nirgends eine conjektur desselben 
anführt und dass er in v. 15, wo beide die nämliche erklärung 
der worte oi tä>v iisoav aQtia ysvpsvoi geben (Maehly: „welche 
in angemessener weise ihre jähre geniessen ; Schneidewind: 
qui ea qua par et utile est ratione aiwis i. e. vita fruuntur), 
jenem die priorität derselben nicht wahrt. 

Im dialekt hat vf. sich bestrebt , einen äolismus herzu- 
stellen, der jedoch etliche andere formen nicht ganz ver- 
schmäht; auch den äolischen accent und Spiritus hat er 
durchgeführt und den augabeu des codex hierin kein gewicht 
beigelegt. Mit vollem rechte ; denn es ist nur zu wahrschein- 
lich, dass die fortlaufende Überlieferung vieles dem dialekt ei- 
genthümliche im laufe der zeit getrübt und vertuscht hat. Das 
aber ist jedenfalls zu verwerfen, was einige der herausgeber 
zugelassen haben: dass nämlich in v. 2 naidos, in v. 17 ei- 



Nr. 7. 170. Theokritos. 323 

nes und desselben gedientes nitiSos gelesen werden soll; der- 
artige inconsequenzen hat Schneidewind in richtiger einsieht 
gemieden. Hinsichtlich des autors scheint für ihn der streit 
noch zu schweben, wie man aus den auf p. 2 enthaltenen worten 
(quaestionem de auetore carminis satis difficilem et priusquam red- 
inlegratum sit vix absolvendam instituere non est in animoj schlie- 
ssen möchte; doch meiner ansieht nach hat Herrn. Fritzsche 
p. 262 — 63 edit. mai. tiberzeugend dargethan , dass nur Theo- 
krit der dichter sein könne. 

Man muss Schneidewind nachrühmen, dass er mit grossem 
geschick zu werke geht und öfter ganz passende lesarten aus 
den indicien der handschrift herausfindet; dahin rechne ich: 
1. riTOQiat, ruv 10. rtöüco ßslog 12. ri Ö^t' ccvts 

nüdtj* ; 13. air]G&' 14. yrjoaXioi 17. noil ytj— 

qui. 19. wfAnoQog 32. aha. Weniger befriedigen 

mich die übrigen vermuthungen : 2. svvza ysQc/.iTEooi> 3. 

fieXli^oöca, auvX\ o no&ov twnnaTi nsgos^si. 4. avyaq ... 

5. tu/V fxsv P£U ilainu&Hug cpQtvuq. 7. XuÜQiog 11. 

die'xii^ 16. xul fxuv UXloi; sduXst. 18. yövatg. 19. 

GaXht ö' uz' 8qu . . . Oüot'jv 20. nuXia Xvxoo. 24. 

7tv).XcOP TUT 1 ' 

Ueber einige der betreffenden stellen will ich kurz meine 
eigene ansieht sagen. — Zunächst wendet sich Schneidewind 
gegen die lesart (xijvü fxe dtvjsoov und die übliche auffassung 
von v. 2 — 4. Jene bekämpft er mit dem einwände, dass ein 
Widerspruch vorhanden sei , wenn in v. 2 behauptet werde : 
die liebe daure schon seit zwei monaten, während v. 7 
erkläre: gestern sei sie entstanden. Das wäre allerdings 
ein grober Widerspruch , und man würde alle die grossen kriti- 
ker, die sich bisher mit dem gedichte beschäftigt haben, einer 
ungewöhnlichen Sorglosigkeit zeihen müssen, darum dass sie 
jenen fehler nicht gemerkt haben sollten. Doch die sache ist 
nicht so schlimm, denn der gedankengang ist folgender : „schon 
im zweiten monate liebe ich einen hübschen, holdlächeln- 
den knaben , doch jetzt befällt Amor ganz schrecklich mei- 
nen sinn und raubt mir den schlaf vielleicht ganz. Denn 
gestern sah ich ihn scheu nnd verschämt an mir vorüberge- 
hen und entbrannte in gewaltigem feuer". Der dichter s^gt 
also nicht, dass er sich gestern erst in ihn verliebt habe; son- 

21* 



324 170. Theokritos. Nr. 7. 

dem er habe ihn gestern einmal wieder gesehen, nnd dadurch 
sei seiner liebesglulh neue kraft eingeflösst worden. — Ebenso 
muss ich die auffassung der verse 2 — 4 bekämpfen. Schneide- 
wind sagt, dieselben seien allgemein zu verstehen von je- 
dem, den die geschosse Amors verwunden : „geplagt wird über- 
haupt , wen Amor zu einem schönen knaben hinzieht, und 
nun geht es auch mir so". Doch diese auffassung erscheint 
mir unwahrscheinlich, weil Theokrit überhaupt selten allgemeine 
Sentenzen anwendet, und ferner deshalb, weil es dem liebenden 
darauf ankommt, seine leiden zu schildern; darauf deutet 
schon in v. 1 rüde voaij/tazog = heu miserum meum illum amo- 
rem! Wohl aber hat Schneidewind darin recht, dass er das 
ungeschickte 7870QTawg, das alle ausgaben beibehalten (nur Ah- 
rens hat tsgroiatög), endlich beseitigt hat, indem er darin sehr 
richtig ein verbum rhogiai vermuthet. Nur hätte er schreiben 
sollen rtTOQfxat, vi y s#«t u. s. w. = ich fühle schmerzen, weil 
mich fesselt u. s. w. Der hiatus ist durch die interpunktion 
und die arsis genügend entschuldigt. 

Vs. 3. scheint Schneidewind ganz unbrauchbar bis auf das 
erste wort des verses, daher ergänzt er denselben also: 

(x«Äß)), fjislXiXQÖm, aavV, o noOov rwnnati rreoQt'xsiy «<7«S 

toTVo xdgig xtX. 
Erstens ist dies eine ganze subjektive kritik , die jedes haltes 
ermangelt ; zweitens muss man nicht ungebräuchliche Wörter 
(denn selten kömmt aavXog vor) mit noch ungebräuchlicheren 
abschleifungen dem dichter zumuthen ; drittens widerspricht das 
adjektiv aavXog, das nach Schneidewind's eigenen Worten de 
gressu delicato gebraucht wird und einen hominem möllern et de- 
licatum bezeichnet , der weiter unten in v. 7 ffl. enthaltenen 
Schilderung des knaben , nach welcher derselbe vielmehr ein 
scheuer und zurückhaltender sein muss. Vielleicht ist zu lesen: 

näXa ov litrolmg' dXXu nödog xov nfointtnajai 

x«/, ral rüg Xctonctg, rata xanttvaig yXixv ftsidiai. 

Vs. 16. Der dichter will sagen: „Wirf die liebe von dir 
und mache es also wie die, welche ihre jähre ordentlich (denn 
xdoTa ist statt aQ7i zu lesen) genossen haben; denn fürwahr 
auch einen anderen knaben hast du vergessen''. Ich lese da- 
her aXlco ikdaOqg. Was Schneidewind in seiner conjeetur i&ä- 
Xsi findet: multi profecto ante te iuvenes florucrunt, sed sens erunt 



Nr. 7. 170. Theokritos. 325 

senibus non licere esse amatoribus, das liegt nicht in den Wor- 
ten des dichters und passt nicht in den Zusammenhang. 

Vs. 18. Statt eqttei , welches nicht recht für die flucht 
der zeit passt, ist wohl besser eqqsi zu lesen. 

Vs. 19. Die conjecturen, welche Schneidewind zu diesem 
verse bietet, weichen zu sehr von den Worten des textes ab; 
nur dass oj^tioqoi; am Schlüsse des verses zu lesen sei , hat 
er richtig erkannt. Ich schreibe: 

ogiiäcKi 8s negav novxonÖQijv avgiov a>finoQoy y 
d. i. und er wird eilen , morgen als kaufmann über das meer 
zu fahren. 

Vs. 20: Obgleich „der alte wolf" als bezeichnung für den 
homo senilis mit grossem Scharfsinn von Schneidewind aufge- 
spürt ist, so muss doch wohl die lesart des codex stehen blei- 
ben, oder man muss schreiben (xeIei alUwp und im folgenden 
verse, wie schon Maehly p. 34 richtig erkannt hat, (amei tw 8\ 

Vs. 24: 7ioz' resp. ttqot' tfiov Ov/iov i^efixpäfiav lässt sich 
in dem sinne „ich sprach scheltend zu meinem gemüthe" eben- 
sowenig rechtfertigen, wie die annähme eines durch tmesis 
getrennten compositum. Doch ehe man mit Schneidewind ein 
verbum niXXco conjicirt und in den text setzt, lese man lie- 
ber eXe£ iyoov , welchen aor. I. Theocrit auch II, 94 anwen- 
det. — Auch hier, wie schon in v. 3 (aat/Aos) und 5 (tlat- 
7ia9i t $) verfällt Schneidewind in die manie, irgend eine noch 
unbenutzte glosse aus dem lexikon des Hesychius heranzuziehen 
und das in ihr erklärte wort mit einer stelle unseres gedichtes 
in Zusammenhang zu bringen, — eine manie, die freilich auch 
seine Vorgänger öfter befallen hat. Meine* eracbtens ist es 
doch viel wahrscheinlicher, dass jene Wörter, die man nun ein- 
mal nirgends liest, aus irgend im laufe der zeit verloren ge- 
gangenen werken oder aus der Volkssprache geschöpft sind. 

Vs. 28. Die erklärung von (taxpop e%eiv = porrigere, ,,lang 
machen", welche Schneidewind statuirt, ist nicht erwiesen, wenn 
auch wahrscheinlich ; bis also sichere Zeugnisse darüber beige- 
bracht sein werden, ist es besser [xdxgav als adverbium der 
zeit zu deuten: „mag ich nun wollen oder nicht, ich muss 
lange, den nacken hinhaltend, das joch ziehen". Statt a^ovia 
wäre in diesem sinne freilich zweckmässiger 86ptu } doch zweifle 



326 170. Theokritos. Nr. 7. 

ich, ob didorat top nftqiera = „den nacken geduldig hingeben" 
gesagt werden könne. 

Vs. 29. Die worte in v. 28 — 32 legt Schneidewind, wie 
auch die übrigen, dem &dftog in den mund, indem er sagt : „vv. 
29 — 31 difficultatis nihil offerunt nisi in fine versus 29, ubi am- 
bigi potest , ßagitetur adiectivum quod ad &sog pertineat, an eli- 
ciendus sit casus vocativus , quo animus poetam alloquatur". Dies 
ist falsch, da die kurze rede des animus mit v. 27 schliesst. 
Sollte letzterer bis zu ende sprechen, so müsste man nicht nur 
den vocativ &ya0i schreiben, sondern auch en" 1 idsleig . . . 
oe . . . ovx ide'Xeig xih; denn das e'%eiv rov uftqieia kommt 
nicht dem di/ftog als einem blossen theil des lebenden men- 
schen zu, sondern ist die thätigkeit des körperlichen menschen. 
Es ist vielmehr der dichter, der aus den worten seines ani- 
mus nunmehr die Schlussfolgerung für sich selbst zieht. Da 
nun aber 6 uya&og als prädikat des allgewaltigen Eros nicht 
recht passt, so vermutheich entweder 6 uyatög, 6 dyXaög, 6 ayiog 
oder 6 uygiog, welche adjektive natürlich mit dem artikel per 
erasin zusammengezogen werden müssten. Maehly vermuthet 
mit demselben rechte m/Aa^og = o aiAa%og] weniger gefällt mir 
das von demselben vorgeschlagene o xQurvg, weil es zu sehr 
von den zeichen des codex abweicht. — Zum Schlüsse fasse 
ich mein urtheil über Schneidewinds abhandlung dahin zusam- 
men: sie zeugt von grossem kritischen geschick und ist klar 
geschrieben ; bündig und kurz vermeidet sie unnütze excurse, 
die mit der sache wenig oder nichts zu thun haben. In der 
reihe der über das gedieht handelnden Schriften wird sie stets 
einen ehrenvollen platz einnehmen. 

Weil, wie oben bemerkt , Paley's kritische ausgäbe Theo- 
krits bei uns noch wenig gekannt scheint (weder Maehly, noch 
Schneidewind kenut dieselbe), so glaube ich manchem einen ge- 
fallen damit zu erzeigen, wenn ich die vermuthungen desselben 
anführe : vs. 3 : onoaov naX8i nigioa' 1 ?%i:t , mit der sonderbaren 
Übersetzung imo formosioris etiam quam puerum decet. — Vs. 4: 
inlg Ös yvvaixug 6v mit hinweis auf Theoer. VII, 120. — Vs. 
5: 7«<v 5' av tovxo %aQig mit folgender erklärung : quaedam do- 
lent, aliae nori, amore seil, pueri perculsae; aliis hoc (malumj etiam 
gratum est: adeo dulce genis arridet. — Vs. 7. Xstztov fit. — 
vs.13. t Tz/öJ/tTi^ 1 oder ovy.i Flo^aö' mit der ungenauen note: toi- 



Nr. 7. 1 71-. Griechische tragödie. 327 

%ag Fritzsch. pro rola ; denn nicht Herrn, ist der erfinder, 
sondern Theod., den er doch in vs. 31 auch kennt. — Vs. 14. (x/jti 
vsog. — Vs. 16. igüa&r]. Eher würde ich dllco igaa&tje ver- 
stehen. — Vs. 17. sodvtm f.is).iTtjfi(iT03v mit hinweis auf Theoer. 
XXVIII, 21. — Vs. 18. t6 77oö(7G} y , mg mit einer ganz fal- 
schen beziehung sowohl des tcö fiiv (wie Paley schreibt) als auch 
des zep ö' auf den liebenden. Wenigstens müsste doch in 
letzterer stelle der genetiv zw 8' stehen. — Vs. 19. arläöEt 5" 
irtoav .... äptigav. — In vs. 16 stimmt er ganz, in vs. 17 zum 
theil mit Maehly überein, hinsichtlich der vorgeschlagenen eon- 
j e c t u r. C. Härtung. 

171. Car. Barlen, de vocalis A pro H in tragicorum 
Graecorum versibus trimetris usu. Diss.inaug. Bonn 1872. 47 s. 8. 

Die abhandlung begründet die schon von Hermann ge- 
machte beobachtung, dass die s. g. dorischen formen in den 
trimetern der griechischen tragiker dem alten atticismus ange- 
hören, und versucht auch, mit hülfe der hypothese von E. Cur- 
tius über die einwanderung der Ionier in Attika, ein bild von 
der entwicklung des attischen dialekts zu geben. Genauigkeit 
und sichere methode machen diese abhandlung auch nach den 
ähnlichen Untersuchungen von Schaefer , Althaus , Dressel und 
Gerth nicht werthlos. Nach der Zusammenstellung auf p. 14 
findet sich das dorische a in der wurzel der Wörter 'A&dva, 
ßaXog^ ddiog, Sag/ig, sxaii, {.tdxtaiog (jwax/err/yo) , vavg, vdi'og, 
dnaSog (onadeiv) und der nomina und verba, die von xuguvov 
abgeleitet sind; in der Zusammensetzung mit urrjo, ytj, -ay, 
ynv-, xd(ja und in ixsrudü/.og, östtjuq>6oog , tapsQi'qg* dann in 
den thematischen formen einiger verba auf deo, avSuoo, &otrdoj, 
noirdb), noQndco, t-vida, ßodoi und des verbum ßaCico. Endlich 
in den flexiousendungen von 'A&dva, sßdo/jayhug, KvßiXag, in-. 
nowö^ag und von iniaza^m (inCoza). Mit recht wird bemerkt, 
dass das « nur in solchen Wörtern sich findet , welche in der 
Umgangssprache nicht mehr gebräuchlich waren. Deutlich spricht 
dafür die form ddiog. Das wort gebrauchen nur die dichter, 
während die Prosaschriftsteller nolijuog sagen. Dagegen ist 
das verbum öiikjco oder örjoco auch in der prosa in gebrauch ; 
darum bedienen sich auch die tragiker der gewöhnlichen form 
di/töo}. In gleicher weise gebrauchen die tragiker die form 



328 172. Sophokles. Nr. 7. 

xvrayög , nicht xvvqyog, dagegen xvvqyeTtjQ, welches nach dem 
zeugniss des Phrynichus allein attisch war. 

172. De particulae 8s significatione affirmativa apud So- 
phoclem. Scr. Hob. Linke, Diss. inaug. Halle 1873. 8. 
42 s. 

Man hat in der auffallenden stelle Oed. Tyr. 1267 inei 8s 
yr{ Exsizo zltjficor, Ssitor 8* r\%< tavOivS bouv bald 8>jv d. i. $/) r/P 
bald 8stvd St] zdvds'vS' oqüv schreiben wollen: der Verfasser 
vorliegender abhandlung geht einen schritt weiter und nimmt 
für 8s im nachsatze wie überhaupt als ursprüngliche bedeutung 
von 8s die affirmative von 8ij an, indem er nach der gewöhn- 
lichen ansieht 8s aus Sq wie fiep aus (itjv abgeschwächt sein 
lässt und 8i] mit G. Curtius von djä , ja ableitet. Vor allem 
hätten die verschiedenen fälle , welche der verf. vorher zusam- 
menstellt , besser gesichtet werden sollen. Nach einem relativ- 
satz findet sich 8s bei Sophokles nirgends; denn dass in den 
angeführten beispielen überall für zw 8s, zäi> 8s , zoig 8s, 6 8s, 
zijv 8s und zovg 8s die form des pronon. demonstrativum zu 
setzen ist, steht jetzt fest; der vf. spricht von dieser ansieht 
und sucht sie zu widerlegen, bemerkt aber nicht, dass durch 
Ant. 464 (nag oÖ") und 646 (rC tcjö') jeder zweifei benommen 
wird. Auch in mehreren der übrigen beispiele weicht der ge- 
brauch von 8s von dem gewöhnlichen nicht ab ; z. b. gleich in 
dem ersten El. 293 zäS" i%vßoi£si, n\i\v ozav xXvrj zivog 7^-on' 
'0()s'azi]v' zipixavza ß' SfjfAMtjg ßoä. In Ant. 234 zsXog ys /«ci- 
zoi Ssvq* svtxr}Gsv [ioXeiv, 2o), xsl zo fit]8sr s^soca, qiQuaoo ö' opaig, 
bietet nicht 8s allein anstoss. Nach Linke's ansieht gehört aot 
sowohl zu s&QÖJ als auch zu ynaöm und xsi d. i. xai (und) 
et soll dem aoi nachgesetzt sein. Warum auch nicht? nam id 
fieri posse et saepe factum esse not um est (e. g. tempora mu- 
tantur nos et mutamur in Ulis) l Mit notum est, necesse est und 
constat hebt sich der Verfasser gern über weitere beweise hin- 
weg. Wie 0. Tyr. 302 8s aufzufassen sei , ist klar (vgl. z. 
b. Schneidewin - Nauck z. d. st.). Als auffallend bleiben nur 
drei stellen übrig, nämlich 0. Tyr. 1267, El. 27, Trach. 115. 
Für diese stellen hat man allerdings keine bessere erklärung und 
man kann sich zur noth mit 8s im sinne eines abgeschwächten 
8t] befreunden. Die affirmative bedeutung vou Si wird dauu 



Nr. 7. 173. Sophokles. 329 

auch in fragen wie 0. C. 1132, in erwiderungen wie 0. Tyr. 
379, nach einem vokativ, bei der Wiederholung desselben Wor- 
tes wie nävta Xexrä, närra de TolfitjTa, nach einer parenthese 
statuirt. Dabei sind wieder sehr ungleiche fälle zusammenge- 
stellt; so soll 0. Tyr. 263 vvv de die Wiederholung von vvr 
de 258 nach einer parenthese, ebenso Ant. 1196 ?yco 6e die 
Wiederholung von iya> 8e 1192 sein. 

173. F. Castets, Sophoclem aequalium suorum mores 
in tragoediis saepius imitatum esse contenditur. (Thesim lati- 
nam proponebat Parisiensi litterarum facultati). Paris, Thorin 
1872. 8. 60 s. 

Um Corneille und Racine wegen des tadeis zu rechtferti- 
gen, dass sie in die Charakteristik antiker oder fremder perso- 
nen viel von dem französischen wesen ihrer zeit aufgenommen 
hätten, will Castets nachweisen , dass es die griechischen dra- 
matiker z. b. der beste unter ihnen Sophokles mit der darstel- 
lung der heroenzeit ebenso gehalten. Er spricht zuerst unter be- 
nutzung von Schoemann (antiqu. iur. p. Graec.) und Grote ganz 
allgemein von den einrichtungen und gebrauchen des heroi- 
schen Zeitalters und von den sitten , welche die spätere zeit 
mit der alten gemeinsam hatte; darauf von den vorhergehen- 
den dichtem, welche dem Sophokles in der freieren behand- 
lung der alten Stoffe das beispiel gegeben ; kommt dann zu sei- 
nem eigentlichen thema und führt die neuen gebrauche und 
Vorstellungen an, welche im drama des Sophokles hervortreten, 
die neuen begriffe über Staat und gesetz, über tugend und Sitt- 
lichkeit, über die pflichten gegen die todten, über sühnungen, über 
die gottheit und die Offenbarung ihres willens nicht mehr in 
persönlicher erscheinung, sondern mittelst der Orakel. Viertens 
ist die rede von den eigenthümlichkeiten der sophokleischen 
stücke, welche den bürger von Athen verrathen , von dem de- 
mokratischen sinn und geist , der in ihnen herrsche , von der 
rhetorik der Volksversammlung und der gerichte, die sich z. b. 
im zweiten theile des Aias zu erkennen gebe, von der atheni- 
schen lariyoQiu und nagorjala, die in den reden des Hämon, 
der Elektra hervortrete, und anderen spuren attischer sitte und 
anschauungs weise. 

Es ist nicht unpassend die stücke des Sophokles von dieser seite 



330 174. Sophokles. Nr. 7. 

zu betrachten. Aber die ausführung könnte gründlicher 
und genauer sein. Sehr ungeeignet ist es z. b., wenn der ge- 
brauch der tragödie, die götter nur auftreten zu lassen, si res 
in implicatissimam difftcultatem incurrisset quae aliter expediri non 
posset, damit in Zusammenhang gebracht wird, dass man das 
.persönliche auftreten der götter, welches bei Homer etwas ge- 
wöhnliches sei , später als eine ungewöhnliche erscheinung be- 
trachtet habe. Auch dürfte der zweck der abhandlung nicht 
erreicht sein ; denn zwischen der behandlung heroischer Stoffe 
bei Sophokles und der darstellung antiker und fremder Charak- 
tere bei Racine ist ein grosser unterschied, welchen der Verfas- 
ser selbst zu fühlen scheint, wenn er schreibt: nil mirum melius 
Sophoclem in fabulis pristinam morurn veritatem consecutum esse 
quam Cornelium Raciniumque Romanas res Graecasve tractantes: 
res nempe et personas ex parte, ut ita dicam , sui aequales in sce- 
nam inducebat. 

174. Lexicon Sophocleum. Ed. Guil. Dindorfius. 
Lipsiae in aedibus B. G. Teubneri. 1870. VIII, 533 s. 

Ueber die forderungen, welche heutzutage an ein special- 
lexicon zum Aesehylos zu stellen sind, hat ref. in der anzeige 
von Dindorfs Lexicon Aeschyleum oben nr. 2 , p. 75 flg. sich 
ausgesprochen. Es versteht sich, dass analoge ansprüche an ein 
Sophokles -lexikon gemacht werden müssen, aber nach dem, 
was in jener anzeige über die mängel des dort besprochenen 
buches gesagt ist, versteht es sich ebenfalls, dass auch in dem 
vorliegenden werke die gerechten ansprüche nicht befriedigt 
worden sind. Dindorf ist eben bei aller gelehrsamkeit und al- 
lem fleiss, eigensekaften, denen wir selbstverständlich nicht un- 
sere aufrichtige anerkennung versagen, nicht der mann, um mit 
geschmack- und geistvollem verständniss in die tiefe der tragi- 
schen poesie einzudringen. 

Prüfen wir also, um unnütze Wiederholungen zu vermei- 
den, nur den Fortschritt, den gelehrter sammelfleiss in dem vor- 
liegenden werke gegenüber der leistung Ellendts documeutirt. 
Zu diesem zwecke wollen wir, unbekümmert um die traurige 
literarische und processualische fehde , welche durch Dindorfs 
verhältniss zu Ellendt veranlasst ist, einige partien aus beiden 
werken möglichst unbefangen mit eiuauder vergleichen : wir 



Nr. 7. 174. Sophokles. 331 

wählen dazu, um bei aller kürze gerecht zu verfahren, die um- 
fänglichen artikel u* und unn und, wie in der anzeige des 
Lexicon Aeschyleum, die ersten 25 artikel des buchstaben A. 

Zunächst also uv. Einer crklärung dieser partikel hätte es 
in einem speciallexicon wohl kaum bedurft; wenn aber eine 
gegeben werden sollte, so hätte es eine weit wissenschaftlichere 
sein müssen , als die von Dindorf angeführte des Apollonius, 
die zwar für den gelehrten grammatiker höchst wichtig , aber 
für das verstä'ndniss des Sophokles durchaus unzureichend ist. 
Richtig bemerkt dann Dindorf weiter, dass uv stets mit einem 
verbum verbunden werden müsse, während Ellendt falsch ge- 
sagt hatte, „fast immer". Es folgen die beispiele, zunächst 
solche, wo cer mit imperfectum oder aorist verbunden ist. 'Es 
sind ihrer etwa 80, genau in derselben reihenfolge wie bei El- 
lendt, und auch wenn dieser einmal seine citate in der reihe 
OR, Phil., OC, dann wieder in der reihe Phil., OR., OC. auf- 
führt, folgt Dindorf ihm auf schritt und tritt nach. Nur am 
schluss des absatzes sondert er die beispiele Aj. 119, 430 aus, 
um sie als fragesätze ans ende zu stelleu. Der dritte absatz, 
die fälle von uv mit dem optativ enthaltend , ist von Dindorf 
in der ersten halben columne selbständig behandelt, aber wenn 
er bemerkt: de optativo notandum nunquam av cum eo coniungi, 
ubi reapse est optantis, quaeque optandi fere significationem habent 
näg av et 7 ig av cum optativo coniuneta interrogantis esse, non 
optantis, so ist schwer einzusehen , wie diese notiz , die jedem 
anfänger in prima geläufig ist, sich verträgt mit dem stolzen 
wort der vorrede, hoc lexicon non pueris sed viris scriptum esse. 
Der ganze schluss des absatzes aber, vier columnen umfassend, 
reproducirt in allem wesentlichen nur Ellendt, sogar den bei 
ihm sich findenden bunten Wechsel in der reihenfolge der dra- 
men. — Der vierte absatz beginnt mit der selbständigen be- 
merkung : cum coniunetivo non coniungitur nisi praemisso pronomine, 
ut bg uv et quae ab eo dueuntur, aut particula onwg, svze, sag, 
>i i ixa , nni v, §g 7H neque unquam postponitur coniunetivo, sed ne- 
cessario praecedit. Hierin ist aber die letzte zeile sehr irrefüh- 
rend : das richtige ist, dass in solchen fällen av sich mit dem 
pron. relativum oder mit der conjuuetion aufs engste verbindet, 
wie sie denn mit t/, oi e etc. ganz zu Einern Worte verschmilzt. 
Zweckmässig sind diesem absatze, was nicht bei Ellendt ge- 



332 174. Sophokles. Nr. 7. 

schehen ist, die beispiele angefügt, wo in derartigen Verbin- 
dungen av fehlt. Dagegen ist in 4. c Ellendts unmotivirte ab- 
sonderung der beispiele, wo das mit dv verbundene adverbium 
de loco vel tempore non quocunque, sed definito stehen soll, getreu- 
lich von Dindorf beibehalten. — Der fünfte absatz, der die 
beispiele von av mit infinitiv aufführt, ist bei Dindorf nach den 
resultaten der neueren kritik bedeutend umfänglicher, als bei 
Ellendt, ebenso im sechsten die partie, worin der fall, dass das 
verbum bei av aus dem Zusammenhang zu ergänzen ist, behan- 
delt wird. 

Wir gehen über zum artikel ano. Hier finden wir in der 
ersten überwiegenden hälfte dieselbe anordnung der angeblichen 
bedeutungen, dieselben beispiele, dieselbe bunte reihenfolge der 
dramen wie bei Ellendt. Bei dem genetiv des Ursprunges von 
einer person hat Ellendt das beispiel Ant. 719 ganz richtig 
ans ende der reihe gestellt, weil er zweifelhaft war, ob in der 
krasis dn'o oder znl liege; Dindorf hegt darüber keinen zweifele 
setzt aber doch wie Ellendt das beispiel ans ende, während 
sonst die fälle aus der Antigone nach denen aus OC. zu kom- 
men pflegen. — Erst im letzten drittel des artikels findet sich 
eine etwas andere anordnung als bei Ellendt, aber von neuen 
resultaten ist bei Dindorf keine spur. 

Indem wir schliesslich das eiste viertelhundert vom buch- 
staben A der musterung unterziehen , registriren wir nur die 
zusätze Dindorfs zu den leistungen seines Vorgängers. Zu Xd- 
ßooe ist die erklärung gegeben: significat vehementiam cum impu- 
dentia coniunctam; bei Xaywg eine unbedeutende bemerkung über 
Xayco und Xayoi hinzugefügt; bei Xay%dico das perfect Xe\cy%a 
und irtiUXoyxe aufgeführt, am schluss fragm. 267 citirt; bei 
XaOtnovog ist gesagt: est forma Dorica pro Xtj&iaovog (ut sylla- 
bae primae mensura docet) , cuius exempla nulla sunt; bei Xd&Qct 
ist bemerkt : in L plerumque, si non semper, Xd&gai i. e. Xd&ga 
scriptum, quae frequens in libris veter ibus scriptura est; bei Xai- 
daoyog ist eine stelle aus Phrynichus in Bekk. Anecd. Gr. zur 
erklärung beigebracht, aber kein wirklicher versuch zur deutung 
des wortes unternommen. In dem umfänglichen, zwei columnen 
füllenden artikel Xa/ißuva) findet sich dieselbe reihenfolge der 
angeblichen bedeutungen , dieselbe planlose aufführung der bei- 
spiele, dieselbe Übersetzung (z. b. ßd^ii yuKijv Xußöize gloriosam 



Nr. 7. 174. Sophokles. 333 

famam adeptas) wie bei Ellendt. Nur für die bei Ellendt am schluss 
von nr. 7 (accipio) aufgeführten beispiele OR. 276 ooansg fi ägaTov 
flaßes und OC. 284 maney sXußsg top IxeTtjr i%f'yyvov vindicirt Din- 
dorf die bedeutung excipio, aber wenig glücklich. Am Schlüsse 
des ganzen artikels behandelt Dindorf wie Ellendt den den 
neuern pleonastisch erscheinenden gebrauch von laßoov. Hier 
hatte Ellendt die beispiele nach folgenden gesichtspunkten ge- 
ordnet: 1) in aliis cur addatur laßoov, clare apparet; 2) omnium 
apertissima exempla haec sunt ; 3) alia minus illustri significatione 
sunt. Diese Unterscheidung lässt Dindorf mit recht fallen, nichts 
destoweniger folgen die beispiele genau so, wie sie Ellendt 
nach seiuen drei gesichtspunkten geordnet hatte , und es wer- 
den die dramen in folgender reihe aufgeführt: OC. Ant. Tr. 
Aj. Tr. OR. OC. Aj. — Bei Xapnas ist zu OC. 1049 ein 
scholion hinzugefügt, bei XafxnQÖ^ nur Ellendts ausdrucksweise 
ein wenig geändert. 

Ein ähnliches unerquickliches resultat gewinnt man aber 
bei jeder vergleichung zwischen Ellendt und Dindorf. Zwar 
ist bei dem letzteren viel überflüssiges und verkehrtes, das El- 
lendt aufgeführt hatte, gestrichen, natürlich sind auch die re- 
sultate der neueren kritik und neuaufgefundenen bemerkungen 
alter erklärer berücksichtigt , aber vergebens sucht man eine 
einzige überzeugende neue und selbständige Interpretation, 
und das ganze werk macht von anfang bis zu ende den ein- 
druck , als ob der verf. nur ein corrigirtes , an vielen stellen 
durchstrichenes , hin und wieder mit längeren oder kürzeren 
handschriftlichen Zusätzen versehenes exemplar von Ellendts 
lexicon in den druck gegeben habe. Ein solches verfahren 
würden wir nun freilich, wie in der anzeige des Lexicon Aeschy- 
leum ausgeführt ist, nicht unbedingt tadelnswerth finden; ja, 
wir würden es im interesse der Wissenschaft tief beklagen, wenn 
die habsucht der autoren und Verleger jemals nachdrucksgc- 
setze veranlasste, welche unbedingt verwehrten, drucksachen 
von anderen in emendirter gestalt in die druckerei zu geben: 
aber wenn, wie im vorliegenden falle, die angebrachten Verbes- 
serungen sich der hochverdienstlicheu leistung des Vorgängers 
gegenüber auf ein geringes beschränken, dann schreibt der lite- 
rarische anstand einen ganz bestimmten weg vor. Dindorf 
hätte sich an den Verleger von Ellendts lexicon wenden und 



334 175. Euripides. Nr. 7. 

mit ihm eine Vereinbarung treffen müssen über die Veranstaltung 
einer verbesserten aufläge desselben. Da er einen anderen weg 
eingeschlagen bat, so werden ibm zwar gesetz und geriebt nichts 
anhaben können (so hoffen wir wenigstens im interesse der 
culturentwickelung, die durch die habsüchtige ausbeutung des 
begriffs vom „geistigen eigenthum" schweren schaden erleiden 
Avürde), aber der verurtheilung vor einer höheren instanz, der 
literarischen kritik, wird er nicht entgehen. 

H. Keeh. 

175. EvQiniSov rQuycpdiai sniü. Sept Tragedies d'Euripide. 
Text grec , recension nouvelle avec un commentaire critique 
et explicatif, une introduetion et des notices par Henri Weil, 
correspondent de l'institut, professeur a la faculte des lettres 
de Besancon. 8. Paris. Hachette. 1868. xlviii und 808 s. 
— 3 thlr. 

Die arbeit des herausg. zerfällt in vier tbeile : 1) allge- 
meine einleitung über das leben des Euripides, seine werke, 
die Überlieferung derselben und des vfs. bei der arbeit befolgten 
kritischen grundsätze; 2) zu den sieben stücken (Hipp., Med., 
Hec, Ipb. A., Iph. T„ El., Or.) besondere einlei tungen, 
in welchen der vf. meist in anziehender weise bestimmte fra- 
gen monographisch verfolgt; 3) kritik und 4) erklärung 
hat Weil getrennt , was öfters geschadet hat ; doch thut er 
dem leser nicht den schmerz an einen theil der anmerkungen 
etwa hinten im buche zu verbergen. Die erklärung kann 
man nicht umhin geschmackvoll und oft geistreich zu finden ; 
fruchtbar besonders in den früher weniger oft bearbeiteten 
stücken , und es möchte von den vorhandenen ausgaben die 
vorliegende für den der erklärung bedürftigen der angenehmste 
führer sein. Nur ein bischen zuverlässiger könnte vf. vielleicht 
hier und da gewesen sein. Die geschickt ausgewählten (aus- 
nahmen wie zu El. 1226 sind selten) belegstellen hat er meist 
mit dem namen des finders versehen , manche fremde freilich 
auch irrthümlich als eigene aufgeführt. 

Doch das wird man nicht sehr verübeln dürfen , es ist 
gar nicht zu vermeiden, und auch in den kritischen an- 
merkungen öfters geschehen , wo ebenfalls gelegentlich die na- 
men der väter dar coniecturen verwechselt oder alte coniectu- 






Nr. 7. 175. Euripides. 335 

ren neu gemacht werden und was dergleichen versehen mehr 
sind. Die kritischen leistungen des verf. sind wohl das be- 
deutendste in diesem buche. Er hat an 200 — 300 stellen seiner 
besondern meinung durch änderungen oder vorschlage ausdruck 
gegeben. Sagt er von Hermann, er habe geübt (p. xxxn) une 
divination quelquefois hasardee , souvent heureuse, so hat die sei- 
nige auch beide eigenschaften , besonders aber doch die erste. 
Einige wiilkür kann man unmöglich verkennen wenn man be- 
merkungen mit einander vergleicht : Iph. T. 84 vers inutile et 
pr es que synonyme avee 1455 — darum wird vs. 84 mit anderen in 
klammern gesetzt — El. 1097 ff.: NaucJc: h. I. incomrnodi — 
inais etait-ce la une raison de les mettre entre croehetsf Wieder 
Iph. T. 1497 ff.: ici ces vers fönt un appendice qu 1 on peut 
croire ajoute par les acteurs — und deshalb klammern? 

In der einleitung (p. xxxv ff.), bespricht Weil seine kriti- 
schen grundsätze ausführlich. Er richtet sich in der beurthei- 
lung des textes wie er sagt 1) nach den handschriften, 2) nach 
den schoben, 3) nach dem hon sens. Es scheint er habe öfters 
dem letzteren zu weiten Spielraum gelassen und deshalb hat 
seine textbildung oft eine subjective färbung (was freilich nicht 
überall so aufrichtig hervortritt wie z. b. in der note (El. 739): 
nous avons donne . . . tout en sentant que ces corrections ne don- 
nent pas encore un texte parfaitement sätisfaisant, da ja, was einer 
für eine forderung gesunden mcnschenverstandes hält, nicht im- 
mer von alleu als solche anerkannt wird. Niemand wird Weil 
eine genaue und fruchtbare bekanntschaft mit dem dichter ab- 
streiten — aber er hat seinen hon sens doch öfters über das 
gesetzt, was jene objectiv rieth. Das ist ohne zweifei bei sei- 
ner behandlung der lyrischen stellen der fall. Statuiit der 
hon sens für diese die gestrengste responsion , sogar auch in 
den doehmien , so widerstreitet das entschieden der erfahrung; 
warum der hon sens dabei die gutmüthigkeit — oder Bequem- 
lichkeit — hat, die basen glyconeischer verse auszunehmen, ist 
wieder nicht ersichtlich, da es auf ein paar weitere conjecturen doch 
nicht anzukommen brauchte und consequenz eine schöne sache ist. 
Im widerstreit dieses hon sens und der erfahrung, welche uns 
lehrt, dass Euripides die gleichheit zwischen Strophe und gegen- 
etrophe nicht gar so streng gewahrt hat und dass überhaupt die 
freiheit darin mit der zeit zunahm, entscheidet sich Weil für je- 



336 175. Euripides. Nr. 7. 

nen und stellt den kanon auf (p. XLin): en effet, la Strophe et 
V antistrophe s' accordaient plus rigoureusement que nos textes ne le 
fönt parfois supposer. Elles se re"pondaient syllabe par syllabe. 
Dies dogma ist die reichste quelle für conjecturen, unter denen 
ganz schöne, aber auch recht wohlfeile sich finden. Viel vor- 
sichtiger ist Weil der responsion im dialog gegenüber; dennoch 
mag diese auch uneingestanden gelegentlich die geheime trieb- 
feder seiner handlungen gewesen sein (s. Med. 87. 724 f. 
Hipp. 494. 5 13 ff. u.s. w.) 

Zu oft unternimmt es Weil zur Stützung seiner conjec- 
turen, die fehler, welche die verderbniss der Urschrift zur folge 
hatten, auseinanderzusetzen, wo nichts zu beweisen ist; z.b. (p. 
xl) dass avutvopmi einst in uvXuofiai sei verschrieben und dann 
in uvli&nai verschlechtert worden. Das kann sich doch jeder 
selbst machen, und meist hat es nicht mehr werth als nach ge- 
zogener lotterie wissenschaftliche Untersuchung der Ursachen, 
warum die und nicht die nummer gefallen ist. 

Bei aller Selbständigkeit und genauigkeit Weils ist zu verwun- 
dern geblieben dass er in der aufzählung der handschriften einen 
alten irrthum (s. Nauck Eur. trag, praef. p. xl) wiederholt hat. 
Er sagt p. xxviii vom cod. Palatinus (2?Kirchb.): dont la le- 
gon, particulierement celle de la premiere main, est moins altirie 
que celle du mscr. de Florence (C). Aber C ist der zuverlässi- 
gere, wie auch in der praxis anerkannt wird. In der Medea 
war mit den bessern handschriften 43mal von C, 83mal von B ab- 
zuweichen ; in den 100 ersten versen der Iph. T. schliesst sich 
Weil 4mal dem B., lOmal dem C. lieber als den andern an! 

Wenn Weil im einzelnen nicht gerade conservativ verfährt, 
den unechtheitserklärungen im grossen ist er abgeneigt. Er 
spricht sich ausführlich (p. 307 ff.) für die echtheit der ganzen 
Iph. in Aulide aus und erwähnt der anstände gegen den schluss 
der Elektra gar nicht. Auch bei der Medea erklärt er sich ge- 
gen die annähme doppelter recension; es würde die Medea, 
wenn die kinder am leben blieben , den namen einer tragödio 
kaum verdient haben. Als ob sie durchaus eine solche hätte 
gewesen sein müssen , als ob nicht der Orestes auch eine tra- 
gödie von Euripides wäre. 

Gerade dem Orest gegenüber bestreitet Weil in lebhaftem 
tone, dass er die vierte stelle der tetralogie könnte eingenom- 



Nr. 7. 175. Euripicles. 337 

men haben, weil in Alcestis und Cyclops nur je zwei personen 
das gespräch führen. Auf den inhalt kommt es ihm dabei we- 
nig an; doch vermisst er auch eine schmausscene ä la Hercules^ 
in viel zu bewusster bestimmtheit bei unserer magern einsieht 
und kenntniss von den vierten stücken. Da in der Medea auch 
nur je zwei Schauspieler vorkommen , behauptet Weil in sehr 
kühnem schluss, dergleichen mehr bei ihm zu finden: so habe 
Euripides auch die anläge bis ins kleinste dem Neophron ent- 
lehnt und dieser vor einführung des dritten Schauspielers sein 
stück gemacht gehabt. Eher sollte Weil die doppelte recension 
zugeben: wir hätten dann in der alten Medea schönstens ein 
stück vierter stelle. Dass übrigens ein stück gelegentlich schon 
vor der aufführung und endlichen gestaltung den recensen- 
ten bekannt war (s. schol. Ar. Av. 348) , ignoriert Weil hier 
(p. 103 anm. 2) und öfter bei seinen chronologischen 
Schlüssen. 

Diese sind sein Steckenpferd, aber oft nur Spielzeug, mö- 
gen sie noch so hübsch dargelegt werden. Wir hören wieder 
einmal (p. 568), dass die verse EI. 1278 (vom aufenthalt der 
Helena in Egypten) eine ankündigung der folgen müssenden 
Helena sein müssen — Helena ward 412, Electra also 413 
aufgeführt — aber Iph. A. 1180. 1456 ist die räche der Kly- 
taemnestra an Agamemnon angekündigt , und doch war auch 
nach Weil die Iphigenie in Aulis später als Elektra. — Um 
dass die taurische Iphigenie vor der aulischen aufgeführt war zu 
beweisen, behauptet Weil es hätte unmöglich Euripides nach 
der ihm eigenthümlichen gestaltung der fabel in der "aulischen 
sie in der taurischen wieder ignorieren können. Und doch ist 
z. b. Orestes später als Helena und Electra. Dass Iph. in Au- 
lis erst nach den Fröschen aufs theater kam wie p. 440 zu 
lesen (der scholiast zu Bau. 1210 nimmt doch wohl das gegen- 
theil an) glaube ich nicht , oder kann es wenigstens nicht wis- 
sen ; natürlich erst recht nicht dass Aristophanes, der Ean. 415 
die Andromeda kannte, nicht 405 die hinterlassenschaft des geg- 
ners sollte erkannt haben können. Führt er also Ean. 1232 
die Iph. in Tauris an, so sehen wir nur dass er sie gekannt 
hat , führt er aus der didaskalie der Iph. in Aulis nichts an 
so hat er eben dazu entweder keine lust oder keine veranlassung 
gehabt. — Ein versehen finden wir p. x x 1 1 wo der Hippolyt 
Piniol. Anz. VII. 22 



338 176. Euripides. Nr. 7 

auf 01.83, 3, v. C. 429 statt 01. 83, 4, gesetzt ist (richtig p. 11, 
n. 4). Druckfehler aber siud überhaupt in dem buche etwas 
gar zu viele. 

Doch wird man gewiss zUgestehn dass auch die hier an- 
geführten ausstellungen , die ja übrigens auch nicht unfehlbar 
sein können, die werthschätzung des buches nicht beeinträchti- 
gen. Es ist gewiss in jeder richtung ein dankenswerther Zu- 
wachs zur literatur des Euripides, geschmackvoll im innern und 
auch im äussern. 

176. C. Gr. Er. Schliack, de locis quibusdam Euripideis 
quaestiones criticae et exegeticae. Diss.inaug. Halle 1874. 8. 41s. 

Der Verfasser giebt zu etwa zwanzig stellen des Euripides 
erklärungen und Verbesserungen, die zwar die kritik oder exe- 
gese des Euripides nicht wesentlich fördern, aber doch von ei- 
nem gründlichen Studium und tiefgehendem verständniss des 
dichters zeugen. Richtig ist die erklärung zu der vielleicht 
nur von Matthiä falsch aufgefassten stelle El. 295 xal ydo ovd y 
d^rjuiov rvc6/j.ijv ivsTvai tolg oocpolg i.iav aocptjv, sapientes cum sa- 
pientiae studio ad misericordiam magis parati et proni dolores tan- 
quam fructum sapientiae auferant idque eo magis quo altius eas 
cogitatione, animo perceperint, rede et cum tristitia illa, quae pro. 
pria est huius poetae profundo mirum in modum ingenio , dicuntur 
ab eo hanc tanquam poenam nimiae suae sapientiae studiique sibi 
efßcere. Bemerkenswerth ist auch die zu Bacch. 302 "Aota^ 
ts noloav (leTalaßwv e%et iivd, von Horat. carm. I, 17, 22 nee 
Semeleius cum Marte confundet Thyoneus praelia gegebene erklä- 
ruDg : nee Bacchus confundendo cum Marte (seil, munus suumj i. e. 
"doeojg (xoloav usialaßcov tivii proelia ciebit (nobis). Med. 811 
will der verf. legäv noTUfiöiv sowohl zu noXig als zu #<«(>« be- 
ziehen mit der deutung : Qui igitur sacrorum illorum ßuviorum 
mit urbs aut terra te habebit amicorum tutatrix : aber auf diese 
weise verliert die disjunktion ihren rechten sinn ; übrigens ver- 
kennt derselbe das unpassende des ausdrucks cpiXmv nöfini^og 
nicht und betrachtet die allgemeine fassung amicorum tutatrix 
nur als nothbehclf. — Unter den conjeeturen verdienen ei- 
nige beachtung, so die zu Suppl. 195 xalXoioi für üXloiai, El. 
315 0-Qovov xddijiai oder &Q0t>q> 'yxdOijxai, die aunahme einer 
Kicke vor Ion. 20. worin von den goldnen schlangen (vrgl. vs. 



Nr. 7. 177. Euripides. 339 

1428) die rede, die Verwerfung von Suppl. 594—597. Beson- 
ders lobenswerth aber ist, dass der verf. die nothwendigkeit der 
bereits von Musgrave, dann wieder von Härtung und Madvig vor- 
geschlagenen vertauschung von Heracl. 684 und 688 erkannt hat; 
es ist merkwürdig, dass diese treffliche emendation bei den heraus- 
gebern keine weitere anerkennung gefunden hat als eine einfache 
erwähnung in der neuesten aufläge von Naucks Euripides , wo 
sie Härtung beigelegt wird. Freilich ist mit der blossen ver- 
tauschung von 684 und 688 die richtige gedankenfolge noch 
nicht gewonnen, auch mit der von Schliack versuchten Umstel- 
lung 683. 688. 687. 684. 685. 686. 689 noch nicht. Denn 
nach &tvoig uv, aXXd nooa&sv avtog uv ntaoig würde mit u)X 
ovv ftu^ovftai "f ägi&iAov ovx iXdaooat, eine behauptung folgen, 
die bereits widerlegt ist. Die richtige Ordnung ist, wie an- 
derswo gezeigt werden wird, 683. 690. 689. 688. 685. 686. 
687. 684. 691. 

Möge der Verfasser seine Studien zu Euripides fortsetzen ; 
diese erste probe lässt gute fruchte davon erwarten. 

W. 

177. Aug. Car. "Wiskemann, de nonnullis locis Ionis 
fabulae Euripideae. Diss. inaug. Marburg 1872. 8. 35 s. 

Diese abhandlung enthält einen sehr guten gedanken. Ion. 
746 , wo allgemein nach Eeiske's vermuthung das unmetrische 
uxovtoq in anövtog verwandelt wird, vermuthet Wiskemann 
iaövTog und führt zu ovxovv ixcov ys' rov (5' sy.ovzog ov yoazä 
die treffende parallelstelle Ipbig. A. 657 &tlo> ye m to &t'Xsti> 
ö' ovx s%a)v älyvvofiai an. Auch der Vorschlag, den Wider- 
spruch zwischen v. 948 und 16 durch tilgung von v. 948. 949 
zu beseitigen, verdient beachtung. Die übrigen conjecturen 
haben geringen oder keinen werth. So soll v. 98 ff. gelesen 
werden: 6T0fta 3' e'vqijfiov qiQOvnsh' , dya&oC (für dyadov), q,q- 
[ing r' aya&ug rolg iQklovaiv ftavisvso&ai yXaaaijg tÖiav uno 
ßuireir (für änoqialvsiv). Dazu giebt Wiskemann die erklärung: 
ministri ab Ione ex officio iubentur et ipsi linguas coercere et in quos 
extra templum incidant, ut idem faciant, curare. Einmal ist die 
änderung von änocpat'vtiv in uno ßaCveiv an sich unstatthaft ; 
denn der gebrauch der nachgesetzten präposition ist bei den 
tragikern beschränkt; zweitens ist die anrede uya&oi sinnlos; 

22* 



340 178. Euripides. Nr. 7. 

drittens ist die zu gründe liegende annähme, als ob die tera- 
peldiener, nicht die priester [(boißov JsXqiol dtoansg v. 94, 
vgl. dtlcpäv aQiazTJg v. 416) angeredet würden, durchaus un- 
richtig. Viertens kann, wenn es bei Herodot heisst Eeotyg ta 
loa xa) I8ta iv öfiolcp inotitio , desshalb nicht auch hier I8iag 
auf den gegensatz zwischen den gottgeweihten tempeldie- 
nern und den profanen orakelsuchenden hinweisen. Oder 
sollte man, weil es bei Corn. Nepos heisst : neque ulli loco parce- 
rent sive sacer sive privatus esset sive publicus, auch sagen kön- 
nen: cavete ut oraculum consulturi lingua privata faveantt Auf 
gleiche weise kann man die übrigen wenn auch mit weitläufi- 
gen erörterungen begründeten vermuthungen zurückweisen ; 
aber bei derartigen schritten muss man das gute und richtige 
freudig anerkennen , ohne sich auf lange auseiuandersetzungen 
über verfehlte oder minder brauchbare conjecturen einzulassen. 

W. 

178. John H. Hogan, the Medea of Euripides with in- 
troduction and explanatory notes for schools. London and 
Edinburgh, Williams and Norgate 1873. 8. XLII1 u. 123 s. 

Wissenschaftlichen werth kann mau dieser ausgäbe nicht 
zuerkennen. Man muss sich nur wundern , wie ein so ober- 
flächliches machwerk zu einer so respectablen ausstattung gelangt. 
Die anmerkungen behandeln zum theil ganz gewöhnliche dinge, 
z. b. dass £aw, Supäco und andere den Infinitiv in rjv bilden, 
zum theil geben sie unreifes urtheil und mangelhafte kenntuiss 
der grammatik und des tragischen Sprachgebrauchs zu erken- 
nen. So wird v. 734 (isOtig für (Ae&siqg mit (isdtifitv für pt&- 
i-lrifxtv gerechtfertigt; v. 1295 «(/ h> 86[ioiaiv . . Mi t 8ua roT- 
aiv aus geringen handschriften aufgenommen und mit gleicher 
behandlung des artikels v. 1304 Toig für /<ot vermuthet. Zu 
v. 765 fiuden wir die note: the Student should remarlc Medea's 
use of the masc. xaXXlvixoi. Den Schülern könnte aber einfal- 
len, dass es keine form xaXMvixai giebt. Von gleicher Sorg- 
falt zeugt die note zu v. '209 eßaöev (ißqoev) : the unusual ac- 
livity and force of the aar. should he obscrvcd. Vs. 328 soll u>g 
für ovioig stehen. Vs. 737 wird xal &emv ivoöfioTog gegeben, 
obwohl der gegensatz absolut die längst hergestellte negation 
fordert. Ein gänzliches missverstäuduiss des siuncs verräth 



Nr. 7. 179. Pausanias. 341 

auch die bemerkung zu v. 917 olfiat yäo vpag rtjads yijg Ko- 
oivOtccg t« jvqöjt s Gea&ai : hievou soll die stelle von Aristoph. 
Vög. 114 f. ozi nowza fxsv ?}ffi>' är&Qtonog mansg reo nozs eine 
parodie sein. Vs. 1349 kommt durch conjeetur sogar der 
trimeter ov nalSag ovg i&Q£\pä.ftr]v xu&qsvaa zu stände und 
zwar aus purer Vorliebe für ein hysteron proteron. Nimmt man 
dazu noch anmerkungen wie die zu v. 381 all' iy ri fioi noä- 
öaizsg' ei %yq>&ijaofiat Söpovg vneoßuivovGCL y.ai 7e%r<a[.i£fij, &a- 
vovgci üijaai 7o7g iy&noig yslcav : Bothe says &avovaa yiXcav is 
an epexegetic asyndeton (Bothe denkt natürlich an eine andere 
Verbindung der sätze). Asyndeton talces place etc. So here we 
would expect y.ai ze^vtafiir^ &avovi4.ai xal örjöco X7?.., but nai is 
left out, so muss man sich wundern, dass der verf. über andere 
stellen ganz vernünftig spricht und wenn er auch an den mei- 
sten Schwierigkeiten ahnungslos vorübergeht , doch andere zu 
lösen versucht. So meint er, v. 1266 müsse dvaasßrjg für 8va- 
fjisrijg gelesen werden, wie auch Nauck vermuthet hat — die 
ausgäbe von Nauck wie viele andere literatur ist dem verf. un- 
bekannt. — Vs. 1181 verlangt er ävel&dbv xälov exnltOoov 
Sgöfiov, v. 135 an aftcpiTtvlov (for J heard her cry wiihin, Co- 
ming front the apartement with double entrance). Vs. 1307 wird 
der stichomythie zu liebe als interpolation betrachtet. Ja die 
vermuthung zu vs. 459, dass %6 aov 8s zu sehreiben sei, kann 
sogar richtig sein. Und die vermuthung zu Heracl. 884 y.Qi- 
voig r« irj für Kgaroüvta y.ai lässt sich wenigstens hören. Die 
einleitung enthält eine Übersicht über die griechische tragödie, 
eine beurtheiluug des Euripides und verschiedene bemerkungen 
über die Medea, alles ohne interesse für uns. 

179. Beiträge zur texteskritik des Pausanias von Her- 
mann Hitzig. Heidelberg, buchhandlung von Karl Groos, 
1873. 8. 29 ss. 

Unter dem obigen titel ist dem programm des gymnasiums 
zu Heidelberg vom Schuljahr 1872 — 73 eine kleine abhandlung 
beigegeben , auf welche ich hier in kürze aufmerksam ma- 
chen möchte. Sie verdient unsere beachtung um so mehr 
als der Verfasser von dem richtigen und jetzt mehr und mehr 
zur geltung kommenden Standpunkt ausgeht, dass einer sichern 
kritik die genaueste beobachtung des Sprachgebrauchs vorange- 



342 179. Pausanias. Nr. 7. 

hen muss. Nachdem er in wenigen worten diese seine an- 
sieht dargelegt hat, beschäftigt er sich zuerst mit wirklichen 
und mit nur scheinbaren lücken. — Ohne frage nimmt III, 
13, 7 Hitzig mit recht den ausfall eines wortes wie loyiov^ pav- 
zevfjia, XQIGpÖG an, da eine unpersönliche ausdrucksweise nicht 
möglich ist. Dagegen kann ich ihm nicht ganz beistimmen, 
wenn er VII, 5, 5, wo von dem Herakleion in Erythrae die 
rede ist, statt G%t8ict vielmehr den dativ ff^eöV« schreiben will 
und nach ^iXoov den ausfall von iqieaztjxs oder entern annimmt, 
wobei ayaXfia subjeet bleibt, da seiner ansieht nach die über- 
lieferten worte nicht anders verstanden werden könnten , als 
dass das bild ein floss sei. Eine solche gewiss sonderbare dar- 
stellung des Herakles gestatten schon die folgenden worte : inei 
ds r\ o%s8ia xara zqv äxgav e,o%£v , . . nagu aqäg Karayayeh 
iy.areQOi zo uyulftu, nicht, in denen ja genau zwischen bild und 
floss unterschieden wird. Dass hier an ein Patäkenbild des 
Herakles zu denken sei , hat übrigens schon Creuzer Synib. 
und Myth. II 3 , p. 621 richtig bemerkt. Ich glaube es genügt 
vollständig, wenn man nach %vlwv den ausfall von k'ozi an- 
nimmt, so dass wir den sinn erhalten : das bild ... ist genau 
ägyptisch. Es ist nämlich ein floss da, und auf ihm — . Dass 
I, 29, 8 das verbum ausgefallen sei, was auch schon andere 
gesehen haben , scheint auch mir wahrscheinlich; weder aber 
kann ich dem ersten vorschlage des vfs. beistimmen neural yuQ 
7<Zi> htX. zu schreiben — das aaC am anfange kann nicht entbehrt 
werden — , noch will mir die Wiederholung von irdcptjGav ge- 
fallen , obwohl der Sprachgebrauch des Pausanias sie gestatten 
würde. Ich glaube vielmehr, dass Pausanias mit den ausdrücken 
gewechselt hat und schreibe daher mit Kayser oi Soxi^cotutoi 
netvia.1 '/.au . . . MaiävSgov eiucfijaav — . Unnütz ist die an- 
nähme von Hitzig, welcher glaubt, dass, I, 37, 3, nach iv reo 
%coQicp Tovtcp etwa xal isqoi> (axodofAijaar oder ähuliches ausge- 
fallen sei, da die erzählung von KtyaXov au bis zum Schlüsse 
ja nur die worte ' AnöXXmti de inouj&t] (i6vq> to i£ ag^g erklä- 
ren sollen. Wozu also noch einmal am Schlüsse die erbauung 
des tempels erwähnt werden soll, sehe ich nicht ein; die worto 
petä de tovto xxl. beziehen sich aber doch ferner gewiss recht 
gut auf tau dt itgöv. — Ich übergehe diejenigen fälle, an 
denen der artikol auegelassen ist , obwohl ihn der sprachge- 



Nr. 7. 179. Pausanias. 343 

brauch verlangt, sowie die besprechung der präpositionen und 
wende mich zu I, 4, 5, wo man, wie Hitzig richtig bemerkt, 
mit unrecht eine lücke angenommen hat. Da ihm die ergän- 
zungen und änderungen von Siebeiis, Schubart, Walz, Letronne 
und andern nicht genügend erscheinen, so schlägt Hitzig statt 
der überlieferten worte ig zavzijv raldzag iXavvnvaiv dno &a- 
Xdoaijg unter anführung von parallelstellen ig td ovco raXdzag 
xi\. zu schreiben vor. Dem sinne nach gewiss richtig; doch 
erhalten wir ebenfalls einen passenden sinn , wenn wir zavzTjv 
in avthv ändern, das sich auf das vorangehende ig ttjv 'AoCav 
bezieht und dem «770 &uXdaaqg richtig gegenübersteht : vom meere 
weg nach Asien selbst hinein, wie es -auch bald darauf heisst: 
rtjg ze ' Aaiug dg%i] ziig xaza, xal t] raXazmv uri alzTJg dva- 
%cÖQt]Gig. Nachdem Hitzig noch eine reihe von stellen bespro- 
chen hat , an denen er mit recht die annähme von lücken zu- 
rückweist, lässt er solche folgen , in deren mehrzahl unzurei- 
chende kenutniss des Sprachgebrauchs dahin geführt hat, die 
überlieferte lesart zu ändern. Gleich an der ersten I, 10, 3 
vertheidigt er mit recht ij5t] 8s gegen Zink , der dafür oi 8s 
verlangt, nur durfte er es nicht mit ,,auch" übersetzen , da es, 
wie z. b. VJII, 2, 7 t/S)] de neu dXXa jjxovaa deutlich beweist, 
„ferner" heisst; wie an dieser stelle tritt auch sonst häufig 
•Aal noch hinzu. — Beistimmen werden wir im ganzen Hitzig 
können in demjenigen , was er im folgenden gegen Kayser in 
bezug auf die Wiederholung desselben verbums sagt, ferner HI, 
16, 9, wo er nachweist, dass Pausanias iiaQTVQiov 8s poi und 
fiuo7VQ8i 8s noi gebraucht, sowie an andern stellen, die auf grund 
des Sprachgebrauchs erklärt oder verbessert werden. — Ich 
begnüge mich unter den folgenden die interessante und seit al- 
ter zeit missverstandene stelle III, 25, 6 hervorzuheben, in de- 
ren erklärung ich mit Hitzig übereinstimme. Nachdem er die 
bisherigen ansichten verworfen hat , übersetzt er selbst die 
überlieferten worte: ovSev zi fxdXXov 'Ofiijfjov xvva tw dvÜQwnqt 
avvTQoyov eigqxoTog tj ei Sgdxovza ovza ixdXeoev "Ai8ov xvva 
mit: „während Homer (indem er von einem hund des Hades 
sprach, damit) ebensowenig den hund, welcher ein genösse des 
menschen ist, gemeint hat, als wenn er einen drachenhund des 
Hades genannt hätte." Nicht begreife ich dagegen, wie Hitzig 
in der abweisung der Zink'scheu ansieht sagen kann: Hekataeus 



344 179. Pausanias. Nr. 7. 

hat den hund des Hades richtig erklärt. Denn sixoza durfte 
nur mit „wahrscheinlich'' übersetzt werden. Im übrigen 
muss es auch meiner ansieht nach , was schon Bekker wollte, 
rov uv&Qüiricp ovvTQoqiov heissen, und ovra nach ÖQctxovTa ge- 
strichen werden, was schon G. Krüger Fleck. Jahrb. 83 p. 
484 vorschlug. — Die worte III, 26, 5 bleiben ungeheilt, da 
dsQi in der verlangten bedeutung, was Hitzig selbst angiebt, 
nicht gebräuchlich, und auch dem sinne nach nicht ganz ange- 
messen ist. Wunderbar klingt es, wenn darauf Hitzig p. 25 
so fortfährt: „in den worten : Mecoyviov de äno zwv avuqioqäv 
IV, 6, 1 muss ein fehler stecken." Es wäre doch wohl nöthig 
gewesen, zuerst nachzuweisen, dass hier ein solcher vorliegt. 
Die sache verhält sich aber also : bevor Pausanias zum messeni- 
schen kriege übergeht, sucht er uns klar zu machen, warum dieser 
krieg nicht wie der medische und peloponnesische nach denje- 
nigen benannt sei, die den feldzug unternommen haben, son- 
dern der messenische , und führt zum vergleiche an , dass der 
krieg vor Ilium auch der troische und nicht der hellenische 
heisse. Da den Worten bvonaa&evra de ovx anb 7<äv intarga- 
TsvaävTcov aaneo ys o MrjStxbg xal 6 FfeXonorrtjaiaxög gegen- 
übergestellt wird Msoatjviov 8e anb tcov GVfiyooäv , so glaube 
allerdings auch ich, dass die letzten worte verderbt sind. Durch 
Hitzigs kühne vermuthung, dass vielleicht dafür Meaai]viov 8s 
anb luv iv 7\) 6ye7EQa d^vvofxstiojv zu schreiben sei, ist der 
fehler freilich nicht gehoben. Dass Pausanias sagen will: der 
messenische krieg ist wie der troische nach denjenigen benannt, 
für die er unglücklich ablief, ist klar. Meiner ansieht nach steckt 
in. ovfAyooinv ein partieipium entsprechend dem eniG7Qa7evoäv7ojv 
oder Pausanias hat einen zusammengesetzten ausdruck wie 
cvucpoQc/. neominzoo oder dergleichen gebraucht. Vielleicht, 
dass parallelstellen den richtigen ausdruck nachweisen. — Ich 
schliesse meine kurze anzeige mit dem wünsche , dass Hitzig 
bald seine Untersuchungen über Pausanias fortsetzen möge , in 
dem , wie selbst ein flüchtiger blick lehren kann , noch viele 
fragen ungelöst sind. 

Carl Jacobtj. 

180. P. Papini Stati Thebais et Achilleis cum Scholiis re- 



Nr. 7. 180. Statius. 345 

censuit Otto Mueller. Vol. I Thebaidos libri I— VI. Lip- 
siae B. G. Teubner. 1870. — 8 mark. 

Eine kritische dem heutigen stände der philologischen Wis- 
senschaft entsprechende ausgäbe der beiden epen des Statius, 
gegründet auf eine sorgfältige und methodische benutzung des 
reichhaltigen, allmählich bekannt gewordenen handschriftlichen 
materials war längst ein bedürfniss. Weder die ausgäbe Duebners 
(Paris 1835. 1845) noch diejenige Quecks (Leipzig 1854) hat- 
ten in kritischer beziehung einen fortschritt bezeichnet. Jener 
besorgte einen abdruck der ausgäbe Gronovs (1653) für The- 
bais und Achilleis (I, p. XV), fügte übrigens sehr dankenswer- 
the anmerkungen hinzu, in denen er mittheilungen aus pariser 
handschriften — besonders dem Puteanus — machte; dieser 
benutzte zwar collationen einer ganzen reihe von handschriften, 
unter ihnen des durch Lindenbruch (1600) bekannt gewordnen 
Puteanus , gab aber im wesentlichen den text der Bipontina 
(1783), der mit der Gronoviana fast immer stimmt. In dem er- 
sten bände der ausgäbe Otto Muellers besitzen wir nun den 
anfang eines werkes , welches die bisher vorhandne fühlbare 
lücke in der wissenschaftlichen literatur ausfüllen will. 

Da die ausführlichen prolegomena erst in einem späteren 
bände erscheinen sollen, so hat der Verfasser für jetzt in einer 
kurzen praefatio (p. VII — XIV) nur die hauptpunkte erörtert, 
welche handschriftlichen und sonstigen mittel er benutzt habe, 
und wie das verhältniss der einzelnen Codices sich nach seinen 
forschungen herausstelle. Als resultat ergiebt sich, dass wir 
eine doppelte Überlieferung der epen des Statius besitzen , und 
dass schon zu den zeiten des Lactantius Placidus, welcher be- 
kanntlich als Verfasser der scholien genannt wird , zwei ver- 
schiedene textesrecensionen existirt haben müssen (p. VIII). 
Von jeder dieser beiden recensionen besitzen wir je einen 
hauptvertreter , einerseits den cod. Puteanus = Paris. 8051 
saec. X (P), andrerseits einen cod. Bambergensis saec. XI (B). 
P scheint lange zeit verborgen geblieben zu sein , denn alle 
übrigen vor dem saec. XII geschriebenen handschriften folgen 
mehr oder weniger der Überlieferung des Bambergensis *); sie 

1) Auszunehmen hiervon ist der cod. Paris. 10317, wie ich an 
der Achilleis demnächst im Philologus nachweisen werde. 



346 180. Statins. Nr. 7. 

werden, wenn sie übereinstimmen , von Müller unter dem zei- 
chen M zusammengefasst. Unter den p. IX aufgezählten ma- 
nuscripten erregen besonderes interesse die fünf englischen, 
deren lesarten, von Bentley am rande einer ausgäbe von G-e- 
vartius (1616) verzeichnet, zuerst von M. Haupt in den Berl. 
Monatsber. 1861, p. 1080 sqq. mitgetheilt sind. Die von Bentley 
gewählten bezeichnungen [n8q:y) sind von Müller beibehalten, 
nur für den cod. Poffensis ist statt & das zeichen n gewählt 2 ). 
Die lesarten dieser letzteren, von Müller in seinen Quaestiones 
Statianae (Berlin 1861) wohl überschätzten handschrift sind im 
anhange p. 284 sqq. vervollständigt aus einer collation G. 
Kinkels, welche H. Hagen für Müller benutzte. In demselben 
abschnitte [Corrigenda et Addenda) — ■ der übrigens bei dem 
gebrauche des buches einigermassen unbequem ist — finden 
sich auch nachtrage aus der berner handschrift 156 (b), welche 
Müller gleichfalls H. Hagen verdankt. 

Neben den handschriften benutzte Müller auch die zahl- 
reichen textesverbesserungen, welche von Bentley und Schrader 
(durch Haupt a. o. bekannt gemacht) und auch von Lachmann 
(in einem exemplare, das in dem archäologischen apparate der 
berliner Universität aufbewahrt wird) erhalten sind. An eini- 
gen wenigen stellen finde ich abweichungen von den angaben 
Haupts. Theb. II, 343 vermuthete Bentley nicht tangit, amate, 
salus, sondern tangit amate salus; IV, 296 konnte wohl erwähnt 
werden, dass Bentley bereits die in P erhaltne richtige Schreibart 
Psophidaque erkannt hatte, ebenso dass derselbe gelehrte IV, 
537 ne vulgata mihi lesen wollte, was jetzt im texte steht. 
Duebner scheint mir unter denen, welche sich um Statius Verdien- 
ste erworben, etwas zu kurz gekommen sein; z. b. vermisse 
ich die angäbe, dass schon er hinter U, 185 eine lücke ange- 
nommen hat, dass die lesung Thyreo, IV, 48 bereits von ihm 
und Weber gefunden war, dass IV, 202 neben Bernartius auch 
Dübner der vermuthung des Lipsius, calatho für coetu zu schrei- 
ben, zustimmt, und dass er sich I, 284. 320 H, 734 III, 238 den 
Verbesserungen Barths anschliesst. — In der aufnähme eigner 

2) Bei der vergleichung der Hauptseben angaben habe ich fol- 
gendes als bei Müller fehlend notirt : Theb. I, 72 motte n 235 mon- 
strum yn IV, 276 quos n Bentley V, 195 thori d Bentley 224 
thorosque dn Bentley VI, 117 gerebant tP prob. Bentleio. 



Nr. 7. 180. Statius. 347 

conjecturen ist Müller zurückhaltend und sparsam gewesen. 
Nicht gerechtfertigt scheint es mir, dass er II, 599 den dativ 
Fyragmoni 3 ) statt des überlieferten ablativs in den text ge- 
setzt, auf diese weise also ein neues beispiel für die Verkür- 
zung der dativendung i bei den römischen dichtem zu schaffen 
versucht hat 4 ). A. Irahof (festschriften zur philologenvers. 
in Halle 1867, p. 4) hatte bereits die richtige erklärung der 
stelle gegeben, nach der eine änderung unnöthig ist. 

Unter dem texte sind in fortlaufenden anmerkungen über 
dem kritischen apparate Testes Auetores Imitatores zusammenge- 
stellt. Einige ergänzungen dazu lieferte bereits C. Krause, 
de P. Papinii Statu comparationibus epicis , Hall. Dissert. 1871. 
p. 45 sqq. Auch hier hätte Duebner noch manches geboten. 
Ich will hier kurz im interesse der sache eine reihe von bei- 
spielen anführen, wie ich sie mir , theils aus den angeführten 
schritten, theils aus eigner leetüre angemerkt. Zu Theb. I, 41 
quem prius Jieroum Clio dabist vgl. Hör. carm. I, 12, 1 sq.; 
mit Theb. I, 105 sq. vergleicht Duebner Valer. Flacc. VI, 
447 sq. ; Theb. 1 , 479 sq. ventis ut decertata residunt aequora 
ist nachgebildet Hör. carm. I, 9, 9 sqq.; Theb. III, 562 sq. 
quid crastina volveret aetas , scire nefas homini vgl. mit Hör. 
carm. I, 11, 1 sqq. Ferner vgl. Theb. HE, 671 sqq. mit Ilias 
V, 87 sqq., Theb. IV, 95 sqq. mit Ilias XXII 5 ) 93, Theb. 
IV, 266 sq. mit Verg. Aen. IX, 582, Theb. VI, 777 sqq. mit 
Valer. Flacc. VII, 581 sq., Theb. VI, 864 sqq. mit Aen. Xn, 
715 sqq. Zu Theb. V, 336 subit ostia hatte Bentley auf Ver- 
gilstellen verwiesen 6 ) : gemeint sind Aen. I, 400. V, 281; zu V, 
438 clüamys ardet et Uli citirte schon der scholiast Aen. IV, 
262. Der stelle IV, 315 sq. ist nachgeahmt Claudian. de 
raptu Proserp. III, 263 sqq. 

Was nun den text der ersten sechs bücher der Thebais 
selbst betrifft, so hat Müller nach seiner angäbe (p. XII) über- 
all da, wo P und B zusammenstimmen , sich ihnen unbedingt 

3) Vgl. Quaestiones Statianae p. 27. 

4) Handschriftlich überliefert sind drei: Catull. 64, 247 Minoidi, 
66, 70 Tethifi, Stat. Achill. I, 285 Palladi. Dazu haben Barth und 
Bentley noch gefügt Theb. III, 521 Jasoni und Haupt (a. o. 1077) 
Silv. IV, 2, 28 Donidi. 

5) X bei Müller ist ein druckfehler. 

6) Vergib: bis ter plenis subit ostia velis, vgl. Haupt a. o. 1082. 



348 180. Statius. Nr. 7. 

angeschlossen, ein verfahren, dem ich durchaus beistimme. Zu 
meinem bedauern muss ich nur constatieren , dass die lesarten 
gerade der wichtigsten handschrift, P, nicht durchgehend voll- 
ständig genau angegeben sind. Da nun aber P sich doch, wie 
Müller selbst sagt (p. XIII), in allen dingen als den zuverläs- 
sigsten führer, auch B gegenüber, bewährt, so wäre gerade 
hier eine möglichst erschöpfende genauigkeit besonders wün- 
schenswerth gewesen. Ich glaube am besten zu thun, wenn 
ich , einerseits am meine behauptung zu rechtfertigen, andrer- 
seits um die sache zu fördern, an dieser stelle alle erheblicheren 
auslassungen und ungenauigkeiten verzeichne, die ich nach 
meiner 1867 angefertigten collation des Puteanus bemerkt habe. 
Ich gebe zunächst die stellen, an denen Müller überhaupt keine 
lesarten des P anführt. 

Lib. I, 33 caelin 205 ecce 304 alas 333 schi- 

rone 379 animo om. 457 partem 474 per vulnera 

582 puert (= legitur) line(?) 601 tum 613 Fit 672 

hae 692 etiam für sed iam. Am Schlüsse fehlt folgende 

subscriptio Opus primi libri mirabili delectatione peractum est. 

Nunc ad secundi libri volumen non dissimili animo quam pri- 

mum accepimus convertamur. Lib. II, 126 eripitur 155 

domus 282 Tunc 311 discisse 354 solatus 366 

tritus 428 anni 523 huic. Lib. III, 170 mater Pen- 

thea P 2 180 ruit P 2 286 demissum ohne que 302 

Exciderint 345 verendus 417 mitis om. 440 deisque 

P 2 533 sint Lib. IV, 37 die P 2 für molire 112 di- 

lecta 124 collis et henneae 181 quod flebile vati 251 

Uli triste 280 crura 364 tabentis 490 timor 509 

caeli ohne que 510 morsu P am rande für ferro 548 

nostramque mone 561 flexique 607 enim in vultu 

635 placuto für placui 651 monent mit ms. Lindenbrogii, 

tinter dem offenbar P gemeint ist 653 sidera 668 bifore 

692 volantes 759 bellis 768 rediit 819 inde tori 

823 perfurere aut 835 indulgens. Lib. V, 135 nuda 

141 invalidi 212 vilantibus 320 falsi in crimiuis 

492 quid imperat 537 morere 555 et extemplo 

562 iam mollia 634 sub umbra 613 servabat ab armis 

651 advehit 665 über Erymanthius steht Partheno- 

peus P 2 707 ab spumea 710 Qui superum 751 



Nr. 7. 180. Statius. 349 

über Pyliae steht Nestore" die" P 2 752 maluerim , über 

Phrygiis steht Tithone" die" P 2 Lib. VI, 23 tunc pontum 

76 stabuli 128 genitis quisque "154 alienus 204 

Danaum 208 exsudat 222 omnia 250 eunetos arvis 

274 reeubaas super aggere (ioas Gronov vermuthete) 
293 ore notas 307 natantibus irae 372 duo 476 

discrimen erat 440 circa 518 Tum vero 522 demis- 

sus 572 insignes ohne que 604 Insperatque 613 

ostenditur 620 discendere 649 pondere iuxta 696 

deroisit 701 Ille manu 710 et fugit 723 circumfulsa 

729 tollite caestus 746 in pectora 816 pulchrum 

ohne est 819 vulnere crasso 833 monstrare 836 sue 

842 unde haec 882 Sic tremuit 929 in aecum 
936 omnia 938 caunpum emissa. 

Falsche oder ungenaue angaben finden sich an folgenden 
stellen: Lib. i", 253 liest P improbus, nicht inprobus 330 

chiteron, nicht chithaeron 713 Phlegyan, nicht flegyam. 

Lib. II, 356 dabitur mi, nicht mihi. Lib. III, 151 

liest P genitrix, nicht genetrix, ebenso VI 635. 177 hat 

v 
schon P 1 rebelli in revelli corrigirt (rebelli) 187 richtiger lato 

P 1 leto P2 202 liest P Prolapsum fontes, was Müller als eigene 
Verbesserung bezeichnet. 508 hat P qui vultur mit BM 583 
Haerentes ohne que 594 ist von derselben hand am rande 
hinzugefügt 630 caecos sos ist von zweiter hand darüber- 

geschrieben 632 est P 1 , nicht P 2 636 atra steht in P. 

n 

Lib. IV, 61 alto P 1 mo\s P 2 120 Pleidas , nicht pe- 

liadas 276 quos, nicht vos 334 cerae, nicht certe 

441 tremibundus , nicht tremebundus (ebenso X, 715 tremi- 
btinda, aber IX, 552 tremebunda) 461 prolata, nicht plo- 

lata 487 detorqueat , nicht retorqueat 529 s up er i limi- 

ne t, nicht supereminet. Der hinter 716 in P eingeschobene vers 
lautet im anfange: Raptarunt phaethontis 777 fulguret P 1 

fulgura et corr. man. rec. 798 aita, nicht areta. Lib. V, 

225 epopea, nicht opopea 396 Derigucre, nicht diriguere 

583 etiam e summa, nicht etia?n summa. Lib. VI, 101 

sueo, nicht sueco 185 ore querellis , nicht ora quacrellis 



350 181. Catullus. Nr. 7. 

319 imp etus, nicht inpetus; urgue, nicht urgee 357 

Pamasi ; nicht Parnassi 496 in artus, nicht astus. — 

Die hauptschwierigkeit für diese erste kritische ausgäbe 
der epen des Statius bestand eben darin , den weg gesicherter 
Überlieferung zu "zeigen und anzubahnen; dass dabei im einzelnen 
noch sehr viel zu bessern bleibe, wird dem Verfasser selbst ge- 
wiss nicht unklar gewesen sein. Meine absieht war es, durch 
eine eingehende nachvergleichung zu constatiren, in wiefern 
schon jetzt eine relative Sicherheit erreicht sei. Nach meiner 
Überzeugung hat Müller seiner arbeit dadurch eher geschadet, 
dass er, in dem an und für sich gewiss zu billigenden bestre- 
ben möglichster Vollständigkeit, die lesarten zu vieler hand- 
schriften zweiten und dritten ranges aufgenommen hat, jeden- 
falls wird die wiedergäbe der ältesten und besten Überliefe- 
rung unter dem drucke der masse gelitten haben. Der Verfas- 
ser scheint selbst schon auf einen solchen Vorwurf gefasst ge- 
wesen zu sein (p. XII). 

Jedenfalls ist durch Müllers ausgäbe zum ersten male die 
bahn gebrochen , um durch methodische kritik auch dem oft 
allzu sehr vernachlässigten Statius in der philologischen litera- 
tur zu seinem rechte zu verhelfen. Ich schliesse mit dem wün- 
sche, dass recht bald eine fortsetzung des werkes erscheinen 
möge. 

P. Kohlmann. 

181. De Catullo Callimachi imitatore, scr. Paulus Wei- 
denbach. 8. Leipzig 1873. 

Im ersten theile seiner dissertation (pp. 1 — 28) bespricht 
Weidenbach das 64 und 66 gedieht Catulls. Das erste nimmt 
er, sich Riese (Rh. M. 1866) anschliessend, für eine Übersetzung 
aus einem callimachischen original. Die beweise Riese's aber 
sind nicht stichhaltig (cf. 0. Schneider, Callimachea II, p. 440. 
427. 486. 664. 620. 417) und somit stehen die erörterungen 
Weidenbachs in der luft. Freilich beschränken sich diese meist 
auf ästhetische betrachtungen , und auch diese sind nicht alle 
zutreffend, wie z. b. das über die anfange alexandrinischer ele- 
gieen gesagte. Für das sicher callimachische gedieht c. 66 ist 
jetzt auf die treffliche abhandluug Schneiders in seinem Calli- 
mach. II, p. 144 sqq. zu verweisen. C. 68 nimmt Weiden- 



Nr. 7. 182. Tibullus. 351 

bach ohne weiteres die ansieht Westphals über die theilung in 
zwei gedichte an, die schon Rettig, Catulliana II, p. 10 abge- 
wiesen hat, während er die -eintheilung des gedichts treffend 
durch eine echt alexandrinische eigenthümlichkeit erklärt. Die 
Untersuchung über 65, 19 sqq. ist nicht anziehend genug. 
Neues bietet das schriftchen nicht, alexandrinischer einfluss wird 
nachgewiesen 65. 68a. 68b und bei c. 67 auf das abweichende 
von Callimachus aufmerksam gemacht. 

R. Ehwald. 

182. De Albii Tibulli tribus primis carminibus disputa- 
tio. Scr. Eichard Richter. Zwickau 1873. 

Der Verfasser, der nach der praefatio eine commentirte 
Schulausgabe des Tibull bei Weidmann erscheinen zu lassen 
beabsichtigt, bespricht in dem vorliegenden programm einige 
stellen der drei ersten elegieen Tibull3 kritisch und exegetisch. 
Am wichtigsten ist die frage über transpositionen, im text 
schliesst er sich fast ganz an L. Müller an. Was zunächst 
6eine besprechung von c. 1 anlangt, so stimme ich Richter 
vollkommen bei, wenn er mit Ribbeck die Umstellung Haase's, 
v. 13. 14 nach v. 18 zu setzen, nicht annimmt (s. auch Eberz in 
Jahrb. f. Phil. 1869, p. 334), wenngleich dabei v. 17 [Pomosi- 
gue ruber custos ponatur in hortis) ungelöste Schwierigkeiten 
bietet. Doch davon an einem andern orte. Für vortrefflich 
aber halte ich Richter's ansieht über vv. 33. 34, die er mit 
leichter änderung von hie in Jioc (v. 35) an ihrer stelle lässt, 
während er Haase's transposition von vv. 24 — 32 nach v. 6 
als richtig anerkennt. VV. 29 — 32 7. 8 zählen so alle be- 
schäftigungen des landmannes auf, die durch v. 33. 34 sehr 
unliebsam unterbrochen wurden. Nicht billigen aber kann ich 
die durchaus unmotivirte athetese von v. 39. 40 nur der Sym- 
metrie zu liebe, derenwegen auch schon Prien (Jahrb. f. Phil. 
1870, p. 689) v. 7. 8 und 33. 34 tilgen will. Eine so rein 
äusserliche gleichheit, und noch dazu so grosser, nicht wieder 
in sich selbst gegliederter theile — und von einer solchen, wie 
sie bei Tibull Ritschi, Prien, Bubendey , Wisser , theilweise 
auch Eberz und neuerdings Groth nachzuweisen suchen ; redet 
Richter nicht — ist Schematismus, nicht künstlerische compo- 
sition. Zudem werden die verse, an denen nicht einmal Gruppe 



352 182. Tibullus. Nr. 7. 

anstoss nahm, hinlänglich durch den sinn und die analogie von 
II, 5, 31 gesichert. Eben so wenig kann ich mich an Richter 
anschliessen, wenn er v. 5 in concessivem sinn, nicht als wünsch 
fasst, was durch den gegensatz zu v. 1 unmöglich ist, und 
wenn er v. 7 heilen will durch die conjectur dummodo iam pos- 
sirn. Wenn an dieser schwierigen stelle noch eine conjectur 
gestattet ist, möchte ich vorschlagen zu lesen: Iam mora, iam 
possum t was sich eng an die handschriftliche tradition anschliesst; 
mora nehme ich dann in dem sinne von ruhe , rast (cf. die 
Lexica) und denke an den eben beendeten kriegszug unter Mes- 
sala (Teuffei Studien p. 346), wenn man nicht mit Lachmann, 
Kindscher (Zeitschr. f. d. Gymnasialw. XIII, p. 299), Richter 
(Rh, M. XXV, p. 530) annehmen will, dass c. 3 vor c. 1 ge- 
dichtet sei. Die kritischen bemerkungen zum zweiten theil 
von c. 1 sind meist zutreffend: bei v. 57 hätte der auch von 
Müller übersehene vers I, 3, 11 citirt werden müssen. In c. 
II nimmt Richter zunächst anstoss an vs. 8 und meint die 
apostrophe des in seinem hause beim becher sich tröstenden 
dichters an die thür, der Übergang von der Schmähung zur bitte 
sei nur durch ausfall eines distichons zu erklären. Die Schwie- 
rigkeit gebe ich zu, doch glaube ich sie weniger gewaltsam durch 
Umstellung von v. 13. 14 vor v. 9 zu beseitigen. Für ver- 
fehlt aber halte ich die erklärung von v. 35 : zu obvia ist 
nichts anderes zu ergänzen als mihi. Aller Wahrscheinlichkeit 
entbehrt auch die conjectur und erklärung v. 65 [suam für 
fuit). Denn wiederholt wird c. 2 auf einen rivalen hingedeutet 
(v. 9. 57) und weist c. 5 nicht deutlich auf unsere stelle zu- 
rück. Eine nähere begründung dieser ansieht lässt sich freilich 
nur bei einer näheren darlegung der Chronologie der tibullischen 
gedichte geben, für die auch v. 67 eineu sichern anhält bietet 
(s. Mommsen, Mon. Anc. p. 81). Mit unrecht wird auch v. 
79. 80 ausgestossen. 

Ansprechend sind die bemerkungen zu I, 3, 7. 11. 17. 
29. — v. 37 temptaverat für contempscrat ist gewaltsam; mit 
hiublick auf Ovid. Met. I, 94 ist conspexerat (Gruppe contempsc- 
rat) zu lesen. Mit treffenden gründen wird zuletzt Müllers an- 
sieht, der vor v. 5 eine lücko statuirt, widerlegt. 

Ii. Ehicald. 



Nr. 7. 183. Livius. 369 

• 
183. Solemnia anniversaria in gymnasio regio Norimber- 

gensi die VI. Aug. MDCCCLXIX rite celebranda indicit D. 
Henr. Guil. Heerwagen gymnasii rector. — Inest com- 
mentatio critica de T. Livii XXVI, 41, 18 — 44, 1. Norimber- 
gae ex officina Campenana. 1869. 4. 20 p. 

Die vorstehende verdienstvolle abhandlung zerfällt in zwei 
theile. Der erste (p. 1 — 8) beschäftigt sich mit der frage nach 
dem werthe des verlorenen cod. Spirensis, welchen Beatus Rhe- 
nanus seiner Livius -ausgäbe zu gründe legte und kommt zu 
dem resultate , dass derselbe theils ebenso gute , theils ältere 
und bessere lesarten bot als P. Diese ansieht konnte ohne eine 
umfassendere Untersuchung aller vorhandenen jüngeren hand- 
schriften von dekade III bedenklich erscheinen; indessen die 
feststellungen Mommsens und Studemund's über den Turiner 
palimpsest haben inzwischen ergeben, dass neben dem P noch 
ein älteres exemplar existirt habe , von welchem eine anzahl 
der jüngeren handschriften in der dritten dekade herstamme 
(Analecta Liviana p. 6 und p. 24 ff.). Nachdem dies erwiesen 
ist, können wir mit Studemund unbedenklich (Analect. p. 25) 
den jetzt verlorenen Spirensis als eins dieser aus dem alten 
codex x. herstammenden exemplare ansehen. 

Durch die anerkennung der richtigkeit dieses von Heer- 
wagen gewonnenen resultates bekommt aber der zweite theil 
seiner abhandlung eine ganz andere Wichtigkeit. Der cod. P 
ist lückenhaft von XXVI, 41, 18 — 44, 1. Das fehlende stück 
galt bisher als ergänzung eines späteren gelehrten , der es aus 
dem Polybius übersetzt habe und wurde daher von Weissen- 
born schon durch den druck kenntlich gemacht. Heerwagen 
aber sucht zu beweisen, dass dies stück zum grössten theile 
im Spirensis stand (p. 9 ff.) und folglich acht sei. Die ganze 
sogenannte ergänzung hat nach seiner ansieht zwei theile ; der 
eine umfasst die worte Liv. XXVI, 41, 18 nuper quoque — transissent 
und XXVI, 43, 9 — 10 sed quoniam vos — Mago Poenorum dux; 
und in dieser weise wird die lücke des P in den codd.Pal. 1 und 
3 , Lov. 1. 2. 4. 5. etc. (s. Heerw. p. 10) ausgefüllt. Dieses 
Supplement trägt seinen charakter als nothdürftige verklebung 
einer lücke von ziemlich ungeschickter hand deutlich an sich. 
Dagegen Liv. XXVI, 41, 18 nunc dii immortales — 43 , 8 
imminet Africa stand sicher im Spirensis, ohne zusatz und ohne 
Piniol. Anz. VII. 23 



370 183. Livius. Nr. 7. 

unmittelbaren Zusammenhang mit dem vorhergebenden und fol- 
genden. Dieses zweite grössere, im Spirensis enthaltene stück 
wurde später mit dem ersten, kleineren vereinigt und so fin- 
det sich denn jetzt das ganze Supplement in den codd. Pal. 2. 
Lov. 3. Gaertn. etc. (s. Heerw. p. 11) und ist von da in unsere 
ausgaben übergegangen. P. 15 ff. endlich bringt den nachweis, 
dass auch die spräche des fragments acht livianisch sei. 

Sind wir nun genöthigt , den Spirensis als abschrift eines 
gliedes der älteren familie von handschriften anzusehen, und steht 
es fest, dass er aus dem ganzen Supplement nur die oben be- 
zeichneten worte enthielt, so können wir auch nicht bestreiten, 
dass diese worte dem Livius angehören, dass sie acht sind. 
Diese worte aber, speciell Liv. XXVI, 42, 7 ceterum sita Car- 
thago sie est, tragen den charakter der Übersetzung aus Polybius 
aufs deutlichste. Trotzdem enthält aber das fragment des co- 
dex in c. 43, 1 noch einen nicht bei Polybius enthaltenen Zu- 
satz. Wir werden demnach 1) das fragment des Spirensis für 
acht erklären ; 2) zugeben , dass es aus Polybius übersetzt ist, 
und 3) dass Livius unleugbar hier den Polybius mit einer an- 
deren quelle kontaminirte. Die abhandlung Heerwagens hat 
daher einmal für die frage nach den Codices Wichtigkeit, zweitens 
aber auch für die quellenuntersuchung , indem sie der immer 
wieder aufgestellten behauptung, dass Livius nie den Polybius 
durch eine lateinische quelle ergänzt habe, den boden entzieht 
(s. E. Wölfflin, Antiochus von Syracus und Caelius Antipater 
p. 78 ff.). 

Zum überfluss wollen wir darauf hinweisen, dass auch Si- 
lius Italicus, der nachahmer des Livius , im fünfzehnten buche 
v. 188 — 229 das c. 42, 1 — 9 des Livius, so wie wir es jetzt le- 
sen, vor sich gehabt haben muss : vrgl. Silius XV, 222 = 
Liv. XXVI, 42, 8 und Silius XV, 228 = Liv. XXVI, 42, 8, 
Silius XV, 225 = Liv. XXVI, 42, 8; ferner Silius XV, 214 
= Liv. XXVI, 42, 6-, Silius XV, 217 = Liv. XXVI, 42, 5; 
Silius XV, 133 == Liv. XXVI, 41 , 25. Es dürfte schwer 
sein, die worte des Livius sorgfältiger in verse zu übertragen. 

Nur über den anfang des fragmentes lässt sich streiten. 
Denn da der Spirensis vorloren ist, Beatus Rhenanus aber nicht 
ausdrücklich sagt, bei welchem worte sein fragment begonnen 
habe, so vermuthet Heenvagen nur, dass es mit nunc du c. 41, 






Nr. 7. 184. Tacitus. 371 

18 anfing. Wir möchten aber darauf aufmerksam machen, dass 
ziemlich alles, was Weissenborn in dem fragmente als unlivia- 
nisch tadelt, c. 41, 18 — 19 steht und fügen hinzu, dass auch 
wir an diesem stücke anstoss nehmen , besonders an den Wor- 
ten 41, 19 brevi extorre hinc omne Punicum nomen maria 
terrasque foeda fuga impleturum. — Heerwagen führt 
zwar p. 15 aus Liv. I, 2, 5an ut mare etiam — fama nominis 
sui implesset ; doch ist zwischen beiden stellen ein grosser un- 
terschied , der darin besteht , dass gewiss nicht alles , was 
von der fama nominis ausgesagt wird , auch von dem nomen 
Punicum oder Latinum gesagt werden darf. Nomen als Zusam- 
menfassung alles dessen, was als einen namen tragend zu- 
sammengehört, ist immer kollektiv und abstrakt; niemals ist 
nomen Punicum ganz gleich Poeni: vrgl. Liv. I, 10, 3 nomen Cae- 
ninum in agrum romanum impetum facit. 1 , 38, 4 omne nomen 
Latinum domuit. I, 40, 3 commune Romani nominis dedecus. I, 
52, 4 capita nominis Latini stare ac sentire cum rege. II, 22, 7 
numquam — Latinum nomen Romano imperio coniunctius fuit. 
III, 8, 10 Volscum nomen prope deletum est. V, 6, 6. VI, 17, 
4. VI, 17, 6. IX, 42, 11. X, 11, 12. XXI, 30, 3. XXII, 59, 
12 iniuriam nomini Romano faciam. XXIII, 6, 3. XXII, 57, 10. 
XXII, 5, 5 si quid dii — relicum Romani nominis fecerint. 

Diese stellen, welche sich leicht verdoppeln lassen, bewei- 
sen, dass Livius auch hier im ersten buche am freisten ist. Die 
Worte nomen Caeninum impetum facit dürften bei ihm kaum noch 
ein aualogon finden-, aber nomen Punicum extorre foeda fuga 
maria terrasque implet sind davon noch gewaltig verschieden. — 
Wir möchten demnach wenigstens soviel behaupten , dass es 
der mühe lohnt, gerade den anfang dieses fragments aus dem 
cod. Spirensis einer noch genaueren Untersuchung zu unterwer- 
fen, als es Heerwagen gethan. 

F. Friedersdorff. 

184. De praepositionum usu apud Tacitum. Specimen pri- 
mum scr. A. Grreef. 8. Gottingae 1869. — SS. 56. 

In dieser dissertation behandelt der Verfasser die prä- 
positionen apud und adversus , mit letzterer zugleich contra 
und erga. Er giebt eine genauere sonderung der stellen, 
in denen „apud" für „in" steht, sodann bei den drei letzt- 

23* 



372 184. Tacitus. Nr. 7. 

genannten den im einzelnen durchgeführten nachweis , daß sie 
in ausgedehntester weise zur bezeichnung irgend eines gegen- 
seitigen Verhältnisses frei mit verben, Substantiven, adjectiven 
verwandt werden, worin mit recht eine besonderheit des stiles 
gefunden wird. Auch wird gelegentlich mancher irrthum frü- 
herer berichtigt, manche erklärung gefördert z. b. A. 15, 43, 2, 
wo kein grund von der handschriftlichen lesart adversus prae- 
sentem fortitudinem abzuweichen-, in der auffassung dieser stelle 
bin ich mit dem Verfasser zusammengetroffen in meinem pro- 
gramm Nonnulla de usu praepositionum auud Tacitum. Glückstadt. 
1871, p. 27. 28. — In der einleitung jedoch von p. 1 — 9, in 
welcher der Verfasser über praeter, propter , prope, iuxta, super, 
prae, infra, secundum , citra, eis, trans, tenus theils im text, 
theils in anmerkungen handelt, wesentlich aber nur die beispiele 
mit zahlen citirend, ist manches zu bezweifeln, auch nicht alles 
vollständig 5 so z. b. fehlt p. 6 a. 3 für praeter G. 2, 5 , eines 
der hervorragendsten beispiele ; auf p. 5 med. für dam fehlt A. 
2, 40, 17. Zu prope auf p. 6 oben H. 3, 21, 1 gehört neben 
A. 6, 13, 1 auch H. 1, 54, 7 nee proeul seditione. Auch möchte 
es sich empfehlen die wenigen adverbialbeispiele mit anzu- 
führen; bei propter A. 4, 54, 4; bei infra A. 2, 43, 17-, citra 
H. 3, 23, 14; super H. 1, 20, 5; A. 1, 68, 7; 3, 46, 19; 4, 
38, 4; 39, 17; 6, 35, 10; bei iuxta freilich sind 28 adverbial- 
gegen 30 präpositionalbeispiele. — Ob bei circa p. 8 med. A. 
2, 65, 19 plurimus circa aquilas labor nicht die locale der 
übertragenen bedeutung vorzuziehen sei, ist mindestens fraglich; 
labor ist novog d. h. kampfesmühe , daher ist bei der dortigen 
Situation die auffassung: „das kampfgetümmel war um die adler 
herum das heftigste", einfacher als circa = in betreff zu fassen. — 
Bei citra in Ag. 10, 11 scheint ebenfalls die locale bedeutung 
der übertragenen = ohne vorzuziehen ; denn bei den Worten 
citra Caledoniam liegt doch die rein locale auffassung ganz 
offen vor, während die übertragene gerade wegen der rein lo- 
calen Verbindung anstößig ist. Auch Klotz im Lexicon s. v. 
unter vergleichuug von Pomp. Mola 1, 19, 17 citra magnitudi- 
nem prope Ponto similis erklärt die stelle Ag. 10, 11 mit „ab- 
gesehen von" , aber schon Nissen , (Agricola cd. Lübker. Ham- 
burg 1847) erklärt mit „unterhalb", also auch local, Gut- 
mann und Bötticher einfach „diesseits", ebenso Wex, Roth, 



Nr. 7. 184. Tacitus. 373 

Kritz, Walther, Orelli; meine französische ausgäbe von M. Boi- 
stel, Paris. 1847 sagt: „en deqa de la Caledonie", c' est-a-dire en 
la retranchant. Die bedeutung „abgesehen von, ausge- 
nommen" (cf. Hand Turs. II, p. 85. 8 s. v.) ist bei Tacitus 
überhaupt nicht nachweisbar. Die fünf übertragenen stellen D. 
27, 10; 41, 27; G. 16, 8; Ag. 1, 11; 35, 6 = sine sind and- 
rer art; die stelle in A. 12, 22, 14 scheint eine nachahmung 
von Ovid. Trist. 2, 127. Somit bleiben für die locale bedeu- 
tung Ag. 10, 11; 25, 17 und adverbial H. 3, 23, 14. Daher 
glaube ich, daß die übrigen stellen, wo citra übertragen steht, 
gerade für die locale bedeutung dieser stelle entscheiden. Je- 
doch kann ich dies hier nicht weiter ausführen. Diese präpo- 
sition kommt mit ausnähme von A. 12, 22, 14 und adverbial 
H. 3, 23, 14 nur in den kleinen Schriften vor. — Auf p. 8 
und p. 9 unter prae sind die beiden stellen im D. 15, 5 und 
18, 18 conjeeturen Halm's und Groslotius um so bedenklicher 
als echt hinzustellen, als die präposition außer der redensart 
prae se ferre G. 39, 7; Ag. 43, 13 nur zweimal in den An- 
nalen, und zwar local 14, 35, 1 prae se vehens , übertragen 15, 
16, 15 prae fletu in negativem satze, in der correct classischen 
gebrauchsweise erseheint. Mit recht nimmt deswegen Gr. An- 
dresen in seiner ausgäbe des Dialogus, Teubner. Leipzig 1872, 
in D. 15, 5 für antiquis lieber die emendation des Lipsius at- 
que id auf, wodurch ein ganz einfacher anschluß entsteht, und 
in 18, 18 setzt er das bedenkliche magis in klammern, indem 
er es bei dem handschriftlichen pro (Catone) bewenden läßt, 
denn die Verbindung prae aliquo aliquem magis mirari scheint 
in der that eine sehr bedenkliche, (s. mein programm p. 22 
anmerkg.). — Wenn ferner der Verfasser p. 5 bei propter in 
causalem sinn sagt: si ad Tacitum respicis casu fortuitoque fac- 
tum esse putemus, ut haec praepositio ab eo bis tantum admissa sit, 
so ist das wohl kaum anzunehmen. Zunächst ließe sich der 
freiere gebrauch des abl. causae, sodann der reichliche gebrauch 
von ob (166 beispiele) anführen, vielleicht auch eine abnei- 
gung gegen die auf (i)ter ausgehenden längeren abverbialforraen, 
von. denen sich außer aliter und pariter keine finden; z. b. nir- 
gends das bei Plinius und Vellejus häufige obiter , auch circiter 
fehlt, und selbst praeter (21 mal) ist in vergleich zu super 
(108 mal) selten, propter aber verschwindet vor ob gänzlich, 



374 184. Tacitus. Nr. 7. 

und nur das unersetzliche inter (434 beispiele) bleibt in seinem 
recht. In der einzigen stelle nun, wo wir propter in H. 1, 
65, 3 causal lesen, scheint mir die strenge auffassung des 
Schriftstellers in bezug auf die bedeutung der präposition recht 
klar hervorzugehen, indem sie recht eigentlich die äußere causa 
accedens mit untergelegter localer bedeutung d. h. neben-, beiher 
enthält •, (vergleiche hierüber Reisig, Vorlesung, über lat. Sprach- 
wissenschaft von F. Haase p. 733); so enthält im D. 21, 21 
propter magnitudinem den hindernden grund wie sonst per in 
negativen sätzen, welches letztere besonders häufig auch in 
anderen fällen als ersatz für das fehlende causale propter ein- 
tritt. Endlich ist auch über den causalen gebrauch der prä- 
position im allgemeinen keineswegs richtig zu sagen: ab Omni- 
bus scriptoribus praepositio propter sensu causali (= wegen) sae- 
pissime usurpatur , vielmehr wenn wir gewisse Verbindungen, 
namentlich mit pronominibus personalibus nnd anderes ausnehmen, 
so ist der gebrauch gar nicht so häufig; bei Sallust z. b. auch 
nur etwa sechsmal, und in lug. 100, 1 scheint propter com- 
meatum ebenso local zu fassen, wie Tac. Hist. 4, 56, 14 ex- 
tra commeatum (cf. Nonnulla de praepos. usu etc. p. 23, 24). 
Somit kann der überaus seltene gebrauch von propter in cau- 
salem sinne bei Sallust auch zur erklärung des fast gänzlichen 
fehlen's der causalen bedeutung bei Tacitus dienen. Dies letz- 
tere scheint also nicht durch zufall und ungefähr hervorgeru- 
fen , sondern dieser dem Schriftsteller nicht convenirende ge- 
brauch war wohl in der natur des wortes selbst und der auf- 
fassung des Schriftstellers begründet. Wie verschieden jetzt 
die auffassung und erklärung des causalen propter sei , zeigen 
zur genüge Hand. Tursell. III, p. 612. 6; Krebs Antibarbarus 
ed. Allgayer p. 793 s. v. ; Reisig, Vorles. üb. lat. Sprachwissen- 
schaft ed. F. Haase p. 733, wo besonders auch über die oben 
angegebene stelle Sallust's lug. 100, 1, verschiedene erklärungen 
versucht werden. — Auf p. 6 a. 3 hätten bei super gleich 
die 28 beispiele c. abl. = de hinzugefügt werden können, um 
wenigstens das ganze zu geben. — Auf p. 9 bei tenus konn- 
ten die zehn hactenus- und drei quatenus-beispiele aus dem sel- 
ben gründe mit gegeben werden. Wenn auch eine weitere 
ausführung natürlich durch die art der einleituug ausgeschlossen 
war , so scheint doch die aufzählung der beispiele super, prae- 



Nr. 7. 185. Scriptores bist. Augustae. 375 

ter, iuxta in der art wie sie dort geschehen nicht genügend, 
indem bei super nur die eine rection berücksichtigt, die ad- 
verbialbeispiele übergangen und besonders auch keine gehö- 
rige Scheidung innerhalb der beispiele selbst gemacht wird, 
welches ohne viel raumerweiterung auch in der einleitung ge- 
schehen konnte. 

Es ist aber sehr zu wünschen , dass der Verfasser das auf 
p. 9 versprochene, eine weitere behandlung der präpositionen, 
bald folgen lasse, da hier noch viel beachtenswerthes zu finden 
ist; von den grösseren präpositionen sind besonders noch per 
und de in ihren zahlreichen beispielen {de = 304; per = 758) 
einer eingehenderen classificirung und besprechung werth. Auch 
hier besteht die besonderheit zum theil in der eigenthümlichen 
mischung der beibehaltenen localen mit der übertragenen 
bedeutung, nach der art von A. 6, 22, 13 magnas per opes 
miserrimos, und bei Verwandtschaften 4, 75, 5 is avium Octaviam 
et per eam Augustum avunculum praeferebat d. i. durch sie als 
verbindungs- und mittelglied. 

Gerber. 

185. C. Rubel, de fontibus quatuor priorum historiae 
Augustae scriptorum pars prior. Dissert. histor. Bonnae 1872. 
64 pp. 8. 

Eine tüchtige und wie fast alle historische dissertationen, 
welche wir jetzt aus Bonn erhalten, methodisch angelegte erst- 
lingsschrift. Der verf. hat sich es zur aufgäbe gestellt die 
viten der vier ersten Scriptt. hist. Augustae zu zergliedern und 
ihren quellen zuzuweisen, indem er zugleich aus dem Charakter 
der quellenbenutzung auf den Verfasser seklüsse zieht (gegen 
die handschriften werden die vv. Pii und Albini dem Spartianus, 
die vv. Commodi, Caracallae und Getae dem Capitolinus gege- 
ben) , und legt uns in dieser particula prior die resultate sei- 
ner Studien über die vitae von Marcus bis Severus vor. Seine 
Stellung zu J. J. Müllers grundlegender arbeit über Marius Maxi 
mus ist die, dass dieser nach seiner ansieht den Marius Maximus 
zu ausschliesslich benutzt sein lässt, wobei es ihm freilich passiert 
ist, dass er seinem Vorgänger mehrfach meinungen unterschiebt, 
welche dieser gar nicht ausgesprochen hat (s. J. J. M[üller] in 
Zarncke's Centralbl. 1872 ; p. 499 f.). Doch lässt sich trotzdem 



376 185. Scriptores List. Augustae. Nr. 7. 

nicht verkennen, dass Kübel die Untersuchung über diese frage ein 
anerkennenswerthes stück über Müller hinaus gefördert hat, nur 
dass er oft in dem streben überall zu bestimmten resultaten 
zu kommen, sich auf das gebiet blosser hypothesen verirrt hat. 
Die erste vita, welche er nach einer einleitung über das ver- 
hältniss der v. Maximini und Gordiani zu Herodian, um so die' 
methode der quellenbenutzung des Capitolin festzustellen , be- 
spricht, ist die des Marcus. Hier hat er richtig erkannt, wie 
cap. 15 — 19 und c. 29 aus dem Zusammenhang der übrigen 
darstellung vollständig heraustreten. Die biographie zerfällt in 
vier theile; I, cap. 1 — 14 entbält das leben des Marcus bis zum 
tode seines mitregenten Verus ; II, 15 — 19 giebt zunächst einen 
kurzen überblick über die politischen ereignisse post obitum Verl 
bis zum tode des Marcus , dann verschiedentlichen klatsch über 
die geburt des Commodus und eine vertheidigung des Marcus 
nebst einer anrede an Diocletian am schluss-, III, cc. 20 — 28 
noch einmal eine darstellung der politischen ereignisse vom tode 
des Verus an (Sed Marco Antonino haec sunt gesta post fratrem : 
c. 20. 1) und einen ausführlichen bericht über seinen tod ; IV, 
c. 29 endlich einige crimina gegen Marcus und einzelne zusam- 
menhangslose bemerkungen. Wir bekommen demnach die ge- 
schichte der zweiten hälfte der regierung des Marcus hier in 
zwei verschiedenen relationen zu lesen, die auch im einzelnen 
manche Wiederholungen aufweisen (c. 15, 3 = 20,5. c. 17, 3 = 
22, 1 ff. c. 17, 4 = 21, 9, vgl. auch c. 16, 6. 7 mit c. 5. 
1), und es ist also klar, dass Capitolin hier die berichte von 
zwei verschiedenen quellen über dieselbe zeit hinter einander ex- 
cerpiert hat. Dass c. 1 — 14 im wesentlichen auf die autorschaft 
des Marius Maximus zurückgeht, darin stimmt Rubel mit Müller 
überein; auch ist aus seiner benutzuug die scharfe theilung, 
welche im leben des Marcus der tod des Verus macht, zu er- 
klären, denn Marius Maximus hatte dessen leben in zwei durch 
dasselbe ereigniss getheilten büchern dargestellt (Avid. 9, 5). Aus 
derselben quelle stammt auch c. 20 — 28, wie dies die Übereinstim- 
mung von v. Marc. 21, 2 mit dem citat des Mar. Maximus in der 
v. Avid. 6, 7 und Marc. 24, 9 mit Mar. Maximus in d. v. Avid. 
24, 6 mit Sicherheit erweist: c. 1 — 14 und c. 20 — 28 bilden 
aber zusammen ein abgeschlossenes ganze ohne jede lücke in 
der mitte. Also sind c, 15 — 19 einer auderen quelle entlehnt. 



Nr. 7. 185. Scriptores List. Augustae. 377 

So weit richtig der verf. Ob er aber dann auch in der ein- 
gehenderen Untersuchung über das eingeschobene stück c. 15 — 
19 die Wahrheit gefunden hat, wenn er dasselbe aus mehreren 
autoren excerpiert sein lässt, ist mir sehr zweifelhaft. Das- 
selbe macht vielmehr durchaus den eindruck eines dürren ex- 
cerpts aus einer quelle; denn es bildet für sich ein ganzes, 
und sollte man demselben Capitolinus eine solche zusammen- 
arbeitung zutrauen können, der so ungeschickt die zwei diesel- 
ben ereignisse behandelnden excerpte c. 15 — 19 u. 20 — 28 an 
einanderschob? 1 ) Ja es ist sogar glaublich, dass er nicht ein- 
mal das excerpt selbst gemacht hat, und damit kommen wir 
auf einen punkt, den merkwürdiger weise Rubel vollständig 
übersehn hat, nämlich auf das verhältniss des Capitolin zu Eu- 
tropius. Der letztere hat den ersteren nicht benutzt, stimmt aber 
trotzdem in manchen abschnitten bis aufs wort mit ihm überein 
und liefert also den beweis, wie sie beide sich von ihrer quelle 
abhängig gemacht haben. So kehrt denn von unserm ein- 
schiebsei (während wir abgesehn von einer stelle nirgends sonst 
auf ein derartiges verhältniss in unserer vita stossen) cap. 16, 
3 — 18, 2 zum theil mit denselben worten bei Eutrop. VIII, 
11 — 14, welche capitel die geschichte des Marcus nach dem 
tode des Verus enthalten, wieder (vrgl. z. b. cap. 17, 1: Ergo 
provincias post haec ingenti moderatione ac benignitate tractavit. 
contra Germanos res feliciter gessit. speciale ipse bellum Marcoman- 
nicurn, sed quantum nulla umquam memoria fuit etc. und Eutrop. 
12: Provincias ingenti benignitate et moderatione tractavit. Con- 
tra Germanos eo principe res feliciter gestae sunt. Bellum ipse unum 
gessit Marcomannicum, sed quantum nulla memoria fuit etc.), kurz 
wir werden uns die eigene schriftstellerische thätigkeit als eine 
sehr beschränkte denken müssen. Rubel hat dann den grössten 
theil des in frage stehenden abschnitts, ebenso wie c. 27, auf Iu- 
nius Cordus zurückgeführt, der allerdings in der v. Macrini und 
Clodii und in denen des zweiten theils von Capitolin viel citiert 
und benutzt ist-, gleiches aber für die andern viten des Capitolin 
anzunehmen, dazu fehlt es an jedem sicheren anhält, und so wer- 
den auch die weiteren vermuthungen von Rubel über die zeit 

1) Wie äusserlich die Verbindung der beiden theile hergestellt 
ist, zeigt unter andern c. 23, 7, wo Capitolin de amaiis pantomimis ab 
uxore auf eine frühere stelle verweist (ut superius diximus) , während 
nach c. 19 die liebhaber der Faustina Schiffer oder gladiatoreu waren. 



378 185. Scriptores hist. Augustae. Nr. 7. 

dieses Schriftstellers und sein verhältniss zu Marius Maximus 
hinfällig. 

Auch in der Untersuchung über die quellen des Verus hat 
der verf. zu viel sehn wollen. Allerdings will mit der einlei- 
tung, welche diesen fürsten neque inter bonos neque inter malos 
principes setzt, die darstellung seines lebens nicht recht stim- 
men, und so giebt sich denn Rubel viel mühe spuren einer 
verschiedenen beurtheilung des verf. in seiner biographie 
ausfindig zn machen und daraus die zusammenschweissung von 
excerpten aus mehreren , wenigstens drei, autoren (dem Marius 
Maximus, Junius Cordus und einem dritten unbekannten) zu er- 
weisen. Das ist ihm aber nur möglich durch aufnähme einer con- 
jectur Oberdicks c. 1, 4. Hier wurde bis jetzt gelesen: vixisse . . . sub 
Marco in simili ac paris maiestatis imperio (Verus) , a cuius secta 
lascivia morum et vitae licentioris nimietate dissensit } Oberdick aber 
hat für das secta („lebensweise") der handschrriften secreta con- 
jiciert, sodass also die lascivia morum und die vitae licentioris 
nimietas von Marcus ausgesagt wären. Allein wenn auch dieser 
in einer stelle seiner vita (c. 29) im gegensatz zu Verus efftc- 
tus genannt wird , so werden ihm doch diese fehler nirgends 
auch nur im entferntesten zugeschrieben, wohl aber mehrmals 
dem Verus. Auch der folgende satz : erat enim morum simplicium 
et qui adumbrare nihil posset schliesst sich an den vorausgehen- 
den, wie ihn die handschriften bieten, genau an, wenn wir das dis- 
sensit gehörig betonen. Die conjectur wird also aufzugeben sein. 
Man erwäge nur die urtheilslosigkeit des Capitolin, der sich jeden- 
falls kein klares bild von Verus entworfen hatte, stelle den Ve- 
rus neben einen Caracalla und Heliogabal und man wird trotz 
aller geschichten , die nachher über die schwelgerei desselben 
erzählt werden, zugeben, dass Capitolin sehr wohl diesen zu den 
weder guten noch schlechten kaisern rechnen konnte. Aeussere 
gründe zu seiner annähme hat aber Eübel nicht beigebracht,, 
ausser der im allgemeinen richtigen beobachtung von Brocks, 
dass mit praeterea und sane bei Capitolin oft ein excerpt aus ei- 
nem andern Schriftsteller beginne, der jedoch hier eine zu grosse 
tragweite eingeräumt ist. So giebt es also manches, worin man 
dem verf. nicht wird beipflichten können, im wesentlichen indess 
hat er gewiss den richtigen weg eingeschlagen, der zur gliede- 
rung der einzelnen biographieen nach ihren quellen und ihrem 



Nr. 7. 186. Cicero. 379 

historischen werthe führt, und würden wir uns daher freuen, 
wenn er bald die particula altera folgen liesse. 

H. P. 



186. De Ciceronis rhetoricorum libris ex rhetoribus latinis 
emendandis. Fase, primus. Dissertatio inauguralis quam' — scripsit 
AugustusKnackstedt. Goettingae MDCCCLXXIH. — 71s. 

Vorliegende dissertation handelt von dem nutzen, welchen 
die kritik für Cicero's bücher de inventione aus der vergleichung 
einiger Schriften späterer rhetoren ziehen kann, welche Cicero's 
werk für ihren zweck sehr stark benutzten, bzw. zum theil wört- 
lich abschrieben. Zuerst wird besprochen das bruchstück eines 
Anonymus , abgedruckt in den Rhetores latini minores von Halm 
p. 593 ff. und durch vergleich mit den entsprechenden par- 
tieen bei Cicero gezeigt , dass dieser Anonymus in der rege 
mit den lesarten der besseren Cicero-handschriften übereinstimmt, 
oder wo er ausschliesslich den schlechtem folgt, gerade diese 
aus inneren gründen meistens den vorzug verdienen ; zuweilen 
stimmt er auch in den offenbaren fehlem mit den bessern über- 
ein. In folge dessen gewinnt natürlich der text des Anonymus 
in den fällen eine besondere bedeutung, wo er von allen hand- 
schriften Cicero's abweicht; die Untersuchung dieser stellen, 
welche sich vorzugsweise auf Interpolationen beziehen, bildet 
den wichtigsten theil der dissertation. Mit der art und weise 
der Untersuchung können wir nur einverstanden sein , sie ist 
umsichtig und methodisch geführt und muss als ein beachtens- 
werther beitrag zur kritik der bücher de inventione bezeichnet 
werden. Freilich ist der Verfasser trotz seiner vorsieht der 
allzu gefährlichen Versuchung, dem Anonymns zu viel werth zu- 
zuschreiben, mitunter erlegen, so de invent. I, § 38 : sacer an pro- 
fanus, publicus an privatus, alienus an ipsius, de quo agitur, locus sit 
aut fuerit. An erster stelle lassen bessere und schlechtere hand- 
schriften an weg, an der zweiten haben die bessern anne, die 
schlechtem an , der Anonymus lässt es auch hier weg und das 
hält Knackstedt für richtig. Da der satz aber ein indirekter 
fragesatz ist, abhängig von dem vorhergehenden quaeritur und 
drei fragen zu je zwei gliedern nebeneinandergestellt werden, 
ist an dreimal unumgänglich nothwendig , darum passt auch 
nicht das vom verf. angeführte beispiel § 41 : prudenliae ratio 



380 187. Cicero. Nr. 7. 

quaeritur ex eis, quae clam palam vi persuasione fecerit ; in diesem 
relativsatz kann selbstverständlich an nicht gebraucht wer- 
den. Zum überfluss vergleiche man noch Cornif. ad Her. II, 7: 
locus quaeritur — sacer an profanus, publicus an privatus fuerit. 
Beiläufig bemerke ich zu der p. 29 anm. ausgesprocbenen be- 
hauptung, die redensart quod genus komme in der rhetorik 
ad Herennium nie mit dem verbum substantivum vor, dass 
II, 48 quod genus ii sunt gelesen wird. 

Am schluss der dissertation handelt der Verfasser über das 
schriftchen des Albinus, p. 523 ff. bei Halm, welchem nicht der 
gleiche werth, wie dem Anonymus beizulegen ist. Aber auch 
bei ihm werden einige stellen nachgewiesen, wo er einen 
besseren , von interpolätionen freien text benutzt zu haben 
seheint und die lesarten unserer Ciceronischen handschriften 
nicht ohne manche bedenken sind. 

Der theil der abhandlung, welcher sich auf C. Julius 
Viktor und C. Marius Viktorinus bezieht , soll später nachfol- 
gen. Im interesse der sacke sprechen wir den wünsch aus, 
dass dies bald geschehen möge. 



187. Cicero de oratore. Für den schulgebrauch erklärt 
von Dr. Karl Wilhelm Pider it. 8. Vierte aufläge, Leip- 
zig, Teubner. 1873. 1 thlr. 12 ngr. 

Obwohl Piderit theils im woblerkannten interesse der schule, 
theils auch aus persönlicher neigung neuen emendationen und 
erklärungen gegenüber eine ziemlich reservirte haltung zu be- 
obachten pflegt, so sind doch die änderungen in dieser neuen 
aufläge des bereits allgemein als trefflich anerkannten Schul- 
buches so zahlreich und wichtig , dass wenigstens eine kurze 
besprechuug derselben nicht ohne interesse sein dürfte. Die 
hauptveranlassung zu diesen änderungen haben die beiden Schrif- 
ten gegeben , in denen Adler und Niemeyer eine reihe von 
stellen namentlich aus dem I. und II. buch des werkes über 
den redner behandelt haben. Sehen wir vor allem, in wie weit 
Piderit dieselben für seine neue aufläge verwerthet hat. 

Im §. 7 des ersten buches hat Piderit seine frühere erklärung 
der worte clarorum hominum scientiam , an der auch ich in dem 
Bl. f. bair. gw. bd. VII, p. 83, ohuo Adlers und Niemeyers 
ansieht zu kennen, anstoss genommen hatte, zurückgenommen und 



Nr. 7. 187. Cicero. 381 

nun erklärt „wissensumfang, kenntnisee der berühmten Männer." 
Obwohl diese erklärung weit annehmbarer als die frühere ist, 
so glaubt ref. doch noch nicht sich dabei beruhigen zu können. 
Mit unzweifelhaftem recht dagegen hat Piderit in einer an- 
zahl anderer stellen Adlers ansieht adoptirt oder sich zu er- 
läuternden bemerkungen nach seinem Vorgang veranlasst gese- 
hen. So ist jetzt im ersten buche § 133 nur ut ne plus ... adsecu- 
tus es in parenthese gesetzt, § 180 das komma hinter causa 
gestrichen und § 239 qui cum Crassum etc. richtig durch punkt 
von rusticarum getrennt. Dann ist im zweiten buch § 195 hin- 
ter imperatorem ein komma gesetzt und darnach die bemerkung 
in annehmbarer weise umgeändert, § 202 das fragezeichen hin- 
ter viam gestrichen, dagegen § 279 hinter cautem hinzugefügt. 
Ebenso ist § 60 fieri richtig von sentio abhängig, § 154 Ubidinis 
scopulum sinngemäss erklärt und § 158 das et vor omne ge- 
strichen. Geeignete bemerkungen sind hinzugefügt zu ne quis I, 
§ 8, zu ut nihil ineidisset I, 26, zu an II, 132, zu ut illam etc. 
II, 203 u. a. st. 

Mehrere offenbare Verbesserungen sind ferner aufgenommen 
aus Niemeyers bei gelegenheit der Kieler philologenversammlung 
gelieferten beitragen. Zum ersten buch §§ 166 — 168 sind in 
den indices die beiden ersten rechtsfälle jetzt richtig erklärt. 
Ferner hat Piderit § 201 sowohl den worten in causis publicis 
als auch dem haec hinter omnis die richtige deutung gegeben. 
Hierbei ist übrigens daran zu erinnern , dass schon Goebel in 
den N. Jbb.1865 p. 331 die richtige interpretation dieser stelle 
mitgetheilt hat. Auch die worte cum brachium concalefecerit TL, 
316 und causam conferre in tempus III, 228 haben jetzt ihre 
richtige erklärung gefunden. 

Wohl mit recht vertheidigt Piderit jetzt im ersten buch §62 
mit Adler die früher verworfenen worte non eloquentiae , wäh- 
rend er mit gleichem reiht auf die beibehaltung des cum (elo- 
quentia vincebat ceteros) im sinne von in eo , quod nicht ein- 
geht. Mit gleichem rechte hat er wohl an mehreren andern 
stellen Adlers vorschlage nicht aeeeptirt, so z. b. I, 258, wo 
fastidiis bei annähme eines absoluten gebrauchs des adhae- 
resceve sich doch erklären lässt; doch ist vielleicht eher zu 
schreiben: fastidium iis adhaerescere. II, 142 ist es Adler 
wohl nicht gelungen , die worte a jure cognoscendo als abhän- 



382 187. Cicero. Nr. 7. 

gig von voluntatem cum spe abjicere vermittelst eines zeugma 
zu retten. Auch II, 199 hat Piderit mit recht das hand- 
schriftliche C. Norbano gelassen, ferner §. 270 egregium nicht 
mit Adlers e Graecis unum oder graecatum vertauscht , auch 
§. 284 pecore nicht versetzt, da sonst der gegensatz zwi- 
schen dem eigenthumsgenitiv Lucilii und dem worte liberum 
verwischt würde. — An andern stellen freilich hätten nach des 
ref. ansieht Adlers bemerkungen mehr berücksichtigung ver- 
dient. Ein gut theil derselben kann sich ref. nicht versagen 
hier anzuführen. Im ersten buch § 100 durfte eine andeutung 
betreffs der beziehung von de reliquo nicht fehlen. §. 209 ist 
die anmerkung zu idem jetzt wohl richtig , aber dann musste 
wohl nothwendig esse gestrichen oder, wie ref. zu gleicher zeit 
mit Adler vermuthete, non vor intellegant eingesetzt werden. 
II, 214 hat Adler mit recht sich auf Bake's seite gestellt, da 
ratio ipsa doch wohl nur schon der (einfache) verstand bedeu- 
tet, somit auch das relativ nur auf argumentum bezogen wer- 
den kann. §. 255 ist die handschriftliche lesart equidem. Sed 
scitis etc. entschieden nicht in der Ordnung und der Vorschlag 
Adler's ac statt sed zu lesen sehr beachtenswerth. Auch §. 308 
hätte Adler's sehr einleuchtende conjeetur quae de causa dicenda 
sunt bei dem schwanken der handschriften mindestens eine er- 
wähnung im kritischen anhang verdient. 

Eine befriedigende erklärung der handschriftlichen lesart im 
§.11 des ersten buches scheint dem ref. weder Adler noch Pi- 
derit in der vorliegenden aufläge gegeben zu haben, weshalb er 
auf die Blätter f. bair. gw. bd. VIII, h. 5 zurückzuweisen sich 
genöthigt sieht; auch über I, 53 ist noch nicht das letzte wort 
gesprochen (vgl. die ang. Bl. bd. VII, p. 83). §. 249 ist 
wohl nur aut anstössig, dass in et zu ändern ist; Adler's con- 
jeetur si cui nostrum non licet entspricht nicht der meinung des 
Antonius. II, 78 , wo Piderit mit ausnähme der lesart reorum 
Adler zu folgen scheint, vorweist letzterer auf I, 139 um quac- 
stionis zu rechtfertigen. Indessen dürfte das nicht gelingen, da 
dort die lesart in utraque autem re (,,in beiden fällen" sagt Pi- 
derit), wie schon Bake andeutet, wohl nicht richtig ist. §. 209 
hat ref. schon anderwärts si inflammandum est vermuthet. Auch 
die correlation von tanti und quanta, obwohl von Adler und 
Piderit vertreten, dürfto nicht annehmbar sein; eher ist wohl 



Nr. 7. 188. Metrik. 383 

sit hinter hominis ausgefallen. Auch §. 225 dürfte wohl mit Ad- 
ler der ausfall eines wortes hinter gestu omni et anzunehmen sein. 

Aus dem dritten buche sind der änderungen in unsrer auf- 
läge verhältuissmassig nur wenige zu verzeichnen. Einige neue 
bemerkungen sind hinzugekommen, z. b. zu omissis ceteris argu- 
mentis §. 31, zu magnitudines §. 132, zu in exponenda re §. 202, 
ferner ist §. 7 die bemerkung zu rei publicae dignitate wesentlich 
berichtigt. Zu alii §. 26 ist die anmerkung umgeändert; partis 
aber im kritischen anhang, der vielfache erweiterungen und än- 
derungen aufweist, unter 6, 29 statt 6, 24 gerechtfertigt. Das 
führt ref. auf die nicht gar so unbedeutende zahl von druck- 
fehlern, die man aus dem trefflichen und gut ausgestatteten 
werke gerne entfernt sehen möcbte, z. b. I, 115 oratorem statt 
oratorum; II, 109 fehlen hinter in illa causa die worte neque 
Sulpicius fecit; in der 'anm. zu II, 165 steht suo sponte statt 
sua sponte] II, 193 ist zu ut unter Telamo fälschlich bemerkt s. 
d. krit. anbang, und §. 270 ist zu lesen in haec ironia statt in 
hac ironia; III, 144 steht et erat ipse statt et eras ipse und in 
der anmerkung zu remissius §. 184 nequamus statt nequeamus. 

Möge es dem hochverdienten verf. unseres Werkes ver- 
gönnt sein, dasselbe in weiteren ausgaben mehr und mehr sei- 
ner Vollendung entgegenzuführen! 

H. Rubner. 

188. Observationes metricae in poetas elegiacos Graecos 
et Latinos. Pars posterior. Scr. Fr id. Car. Hultgren. 
(Programm des Nicolaigymnasiums). 4. Leipzig 1872. 

Der vf. vergleicht zunächst den hexameter in den elegi- 
schen dichtungen des Catull, Tibull und Properz mit dem hexa- 
meter der beiden rein hexametrischen gedichte Catulls, sowie 
der Metamorphosen und des Panegyricus auf Messalla. Das re- 
sultat ist , dass ein wesentlicher unterschied im versbau nicht 
stattfindet ; nur hat der elegische hexameter weniger zweisilbige 
Schlusswörter als der epische. Den grund dieser erscheinung 
gibt der vf. mit folgenden Worten an (p. 3) : postulat enim di- 
stichon tot clausulas bisyllabas in fine pentametri f ut poeta , licet 
summus sit artifex, in exitu hexametri elegiaci pluribus clausulis 
trisyllabis uti c og atur, quam in extremo versu heroico , quem pen- 
tameter non subsequitur. Also das vorwiegen der iambischen 



384 188. Metrik. Nr. 7. 

Wörter am pentameterscbluss soll den dichter gezwungen 
Laben, die trochäischen Wörter am hexameterschluss seltener 
anzubringen? Dies ist uns unverständlich. Darin hat der vf. 
wohl recht , dass er die Ursache in dem zweisilbigen pentame- 
terscbluss sieht; aber nicht durch einen zwang, sondern nur 
durch das natürliche verlangen nach abwechseluug hatte der- 
selbe die grössere häufigkeit des dreisilbigen hexameterschlusses 
zur folge. Dieselbe vergleichung wird sodann für die Griechen 
augestellt , wobei der erste gesang der Ilias , der erste gesaug 
der Odyssee , die älteren elegiker und Theognis benutzt wer- 
den. Es zeigt sich , dass das daktylische element im elegi- 
schen hexameter sich in geringerem masse geltend macht als 
im epischen. Das ergebniss eines Vergleiches zwischen dich- 
tungen, die durch mehrere Jahrhunderte getrennt sind, kann 
übrigens (wie der vf. selbst anzuerkennen scheint) keine be- 
deutung beanspruchen. — Ein folgendes capitel handelt (p. 
8 ff.) de figurls metricis et collocatione metrica, zunächst de ana- 
phora et antithesi metrica , de chiasmo metrico , d. h. über die- 
jenigen stellen der elegischen dichtungen, wo 1) zwei in be- 
zug auf reihenfolge von dactylen und spondeen gleich gebaute 
hexameter auf einander folgen , 2) auf einen hexameter mit 
fünf dactylen einer mit vier spondeen folgt und umgekehrt, 3) 
beim bau zweier auf einander folgender hexameter sich gewis- 
sermassen eine umkehrung zeigt (z. b. dsd s und s dsd, s ddd 
und ddd s, ss dd und dd ss u. s. w.). Dass wir es in diesen 
fällen nicht mit einer bewussten absieht des dichters zu thun 
haben, bemerkt der vf. mit recht p. 9, meint aber, solche „figu- 
ren" hätten an gewissen stellen auf die obren des römischen 
publicums eine angenehme Wirkung geübt. Letzteres erscheint 
uns weder zu erweisen noch glaublich. Dass bei der folge der 
hexameter unter den unzähligen möglichkeiten mituuter auch 
diese von Hultgren als figurae metricae bezeichneten Verbindun- 
gen vorkommen, ist sehr natürlich; aber etwas mehr als Zufäl- 
ligkeiten vermögen wir in ihnen nicht zu entdecken, einzelne 
stellen abgerechnet, an welchen allerdings der bau der verse 
mit ihrem inhalt in besonders feiner weise harmouii t. Namentlich 
erscheint der „cJiiasmus metricus" als eine reine Spitzfindigkeit. — 
Dagegen sind wir mit dem zweiten abschnitt dieses capitels, de 
pentametris similiter cousoaantibus , in jeder beziehung einverstan- 



Nr. 7. 189. Griechische geschichte. 369* 

den. Die römischen dichter — zu diesem resultat gelangt der 
vf. — haben pentameter mit gleichklingendem ausgang der bei- 
den vershälften weder gesuoht noch vermieden. Ihr verhält- 
nissmässig häufiges vorkommen erklärt sich aus dem bestreben, 
das Substantiv und sein epitheton auf jene beiden versstellen 
zu vertheilen. Wo dagegen der gleichklang scheinbar vermie- 
den ist, lassen sich die Ursachen meistens anderswo finden, wie 
in dem bestreben , den dactylus an den anfang zu setzen, oder 
in der abneigung gegen gewisse Wortstellungen. Ueber den 
letzteren punkt vgl. Gebhardt de Tibulli Propertii Ovidii disti- 
chis, Königsberg 1870. — Das letzte capitel endlich de disticho 
Germanico (p. 19 ff.) constatirt die grosse Verschiedenheit im bau 
der verse, welche zwischen Tibull und seinen deutschen Über- 
setzern stattfindet. 

189. Franc. Albracht, De Themistoclis Plutarchei fon- 
tibus. Dissert. inauguralis. 8. Gottingae. 1873. Typis expr. 
offic. acad. Dieterichiana. 78 s. 

In vorliegender schrift freuen wir uns eine recht verdienst- 
liche arbeit anzeigen zu können. Die plutarchische biographie 
wird hier zum ersten mal einer eingehenden analyse unterwor- 
fen , mit den einschlägigen berichten anderer historiker genau 
verglichen und jene wie diese in einer dem heutigen stände 
plutarchischer quellenforschung entsprechenden weise auf ihre 
provenienz befragt. Freilich hat vf . auch von gewissen schwächen, 
welche dieser jungen disciplin noch anhaften , sich nicht frei 
gemacht und ist daher das endergebniss nicht in allen punkten 
so ausgefallen, wie sonst wohl zu erwarten gewesen wäre. 

Nach dem vf. sind von Plutarch mindestens fünf Schrift- 
steller direct benutzt worden, und zwar 1. Theopompos: für 
cap. 3, 1 und 3, 4 — 4, 5. Seine ansieht, dass cap. 1 — 6 aus 
einer anzahl lose aneinander gereihter , die nähte noch erken- 
nen lassender stücke verschiedener schriftsteiler zusammenge- 
schweisst seien, hat vf. nur in kurzen, schlechthin behauptenden 
andeutungen motivirt, welche — eine von ihnen erledigt sich durch 
die anmerkung von Blass zu cap. 5 a. e. — eine strengere prü- 
fung nicht aushalten; die heraushebung jener zwei stücke als 
der ausflüsse einer besonderen quelle können wir demgemäss 
nicht billigen. Vf. zeigt wohl, dass beide nicht aus Herodot 
Philol. Anz. VI. 24 



370* 189. Griechische geschickte« Nif. 7 

oder Ephoros stammen; daraus folgt aber noch nichts für 
Theopomps Urheberschaft. Dieser hat den zeiten des Themisto- 
kles kein werk gewidmet und nach dem, was über das schrift- 
stellerische verfahren Plutarchs ermittelt ist, darf man von ihm 
(und das gleiche urtheil fällen wir von Nepos) kaum erwarten, 
dass er sich die mühe genommen habe, excursen über Themi- 
ßtokles nachzuspüren, welche in werken ganz anderen hauptin- 
halts versteckt waren. Bemerkungen Theopomps über Themi- 
stokles kennen wir aus Plutarch's cap. 19. 25. 31, wo vf. über- 
all mit recht eine unmittelbare benutzung desselben leugnet und 
Plutarchs eigene quelle den behauptungen Theopomps entgegen- 
tritt; dass aber der excurs im 10. buche der geschichte Philipps, 
welcher von den athenischen volksmännern handelte, des weitern 
noch viel über Themistokles enthalten habe, ist uns nicht wahr- 
scheinlich. 

2. Phüochoros: für cap. 6. 8, 2—3. 10, 1—11, 1. 12, 1. 
13, 1. 15, 1 — 2. Citirt wird er nirgends. Daraus dass die 
erzählung von Arthmios cap. 6 irrig aus der Vorgeschichte der 
marathonischen schlacht in die des jahres 480 verlegt ist, 
schliesst vf., dass der gewährsmann kein historiker; ferner aus 
der stelle i'jSt] tov M/j8ov xazaßaivovzog sig t\v 'EkXäSa, welche 
ein bestimmtes jähr ins äuge fasse, dass er vielmehr ein anna- 
list; endlich, weil nach Demosthenes der ganze hergang inschrift- 
lich verewigt war, dass Phüochoros, welcher sich viel mit In- 
schriften abgegeben, die quelle von cap. 6 ist. Gerade einem 
atthidographen jedoch, zumal einem Phüochoros, kann jener 
anachronismus und der andere den Lykoniedes betreffende, in 
cap. 15, 2, am allerwenigsten zugetraut werden. Von gleicher 
schwäche sind die argumente, mit welchen die ableitung der 
anderen stücke aus Phüochoros dargethan werden soll, z. b. 
dass ein psephisma erwähnt, ein prodigium eingeflochten, kennt- 
niss einer attischen örtlichkeit oder gar Artemisions gezeigt 
wird, dass die einander widerstreitenden meidungen des Phano- 
demos und Akestodoros (den vf. irrig für einen atthidographen 
hält) über den Standort des Xerxes während der salaminischen 
Schlacht angegeben sind, u. dgl. Allerdings: die rührende 
anekdote von hundestreue, welche cap. 10, 5 erzählt wird, 
kennt auch Phüochoros. Aber nach Aristoteles und Phüochoros 
bei Aelian. Hist. au. 12, 35 waren es „die huude" des Xan- 



ffr. 7. 189. Griechische geschickte. 371* 

thippos, welche neben dem schiff her mit nach Salamis schwam- 
men, nach Plutarch „der hund"; zweitens ist nach letzterem 
derselbe gleich beim landen verendet und seinem grabhügel 
der name Kynossema gegeben worden: Aristoteles und Philo- 
choros dagegen melden vom Kynossema nichts, wohl aber, dass 
die hunde die neue wohnung auf der insel mit bezogen haben 
(avfx^s7oJnTjaav). In Plutarchs version haben wir also eine fäl- 
schung der ächten darstellung zu erkennen , ausgegangen von 
einem müssigen köpfe , welcher den auch in andern gegenden 
vorfindlichen namen Kynossema, den ein hügel am landungsplatz 
trug, zu erklären suchte, zu welchem behuf er die meute in einen 
einzigen hund verwandeln und diesen beim landen sterben las- 
sen musste. Sowohl diese entstellung der Überlieferung als jene 
zwei anachronismen lassen einen späten Ursprung der in rede 
stehenden nachrichten Plutarchs vermuthen. 

3. Ephoros: für cap. 7, 1—2. 8, 1-2. 9. 12. 14. 15, 2. 
16—17. 19—20. 22, 3—24, 2. 31, 3—4. Die detailbehand- 
lung dieser stellen und der parallelberichte gehört zu den be- 
sten partien der schrift; sie stellt fest, dass die citate des He- 
rodot und Thukydides nicht aus Plutarchs eignen heften stam- 
men , und weist im anschluss an Volquardsen zahlreiche Über- 
einstimmungen des Plutarch , Trogus und Nepos mit Ephoros 
nach, welcher auch jene citate recht wohl gegeben haben 
könnte. Aber auch von ihm, d. i. von Diodoros, seinem, wie 
vf. die ausführungen seiner Vorgänger vervollständigend zeigt, 
treuesten ausdruck, weichen diese stücke so oft und stark ab, 
dass wir vorziehen, Ephoros auf gleiche stufe mit Herodot und 
Thukydides zu setzen und eine Verarbeitung aller drei durch 
einen jüngeren gewährsmann des Plutarch anzunehmen. So 
z. b. richtet die erste botschaft des Themistokles an Xerxes bei 
Diodor ein Grieche unter der maske eines Überläufers aus, bei 
Plutarch Sikinnos , ein persischer sclave, welcher des Themi 
stokles kinder hütete und von ihm an Xerxes geschickt wurde 
die zweite bei Diodor der kinderaufseher des Themistokles, bei 
Plutarch ein kriegsgefangener königlicher eunuch namens Ar 
nakes. Nach Diodor nahm Ameinias zuerst ein feindliches fahr 
zeug, das admiralschiff; nach Plutarch vollführten Ameinias 
und Sokles die erste tapfere that, indem sie den auf ihr schiff 
gestiegenen admiral ins meer stiessen, wogegen er das schiff 

24* 



372* 189. Griechische geschichte. Nr. 7. 

desselben durch Lykomedes (vgl. oben) wegnehmen lässt. Die 
ganze Schlachtbeschreibung beider ist total verschieden, z. b. 
die krisis wird bei Diodor durch die Versenkung des admiral- 
schiffes, bei Plutarch durch wundererscheinungen herbeigeführt. 
Der vf. sucht hier, ebenso wie in betreff des Lykomedes, dem 
widerstreit durch annähme einer einlage aus Philochoros abzu- 
helfen: für welche aber kein anzeichen vorliegt, nicht zu ge- 
denken , dass dies gerade der angelpunkt ist , um den sich die 
beschreibung der ganzen schlacht dreht. Wenn der geheime 
plan, welchen Themistokles mit genehmigung des Volkes nur 
dem Aristeides (und Xanthippos, Diodor) offenbarte, nach Plu- 
tarch in der Verbrennung der spartanischen flotte, nach Diodor 
in der herstellung des Peiraieushafens bestand; wenn Diodor 
den Themistokles zweimal von den Spartanern , Diodor dage- 
gen das zweite mal von einem Athener verklagt werden lässt: 
so ist hier ebenso wie in andern, z. b. den oben zuerst erwähn- 
ten, abweichungsfällen die annähme des vf., dass Diodor durch 
nachlässigkeit sein original entstellt habe, eine aus der luft ge- 
griffene behauptung , welche nicht einmal ihre bestimmung , die 
abweichung zu erklären, ordentlich erfüllt. Bei Diodor wird 
der beschluss der Peloponnesier, den Isthmos zu befestigen, vor 
der einnähme Athens gefasst, bei Plutarch nachher; letzteres 
will vf. auch bei Diodor 11, 15 durch deutung von rsrf/^t- 
Gftivov im sinne von cum munitus esset herausbringen, aber 11, 16 
beweist, dass si munitus esset zu übersetzen ist. Aehnliche ge- 
waltsamkeit übt vf. } um das von Diodor 11, 17 deutlich ge- 
kennzeichnete strategem, durch welches Themistokles den könig 
zum schlagen veranlasste, mit dem von Plutarch cap. 9 erzähl- 
ten zu identificiren. 

4. Diodoros der perieget: für cap. 32, 1 und 3. Ob die- 
ser mittelbar oder unmittelbar benutzt ist, lässt sich nicht aus- 
machen ; vf. vermutbet dieses, ref. das erstere. 

5. Die Hellenika des Neanthes vonKyzikos: für cap. 1. 
7, 3—4. 13, 2-3. 24, 3 — 31, 2. Dieser wird cap. 1,2. 29, 4 
citirt und für den grössten theil von cap. 24, 3 — 31, 2 darf die 
ableitung aus ihm durch die darlegung des vf. als gesichert 
gelten. Vf. konnte hier noch weiter gehen und auch den rest 
des cap. 31 sammt dem citat des Theopompos auf Neanthes zu- 
rückführen: denn dass die worte ov yaQ nXaicofarog xtA., was 



Nr. 7. 189. Griechische geschichte. 373* 

schon die Verbindung durch yag lehrt , nicht wie vf. will , den 
unvermittelten Übergang zu einer andern quelle bilden, sondern 
in bestem Zusammenhang mit dem vorhergehenden stehen, hätte 
er aus der anmerkung von Blass ersehen können. Betreffs der 
provenienz von cap. 30 konnte hinzugefügt werden, dass Din- 
dyma, dessen göttin nach dieser stelle den Themistokles aus lebens- 
gefahr rettete und dafür von ihm einen tempel mit seiner toch- 
ter als priesterin erhielt, im gebiete der Vaterstadt des Nean- 
thes lag und auch fragm. 6 und 26 desselben dieser gotthei* 
besondere aufmerksamkeit zuwenden. Da Neanthes die contro- 
verse , ob Themistokles zu Xerxes oder Artaxerxes gekommen 
war, zu gunsten des letzteren mit chronologischen gründen ent- 
schieden hat, so ist wohl auch cap. 2, 3, wo dieses selten er- 
scheinende kritische hülfsmittel gegen Stesimbrotos in anwen- 
dung gebracht wird, aus ihm entlehnt, in consequenz dessen 
aber auch die andern citate aus Stesimbrotos , cap. 4, 4 und 
24, 3, sämmtlich verdächtige nachrichten enthaltend, welche 
auch cap. 24, 3 von einer abschätzigen kritik begleitet werden ; 
letztere stelle ist ohnehin schon vom vf. aus anderen gründen 
dem Neanthes zugewiesen. Ferner wird man, da allein in der 
vom vf. auf Neanthes zurückgeführten zusammenhängenden er- 
zählung drei wunder vorkommen (cap. 26, 1. 2. 30, 1), auch 
die zwei von ihm dem Philochoros beigelegten wundergeschichten 
cap. 12, 1. 15, 1 für ein eigenthum des Neanthes ansehen 
dürfen. 

Widersprechen müssen wir dem vf. und zwar eben aufgrund 
der von ihm zum erweis seiner ansieht angezogenen parallel- 
stellen , wenn er die auf den namen des Phanias von Eresos 
lautenden stellen, cap. 1, 2. 7, 4. 13, 2. 27, 1—3. 29, 4, 
gleichfalls für entlehnungen aus Neanthes erklärt. Zu den, wie 
„die meisten" angaben , dem Themistokles geschenkten Städten 
Magnesia, Lampsakos und Myus fügten, wie Plutarch cap. 29, 4 
bemerkt; Phanias und Neanthes noch Perkote und Palaiskep-' 
sis hinzu: dieselbe bemerkung macht Schol. Aristoph. Equitt. 84, 
nur dass er von Phanias schweigt. Ebenso wird Euterpe als 
name der mutter des Themistokles angegeben von Phanias 
bei Athenaios 13, 37, aber von Phanias und Neanthes bei Plu- 
tarch cap. 1, 2. Hätte Plutarch, wie vf. will, den Phanias bei 
Neanthes citirt gelesen, so würden Athenaios und der scholiast 



374* 189. Griechische geschichte. Nr. 7. 

entweder bloss den Pbanias , als die eigentliche quelle dieser 
nachrichten , oder beide zusammen und zwar an erster stelle 
diesen, citirt haben. Da sie sich aber bloss auf die abgeleitete 
quelle berufen, so müssen wir schliessen, dass Neanthes an bei- 
den stellen seinen gewährsmann nicht genannt hat. Also hat 
Plutarch den Phanias selbst eingesehen. Auch die cap. 27, 1 — 2 
mitgetheilte erzählung des Phanias kann Plutarch nicht aus 
Neanthes bezogen haben. Denn Neanthes erklärte den Arta- 
xerxes für den könig, bei welchem Themistokles audienz hatte ; 
Phanias dagegen gehörte zu den nlsiovsg alXoi, welche den 
Xerxes dafür hielten. Dies geht zwar nicht, wie vf. meint, 
aus Athenaios 2, 31 hervor (denn unter der vor Entimos kei- 
nem Griechen gewährten auszeichnung ist, wie der text deut- 
lich besagt, nur die theilnahme am sippschaftsmahl zu verste- 
hen), wohl aber daraus, dass Phanias als chiliarchen, bei wel- 
chem Themistocles sein audienzgesuch anmeldete, den Artabanos 
bezeichnet. Dieser ist kein anderer als der bekannte mörder 
des Xerxes, welcher nach kurzer Usurpation des thrones von 
Artaxerxes aus dem wege geräumt wurde , s. Diod. 11 , 69 
(vgl. mit 18, 48); Phanias muss also die regierungszeit des 
Xerxes im äuge gehabt haben. In der erzählung des Neanthes 
selbst (cap. 29, 1) wird Eoxanes als chiliarch bezeichnet, sei 
es dass hier abermals jene höchste, nur einem einzigen zu- 
gängliche würde, oder, wie Blass mit mehr Wahrscheinlichkeit 
erklärt, die chiliarchie im sinne einer bloss militärischen Stel- 
lung gemeint ist: in beiden fällen war der stoff von cap. 27, 
1 — 3 nicht bei demselben schriftsteiler zu finden wie der von 
cap. 29, 1. Wir halten daher Phanias für einen unmittelbaren 
gewährsmann des Plutarch : welcher gerade ihn vorzunehmen 
um so mehr anlass hatte, als das in rede stehende werk des 
Phanias höchst wahrscheinlich (Blass p. 7) eine biographie und, 
wenn dies richtig, das einzige dem Themistokles allein gewid- 
mete werk dieser art, nicht bestandtheil einer biographiensamm- 
lung gewesen ist. 

Auch das schwerlich auf directem weg von Plutarch er- 
worbene citat des Eratosthenes cap. 27, 3 führt vf. auf Nean- 
thes zurück; aber dieser, wie Timaios, ein schüler des Philiskos, 
der den Isokrates (f 337) gehört hatte, ist sicher um eine ge- 
neration älter als Eratosthenes (geb. ol. 126. 276/2 v. Ch. 



Nr. 7. 190. Griechische geschichte. 375* 

und 80 — 82 jähr alt geworden) ; sein werk über Attalos (reg. 
241 — 198) kann, weil er unter diesem schon hoch in jähren 
war, nur die ersten zeiten dieses königs betroffen haben (C. 
Müller Fr. hist. gr. 3, 2), und seine Hellenengeschichte, aus 
welcher Plutarch schöpft, ist wohl früher als dieses geschrieben. 
Aus demselben grund ist das fragment des Phylarchos (cap. 
32, 2), wenn Plutarch es auf einem umwege bezogen hat, aus 
einer jüngeren quelle abzuleiten; das geschichtswerk desselben 
reichte bis 220 herab. Eecht deutlich ist die benutzung eines 
dritten gewährsmannes cap. 1, 2, wo die von Phanias und Ne- 
anthes abweichende nachricht, dass die mutter des Themistokles 
Abrotonon geheissen habe und eine Thrakerin gewesen sei, adop- 
tirt und durch das bekannte epigramm belegt wird. Die quelle 
dieser drei mittheilungen war, wie aus Athenaios 13, 37 p. 
576 D zu ersehen, des Amphikrates werk ttsq] ivdo^cov av- 
dgäv, das nach C. Müller a. a. o. 4, 300 von demselben Am- 
phikrates verfasst war, welcher aus Plut. Luc. 22 u. a. als rhetor 
und sophist zur zeit des Lucullus bekannt ist. Auch die be- 
nutzung dieses werkes musste, wegen der Verwandtschaft seines 
planes, dem vf. unsrer und so vieler andrer biographien sehr 
nahe liegen. U. 

190. Guil. Eicht er, De fontibus ad Gelonis Syracusa- 
rum tyranni historiam pertinentibus. Dissert. inauguralis. Gottin- 
gae. 8. Typis expr. offic. Hoferiana 1873. 38 s. 

Vf. hat die über Gelon vorhandene literatur fleissig ver- 
arbeitet und die herkunft der auf uns gekommenen Zeugnisse 
mit verständigem urtheil verfolgt, auch in fällen des Widerstreits 
die geschichtliche Wahrheit zu ermitteln gesucht. Den ergeb- 
nissen wird man oft zustimmen dürfen: wenn dieselben auch 
selten neu, so weit das aber der fall ist, meist von zweifelhaf- 
tem werthe sind. Als Herodots hauptquelle erkennt vf. münd- 
liche mittheilungen der Hellenen und Karthager Siciliens; als 
die des Diodor nach Volquardsens Vorgang für X, 32. XI, 1 
Ephoros und für XI, 20—26 Tiraaios; neu ist, dass § 4 und 5 
in XI, 1 auf letzteren zurückgeführt werden sollen. Mit recht 
wird hiebei auf die Wichtigkeit von fr. 111 des Ephoros (bei 
Schol. Pind. Pyth. 1, 146) aufmerksam gemacht; doch dürfte 
die bedeutung dieses fragments in anderen dingen liegen als 



376* 191. Numismatik. Nr. 7. 

in einem von dem vf. zwar behaupteten, aber nicht naher be- 
zeichneten, geschweige denn erwiesenen Widerspruch mit jenen 
zwei paragraphen, von welchem ref. trotz redlichen suchens 
nichts hat entdecken können. Verdienstlich ist die hervorhe- 
bung der von den neueren wenig beachteten Zerwürfnisse zwi- 
schen Gelon und seinem bruder Hieron (p. 34). Zu Justinus 
19, 1, 9 wird eine p. 44 in folgender fassung gegebene con- 
jeetur gemacht: Sicüiae populi propter assiduas Carthaginiensium 
iniurias ad Leonidam fratrem Doriei regem Spartanorum coneurre- 
bant, petentes , ut sibi opem ferret (et Doriei caedem ulciscereturj ; 
dass die stelle nach inhalt und form damit hergestellt sei, 
möchte ich nicht behaupten. In letzterer beziehung wäre es 
rathsamer gewesen, wenn vf. dem text seiner eigenen arbeit 
mehr aufmerksamkeit gewidmet hätte; fast jede seite wird durch 
mehrere Schnitzer verunziert , welche nicht selten auch das ver- 
ständniss erschweren oder gar unmöglich machen. Di 

191. Enträthselte siglen auf münzen Diocletians und 
Maximians. Von Jos«f v. Kolb. 8. Wien 1874. 9s. (Se- 
paratabdruck aus dem 4. bände der numismatischen Zeitschrift), 
Unter den Antoninianen Diocletians und Maximians finden 
sich einige mit der revers-inschrift CONSERVATOR AVGG; 
auf denen Diocletians sind Jupiter und der kaiser , auf denen 
Maximians Hercules und der kaiser opfernd dargestellt. Diese 
Antoniniane haben ausser den angegebenen inschriften und ty- 
pen noch siglen, über welchen bisher ein tiefes dunkel schwebte, 
deren erklärung aber dem verf. völlig gelungen ist, so sonder- 
bar sie auch auf den ersten anblick erscheint. Die siglen ent- 
halten 1) das werthzeichen XX. 1 ; 2) einen der drei ersten 
buchstaben des griechischen alphabets: A, B oder r und end- 
lich 3) auf den münzen Diocletians 

die mit A : / 

die mit B : 

die mit T : BI 
und auf deu münzen Maximians 

die mit A : HP 

die mit B : KOT 

die mit r : AI. 
In den unter 3) aufgeführten buchstaben, die häufig falsch 



Nr. 7. Theses. — Neue auflagen. 377* 

gelesen sind, erkennt der verf. mit recht auf den Diocletians- 
münzen den namen IOB1 (statt 10 VI) und auf den Maximians- 
münzen den namen HPKOTAI (HERCVLI). Bekanntlich führte 
Diocletian den beinamen Iovius , Maximian den beinamen Her- 
culeus , und daraus erklären sich die beiden inschriften leicht; 
allein es gehört gewiss ein scharfes beachten glücklichen Zu- 
sammentreffens dazu, lateinische namen in griechischer schritt 
auf je drei verschiedenen münzstücken vertheilt richtig zu lesen. 

C. L. G. 



Theses 

De Duride Saniio Diodori auctore. Dissertatio quam ad summos 
in philosophia honores . . . in . . . univ. Friderica Guilelma Bonnensi 
rite irupetrandos scripsit et una cum sententiis controversis defendet 
d. XXI M. Martii: Augustus Haakius: I. Nescio an nimis confi- 
denter Mueller (fr. H. Gr. II, 361) statuerit Diodorum in cap. 52 1. 
XIX Diylli fragmentum tertium reddere. — IL Locum qui exstat 
apud Cicer. Brut. 2, 7 „equidem angor animo non consilii, non in- 
genii, non auctoritatis armis egere rem publicam e. q. s." corruptum 
esse puto , quia verbi egendi significatio quam sensus flagitat a Cice- 
ronis usu aliena sit. — III. Librariorum culpa quae Diodorus in libro 
XVIII de Sicilia narravit hodie deesse vix mihi persuasi, simul vero 
eorum quidquam, quae de rebus a diadocbis gestis ibi explicata erant 
intercidisse Wessel. ad Diod. 18, 44 frustra demonstrare studet. 



Neue auflagen. 

192. Homer's Ilias erklärt von K. F. Ameis. 1. bd. 2. hft. 2. 
aufl. besorgt von C. Hentze. Leipzig. Teubner; 90 pf. — 193. Hero- 
dotos. Erklärt von H. Stein. 4. bd. 3. aufl. 8. Berlin. Weid- 
mann; 1 mk. 80 pf. — 194. Freund' s Schüler-bibliotheh. Präparation 
zu Homers Ilias. 12. hft. 3. aufl. 16. Leipzig. Violet; 5 ngr. — 
195. Piatonis Opera ed. G. Stallbaum. Nr. 1 et 2. Nova impressio. 
16. Lips. Holtze; 87a n g r - (Inhalt: I. Euthyphro. Apologie. Crito; 
37s gr.; II. Phaedo; 47 2 ngr.). — 196. Aristotelis de arte poetica li- 
ber. Iterum recensuit et annotatione critica auxit J. Vahlen. 8. 
Berol. Vahlen; 1 thlr. 20 gr. — 197. F. A. Trendelenburg, elementa 
logices Aristoteleae. Ed. 7. gr. 8. Berol. Weber; 24 ngr. — 198. 
Isokrates ausgewählte reden. Erklärt von O. Schneider. 1. bdch. 2. 
aufl. 8. Leipzig. Teubner; 1 mk. 20 pf. — 199. Vergils Gedichte. 
Erklärt von Th. Ladewig. 2. bdch. 7. aufl. 8. Berlin. Weidmann ; 
1 mk. 80 pf. — 200. Vergils Aeneide von H. Kappes. 2. hft. gr. 8. 
Leipzig. Teubner; 1 mk. 20 pf. — 201. Q. Horatius Flaccus Oden 
undEpoden. Erklärt von C. W.Nauch. 8. aufl. 8. Leipzig. Teub- 
ner; 2 mk. 10 pf. — 202. Phaedri fabulae. Für schüler hrgb. von 
J. Sibelis. 5. aufl. hrg. von F. A. Eckstein. 8. Leipzig. Teubner; 
75 pf. — 203. C. Julii Caesaris commentarü de hello gallico. Erklärt 
von A. Bober enz. 6. aufl. 8. Leipzig. Teubner ; 2 mk. 25 pf. — 204. 
Cornelius Nepos. Für schulen hrgb. von J. Siebeiis. 8. aufl. von M. 
Jancovius. 8. Leipzig. Teubner; 1 mk. 20 pf. — 205. T.Livi ab urbe 



378* Neue auflagen. — Neue Schulbücher. Nr. 7. 

condita libri. Erklärt von M. Weissenborn. 2. bd. 4. aufl. 8. Berlin. 
Weidmann; 3 mk. — 206. C. Taciti libri qui supersunt. Tertium re- 
cognovit C. Halm. 2 tomi. 8. Leipzig. Teubner ; a 1 mk. 20 pf. — 
207. Taciti Annales. Schulausgabe von A. Drüger. 2. bd. 2. aufl. 8. 
Leipzig. Teubner; 2 mk. 25 pf.— 208. P. Com. Taciti Agricola. Ed. 
T. Kritzius. 3. ed. 8. Berol. Weber; 20 gr. — 209. C. Taciti Ger- 
mania. Erläutert von H. Schweizer- Sidler. 2. aufl. 8. Halle. Waisenb.; 
20 gr. — 210. A. Dräger, über syntax und stil des Tacitus. 2. aufl. 
8. Leipzig. Teubner; 2 mk. 80 pf. — 211. M. T. Ciceronis de Of- 
ficiis 11. III. Herausg. von J. v. Gruber. 3. aufl. 8. Leipzig. Teub- 
ner; 1 mk. 50 pf. — 212. Freund, Schülerbibliothek u. s. w. Prä- 
paration zu Cicero's werken. 14. hft. 2. aufl. 16, Leipzig. Vio- 
let; 5 gr. — 213. M. T. Quintiliani institutionis oratoriae liber X. 
Erklärt von F. G. A. Krüger. 2. aufl. 8. Leipzig. Teubner; 75 
pf. — 214. M. Dunc/cer. Geschichte des alterthums. 1. gesammtaus- 
gabe. 3. lief. 4. aufl. 8. Leipzig. Duncker und Humblot; 1 thlr. — 
215. F. Lübker's Reallexicon des classischen alterthums für gymna- 
sien. 4. aufl. hrsg. von F. A. Eckstein und O. Siefert. 3. abth. 8. 
Leipzig. Teubner; 3 mk. — 216. A. Forcellini totius latinitatis lexi- 
con. JDict. 50. gr. 4. Prati (Leipzig. Brockhaus); 25 ngr. — 217. 
R. Klotz, handwörterbuch der lateinischen spräche. 5. abdruck. 19 
— 24. lief. 8. Braunschweig. Westermann; a 4 ngr. — 218. J. Ph. 
Krebs, Antibarbarus der lateinischen spräche. 5. aufl. 1. lief. Neu 
bearbeitet von F. X. Allgayer ; 8, Frankfurt a. M., Winter; 24 ngr. — 
219. R. Nicolai, griechische literatur-geschichte in neuer bearbeitung. 

1. bd. 2. hälft. 8. Magdeburg. Heinrichshafen; 1 thlr. — 220. 
C. F. Hermann, lehrbuch der griechischen antiquitäten. 1. thl. Die 
Staatsalterthümer. 1. abth. 5. aufl. 8. Heidelberg. Mohr; 3 thlr. — 
221. V. Hehn , kulturpflanzen und hausthiere in ihrem Übergang aus 
Asien nach Griechenland und Italien so wie in das übrige Europa. 

2. aufl. 8. lief. 8. Berlin. Bornträger; 10 gr. — 222. .F. Ueber- 
weg , system der logik und geschichte der logischen lehren. 4. aufl. 
8. Bonn. Marcus; 2 thlr. 

Neue Schulbücher. 

223. H. W. Stoll, Anthologie griechischer lyriker. 2. abth. 4. 
aufl. 8. Hannover. Rümpler; 20 ngr. — 224. P. Ovidii Nasonis car- 
mina selecta. Zum schulgebrauch herausgegeben von O. Gehlen. 2. 
aufl. 8. Wien. Meyer; 14 ngr. — 225. F. Ranke, Chrestomathie 
aus lateinischen dichtem, vorzüglich aus Ovidius. 5. aufl. 8. Berlin. 
Weber; 22 gr. 6 pf. — 226. J. Sicbelis , Wörterbuch zu Ovids Meta- 
morphosen. 2. aufl. besorgt von Fr. Rolle. 8. Leipzig. Teubner; 
70 pf. — 227. A. Schaubach, Wörterbuch zu Siebelis' tirocinium poeti- 
cum. 3. aufl. 8. Leipzig. Teubner; 45 pf. — 228. M. Wohlrab, auf- 
gabensammlnng zur einübung der formenlehre und der einfachsten 
syntactischen regeln der griechischen spräche. 2. aufl. 8. Leipzig. 
Teubner; 1 mk. — 229. P. Wcscncr, griechisches lesebuch. 1. theil. 

3. aufl. 8. Leipzig. Teubner; 80 pf. — 230. E. Koch, griechische 
schulgrammatik auf grund der ergebnisse der vergleichenden Sprach- 
forschung. 3. aufl. 8. Leipzig. Teubner; 2 mk. 80 pf. — 231. F. 
Wiggcrt, Vocabula latinae linguae primitiva. 17. aufl. 8. Leipzig. 
Teubner; 75 pf. — 232. F. Schulz, lateinische Sprachlehre zunächst 
für gymnasien. 8. aufl. 8. Paderborn. Schöning; 1 thlr. 10 gr. — 
233. A. Haackc , aufgaben zum übersetzen ins lateinische für sexta 
und quinta. 6. aufl. 8. Berlin. Weidmann; 1 mk. 60 pf. — 234. 
R. Habcnicht, die grundzüge der lateinischen prosodie und metrik in 



Nr. 7. Bibliographie. 379* 

berichtigter und vervollständigter fassung. 3. aufl. 8. Leipzig. Teub- 
ner; 60 pf. — 235. C. Kirchner, grundriss der mythologie und sagen- 
geschichte der Griechen und Römer. 2. aufl. 8. Leipzig. Siegis- 
mund und Volkening; 10 gr. 



Bibliographie. 

Unter der Überschrift „hohe bücherpreise" wird im Börsenbl. n. 
119. 129. 131 dieser gegenständ besprochen, aber wenig befriedigend. 
Die sache sollte grade von den buchhändlern gründlich erörtert wer- 
den; im publicum nimmt das kaufen von büchern sichtlich ab. Es 
lehren das auch die Universitäten: früher hinlerliess jeder professor 
eine starke bibliothek: aber jetzt? 

Briefe von Ernestine Christiane Reiske , Selbstverlag betreffend, 
theilt mit Börsenbl. nr. 135 : darnach ist ihr der druck der Oratores 
Graeci auf 7000 thlr. zu stehen gekommen. 

Eine darstellung von der thätigkeit und umfang des buchhänd- 
lers Nicolaus Trübner giebt aus „über land und meer" das Börsenbl. 
nr. 141. 

Es ist erschienen: Bibliotheca philologica oder geordnete Übersicht 
aller auf dem gebiete der classischen alterthumswissenschaft wie der 
altern und neuern Sprachwissenschaft in Deutschland und dem ausländ 
neu erschienenen bücher. Herausgegeben von W. Müldener. 26. 
jahrg. 2. hälfte, juli— december 1873. 8. Göttingen. Vandenhöck 
und Ruprecht; 17 ngr. 

Aufmerksam machen wir auf: Bibliotheca philologica. Verzeichniss 
der v. i. 1852 bis mitte 1872 in deutschland erschienenen Zeitschrif- 
ten, schriften der academien und gelehrten gesellschaften , miscellen, 
collectaneen cett. herausgegeben von C. H. Herrmann. 8. Halle. 
Herrmann; 1 thlr. 22 l /g ngr. 

Von Calvary's philologischer und archäologischer bibliothek er- 
schien als bd. 24: R. Bentley's dissertations upon the epistles ofPha- 
laris cett. Ed. by W. Wagtier. Part. IV; als suppl. -bd. : Römische 
geschichte von B. G. Xiebuhr. Neue ausgäbe von M. Jsler. 8. Ber- 
lin. Calvary; ä 20 gr. 

Mittheilungen der Verlagsbuchhandlung B. G. Teubner in Leip- 
zig. 1874 nr. 1: Erste abtheilung. Notizen über künftig erscheinende 
bücher. I. philo! ogie und alterthumswissenschaft: Hans Flath, System 
der hesiodischen kosmogonie: es soll nachgewiesen werden, dass die 
hesiodische theogonie den namen eines philosophischen Systems ver- 
diene, das den griechischen Volksglauben zur basis habe: an den Zeit- 
altern des Uranos und Kronos wird dies besonders demonstrirt. — 
Fr. Bloss, die griechische beredtsamkeit. Bd. II Isokrates und 
Isäos. — Car. Mayhof, novae lucubrationesPlinianae (abdruck des oster- 
programms des Vitzthumschen gymnasium in Dresden). Daran knüpft 
sich die nachricht , dass der zweite band der textausgabe des Plinius 
(v. Jan) nächstens erscheinen werde. — A. Dr'dger über syntax und 
styl des Tacitus. 2. aufl. — Nr. 2: Aeneae Tactici commentarius Po- 
liorceticus. Rec. Arn. Hug: neue und selbständige bearbeitung des 
textes, die besonders darauf auch ausgeht, grössere zusätze eines rhe- 
torisirenden autors guter zeit nachzuweisen. — Apollinaris Sidonius. 
J. Eyssenhardt recensuit: dazu sind noch unbenutzte handschriften 
verglichen. — Aulularia incerti auctoris comoedia. Rec. Rucl. Peiper: 
diese komödie der theodosianischen zeit wird hier nach einem um- 
fassenden kritischen apparat erscheinen. — Geschichte und kritik der 
Wolf sehen prolegomena zu Homer. Ein beitrag zur geschichte der Ho- 



380* Bibliographie. Nr. 7. 

rnerischen frage. Von Dr. K. Volkmann: die Schrift wird aus eilf 
capiteln bestehen, deren inhalt genau angegeben wird. — Aelius Ari- 
stides, als repräsentant der sophistischen rhetorik des zweiten Jahr- 
hunderts der kaiserzeit. Ton Dr. Herrn. Baumgart. — Populäre auf- 
sätze aus dem alterthum vorzugsweise zur '"ethik; und religion der Grie- 
chen. Von K. Lehrs; zweite vermehrte aufläge: sie wird von K. 
Lehrs selbst hier besprochen und als eine vermehrte, nicht als eine 
berichtigte („denn was hätte ich zu berichtigen?") bezeichnet. Die 
neuen aufsätze, z. b. über Dämon und Tyche, über niysterien, so wie 
Zusätze gegen die mythologeu neuerer zeit, auch gegen Bötticher (be- 
sonders gegen dessen buch über den baumkultus der Griechen) ge- 
richtet. 

Theodor Fischer in Cassel kündigt E. von der Launitz Wandtafeln 
nr. XVII an, welche die Akropolis von Athen darstellt: sie ist unter 
leitung des professor Michaelis gearbeitet. 

Erschienen sind: Jahresbericht der Her der' sehen Verlagshandlung 
in Freiburg im Breisgau für 1873; BibliothecaphilologicaTeubneriana. 
Verzeichniss des verlags von B. G. Teubner in Leipzig aus dem ge- 
biete der philologie und alterthumswissenschaft, bis juni 1874; schul- 
katalog der Verlagshandlung B. G. Teubner in Leipzig. 

Kataloge von Antiquaren : 6. verzeichniss des antiquarischen bü- 
cherlagers von Ludwig Bamberg in Greifswald; bericht über die neuen 
erwerbungen des lagers von S. Calvary u. Cie., buchhandlung und an- 
tiquariat, Specialgeschäft für philologie und naturwissenschaft in Ber- 
lin, nr. 50 — 51, Miscellanea enthaltend I. J. Bekker's Sammlung der 
griechischen historiker (diese abtheilung bildet den sechsten theil der 
bibliothek von Immanuel Bekker : die früher ausgegebenen fünf theile 
enthalten: 1) Homer. Sammlung; 2) Aristoteles-sammlung ; 3) Samm- 
lung der griechischen philosophen : I. Allgemeines. Die vor-sokrati- 
ker, Plato und die altern academiker; 4) Sammlung der griechischen 
Philosophen ; 5) Sammlung der griechischen redner) ; Richter und Harras- 
sowitz in Leipzig, katalog nr. 13, die bibliothek des verstorbenen ober- 
schulrath Dr. G. T. A. Krüger in Braunschweig enthaltend; K. Th. 
Völcker in Frankfurt a. M. antiquarischer anzeiger , n. 15 ; antiquari- 
scher anzeiger n. 50 der Wellerschen buchhandlung (0. ßoesger) in 
Bautzen. 

Anzeige im preise herabgesetzter bücher von C. Helf buchhändler 
und antiquar in Wien : vielerlei philologisches, namentlich ältere werke, 
enthaltend. 



Kleine philologische zeitung. 

Der titel des oben hft 4, p. 222 besprochenen buches ist: E. 
Desjardins, desiderata du Corpus inscriptionum latinarum de Vacade- 
mie de Berlin. Fase. 1. Paris. Franck; 2 thlr. 20 gr., fasc. 2 ibid. 
4 thlr. 

Nach der Independance Beige hat der apellhof von Athen die 
beschlagnahme jenes theils der SchUemannschcn funde in Troja ver- 
fügt, welchen die türkische regierung für das museum in Konstantino- 
pel reclamirt hatte. 

Nach der Agence Bordeano hatte der amerikanische gesandte in 
Athen gegen den beschluss des kassationshofes , betreffend die türki- 
schen ansprüche auf einen theil der Schliemannschen funde eine recla- 
mation erhoben. Deutscher Reichsanz. nr. 145. Augsb. Allg. Ztg. 
nr. 174. 



$r. 7. Kleine philologische zeitung. 381* 

Athen. 25. juni. Man ist hier sehr gespannt auf den schlussact 
des processes zwischen dem türkischen museum und Schliemann. 
Schon war man wegen des Versteckens der trojanischen schätze, dem 
eigentlichen objecte der beschlagnahme, nach dem für die Türkei 
günstigen vorläufigen decrete des apellhofes , genöthigt gewesen die 
beschlagnahme auf alles andere ergreifbare eigenthum des Dr. Schlie- 
mann auszudehnen. Es wurde sein haus trotz einer schenkungsacte 
an seine jetzige frau in beschlag genommen, sogar ein fast fürstliches 
bett der madame Schliemann, welches zu 5000 fr. taxirt ist. Ferner 
ist die berühmte hellenische Apollo-Sol-metope, angeblich aufCalverts 
grundeigenthum gefunden , und welche zu Zerwürfnissen mit Calvert 
geführt, ja, einen process zu erzeugen drohte und worauf schon das 
Pariser museum reflectirte, um seinem ruf eine neue glorie zu berei- 
ten, gerichtlich in beschlag genommen. Endlich erfährt man, dass 
ebenso hand gelegt worden ist auf eine grosse zahl bei der bank in 
Athen von Schliemann deponirter actien im curswerthe von 57,000 
drachmen oder francs, so dass im ganzen die beschlagnahme sich 
schon auf gegenstände vom werthe von 171,110 drachmen oder etwa 
8000 Napoleonsd'or ausdehnt. Nun hat aber Schliemann sich an den 
cassationshof gewandt und setzt himmel und hölle in bewegung, um 
die mehrheit der richter zu einer incompetenz-erklärung zu gewinnen, 
das einzige mittel was er hat um sich einer verurtheilung zu entzie- 
hen. Zu den mittein die er anwendet gehört es auch, dass er in den 
blättern nicht aufhört zu verkünden, dass er seine sämmtlichen troja- 
nischen alterthümer der griechischen nation schenken will, sobald er 
nur den process mit den Türken los ist. (K. Z.) — Augsb. Allg. Ztg. 
Beil. zu nr. 196. 

Der deutsche Reichsanz. vom 17. juni nr. 140 enthält das fest- 
programm für das 300jährige Jubiläum des gymnasium zum grauen 
kloster in Berlin : die feier fällt auf 1. und 2. juli. Ebendas. nr. 150 
wird der inhalt der zu dieser feier erschienenen festschrift der leh- 
rer des gymnasium mitgetheilt. 

In Cervetri sind in einem etruskischen grabe gemälde auf terra- 
cottaplatten gefunden , welche als schmuck des innern eines grabes 
dienten. Die gemälde wurden wegen der feuchtigkeit des tuffgestei- 
nes nicht , wie in Corneto , wo der tuff ganz trocken ist, unmittelbar 
auf diesen, sondern auf gesonderte platten von gebranntem thon auf- 
getragen. Eigentümlicherweise ist die komposition auf allen platten 
dieselbe : nachtscenen mit zwei sphinxen. Die letztern liegen einan- 
der gegenüber und schauen sich gegenseitig an. Sie sind mächtig 
geflügelt und die flügel nach alter weise etwas gekrümmt; die federn 
derselben sind abwechselnd roth , weiss und schwarz. Dagegen ist 
das gesiebt der sphinxe ganz weiss, das profil mit rother färbe umzo- 
gen, während brauen, pupillen und wimpern schwarz umrissen er- 
scheinen. Die schwarzen haare hängen aufgelöst über die schultern 
herab, und der ausdruck ihrer züge hat mit dem kalten blick und 
der aufrechten haltung etwas kräftiges und unerschütterliches. Ober- 
halb ihrer köpfe zieht sich ein 15 centimeter breites band hin, auf 
dem mehrere ineinander verschlungene fäden ebensoviele kreise 
bilden. Deutsch. Reichsanz. nr. 143. 

Am 29. juni wurde in Graz unter grosser theilnahme die feier 
des 300jährigen Jubiläums des ersten staatsgymnasiums begonnen. 
Der minister Stremayr war anwesend. 

Ueber ein in Jerusalem zu gründendes Palästina- Museum giebt 
Deutsch. Reichsanz. nr. 162 nähere auskunft. 

Berlin. 7. juli: sitzung der archäologischen gesellschaft : E. Cur- 
lius legte vor die mittheilungen der antiquarischen gesellschaft in 



$82* Kleine philologische zeitung. Nr. 7« 

Zürich, bd. XVIII, heft 3 u. 4 ; Müller und Mother kunst des germa- 
nischen alterthuras; 3 hefte des indicateur de Varcheologie; Genthe, 
über den etruskischen tauschhandel (s. Phil. Anz. V, nr. 8, p. 398); 
Aug. Schultz, über das Theseion, Hulseboos, die ewigkeit auf römi- 
schen kaiser münzen, Starks recension des Schliemannschen werks: 
dann besprach er eine Photographie eines Pompejanischen mosaik, das 
einen todtenkopf über einem Schmetterling und einem rade vorstellt, 
ein lot dient als dach: wahrscheinlich ein memento mori unter erin- 
nerung an den beruf des besitzers. — Hr. Matz besprach den Jahr- 
gang 1873 der Annali und monumenti des instituts. In bezug auf den 
von Flasch publizirten köpf der s. g. Hygieia des Belvedere bemerkte 
er, dass das original der hera Farnese weit ähnlicher gewesen sein 
muss, als Flasch annimmt. Die deutung auf den Athena Hygieia des 
Pyrrhos muss als sehr problematisch bezeichnet werden. — Hr. Adler 
legte die Zeichnungen einiger merkwürdiger und bisher unedirter bau- 
werke vor, welche bei abtragung der byzantinischen ringmauer und 
der dadurch geglückten wiederauffindung der Attalosstoa zu tage ge- 
kommen sind, nämlich 1) die säulentrommeln und gebälkstücke zweier 
aus Porös erbauten dorischen gebäude späteren stils, die in der nähe 
des Kerameikos gestanden haben müssen und durch die wohlerhaltene, 
aber krasse färbung ihrer gesimse ausgezeichnet sind; 2) die bei auf- 
räumung einer der nördlichsten zellen der stoa in einer tiefe von 6,40 
metern unter dem fussboden gefundene quelle mit alterthümlicher 
fassung, für die topographie des ältesten Athen von grosser Wichtig- 
keit. D. Reichsanz. nr. 163. 

Dr. Schlieman schreibt der »Academy« , dass er von der griechi- 
schen regierung die erlaubniss nachgesucht und erhalten hat, auf seine 
eigene kosten den grossen viereckigen thurm in der Acropolis, be- 
kannt als der venezianische thurm, der, wie es scheint, im 14. 
Jahrhundert erbaut wurde, zu demoliren. Er nimmt 1600 quadratfuss 
der propyläen ein und besteht aus grossen viereckigen blocken aus 
marmor oder Sandstein von verschiedenen alterthümlichen monumen- 
ten der Acropolis und dem theater des Herodes Atticus; er misst 80 
fuss in der höhe und seine mauern sind 5 fuss dick. Durch die de- 
molirung dieses thurmes hofft Dr. Schliemann die interessantesten 
theile der Propyläen zu tage zu fördern. Deutsch. Reichsanz. nr. 169. 
Augsb. Allg. Ztg. nr. 204. 

In Ostia hat man einen interessanten fmid gemacht. Es sind 
daselbst zwei kolossale köpfe von weissem marmor ausgegraben wor- 
den, die beinahe ganz unversehrt sind; der eine scheint den kaiser 
Philippus, der andere den kaiser Septimius Severus darzustellen. Auch 
hat man den eingang zu einem hause frei gemacht, das fast vollstän- 
dig und mit backsteinen und marmorsäulen gebaut ist. Die fronte 
der thüre ist mit einem schefiel verziert, der in der mitte eines drei- 
ecks angebracht ist. Man meint, dass der scheffel entweder das schild 
eines kornhändlers gewesen sei, oder den überfluss darstellen solle. — 
In Comeio hat das munizipium eine schöne vase von terracotta auf- 
gefunden , auf der verschiedene gottheiten gemalt sind mit ihren na- 
nien in griechischen lettern; es sind: Ares, Aphrodite, Hestia, Gany- 
medes, Zeus, Athene, Hermes, Hebe, Dionysos, ein satyr ohne namen, 
und Thetis. Es ist auch die Unterschrift des künstlers vorhanden, 
von dem die Zeichnung herrührt, Euxitheos, und dessen, der sie formte, 
Oltos. Es ist ohne zweifei eine etruskische arbeit. 

Auszüge aus Zeitschriften. 

Augsburger Allgemeine zeitung, beil. zunr. 153: bericht über wei- 



Nr. 7. Auszüge aus Zeitschriften'. 383* 

tere schritte der pforte gegen dr. Schliemann s. ob. p. 319. — Beil. zu 
nr. 155. Nr. 156. 158: Dr. Pichler, der frühere russische bibliothekar — s. 
Phil. Anz. III, nr. 7, p. 384, nr. 8, p. 428. — ist plötzlich gestorben; 
er soll viele manuskripte , auch notizen über seinen process hinter- 
lassen haben. — Nr. 156: Umwandlung des archäologischen instituts 
in Rom in eine reichsanstalt. — Beil. zu nr. 156: Löher , griechische 
küstenfahrten. XVIII: Eresso auf Lesbos. — Beil. zu nr. 157, 169: 
Sepp, reisebriefe aus der levante. II, III: Alexandria. — Beil. zu 
nr. 158. 160. 170: A. Wellmer , neuer frühling in Italien. I. II, III: 
beziehen sich vorzugsweise auf die gegenwart. — Nr. 159. Beil. zu nr. 
160.161.162: Johannes Huber , wissenschaftliche tagesfragen. I. Darwins 
Wandlungen und Hackers natürliche Schöpfungsgeschichte. — Die Sta- 
tuten des instituts für archäologische correspondenz. — Nr. 160: mau 
denkt in Berlin daran, Stipendien für privat-docenten zu errichten. [Von 
verschiedenen Universitäten ist schon seit jähren bei den curatorien auf 
die abnähme der privat-docenten aufmerksam gemacht; man hat das un- 
berücksichtigt gelassen. Jetzt fühlt man die nachtheile und meint mit 
geld helfen zu können, eine meinung, welche auch wieder zeigt, welch 
geringes verständniss für das wesen der Universitäten in den leitenden 
kreisen herrscht. Nur passende , d. h. dem wesen der deutschen Uni- 
versität entsprechende abhülfe der an den Universitäten immer sich 
mehrenden mängel kann helfen ; um nur eins zu erwähnen, baldmög- 
liche abschaffung der Staatsexamina an den Universitäten: denn da das 
nur zur rnonopolisirung der Vorlesungen bei den einzelnen führt, die 
die regierung in die prüfungs-commissionen setzt, werden dem privat- 
docenten dadurch, wenn er nicht bei den professoren kriechen will, 
die mittel zur äussern existenz und der antrieb zu fröhlichem wissen- 
schaftlichen fortschritt und schaffen abgeschnitten. — Hagenbach in 
Basel f. — Beil. zu nr. 161 : Dr. Schliemann vom apellhof in Athen 
verurtheilt. — Auss. beil. zu nr. 162: zustände auf der insel Samos. — 
Beil. zu nr. 167: Mordtmann, die moabitischen alterthümer, wird auf 
mögliche fälschungen aufmerksam gemacht. — Beil. zu nr. 169: zur 
reform der mittelschulen in Bayern. — Nr. 170 : Prof. Rödiger f. — 
Beil. zu nr. 170: assyrisch-babylonische poesie. — Nr. 172: die gemischte 
Volksschule in London. — Beil. zu nr. 172. nr. 173: Fr. v. Löher, 
griechische küstenfahrten. XIX: Lesbos betreffend. — Ausser ordentl. 
beil. zu nr. 172: zur lehre von den griechischen präpositionen : Tycho 
Mommsen , ein jüngerer bruder des berühmten alterthumsforscher und 
historikers, und auch seinerseits ein geschätzter philolog, herausgeber 
und Übersetzer Pindars u. s. w., aber auch um Shakespeare durch kri- 
tische arbeiten wohlverdient, und zur zeit director des städtischen gym- 
nasiums zu Frankfurt a. M. , handelt in seinem diesjährigen oster-pro- 
gramm von der , Entwicklung einiger gesetze für den gebrauch der grie- 
chischen präpositionen, und zwar zunächst fxträ, civ und cl/ua bei den 
epikern. Mit einem bienenfleiss wie er heutzutage wohl nur noch bei 
Philologen vorkommen mag, hat Mommsen den ganzen griechischen li- 
teraturschatz, nicht bloss den im engern sinn classischen, sondern ein- 
schliesslich der hellenistischen schriftsteiler, der septuaginta und des 
neuen testaments, und eines grossen theils der Byzantiner, durch- 
forscht um — genau zu berechnen wie oft bei den einzelnen autoren 
unser vorwort mit durch cvv und hinwieder durch fitru (und S'fta bei 
den epischen und überhaupt hexametrischen dichtem) ausgedrückt 
ist. Das ergebniss dieser mühsamen Untersuchung zeigt Mommsen 
in folgenden worten an: „Es scheint unglaublich, und ist doch wahr, 
dass man über zwei der gewöhnlichsten Wörter der griechischen 
spräche bisher vollständig im irrthum gewesen ist. Ich meine die 
präpositionen cvv und /und mit dem genitiv. 2vv gehört in guter 



384* Auszüge aus Zeitschriften. Nr. 7. 

zeit fast nur der edeln dichterspraehe und dem Xenophon an, wäh- 
rend [Uta c. gen. fast nur bei prosaikern zu finden ist, oder in sol- 
chen dichterstellen die sich der prosa nähern. Eines der merkwür- 
digsten kennzeichen für den styl der griechischen poesie und prosa 
ist somit bisher unbenutzt geblieben. Wie es zugieng dass nament- 
lich die Seltenheit des avv in der attischen prosa auch sorgfältigen 
beobachtern entgangen zu sein scheint, weiss ich nicht, wenn es nicht 
daher rührt dass man . . . wie früher auf das Neue Testament, so 
später auf Xenophon unsere grammatiken, auch die besten, zu aus- 
schliesslich aufbaut. Es ist dies überhaupt ein missgriff in unserem 
gesammten griechischen Unterricht, denn von allen Vertretern der 
attischen prosa ist gerade Xenophon der am wenigsten zum muster ge- 
eignete, der am wenigsten geeignete für das griechisch-schreiben , da 
ihm die reinheit und das ebenmass des eigentlich attischen ausdrucks 
fehlt." So Mommsen. Dass Xenophon neben Thukydides als histori- 
ker und neben Plato als philosoph (o du schreckliche cyropädie!) et- 
was hölzern und langweilig erscheint, ist zwar seit lange ein öffent- 
liches geheimniss, und was den menschen Xenophon betrifft, nennt 
ihn Niebuhr wegen seines lakonismus einen „schlechten b ärger": 
nach der vorliegenden prüfung kann es ihm nun widerfahren dass er 
auch als tröster der schulen, wie der gute Cornelius Nepos, auf eine 
massigere Stundenzahl reducirt wird. Diese ebenso scharfsinnige wie 
fleissige Untersuchung sei hiermit den lesern der „Allgem. Ztg." bestens 
empfohlen. Es folgen noch ein paar bemerkungen ähnlichen Schlages 
über kleinkrämerei u. s. w., die wohl geistreich sein sollen: wir über- 
gehen sie. Wer wissenschaftliche forschung kennt, weiss, dass nur 
durch solche genaue und deshalb so anerkennenswerthe arbeit ein 
fortschritt erzielt wird. Wie derartige leistungen wie die vorliegende 
richtig beurtheilt werden, kann man sehen an H. Sauppe in Gott. 
Gel. Anz. 1874, st. 16. — Beil. zu nr. 175. zu nr. 183. 212. 223. 228. 
Beil. zu nr. 233: J.Sepp, reisebriefe aus der levante. IV. V. VI. VII. 
VIII: IX von Beyrut nach Sidon und Tyrus: dann Libanon. — Beil. 
zu nr. 178. nr. 219. nr. 229: das braunschweigische onyxgefäss: I. II, 
III: von Fiedler; I. erzählt die Schicksale des gefässes, II. behandelt 
das material und anderes. — Auss. beil. zu nr. 189 : über Italien's klo- 
sterbibliotheken ; die jetzige regierung wird in schütz genommen und 
ihre maassnahmen vertheidigt. — Nr. 193: ein assyrischer mythos: 
mitgetheilt von G. Smith: er handelt von den sieben bösen geistern, 
durch welche unter den göttern kämpfe entstehen. — Beil. zu nr. 199: 
die ausgrabungen in Olympia : s. ob, p. 270. 380. — Beil. zu nr. 204 : 
Gräberfunde bei Tuttlingen: s. ob. p. 267. — Beil. zu nr. 202. 209. 
210: O. Clason , aus dem römischen kaiserpalast. I: über Tacitus als 
geschichtschreiber. II : Ueber Stahrs Tiberius (vrgl. ob. n. 5, p. 245). — 
Nr. 205 : das reich und die hochschulen : will , dass die Universitäten 
unter das reich kommen: die dabei vorgeschlagene art der Oberlei- 
tung ist ganz verkehrt und muss der vf. sehr unklare begriffe von 
der deutschen Universität haben. — Beil. zu nr. 205 : Ed. Devrient, 
geschichte der deutschen Schauspielkunst: anzeige. — Christine von 
Schweden in Lucca, 1658. — Nr. 207: zur Petrarcafeier in Avignon; 
vrgl. auch beil. zu nr. 206. 210. — Beil. zu nr. 207: erwartung ei- 
ner eruption des Aetna. — Nr. 209: Verordnung betreffend die Schul- 
ordnung an den lateinschulen in Bayern: vrgl. nr. 214. — Nr. 209: 
die angriffe auf das höhere Schulwesen in England: vrgl. nr. 210. — 



Sr. 8. Angust 1874. 

Philologischer Anzeiger. 

Herausgegeben als erganzung des Philologus 



Ernst von Leutsch. 



235. De graecae radicis qeg vario usu et verbali et no- 
minal!. Dissertatio inauguralis quam scripsit Paulus Mau- 
ritius Wahl. 8. Lipsiae 1874. 38 s. 1 mark. 

Eine Zusammenstellung uud besprechung der von der 
wurzel bhar griechisch qsg ausgegangenen griechischen Wörter. 
Der erste, etymologische theil enthält nichts neues und bietet 
nur die bekannten Zusammenstellungen , wie sie sich z. b. in 
Curtius grundzügen finden , dem sich der Verfasser auch in der 
Verbindung von qcög für dieb mit wurzel qsg anschliesst. Ab- 
weichend ist die anlehnung von qsoofiog an s'i'gco wz. oFeg statt 
an qtg\ die bedeutung macht zwar die Curtius'sche annähme 
nicht unbedenklich, aber der des Verfassers steht doch das an- 
lautende q hindernd entgegen, das einmal an und für sich in 
aq>e- sk. sva- und dem andren bei Curtius Gr. 4 587 eine 
schwache stütze hat und zweitens dem worte eine von den 
sonstigen ableitungen der wurzel oFsg ganz abweichende ge- 
stalt geben würde. Für falsch halte ich auch die land- 
läufige deutung von äcnido-qeguoov Eur. Phoen. 796 = sich 
vom Schilde, d. i. vom kriege nährend, aus q?gß-(imv; der 
zweite theil ist einfach von wurzel qtg mit suftix fiov man ge- 
bildet, das ganze so viel wie uönido-qögo-g und äamdoqignova 
diaoov honlov an der angeführten stelle die schildtragende bewaffr 
nete schaar. selbständiger ist der zweite theil , der die bedeu- 
tungen der aus der wurzel qsg gebildeten Wörter nach den 
beiden grundbegriffen „tragen" und „bringen" nicht ohne ge- 
schick gruppiert und immerhin als ein kleiner beitrag zur be- 
deutungslehre betrachtet werden kann , der freilich ergiebiger 
Philol. Anz. VI. 25 



386 235. 236. Grammatik. Nr. 8. 

geworden wäre, wenn die verwandten sprachen in grösserer aus- 
debnung herbei gezogen worden wären. 

Gustav Meyer. 



236. Index vocabulorum graecorum in linguam latinam 
translatorum quaestiunculis auctus. Scripsit Alexander 
Saalfeld. 8. Berolini 1874. 86 p. mark 2. 

In einem auf der Hamburger philologenversammlung 1855 
gehaltenen vortrage sagte Georg Curtius : „die griechischen 
Wörter in der lateinischen spräche verdienen gar sehr eine ge- 
nauere behandlung und zunächst nur eine vollständige Sammlung; 
es ist dies keine aufgäbe von übermässiger Schwierigkeit, freilich 
aber kann sie doch nur auf grund allgemeiner Sprachforschung 
unternommen werden". Dem ersten theile der hier angedeuteten 
aufgäbe , der materialsammlung , hat sich Saalfeld in der vor- 
liegenden schritt unterzogen, und, wenn man in anschlag bringt, 
dass dieselbe der erste umfassendere versuch ist dieses feld zu 
cultivieren, mit gutem erfolge. Er hat das material als alpha- 
betischen index zusammengestellt und das werkchen somit vor- 
zugsweise auf den zweck eines nachschlagebuches beschränkt. Es 
kann kein zweifei darüber bestehen, dass dies immerhin nur 
eine Vorarbeit ist; die wesentliche aufgäbe wird darin zu be- 
stehen haben, erstens die lautgesetze zu constatieren, die bei der 
aufnähme bzw. Umbildung griechischer Wörter in das lateinische 
platz greifen, und zweitens die culturgeschichtlichen momente 
festzustellen, die sich aus dem fremden Wortschatz für das ver- 
hältniss beider Völker ergeben. Ich weiss nicht, ob dem Ver- 
fasser eine dissertation von Albert Goerke bekannt geworden 
ist — erwähnt wird sie in seiner vorrede nicht — Symbola ad 
vocabula graeca in linguam latinam recepta. Regimontii 1868. 
35 ss. Sie behandelt nur die griechischen Wörter bei Plautus 
und hat — abgesehen von allen ihren mangeln, wohin namentlich 
unvollständigkeit des materials und häufige Unrichtigkeit im 
citieren gehören — den Vorzug, dass sie eine anordnung des 
materials nach solchen allgemeinen gesichtspunkten angestrebt 
hat. Sie gruppiert die Wörter nach den rubriken: gottesdienst, 
Staatswesen, kriogswesen, münzwesen, schifffahrt, handel, sclaven, 
gymnastik , spiele , bäder , nahrung , hausgeräth, kleidung, luxus 
und schmuck, baukunst, naturgeschichte , medicin, philosophie, 



Nr. 8. 236. Grammatik. 387 

poesie, theater, musik, maierei, gelehrte Wörter, plebejische 
Wörter, obscoenes , Schimpfwörter, etwas bunt, wie man sieht, 
aber laudanda voluntas. Dann werden in einem besonderen ab- 
schnitt auch griechische Wörter, die mit lateinischen endungen 
versehen sind, behandelt: auch kein unwichtiges moment für die 
beurtheilung der grösseren oder geringeren assimilation eines 
fremdworts. Sogar ein versuch zur besprechung des bedeutungs- 
wechsels einiger Wörter nach ihrer reception ins lateinische ist 
gemacht. Es sind das alles Untersuchungen, die erst auf grund 
der Saalfeldschen schrift mit mehr ergiebigkeit werden gemacht 
werden können. 

Der Verfasser möge mir noch ein paar bemerkungen er- 
lauben. Er hat nach ausweis der vorrede die zahlreichen na- 
turhistorischen ausdrücke aus Plinius naturgeschichte absichtlich 
nicht aufgenommen ; ich glaube , dies hatte der Vollständigkeit 
halber doch geschehen müssen. Ferner tritt eine auffallende 
ungleichmässigkeit im citieren hervor. Während gewöhnlich 
von den stellen, wo sich das betreffende wort findet, wenigstens 
eine vollständig citiert ist , ersetzt nicht selten der beigesetzte 
blosse name des Schriftstellers wie Cic, Mart., das citat. Das 
ist nicht billigenswerth, schon weil dadurch der anschein erweckt 
wird , als hätte der verf. das wort blos aus dem lesicon ent- 
nommen ohne die stelle selbst nachzuschlagen , dann aber auch, 
weil man dadurch in die nothwendigkeit versetzt wird vorkom- 
menden falls noch ein lexicon aufzuschlagen, um die stelle zu 
finden. Dass einzelne worte übersehen sind , ist bei der ausge- 
dehnten fülle des Stoffes kein allzu schlimmer Vorwurf. Ich 
trage nach choragus %0Q)]y6g z. b. Plaut. Trin. 858, discus Siavog 
Plaut. Bacch. 67, dunamis dvvafiig Plaut. Pseud. 211. Auch die 
interjectionen apage a nays Amph. I, 1, 754 u. ö., attatae atTaral 
Cist. IV, 2, 31, io im Pseud. 704 mussten aufgeführt werden. 
Dass griechische Wörter mit lateinischer endung nicht consequent 
ausgeschlossen sind , zeigen z. b. crocotulus murtetum scJioenicula 
sepiola u. a. ; doch fehlen bacchari Amph. 703 , brachialis z. b. 
Plaut. Poen. V, 4, 99, carinarus Aul. 510 wachsgelbfärber (xqQog 
nag 6g), thesaurarius Aul. III, 8, 48. Von sogenannten voces hy- 
Iridae habe ich z. b. contechinatus s. v. techna gefunden, aber 
nicht antelegium Men. prol. 13, deruncinare Capt. 640, exballi- 
stare Pseud. 585, ineuscheme Trin. 625 vgl. Brix dazu, manticinari 

25* 



388 237. Euripides. Nr. 8. 

Capt. 892, pergraphicus Ti'm. 1139, pultiphagus Most. III, 2, 144, 
semisonarius Aul. III, 8, 41, subbasilicanus Capt. 811. Leo löwe, 
das p. 47 mit fragezeichen angeführt ist , musste wohl nach 
Carl Pauli, die benennung des löwen bei den Indogermanen 
Münden 1873, wegbleiben. Dass typanum (p. 85) bei Varro 
metri causa für tympanum stehe , ist doch wenig glaublich ; auch 
das griechische kennt ein unnasaliertes rvnavov neben tvunavov 
. (Hymnn. Hom. 14, 3, vgl. J. Schmidt, zur Geschichte des in- 
dogerm. vocalismus I, 32). Eine sehr dankenswerthe zugäbe 
bilden die anmerkungen, die eine umfangreiche kenntniss der 
einschlägigen literatur zeigen. 

Gustav Meyer. 

237. Euripidis fabulae superstites et perditarum fragmenta 
ex recensione W. Dindorfii. Editio ex poetarum scenicorum 
editione quinta expressa. 4. Lips. Teubner 1869. 3 thlr. 

W. Dindorf's Verdienste um die kritik der tragiker sind so 
anerkannt, dass gewiss jedermann eine neue ausgäbe, welche 
diesen namen trägt , mit dem grössten interesse in die band 
nehmen wird. Die vorliegende ausgäbe hat, wie dies gewiss 
schon ihre weite Verbreitung zeigt, den erwartungen im reichen 
masse entsprochen. 

Mehr als dreissig jähre sind es, seitdem Dindorf den Eu- 
ripides zu Oxford (1839) herausgab. Was ist nicht alles in 
diesen jähren für die kritik des dickters geschehen! Kirchhoff 
hat den früher unvollständigen apparat in erfreulicher weise er- 
gänzt, so dass derselbe, wenn auch noch manches nachgebessert 
werden muss, doch im ganzen eine sichere grundlage bietet, 
Nauck hat durch seine ausgäbe, die Euripideischen Studien und 
die bearbeitung der fragmente den text bedeutend gefördert, 
und wie viele verderbte stellen haben durch Badham, Härtung, 
Heimsoeth, Weil und andere, die wir hier nicht aufzählen können, 
ihre heilung gefunden ! 

Diese reiche literatur hat nun Dindorf in der neuen durch- 
greifenden recension sorgfältig verwerthet und so das ver- 
sprechen, was er im Philologus XX, p. 313 gegeben hat, erfüllt. 
Wir haben hier eine ganz neue , umfassende bearbeitung des 
textes, welche sich mit der oberflächlichen in den Poetae scenici 
graeci Oxford 1851 nicht vergleichen lässt. Der hauptwcrth 



Nr. 8. 237. Euripides. 389 

dieser recension besteht aber in den eigenen reichen beitragen 
für die kritik, welche hier Dindorf bietet, in der grossen zahl 
von Verbesserungsvorschlägen , deren wir mehr als dreihundert 
finden. 

Allerdings ist die bearbeitung der einzelnen dramen in 
dieser hinsieht nicht eine gleicbmässige. Mit manchen hat sich 
Dindorf eingehender beschäftigt, und diese behandlung hat reiche 
fruchte für die kritik getragen, so z. b. bei Hecuba, Orestes, 
Phoenissae , Troades , Iphigenia Taurica , andere dramen sind 
weniger bedacht, darunter solche, welche noch gar sehr der 
bessernden band bedürfen, wie Hippolytus, Helena, Hercules, 
Electra. Aber wir wollen deswegen dem herausgeber keinen 
Vorwurf machen; denn die aufgäbe eine neue selbständige re- 
cension sämmtlicher dramatiker zu liefern war allerdings eine 
grosse und schwierige. Es würde die grenzen, welche einer 
anzeige in diesen blättern gesetzt sind, weit überschreiten, 
wollten wir alle emendationen Dindorfs , die entweder sicher 
oder doch im hohen grade wahrscheinlich sind, hier verzeichnen. 
Es bleibt also nichts übrig, als durch einige beispiele zu zeigen, 
welchen werth die vorliegende ausgäbe für die texteskritik hat. 
Wir wählen diese beispiele aus einer bestimmten anzahl von 
dramen, Hecuba, Orest, Phoenissen, Medea, Troades, damit man 
sich nach diesen angaben um so leichter ein urtheil über die ganze 
behandlung bilden könne. Sehr beachtens werth sind Hec. 453 
70/Ja {nurtQa glosse), 970 — 74 als unecht verworfen, desgleichen 
Or. 50 f., 233 &iXstg nödu, 314 f. unecht, desgleichen 714 — 
716, 895 — 897, 906—913 (907 ff. hatte schon Kirchhoff aus- 
geschieden), Phoen. 324 co tdxvov , 479 poltw, Med. 754 na- 
&etp, 856 qQEOir, 910 TzuQefJTZoXöJvzt 5w{iaGii> nöasi, 1052 cpgevog 
(unecht), Troad. 477 — 78 unecht, 584 oo^eu, 639 nXalaiof (nach 
den scholieu), 656 — 667 als unecht verworfen (früher wollte 
Dindorf bloss 660 — 667 ausscheiden-, es sind aber jedenfalls 
nach 655 einige echte verse ausgefallen), desgleichen 698 — 700 
(wahrscheinlich ist auch v. 697 zu streichen), 802 ^vrugiatsvojv 
not\ 1172 xu7oio&\ Dagegen scheinen einige vorschlage ver- 
fehlt, z. b. Hec. 746 ooOwg statt fiaXXov (denn (fsgivag kann 
doch unmöglich von txXoyt^ufAui abhängig- sein), Phoen. 847 f. 
für unecht erklärt (hier ein sehr bedenkliches mittel, in dessen 
anwendung Dindorf, so richtig er auch mehrfach interpolationen 



390 237. Euripides. Nr. 8. 

erkannt hat, dennoch zu weit geht; vielleicht ist a>g ovt an/jvy 
zu schreiben, indem die unbehülflichkeit eines greises mit der 
läge einer person verglichen wird , welche auf einem wagen 
sitzt und ohne die beihülfe eines anderen , der ihr die hand 
reicht, nicht gut absteigen kann; vgl. El. 999, Iph. Aul. 617), 
Med. 907 /u/} xai (wovon soll aber (*r t abhangen?), 1181 f. als 
interpoliert bezeichnet (während doch diese Zeitbestimmung, für 
welche man längst El. 824 verglichen hat, nicht entbehrt werden 
kann) u. dgl. 

Vergleicht man den text Dindorfs mit dem , welchen die 
kleinere ausgäbe Kirchhoff s und die Nauck's bietet, so steht 
Dindorf, was das festhalten an der Überlieferung anbetrifft, zwi- 
schen beiden in der mitte. Am conservativsten ist Kirchhoff, 
er gibt aber einen schwer lesbaren text und bietet auch in den 
noten unter dem texte, da er höchst selten conjecturen erwähnt, 
dem leser keine ausreichende hülfe. Nauck geht hinsichtlich 
der aufnähme von emendationen und der erwähnung von con- 
jecturen in der Adnotatio critica weiter als Dindorf und daher ist 
seine recension auch gewiss diejenige, welche am leichtesten 
verständlich ist. Man mag über einzelnes immerhin mit ihm 
rechten, man mag finden, dass er hie und da in seinen conjec- 
turen zu weit gegangen ist, aber der rühm das meiste für Eu- 
ripides gethan und eine grosse anzahl von stellen mit glänzen- 
dem Scharfsinn hergestellt zu haben muss ihm ungeschmälert 
bleiben. 

Es wird wohl nicht überflüssig! sein, um das verfahren Din- 
dorfs näher zu charakterisieren, die recension einer tragödie 
eingehender zu betrachten. Wir wählen zu diesem zwecke die 
Supplices. Der text dieses drama ist arg verderbt, lückenhaft 
und interpoliert, was zum theile den byzantinischen abschrei- 
bern zur last fällt ; denn Plutarch hat , wie seine citate zu vv. 
975, 1110, 1112 zeigen, noch einen vollständigeren und bes- 
seren text vor sich gehabt. Selbständig neues bietet hier Din- 
dorf nur an einer stelle, nämlich 1205, wo er für das unpas- 
sende r^äa^s das allerdings dem sinne nach entsprechende 
qs^q herstellt. Der text ist wohl durch aufnähme mehrerer 
emendationen anderer gelehrten gegenüber der Oxforder aus- 
gäbe lesbarer geworden , auch sind in den noten viele vermu- 
thungen älterer und neuerer kritiker erwähnt , welche es dem 



Nr. 8. 237. Euripides. 391 

leser möglich machen , sich über die verderbten stellen ein ur- 
theil zu bilden; indess wäre es doch erwünscht gewesen, wenn 
sich Dindorf in beiden fällen minder zurückhaltend gezeigt 
hätte. Nauck bietet dem leser ungleich mehr. So konnten 
emendationen, wie 27 (topcp (Reiske), 90 yoovg (Härtung), 208 
al&Qov (Nauck, was gar nicht erwähnt ist), 251 rowö' (Her- 
mann), 559 dö& (Kircbhoff, ebenfalls nicht bemerkt), 699 
cvunaTa^avi' 1 ig (Blomfield) ohne weiteres in den text gesetzt 
werden. In den noten wären etwa zu erwähnen gewesen 62 
&u).to6i> . . . äräqxav (Nauck), 511 (Kicke, Nauck), 578 xötei 
ßdlrj (Kirchhoff). Auch hätte zum nutzen der leser öfters das 
mittel angewendet werden können verderbte oder doch bedenk- 
liche stellen durcb corr. oder susp. zu bezeichnen , z. b. 93 
toyoov , 138 vnrjl&s, 233 av^avova\ 303 und 310 (hinsichtlich 
ihrer echtheit von Nauck verdächtigt), 655 mg fih Jjv 7u'>yog, 
1075 oifsi u. dgl. Dagegen konnte die eine oder die andere 
conjectur mit stillschweigen übergangen werden. So bat v. 658 
der Vorschlag Marklands nalatovg statt nalaiäg zu schreiben, 
wobei nur die kakophonie der viermal wiederkehrenden endung 
auf ag bestimmend war, sicherlich nicht den platz im texte 
verdient , eben so wenig das von Dindorf selbst schon früher 
vorgeschlagene ix%s<ä 773, das trotz Choiroboskos und Elmsley 
für die ältere zeit kaum anzunehmen sein dürfte; auch Valcke- 
naer's sixovja 694 , das mit tov iv&itS > und nQh il&sTv £v/e/ta- 
loig dws&vftiav im Widerspruche steht, oder Markland's 'ig^a d y 
835 wären in den noten besser unerwähnt geblieben. 

Im texte wie in den noten finden sich , was die angaben 
über die lesearten , emendationen u. s. w. anbetrifft, mehrfache 
versehen; so in dem eben besprochenen drama v. 679, wo nach 
der annähme der conjectur Hartung's av statt ig, mit demselben 
auch Tiagaißiitaig statt naQaßüzag geschrieben werden musste, 
952 sollte man nach der note erwarten, dass im texte Hartung's 
xuazrj statt aaitj stehen werde, desgleichen v. 1030 das von 
demselben gelehrten vorgeschlagene aX6x r >v statt ul6%cp; 305 
ist tjav^og eine conjectur Hartungs für yai'^03g ) was in den noten 
zu bemerken war; 537 ßiov soll es wohl heissen 535; die note 
zu 1038 ist irrtümlich wiederholt. Auch sind nicht immer die 
emendationen ihren wahren Urhebern zugeschrieben ; so hat z. b. 
1026 7i6&£v fi>/ schon Härtung , nicht Kirchhoff vorgeschlagen, 



392 238. Aristophanes. Nr. 8. 

1038 J«Keiske, nicht Härtung, 1105 de Markland, nicht Matthiä, 
1143 sollte wohl stehen fiäv (sie Naucläus). Solche versehen 
hegegnen uns auch bei den anderen dramen ; doch lohnt es 
nicht der mühe weitere beispiele anzuführen. Auch die correct- 
heit des druckes lässt manches zu wünschen übrig. 

Zum Schlüsse mögen einige Verbesserungen für den von der 
zeit hart mitgenommenen text dieses drama in aller kürze mit- 
getheilt werden : v. 74 vielleicht «V co ^wa^ehi poi , 78 viel- 
leicht tä yag cp&irüv olög iati xoöfxog (vgl. Od. 4, 197), 144 
üoIwuhovs a&Etsi , 205 tolg qvioTg z' an ovqclvov , 221 etwa 
cog &svtcov decövj 238 — 245 sind verdächtig, 249 avtog av niaae 
rrjv ivyr\v } fj[AÜg o' ea, 352 aviog tx (xotctQ^iag (letzteres 
schon Nauck) , doch sind 352 f. vielleicht interpoliert, 391 f. 
sind wohl nach 394 zu stellen, 445 f. sind wahrscheinlich un- 
echt, 506 — 510 dürften interpoliert sein, 689 die stelle scheint 
lückenhaft , wie schon Nauck mit recht bemerkt hat ; der ge- 
danke war aber ähnlich, wie Xen. Cyr. VII, 1, 32 vno tav 
navroÖanäv ccaQEVfidTcov i^aXlopiicov imv tqo%cöv , 749 etwa 
ov Xoyoiai y^QK^ivoi (die enden der verse in diesem drama sind 
vielfach zerstört; man vergleiche 564 ff., wo dreimal hinter 
einander ein falscher versausgang vorkommt ; hier konnte ta 
ngay^aza leicht aus 747 interpoliert werden), nach 753 scheinen 
einige verse ausgefallen zu sein, 790 nägog fiep t]Xm£ot>, 844 
sldeg, 852 oatig iyivsö' ayadög, 855 sansvds ngog rävögelov 
(vgl. Philol. Anzeiger I, 46), 870 otV ig olnitag epigeov , 944 
tj[A.a7a>/x£vovg , 1064 Gtjfiaivsi as&ep , 1089 sl ö' ijg s'^ct» vvv «£*- 
neigäüqv vvxrjg [ig iod' ?]\&oi> stammt aus 1091), nach 1093 
ist wohl eine lücke anzusetzen, da der greis hier auch den Ver- 
lust seiner tochter erwähnen musste; ebenso sind nach 1180 
einige verse ausgefallen; eine solche annähme scheint räthlicher 
als diesen vers mit Czwalina zu streichen. 

K. S. 



238. De temporibus Ecclesiazuson Aristophanis scripsit 
Georgius Goetz. 8. Lipsiae, typis B. G. Teubneri. 
MDCCCLXXIV. — Leipziger doctor-dissertation. 

Die allgemeine annähme geht dahin, dass die Ecclesiazusen 
im vierten jähre der sechs und neunzigsten Olympiade an den 
lenäen wären aufgeführt worden. Die bestimmung des Jahres 



Nr. 8. 238. Aristophanes. 393 

geht zurück auf Petitus , der aus dem scholiou zu vs. 193: 
nob Svo izööv iyipeto avy.pa%ia Aattedaiftotioav (von Petitus richtig 
geändert in Id&qruiüiv') xui Boiwiäv , diese folgerung machte: 
das bekannte bündniss wurde ol. 96 , 2 geschlossen, somit fiele 
nach angäbe des scholiasten die erste aufführung des Stückes 
in Ol. 96, 4. Was die worte betrifft, mit denen das in rede 
stehende scholion eingeführt ist: nein 8s tov avftpaxatov ipilo- 
%ooog iaroQSi ozi nob ovo y.. 7. X., so hat man schon früher mit 
recht bemerkt , dass Philochorus schwerlich eine bemerkung 
über die aufführung der Ecclesiazusen gegeben hat. Er war 
vielmehr die quelle für irgend eine historische notiz , aus wel- 
cher man die zeit der aufführung des Stückes folgerte. Ganz 
scharfsinnig vermuthet Götz , der name des archonten dieses 
jahres Demostratus, derselbe name kehrt 97, 3 wieder, hätte 
dem scholiasten anlass gegeben, im Philochorus das jähr dieses 
archonten aufzusuchen. Es ist das sehr wohl möglich, allein 
der natur der sache nach sind auch andere möglichkeiten denkbar. 
Götz beweist nun, wie es dem referenten scheint, in schlagender 
weise , dass das stück unmöglich ol. 96 , 4 fallen kann. Die 
versuche, die einzelnen historischen notizen, welche das stück 
enthält , auf diese zeit zu deuten , erweisen sich als vollständig 
mislungen. Das ganze bild aber von der läge des athenischen 
Staats, welches uns in den Ecclesiazusen vorgeführt wird, ent- 
spricht durchaus nicht den zuständen, wie sie uns die geschicht- 
schreiber in diesem jähre zeigen. So viel erhellt aus der ab- 
handlung als unbestreitbar , dass das stück einige jähre später 
fällt. Weniger glücklich ist der Verfasser in der bestimmung 
des einzelnen jahres. Die argumente, welche er dafür vorführt, 
zerbrechen , sowie man sie fest anfasst , wie Strohhalme. Zu 
v. 356 fxäv ?}v 0Qaoißovlog sine roig stay.oonxoig; hat der 
scholiast die notiz: oizog avtiXsyet» fiellcor 7oTg Aantbuipioviav 
aQEoßeöi neol onoiSwv iXtßvdcair , uro, 8ü)Qo8oy.r t 6ag a%QUÖag 
ngoatfion'jaaTO ßsßQamivai xai (xq dvvuadui leysiv. Nun führt Götz 
ausser einigen stellen aus Isokrates , die hypothesis und eine 
stelle aus der dritten rede des Andocides an, um damit zu be- 
weisen, dass diese gesandtschaft der Lacedämonier in den schluss 
des jahres 97, 1 (oder den anfang von 97, 2) falle. Ich kann 
hier die frage nach der echtheit dieser rede des Andocides ganz 
unberücksichtigt lassen, obgleich dieselbe keineswegs so über 



394 238. Aristophanes. Nr. 8. 

allen zweifei erhaben ist, wie Götz annehmen möchte, — in dem 
verse des Aristophanes ist gar nicht, wie der scholiast und mit 
ihm Götz meint, von einer gesandtschaft der Lacedämonier 
die rede , zu deren gunsten Thrasybulus sich vor dem volke 
auf die herben birnen berufen hätte, deren genuss ihn zum 
sprechen unfähig mache, denn: t}v htze roig Aaumvixolg kann 
nur heissen: er sprach von ihr zu den Lacedämoniern. Damit 
fällt die ganze argumentation zusammen. TJebrigens halte ich 
das anekdötchen nur für ein avroa^sd[aG[xa des scholiasten, und 
zwar für ein ziemlich albernes, da ja in der stelle des Aristo- 
phanes von einer Verstopfung durch die a^gdSeg die rede ist. 
Wann sich Thrasybulus den Lacedämoniern gegenüber dieser 
worte bedient hat, er werde ihnen , wie eine holzbirne , noch 
schwer im magen liegen, wissen wir nicht. Es bieten sich ver- 
schiedene gelegenheiten dazu ungesucht dar. 

Mit dem jähre, über das hinaus die Ecclesiazusen nicht 
sollen fallen können, würde es auch bedenklich stehen, wenn 
wir uns nur an die stelle zu halten hätten, welche Götz bei- 
bringt. Vs. 202 und 203 heisst es: acorr^la nagtHvxpev, aXX' 
OQi^ttai | QQaavßovlog aviog ov%l TzaQunaXoifisvog. Thrasy- 
bulus wurde ol. 97, 3 von den Aspendiern getödtet. Götz 
meint nun, weil in jener stelle Thrasybulus noch als lebend 
erwähnt würde, könne die aufführung des Stückes nicht nach 
Ol. 97,3 fallen. Allein die stelle ist ja ohne frage corrupt, 
und die corruptel sitzt gerade in ogi^ezai. Wer will dafür ein- 
stehen, dass darin ein praesens oder ein futurum steckt ? Doch 
wir brauchen zu diesem zwecke diese stelle gar nicht. Es steht 
fest, dass ol. 97, 4 der Plutus zur aufführung kam, und es ist 
leicht zu beweisen, dass die Ecclesiazusen mindestens ein jähr 
vor den Plutus fallen. 

Die erklärungen einzelner stellen, welche der Verfasser 
versucht, um das jähr 97 , 3 zu stützen, erweisen sich sämmt- 
lich als nicht stichhaltig. So soll v. 202 und 203 auf den zug 
des Thrasybulus nach Thracien gehen, allein erstens erlitt durch 
diesen zug die Wohlfahrt des Staates keine einbusse, denn Thra- 
sybulus hatte auf demselben glänzende erfolge, und zweitens 
kann otyt nuQaxaXovfisvog nicht heissen: ohne dass er von 
Athen aus dorthin geschickt war. 

Das ovfi/Actjii'/iop in vs. 193 und 194 zo av^na^tiiuv av roifr 



Nr. 8. 238. Aristophanes. 395 

Zx 1 ioxojtoi'fteöa \ ti ^jj ysvou\ unoltlv equG/.ov 7i\v noliv, soll 
sich auf das bündniss der Athener mit Euagoras beziehen, allein 
die läge der dinge war damals der art, dass unmöglich jemand 
behaupten konnte, Athen würde zu gründe gehen, wenn es dieses 
bündniss nicht abschlösse. Auch steht es nicht günstiger um 
die folgerungen , welche der Verfasser aus der erwähnung des 
Agyrrhius in vs. 184 fgde. unseres Stückes in Verbindung mit 
Plutus v. 176 macht u. s. w. 

Wer freilich die dürftigkeit der uachrichten über die ge- 
schichte der in rede stehenden jähre kennt, der wird sich nicht 
wundern, dass der Verfasser trotz aller aufgewandten Sorgfalt 
und obgleich es ihm keineswegs an Scharfsinn fehlt , doch nicht 
zu einem ganz positiven resultate gekommen ist. Wer sie nicht 
kennt, der lese die Ecclesiazusen, uud er wird staunen, wie wir 
auf schritt und tritt, wenn geschichtliche ereignisse aus der zeit 
berührt werden , vollständig rathlos dastehen. Diese Unsicher- 
heit lässt es mir auch zu gewagt erscheinen , mit bestimmtheit 
ein jähr für unser stück zu bezeichnen , doch will ich nicht 
leugnen, dass vs. 197 und 198 ratg dei xa&elxeiP ' zcp nsvt]ii 
fiev 8oy.tl, 1 roig nlovatutg de aal ytcog/oig ov doy.tT, es mir wahr- 
scheinlich machte , dass die aufführung an den lenäen von ol. 
97, 2 stattfand. Im frühjabr 97, 2 (vgl. Götz p. 12 anm. 31) 
wurde eine flotte von vierzig schiffen , die einzige bedeutendere 
flotte, welche Athen in diesem kriege ausrüstete, unter Thra- 
sybulus ausgeschickt. Mit der Herstellung derselben wäre man 
an den lenäen dieses jahres gerade eifrig beschäftigt gewesen. 

Uebrigens ist die arbeit streng methodisch geschrieben, 
überall tritt neben grosser Sorgfalt ein verständiges urtheil her- 
vor, und durch das ganze weht wohlthuend der gesunde hauch 
Eitschl'scher disciplin. 

Angefügt sind unter dem titel von Epimetrum I und Epi- 
metrum II noch conjecturen zu zwei stellen der Ecclesiazusen. 
In denselben ist nach meiner meinung der Verfasser nicht 
glücklich gewesen : bei dereinen, vs. 21 — 23, kann man ihm und 
seinem freunde Fr. Scholl, der zu den vielen flicken, durch welche 
man die stelle zu bessern gesucht hat , noch zwei neue fügt, 
keinen besondern Vorwurf daraus machen, denn es haben sich 
eine menge von tüchtigen kritikern an der stelle vergeblich zer- 
arbeitet , sie ist durch blosse conjectur nicht heilbar , sondern 



396 238. Aristophanes. Nr. 8. 

es steckt in dem xaXa&i£o(xevag des Ravennas , wie auch 
Scholl zu merken scheint, ein uns unbekanntes wort, in welchem 
xcoXij (vgl. Nubes 1018) enthalten ist. 

Es ist hier nicht wohl möglich , ausführlich auf die mehr- 
fachen bedenken einzugehen, welche der conjectur von Götz, der 
statt (bvgopaxog in vs. 22 im anschluss an eine zweite lesart, 
welche der scholiast giebt, fälschlich KaXXifxaiog und statt tag 
hatQag schreiben will xc» ngotigag , entgegenstehen. Es' ge- 
nügt, dass von dem obscönen Wortspiel, welches im anschluss 
an die bemerkung des scholiasten in den worten liegen soll, 
Götz selbst , der doch darauf seine conjectur basirt , durchaus 
keine irgend ausreichende rechenschaft geben kann. Uebrigens 
ist in dem scholion zu vs. 1 , welches Götz heranzieht, hinter 
t] 70v Aioyirovg ausgefallen: /; toi KaXXi(xäiov. 

Um dem Übelstande abzuhelfen , stellt Scholl, dessen be- 
merkung Ritschi am Schlüsse der abhandlung noch mittheilt, 
v. 22 hinter v. 23, schiebt 6' nach rag ein, schreibt statt des 
yuüXadi^ofjisvag in R iyxa&i&phag und übersetzt dann: „wir 
müssen die sitze einnehmen, die andern aber (das gesäss), von 
denen Kleomachos sprach, wenn ihr's euch erinnert, meuchlings 
daraufsetzen". Allein der erste vera hat ja genau dieselbe 
sache zum inhalt , wie der zweite , und es kann ja , abgesehen 
von dem seltsam verquickten ausdruck , unmöglich ein ö' zwi- 
schen beiden sätzen stehen. Dann war hier, wo die weiber 
noch ganz allein sind , zu dem Xa&elv beim hinsetzen (dem 
„meuchlings draufsetzen" bei Scholl) doch kein grund vor- 
handen. 

Die zweite stelle ist v. 202 und 203 : aconjotu nagsitvxptf, 
aXX' OQi%€Tai J OoaovßovXog avtbg ov%l TTaQaxaXovftevog. Statt 
öolt,8zai hat R: ogsi&rai Paris. B: XQ , K e7E un< ^ statt vi XX* r 
und Paris. A: äXX' ov% , Paris. B: dXX* ov. Götz schlägt vor, 
statt dXX* GQi&rai zu schreiben: ^stiojQ^etai. Aber es wird, 
wie die vorhergehenden verse zeigen, hier ein viel stärkerer und 
directerer gegensatz verlangt, als [istsoiQi'&Tai geben würde, 
welches ja , wie schon der von Götz selbst angeführte vers Av. 
1447 zeigt, an und für sich nicht einmal eine tadelnswerthe er- 
hebung des geistes ausdrückt. Dann aber hat Götz das bild, 
wolches der dichter hier anwendet , ganz ausser acht gelassen. 
Die acorijQi'a erscheint hier unter dem bilde eines schönen weibes, 



Nr. 8. 239. Theophrastos. 397 

welches durch die halbgeöffnete thür nach einem liebhaber hin- 
ausspäht. Darauf geht naoexvtpev, vgl. in unserm stücke v. 924 
u. a., und ebenso noLQCty.a\ov(Asvog. Ich habe friiber vermuthet, 
es wäre statt öoit,t7ai zu schreiben: igsidezai. Thrasybulus 
geht darauf los , obgleich er gar nicht eingeladen wird d. h. 
gar nicht gemeint ist. Meineke emendirt: döga^szai: Thrasy- 
bulus ziert sich , weil er nicht eingeladen wird. Diese emen- 
dation ist , wie es bei Meineke gewöhnlich der fall ist , ganz 
vortrefflich, und Götz hätte gut daran gethan, sie nicht so kurz- 
weg von der band zu weisen. Ich würde keinen augenblick 
anstehen, sie für evident zu erklären, wenn wir nicht, wie ich 
oben schon bemerkt habe, wegen des zu gründe liegenden hi- 
storischen factums so völlig im unklaren wären. 

Fr. A. v. Velsen. 

239. De Theophrasti libris phytologicis particula prima. 
Dissertatio inauguralis philologica , quam . . „ defendet Oskar 
Kirchner. 8. Vratislaviae, MDCCCLXXIV: 51 s. 

Kirchner zeigt die zum erfolgreichen Studium der pflanzen - 
werke des Theophrastos erforderliche seltene Vereinigung des 
philologen und botanikers. Er handelt zunächst vom gegen- 
seitigen verhältniss der handschriften (p. 3 — 33) und kommt 
durch eine höchst sorgfältige und streng methodische Untersu- 
chung zu folgenden ergebnissen : 1) die besten quellen sind Ü* 
und ilf*, d. h. die Wiederholung eines theils vom 9. buche der 
pflanzengeschichte unter dem titel eines 10. buches im Urbinas 
(U), und eines weit kürzeren in den beiden Medicei, M* ist 
aber nicht aus U* geflossen, sondern beide aus demselben ar- 
chetypus, meistens ist U* besser als M* ; zumal wo beide über- 
einstimmen, ist weitaus an häufigsten ihnen zu folgen, doch ist 
ihre autorität keine so grosse, dass nicht in den von ihnen dar- 
gebotnen partien, zumal wo beide von einander abweichen, auch 
U zu rathe zu ziehen wäre. 2) Für alles übrige sind U und 
die nicht aus U ausgezognen Excerpta Parisina (P 2 ) die einzigen 
träger der Überlieferung, beide gleich an werth. Denn von den 
sonstigen handschriften ist der eine der beiden Medicei vom 
andern abgeschrieben , dieser andere aber (mit ausnähme von 
M*) und P (Paris. 2069) sind aus zwei verschiedenen ab- 
schritten von U entsprungen, und zwar so, dass die P zu gründe 



398 240. Griechische geschichte. Nr. 8. 

liegende in dem in U doppelt vorhandenen theile des 9. buchs 
der pflanzengeschichte U* gefolgt war. Endlich die correcturen 
am rande von P stammen zwar zum theil aus einer andern und 
besseren handschrift , aber schwerlich aus einer von U und 17* 
unabhängigen, zum theil sind sie wohl blosse vermuthungen des 
correctors. Mit gleicher grtindlichkeit prüft der verf. im zweiten 
capitel (p. 34 — 51) die behauptung von Wimmer, dass das 9. 
buch der pflanzengeschichte nicht ursprünglich zu diesem werke 
gehört habe und vielmehr aus den fünf büchern von den saften 
(nsQ) ^vläp) ausgezogen sei, und thut eben so schlagend wie 
erschöpfend das gegentheil dar. Unzweifelhaft hat er recht 
darin, dass Theophrastos IV, 4, 14 und VII, 9, 3 mit der bezeich- 
nung iv uJJoig eioijTai auf diese ältere schrift zurückweist 
und dagegen I, 12, 1 mit den Worten iv roTg ttsq} yrylutv qtj- 
7sov auf das mit unrecht